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Thursday, August 10, 2017

Kei + Colin XCIII: Unsichtbarer Wachhund


Drei Wochen später.

Kei hatte eine kleine Wohnung bezogen. Sie hatte nur ein Zimmer und lag am Rand des Stadtkerns von Inverness. Von dort aus brauchte er nicht sehr lange zu Colins Internat. Er hatte einen Job in einem Plattenladen gefunden, bei dem er unter der Woche vormittags arbeiten konnte, wenn Colin in der Schule war und es äußerst unwahrscheinlich war, dass jemand ihn umzubringen versuchte. Den Großteil seiner Zeit verbrachte er damit, aus der Ferne auf Colin aufzupassen. Sobald dieser einen Fuß vor die Tür setzte, wusste Kei, wo er war.
An einem Samstag gegen fünf Uhr morgens machte Kei einen Spaziergang um das Internatsgelände. Wie er festgestellt hatte, waren um diese Uhrzeit dort so gut wie nie Menschen unterwegs. Die frühesten Aufsteher waren an schulfreien Tagen die Sportler, und auch die zeigten sich samstags nie vor sieben Uhr.
Colin war die einzige Ausnahme. Er schlief nicht jede Nacht, und wenn, dann nur wenige Stunden lang. Diesen Umstand versteckte er relativ erfolgreich, indem er wartete, bis sein Zimmergenosse Brian eingeschlafen war, bevor er mit einer kleinen Taschenlampe unter seiner Decke las oder schrieb. Frühmorgens, wenn es nicht mehr verboten war, das Haus zu verlassen aber die meisten noch in ihren Betten lagen, machte er Spaziergänge. Dabei verließ er aber nie das Gelände. Er war schließlich von Dennis und Rupert gebrieft worden und wusste, dass er vorsichtig sein musste. Er durfte zwar mit anderen Schülern nach Inverness fahren, aber das war bisher noch nicht vorgekommen. Er hatte noch keinen Anschluss gefunden.
An diesem Samstagmorgen, eine gute Woche vor Beginn der Weihnachtsferien, hatte er sich dick angezogen und einen zusammengerollten Notenhefter eingesteckt, um im Freien im frostigen Gras hinter dem Raucherfelsen ein paar Lieder zu üben und vielleicht, wenn er geduldig genug war, den Sonnenaufgang anzuschauen. Im Moment war es noch stockfinster.
Der Raucherfelsen war eigentlich eine handvoll großer, kantiger Findlinge, die in einer Mischung aus Gestrüpp und Birkenschonung zwischen den Sportplätzen und einem großen Teich lagen. Zwischen ihnen und dem Pfad entlang des nächsten Platzes lag eine Wiese, und auf der anderen Seite gab es einen seichten Abhang mit trockenem Gesträuch und hohen Gräsern bis zum Teichufer. Auf dieser Seite kletterte er auf den niedrigsten Felsen, sodass er einen größeren im Rücken hatte, und setzte sich dort im Schneidersitz hin.

Kei schlenderte halbwegs warm angezogen, um nicht zu sehr aufzufallen, um das Gelände herum. Das Internatsgelände war um diese Uhrzeit immer angenehm ruhig. Er war froh darüber, dass hier so früh niemand war, denn irgendwer würde es merkwürdig finden, dass er dort war. Ein fremder Typ aus Asien, der rauchend im Dunkeln um das Gebäude schlenderte, ohne wirklich irgendetwas zu tun, musste zumindest einigen komisch vorkommen.
Er kannte das Internatsgelände zwar, das er sich nachts mal angesehen hatte, betrat es aber nicht, um nicht entdeckt zu werden. In seinem rechten Ohr steckte ein Stöpsel der Kopfhörer seines mp3-Players.

Colin sah auf seine Uhr und begutachtete den Himmel um abzuschätzen, wie lange es noch dunkel bleiben würde. Eigentlich war es egal. Er konnte jederzeit im Kalender nachsehen, wenn er die Sonnenaufgangszeit genau wissen wollte. Augenblicklich ging es ihm nur um die Stille, die hier gerade so schön vollständig und geisterhaft war. Er zog seinen Hefter heraus und las das gälische Lied, das er üben wollte, um sich zu vergewissern, dass er wenigstens die ersten beiden Strophen drauf hatte. Es war Irisch und nicht Schottisch, also fiel ihm der Text nicht so leicht in den Schoß. Er legte den Hefter offen vor sich auf den Felsen, um die Noten zu verfolgen, und begann zu singen.

Auf dem nicht mit Musik belasteten Ohr hörte Kei eine leise Stimme. Colin. Der schien öfter sehr früh aufzustehen. Er verstand nichts davon, was Colin von sich gab. Zum Einen, weil es so leise war und zum Anderen, weil es eine Sprache war, die er nicht kannte. Kei ging in die Richtung, die ihn näher an Colin heranbringen würde. Um das Internatsgelände herum gab es nicht viele Hindernisse. Nur viel Natur, die Straße nach Inverness und ein paar Spazierwege.
Zwischendurch stockte Colin etwas und wiederholte einige Worte, weil er sich der Aussprache nicht sicher war und sie ihm selbst wie Kauderwelsch vorkamen. Aber er machte keine Pause und sang das Lied so lange und so oft durch, bis er es zweimal nacheinander fehlerfrei und mit jedem Melodieschnörkel, den er drin haben wollte, durchgesungen hatte. Wie alles Gälische klang es ziemlich pathetisch und geisterhaft, aber dabei auch ein bisschen wie ein Kinderlied.
“... Sa bhfómhar seo chugainn 'sea dhófam púirt le glór an Údar Naofa, Beidh Seoirse dubhach gan choróin, gan chlú gan sólas boird, gan féasta. Ólfam lionn is beoir le fonn, 's comhsheinnfeam tiúin don Ghaeilge...“ Er blickte nicht von seinen Noten auf, bis er bei seinem zweiten Durchgang war und meinte, es auswendig zu können.
Kei saß mittlerweile auf einer Bank und hörte Colin zu. Da er am Samstag nicht arbeiten musste, würde er den ganzen Tag in dieser Gegend herumstreifen und Colin aus der Ferne beobachten. Er suchte zeitgleich nach einer Möglichkeit, ihm zu sagen, dass er nicht weit weg war, ohne dabei gesehen zu werden, oder irgendwie aufzufallen.
Als Colin das unaussprechliche Lied endlich so durchgesungen hatte, wie er es haben wollte, war er beinahe heiser und gönnte sich erstmal einen langen Atemzug, ehe er sich gegen den Fels hinter sich lehnte. Er hatte sich wirklich auf die Schule gefreut. Auf alles, was damit zu tun hatte. Aber irgendetwas stimmte nicht. Er stopfte seine Zeit so gut es ging mit Schularbeiten und Musik voll, aber die Nächte waren so verdammt lang und leer. Und er schien bei den anderen irgendwie anzuecken, aber er verstand nicht genau, was er falsch machte. Oder ob es überhaupt an ihm lag. Er verstand auch nicht, warum ihm das etwas ausmachte. Er war die meiste Zeit seines Lebens allein gewesen und hatte sich auch einsam gefühlt, aber nie, wenn er wirklich ständig von Menschen umgeben gewesen war. Er zog die Beine an und legte die Arme auf die Knie, dann seinen Kopf darauf.
Kei begann, durch die Ereignislosigkeit, sich zu langweilen. In den gesamten drei Wochen, in denen er sich einigermaßen eingelebt und orientiert hatte, war nichts, aber auch gar nichts spannendes passiert. Kei begab sich leise auf das Gelände und näherte sich dem Steinhaufen bei dem Colin herumsaß, blieb jedoch zwischen den Sträuchern und Bäumen stehen, die ihn so verdeckten, dass man ihn vom Gebäude aus auch mit einem Fernglas mit Nachtsichtfunktion nicht sehen konnte. Es war noch immer dunkel.
“Du siehst nach Ablenkung aus.“ sagte er gerade laut genug, dass Colin ihn hören konnte.
Colin schauderte.
Ich hör schon Stimmen, haha. Er schmunzelte in seinen Unterarm und fragte sich, ob er kurz eingenickt war und die Stimme geträumt hatte, oder ob er gerade wahnsinnig wurde und es vielleicht in den verlorenen Jahren genauso angefangen hatte. Bis Dennis dann seine Festplatte formatieren musste. Aber so war es doch ganz nett. Wenn Kei schon nicht wirklich da war... Dann kann ich ihn mir wenigstens einbilden.
“Ignorierst du mich?“ Kei schmunzelte ein bisschen. Er konnte schlecht ganz aus seiner Deckung herauskommen, aber Colin müsste ihn sehen können, wenn er den Kopf mal heben würde. Aber vielleicht auch nicht. Es war dunkel und Kei trug, welch Überraschung, schwarze Kleidung. Colin hob den Kopf und guckte in die Richtung, aus der die Stimme kam. Vielleicht war es doch nicht Kei. Er klang nur nach ihm. Er konnte eine schwarze Gestalt mit einem weißen Schemen auf der Höhe des Kopfes sehen. An ein paar Stellen blinkte sie leicht. Und das weiße Gesicht hatte glühende Augen. Colin musste ungläubig lächeln.
“Wenn mich jemand sieht, reißt Dennis mir den Kopf ab. Kriegst du Stress, wenn du um das Gelände herumspazierst?“ Kei blieb, wo er war. Man konnte nie wissen, ob nicht vielleicht doch Leute wach waren. Colin schüttelte den Kopf. Niemand erwartete, dass die Schüler um diese Zeit wach, geschweige denn draußen waren. Er öffnete den Mund und klappte ihn gleich wieder zu. Er stand auf, ging zur Kante des Felsens und sprang raschelnd in den vertrockneten Busch darunter. Kei lachte ein bisschen und ging zurück zum Zaun, der das Internatsgelände vom Spazierweg und der Natur dahinter trennte. Er ging einfach davon aus, dass Colin ihm folgen würde. Schließlich ging er langsam.
Das tat er auch, unter Knistern und Rascheln. Während Kei ihm vorausging, beinahe aus seiner eingeschränkten Sicht in das tintenfarbene Geäst schmolz und dabei seiner Meinung nach kaum Geräusche machte, fragte Colin sich wieder, ob er sich Kei nicht doch einfach nur einbildete. Er folgte ihm dennoch auf den Trampelpfad.
Der Zaun war relativ hoch, damit die Schüler ihn nicht als Ausgang verwendeten, oder Besuch als Eingang. Kei blieb vor dem Zaun stehen und wartete auf Colin. “Wie ist das Internatsleben bisher?“ fragte er neugierig. Schließlich kannte er nur die eine Schule in Tokyo. Colin nahm sich noch ein paar Sekunden, um Kei unverhohlen anzustaunen, als er nun erst akzeptierte, dass er echt zu sein schien, und sich alle damit zusammenhängenden Fragen auf einmal stellte.
“Wieso bist du hier?“ fragte er verwundert, während er sich etwas hinunterbeugte, um sich die Hosenbeine abzuklopfen.
“Mein Job hat mir ein bisschen freie Zeit gegönnt und da dachte ich, dich zu besuchen, wäre eine gute Idee.“ Kei nahm Colin ungefragt halb in den Arm und machte einen Satz über den Zaun. Auf der anderen Seite ließ er ihn wieder los.
“Holy-“ Entsetzt klammerte Colin sich an Keis Jacke fest.
Kei schmunzelte. “Ich sollte das öfter machen.“
Colin sah zu ihm auf und dann sofort verlegen auf seinen Kragen. Er lockerte seinen Griff, ließ ihn aber nicht los. Hey, Kei hatte angefangen, es bestand also keine Gefahr dass er sich damit die Blöße gab, dass er den Vampir weiter festhielt.
Kei lächelte. “Hast du schon Internatsdramen hinter dir? Die James-Bondhaftigkeit blieb meinem Job bisher fern.“ Er ließ seinen Arm, wo er war. Um Colin gelegt.
“Nicht so richtig. Ich kriege nicht viel von den anderen mit. Aber... anscheinend bin ich einer unangenehmen Begrüßungszeremonie entgangen.“
“Wie hätte die ausgesehen?“
“Weiß ich nicht. Sie hat ja nicht stattgefunden.“ Colin verzog nachdenklich das Gesicht. “Mir wurde vor ein paar Tagen erzählt, dass Brian die Jungs an der Zimmertür abgewimmelt hat, als sie dachten, dass ich schlafe - das habe ich auch mitgekriegt - aber jetzt weiß ich erst, warum. Und was er ihnen gesagt hat.“ Er schmunzelte etwas. “Er hatte wohl ein schlechtes Gewissen, weil ich kleiner bin als... eigentlich fast alle.“ Er grinste.
“Komischer Grund für ein schlechtes Gewissen.“ Kei schmunzelte. “Du solltest Dennis nicht erzählen, dass ich hier war, wenn er fragen sollte. ... Hat er dir nicht gesagt was das für ein Ritual gewesen wäre?“ Kei wollte das wirklich wissen.
Colin schüttelte langsam den Kopf. “Ich habe nicht gefragt. Er schien anzunehmen, dass ich das schon wüsste. Oder es mir vorstellen kann. Ich wollte nicht ignorant aussehen.“ Er studierte Keis Gesicht, oder vielmehr hauptsächlich seine Augen, die in diesem fahlen Licht sehr interessant aussahen. “Du solltest dir mehr Sorgen um meinen Wachhund machen. Der wird schon petzen, wenn er dich nicht gleich selbst an den Ohren nach Lancaster zurückzieht.“
“Ach was. Vielleicht besteche ich ihn, wenn er Dennis petzen will, dass ich hier war. Der soll lieber aufpassen, dass dir nichts passiert.“ Kei schmunzelte amüsiert. Er hatte keine Ahnung, was Dennis Colin erzählt hatte.
“Wenn er seinen Job richtig macht, sollte er ungefähr jetzt angebraust kommen und mich von dir wegzerren,“ sagte Colin mit einem gemeinen Grinsen. Kei schmunzelte weiter.
Dennis hat dir da was verschwiegen. “Du kannst mich auch mal,“ sagte er scherzend.
“Ich kann dich was?“ stichelte Colin.
“Gern haben kannst du mich.“
“Okay.“ Colin grinste immer noch. Und guckte dann zur Seite, während ihm das Grinsen halb herunterfiel. “Gott, ich bin so blöd.“
“Was hast du angestellt?“
Man konnte den Groschen fallen sehen. Und hören. Colin benutzte Keis Schulter, um sich daran strafend die Stirn zu hauen. “... Du bist der Wachhund,“ stöhnte er. Kei grinste leicht.
“Wieviel hat Dennis dir erzählt?“
“Nur, dass er jemanden hergeschickt hat, der mich unsichtbar bewachen soll.“
“Unsichtbar ist auf Dauer langweilig,“ sagte Kei.
“... Stimmt.“ Kei roch gut.
“Ich hab hier beim Langweilen und Aufpassen einen netten Ort gefunden, wo man die Sonne beim Aufgehen sieht.“ Kei hatte schließlich Zeit, die er in der Gegend morgens und nachmittags verbrachte. Colin lächelte Keis Kragen an.
“Lass mich raten. Osten.“
“Aber nur ein bisschen. Es gibt hier eine Lichtung mit Bänken. Morgens ist da niemand.“ Er schlug den Weg zu der kleinen Lichtung ein. Colin ließ ihn los, um mitzugehen.
Er versucht, romantisch zu sein! Und er ist hier! Irgendwas in ihm hüpfte jubelnd auf und ab.
Tatsächlich waren da nur ein paar Bänke mit einer schwachen Laterne in der Mitte und keinerlei Menschen. Colin schlenderte an den Rand des Lichtkegels vor eine Bank und wandte sich dem Horizont zu. Von hier aus konnte man auch den Teich sehen, an dem er eben noch gesessen hatte. Kei setzte sich auf die Bank, sodass er schräg hinter Colin saß und der Lichtkegel ausreichte um ihn ein bisschen zu beleuchten. Er folgte Colins Blick. Es war gut, den Kleineren nach der langen Weile wieder um sich zu haben, auch, wenn das nicht sehr lang sein würde.
Ich habe dich vermisst.“ “Schön, dass du hier bist.“ “Warum hat das so lang gedauert?“ Hm. Colin drehte sich um und trat dicht vor Kei, dann zögerte er und entschied sich dafür, sich doch lieber einfach hinzusetzen. Kei kommentierte das nicht. Er drehte sich zu Colin und küsste ihn. Er hatte ihn wirklich vermisst.
Sein Herz hüpfte, als er den Kuss überrascht erwiderte. Kei lächelte. Er war zwar daran gewöhnt, den Herzschlag von Menschen zu hören, aber Colins veränderte sich dauernd. Das war etwas anderes. Aber es war gut. Colin war wirklich lebendig, zumindest, wenn Kei anwesend war. Kei selbst konnte das nur zeitweise von sich behaupten. Colin müsste aber noch untot sein, wenn der Vampir nicht anwesend war.
“Du bist warm,“ murmelte Colin und zog seinen Schal auf.
“Deine Schuld.“ Keis Jacke war offen. Darunter trug er eine zweite um den Eindruck zu vermitteln, dass er wusste, dass es draußen kalt war.
“Was habe ich damit zu tun?“ Colin musste fast lachen. Er behielt sein Gesicht dicht bei Keis. Diese Augen.
“Ich bin klinisch tot, wenn du nicht da bist. Also fast. Nicht ganz.“ Kei lächelte ein wenig. Im Schein der Laterne konnte Colin das gut sehen.
“Jetzt trägst du aber richtig dick auf,“ sagte Colin leise. Aber sein Lächeln sah richtig verträumt und glücklich aus.
“Pfff,“ entgegnete Kei schmunzelnd und nahm Colin halb in den Arm.
Jetzt könnt ichs sagen... dachte Colin bei sich.
Was? dachte Kei neugierig.
Colins Augen weiteten sich etwas und er schmunzelte verlegen. Kei hatte den Mund nicht bewegt und seine Stimme hatte wie ein Flüstern in einer großen Kirche in seinem Hinterkopf geklungen.
“Nichts.“ Eilig küsste er Kei. Das dann aber langsam und sanft.
Bevor Kei sich wirklich darüber wundern konnte, warum Colin wusste, was er gedacht hatte - was so nicht geplant gewesen war - erwiderte er den lächelnd.
“Warum bist du erst jetzt aufgetaucht?“
“Ich musste eine passende Gelegenheit abwarten, in der ich nicht von jemandem außer dir gesehen werde - was nicht einfach ist, bei dem Haufen von Menschen, die hier täglich ein- und ausgehen.“
“Morgens um vier, immer hier,“ reimte Colin mit einem bestimmenden Nicken.
“Finden die das unter der Woche heraus, wenn abhaust? Es sind ja nicht gar keine Aufsichtspersonen hier.“ Kei wusste mittlerweile fast auswendig, wer wann im Internat war und wer am frühesten aufstand und als letztes wieder ging. Manchmal saß er die ganze Nacht in der Nähe herum. Zeit in seiner Wohnung verbrachte er meistens nur zwischen dem sehr späten Abend, wenn die Schüler nicht mehr heraus durften und dem Morgen bevor er nachsehen ging, ob sich etwas getan hatte. Danach ging er arbeiten und den Rest des Tages verbrachte er in Internatsnähe mit Auge auf Colin, sobald der das Gebäude verließ.
Colin zuckte mit den Schultern. “Wenn es jemandem auffallen sollte, mache ich nur einen extrem frühen Spaziergang. Soll vorkommen. Man wird mir schon nicht hinterherlaufen. Was soll ich denn nach vier noch anstellen? Es fährt kein Bus mehr, keine Kneipe ist mehr auf...“ Er gestikulierte.
“Da dürftest du Recht haben.“ Man kann einiges nach vier Uhr morgens anstellen...
“Und da ich sowieso kaum Schlafbedarf habe, werde ich deswegen nicht im Unterricht einschlafen.“
“Dass du im Unterricht schlafen könntest, wäre nicht meine Schuld.“
“Neeein, nichts ist deine Schuld. Du bist an allem unschuldig, wie ein kleines Lämmchen...“ Tatsächlich hatte Colin in seinen langen Nächten oft Kei die Schuld für seine Schlaflosigkeit in die Schuhe geschoben, obwohl er genau wusste, dass er mit oder ohne ihn in seinem Kopf nicht müde genug wäre.
Kei lachte. “Natürlich. Ich bin die Unschuld in Person.“
“Ein harmloses Häschen!“
Kei prustete beinahe los.
“Ein argloses Hundebaby!“ Colin schaute mit einer graziösen Handbewegung, die einer zierlichen Debütantin würdig gewesen wäre, verzückt in die Luft.
“Du siehst grad aus wie ein Prinzesschen,“ informierte Kei ihn grinsend.
“Ein was bitte?!“
“Ne Disneyprinzessin. “
Colin stirnrunzelte ihn amüsiert an. “... Gibts da noch einen merkwürdigen Fetisch, von dem ich wissen sollte?“
“Keinen, der etwas mit Disneyprinzessinnen zu tun hat.“
Colin lachte. “Okay, ich höre...“
“Das verrate ich dir wann anders, okay?“
“Na gut, jetzt weiß ich ja schon einen,“ sagte Colin mit einem gemeinen Schmunzeln und rieb sich augenbrauenwackelnd das Kinn.
“Sicher, dass du das weißt?“ Kei grinste ein bisschen. Nein, es sind keine Prinzessinnen... Aber nicht sehr weit weg davon.
Colin winkte eingebildet ab und lehnte sich auf der Bank zurück. “Du stehst auf mich, ich sehe aus wie ein Prinzesschen... also stehst du auf Prinzessinnen. Simpel.“ Er zuckte mit den Schultern. “Das Kleid, in dem ich aufgewacht bin, ist ein sehr guter Anhaltspunkt.“
Kei lachte. “An dem war ich unschuldig. Ich schwöre.“
Dass du unschuldig bist, hatten wir schon geklärt, entspann dich,“ sagte Colin beschwichtigend.
Das glaubst du mir doch eh nicht.“ Er schmunzelte und bekam von Colin einen süffisanten Seitenblick, der im Ansatz ein wenig mitleidig aussah. Außerdem schüttelte er fast unmerklich langsam den Kopf. “Ich weiß nicht, wer genau auf die Idee kam, dich als Mädchen zu verkleiden... das war übrigens an dem Tag an dem Dennis dein Gedächtnis gekillt hat, aber Dennis kam bei uns an und sagte, wir würden unten erwartet und dann kam das dabei heraus.“ Er machte eine Pause. “Ich musste im Anzug aufkreuzen.“
“... Also ist das nicht dein Fetisch... dann bist du mir jetzt noch einen schuldig.“
“Einen Fetisch?“
Colin nickte. “Irgendwas, das dich anmacht. Bei dem du sagst: Oh yeah... essbar,“ sagte Colin mit einem anzüglichen Augenbrauenwackeln.
“Essbar ist vieles.“ Das bedurfte weiterer Eingrenzung.
“Du weißt, was ich meine,“ sagte Colin augenrollend.
“Ja, weiß ich.“ Kei überlegte kurz. “Etwas weniger Disneyprinzessin, also ohne Rosa und Glitzerzeug.“
Colin lächelte ihn strahlend aber auch irgendwie gemein an. Er öffnete und schloss den Mund. “... Ah.“
“Du planst bestimmt irgendetwas.“ Kei schmunzelte.
“You know it.“
Er wusste nicht, was Colin vorhatte, aber das Gefühl, dass da etwas auf ihn zukam, wollte nicht verschwinden. “Ich lass mich überraschen.“
“Gut.“ Colin stützte sich auf die Knie und schmunzelte Kei schelmisch an. “Willst du auch einen von mir wissen oder wähnst du dich voll informiert?“
“Schieß los.“
“Well... considering I didn't even know I was gay until a few weeks ago... I think I like bad boys.“
“Well, I did know that.“ Kei grinste.
“Pff...“ Colin schmunzelte noch, sah nun aber auch ziemlich verlegen aus.
Keis Grinsen blieb, wo es war. “Das wäre sonst damals anders verlaufen. Wahrscheinlich hättest du mich für so manches geschlagen.“
“Was, wofür?“
“Für Zeug, das ich gemacht habe. Die Dinge auf dem ersten Konzert auf dem wir waren zum Beispiel.“
“Okay...“ Colin rutschte herum und schlug ein Bein unter, um Kei erwartungsvoll direkt anzusehen. “Was hast du gemacht?“
“Es gab ein halbes Techtelmechtel auf dem Klo, nachdem ich dir dahin hinterhergegangen war.“
Colin runzelte die Stirn, als er versuchte, sich das auszumalen. “Du bist mir aufs Klo nachgelaufen?“
“Mir war danach. Ist eh niemandem aufgefallen. Nüchterne Menschen gab es da nicht mehr viele.“
“Da waren wir schon zusammen? Klingt aufregend, aber nicht wahnsinnig unanständig.“
“Ehm, nein. Waren wir nicht. Wir sind uns aber ab und zu begegnet... und dann ist sowas passiert.“
Colin machte ein fröhliches 'Ooh'-Gesicht und grinste. “Ich bin ja richtig abenteuerlich gewesen.“
“Es ist jede Menge Zeit für andere Abenteuer mit denen du dein Gedächtnis füllen kannst.“
“... Wie zum Beispiel jetzt?“ Colin hätte sich selbst ohrfeigen können. So wie sein Lächeln sich anfühlte, musste er doch grenzdebil aussehen. Jedenfalls konnte es nicht mal im Ansatz attraktiv wirken, wie er augenblicklich ranging. Er war zwar nicht der einzige, der hier mächtig flirtete, Kei trug einen wesentlichen Teil dazu bei, aber... der war dabei auch so wahnsinnig geschmeidig.
Es fehlt noch das Abenteuer, das der Bezeichnung gerecht wird,“ sagte Kei mit Blick auf den Himmel gerichtet, der noch immer dunkel war. Bald würde die Sonne damit anfangen aufzugehen.
Darauf wusste Colin nichts zu entgegnen. Er lehnte sich nur zurück und stellte die Füße vor sich auf die Bank, klemmte seine Hände zwischen seine Beine und guckte ebenfalls über das Wasser und die Bäume. Lächelnd lehnte Kei sich leicht gegen Colin und betrachtete weiter den Himmel, über dem, anders als Kei es aus Tokyo kannte, man tatsächlich Sterne sehen konnte.
“In Tokyo wurde es nie ganz dunkel.“
Colin schüttelte sachte den Kopf. “Nachts war der Himmel da oft rot und lila. Hier ist er meistens blau und schwarz.“
“Hier kannst du die Sterne sehen. Sogar von meiner Wohnung aus. Das ging da nicht.“
“... Mein Opa kennt alle Konstellationen,“ sagte Colin leise. “... Oder er tut nur so. Jedenfalls kann er dir zu jedem Stern was sagen.“ Er kratzte auf seinem Knie herum, während er sich fragte, ob der alte Mann überhaupt noch lebte.
“Ich habe mal versucht, sie zu zählen. Hat nicht geklappt,“ sagte Kei. Es gab tatsächlich Momente, in denen Kei so etwas tat wie Sterne zählen, wenn ihm entweder langweilig oder - nein, das passierte nur, wenn er Langweile hatte. Oder warten musste.
Colin lachte leise. “Natürlich nicht. Es gibt mehr als zehn.“
“Pfff...“ Kei schmunzelte. Colin sah ihn an und lächelte dann wieder glücklich in den Himmel.
Inverness war die erste Stadt, die Kei untergekommen war, in der selten etwas passierte. Brutale Mörder schienen dort nicht zu wohnen. Die Nachrichten, die Kei manchmal über das Radio mitbekam, erzählten äußerst selten von Kriminellen in der Gegend.
Der Vampir fragte sich, ob die Instanz schon Wind davon bekommen hatte, wo Colin und er sich herumtrieben und vor allem, wann sie irgendetwas versuchen würden um einen von ihnen wieder in ihre Gewalt bekommen - zu welchem Zweck auch immer.
Kei war nichts ungewöhnliches aufgefallen, seit er dort war. Weder in Colins Nähe, noch in seiner eigenen.
“Was machst du eigentlich die ganze Zeit? Sitzt du hier jeden Tag mit einem Fernglas im Busch?“
“Ne. Also doch, ich bin jeden Tag hier, aber nicht ständig. Wenn du im Unterricht bist und nicht die Möglichkeit besteht, dass du draußen herumläufst, arbeite ich.“
“Ah?“
“Ich hab nen Job in einem Plattenladen. Irgendwoher muss ich ja Geld zum Wohnen haben.“ Er veschwieg Colin die einigen Tausend Pfund in bar, die Dennis ihm mitgegeben hatte. Die hatte er für Notfälle an einem sicheren Ort versteckt.
“Wo wohnst du denn?“
“Am Rand vom Stadtzentrum.“
“Gehts noch vager?“ Augenrollen. “Brücke, Parkbank, Fünfsternehotel?“
Kei lachte. “Wohnung. Fünfsternehotel wäre ja nett, aber das Essen da bringt mir nicht viel.“
Blut. Colin biss sich auf die Lippe und schaute wieder auf den Teich.
“Du gehst außerdem nicht nur drei Wochen hier zur Schule. Da wäre ein Hotel auf Dauer eventuell unangebracht.“
“... Du willst das hier noch zwei, drei Jahre lang machen?“
“Ich verhindere lieber, bevor du entführt wirst, dass es so weit kommt.“
“Hä?“
“Ich will dich nicht nochmal aus komischen Untergrundarenen retten müssen. Die Instanz hat dich schon mal entführt.“
Colin schaute ihn groß an.
“Nein, ich weiß nicht genau, was sie mit dir gemacht haben, aber gut war es nicht.“ Im Gegenteil.
“Bin ich darum verrückt geworden?“ fragte Colin ernst.
“Wenn nicht allein deswegen, dann hat es einen enormen Teil dazu beigetragen.“
“Scheiße,“ sagte Colin.
“Genau. Das sollte nicht noch mal passieren.“
“Ich habe meine Noten liegenlassen,“ sagte Colin.
“Meinst du, die klaut jemand?“
“Nö... aber sie werden vielleicht nass. Und ich brauche sie.“ Colin stand auf. Kei ebenfalls. Er ging zum Pfad zurück, der zum Internat führte. Colin ging mit ihm und zog seinen Schal wieder fester zu. Bevor sie in die Nähe des Zauns kamen, drehte er auf einen Trampelpfad ab, der durch das Unterholz zum Teich zurückführte. Kei folgte ihm dorthin, wobei er am Rande des Schulgeländes stehen blieb und wartete.
Wenig später kam Colin mit dem zusammengerollten Hefter in der Hand zurückgeraschelt.
“Es tut mir Leid, dass du diesen öden Job bekommen hast,“ sagte er schulterzuckend, als er bei Kei ankam.
“Ich bin lieber halbwegs unsichtbar in deiner Nähe als mir den Arsch im Schloss plattzusitzen.“
“Trotzdem...“ Colin sah beschämt zu Boden. “Es ist bestimmt nicht lustig. Wenn es nach mir ginge, müsstest du das nicht machen.“ Denn er fürchtete, dass Kei ihn früher oder später dafür hassen würde, dass er ihn aus der Ferne bewachen musste.
“Ich hab nicht erwartet, dass es lustig wird.“ Was Kei daran doof fand, war, dass er Colin nicht um sich haben durfte, laut offizieller Version zumindest. Aber, wenn man sich nicht um Regeln scherte, konnte auch so ein Job Spaß machen. Es war immerhin Colin, auf den er aufpassen sollte.
“Naja... kannst du zweieinhalb Jahre durchhalten?“ sagte Colin zweifelnd, während er losschlenderte, gemächlich am Zaun entlang.
“Ohne was?“ Kei ging neben ihm her.
“Ohne ein Leben.“
Kein Leben zu haben sieht anders aus. “Mach dir darum keine Sorgen, ich kann mich frei bewegen und die Abstände zwischen den Ferien sind nicht ewig.“
“Kannst du nicht einfach meine Entschuldigung annehmen, anstatt alles runterzuspielen?“ sagte Colin etwas genervt.
“Na gut.“ Kei lächelte leicht.
“Danke,“ sagte Colin grimmig. Er wollte nur nicht, dass Kei ihm in ein paar Monaten oder einem Jahr die Schuld für seine Langeweile geben konnte.
“Gern geschehen,“ schmunzelte Kei.
Sie kamen bei einem mit Vorhängeschloss verketteten Tor an. Dieses öffnete Colin ohne Umschweife einfach, indem er den Riegel aus dem Schloss zog. Es schien entweder eine Attrappe oder kaputt zu sein.
“Wo gehen wir hin?“ Kei sah auf das Schloss und schmunzelte. Wenn das tatsächlich Leute draußen halten sollte, musste es dringend repariert werden.
“Wirst du sehen. Du hast Zeit, oder?“ fragte Colin, während ihm schon wieder einfiel, dass das bestenfalls eine Höflichkeitsfrage sein konnte. Kei sollte ihn ja sowieso bewachen. Nachdem er Kei durchgelassen hatte, kettete er die Tür wieder zu und schob den defekten Riegel zu.
“Nichts habe ich so viel wie Zeit.“ Er trat durch das Tor und sah sich um. Sie befanden sich auf einer breiten Wiese abseits eines Sportplatzes, und Colin ging nun durch das feuchte Gras auf einige Seitengebäude zu, zu denen eine Turnhalle und kleinere Funktionsgebäude gehörten. Auf der anderen Seite tat sich noch ein Gewässer auf - ein See, der eigentlich ein ruhigerer, breiter Teil eines kleinen Flusses war, in dem in jeder anderen Jahreszeit gerudert und geschwommen wurde. Kei ging ihm nach und bestaunte das weitläufige Gelände. Diesen Teil des Schulgeländes hatte er schon gesehen, war aber noch nicht durchgelaufen. Vom Schuldach aus sah das nicht so groß aus. Colin ging zügig, ließ Kei aber immer wieder aufholen, bis sie zum Seeufer kamen. Er ging abseits des Weges in einem weiten Bogen auf ein hölzernes Bootshaus zu. “Hier musst du aufpassen, dass die Lichter nicht angehen.“ Er zeigte auf die Laternen über der Tür und entlang des Weges. Der ausgetretenen Linie auf dem Gras neben der Hütte nach zu urteilen, war Colin nicht der erste, der diesen Umweg nahm. Kei folgte Colin auf dem Fuße, um den Bewegungsmelder zu meiden.
Ein Häuschen am See. Fast wie in Brasilien.
Das Tor auf der Wasserseite war zwar verschlossen, doch der niedrige Wasserspiegel erlaubte es bequem, vom Steg unter dem Tor hindurch in die Hütte zu klettern, wenn man keine Angst vor etwas grünem Schleim auf der Hose hatte. Ohne zu Kei zurückzublicken machte Colin den Anfang, indem er erst seinen Hefter durch einen Spalt hineinschob und dann am rutschigen Holzgerüst entlangkletterte. Kei kletterte ihm hinterher. Seine Knie mit Schleim dekoriert richtete er sich im Bootshaus wieder auf. Colin war gerade dabei, Kerzen in richtigen kleinen Glaslaternen anzuzünden. Dabei kamen in einer Ecke auf dem Boden Decken und Kissen zum Vorschein, sowie Getränkekisten mit leeren Bierflaschen, ein paar verstreute Spielkarten, eine einzelne Bierflasche, die bis zum Hals mit Zigarettenstummeln vollgestopft war... Die alten Kajaks und zwei halbverrotteten Ruderboote, die hier noch mit Tauen, Körben, Rettungsringen und Rudern an den Wänden hingen, schienen bloß atmosphärische Hintergrundmusik darzustellen.
“Bootshaus, ja? Ihr habt wohl keinen Partykeller, was?“ Kei grinste leicht. Ihm gefiel es hier.
“Ich bin sicher, dass es einen Partykeller gibt... aber da ist es immer so bierlos. Rauchen und vögeln darf man da auch nicht.“ Colin zuckte mit den Schultern.
“Das nennst du Partykeller? Klingt langweilig.“ Kei grinste. “Ich will nicht wissen, wie viele Gummis man hier findet.“
“Ich schon. Ich will immerhin wissen, wo die Gummis alle stecken. Ich habe keine Lust, versehentlich -“ Er hob vorsichtig den Zipfel einer Decke hoch, aber darunter war nichts als mehr Decke.
Kei lachte. “Vielleicht wurden sie in den See entsorgt,“ vermutete er.
“Irgs.“ Colin stellte die Laterne, die er gerade hielt, auf dem Bierkasten ab und prüfte mit einem Blick nach oben, ob das Strandtuch noch das eine Oberlicht verdunkelte. Tat es. Er ließ sich in die Kissenecke fallen und zog sich den Schal ab. “Hier trifft man sich zum - du weißt schon. Stelldichein. Auf der anderen Seite gibt es Ferienvillen und eine Kunstschule.“ Er nickte zum verschlossenen Tor in Richtung See.
“Veranstalten die hier Ferienvilla-, Internats- und Kunstschüler-Blinddates?“ Kei fand diesen Gedanken amüsant. Ein Schulaushang zum Vögeln. Wer wollte konnte hingehen - oder so ähnlich. Colin lachte und zog sich noch die Jacke aus, während Kei sich neben ihn setzte.
“Na, blind ist das nicht. Die verabreden sich schon vorher.“
“Bist du dir da sicher?“ Kei grinste.
“Relativ.“ Colin nickte altklug, während er Jacke und Schal weglegte. “Weißt du, um hier reinzudürfen, muss man erst eine Aufgabe erfüllen.“
“Die da lautet?“ Kei sah Colin fragend an. Irgendwie hatte diese Situation etwas filmartiges.
“Man muss allein einen vollen Bierkasten hier reinbringen.“
“Das ist einfach.“
“Klar. Aber die meisten Jungs in unserem Alter sind Idioten,“ gab Colin zu Bedenken, indem er sich auf die Stirn tippte. “Wie würdest du es machen?“
Kei sah sich nach Fenstern um. Es gab nur ein kleines Oberlicht zur Vorderseite hin, wo es bewegungsmeldergesteuertes Licht gab das umgangen werden musste, und das mit einem Badetuch abgedunkelt war. Es war ohnehin zu schmal für eine Getränkekiste.
“Bierkasten aufs Dach stellen und die Flaschen in einen Beutel stecken. Damit hier rein klettern, wenn Tür aufbrechen keine Option ist," schlug er schließlich vor. Colin lachte leise.
“Was soll der Kasten auf dem Dach?“
“Die Lehrer finden ihn nicht sofort. Wenn die Flaschen drin sind, kommt der Kasten nach.“
Grinsend hob Colin eine Augenbraue und stützte sich auf die Knie. “So umständlich machen das die meisten. Sie nehmen die Flaschen raus und tragen sie rein, und den Kasten lassen sie unter der Tür reinschwimmen.“
“Ich kann sie nicht durch die Wände werfen... Nicht ohne die Wände kaputt zu machen. Hast du einen besseren Weg gefunden?“
“Ich habe die Bierlieferungen revolutioniert,“ nickte Colin überheblich grinsend. “Ich habe mir ein Seil geben lassen, den Kasten drangebunden und dann unter Wasser reingezogen. Und drinnen habe ich ihn so festgebunden, dass er noch im Wasser hing. Perfekt gekühlt.“
“Das ist eine geniale Idee,“ sagte Kei anerkennend. Colin winkte affektiert ab. Das brachte Kei fast zum Lachen. Colin musterte ihn belustigt.
“Küss mich,“ forderte er schmunzelnd.
Kei kam dieser Aufforderung grinsend nach. Bald musste irgendetwas passieren. Bisher war es so verdächtig ruhig gewesen.
Zuerst etwas schüchtern, dann immer selbstsicherer und schließlich mit einem betrunkenen Lächeln ging Colin seinem Hobby nach, das er jetzt drei lange Wochen hatte entbehren müssen. Über Keis Schultern streckte er die Arme aus. Kei verringerte den Abstand zwischen sich und Colin indem er den Kleineren zu sich zog. Mit einem Grinsen gegen Keis Lippen legte Colin ein Bein über Keis, damit er sich nicht auf ihn lehnen musste und weiter selbst sitzen konnte. Keis Lippenring war ein fantastisches Spielzeug. Kei steckte eine an der Luft kalt gewordene Hand unter Colins Hemd. Noch immer grinsend vertiefte er den Kuss. Colins Schultern zuckten etwas als ihm ein sanfter Laut der Überraschung entfuhr, und er biss Kei etwas fester als sonst in die Unterlippe.
Kei ließ von Colin ab und setzte sich etwas auf. Draußen war etwas zu hören. Es klang wie Schritte in einiger Entfernung. Ansonsten war es sehr ruhig. Er sah auf seine Uhr. Für Spaziergänger war es noch etwas zu früh. Für Schüler auch.
“Jemand ist auf dem Schulgelände. Kommt nicht von hier,“ informierte er Colin. “Ich geh mal nachsehen.“
Colin packte ihn an der Jacke, um ihn am Aufstehen zu hindern.
“Es darf dich niemand hier rauskommen sehen. Das ist bestimmt ein Parkpfleger oder sowas. Hier rein kommt er jedenfalls nicht.“
“Um diese Uhrzeit war hier nie jemand - außer dir.“ Kei hatte keine Lust darauf, dass das jemand war, der sie auskundschaftete oder irgendetwas in der Richtung - und damit auch noch durchkam. “Wer auch immer das ist schleicht beim Zaun herum.“
“Dann ist es jemand, der einen Hund hat oder unbedingt im Winter joggen muss oder was weiß ich,“ sagte Colin genervt.
“Ich will doch nur nachsehen.“ Wenn der 'ne Knarre hat, haben wir ein Problem. Nicht, dass Kei keine Knarre in der Jackentasche hätte, aber, wer auch immer das war, sollte nicht wissen, dass Colin dort war. Dass Kei dort war, sollte die Person mit ins Grab nehmen, wenn sie eine Bedrohung war, und wenn nicht, würde sie Kei nicht einmal bemerken. “Ich komme auch wieder.“ Kein Jogger. Kein Hund. Kein Schüler.
“... Mach das unsichtbar,“ sagte Colin stirnrunzelnd. Als wäre das nötig. Er wusste, das er Kei nicht seinen Job erklären musste, er war nur ein bisschen genervt.
“Natürlich.“ Kei stand langsam und geräuschlos auf. Er schloss seine Jacke halb, sodass sie kein Geräusch machte und er an die Knarre herankam. Vorsichtig und extrem leise verließ er das Bootshäuschen und machte sich mit kleinem Umweg auf zu der Stelle, von wo er die Schritte gehört hatte. Er kam von hinten auf die Gestalt zu, die da stand und das Gelände beobachtete. Die Gestalt blickte in die Richtung, in der das Bootshaus in einiger Entfernung lag. Kein Schüler. Kein Jogger. Kein Hund.
“This direction,“ sagte Kei leise hinter dem Rücken der Gestalt, etwa anderthalb Meter entfernt. “Who are you?“
~~

Das Lied, das Colin singt, ist Dónal Binn Ó Conaill Caoin/Dónall Ó Conaill.

Friday, July 14, 2017

Kei + Colin LXXXIX: Kein Gentleman


Kei nahm einen langen Weg aus dem Irrgarten heraus und den langen Weg zur Tür. Er entschied sich dagegen, in seinem Zimmer herumzusitzen und ging stattdessen in dem Gebiet um das Schlossgelände herum spazieren.
Ähnlich hielt es Colin, indem er erst das Labyrinth verließ, wenn auch auf direkterem Weg als Kei, und dann über die dunklen, diesigen Wiesen wanderte, die zum riesigen Anwesen gehörten. Als er die künstliche Höhle fand, zündete er dort die Kerze in der Laterne an und wunderte sich beim Einstecken des Feuerzeugs zum ersten Mal darüber, dass ihm gar nicht kalt war. Es war Jahresende, morgens lag oft Rauhreif auf dem Gras und alle trugen Schals und Mützen - aber er fror nicht, obwohl er die Kälte wahrnahm.
Vielleicht war es in Keis Gegenwart einfach noch viel kälter. Oder sein Frösteln während Keis Kampf mit Delilah und nun im dunklen Labyrinth hatte eine ganz andere Ursache gehabt.
Noch bevor sich der Nebel lichtete, ging er ins Schloss zurück.

Kei blieb die ganze Nacht verschwunden und war auch am nächsten Morgen nicht im Schloss zu finden. Da es nachts geregnet hatte, war Kei, mit Jeans und T-shirt bekleidet, die Nacht im Regen umhergegangen und hatte sich prompt verlaufen. Nicht, dass ihn das störte. Klatschnass ging er durch Felder und Waldstücke.
Seine Abwesenheit fiel zwar natürlich auf, sorgte aber nicht für besonderes Aufsehen. Die unsichtbaren Wachposten unter Delilahs Führung wussten von seinen Ausflügen und kümmerten sich längst nicht mehr darum. Mit Colin war das anders. Er wusste auch, dass Kei kam und ging, wie es ihm beliebte, obwohl er genauso versteckt bleiben musste wie er selbst, aber scheinbar schienen alle, die etwas zu sagen hatten, Kei zu vertrauen. Oder ihm zumindest zuzutrauen, sich effektiv versteckt zu halten und nicht die Geheimhaltung der Basis zu gefährden. Darum ging es Colin aber nicht. Diese Vampirsache war nur eine dieser vielen Geschichten, die er glauben musste aber nicht nachweisen konnte. Es wurmte ihn einfach nur, dass Kei sich nicht blicken ließ. Er hatte keine Ahnung, wo der Kerl steckte, und das nervte ihn, aber er wusste nicht genau, warum. Nicht, dass er an diesem Tag viel mit ihm - oder mit sich selbst - angefangen hätte. Er wäre beinahe überhaupt nicht aufgestanden. Als er es aber doch getan hatte und Kei nirgends auftauchte, fand er sich irgendwann unerklärlicherweise in Keis Bett wieder, wo er sein deprimiertes Dösen/Weinen/Schlafen fortsetzte.
Erst am späten Nachmittag hatte Kei den Weg wiedergefunden. Es regnete in Strömen, als er leise und klatschnass im Schloss ankam. Auf dem Weg in sein Zimmer hinterließ er eine Spur aus Regenwasser auf den teuren, antiken Teppichen und Holzdielen. An seinem Ziel angekommen stellte er beim Abpellen der nassen Kleidung fest, dass sein Bett belegt war. Er musterte Colin eine Weile, der fest zu schlafen schien. Zumindest seinem ruhigen Atmen und der halb unter der Bettdecke zusammengerollten Körperhaltung nach zu urteilen. Die Türen zum gemeinsamen Badezimmer standen beide weit offen und es brannte kein Licht in den Räumen. Die Winterdämmerung und der dichte Regen ließen sie nächtlich erscheinen.
Kei nahm sich ein Handtuch und trocknete sich ab, ehe er sich, in frischen trockenen Boxershorts, vorsichtig unter seine Decke legte. Er wollte Colin nicht aufwecken. Der gab auch kein Zeichen des Aufwachens von sich, sondern rollte sich nur etwas auf den Bauch und vergrub das Gesicht im Kissen, als sich die Matratze leicht bewegte. So wie Kei es von ihm kannte, bestand sein Schlafanzug aus einem T-shirt und einer richtigen Pyjamahose. Letztere war ihm in die Kniekehlen hochgerutscht. Kei lächelte ein bisschen und legte vorsichtig einen Arm mehr auf als um Colin, bevor er selbst die Augen zumachte.
Das reichte ihm. Er brauchte nicht zu schlafen.
Der Regen ließ über die Stunden nach und reduzierte sich auf ein stetiges weiches Nieseln mit gelegentlich etwas dickeren Tropfen, die ab und zu lauter gegen die Fensterscheiben schlugen. Kei lag die ganze Zeit mehr oder weniger wach neben Colin und ließ sich von dessen Körpertemperatur aufwärmen. Der Junge schlief noch lange ruhig weiter, und drehte sich nur ein bisschen, bis er schließlich so an Kei gelehnt dalag, dass er dessen Oberarm und Schulter wie ein Kopfkissen benutzte und das Gesicht beinahe an seine Brust drückte. Als der Regen etwas schwächer wurde, schlief Kei schließlich doch ein. Da war es schon fast wieder Abend.

Irgendwann in den lächerlich frühen Morgenstunden wachte Kei wieder auf. Sein Zimmer war dunkel. Draußen war es auch dunkel und im ganzen Schloss herrschte Stille. Colin lag nun nicht mehr auf ihm, sondern neben ihm, und sah ihn mit dem Kopf auf eine Hand gestützt an. In möglichst unpeinlicher Entfernung.
Kei sah Colin müde an. „Guten Morgen.“
„Morgen,“ murmelte Colin, nachdem er den Mund erst ein paarmal erfolglos geöffnet und wieder geschlossen hatte.
„Ich wollte dich nicht wecken,“ erklärte Kei lächelnd. Nun lächelte auch Colin sachte. Bisher hatte er ernst dreingeblickt.
„Tut mir leid. Was ich gestern gesagt habe,“ sagte er leise.
„Ich war auch kein Gentleman.“ Kei blickte Colin leicht von unten an, da er sich nicht die Mühe gemacht hatte, seine Position groß zu ändern. Das brachte Colin zum Schmunzeln. „Ich werde aber auch nie einer sein,“ fügte Kei an. „Du bist übrigens schön warm.“
„Sag das nicht.“ Colins Mundwinkel zuckte.
„Was davon?“
„Dass du nie ein Gentleman wirst. Immerhin...“ Er zuckte langsam die Schultern und ließ den Blick um das Bett schweifen, bevor er Kei weiter ansah.
„Bisher war ich keiner.“
„Suit yourself. Aber du hast mich nicht aufgeweckt und rausgeworfen. Du hast dich scheinbar an mir gewärmt und ich habe meine Hose noch an.“ Sein Grinsen deutete an, dass er das alles nicht so besonders ernst meinte.
„Nicht, dass das nicht zu ändern wäre...“ Keis Blick war spaßig-herausfordernd.
„Sag ich doch. Aus dir wird noch ein Gentleman.“ Das brachte Kei zum Lachen. Colin grinste. „Ich könnte das nicht, glaube ich.“
„Was könntest du nicht?“
„Wenn ich in jemanden - also wenn ich - also, einfach nichts tun. Abwarten und Tee trinken. Das könnte ich nicht. Ich bin wohl ein Hinterherrenntyp.“
„Ich bin auch nicht gut darin.“
„Doch, bist du. Extrem gut.“ Mit diesen Worten setzte Colin sich auf und kroch zur Bettkante.
„Bleib doch hier. Es ist mitten in der Nacht.“
Colin hielt inne und sah ihn an. „Hast du nicht eben ‚Guten Morgen‘ gesagt? Außerdem bin ich jetzt wach.“
„Das heißt nicht, dass du verschwinden musst.“
Colins Blick weitete sich fast unmerklich.
Herzklopfen.
Er kam ein paar Zentimeter zurück und zog sich die Decke wieder über die Beine.
Kei lächelte leicht. Er nahm sich Colins erreichbarere Hand und hielt sie locker fest. Colin sah dorthin und musste sich daran erinnern zu atmen. Und das weiterhin leise zu tun, was dann dazu führte, dass er zumindest optisch den Eindruck erweckte, als sei er ein wenig außer Atem. Er sah Kei an. Es war dunkel, also konnte er vielleicht nicht sehen, wie Colins Augen und Wangen gerade aussahen. Der Anblick von Keis tätowiertem, nacktem Oberkörper, selbst in diesem schwachen Licht, half ihm jedenfalls nicht dabei, seine Fassung zu bewahren.
Was Kei nicht sehen konnte, war die Farbe in Colins Gesicht. Den Rest sah er klar wie am Tag. Sein Gesichtsausdruck war fast unschuldig, als wollte er sagen: ‚Ich hab doch gar nichts gemacht.‘
Colin drehte seine Hand in Keis und schloss die Finger um sie. Kei setzte sich leicht auf und musterte Colin. Der versuchte, Kei nicht zu sehr anzustarren, konnte sich aber nicht ganz davon abhalten. Er sah irgendwie peinlich berührt aus. Oder auf eine verwirrte Weise besorgt. Wie man eben so aussah, wenn der schöne Typ, auf den man stand, halbnackt neben einem im Bett saß, händchenhaltend, und einen anstarrte. Mit der freien Hand schob Colin seine Haare hinter ein Ohr. Dafür waren sie nun gerade wieder lang genug. Kei beobachtete Colin noch eine kleine Weile, ehe er leicht an dessen Arm zog um ihn zu sich zu ziehen. Das ließ Colin auch zu, auch wenn er darüber selbst überrascht war. Um sich aufzustützen, hätte Kei seine Hand loslassen müssen. Was er nicht tat, sodass Colin halb auf ihm landete. Und seine freie Hand langte zuallererst versehentlich auf Keis nackten Oberschenkel.
Argh. Er kam sich so peinlich vor. Kei grinste ein bisschen.
Colins Gesicht in Farbe wäre jetzt sehenswert gewesen, aber er wusste wie es aussehen musste. Rot.
Das wusste Colin auch, oder er vermutete es stark. Seine Wangen und Ohren brannten noch, nachdem er sich wieder aufgesetzt hatte, nun sehr dicht vor Kei, und beinahe an ihn geschmiegt. So dicht bei sich hatte Kei Colin das letzte Mal gehabt, als sie Motorrad gefahren waren. Das sollte öfter so sein, fand Kei. Er hielt Colins Hand weiter fest und küsste den Kleineren einfach.
Verblüfft atmete Colin erst aus, aber schloss schnell die Augen und erwiderte den Kuss, keusch aber sehr bereitwillig. Seine Hand in Keis zuckte leicht. Kei lockerte den Griff um Colins Hand so, dass der Kleinere damit tun konnte was er wollte, und erhielt den Kuss aufrecht. Und der machte mit. Sogar mit allmählichem Lächeln. Seine Finger strichen über Keis Hand und dann seinen Arm hinauf. Und mit Lippen und Zunge probierte er gemütlich aus, was man so mit Keis Lippenring anstellen konnte. Der Vampir nahm die nun wieder freie Hand dazu, Colin ein kleines Stück dichter zu sich zu ziehen. Während er nun wieder so ziemlich an Kei lehnte, zog Colin den Kopf etwas zurück.
„Ich nehme alles zurück,“ sagte er leise.
„Das sagst du jetzt. Morgen bin ich wieder ein Arschloch,“ scherzte Kei. Colin schmunzelte.
„Das sehen wir dann morgen,“ sagte er und küsste ihn wieder, mit den Armen auf Keis Schultern. Kei grinste und erwiderte den Kuss. Bis morgen war nicht mehr so viel Zeit.
Während sie so weitermachten, Colin langsam und unermüdlich und zwischendurch mit glücklichem Schmunzeln, kniete er irgendwann rittlings auf Keis Oberschenkel und stellte viel später fest, dass er deutlicher sehen konnte. Er sah zum nächsten Fenster, wo der dunkelgraue Himmel den Morgen ankündigte.
„Jetzt ist es wirklich morgens,“ bemerkte Kei, ohne wirklich von Colin abzulassen. Eine Hand war irgendwo in Colins, wieder lang genug dafür gewordenen, Haaren verschwunden und mit der anderen hielt er den Kleineren fest. Colin nickte.
„Schade.“
„Du musst immer noch nicht aufstehen.“
Colin schüttelte langsam den Kopf. „Nein. Aber ich mag die Nacht.“
„Gut, dass der Tag nicht lange dauert.“
Colins Augen weiteten sich plötzlich etwas, als fiele ihm etwas ein.
„Hm?“ Kei schaute ihn fragend an.
„Ich glaube, Rupert kommt heute zurück.“
„Wo war der eigentlich?“
„Bei der Meditec in Liverpool.“ Er ließ Kei nicht los und stieg auch nicht von ihm herunter. Das hier war viel zu... schön.
„Dann kommt er bestimmt nicht um diese Uhrzeit zurück.“ Kei wollte Colin noch eine Weile für sich beanspruchen.
„Nein,“ sagte Colin leise. Wie er Kei so ansah, musste er plötzlich beschämt lächeln. „Ist das hier w-“ Keis Lippen schnitten ihm das Wort ab. Das war auch ganz gut. Er hätte nämlich sonst beinahe den Umstand angesprochen, der ihn nun dazu brachte, sich etwas aufzusetzen, damit Kei nicht auch spürte, was gerade in seiner Hose los war, und sich darüber lustig machen konnte.
Darüber lustig gemacht hätte Kei sich keineswegs. Was Colin sagen wollte, schien nicht allzu wichtig zu sein, denn er machte keine besonderen Anstalten es fortzusetzen. Er küsste Kei bloß langsam und genüsslich weiter und stützte sich dabei auf Keis Schultern, um sich nicht wieder auf ihn setzen zu müssen.
Um sie herum wurde das Schloss so langsam wieder wach.
Nicht, dass Colin das interessierte. Keis Haare, die Farben und Formen auf seinen Schultern, die gewichtige Tatsache seiner Nacktheit und vor allem sein Mund beschäftigten ihn zu sehr.
Kei bekam das beginnende Treiben um sie herum mit, kümmerte sich aber auch nicht darum. Es war nicht schwer, die Geräusche um sich herum auszublenden, wenn Colin fast auf ihm saß.

Sie schafften es irgendwann aus dem Bett, in andere Kleider und sogar andere Räume. Kei war es nicht ganz recht, dass Colin es sich in der Bibliothek gemütlich machen wollte, also brachte Colin sich zwei Bücher in Keis Zimmer mit, wo er gegen Kei gelehnt versuchte, Gedichte zu lesen, während Kei auf seiner Gitarre herumzupfte. Beides wurde von beiden häufig unterbrochen, um ihr neues Hobby von den frühen Morgenstunden wieder aufzunehmen.
Niemand störte sie, bis am Nachmittag Rupert zurückkam.
Delilah klopfte an Keis Zimmertür und holte Colin heraus, um ihn zu Rupert zu bringen. Dafür erntete sie einen Mittelfinger von Kei, der die folgende Zeit mit der Gitarre, Warten und Herumlaufen herumbringen musste. Als Colin nach über zwei Stunden aus Ruperts Privatapartment kam und Kei nicht in seinem Zimmer vorfand, wanderte er ziellos durch das Schloss, um ihn zu suchen. Er fand ihn schließlich im Spielzimmer. Der Vampir lag auf dem Billiardtisch und versuchte, die Dartscheibe im Liegen zu treffen.
Ein prüfender Blick auf die Zielscheibe ließ Colin wissen, dass die liegende Position für Kei kein großes Hindernis darstellte und mehr ein Ausdruck der Langeweile als ein herausforderndes Handicap war. Er schloss die Tür und ging zum Sofaende, das dem Billiardtisch am nächsten stand, um sich daran zu lehnen.
„Das war wohl ein sehr ausführlicher Reisebericht, was?“ fragte Kei, der einen Smiley in die Dartscheibe geworfen hatte.
„Eigentlich nicht. Er hat kaum von der Messe gesprochen.“ Colin legte etwas den Kopf schief, um die Darts kurz nachdenklich zu betrachten.
„Erzählst du mir die Neuigkeiten?“ Der Smiley hatte ein ziemlich verzerrtes Gesicht, weil Kei beim Werfen nicht genau hingesehen hatte.
„... Ich kann wieder zur Schule gehen...“
„Aber?“
„... Es ist ein Internat in Schottland.“
„Aber dann sehe ich dich kaum noch.“
Colin blickte zu Boden und errötete leicht.
„Kannst du nicht auf ‘ne normale Schule gehen? Die Internatsidee finde ich scheiße.“ Dass Colin seinen Schulabschluss machen sollte, fand Kei allerdings gut.
„Das habe ich auch gefragt,“ sagte Colin, nachdem er sich verlegen geräuspert hatte. „Aber wenn ich in Lancaster zur Schule gehe, bringe ich uns alle in Gefahr. Das Internat bei Inverness ist laut Dennis und Rupert richtig sicher und unbeobachtet. Da kann ich mit nur leicht verändertem Namen als ich selbst sein. Hat er gesagt.“
„Das ist ja gut. Aber dann bist du trotzdem weit weg.“
Colin nickte.
Es war schwierig... aber fühlte sich auch richtig gut an. Noch einen Tag zuvor wäre er von Ruperts Vorschlag hellauf begeistert gewesen und hätte auf der Stelle seinen Koffer gepackt. Er wollte das auch jetzt tun. Aber jetzt gab es noch Kei.
Er verschränkte betreten die Arme.
„... nur bis Weihnachten,“ sagte er schließlich.
„Und dann bis zum Sommer und Weihnachten ist kurz.“
„Es ist aber eine gute - Was soll ich denn sonst machen?“
„Dichter hier zur Schule gehen.“ Kei kam der Gedanke, dass er sich einfach, jetzt wo er legal volljährig war, eine Wohnung nehmen könnte, aber er bezweifelte, dass Dennis damit einfach so einverstanden wäre.
„Hast du nicht zugehört? Das lässt uns auffliegen,“ sagte Colin sanft.
„Lässt uns auch auffliegen, wenn ich ne eigene Wohnung irgendwo da hätte?“
Überrascht sah Colin auf. „Du w-“ Du würdest mir hinterherziehen?
„Da wäre jedenfalls mehr los als hier,“ kommentierte Kei Colins Gedanken.
„Das glaube ich nicht. Inverness ist jetzt nicht die aufregendste Metropole, und das Internat liegt auch noch ein Stück außerhalb.“
„Das Stück außerhalb ist immer noch kürzer als der Weg von hier aus.“
Colin musterte ihn und sah dabei ein wenig überwältigt aus, gelinde gesagt. Kei lächelte leicht. „Ich will nicht drei Stunden brauchen, nur um dich zu besuchen. Dafür bin ich zu verwöhnt.“
Colin machte die drei Schritte zum Billiardtisch und stützte sich mit den Händen auf die breite Kante. „Warum willst du das machen?“ fragte er leise.
„Ich will nicht, dass du so weit weg bist.“
Colin beugte sich etwas über ihn und schmunzelte liebevoll. „... Hinterherrenntyp.“
„Purer Egoismus.“ Kei zog ihn zu sich und küsste ihn. Grinsend versuchte Colin, den Kuss zu erwidern, und trotz Keis Griff mit auf den Tisch zu klettern. Kei ließ ihm auch die Möglichkeit dazu, da er ihn nicht besonders festhielt. Colin kniete sich so hin, dass er beinahe auf Keis Bauch saß, ohne den Kuss zu unterbrechen. Kei grinste in den Kuss und schob eine Hand unter Colins Shirt. Der versteifte sich daraufhin etwas und hob den Kopf, um Kei anzusehen. Kei erwiderte Colins Blick immer noch grinsend. Colin musste zwar schmunzeln, legte aber eine Hand auf Keis Unterarm und schob ihn hinunter. Kei verhakte einfach die Finger in der Gürtelschlaufe von Colins Hose, weil er ihn nicht ganz loslassen wollte.
„Was, wenn das eine Enttäuschung wird?“ fragte Colin und setzte sich auf.
„Du denkst zu viel,“ erwiderte Kei.
„Denkst du genug?“
„Selten.“
Colin musste grinsen. „Was willst du?“
„Sex, Blut, dich und 'nen Drogenrausch.“
Darauf wusste Colin nichts zu entgegnen und glotzte nur doof, bis er leise lachen musste. Kei musterte ihn grinsend. Er sah belustigt, verlegen und etwas ungläubig aus. Und jetzt schob er sich wieder die Haare hinter die Ohren.
„Was ist denn, wenn du mich nicht kriegst? S- alles andere kannst du dir ja erfüllen, aber dafür wanderst du ja nicht nach Inverness aus.“
„Ich kann mich ja als Minnesänger versuchen. Oder ich versuche mich zu betrinken und tue Dinge, die ich nüchtern bereuen könnte.“
„Was denn zum Beispiel?“ fragte Colin gutgelaunt.
„Das weiß ich noch nicht. Ich war noch nie so betrunken, dass ich den Scheiß, den ich gebaut habe, bereut habe.“
„Warst du noch nie betrunken genug? Oder bereust du einfach gar nichts?“
„Ich war noch nie betrunken genug um etwas zu tun, dass ich bereuen würde. Da gibt es auch nicht viel.“
„Hast du überhaupt nie etwas getan, das du danach bereut hast?“ Mit den Fingern strich Colin ein paar Falten in Keis T-shirt entlang, um sie zu glätten. Das war natürlich nur ein Vorwand. Er saß dem Jungen sehr bequem auf den Hüften.
„Nichts, das nicht doch irgendwie so ausgegangen ist, dass es am Ende gut war.“ Kei befand Colins Position durchaus für bequem. Nicht nur bequem. Der Kleinere saß da gut.
Kei überlegte ein bisschen. Klar gab es Dinge, die im Nachhinein keine so sonderlich gute Idee gewesen waren, aber ihm wollte nichts einfallen, dass er so richtig bereute. Kei wusste gar nicht, wie es sich anfühlte, etwas wirklich zu bereuen.
„Was denn so? Was hast du bereut und war am Ende gut?“
„Seit ich dich kenne... In Südamerika einfach abzuhauen war eine dumme Idee. Zum Beispiel. Aber das ging gut aus.“
„Abzuhauen? Du meinst in Chile? Als du weitergefahren bist?“ Colins unbedarfte Neugier verdeutlichte, wie unbeteiligt er an dieser Geschichte war, und dass er sie nur von Keis Erzählungen kannte.
„Ja. Das hätte auch nach hinten losgehen können.“
Colin blickte auf und schaute nachdenklich auf einen Vorhang.
„Ansonsten hab ich als Kind ein paar sehr, sehr dumme Sachen angestellt.“
„Was denn?“ Colins Blick schnappte zurück und musterte Kei aufmerksam.
„Ich hatte... Stress mit ein paar Gangstern.“ Kei fiel wieder ein, dass diese Keis Kinderfoto-Geschichte in Colins Welt nie passiert war, was er ganz gut fand. „Und ihre Leichen und lauter Spuren einfach liegenzulassen hätte mich den Kopf kosten können, ich hätte das besser machen sollen...“
„Du hast ein paar Gangster umgebracht? Als Kind?“
„Ja. Ging nicht anders.“
„Warum?“ Das ‚Wie‘ sparte Colin sich, nachdem ihm eingefallen war, wozu Kei als Vampir imstande war.
„Sie waren nicht gerade nette Gangster.“
Colin musste lachen. „Schon klar, aber warum musstest du sie umbringen?“
„Damit sie mich in Ruhe lassen. Einer von denen stand immer in der Tür. Ich wollte gehen. Er hat Nein gesagt. Irgendwann hat einer von denen sein Messer vergessen.“
Mit ernstem Blick stieg Colin von ihm herunter und setzte sich im Schneidersitz neben ihn. „Fang von vorne an,“ sagte er leise und stützte sein Kinn auf eine Hand.
„Das ist keine schöne Geschichte.“
Colin sah ihn nur schweigend an.
„... Ich hab ne Weile auf der Straße gelebt, nachdem meine Mutter getötet wurde. Bin an die nicht netten Gangster geraten und ne ganze Weile später da wieder abgehauen. Waren um und bei insgesamt sieben Jahre.“
„Du wurdest da sieben Jahre lang gefangengehalten?“ Colin flüsterte beinahe.
„Nein. Ich war erst eine Weile Straßenkind. Das klappt ganz gut, wenn du kein Essen brauchst. Dann hab ich mit neun oder so Dummheiten gemacht, die mir diese Bekanntschaft eingebracht haben und mit zwölf bin ich da abgehauen.“
Colin schluckte und starrte.
Kei musterte ihn. Der Kleinere sah leicht schockiert aus und das obwohl er die wirklich miesen Teile weggelassen hatte.
Ich kenne dich gar nicht, schoss Colin durch den Kopf. Das wurde ihm jetzt richtig bewusst. Er hatte bisher kein bestimmtes Bild von Keisuke Sakai gehabt, aber das, was er von ihm kennengelernt hatte, in den paar Wochen, die er bewusst mit ihm zu tun gehabt hatte, ließ ihn hauptsächlich wie einen selbstbewussten Rebell aussehen, wie einen typischen, schlechtgelaunten Teenager - Colin hatte nicht einmal über Keis Familienverhältnisse nachgedacht. Er wusste, dass Delilah und Dennis seine Geschwister waren, aber das war auch alles.
Kei wartete eine kleine Weile. „Ich bin mit vierzehn bei einem Bekannten untergekommen. Bald darauf hatte ich Arbeit, Schule und eine Wohnung. Bis auf die Schule alles illegal.“
„Wow,“ sagte Colin leise. Sakai war die ganze Zeit nicht auf Abwegen gewesen, sondern hatte sich bemüht, von den Abwegen wegzukommen, auf denen er aufgewachsen war.
Und die Instanz machte alles wieder kaputt.
„Naja, eigentlich ist das egal. Ich werde niemals ein geregeltes Leben haben, so who cares?“ Kei schien das tatsächlich egal zu sein.
„Komm her.“ Colin öffnete die Arme.
Kei setzte sich auf. „Wird das eine total kitschige Umarmung?“ fragte er, als er zu Colin hinüberrutschte.
„Ja.“ Colin schlang die Arme um Kei, bevor der es sich anders überlegen konnte. Kei musste lachen, erwiderte die Umarmung aber. „Jetzt kann ich dich ja nicht mehr allein lassen. Wie gerissen von dir,“ sagte Colin in Keis Schulter.
„Kannst du nicht oder willst du nicht?“
Colin ließ ihn los. „Das ist doch dasselbe. Willst du auch wieder zur Schule gehen? Oder bist du in den verlorenen Jahren damit fertig geworden?“
„Ich bin nie fertig geworden.“
„Willst du dann auch?“
„Schule? Ich bin ein grausiger Schüler.“
Colin lachte. „Ich weiß. Willst du oder nicht? Wenn die Schule in Inverness so sicher ist, können wir bestimmt beide dahin. Ich kann dir mit Englisch helfen und würde noch mehr Gossenjapanisch von dir lernen.“ Er grinste.
„Ich kann auch anständiges Japanisch,“ grinste Kei und fügte noch „Einen Schulabschluss kann ich sicher gebrauchen,“ hinzu.
„Habe ich von dir noch nicht gehört,“ stichelte Colin feist grinsend.
„Ich brauche ihn auch nicht zum Leben. Aber es ist sicher nützlich.“
„Ich meinte dein Japanisch. Ich wette, du kannst noch nicht mal die Kanji für ‚Bildungsministerium‘.“ Das dreckige Schmunzeln wollte nicht verschwinden.
„Du bist ein kleines Arschloch, weißt du das?“ Kei wünschte sich gerade einen Filzstift, um Colin das Gegenteil zu beweisen. Er grinste. Colin lachte und nickte fröhlich. Kei küsste ihn. Einen Stift hatte er gerade nicht zur Hand, also ließ er seinen Streich erstmal bleiben. Begeistert erwiderte Colin den Kuss, aber nur kurz.
„Aber die Umarmung war kitschig, ja?“ Er musste beinahe wieder lachen.
„Ja.“ Kei grinste.
„Ja, war sie. Aber das hier auch.“ Colin küsste Kei, eilig aber sanft.
„Ich hab nichts anderes behauptet.“
„Komm mit nach Inverness,“ sagte Colin, während er mit den Zähnen an Keis Lippenring zog - als sei ihm das gerade selbst eingefallen. Seine Hände lagen auf Keis Nacken.
„Du klaust meine Ideen,“ entgegnete Kei und küsste den Kleineren wieder.
„Leg doch Beschwerde ein.“ Colins Hände wanderten über Keis Schultern hinunter, tastend.
„Ich fürchte das wird nicht fruchten.“
„Vielleicht doch. Wenn du den richtigen Antrag ausfüllst...“ Colins Hände machten nun das, was er Keis vorhin noch verboten hatte, und rutschten gemächlich seinen Bauch hinunter und unter Keis T-shirt. Kei ließ das Antworten bleiben und schob stattdessen eine Hand unter Colins Shirt.
Unter seinen Händen spürte Colin Keis Haut wärmer werden, oder es kam ihm nur so vor. Er selbst kam sich nun auch wärmer vor als sonst, und dort, wo Kei ihn berührte, wurde er zu Wasser, das mit jedem Fingerstrich in sanften Wellen vibrierte. Er sog zitternd Luft ein. Anders ging Atmen nicht mehr. Kei erkundete Colins Körper seinerseits. Auch, wenn er ihn schon in- und auswendig kannte. Das war egal. Das hier konnte man häufiger machen. Er küsste den Kleineren weiter, der nun gieriger geworden war und seine Zähne zur Hilfe nahm. Er ließ von Keis drahtigen Muskeln ab und stützte sich dafür auf seine Oberschenkel, um sich ihm entgegenzulehnen. Er musste etwas Druck von seinem Schritt nehmen.
Kei schob Colins Shirt etwas nach oben um mehr Platz zu haben.Zieh mich doch gleich ganz aus, schlug Colin in Gedanken vor und zog den Kopf zurück.
„Eine gute Idee.“ Kei entgegnete Colins Gedanken gerne laut. Nur um zu sehen, wie der Kleinere darauf reagierte.
Mit leichtem Schrecken, so reagierte er darauf.
„... Telepathie ist unfair,“ murmelte Colin und nahm schnell die Hände von Keis Beinen.
„Ich hab mir nicht ausgesucht, deine Gedanken im Kopf zu haben.“ Obwohl es schön ist, zu wissen, was du denkst.
„Kannst du das nicht abschalten?“ fragte Colin und kratzte sich am Arm, den er mit Absicht so vor sich hielt, dass er damit hoffentlich die Wölbung in seiner Hose verdeckte.
„Nein.“ Konnte er wirklich nicht. Colins Gedanken tauchten meist ohne, dass er es wollte, in seinem Kopf auf. Nicht, dass er ernsthaft etwas dagegen hätte.
„Kriegst du alles mit, was um dich herum so gedacht wird?“
„Nein.“
„Warum dann die Sachen, die ich denke?“
„Das passiert ja nicht immer. Das klappt nur aus Versehen, wenn ich nicht abgelenkt bin.“
„... das ist gruselig.“
„Ein bisschen.“
Colin schaute ein bisschen um sich, rieb sich auf den Knien herum und rutschte dann zur Seite, um die Beine vom Tisch zu schwingen. Kei musterte ihn ein wenig. „Delilah kann was viel gruseligeres,“ erwähnte er nebenbei.
Colin sah ihn wieder an. „Was denn?“
„Sie kann per Telepathie kommunizieren. Stell dir vor, du hörst plötzlich jemandes Stimme in deinem Kopf, die ganz normal mit dir spricht.“
Seine Verlegenheit vergessen, staunte Colin ihn unverhohlen an. „Wie klingt sie?“
Kei versuchte, Delilahs Stimme zu erklären. „Ich weiß nicht, wie viele Sprachen sie kann. Sie klingt total unmenschlich, also eher roboterhaft.“
„Und ich?“ Interessiert drehte Colin sich wieder zu Kei um.
„Du gar nicht. Du klingst immer noch nach Stimmbruch.“
„Ey,“ sagte Colin im Beschwerdeton, mit beleidigtem Gesicht und absichtlich quietschender Stimme.
Kei lachte. „Isso.“
„Der Stimmbruch war mal Popstar, dass das klar ist.“
„Ich weiß, dass du gut klingst, Angeber.“
„Angeber, ich?!“
„Ja, manchmal.“ Kei grinste.
„Und was ist mit dir?!“
„Ich bin ein großer Angeber.“
„Ah...“ Colin musste grinsen und errötete ein bisschen, als er an das falsche dachte, und schüttelte leise lachend den Kopf. „Stimmt. Du gibst schon an, bevor du überhaupt den Mund aufmachst.“
„Ich kann nichts für mein Aussehen,“ lachte Kei.
„Schnauze,“ sagte Colin verlegen grinsend.
„Na gut.“ Kei zog sich Colin wieder dichter heran und küsste ihn. Diesmal drückte Colin ihn weg, oder versuchte es zumindest.
„Hast du keine Angst, dass ich nur darum auf dich stehe?“ Er schmunzelte.
„Nein.“ Und da war sich Kei sogar sicher. Colin zuckte mit den Schultern und drehte sich wieder weg, um vom Tisch zu klettern. „Für wann ist der Internatsausflug eigentlich geplant?“ fragte Kei.
„Sobald ich zustimme,“ sagte Colin, indem er vom Tisch stieg und sich das T-shirt wieder hinunterzog.
„Wenn ich wieder zur Schule gehe, musst du mir helfen. Zumindest ein bisschen.“
„Klar. Mach dir da keine Sorgen. Ich werde dich Shakespeare rezitieren lassen,“ sagte Colin mit einem gemeinen Lächeln. „Und du wirst eine komplette Uniform tragen.“ Er ging um den Tisch herum auf die Tür zu.
„Hast du Uniform gesagt?“ Kei stand auf und folgte Colin. Der nickte langsam.
„Mit Krawatte... und Jackett... und schwarzen Schuhen...“ Er wartete auf Kei, ehe er die Tür öffnete und hinausging.
„Rate mal, wie lange die ordentlich aussehen wird.“ Wenn es irgendetwas gab, das Kei nicht gerne trug, dann waren es Uniformen. Er folgte dem Kleineren und schloss die Tür hinter sich.
„So lange, bis du rausgeschmissen wirst? Jedenfalls wirst du peinlich genau darauf achtgeben, solange du unentdeckt bleiben möchtest.“ In gemächlichem Tempo schlenderte Colin auf ihre Zimmer zu, bis zu Keis Tür.
„Ich hatte nicht vor, sie zu zerfetzen.“ Kei öffnete seine Tür.
„Sie überhaupt erst vollständig anzuziehen wird für dich die größere Herausforderung,“ sagte Colin grinsend und trat ein.
„Hemd und Jackett sollten eigentlich auch reichen.“ Kei ließ sich auf sein Bett fallen nachdem er das Fenster geöffnet hatte.
„An einer britischen Privatschule? Du bist süß.“ Er trat ans Bett und lehnte sich an einen der Pfosten am Fußende.
„Ich komm damit durch.“ Kei schien sich dessen ziemlich sicher zu sein. Klar, er konnte hypnotisieren. Natürlich kam er damit durch. Zumindest war er sich ziemlich sicher, dass das funktionieren würde. Colin zuckte nur mit den Schultern und sah sich betont gelassen um. Er hatte die Arme locker verschränkt und einen Fuß über den anderen gestellt. „Man sollte meinen, du kennst dich hier schon aus,“ kommentierte Kei Colins Umseherei grinsend.
„Willst du mit mir schlafen?“ fragte Colin unverblümt.
Kei blinzelte.
„Ja.“
Als er und Colin das erste Mal aufeinander getroffen waren, war das ganz anders verlaufen. Schade, dass Colin das nicht mehr wusste. Dass das eigentlich eine ziemlich überflüssige Frage gewesen war, wusste Colin natürlich auch nicht mehr. Colin schluckte und biss sich entschlossen auf die Zunge.
„Hast du ein Gummi?“ murmelte er heiser.
„Eh, nope.“
Mit einem ‚Oh, Mist‘-Gesicht blickte Colin zu Boden.
„Tja...“ Er stieß sich vom Pfosten ab.
„Das hat dich sonst auch nicht interessiert,“ informierte Kei seinen Freund grinsend. Colins vorsichtiger Blick war schwer zu lesen. Nur Verlegenheit war darin deutlich zu sehen. Als ihm keine Entgegnung einfiel, kratzte er sich am Kopf. Kei musterte ihn leicht grinsend. „Wenn du noch ‘n paar Minuten Zeit hast, könnte ich mich nach draußen begeben und welche holen.“ Oder es ist dir egal.
„... Ich habe Zeit,“ sagte Colin leise, ohne Kei direkt anzusehen. Er widerstand dem Drang, sich die Hände vors Gesicht zu halten. Das hier wurde mit jeder Minute peinlicher.
„Bin gleich wieder da.“ Kei zog sich nur seine Stiefel über, ohne sie zuzumachen, auf eine Jacke verzichtete er auch und verschwand dann nach draußen, um mit dem Motorrad in den nächsten Ort zu fahren.
„Und Gleit-!“ sagte Colin noch, während Kei aus dem Fenster kletterte, doch machte den Mund verlegen wieder zu, als Kei ihn ansah, bevor er hinuntersprang. So peinlich, brummte er in Gedanken. Dann fiel ihm etwas ein, siedendheiß, und er rannte schnell ins Badezimmer, um gründlicher zu duschen als jemals zuvor.