Showing posts with label German. Show all posts
Showing posts with label German. Show all posts

Thursday, August 10, 2017

Kei + Colin XCII: Betretener Abschied


Kei schlief eine Weile, aber nicht sehr lange, und wachte wieder auf, bevor es draußen hell wurde. Vorsichtig stand er auf, um Colin nicht zu wecken und schlich in sein Zimmer. Dort zog er sich Hose, Jacke und Schuhe an, nahm seine Zigaretten und ging leise nach draußen, eine rauchen.
Colin schlief ruhig weiter, so flach atmend dass es fast nicht mehr wahrnehmbar war und mit einem sehr schwachen und langsamen Puls. So blieb er bis zum Morgen reglos und nackt auf dem Bett liegen.
Kei kam eine Viertelstunde später wieder zurück und sah nach, ob Colin noch schlief. Tat er. Er musterte den Kleineren eine Weile und deckte ihn zu. Dass Colins Puls so schwach war, besorgte ihn nicht großartig. Colin müsste theoretisch noch untot sein, da nur sein Gedächtnis gelöscht worden war. Der Vampir entledigte sich seiner Kleidung und ging duschen.

In den frühen Morgenstunden fing es an zu regnen und einige Stunden vor Sonnenaufgang kam das kleine Auto der Köchin auf das Gelände gezuckelt, die sich wie üblich in der Küche zu schaffen machte. Kurz darauf begann Delilah, ebenfalls wie immer, in dem großen Trainingsraum unter dem Dach mit ihren täglichen Übungen. Das war alles, was passierte.
Kei ging sauber und in Hose und Jacke gehüllt durch das Schloss. Nicht zu wissen, was er mit dem Morgen anstellen sollte, war scheiße. Colin würde bald wegfahren und dann würde er ihn erst einmal nur beobachten können, bis er einen Weg gefunden hatte, Dennis' Vorgaben zu umgehen. Er nahm seine Gitarre und setzte sich damit ins Spielzimmer.
Als der Morgen schließlich graute, hatte Colin auch geduscht und sich angezogen und frühstückte mit Rupert, der sich über Colins Entschluss, das Internat zu besuchen, freute. Nach seinem üblichen Stück Toast mit Marmelade und der einen Tasse Tee holte Colin Mantel, Mütze und Schuhe, um mit ihm loszufahren, seine Schulausrüstung zu besorgen.
Kei hatte in der Zwischenzeit den Weg in sein Zimmer gefunden und saß auf seinem Bett herum. Als er bemerkte, wie Colin jenseits des Badezimmers in sein eigenes Zimmer ging, rief er: “Guten Morgen!“
Vor dem Kleiderschrank hielt Colin inne und überlegte sich viel zu lang, was er antworten sollte. Schließlich brummte er “Morgen,“ während er den Schrank öffnete und seine Jacke herausholte. Kei fragte sich, ob Colin noch beleidigt war, fragte aber nicht weiter nach. Colin zog sich an und ging wieder zur Tür. Er zögerte etwas, bevor er sie öffnete. Kei steckte den Kopf durch die Badezimmertür, als Colin zum Verschwinden ungewöhnlich lange brauchte.
“Bist du immer noch sauer auf mich?“ fragte er freundlich und musterte Colin, der offenbar irgendetwas vorhatte. Colin musterte Kei genau. Er wollte patzig 'Ja!' sagen, brachte es aber nicht übers Herz. Verschämt rutschte sein Blick auf den Kleiderschrank. 'Ja' sagte auch nicht alles aus. Er wollte jetzt kein tiefschürfendes Gespräch darüber führen. Es war alles schon peinlich genug...
“Nein,“ log er.
Du bist kein guter Lügner. Kei beließ es dabei. “Okay. Viel Spaß.“ Colin würde entweder bei ihm ankommen, wenn er mit ihm reden wollte, oder es würde sich eine Gelegenheit dazu ergeben. Der Vampir verschwand wieder in seinem Zimmer.
'Okay, viel Spaß'? Ernsthaft?! Colin errötete und verschwand eilig aus dem Raum. Er schloss die Tür etwas zu feste. Was für ein Wichser.

Kei ging nach draußen. Es regnete noch immer. Diesmal zog er die Kapuze seiner Jacke ins Gesicht. Er konnte die Rücklichter von Ruperts Audi sehen, die im grauen Geniesel unter Rauschen und Knirschen den langen, breiten Kiesweg zur Landstraße hinunterfuhren. Er entschloss sich dazu, eines der Motorräder zu nehmen und fuhr langsam die Einfahrt hinunter und einige Straßen entlang, bis er nach ein paar Stunden Landstraße in einer kleinen Stadt ankam, die er noch nicht kannte. Er hatte einen anderen Weg genommen als sonst.

Rupert und Colin fuhren etwa eine Stunde lang die Küste entlang bis nach Blackpool. Dort war das Wetter unwesentlich annehmlicher, aber darum ging es ja nicht. Rupert brachte Colin zu einer Schneiderei, um Maß nehmen zu lassen und die Internatskleider zu bestellen und in ein kleines Verlagsgeschäft, das auf Colin wie ein Reisebüro für Schulangelegenheiten wirkte, wo Rupert ihm einen Stapel Schulbücher kaufte und die Lieferung des Rests in Auftrag gab. Das Paket sollte gleich in die Schule geliefert werden. Colin bekam von der Frau noch gratis ein paar Hefter, einen Notizblock, Bleistifte, Kugelschreiber und andere nützliche Kleinigkeiten, um die große Tüte zu füllen.
Nach einem blackpooltypischen Imbissmittagessen ließ Rupert sich ohne viel Widerstand zu einem Spielhallenbesuch breitschlagen, sodass sie sich erst bei Sonnenuntergang wieder auf den Heimweg machten.

Kei war den ganzen Tag unterwegs gewesen und hatte spontan ein kleines Konzert besucht, weshalb er erst mitten in der Nacht zurückfuhr. Nachdem er es geschafft hatte die Leute, die mit ihm draußen zum Rauchen herumstanden, davon zu überzeugen, dass er trotz Unmengen Alkohols nicht zu betrunken zum Motorradfahren war.
Irgendwo zwischen der Landstraße und dem Schloss, vor dem Ruperts Auto wieder herumstand, fing Delilah ihn ab. Ohne ihn zum Anhalten zu zwingen, erschien sie wie aus dem Nichts etwas abseits seiner Strecke am Rand der Auffahrt und gab ihm mit der Hand ein kurzes Signal, dessen Bedeutung Kei mittlerweile als 'Dennis' kannte. Danach beugte sie sich wieder zur Seite und verschwand sofort, als würde der sachte Wind sie irgendwie verschlucken. Kei fuhr etwas langsamer weiter. War Dennis mit seinem Ausflug nicht einverstanden? Aufgefallen sein müsste es ihm aber so oder so, wenn er ihn gesucht haben sollte. Er stellte das Motorrad in der Nähe von Ruperts Auto ab und legte den Helm in die Garage.
Dennis saß inmitten eines Kabel- und Elektrosalats am Schreibtisch in seinem dunklen Zimmer und blickte nicht einmal auf, während sich die Tür scheinbar von selbst öffnete, als Kei auf dem dunklen Flur in ihre Nähe kam. Kei ging in Dennis' Zimmer und sah den Älteren fragend an.
Die Tür schloss sich hinter ihm, scheinbar wieder von selbst, bevor Dennis aufblickte. Er legte einen kleinen schwarzen Plastikkasten, aus dem einige Kabel heraushingen, auf den Tisch und kramte in einem Stapel nach einem großen braunen Briefumschlag, den er grob in Keis Richtung auf eine Ecke des Tisches warf. Kei hob ihn auf und öffnete ihn um den Inhalt zu begutachten.
“Wie machst du das mit der Tür?“
Dennis sah ihn abwesend an. “Hm? Oh. Telekinese,“ sagte er nebenbei, als sei das das normalste von der Welt. “Das ist dein neuer Job,“ sagte er mit einem Nicken auf den Umschlag. “Deine Identität, Geld und die Postfachadresse für die Kommunikation.“
Es waren mehrere tausend Pfund in gebrauchten Banknoten, in Plastik verpackt, ein japanischer Pass mit Dauervisum und Arbeitserlaubnis für Großbritannien, ein japanischer Führerschein, britischer Waffenschein für Handfeuerwaffen und ein kleiner Zettel mit einem Code.
Kei betrachtete den Inhalt. Hideo Katsuragi aus Nagasaki. Er wollte gar nicht wissen, wie Dennis in nur einem Tag für das alles sorgen konnte.
“Weißt du, wann's losgeht?“ fragte er und steckte den Inhalt des Umschlags in seine Jackentasche.
“Sofort. Oder morgen, wenn der große Held sich noch verabschieden will. Colin selbst fährt erst in zwei, drei Tagen los.“ Der Heldenkommentar war möglicherweise auf Keis neuen Decknamen gemünzt, der mit dem Kanji für 'Held' geschrieben wurde.
“Gut. Dann nehme ich morgen.“ Mit diesen Worten verschwand Kei aus Dennis' Zimmer und ging nachsehen, ob Colin noch wach war.
War er. In guter Absicht hatte er seine Schlafanzughose und ein Schlaf-T-shirt angezogen, doch er war überhaupt nicht müde. Beim goldenen Licht seiner Schreibtischlampe saß er mit hochgezogenen Beinen am Schreibtisch und las gebannt in einem Schulbuch. Daneben lag ein brandneuer aufgeschlagener Collegeblock, auf dem er scheinbar ein paar Aufgaben gelöst und Notizen gemacht hatte.
“Darf ich reinkommen?“ fragte Kei durch die halb geöffnete Badezimmertür. Colin blickte auf und nickte. Kei war so frei, sich auf Colins Bett zu setzen. “Ich muss morgen weg. Dennis hat mir einen längeren Job aufgebrummt.“
Colin sah ihn an. Sein Gesicht verriet nicht viel, oder eher zu viel auf einmal. Er sah vorsichtig, neugierig, ernst, verwirrt, aufgeregt und ein bisschen verlegen aus. “Da ich früher weg muss als du, wollte ich mich anständig verabschieden.“
“...“ Okay. Verabschiede dich.
Er kaute auf der Innenseite seiner Unterlippe.
Kei musterte ihn. “Wenn du mich wegen gestern noch anschreien willst, nur zu.“ Irgendwas saß Colin anscheinend gehörig quer. Bevor Kei ging, wollte er noch wissen, was das war.
Colin wandte den Blick auf den Boden. “Ich will dich nicht anschreien,“ sagte er leise.
“Du hast aber irgendwas.“ Kei sprach ruhig und sah zu Colin.
“Ja.“ Colin rutschte auf dem Stuhl weiter zurück, um seine nackten Füße auf der Kante der Sitzfläche fester aufzusetzen.
“Darf ich wissen was?“
“Das gestern war... ist scheiße gelaufen, aber ich will dich deswegen nicht nochmal rundmachen.“ Er zuckte mit den Schultern. “So scheinst du eben zu sein, es ist ja nicht deine Schuld, dass ich das nicht mehr weiß. Es ist nur schade. Ich finds einfach traurig, weil-“
Kei wartete, dass Colin den Satz beenden würde.
Er kaute ein bisschen auf seiner Zunge, ehe er weitersprach, immer noch ohne Kei direkt anzusehen. Das tat er nur zwischendurch, um dessen Gesichtsausdruck zu prüfen. “... Weil ich dich echt mag. Irgendwie.“
“Du hast mich öfter dafür rundgemacht, dass ich Scheiße gebaut habe. Tut mir Leid.“
Colin sah ihn an. Er wirkte ein winzigkleines bisschen überrascht. Jedenfalls sah sein Gesichtsausdruck nun offener aus. “Du findest - und meinst - du weißt also was ich meine?“
Kei nickte.
“Dann...“ Colin dachte nach. Das konnte man sehen. 'Dann geht das auch anders?' wollte er fragen, kam sich dabei aber etwas zu blöd vor. Irgendwie war er froh, dass er Kei eine Weile nicht sehen würde. Vielleicht war ihm die Nähe, das isolierte Aufeinanderhocken mit diesem viel zu appetitlichen Alien einfach nur zu Kopf gestiegen.
“Ich geb' mir Mühe.“ Kei musterte Colin. Der musterte ihn ebenfalls gebannt. Er schien nicht zu merken, wie er starrte. Kei sah ihn an und lächelte leicht. “Hab ich was im Gesicht?“
Ertappt blinzelte Colin und sah zur Seite. Kei schmunzelte nur ein bisschen.
“... Wo musst du denn hin?“ fragte Colin, damit es nicht zu still wurde.
“Ich muss Dennis bei was helfen.“
“Was denn?“
“Er sagt, dass das keiner wissen darf. Du auch nicht, damit deine Schulkameraden nichts erfahren.“
“Als könnte ich nicht dichthalten,“ sagte Colin augenrollend.
Du erfährst es doch eh. Geduld. “Ich verrate es dir, wenn du wieder hier bist.“
“Also in drei Wochen oder so. Ich muss doch sowieso schon genug geheimhalten, da könnt ihr mir das auch verraten.“
“Ich muss außerhalb etwas erledigen und es soll niemand wissen, wo ich bin.“
“Ja ja, schon gut. Du bist James Bond, hab's kapiert.“
Kei lachte. “Ein James Bond-Abenteuer wäre sicher von mehr Explosionen begleitet.“
“Und besserem Sex.“ Colin schmunzelte böse.
“Ich war noch nie auf einem, das kann ich nicht beurteilen. Sollte mir mal eins unterkommen, kann ich's dir ja erzählen.“
“Heißt das, dass du üben willst?“ Colin grinste.
Kei schmunzelte. “Du bist ja nicht da. Aber vielleicht gibt es was anderes jamesbondmäßiges da.“
“Martini.“
“Der schmeckt nicht.“
Colins Augen wurden groß. “Ich dachte du kippst einfach alles, das hart ist.“
“Ich habe Geschmacksnerven, die sogar funktionieren - und Martini ist eklig.“
Colin grinste.
“Dennis hat mir einen Führerschein besorgt. Einen echten. Ich kann mich nicht erinnern je einen gemacht zu haben.“
Colin lachte. “Du fährst doch dauernd.“
“Aber jetzt kann mir die Polizei nichts mehr.“
“Kommt drauf an wie du fährst,“ gab Colin mit einem Schulterzucken zu Bedenken.
“Manchmal kontrollieren die auch einfach so.“
Colins Blick wurde etwas ernster. “Die Instanz hat uns beide konditioniert, richtig? Damit wir... uns anfreunden.“ Er musterte Kei nachdenklich.
“Ja, haben sie.“
“Das haben sie nicht besonders gut gemacht,“ sagte Colin schmunzelnd.
“Nein. Die haben überhaupt noch nichts wirklich gut hinbekommen.“
Colin lachte leise. “Es hat funktioniert, aber ich frage mich wie.“
“Das weiß ich auch nicht. Aber was danach passiert ist, war wirklich verrückt.“
“So verrückt, dass ich den Verstand verloren habe,“ sagte Colin unernst. “Du machst mein Bett nass.“
“Ich glaube, das liegt daran, dass ihr Unsterblichkeitsexperiment nicht für Menschen gedacht war.“ Kei stand auf, zog die nasse Jacke aus und ging damit zur Tür.
Wo gehst du hin?
“Nasse Klamotten loswerden.“
“... Alle?“
“Soll ich in nassen Boxershorts herumsitzen?“
Colin wandte seinen schmunzelnden Blick errötend auf seine Knie. Kei schmunzelte und beförderte die nasse Jacke ins Bad, um sie aufzuhängen. Dasselbe tat er mit der Hose und dem Rest seiner Kleidung. Dann ging er in sein eigenes Zimmer und zog sich eine Jogginghose und eine etwas zu große Sweatshirtjacke an, bevor er wieder zu Colin ging.
Der hatte die kleine Lampe auf seinem Tisch ausgemacht und saß nun im Dunkeln auf dem Bett. Keis legerer Anblick machte ihn unerklärlich verlegen, darum war er für das sehr fahle Licht von draußen dankbar. Kei setzte sich zu ihm aufs Bett. Er schmunzelte ein bisschen. Colin rutschte vor ihn. Kei musterte ihn. Colin sah ihn ernst und mutig an, bevor er sich vorbeugte, um ihn zu küssen. Lächelnd erwiderte der Vampir mit den leuchtenden blauen Augen ihn. Colin hielt ihn zart und langsam, so wie es dieser Tage seine Art zu sein schien. Kei störte das nicht. Er fand es gut, dass Colin nicht mehr sehr wütend zu sein schien. Das war gut, immerhin musste Kei schon am nächsten Tag los.
“Darin bist du gut,“ flüsterte Colin schließlich und setzte sich wieder zurück. Kei lächelte. “You're an excellent kisser,“ raunte er genüsslich mit einem Lächeln.
“Übung.“
“Die darf man nicht vernachlässigen,“ sagte Colin nickend.
“Stimmt.“


Friday, July 14, 2017

Kei + Colin LXXXIX: Kein Gentleman


Kei nahm einen langen Weg aus dem Irrgarten heraus und den langen Weg zur Tür. Er entschied sich dagegen, in seinem Zimmer herumzusitzen und ging stattdessen in dem Gebiet um das Schlossgelände herum spazieren.
Ähnlich hielt es Colin, indem er erst das Labyrinth verließ, wenn auch auf direkterem Weg als Kei, und dann über die dunklen, diesigen Wiesen wanderte, die zum riesigen Anwesen gehörten. Als er die künstliche Höhle fand, zündete er dort die Kerze in der Laterne an und wunderte sich beim Einstecken des Feuerzeugs zum ersten Mal darüber, dass ihm gar nicht kalt war. Es war Jahresende, morgens lag oft Rauhreif auf dem Gras und alle trugen Schals und Mützen - aber er fror nicht, obwohl er die Kälte wahrnahm.
Vielleicht war es in Keis Gegenwart einfach noch viel kälter. Oder sein Frösteln während Keis Kampf mit Delilah und nun im dunklen Labyrinth hatte eine ganz andere Ursache gehabt.
Noch bevor sich der Nebel lichtete, ging er ins Schloss zurück.

Kei blieb die ganze Nacht verschwunden und war auch am nächsten Morgen nicht im Schloss zu finden. Da es nachts geregnet hatte, war Kei, mit Jeans und T-shirt bekleidet, die Nacht im Regen umhergegangen und hatte sich prompt verlaufen. Nicht, dass ihn das störte. Klatschnass ging er durch Felder und Waldstücke.
Seine Abwesenheit fiel zwar natürlich auf, sorgte aber nicht für besonderes Aufsehen. Die unsichtbaren Wachposten unter Delilahs Führung wussten von seinen Ausflügen und kümmerten sich längst nicht mehr darum. Mit Colin war das anders. Er wusste auch, dass Kei kam und ging, wie es ihm beliebte, obwohl er genauso versteckt bleiben musste wie er selbst, aber scheinbar schienen alle, die etwas zu sagen hatten, Kei zu vertrauen. Oder ihm zumindest zuzutrauen, sich effektiv versteckt zu halten und nicht die Geheimhaltung der Basis zu gefährden. Darum ging es Colin aber nicht. Diese Vampirsache war nur eine dieser vielen Geschichten, die er glauben musste aber nicht nachweisen konnte. Es wurmte ihn einfach nur, dass Kei sich nicht blicken ließ. Er hatte keine Ahnung, wo der Kerl steckte, und das nervte ihn, aber er wusste nicht genau, warum. Nicht, dass er an diesem Tag viel mit ihm - oder mit sich selbst - angefangen hätte. Er wäre beinahe überhaupt nicht aufgestanden. Als er es aber doch getan hatte und Kei nirgends auftauchte, fand er sich irgendwann unerklärlicherweise in Keis Bett wieder, wo er sein deprimiertes Dösen/Weinen/Schlafen fortsetzte.
Erst am späten Nachmittag hatte Kei den Weg wiedergefunden. Es regnete in Strömen, als er leise und klatschnass im Schloss ankam. Auf dem Weg in sein Zimmer hinterließ er eine Spur aus Regenwasser auf den teuren, antiken Teppichen und Holzdielen. An seinem Ziel angekommen stellte er beim Abpellen der nassen Kleidung fest, dass sein Bett belegt war. Er musterte Colin eine Weile, der fest zu schlafen schien. Zumindest seinem ruhigen Atmen und der halb unter der Bettdecke zusammengerollten Körperhaltung nach zu urteilen. Die Türen zum gemeinsamen Badezimmer standen beide weit offen und es brannte kein Licht in den Räumen. Die Winterdämmerung und der dichte Regen ließen sie nächtlich erscheinen.
Kei nahm sich ein Handtuch und trocknete sich ab, ehe er sich, in frischen trockenen Boxershorts, vorsichtig unter seine Decke legte. Er wollte Colin nicht aufwecken. Der gab auch kein Zeichen des Aufwachens von sich, sondern rollte sich nur etwas auf den Bauch und vergrub das Gesicht im Kissen, als sich die Matratze leicht bewegte. So wie Kei es von ihm kannte, bestand sein Schlafanzug aus einem T-shirt und einer richtigen Pyjamahose. Letztere war ihm in die Kniekehlen hochgerutscht. Kei lächelte ein bisschen und legte vorsichtig einen Arm mehr auf als um Colin, bevor er selbst die Augen zumachte.
Das reichte ihm. Er brauchte nicht zu schlafen.
Der Regen ließ über die Stunden nach und reduzierte sich auf ein stetiges weiches Nieseln mit gelegentlich etwas dickeren Tropfen, die ab und zu lauter gegen die Fensterscheiben schlugen. Kei lag die ganze Zeit mehr oder weniger wach neben Colin und ließ sich von dessen Körpertemperatur aufwärmen. Der Junge schlief noch lange ruhig weiter, und drehte sich nur ein bisschen, bis er schließlich so an Kei gelehnt dalag, dass er dessen Oberarm und Schulter wie ein Kopfkissen benutzte und das Gesicht beinahe an seine Brust drückte. Als der Regen etwas schwächer wurde, schlief Kei schließlich doch ein. Da war es schon fast wieder Abend.

Irgendwann in den lächerlich frühen Morgenstunden wachte Kei wieder auf. Sein Zimmer war dunkel. Draußen war es auch dunkel und im ganzen Schloss herrschte Stille. Colin lag nun nicht mehr auf ihm, sondern neben ihm, und sah ihn mit dem Kopf auf eine Hand gestützt an. In möglichst unpeinlicher Entfernung.
Kei sah Colin müde an. „Guten Morgen.“
„Morgen,“ murmelte Colin, nachdem er den Mund erst ein paarmal erfolglos geöffnet und wieder geschlossen hatte.
„Ich wollte dich nicht wecken,“ erklärte Kei lächelnd. Nun lächelte auch Colin sachte. Bisher hatte er ernst dreingeblickt.
„Tut mir leid. Was ich gestern gesagt habe,“ sagte er leise.
„Ich war auch kein Gentleman.“ Kei blickte Colin leicht von unten an, da er sich nicht die Mühe gemacht hatte, seine Position groß zu ändern. Das brachte Colin zum Schmunzeln. „Ich werde aber auch nie einer sein,“ fügte Kei an. „Du bist übrigens schön warm.“
„Sag das nicht.“ Colins Mundwinkel zuckte.
„Was davon?“
„Dass du nie ein Gentleman wirst. Immerhin...“ Er zuckte langsam die Schultern und ließ den Blick um das Bett schweifen, bevor er Kei weiter ansah.
„Bisher war ich keiner.“
„Suit yourself. Aber du hast mich nicht aufgeweckt und rausgeworfen. Du hast dich scheinbar an mir gewärmt und ich habe meine Hose noch an.“ Sein Grinsen deutete an, dass er das alles nicht so besonders ernst meinte.
„Nicht, dass das nicht zu ändern wäre...“ Keis Blick war spaßig-herausfordernd.
„Sag ich doch. Aus dir wird noch ein Gentleman.“ Das brachte Kei zum Lachen. Colin grinste. „Ich könnte das nicht, glaube ich.“
„Was könntest du nicht?“
„Wenn ich in jemanden - also wenn ich - also, einfach nichts tun. Abwarten und Tee trinken. Das könnte ich nicht. Ich bin wohl ein Hinterherrenntyp.“
„Ich bin auch nicht gut darin.“
„Doch, bist du. Extrem gut.“ Mit diesen Worten setzte Colin sich auf und kroch zur Bettkante.
„Bleib doch hier. Es ist mitten in der Nacht.“
Colin hielt inne und sah ihn an. „Hast du nicht eben ‚Guten Morgen‘ gesagt? Außerdem bin ich jetzt wach.“
„Das heißt nicht, dass du verschwinden musst.“
Colins Blick weitete sich fast unmerklich.
Herzklopfen.
Er kam ein paar Zentimeter zurück und zog sich die Decke wieder über die Beine.
Kei lächelte leicht. Er nahm sich Colins erreichbarere Hand und hielt sie locker fest. Colin sah dorthin und musste sich daran erinnern zu atmen. Und das weiterhin leise zu tun, was dann dazu führte, dass er zumindest optisch den Eindruck erweckte, als sei er ein wenig außer Atem. Er sah Kei an. Es war dunkel, also konnte er vielleicht nicht sehen, wie Colins Augen und Wangen gerade aussahen. Der Anblick von Keis tätowiertem, nacktem Oberkörper, selbst in diesem schwachen Licht, half ihm jedenfalls nicht dabei, seine Fassung zu bewahren.
Was Kei nicht sehen konnte, war die Farbe in Colins Gesicht. Den Rest sah er klar wie am Tag. Sein Gesichtsausdruck war fast unschuldig, als wollte er sagen: ‚Ich hab doch gar nichts gemacht.‘
Colin drehte seine Hand in Keis und schloss die Finger um sie. Kei setzte sich leicht auf und musterte Colin. Der versuchte, Kei nicht zu sehr anzustarren, konnte sich aber nicht ganz davon abhalten. Er sah irgendwie peinlich berührt aus. Oder auf eine verwirrte Weise besorgt. Wie man eben so aussah, wenn der schöne Typ, auf den man stand, halbnackt neben einem im Bett saß, händchenhaltend, und einen anstarrte. Mit der freien Hand schob Colin seine Haare hinter ein Ohr. Dafür waren sie nun gerade wieder lang genug. Kei beobachtete Colin noch eine kleine Weile, ehe er leicht an dessen Arm zog um ihn zu sich zu ziehen. Das ließ Colin auch zu, auch wenn er darüber selbst überrascht war. Um sich aufzustützen, hätte Kei seine Hand loslassen müssen. Was er nicht tat, sodass Colin halb auf ihm landete. Und seine freie Hand langte zuallererst versehentlich auf Keis nackten Oberschenkel.
Argh. Er kam sich so peinlich vor. Kei grinste ein bisschen.
Colins Gesicht in Farbe wäre jetzt sehenswert gewesen, aber er wusste wie es aussehen musste. Rot.
Das wusste Colin auch, oder er vermutete es stark. Seine Wangen und Ohren brannten noch, nachdem er sich wieder aufgesetzt hatte, nun sehr dicht vor Kei, und beinahe an ihn geschmiegt. So dicht bei sich hatte Kei Colin das letzte Mal gehabt, als sie Motorrad gefahren waren. Das sollte öfter so sein, fand Kei. Er hielt Colins Hand weiter fest und küsste den Kleineren einfach.
Verblüfft atmete Colin erst aus, aber schloss schnell die Augen und erwiderte den Kuss, keusch aber sehr bereitwillig. Seine Hand in Keis zuckte leicht. Kei lockerte den Griff um Colins Hand so, dass der Kleinere damit tun konnte was er wollte, und erhielt den Kuss aufrecht. Und der machte mit. Sogar mit allmählichem Lächeln. Seine Finger strichen über Keis Hand und dann seinen Arm hinauf. Und mit Lippen und Zunge probierte er gemütlich aus, was man so mit Keis Lippenring anstellen konnte. Der Vampir nahm die nun wieder freie Hand dazu, Colin ein kleines Stück dichter zu sich zu ziehen. Während er nun wieder so ziemlich an Kei lehnte, zog Colin den Kopf etwas zurück.
„Ich nehme alles zurück,“ sagte er leise.
„Das sagst du jetzt. Morgen bin ich wieder ein Arschloch,“ scherzte Kei. Colin schmunzelte.
„Das sehen wir dann morgen,“ sagte er und küsste ihn wieder, mit den Armen auf Keis Schultern. Kei grinste und erwiderte den Kuss. Bis morgen war nicht mehr so viel Zeit.
Während sie so weitermachten, Colin langsam und unermüdlich und zwischendurch mit glücklichem Schmunzeln, kniete er irgendwann rittlings auf Keis Oberschenkel und stellte viel später fest, dass er deutlicher sehen konnte. Er sah zum nächsten Fenster, wo der dunkelgraue Himmel den Morgen ankündigte.
„Jetzt ist es wirklich morgens,“ bemerkte Kei, ohne wirklich von Colin abzulassen. Eine Hand war irgendwo in Colins, wieder lang genug dafür gewordenen, Haaren verschwunden und mit der anderen hielt er den Kleineren fest. Colin nickte.
„Schade.“
„Du musst immer noch nicht aufstehen.“
Colin schüttelte langsam den Kopf. „Nein. Aber ich mag die Nacht.“
„Gut, dass der Tag nicht lange dauert.“
Colins Augen weiteten sich plötzlich etwas, als fiele ihm etwas ein.
„Hm?“ Kei schaute ihn fragend an.
„Ich glaube, Rupert kommt heute zurück.“
„Wo war der eigentlich?“
„Bei der Meditec in Liverpool.“ Er ließ Kei nicht los und stieg auch nicht von ihm herunter. Das hier war viel zu... schön.
„Dann kommt er bestimmt nicht um diese Uhrzeit zurück.“ Kei wollte Colin noch eine Weile für sich beanspruchen.
„Nein,“ sagte Colin leise. Wie er Kei so ansah, musste er plötzlich beschämt lächeln. „Ist das hier w-“ Keis Lippen schnitten ihm das Wort ab. Das war auch ganz gut. Er hätte nämlich sonst beinahe den Umstand angesprochen, der ihn nun dazu brachte, sich etwas aufzusetzen, damit Kei nicht auch spürte, was gerade in seiner Hose los war, und sich darüber lustig machen konnte.
Darüber lustig gemacht hätte Kei sich keineswegs. Was Colin sagen wollte, schien nicht allzu wichtig zu sein, denn er machte keine besonderen Anstalten es fortzusetzen. Er küsste Kei bloß langsam und genüsslich weiter und stützte sich dabei auf Keis Schultern, um sich nicht wieder auf ihn setzen zu müssen.
Um sie herum wurde das Schloss so langsam wieder wach.
Nicht, dass Colin das interessierte. Keis Haare, die Farben und Formen auf seinen Schultern, die gewichtige Tatsache seiner Nacktheit und vor allem sein Mund beschäftigten ihn zu sehr.
Kei bekam das beginnende Treiben um sie herum mit, kümmerte sich aber auch nicht darum. Es war nicht schwer, die Geräusche um sich herum auszublenden, wenn Colin fast auf ihm saß.

Sie schafften es irgendwann aus dem Bett, in andere Kleider und sogar andere Räume. Kei war es nicht ganz recht, dass Colin es sich in der Bibliothek gemütlich machen wollte, also brachte Colin sich zwei Bücher in Keis Zimmer mit, wo er gegen Kei gelehnt versuchte, Gedichte zu lesen, während Kei auf seiner Gitarre herumzupfte. Beides wurde von beiden häufig unterbrochen, um ihr neues Hobby von den frühen Morgenstunden wieder aufzunehmen.
Niemand störte sie, bis am Nachmittag Rupert zurückkam.
Delilah klopfte an Keis Zimmertür und holte Colin heraus, um ihn zu Rupert zu bringen. Dafür erntete sie einen Mittelfinger von Kei, der die folgende Zeit mit der Gitarre, Warten und Herumlaufen herumbringen musste. Als Colin nach über zwei Stunden aus Ruperts Privatapartment kam und Kei nicht in seinem Zimmer vorfand, wanderte er ziellos durch das Schloss, um ihn zu suchen. Er fand ihn schließlich im Spielzimmer. Der Vampir lag auf dem Billiardtisch und versuchte, die Dartscheibe im Liegen zu treffen.
Ein prüfender Blick auf die Zielscheibe ließ Colin wissen, dass die liegende Position für Kei kein großes Hindernis darstellte und mehr ein Ausdruck der Langeweile als ein herausforderndes Handicap war. Er schloss die Tür und ging zum Sofaende, das dem Billiardtisch am nächsten stand, um sich daran zu lehnen.
„Das war wohl ein sehr ausführlicher Reisebericht, was?“ fragte Kei, der einen Smiley in die Dartscheibe geworfen hatte.
„Eigentlich nicht. Er hat kaum von der Messe gesprochen.“ Colin legte etwas den Kopf schief, um die Darts kurz nachdenklich zu betrachten.
„Erzählst du mir die Neuigkeiten?“ Der Smiley hatte ein ziemlich verzerrtes Gesicht, weil Kei beim Werfen nicht genau hingesehen hatte.
„... Ich kann wieder zur Schule gehen...“
„Aber?“
„... Es ist ein Internat in Schottland.“
„Aber dann sehe ich dich kaum noch.“
Colin blickte zu Boden und errötete leicht.
„Kannst du nicht auf ‘ne normale Schule gehen? Die Internatsidee finde ich scheiße.“ Dass Colin seinen Schulabschluss machen sollte, fand Kei allerdings gut.
„Das habe ich auch gefragt,“ sagte Colin, nachdem er sich verlegen geräuspert hatte. „Aber wenn ich in Lancaster zur Schule gehe, bringe ich uns alle in Gefahr. Das Internat bei Inverness ist laut Dennis und Rupert richtig sicher und unbeobachtet. Da kann ich mit nur leicht verändertem Namen als ich selbst sein. Hat er gesagt.“
„Das ist ja gut. Aber dann bist du trotzdem weit weg.“
Colin nickte.
Es war schwierig... aber fühlte sich auch richtig gut an. Noch einen Tag zuvor wäre er von Ruperts Vorschlag hellauf begeistert gewesen und hätte auf der Stelle seinen Koffer gepackt. Er wollte das auch jetzt tun. Aber jetzt gab es noch Kei.
Er verschränkte betreten die Arme.
„... nur bis Weihnachten,“ sagte er schließlich.
„Und dann bis zum Sommer und Weihnachten ist kurz.“
„Es ist aber eine gute - Was soll ich denn sonst machen?“
„Dichter hier zur Schule gehen.“ Kei kam der Gedanke, dass er sich einfach, jetzt wo er legal volljährig war, eine Wohnung nehmen könnte, aber er bezweifelte, dass Dennis damit einfach so einverstanden wäre.
„Hast du nicht zugehört? Das lässt uns auffliegen,“ sagte Colin sanft.
„Lässt uns auch auffliegen, wenn ich ne eigene Wohnung irgendwo da hätte?“
Überrascht sah Colin auf. „Du w-“ Du würdest mir hinterherziehen?
„Da wäre jedenfalls mehr los als hier,“ kommentierte Kei Colins Gedanken.
„Das glaube ich nicht. Inverness ist jetzt nicht die aufregendste Metropole, und das Internat liegt auch noch ein Stück außerhalb.“
„Das Stück außerhalb ist immer noch kürzer als der Weg von hier aus.“
Colin musterte ihn und sah dabei ein wenig überwältigt aus, gelinde gesagt. Kei lächelte leicht. „Ich will nicht drei Stunden brauchen, nur um dich zu besuchen. Dafür bin ich zu verwöhnt.“
Colin machte die drei Schritte zum Billiardtisch und stützte sich mit den Händen auf die breite Kante. „Warum willst du das machen?“ fragte er leise.
„Ich will nicht, dass du so weit weg bist.“
Colin beugte sich etwas über ihn und schmunzelte liebevoll. „... Hinterherrenntyp.“
„Purer Egoismus.“ Kei zog ihn zu sich und küsste ihn. Grinsend versuchte Colin, den Kuss zu erwidern, und trotz Keis Griff mit auf den Tisch zu klettern. Kei ließ ihm auch die Möglichkeit dazu, da er ihn nicht besonders festhielt. Colin kniete sich so hin, dass er beinahe auf Keis Bauch saß, ohne den Kuss zu unterbrechen. Kei grinste in den Kuss und schob eine Hand unter Colins Shirt. Der versteifte sich daraufhin etwas und hob den Kopf, um Kei anzusehen. Kei erwiderte Colins Blick immer noch grinsend. Colin musste zwar schmunzeln, legte aber eine Hand auf Keis Unterarm und schob ihn hinunter. Kei verhakte einfach die Finger in der Gürtelschlaufe von Colins Hose, weil er ihn nicht ganz loslassen wollte.
„Was, wenn das eine Enttäuschung wird?“ fragte Colin und setzte sich auf.
„Du denkst zu viel,“ erwiderte Kei.
„Denkst du genug?“
„Selten.“
Colin musste grinsen. „Was willst du?“
„Sex, Blut, dich und 'nen Drogenrausch.“
Darauf wusste Colin nichts zu entgegnen und glotzte nur doof, bis er leise lachen musste. Kei musterte ihn grinsend. Er sah belustigt, verlegen und etwas ungläubig aus. Und jetzt schob er sich wieder die Haare hinter die Ohren.
„Was ist denn, wenn du mich nicht kriegst? S- alles andere kannst du dir ja erfüllen, aber dafür wanderst du ja nicht nach Inverness aus.“
„Ich kann mich ja als Minnesänger versuchen. Oder ich versuche mich zu betrinken und tue Dinge, die ich nüchtern bereuen könnte.“
„Was denn zum Beispiel?“ fragte Colin gutgelaunt.
„Das weiß ich noch nicht. Ich war noch nie so betrunken, dass ich den Scheiß, den ich gebaut habe, bereut habe.“
„Warst du noch nie betrunken genug? Oder bereust du einfach gar nichts?“
„Ich war noch nie betrunken genug um etwas zu tun, dass ich bereuen würde. Da gibt es auch nicht viel.“
„Hast du überhaupt nie etwas getan, das du danach bereut hast?“ Mit den Fingern strich Colin ein paar Falten in Keis T-shirt entlang, um sie zu glätten. Das war natürlich nur ein Vorwand. Er saß dem Jungen sehr bequem auf den Hüften.
„Nichts, das nicht doch irgendwie so ausgegangen ist, dass es am Ende gut war.“ Kei befand Colins Position durchaus für bequem. Nicht nur bequem. Der Kleinere saß da gut.
Kei überlegte ein bisschen. Klar gab es Dinge, die im Nachhinein keine so sonderlich gute Idee gewesen waren, aber ihm wollte nichts einfallen, dass er so richtig bereute. Kei wusste gar nicht, wie es sich anfühlte, etwas wirklich zu bereuen.
„Was denn so? Was hast du bereut und war am Ende gut?“
„Seit ich dich kenne... In Südamerika einfach abzuhauen war eine dumme Idee. Zum Beispiel. Aber das ging gut aus.“
„Abzuhauen? Du meinst in Chile? Als du weitergefahren bist?“ Colins unbedarfte Neugier verdeutlichte, wie unbeteiligt er an dieser Geschichte war, und dass er sie nur von Keis Erzählungen kannte.
„Ja. Das hätte auch nach hinten losgehen können.“
Colin blickte auf und schaute nachdenklich auf einen Vorhang.
„Ansonsten hab ich als Kind ein paar sehr, sehr dumme Sachen angestellt.“
„Was denn?“ Colins Blick schnappte zurück und musterte Kei aufmerksam.
„Ich hatte... Stress mit ein paar Gangstern.“ Kei fiel wieder ein, dass diese Keis Kinderfoto-Geschichte in Colins Welt nie passiert war, was er ganz gut fand. „Und ihre Leichen und lauter Spuren einfach liegenzulassen hätte mich den Kopf kosten können, ich hätte das besser machen sollen...“
„Du hast ein paar Gangster umgebracht? Als Kind?“
„Ja. Ging nicht anders.“
„Warum?“ Das ‚Wie‘ sparte Colin sich, nachdem ihm eingefallen war, wozu Kei als Vampir imstande war.
„Sie waren nicht gerade nette Gangster.“
Colin musste lachen. „Schon klar, aber warum musstest du sie umbringen?“
„Damit sie mich in Ruhe lassen. Einer von denen stand immer in der Tür. Ich wollte gehen. Er hat Nein gesagt. Irgendwann hat einer von denen sein Messer vergessen.“
Mit ernstem Blick stieg Colin von ihm herunter und setzte sich im Schneidersitz neben ihn. „Fang von vorne an,“ sagte er leise und stützte sein Kinn auf eine Hand.
„Das ist keine schöne Geschichte.“
Colin sah ihn nur schweigend an.
„... Ich hab ne Weile auf der Straße gelebt, nachdem meine Mutter getötet wurde. Bin an die nicht netten Gangster geraten und ne ganze Weile später da wieder abgehauen. Waren um und bei insgesamt sieben Jahre.“
„Du wurdest da sieben Jahre lang gefangengehalten?“ Colin flüsterte beinahe.
„Nein. Ich war erst eine Weile Straßenkind. Das klappt ganz gut, wenn du kein Essen brauchst. Dann hab ich mit neun oder so Dummheiten gemacht, die mir diese Bekanntschaft eingebracht haben und mit zwölf bin ich da abgehauen.“
Colin schluckte und starrte.
Kei musterte ihn. Der Kleinere sah leicht schockiert aus und das obwohl er die wirklich miesen Teile weggelassen hatte.
Ich kenne dich gar nicht, schoss Colin durch den Kopf. Das wurde ihm jetzt richtig bewusst. Er hatte bisher kein bestimmtes Bild von Keisuke Sakai gehabt, aber das, was er von ihm kennengelernt hatte, in den paar Wochen, die er bewusst mit ihm zu tun gehabt hatte, ließ ihn hauptsächlich wie einen selbstbewussten Rebell aussehen, wie einen typischen, schlechtgelaunten Teenager - Colin hatte nicht einmal über Keis Familienverhältnisse nachgedacht. Er wusste, dass Delilah und Dennis seine Geschwister waren, aber das war auch alles.
Kei wartete eine kleine Weile. „Ich bin mit vierzehn bei einem Bekannten untergekommen. Bald darauf hatte ich Arbeit, Schule und eine Wohnung. Bis auf die Schule alles illegal.“
„Wow,“ sagte Colin leise. Sakai war die ganze Zeit nicht auf Abwegen gewesen, sondern hatte sich bemüht, von den Abwegen wegzukommen, auf denen er aufgewachsen war.
Und die Instanz machte alles wieder kaputt.
„Naja, eigentlich ist das egal. Ich werde niemals ein geregeltes Leben haben, so who cares?“ Kei schien das tatsächlich egal zu sein.
„Komm her.“ Colin öffnete die Arme.
Kei setzte sich auf. „Wird das eine total kitschige Umarmung?“ fragte er, als er zu Colin hinüberrutschte.
„Ja.“ Colin schlang die Arme um Kei, bevor der es sich anders überlegen konnte. Kei musste lachen, erwiderte die Umarmung aber. „Jetzt kann ich dich ja nicht mehr allein lassen. Wie gerissen von dir,“ sagte Colin in Keis Schulter.
„Kannst du nicht oder willst du nicht?“
Colin ließ ihn los. „Das ist doch dasselbe. Willst du auch wieder zur Schule gehen? Oder bist du in den verlorenen Jahren damit fertig geworden?“
„Ich bin nie fertig geworden.“
„Willst du dann auch?“
„Schule? Ich bin ein grausiger Schüler.“
Colin lachte. „Ich weiß. Willst du oder nicht? Wenn die Schule in Inverness so sicher ist, können wir bestimmt beide dahin. Ich kann dir mit Englisch helfen und würde noch mehr Gossenjapanisch von dir lernen.“ Er grinste.
„Ich kann auch anständiges Japanisch,“ grinste Kei und fügte noch „Einen Schulabschluss kann ich sicher gebrauchen,“ hinzu.
„Habe ich von dir noch nicht gehört,“ stichelte Colin feist grinsend.
„Ich brauche ihn auch nicht zum Leben. Aber es ist sicher nützlich.“
„Ich meinte dein Japanisch. Ich wette, du kannst noch nicht mal die Kanji für ‚Bildungsministerium‘.“ Das dreckige Schmunzeln wollte nicht verschwinden.
„Du bist ein kleines Arschloch, weißt du das?“ Kei wünschte sich gerade einen Filzstift, um Colin das Gegenteil zu beweisen. Er grinste. Colin lachte und nickte fröhlich. Kei küsste ihn. Einen Stift hatte er gerade nicht zur Hand, also ließ er seinen Streich erstmal bleiben. Begeistert erwiderte Colin den Kuss, aber nur kurz.
„Aber die Umarmung war kitschig, ja?“ Er musste beinahe wieder lachen.
„Ja.“ Kei grinste.
„Ja, war sie. Aber das hier auch.“ Colin küsste Kei, eilig aber sanft.
„Ich hab nichts anderes behauptet.“
„Komm mit nach Inverness,“ sagte Colin, während er mit den Zähnen an Keis Lippenring zog - als sei ihm das gerade selbst eingefallen. Seine Hände lagen auf Keis Nacken.
„Du klaust meine Ideen,“ entgegnete Kei und küsste den Kleineren wieder.
„Leg doch Beschwerde ein.“ Colins Hände wanderten über Keis Schultern hinunter, tastend.
„Ich fürchte das wird nicht fruchten.“
„Vielleicht doch. Wenn du den richtigen Antrag ausfüllst...“ Colins Hände machten nun das, was er Keis vorhin noch verboten hatte, und rutschten gemächlich seinen Bauch hinunter und unter Keis T-shirt. Kei ließ das Antworten bleiben und schob stattdessen eine Hand unter Colins Shirt.
Unter seinen Händen spürte Colin Keis Haut wärmer werden, oder es kam ihm nur so vor. Er selbst kam sich nun auch wärmer vor als sonst, und dort, wo Kei ihn berührte, wurde er zu Wasser, das mit jedem Fingerstrich in sanften Wellen vibrierte. Er sog zitternd Luft ein. Anders ging Atmen nicht mehr. Kei erkundete Colins Körper seinerseits. Auch, wenn er ihn schon in- und auswendig kannte. Das war egal. Das hier konnte man häufiger machen. Er küsste den Kleineren weiter, der nun gieriger geworden war und seine Zähne zur Hilfe nahm. Er ließ von Keis drahtigen Muskeln ab und stützte sich dafür auf seine Oberschenkel, um sich ihm entgegenzulehnen. Er musste etwas Druck von seinem Schritt nehmen.
Kei schob Colins Shirt etwas nach oben um mehr Platz zu haben.Zieh mich doch gleich ganz aus, schlug Colin in Gedanken vor und zog den Kopf zurück.
„Eine gute Idee.“ Kei entgegnete Colins Gedanken gerne laut. Nur um zu sehen, wie der Kleinere darauf reagierte.
Mit leichtem Schrecken, so reagierte er darauf.
„... Telepathie ist unfair,“ murmelte Colin und nahm schnell die Hände von Keis Beinen.
„Ich hab mir nicht ausgesucht, deine Gedanken im Kopf zu haben.“ Obwohl es schön ist, zu wissen, was du denkst.
„Kannst du das nicht abschalten?“ fragte Colin und kratzte sich am Arm, den er mit Absicht so vor sich hielt, dass er damit hoffentlich die Wölbung in seiner Hose verdeckte.
„Nein.“ Konnte er wirklich nicht. Colins Gedanken tauchten meist ohne, dass er es wollte, in seinem Kopf auf. Nicht, dass er ernsthaft etwas dagegen hätte.
„Kriegst du alles mit, was um dich herum so gedacht wird?“
„Nein.“
„Warum dann die Sachen, die ich denke?“
„Das passiert ja nicht immer. Das klappt nur aus Versehen, wenn ich nicht abgelenkt bin.“
„... das ist gruselig.“
„Ein bisschen.“
Colin schaute ein bisschen um sich, rieb sich auf den Knien herum und rutschte dann zur Seite, um die Beine vom Tisch zu schwingen. Kei musterte ihn ein wenig. „Delilah kann was viel gruseligeres,“ erwähnte er nebenbei.
Colin sah ihn wieder an. „Was denn?“
„Sie kann per Telepathie kommunizieren. Stell dir vor, du hörst plötzlich jemandes Stimme in deinem Kopf, die ganz normal mit dir spricht.“
Seine Verlegenheit vergessen, staunte Colin ihn unverhohlen an. „Wie klingt sie?“
Kei versuchte, Delilahs Stimme zu erklären. „Ich weiß nicht, wie viele Sprachen sie kann. Sie klingt total unmenschlich, also eher roboterhaft.“
„Und ich?“ Interessiert drehte Colin sich wieder zu Kei um.
„Du gar nicht. Du klingst immer noch nach Stimmbruch.“
„Ey,“ sagte Colin im Beschwerdeton, mit beleidigtem Gesicht und absichtlich quietschender Stimme.
Kei lachte. „Isso.“
„Der Stimmbruch war mal Popstar, dass das klar ist.“
„Ich weiß, dass du gut klingst, Angeber.“
„Angeber, ich?!“
„Ja, manchmal.“ Kei grinste.
„Und was ist mit dir?!“
„Ich bin ein großer Angeber.“
„Ah...“ Colin musste grinsen und errötete ein bisschen, als er an das falsche dachte, und schüttelte leise lachend den Kopf. „Stimmt. Du gibst schon an, bevor du überhaupt den Mund aufmachst.“
„Ich kann nichts für mein Aussehen,“ lachte Kei.
„Schnauze,“ sagte Colin verlegen grinsend.
„Na gut.“ Kei zog sich Colin wieder dichter heran und küsste ihn. Diesmal drückte Colin ihn weg, oder versuchte es zumindest.
„Hast du keine Angst, dass ich nur darum auf dich stehe?“ Er schmunzelte.
„Nein.“ Und da war sich Kei sogar sicher. Colin zuckte mit den Schultern und drehte sich wieder weg, um vom Tisch zu klettern. „Für wann ist der Internatsausflug eigentlich geplant?“ fragte Kei.
„Sobald ich zustimme,“ sagte Colin, indem er vom Tisch stieg und sich das T-shirt wieder hinunterzog.
„Wenn ich wieder zur Schule gehe, musst du mir helfen. Zumindest ein bisschen.“
„Klar. Mach dir da keine Sorgen. Ich werde dich Shakespeare rezitieren lassen,“ sagte Colin mit einem gemeinen Lächeln. „Und du wirst eine komplette Uniform tragen.“ Er ging um den Tisch herum auf die Tür zu.
„Hast du Uniform gesagt?“ Kei stand auf und folgte Colin. Der nickte langsam.
„Mit Krawatte... und Jackett... und schwarzen Schuhen...“ Er wartete auf Kei, ehe er die Tür öffnete und hinausging.
„Rate mal, wie lange die ordentlich aussehen wird.“ Wenn es irgendetwas gab, das Kei nicht gerne trug, dann waren es Uniformen. Er folgte dem Kleineren und schloss die Tür hinter sich.
„So lange, bis du rausgeschmissen wirst? Jedenfalls wirst du peinlich genau darauf achtgeben, solange du unentdeckt bleiben möchtest.“ In gemächlichem Tempo schlenderte Colin auf ihre Zimmer zu, bis zu Keis Tür.
„Ich hatte nicht vor, sie zu zerfetzen.“ Kei öffnete seine Tür.
„Sie überhaupt erst vollständig anzuziehen wird für dich die größere Herausforderung,“ sagte Colin grinsend und trat ein.
„Hemd und Jackett sollten eigentlich auch reichen.“ Kei ließ sich auf sein Bett fallen nachdem er das Fenster geöffnet hatte.
„An einer britischen Privatschule? Du bist süß.“ Er trat ans Bett und lehnte sich an einen der Pfosten am Fußende.
„Ich komm damit durch.“ Kei schien sich dessen ziemlich sicher zu sein. Klar, er konnte hypnotisieren. Natürlich kam er damit durch. Zumindest war er sich ziemlich sicher, dass das funktionieren würde. Colin zuckte nur mit den Schultern und sah sich betont gelassen um. Er hatte die Arme locker verschränkt und einen Fuß über den anderen gestellt. „Man sollte meinen, du kennst dich hier schon aus,“ kommentierte Kei Colins Umseherei grinsend.
„Willst du mit mir schlafen?“ fragte Colin unverblümt.
Kei blinzelte.
„Ja.“
Als er und Colin das erste Mal aufeinander getroffen waren, war das ganz anders verlaufen. Schade, dass Colin das nicht mehr wusste. Dass das eigentlich eine ziemlich überflüssige Frage gewesen war, wusste Colin natürlich auch nicht mehr. Colin schluckte und biss sich entschlossen auf die Zunge.
„Hast du ein Gummi?“ murmelte er heiser.
„Eh, nope.“
Mit einem ‚Oh, Mist‘-Gesicht blickte Colin zu Boden.
„Tja...“ Er stieß sich vom Pfosten ab.
„Das hat dich sonst auch nicht interessiert,“ informierte Kei seinen Freund grinsend. Colins vorsichtiger Blick war schwer zu lesen. Nur Verlegenheit war darin deutlich zu sehen. Als ihm keine Entgegnung einfiel, kratzte er sich am Kopf. Kei musterte ihn leicht grinsend. „Wenn du noch ‘n paar Minuten Zeit hast, könnte ich mich nach draußen begeben und welche holen.“ Oder es ist dir egal.
„... Ich habe Zeit,“ sagte Colin leise, ohne Kei direkt anzusehen. Er widerstand dem Drang, sich die Hände vors Gesicht zu halten. Das hier wurde mit jeder Minute peinlicher.
„Bin gleich wieder da.“ Kei zog sich nur seine Stiefel über, ohne sie zuzumachen, auf eine Jacke verzichtete er auch und verschwand dann nach draußen, um mit dem Motorrad in den nächsten Ort zu fahren.
„Und Gleit-!“ sagte Colin noch, während Kei aus dem Fenster kletterte, doch machte den Mund verlegen wieder zu, als Kei ihn ansah, bevor er hinuntersprang. So peinlich, brummte er in Gedanken. Dann fiel ihm etwas ein, siedendheiß, und er rannte schnell ins Badezimmer, um gründlicher zu duschen als jemals zuvor.

Monday, December 19, 2016

Kei + Colin LXXXVI: Wir waren mehr als Freunde

Als sie den Raum betraten, machte Colin große Augen. Er wohnte nun schon ein Weilchen hier in Ruperts Schloss und hatte diesen Raum noch nie gesehen.
„Warum weiß ich nichts davon?“ staunte er. „Hier gibt‘s ja alles.“
„Weil du‘s vergessen hast. Such dir was aus.“
„Äh.“ Colin drehte sich im Raum, um sich umzusehen. Dann zuckte er zum x-ten Mal mit den Schultern und zeigte auf die riesige Musikanlage. „Musik und Darts?“
„Klar. Hast du Musikwünsche? Hier gibt's alles mögliche an Musik.“
„Äh. Keine Ahnung, mir egal?“
Kei ging zur Musikanlage und suchte Musik aus, die Colin kannte. „Meinst du, man kann hier Playlists bauen?“ fragte er.
Auf einmal gingen Colin wie in plötzlicher Erkenntnis die Augen auf. „Darum wart ihr nie beim Essen dabei,“ sagte er.
„Weil wir kein normales Essen brauchen, ja.“ Kei machte weiter an der Anlage herum, bis er sich für eine CD von den vielen, die ihm sofort einfielen, entschieden hatte. „Komm mal her. Hier ist noch was, das du in den letzten zwei Jahren gemacht hast.“
Colin taperte zu ihm an den Schrank. Kei trat zur Seite. „Schau mal. Das hast du getrieben, als wir ‘ne Weile nicht zusammen unterwegs waren.“
„Was, CDs gesammelt?“ fragte Colin doof, bis er feststellte, dass Kei ihm nicht die aufgereihten Plastikhüllen zeigte, sondern die Türinnenseite, die mit Postern und Fotos aus Magazinen beklebt war. Mit den Händen in den Hosentaschen betrachtete er sie näher. Jedes einzelne.
„... Wer ist das?“ fragte er schließlich leise, immer noch draufstarrend. Aber er wusste natürlich längst, was Kei ihm antworten würde.
„Dein böser Zwilling,“ scherzte Kei monoton.
„Ich habe einen-“ Colin sah zu Kei und verstummte. „Arschloch,“ sagte er mit strafendem Blick.
„Gern.“
„Wessen kranke Idee war das, mich Angel zu nennen?“ fragte er, wieder die Bilder betrachtend. Es war merkwürdig, sich selbst auf Fotos zu sehen, an deren Umstände man sich nicht im Geringsten erinnern konnte.
„War der Name auf deinem falschen Ausweis.“
„Warum hatte ich einen falschen Ausweis? ... War ich gut?“ Interessante Kostüme...
„Wir mussten unerkannt aus Japan raus. Ja, warst - bist du. Du kannst das immer noch.“
Mit einem schelmischen Seitenblick von unten, immer noch zu den Bildern hingebeugt, sagte Colin: „Warst du mein Fan?“
„Ich hab‘ manchmal im Fernsehen gesehen, was du so treibst. Deine Musik war und ist wirklich gut.“ Das konnte man auch als Ja verstehen, wenn man wollte.
„... Wie die Poster hier beweisen,“ sagte Colin mit dreistem Schmunzeln und richtete sich wieder auf.
„Ja. Es war nicht einfach, dich zu finden, obwohl du ständig irgendwo in den Medien warst.“
„Wir haben Japan zusammen verlassen?“
„Ja.“
„Warum?“
„Wir wurden verfolgt.“
„Warum?“
„Wir wurden von mächtigen Vampiren entführt, sind gestorben und irgendwann sind wir da rausgekommen und mussten abhauen.“
„Wir sind ge- bist du als Vampir nicht sowieso tot?“ Colin bewegte sich zum Sofa und rollte sich lässig über die Lehne auf die Sitzfläche, ohne die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen.
„Nein, ich bin als Vampir geboren. Ich bin nicht untot. Ich lebe nur anders. Naja mittlerweile bin ich beides. Untot und anders lebendig.“
„Also... Vampire werden geboren, und wenn sie sterben, erstehen sie untot wieder auf?“
„Ich kann kaum sterben. Diese Pisser, von denen ein paar mittlerweile tot sind, haben an uns versucht, Unsterblichkeit möglich zu machen. Da du ein Mensch bist, ist das nicht ganz so glimpflich ausgegangen und deshalb kam es irgendwann dazu, dass Dennis dein Gedächtnis löschen musste.“ Kei sammelte die Dartpfeile zusammen.
Auf der Erläuterung kaute Colin erstmal ein bisschen herum. Dabei starrte er blind auf den schwarzen Fernsehschirm vor sich, in dem er sich dumpf spiegelte. Es war alles ziemlich unglaubwürdig, aber die leuchtenden blauen Augen von Dennis, Kei und Delilah, die rasante Spucke-Heilung von Dennis‘ Arm, diese Gelassenheit, mit der er die Verletzung hingenommen hatte, Colins Fotos im Musikschrank und seine zwei verlorenen Jahre waren zweifellos echt. Seine eigene rätselhafte Spontanheilung ebenfalls. Egal, was die Wahrheit war, sie musste seltsam sein. Warum dann also nicht einfach diese Geschichte akzeptieren?
„Hat diese Bindung, von der Dennis gesprochen hat, was damit zu tun? Ich meine, ist das... ist das diese Unsterblichkeitsgeschichte? Sind wir darum zwei Jahre lang zusammen unterwegs gewesen?“
„Das hängt auch miteinander zusammen. Ich bin zum Beispiel klinisch tot, wenn du zu weit weg bist.“
„Wow, okay... oh, sollte ich darum heute nacht nicht türmen? Damit du nicht stirbst?“
„Ich sterbe nicht im Sinne von richtig tot sein. Ich hab keinen Herzschlag mehr und man kann mich sogar umbringen.“ Du sollst nicht türmen, weil ich nicht will, dass du gehst. „Oh, das funktioniert auch andersherum.“
„Ah... und darum hast du mich gesucht, als wir zwischendurch getrennt waren? Als ich Sänger war?“ Colin drehte sich etwas auf dem Sofa und schaute über die Lehne. „Warte mal, warum sind wir dann nicht tot?“
„Und, weil ich irgendwann nicht mehr sauer war.“ Kei zielte sorgfältig und warf einen Pfeil in die Dartscheibe. „Weil wir, warum auch immer, nicht ganz draufgehen. Ich bin sowas ähnliches wie unsterblich, halbtot und umbringbar, wenn du nicht da bist.“
„Du warst sauer? Auf mich? Warum?“ Colin lehnte sich auf die Rückenlehne und stützte das Kinn auf die Fäuste. „Lagerkoller, weil wir wegen der Geschichte immer zusammenhocken mussten?“
„Nein. Ich war wegen was anderem sauer und ja, deinetwegen.“
Colin grinste. „Nein aber ja?“
„Nein, ich hatte keinen Lagerkoller, aber ja, ich war sauer. So.“
„Ooh, was hab‘ ich gemacht?“ Colin grinste immer noch.
„Es gab Streit und dann bin ich weitergefahren.“
„Weitergefahren?“
„Wir waren in Südamerika und hatten gerade in einem alten Haus Station gemacht. Ich wollte weiter. Du bist dann nach Bolivien gefahren.“
„Wussten wir nicht, dass wir davon sterben können?“
„Wir sterben da nicht dran. Wir sterben wahrscheinlich endgültig, wenn man uns dann umbringt. Klinisch tot und richtig tot sind unterschiedlich.“
„Aber das ist doch normal... also für Menschen zumindest.“ Colin kniete sich hin, weiter auf die Rückenlehne gestützt. „Cool, dass du auch Roxette magst.“ Er nickte zur Musikanlage, die gerade ‚Fading Like A Flower‘ abspielte.
„Ich kenn‘ das erst, seit ich deine Version mal gehört habe.“
„Oh, ich habe das gecovert? Cool.“ Colin lächelte breit.
„Das müsste auch bei den ganzen CDs von dir dabei sein.“
„Hatte ich viele?“ Sein begeistertes Grinsen fand kein Ende.
„Schau doch nach, da sind alle.“
Eilig kletterte Colin wieder zurück über die Lehne, um die CD-Sammlung zu inspizieren.
„Wow... Das ist so cool...“ Er nahm die zwei CDs heraus, die Studioalben waren, und reichte sie Kei. „Mach die an.“
Kei fand es amüsant, dass die Reaktionen nicht die gleichen waren wie das erste Mal als Colin Ruperts Sammlung entdeckt hatte. Kei nahm die CDs und legte sie in die Anlage.
„Oh, die zuerst!“ Er hielt ihm noch ein Live-Album hin. Kei wechselte die CDs und machte das Live-Album an. Derweil zog Colin aus allen Hüllen die Booklets heraus und sah sie sich fasziniert an. Kei betrachtete ihn dabei und bewarf weiter die Dartscheibe. Mit immer verlegenerem Grinsen hörte Colin sich selbst zu und fragte sich, ob es ihm leicht fallen würde, Spanisch zu lernen, wenn er das mal (wieder) versuchen sollte.
„Ein bisschen viel Gekreisch zwischendurch, meinst du nicht?“ sagte er zwischen Lied zwei und drei. Kei verneinte das.
„Das würde ich nicht Gekreisch kennen.“
„Das Publikum? Aber hallo.“
„Oh nein, das ist kein Gekreisch. Das sind Teenieweiber mit Herzanfall.“
Colin lachte.
„Konnte ich richtig Spanisch?“ fragte er.
„Du hast das sehr schnell gelernt.“
„Japanisch war am Anfang ziemlich schwer.“
„Englisch auch.“
Colin lachte. „Hast du ein bisschen von mir gelernt?“
„Viel sogar.“
„Alright? Care to prove it?“
„Nope.“
Und wieder lachte Colin. „Ooh, das ist gut.“ Gerade kam ein E-Geigensolo.
„Ja.“ Kei gingen die Dartpfeile aus. Auf der Scheibe war ein Stern aus Pfeilen zu sehen.
„... Warum ist da nichts Japanisches drauf? Ich sehe hier nur Spanisch und Englisch.“
„Ich glaube, weil niemand wissen sollte, dass du du bist.“
„Ach ja, wir wurden verfolgt.“ Sein Blick klebte weiter auf den CD-Zetteln. „Was meinte Dennis mit der unterbrochenen Bindung? Wir sind doch beide nicht... klinisch tot, oder?“
„Du nicht, ich nur, wenn ich mehr als zwei Meter von dir weg stehe.“ Er zeigte Colin die vom Pflaster befreite Wunde. „Siehst du das?“
Colin schaute über die Sofalehne. „Ja?“
„Eben. Das wäre eigentlich schon lange weg.“
„Warum ist es das nicht? Du stehst doch direkt neben mir.“
„Ja, und deshalb bin ich nicht eiskalt.“
„Oh, ich glaube eiskalt bist du trotzdem,“ sagte Colin trocken mit einer hochgezogenen Augenbraue.
„Aber ich habe einen Herzschlag, ich bin körperlich warm.“ Eiskalt... vielleicht. Wenn du nicht da bist.
„Okay, warum heilt sich dein Körper aber nicht, und meiner schon? Er hat was von einseitiger Verbindung gesagt?“ Colin kletterte wieder auf die Knie, um sich mit den Ellenbogen auf die Lehne zu stützen.
„Du kannst mich nicht sonderlich gut ausstehen. Ich dich schon.“
„Hä.“
Dennis hätte dir ein paar Details lassen sollen... dachte Kei bei sich.
„Also, ich hab‘ nichts gegen dich. Glaube ich.“ Colin zuckte mit den Schultern. Kei lächelte leicht. Das war ein Anfang.
„Oh, du wirst mich hassen. Manchmal. Manchmal auch das Gegenteil.“
Damit wusste Colin nichts anzufangen.
„Wir müssen uns also anfreunden, damit du dich wieder spontan regenerieren kannst?“ fragte er.
„Das wäre ein netter Nebeneffekt,“ sagte Kei. Colins Lächeln wurde etwas schmaler.
Der will sich mit mir anfreunden?
„Wir waren Freunde, ja?“
„Wir waren mehr als Freunde.“ Kei malträtierte wieder die Dartscheibe und Colin hörte mit seinem leichten Wippen auf.
„... und was war das?“ fragte er mit leichtem Stirnrunzeln und geneigtem Kopf.
„Beziehung.“
„Äh. Ja... schon klar. ... Aber was für eine?“
„‘Ne Mischung aus Liebe, Sex und Chaos.“
Colins Gesichtszüge entgleisten etwas. „... Hä?“ fragte er.
„Ist das so unvorstellbar?“
Colin merkte nicht, dass er rot geworden war. Nur, dass er verlegen lächelte. „Also... ich weiß nicht... irgendwie... schon... Wer von uns ist denn bitte schwul?“ fragte er intelligent.
„Wie viele gehören zu einer Beziehung?“
Colin sog Luft ein. „Also... du kannst mich doch auch nicht leiden!“ Nun wippte er wieder etwas vor und zurück, aber nur aus Verlegenheit, und räusperte sich. „Mir fehlen die letzten zwei Jahre, da kann ja viel passieren, glaube ich, oh scheiße, ich bin ja sechzehn... oder so... ähm... aber-“
„In den letzten Jahren ist sehr viel passiert, ja.“ Kei schmunzelte amüsiert. Und wieder stellte Colin das Wippen ein. Dafür fummelte er an einer Lederfalte an der Kante herum.
„Du verarschst mich auch nicht?“
„Wirklich nicht.“
„... Du hast echt mit mir geschlafen?“ Der eine verzogene Mundwinkel sah sehr skeptisch aus. Kei nickte.
„Ja.“
„Oh my god.“ Colin drehte sich um und rutschte auf die Sitzfläche. Kei musste grinsen und amüsierte sich nonverbal. Der verwirrte und schockierte Ausdruck blieb auf Colins ziemlich warmem Gesicht, so oft er sich auch mit gnadenvoll kühlen Händen darüberwischte. „War ich wenigstens gut?“
Kei grinste ein bisschen breiter. „Interessant, dass du mich das jetzt fragst.“
„Ich habe dich das nie gefragt?“ Colin wagte es, aufzublicken.
„Nicht, dass ich wüsste.“
„Na, dann kann es ja keine Beschwerden gegeben haben.“
Du hast dich auch nie beschwert. Kei grinste weiter. „Das beruht auf Gegenseitigkeit.“
Plötzlich fiel Colin etwas ein. Er drehte sich schnell wieder um. „Wir haben doch keine komischen Rollenspiele gespielt, oder?!“ Es klang etwas drängend, als läge ihm diese Sache sehr am Herzen. „Hatte ich darum dieses Kleid an?!“
Kei lachte. „Das Kleid hatte ‘nen anderen Grund und ich bin nicht schuld daran.“
„Ein Theaterstück? Halloweenparty? Warum hast du dann bei mir im Bett gelegen?“
„Ich hab‘ nur auf dich aufgepasst. Der Grund war eine Gala.“
„Gala? Crossdressinggala?“
„‘Ne ganz normale Gala, auch wenn ich nicht weiß, wofür die eigentlich war.“
„Ach, die hier im Schloss? Warum hatte ich dann ein Kleid an?“ Plötzlich schmunzelte Colin und musste mithilfe eines Räusperns ein Lachen unterdrücken. „Hattest du ein Abendkleid an?“
„Nein, ich habe einen Frack gekriegt.“
Colins Grinsen verschwand und machte einem flachen Todesblick Platz.
„Rupert war schuld.“
„Der kriegt morgen was zu hören,“ versprach Colin grimmig.
„Alles klar.“

Es vergingen einige Tage, in denen Kei viel trainierte und Colins Fragen beantwortete, wenn dieser denn welche stellte. Nachts war der Vampir oft in der Stadt. Ob, um sich mit Konzerten abzulenken oder sich die Beine zu vertreten, wenn er was anderes sehen wollte als das Schloss. Musterhaft benahm er sich nicht. Das tat er nie. Doch er gab sich ernsthaft Mühe, unauffällig zu bleiben. Er wusste, dass Dennis und Delilah wussten - und wahrscheinlich auch Colin - dass er nachts abhaute. Solange ihn keiner daran hinderte, war ihm das recht. Wirklich verkleidet war er nicht, aber er trug meistens bunte Kontaktlinsen, wenn er das Schloss verließ, und das schien auszureichen. Er spielte viel auf seiner Gitarre.
Zu Colin suchte er in der Form Kontakt, dass er hin und wieder neben ihm auftauchte und einfach anfing, sich mit ihm zu unterhalten.

Am nächsten Freitag folgte Kei dem Kleineren leise, nachdem der vom Mittagessen kam, welchem beizuwohnen der Japaner vermied.
„Heute ist irgendwo in der Stadt ein Konzert, kommst du mit?“
Mit einem leisen Lächeln nahm Colin Keis Anwesenheit zur Kenntnis, ohne ihn anzusehen. Er hatte sich daran gewöhnt, dass der Vampir hin und wieder plötzlich aus dem Nichts aufzutauchen schien und machte sich nichts mehr daraus.
„Ich darf doch nicht raus,“ gab er zu Bedenken, während er das ausgelesene Buch ins Regal zurücksortierte. Rupert war nach dem Essen in seine Praxis in Lancaster zurückgefahren und Colin hatte sich angewöhnt, die ersten Nachmittagsstunden bei Wetter wie diesem - nass und kalt - in der Bibliothek zu verbringen.
„Die Tür ist nicht abgeschlossen,“ merkte Kei an. Mit einem kleinen schmunzelnden Seitenblick gab Colin ihm zu verstehen, dass das nicht das Problem war.
„Dass du nicht rausgehen sollst, ist kein vernünftiger Grund,“ fügte Kei schulterzuckend hinzu.
„Dass die Instanz mich finden und dann den ganzen Widerstand hier zerschlagen kann, ist aber einer.“ Er ging langsam das Regal ab und las die Buchrücken.
„Ja, aber einen Abend in einem kleinen Club rumzuhängen, so, dass man uns nicht wirklich erkennt, wird schon nicht schiefgehen.“
Colin musterte ihn von der Seite und musste dabei fast grinsen. Er verstand sich mittlerweile ganz gut mit dem merkwürdigen Idioten, konnte aber natürlich nicht umhin, seine Motive zu hinterfragen.
„Charles Dickens ist immer gut,“ sagte er und nahm sich ‚A Tale of Two Cities‘ aus dem Regal.
„Ich bin kein talentierter Überreder. Wenn du was anderes sehen willst als Schloss, dann komm mit. Wenn nicht, auch okay.“ Eigentlich nicht. Kei wollte, dass Colin mitkam. Colin zuckte mit den Schultern.
„Wenn du Dennis für mich fragst und er einverstanden ist, komme ich mit,“ sagte er. Natürlich wollte er etwas anderes als das Anwesen sehen. Aber er konnte Dennis nicht selbst fragen. Der Mann war ihm unheimlich.
„Okay.“ Kei kam gut mit Dennis zurecht. Ihn zu fragen, ob Colin ausgehen durfte war weitaus weniger schlimm, als ihn um Hilfe bitten zu müssen. Kei bat nicht gern um Hilfe. In den letzten Wochen kam das viel zu häufig vor.
„Ich habe aber kein Geld für Eintritt oder sowas,“ sagte Colin.
„Egal, ich hab‘ welches.“
„Wird das dann ein Date?“ fragte Colin mit einem breiten Grinsen.
„Ja, weil ich dich einlade,“ erwiderte Kei, ebenfalls grinsend.
„Dann mache ich mich ganz besonders hübsch,“ versprach Colin wimpernklimpernd und tänzelte mit einer ausladenden Geste an Kei vorbei in Richtung Tür. Der musste lachen.
„Lass dir Zeit, das fängt erst gegen 21 Uhr an.“

Kurz nach Colin verließ er den Raum, um Dennis zu finden. Er steckte den Kopf in dessen Zimmer und fragte: „Bist du hier?“
Tatsächlich war er das. Und wie er das war. Er war gerade im Begriff, seine Motorradmontur anzulegen und hatte es vor Keis unangemeldetem Eindringen gerade noch geschafft, den Reißverschluss der engen Lederhose zu schließen und hielt nun mit leicht verdutztem Blick ein T-shirt in der Hand. Schulterzuckend öffnete er die Arme um seine Präsenz zu bestätigen.
„Darf Colin heute mit mir weggehen?“ Kei blieb in der Tür stehen. Dennis hob eine Augenbraue.
„Nein,“ sagte er unbekümmert und zog sich das T-shirt über.
„Komm schon. Ist nur ein Konzert.“
„Oh, also nur so fünfzig bis zweihundert Leute um euch herum, die ihn erkennen könnten. Klar doch,“ sagte Dennis trocken und schüttelte den Kopf.
„Wir müssen doch eh verkleidet raus, also erkennt uns keiner,“ versuchte Kei ruhig.
„Vorschlag,“ sagte Dennis, während er die Jacke zuzog und sich Kei zuwandte. „Ruperts Stunt bei der Gala scheint ja funktioniert zu haben. Verkleide ihn so, bis zur Unkenntlichkeit, und ich gebe euch Delilah mit.“
„Einverstanden.“ Delilah war Keis Lieblingsverwandtschaft, wenn man das so nennen konnte. Sie mitzunehmen empfand er nicht als Bestrafung.
Für Kei hieß Verkleiden meist nur, seine Augenfarbe und Tattoos verschwinden zu lassen an denen man ihn sonst zu einfach erkennen würde. Den Rest erledigte das Geistesbeeinflussungstalent, in dem Dennis ihn in letzter Zeit ausbildete. Die Tragweite von Dennis‘ telepathischer Fertigkeit wurde ihm so erst nach und nach bewusst, und er verstand nun, warum sie beide so einfach in den Keller mit den Grubenkämpfen spazieren konnten, aus dem sie Colin befreit hatten.
„Gut. Brauchst du Geld für Ivys Verkleidung?“ fragte Dennis, indem er sich ein paar Kleinigkeiten von der Kommode nahm und sie in diversen Taschen verstaute.
„Ja. Ich bin nicht reich.“ Den Plan Colin zu unterbreiten würde noch amüsant werden. Wie vor allem sollte er es anstellen, dass Colin bei der Auswahl der Kleidung, mit der Kei - wenn man von seinen Fantastereien mal absah - völlig überfordert war, mithelfen konnte? Während Dennis so auf ihn zuging, dass es offensichtlich wurde, dass er ihn von seiner Zimmertür verscheuchen wollte, patschte er ihm einen Hundertpfundschein auf die Hand und nahm schonmal die Türklinke in die Hand.
„Dann mach mal.“
„Viel Spaß noch,“ sagte Kei dankend nickend und verschwand wieder.

Mit dem Geld ging er zu Colin, an dessen Badezimmertür er klopfte.
„Gute Neuigkeiten! Du darfst mitkommen. Dennis hat aber Bedingungen aufgestellt.“
Colin öffnete die Tür und taperte daraufhin gleich wieder zu seiner Stereoanlage die Rupert ihm hier hineingestellt hatte, um den Ton leiser zu drehen.
„Was für Bedingungen?“ Er konnte seine leichte Aufregung nicht ganz verbergen. Er durfte raus! Zu einem Konzert!
„Erinnerst du dich an das Kleid?“
„... Ich soll mich als Mädchen verkleiden.“ Colin wusste nicht, ob er laut loslachen oder angewidert sein sollte. Beides sah man auf seinem Gesicht.
„Ja. Und wir sollen Delilah mitnehmen.“
„Oh. Als Leibwächter,“ riet Colin.
HAHAHAHAHAHA! tönte auf einmal Delilahs Geistesstimme in Keis Kopf.
Dennis ist schuld. „Wohl eher als Aufpasser.“
„Ist doch das gleiche. Aber wie, bitte, soll dieses Kleid der Unauffälligkeit dienen, frage ich mich?“ Colin hob die Augenbrauen und breitete fragend die Arme aus.
Das wird ein Spaß, sagte Delilah in Keis Kopf in einem gemeinen Ton, den Kei bereits aus diversen Prügelrunden mit ihr gut kannte.
„Die Instanz hat dich als männlich auf dem Fahndungsblatt. Auf der Gala warst du sehr überzeugend.“ Lass ihn Spaß haben, entgegnete Kei seiner Schwester in Gedanken. Er hielt den Geldschein in die Höhe. „Dennis hat uns Geld gegeben. Also für dein Zeug.“
„Damit ich nicht als Alice im Wunderland rumlaufen muss. Nett von ihm...“ Colin sah den Schein misstrauisch an.
„Du musst mir sagen, was du haben willst, dann geh ich einkaufen.“ Und errege jede Menge Aufmerksamkeit...
„Äh... was überzeugendes, nehme ich an...“ Hilfloses Schulterzucken. Hilfloserer Gesichtsausdruck.
Es klopfte an der Tür.
Kei drehte sich um. „Dein Outfit, deine Entscheidung.“
„Okay okay, warte! Komm rein,“ sagte er zur Tür, durch die nun Delilah spaziert kam. Ihr Gesicht war auf den ersten Blick stoisch wie immer, doch Kei konnte darauf den Ansatz eines schadenfrohen Schmunzelns erkennen, das Colin völlig entging.
„Ich habe keine Ahnung, ich trage immer nur sowas hier,“ sagte Colin eilig und gestikulierte an seinen Jeans und Sweatshirt herunter.
„Weiß ich. Delilah. Frauenkleidung für Colin. Was würde ihm stehen?“ Und hör auf zu grinsen!
Sie machte eine Show daraus - zumindest für ihre unterbetonten Verhältnisse - Colin von oben bis unten zu betrachten, und deutete dann mit an den Oberschenkeln ausgebreiteten Händen einen Rock an.
„Aber was für einen?“ Kei sah zwischen Colin und Delilah hin und her. Ein auf dem Bein entlanggezogener Finger sagte ‚kurz‘. Dann hob sie ein Bein an und klopfte sich auf einen Motorradstiefel.
„Das verstehe ich zwar nicht, aber sie scheint bescheid zu wissen,“ bestimmte Colin nervös.
Material oder Farbe? fragte Kei mit Blick auf Delilahs Stiefel.
Alles, entgegnete sie. Sie setzte ihren Fuß wieder auf und winkte Kei zu sich, mit einer Geste, die ‚Motorradfahren‘ ausdrückte.
Alles klar, das kriege ich hin. Was als Oberteil? Kei war eindeutig damit überfordert. Sie winkte ihn wieder zu sich, nachdrücklicher, und wandte sich zur Tür. Dann blickte sie zu Colin, tippte sich dabei auf das Handgelenk und hielt zwei Finger hoch. Der Junge nickte hilflos. Kei schaute sie fragend an.
Komm! sendete sie ungeduldig beim Hinausgehen. Kaufen.
Okay, okay. „Wir beeilen uns,“ versicherte er Colin beim Verschwinden.
„Okay...“ Colin winkte kurz langsam.

Keine zwei Stunden später waren sie zurück und Kei kam sich erschöpfter vor als nach jedem Training mit Yukio oder Delilah. Sie fanden Colin wieder in seinem Zimmer, wo er in weiser Voraussicht seine Ivyperücke hervorgekramt und vorsichtig gekämmt hatte. Er schien sich von seiner eigenen Überforderung erholt zu haben und begutachtete ihre Einkäufe mit weniger Skepsis und Schrecken als befürchtet. Zu dem - wirklich sehr kurzen - Faltenrock mit schwarzer Wollstrumpfhose musste er nicht einmal ein kompromittierendes neues Oberteil anziehen, sondern einfach eins seiner engeren Sweatshirts. Mit den Bikerstiefeln und dem Lederschmuck mit Ketten und Nieten konnte er sich auch abfinden. Kei war mit den Einkäufen ziemlich zufrieden, dafür, dass er noch nie Frauenklamotten gekauft hatte, und beobachtete Colin beim Auspacken der Einkäufe. Der sagte kein Wort und sah nur auf die Uhr, um abzuschätzen, wieviel Zeit noch blieb. Genug.
Ohne Delilahs und Keis Anwesenheit über einen neutralen Blick hinaus noch weiter zur Kenntnis zu nehmen, zog er sich das Sweatshirt aus. Kei grinste leicht und beobachtete Colin ungeniert weiter. Augenbrauen hochgezogen, drehte Delilah sich auf der Stelle um und verließ den Raum. Kei bemerkte sie verschwinden, aber das kümmerte ihn nicht wirklich.
Da war noch etwas in der Strumpfhosentüte. Colin wühlte darin, hielt inne und wurde rot. Mit einem verstohlenen, unlesbaren Blick nahm er sich die ganze Tüte, Strumpfhose und Rock und marschierte brüsk ins Badezimmer. Kei musste leicht lachen, weil er sich denken konnte, was Colin gerade gefunden hatte.
„Halt die Schnauze,“ kam gedämpft durch die Badezimmertür. Was man nicht alles für ein Konzert und eine Pause vom goldenen Käfig tat...