Showing posts with label crossdressing. Show all posts
Showing posts with label crossdressing. Show all posts

Sunday, July 9, 2017

Kei + Colin LXXXVII: Embrace my instincts


|Vamps - Devil Side (Youtube)|

Als Colin wenig später wieder hereinkam, trug er den Rock und das schwarze, enge Beinkleid, das allerdings nicht die Strumpfhose war, denn die hatte er immer noch in der Hand und wurde nun achtlos aufs Bett gepfeffert. Das war momentan auch alles, was er anhatte, und es schien haargenau zu passen. Delilah und Kei hatten gutes Augenmaß bewiesen. Kei grinste leicht, als Colin aus der Tür kam. Ja, das hatten sie gut hinbekommen. Auch nur halb angezogen. Colin hatte sich entscheiden müssen, ob er sich lieber mit der Strumpfhose den Sack abklemmen oder mit den langen Strümpfen etwas Haut zeigen wollte. Die Wahl war ihm nicht schwer gefallen.
Ohne Kei anzusehen - er war schon rot und verschämt genug - zog er sich irgendein enges, dünnes Kapuzenshirt aus einer Schublade und zog es sich über, damit er sich die Perücke befestigen konnte.
„Hast du Spaß, ja?“ brummte er, während er mit Haarklammern und einem schwarzen Tuch hantierte, um die Haare festzumachen und den Ansatz zu verdecken.
„Ja, sehr viel.“ Kei grinste. Dann ließ er Colin allein. Er musste sich selbst auch noch anziehen.
Um acht Uhr war Colin fertig, fand er, oder zumindest so bereit, wie er jemals sein würde. Er dankte den beiden insgeheim für die unpeinlichen und bequemen Stiefel, die Abwesenheit jeglicher ausgestopfter BHs und die Ketten und Ledergurte. So war er wenigstens eine geschmackvolle Dragqueen. Der Sitz seiner Perücke musste noch etwas korrigiert werden, damit sie bei heftigeren Bewegungen nicht herunterfiel, aber das war mithilfe der Haarspangen und des Tuches leicht getan.
Kei trug ein schwarzes T-shirt mit Lederjacke - eigentlich wie immer - und eine schwarze Hose mit einem Loch am rechten Knie, die mit Kette und Nietengürtel dekoriert war. Er trug weiße Kontaktlinsen mit dem schwarzen Umriss eines Wurfsterns, um seine blaue Iris verschwinden zu lassen. Um seinen Hals baumelte das von Eric Clapton signierte Plektrum, das Colin ihm zum Geburtstag geschenkt hatte.
„Das ist viel zu auffällig, mein Freund,“ sagte Colin in der Eingangshalle und zeigte auf Keis Gesicht, während er ihm in die Augen starrte. In einer Hand hielt er einen kleinen Zettel, den ihm Delilah gerade gegeben hatte, zusammen mit einer ihrer Lederjacken. „Delilah wartet draußen,“ meldete er, während er sich die Jacke anzog. „Sie hat braune Linsen drin.“
„Ich kann ja braune Augen mit bunten Kontaktlinsen haben. Hauptsache, man sieht das Blau nicht,“ entgegnete Kei schulterzuckend.
„Und wenn du auffällst, werden die Leute sagen, ‚Oh da war ein Asiate mit komischen Augen,‘ und das wird schon reichen.“
Als sie nach draußen kamen, schien Delilah der gleichen Ansicht zu sein, denn sie sah Kei streng an.
„Ist ja gut. Bin sofort wieder da.“
Drei Minuten später kam Kei mit braunen Augen wieder zurück. Als er die Treppe herunterkam, zuckte Colin von Delilah weg und strich sich verstohlen über die Haare. Delilah stieg einfach ausdruckslos auf ihr Motorrad und setzte sich eine Sonnenbrille auf. Sie hatte keinen Helm dabei. Kei holte sich sein Motorrad und bedeutete Colin, aufzusteigen.
„Du kannst ja nicht fahren.“ Nicht mehr.
Er machte es umständlich, das Aufsteigen, denn immerhin trug er (fast) keine Hose. Und der Rock war nun doch ziemlich kurz. Er hoffte, dass Kei nicht darauf achten würde.
„Ich heiße übrigens Ivy Branson,“ informierte er Kei.
„Den Vornamen wusste ich. Es ist mir eine Freude, dich kennenzulernen.“
„Gleichfalls. Wie heißt du eigentlich?“ Colins Arme legten sich um Kei.
„Sakamoto, Kenichi.“ Kei freute an dem Namen nur, dass man immer noch Kei daraus basteln konnte. Er gab Colin/Ivy einen Helm, der am Lenker hing, und setzte sich den anderen auf.
„Ich weiß nicht, ob ich den aufziehen sollte. Die Perücke...“
„Herrscht in England Helmpflicht?“
„Ja.“
„Dann ja, aber vorsichtig.“
Gesagt, getan. Und als letzte Sicherheitsmaßnahme hielt er sich wieder an Kei fest. Nur Delilah schien sich darum nicht zu kümmern. Die war auch schon gemächlich vorgefahren und nicht mehr zu sehen. Kei bedeutete Colin, sich festzuhalten, und fuhr dann auch los. Er kannte den Weg, also war es egal, ob Delilah noch zu sehen war oder nicht. Auf der Fahrt beruhigte es Colin ungemein, dass sein Rock gut genug zwischen ihm und Kei eingeklemmt war, um nicht herumzuflattern. Dass er auf dem vibrierenden Sitz so dicht an Kei gedrückt dasaß, hatte allerdings einen gegenteiligen Effekt. Und sorgte für Nervosität.
Kei gefiel das. Auf der freien Straße fuhr er ein bisschen schneller. Erst als der Verkehr zunahm, fuhr er verkehrsgerecht.
Du bist zu schnell, fuhr Colin durch den Kopf. Aber viel machte ihm das nicht aus. Kei konnte fahren. Und nach ein paar Minuten fiel es ihm immer leichter, sich vorzustellen, dass er gehörig viel für ihn übriggehabt haben konnte. Es war offensichtlich, dass Kei mit seinen Fahrkünsten angeben wollte. Das konnte er gut. Als er wieder langsamer werden musste, weil der Verkehr etwas dichter wurde, hatte er Delilah wieder eingeholt. An einer roten Ampel nahm sie die beiden zur Kenntnis und ließ den Motor ein bisschen aufröhren, tat aber nicht so, als würden sie sich kennen.
Colin nahm diese Gelegenheit wahr, seine Hände scheinbar ziellos ein wenig auf Keis beledertem Bauch herumzubewegen. ‚Ich kann mir vorstellen, ihn gemocht zu haben‘ war ein sehr fadenscheiniger Versuch seines Gehirns, etwas körperlicheres und weniger leicht zu formulierendes zu verschleiern. Hey, Motorräder und Leder sind - so Dinge... Gib Ruhe, ich bin halt noch nie Motorrad gefahren, grummelte er innerlich.
Kei nahm Colins Berührungen zur Kenntnis und grinste in seinen Helm. Er nickte Delilah zu. Als es grün wurde, fuhr sie zahm hinter ihnen her. Kei fuhr zielgerichtet zu der Adresse der Konzerthalle, beziehungsweise dort in die Nähe, wo die Motorräder abgestellt werden konnten. Dort stieg Colin erst ab, als er es geschafft hatte, sich den Helm abzunehmen, ohne die aufgesetzte Frisur zu zerstören und ihn Kei zu reichen, damit er beim Absteigen mit freier Sicht dafür Sorge tragen konnte, dass sein Röcklein vorn keine verräterische Beule aufwies, für die er sich schämen musste. Tat es auch nicht, dafür sorgte er geschickt und sogar unauffällig. Kei nahm den zweiten Helm an sich und öffnete seine Jacke, nachdem er vom Motorrad abgestiegen war.
Colin schnappte sich das Plektrum und besah es sich genau. „Wo hast du das her?“ fragte er streng.
„Von dir.“
„Warum sollte ich dir das geben? Kennst du Eric Clapton überhaupt?“
„War ein verfrühtes Geburtstagsgeschenk und ja.“
Überrascht sah Colin zu ihm auf.
Er musste ihn ja wirklich vergöttert haben.
„Oh. ... Wann hast du denn Geburtstag?“ Er ließ das Plektrum los und trat einen Schritt zurück. Sicherheitsabstand. Kei war ein bisschen warm und roch gut.
„Ende Januar.“ Kei lächelte leicht.
„Oh,“ sagte Colin. Er hatte keinen Grund, ‚Oh‘ zu sagen. Er steckte die Hände in die Jackentaschen und sah sich um.
„Da lang,“ sagte Kei und deutete die Straße hinunter. Mit einem Nicken drehte Colin sich schwungvoll in diese Richtung und ging los. Nach den ersten paar Schritten hatte er es raus, dabei nicht bescheuert zu schlurfen. Es fiel ihm zwar nicht schwer und ging größtenteils auch unbewusst, musste aber dennoch erst einmal in Auftrag gegeben werden. Nun würde ihn jeder ohne Zweifel für ‚Ivy‘ halten können. Jeder außer Kei, aber das mit dem Namen bekam er hin. Er benutzte ohnehin nicht oft einen Namen, wenn er Colin/Ivy ansprach. Er folgte dem Kleineren, der wirklich überzeugend aussah. Delilah war nirgends zu sehen.
Am Eingang wurden Kei und Ivy vom Türsteher aufgehalten. Ausweiskontrolle. Er blickte dem jungen Mann in die Augen und fixierte ihn ein paar Sekunden lang. Dann winkte er sie einfach durch und wünschte ihnen einen schönen Abend. Erst in einem Nebenflur vor der eigentlichen Konzerthalle mussten sie das Ticket bezahlen, das aus einem Stempel auf dem Handrücken bestand. Dort befand sich auch die Garderobe, wo Kei die Helme abgab. Colin gab auch Delilahs Jacke ab und sah sich dann nach den Toiletten um. Er musste überprüfen, ob seine Haare wie Haare aussahen. Er zeigte auf das entsprechende Schild, sodass Kei es sehen konnte, und verschwand dorthin. Kei deutete mit einem Nicken seine Zurkenntnisnahme an und machte sich schnell daran, etwas zu trinken zu besorgen, bevor er mit zwei Bier wieder zum Eingang der Toilette zurückkehrte. Das ging schnell, weil noch nicht viele Besucher hier waren. Kei stand gerade ein paar Sekunden da, als Colin eilig seitwärts aus der Tür zur Herrentoilette stolperte. Kei schaute ihn fragend an und fragte sich, ob es auffällig war, wenn Colin die Herrentoilette in seinem Aufzug benutzte, entschied allerdings, dass ihm das eigentlich egal war. Die Blicke der anderen Leute waren aber durchaus sehenswert. Er hielt ihm eine Bierflasche hin. Mit verwirrtem und leicht gehetztem Blick riss Colin diese geradezu an sich, um gleich ein gutes Drittel ihres Inhalts hinunterzustürzen. Den Schaum, der daraufhin herausquoll, schlürfte er ab. Keuchend wischte er sich mit dem Ärmel über den Mund.
„Das war gruselig,“ sagte er danach.
„Was war gruselig?“ Kei sah leicht amüsiert aus.
„Es funktioniert. Die zwei Typen da drin haben mich blöd angegrinst und gezwinkert.“
„Sag Bescheid, wenn sie aufdringlich werden. Das machen die nur einmal,“ grinste Kei und trank einen Schluck während er den Weg zur Bühne einschlug. Colin ging neben ihm her, sobald dafür genug Platz war.
„Soweit kommts wohl nicht. Ich bin zwar wunderschön, aber nicht wehrlos.“
Das sorgte für einen äußerst amüsierten Ausdruck auf Keis Gesicht. „Das ist bestimmt spaßig mit anzugucken.“
„Was, wie ich mich wehre? Oder wie ich begrapscht werde?“ Er war gerade im Begriff gewesen, noch einen Zug aus seiner Flasche zu nehmen, und sah Kei nun über den Flaschenhals hinweg an.
„Der Gesichtsausdruck des Typen, wenn du ihm ins Gesicht trittst.“
Colin lachte. „Danke für die Stiefel,“ sagte er grinsend mit einem affektierten Seitwärtsnicken und angedeutetem Knicks. Kei lachte ebenfalls und hatte sehr lustig anzuschauende Bilder im Kopf. „Wir sind zu früh, was?“ fragte Colin, als er sich umsah und seine Bierflasche schon halbleer war. Auf der Bühne wurde noch herumgebaut und die Musik, die gespielt wurde, kam aus der Dose.
„Ein bisschen.“ Kei sah auf sein Telefon. „In ‘ner halben Stunde geht‘s los.“
„Dann liege ich längst unter dem Tisch,“ sagte Colin augenrollend und hielt seine Bierflasche hoch.
„Nach einem Bier? Das glaube ich dir nicht.“
„In einer halben Stunde habe ich noch drei hiervon weg!“
„Betrink dich während des Konzerts. Dann hast du noch was davon.“ Für Kei war es harte Arbeit sich zu betrinken. Er konnte Unmengen harten Alkohols vernichten, ohne dass es eine Auswirkung auf ihn hatte.
„Ich trinke, bis dein Geld alle ist,“ kündigte Colin an und leerte daraufhin seine Flasche.
„Dafür musst du bis zum Koma saufen.“
„So reich bist du?“
„You keep this up and you can visit us in the men's room again,“ sagte ein tätowierter Hipster mit Vollbart grinsend, während er sich an ihnen vorbei zur Theke drängelte. Es war etwas voller geworden.
„Dafür muss ich nicht besonders reich sein,“ scherzte Kei. Den Hipster bedachte er mit nicht ganz so tödlichem Blick wie sonst.
„Aber noch hast du, ja? Dann lass mal springen.“ Schulterzuckend hielt Colin die Hand auf und seine leere Flasche hoch. Kei drückte ihm Geld in die Hand, damit Colin sich ein neues Bier holen konnte.
„Bring mir eins mit.“ Er leerte seine eigene Flasche.
„Weib, hol Bier. Zu Befehl,“ sagte Colin, während er Geld und Flasche an sich nahm und sich ebenfalls zur Theke aufmachte. Kei lachte.
Irgendwo zwischen einem dutzend weiterer Besucher lehnte Delilahs sonnenbebrillte schwarze Gestalt an der Wand und schaute sich scheinbar teilnahmslos im dunklen Raum um. Anstatt sich wie die meisten an einem Getränk festzuhalten, hatte sie die Arme verschränkt und schien gemütlich Kaugummi zu kauen.
Als Colin bald darauf zurückkehrte, gab er Kei sein frisches Bier und schaute sich weiter um. Stumm besah er sich die Menschen und wartete.
Kei schlenderte dichter an die Bühne heran. Er hatte Delilah mittlerweile ausgemacht und fand, dass sie irgendwie aussah, als gehöre sie gar nicht auf dieses Konzert sondern warte nur auf jemanden, der sie anscheinend versetzt hatte oder so. Colin merkte nicht gleich, dass Kei sich wegbewegte, ging ihm aber wenig später gemächlich nach.
Nach einigen weiteren Minuten des Wartens und Aufbauens begann das Konzert und allmählich fanden sich fast alle Besucher vor der Bühne ein. Die Menge verwandelte sich bald in einen Spaß habenden, herumspringenden Haufen. Entlang der Wände und vor der Bühne standen Bierflaschen und lagen einige Taschen und Jacken herum. Kei war mehr oder weniger unbeabsichtigt in einen Moshpit geraten. Sein Bier war verschwunden. Colins auch. In seinem Magen. Die leere Flasche stand zwischen anderen vor der Bühne herum und er selbst sprang mit - anders als Kei war er mit voller Absicht im Moshpit. Er war sich sicher, dass seine festgezurrten Haare das aushielten, wenn er gerade überhaupt an sie dachte. Leider wurde er zwischendurch von hilfsbereiten Menschen aus der pöbelnden Gruppe herausgezogen, weil man das mit kleinen Mädchen nunmal so macht. Als ihm der dicke Boden einer Bierflasche seitlich auf die Stirn geschlagen wurde, war er auch ganz froh darüber, dass sein Weg zur Wand nicht so weit war. Aus dem Nichts wurde ihm von rechts ein Taschentuch angereicht, um das Blut abzuwischen. Der Sänger und der Schlagzeuger verausgabten sich ähnlich wie die Jungs direkt vor der Bühne. Sie lenkten Colin ein paar Sekunden lang ab, ehe er sich umdrehte, um dem Taschentuchspender zu danken. Delilah nickte nur ausdruckslos und starrte dann wieder vorwärts.
Kei war mehrfach absichtlich gegen Colin gesprungen anstatt zu versuchen ihn da rauszuziehen, was ihm von den anderen Leuten manchmal tadelnde Blicke einbrachte. Ihm egal. Dass Colin verschwand, bekam er nur am Rande mit. Der würde auch wieder auftauchen. Nach einigen Minuten wurde es in der Halle etwas ruhiger, weil zur Abwechslung mal ein ruhigeres Lied gespielt wurde. Danach ging es mit den spaßigeren weiter. Und mit Colin. Dessen neuerliches Auftauchen bestand darin, Kei von hinten auf den Rücken zu springen. Sozusagen als Vergeltung für den Schubser, der ihm den schmerzhaften Kuss der Bierflasche beschert hatte. Kei duckte sich leicht, sodass Colin huckepack auf ihm landete. So halb zumindest. Und da blieb er auch und faltete die Beine und einen Arm fest um Kei, während er unter dem Gelächter der Umspringenden einen halbvollen Plastikbecher mit Cola über ihm ausgoss. Kei beschwerte sich und sprang mit Colin auf dem Rücken herum. lange würde der Kleinere da nicht bleiben. Dass sein Gesicht jetzt anfing zu kleben, fand er äußerßt wenig lustig.
Bald ließ Colin ihn auch los und wurde heruntergebuckelt. Lachend fing er sich mithilfe fremder Hände wieder und sprang weiter mit. Von Kei bekam er einen Mittelfinger, wobei sein Gesicht verriet, dass er nicht wirklich sauer war. Er widmete sich wieder dem Bühnengeschehen. Kurz darauf war Colin wieder verschwunden. Bier treibt halt.
Kei bekam das kaum mit. Das Konzert ging weiter und er verschwand im nächsten Moshpit, noch ein paar Menschen umspringen. So nahm er auch nicht wahr, dass Delilah bald ebenfalls durch Abwesenheit glänzte. Erst nach einer ganzen Weile fiel ihm auf, dass Colin nicht wiederkam. Irgendwann ging er nach dem Kleineren suchen.
Er vermutete ihn auf dem Klo. Dort herrschte reges Kommen und Gehen, doch Colin war nicht dabei. Im Flur vor den Toiletten und der Garderobe, sowie im Durchgang nach draußen standen gedrängt kleine Grüppchen herum und zwischendurch kamen nach Zigarettenrauch und kalter Luft riechende Menschen von draußen herein. Da auch Delilah nicht zu sehen war, egal, wo er hinging, schaute Kei draußen nach.
Hast du Colin gesehen? Vielleicht war Delilah ja in Gedankenhörweite. Kei hatte noch nicht herausgefunden, wie genau das funktionierte.
Rauchen, kam Delilahs monotone Entgegnung.

In der Tat stand Colin mit einigen anderen Menschen neben der Tür auf dem zertretenen Rasen und schien sich prächtig mit ihnen zu unterhalten. Ein Mädchen mit viel schwarzem Makeup im Gesicht zündete ihm gerade eine Zigarette an, nachdem er einen Stummel ausgetreten hatte. Kei nahm sich eine Zigarette aus der Schachtel in seiner Jackentasche und gesellte sich zu Colin und den anderen. Mit fröhlichen und freundlichen „Hey“s und „Hi“s wurde er winkend begrüßt.
„Your hair looks amazing,“ sagte das schwarzgeschminkte Mädchen grinsend und erntete gleich ein paar Lacher. „Did you wash your face yet?“
Tatsächlich hatte Kei auf der Suche nach Colin sein Gesicht von der Cola befreit. Da es draußen dunkel war, war das nicht besonders gut zu sehen. „Yeah. Thanks for the refreshment by the way,“ wendete er sich an Colin und zog an seiner Zigarette.
„You're welcome,“ sagte Colin mit freundlichem Grinsen. Das Makeupmädchen wurde von einem der Typen mit einem Smartphone abgelenkt und ging mit ihm ein Stück zur Seite. Nun standen sie noch mit dem Vollbarthipster da.
Den Kei nicht mochte. Er war schnell darin, zu entscheiden, wen er mochte und wen nicht. Dieser Kandidat war ein gutes Beispiel für ‚Mag-ich-nicht‘. Er hielt sich aber damit zurück den Hipster das auch spüren zu lassen. Stattdessen bedachte er Colin mit einem ‚Du mich auch‘-Blick.
„This is Will,“ sagte Colin mit einem Wink auf den Hipster, der Kei daraufhin lächelnd zunickte. Kei erwiderte den Gruß halbwegs freundlich. Er spielte ausnahmsweise den halbwegs anständigen Japaner. „And that's Kenichi. We came together.“
„I'll go back in - the concert isn't over yet,“ informierte er Colin und den Rest. Er wollte das Ende des Konzerts, das bald kommen würde, noch mitbekommen.
„Alright,“ sagte Will nickend und Colin winkte. Kei verabschiedete sich und verschwand wieder in der Halle.

Kurze Zeit später gesellte Colin sich wieder zu ihm. Mit einem sachten Schlag auf den Oberarm machte er sich bei ihm bemerkbar. Kei drehte sich zu ihm und lächelte leicht. Er hatte ein neues Bier in der Hand. Colin erwiderte das Lächeln und sah dabei ein wenig schüchtern aus.
Mit Bierflasche sprang es sich nicht ganz so gut, aber das war egal. Das letzte Lied wurde gerade gespielt und um Kei und Colin herum sprangen die Menschen herum, während sie riesige Wasserbälle oder sowas ähnliches über ihren Köpfen durch die Halle schubsten. Grinsend ließ Colin einen davon mit den Fingerspitzen weiterhopsen, als Will sich zu ihnen gesellte und ihm einen durchsichtigen Plastikbecher mit einer Cola-Alkoholmischung in die Hand drückte. Kei war der Hipster zwar suspekt, aber er ließ ihn in Ruhe. Nicht alle Menschen waren ausnahmslos schlecht.
Vielleicht doch.
Kei war sich dessen nicht ganz sicher.
Er schlug einen der Ballons so weit durch die Halle, dass er nach hinten flog, sodass die anderen Konzertbesucher auch was von dem Spaß haben konnten.

Als Colin vor einem der Garagentore vom Sitz gerutscht war und sich den Helm abgenommen hatte, sagte er lächelnd, aber ernst: „Danke. Das war richtig gut.“
„Gerne wieder,“ sagte Kei beim Öffnen des Garagentors und schob das Motorrad hinein. Delilahs Motorrad stand bereits dort und strahlte seine Wärme ab. Colin legte seinen Helm dort ab, wo noch andere herumlagen. Er zog den Zettel mit Wills Telefonnummer aus der Jackentasche und zog sich die Jacke aus, um sie auf den Ständer zu hängen, von dem Delilah sie für ihn genommen hatte. Kei, der seine eigene Jacke trug, behielt diese an. „Ich muss nochmal weg. Bin in einer Stunde wieder da.“
„Warum, was machst du?“ fragte Colin.
„Abendessen.“
„... Oh.“ Es dauerte ein paar Sekunden, aber schließlich fiel bei Colin der Groschen. Kei musste ja Blut trinken. Er nickte und ging zum Durchgang, der in den Küchen- und Lagerbereich führte. In der Küche, die die Köchin längst verlassen hatte, suchte Colin sich sein eigenes Abendessen zusammen. Er hatte vorgehabt, sich ein abenteuerliches Sandwich zu basteln, fand stattdessen aber die Reste eines vorzüglichen Mahls, das zum Teil aus Gänsebraten bestanden hatte. Damit schlug er sich den Bauch voll und besiegte seinen alkohol- und bewegungsbedingten Heißhunger, bevor er sich in sein Zimmer begab.

Kei ging indes die Einfahrt wieder hinunter. Dass er sein Abendessen leben lassen musste, störte ihn ein wenig. Er mochte es, die Menschen allmählich sterben zu lassen. Das musste Colin nicht wissen. Dennis auch nicht unbedingt.
Ein paar Kilometer weiter fand er komplett zugedröhnte Jugendliche.
Mit leicht glasigen Augen machte er sich auf den Weg zurück ins Schloss. Alle drei seiner Menügänge lebten noch, mussten aber den Blutmangel erstmal ausschlafen.

Während der junge Vampir ins Schloss zurückkehrte, war Colin gerade mit Duschen und Zähneputzen fertig und saß in Boxershorts, T-shirt und Sweatshirtjacke auf dem Bett herum, um Ivys Kleider, die vor ihm auf dem Boden ausgebreitet lagen, nachdenklich anzustarren. Musste er jetzt für die Öffentlichkeit bis in alle Ewigkeit Ivy Branson spielen? Als Jux war das ja ganz lustig, aber was war mit dem Geigespielen? Das war es, was er konnte und er hatte immer erwartet, dass er das für den Rest seines Lebens machen würde, also auch für Geld, als Job. Ging das noch? Als Ivy Branson. Was für ein Schwachsinn.
Freunde gewinnen schien trotzdem kein Problem zu sein.
Will war nett.
Aber Will mochte nicht Colin Hammerer, sondern Ivy Branson. Vielleicht als Kumpel, vielleicht nicht.
Colin rieb sich über das Gesicht. Er war kein Idiot. Wills Frage danach, ob Kei sein ‚Boyfriend‘ sei, hatte ja wohl einen bestimmten Grund gehabt, auch wenn Will nichts eindeutiges versucht hatte.
Er grunzte genervt. Fuck my life.

Kei hatte drogeninduzierte gute Laune und warf beim Eintreten seine Kleidungsstücke hörbar durch den Raum. Irgendwann in Japan hatte er herausgefunden, wie er high werden konnte. Jeder normale Drogenkonsumversuch blieb weitgehend ergebnislos und Alkohol zeigte nur bei Extremkonsum auf normale Weise Wirkung. Das war leicht nervig, aber nicht schlimm.
Er nahm im Bad die Kontaktlinsen heraus und steckte den Kopf Colins Zimmer. „Bin wieder da.“
Der Vampir trug nur noch Boxershorts.
„Wow, du hast ja gute Laune,“ gab Colin überrascht zurück. Er konnte nicht umhin, Kei ausgiebig zu mustern.
Keis Blick verriet, dass er künstlich aufgedreht war. „Die hatten irgendwas eingeworfen. Extasy, Gras und Alkohol hab ich bei denen gefunden,“ grinste er und verschwand wieder hinter der Tür. „Ich geh‘ duschen!“
Dass er den Rest der Drogen an sich genommen hatte, behielt er erst einmal für sich.
„Welcher Idiot benutzt gleichzeitig Extasy und Gras?“ rief Colin ihm nach. Er wusste zwar nicht viel über Drogen, aber dass das eine ein Aufputsch- und das andere mehr ein Beruhigungsmittel war, war ihm halb bekannt.
„Der eine Gras. Der andere Extasy. Alle drei betrunken.“ Und alles mischte sich jetzt in Keis Blutkreislauf zusammen.
Weiter auf die Tür starrend, die Kei einen Spalt breit offengelassen hatte, versuchte Colin, sich bewusst zu machen, dass Kei gerade offenbar mehrere Menschen, die entweder high oder betrunken - oder beides - gewesen waren, überfallen und Blut von ihnen getrunken hatte.
Er wartete, bis das Wasser zu rauschen begann und rutschte dann lautlos vom Bett, um auf den Flur zu schleichen. Von dort betrat er langsam und vorsichtig, so leise er konnte, Keis Zimmer.
Er sah sich um. Hier lagen verstreut Kleidungsstücke herum. Auf dem Bett lag seine Jacke.
Der Vampir hörte, wie Colin in sein Zimmer ging. Er hatte nämlich auch seine Badezimmertür nicht ganz geschlossen und hörte Schritte. „Suchst du was?“
Colin erstarrte und sah ertappt zur offenen Tür. Kei stand dort nicht und hatte eindeutig aus der Dusche heraus gerufen, aber wie zur Hölle hatte er ihn gehört?
„In der linken Jackentasche sind zwei Tütchen Gras. Diese Idioten. Du kannst eins haben, wenn du das gesucht hast,“ verkündete der Vampir und widmete sich weiter der Dusche.
Er hatte nicht direkt danach gesucht, doch sein Blick wanderte trotzdem aus Reflex zur Jacke auf dem Bett. Er war nur neugierig gewesen. Nun kratzte er nur verlegen seinen nackten linken Fußrücken an seinem Bein, ehe er betreten und still zur Tür und auf den Flur zurückging. Erst als er sein eigenes Zimmer wieder betrat, gab er sich keine Mühe mehr zu schleichen. Obwohl er sich noch schämte. Er begann damit, seine Kleider und die Perücke irgendwie zusammenzupacken und im Kleiderschrank zu verstauen.
Kei musste leise lachen.
Als Colin mit Aufräumen fertig war, nachdem er zuletzt Wills Telefonnummer in seiner Nachttischschublade verstaut hatte, war er eigentlich mehr als bettfertig, aber brachte es vor Verlegenheit trotzdem nicht fertig, seine Nachttischlampe auszumachen und unter die Decke zu kriechen. Also setzte er sich bloß an das dicke geschnitzte Holzbrett am Kopfende des Bettes gelehnt hin und versuchte, ‚A Tale of Two Cities‘ weiterzulesen.
Kei war nach dem Duschen in sein Zimmer gegangen und hatte seine Kleidungsstücke auf einen Haufen geworfen um sein Bett frei zu haben. Er setzte sich hin und nahm seine Gitarre, um Colin mit zweideutigen Liedern zu beschallen. In erträglicher Lautstärke, um keinen Anschiss von Dennis oder Rupert zu kriegen.
Regeln. Gewöhnungsbedürftig, wenn man das ganze Leben lang keine gehabt hatte.
Die Geräusche aus dem Nachbarzimmer taten nichts, das Colin nicht bereits selbst bravourös fertigbrachte - sich unfreiwillig vom Text ablenken. Er hatte nun jeden Satz mindestens viermal gelesen und immer noch nicht wahrgenommen, was drinstand. Keis Stimme und die Gitarrenklänge vermischten sich mit dem Bild vom aufgekratzten Kei mit leuchtend blauen Augen, der gerade fast nackt in seiner Tür gestanden hatte, um ihm salopp von den Drogen zu erzählen, die er Leuten abgenommen hatte, die er gerade für ihr Blut überfallen hatte...
Ah shit.
Colin seufzte.
Wahrscheinlich wäre es am besten gewesen, die Badezimmertür zu schließen.
Aber dann würde er die Musik dämpfen, die...
Er warf das Buch neben sich und rutschte etwas hinunter, um sich um eine nun ziemlich dringende Sache zu kümmern, die in seinen Boxershorts stattfand.
So leise wie möglich.
Das bekam Kei tatsächlich nicht mit, weil er gerade beschäftigt war. Irgendwann fing er an, ‚Devil Side‘ von VAMPS zu spielen.
Embrace my instincts, right, dachte Colin mit einem leisen Schmunzeln, während er aufmerksam auf den Liedtext horchte. That's exactly what I'm doing right now.
Mittlerweile lag er fast vollständig auf dem Rücken, während er sich anfasste. Kei konnte verdammt gut singen. Seine Stimme machte irgendetwas mit ihm, das seine Hand nicht konnte.
Sich ausmalend, was Colin gerade anstellen mochte, grinste Kei und machte weiter damit, dem Kleineren schöne Gedanken zu bereiten. Er malte sich ein paar Szenen aus und erinnerte sich an andere.
Und alles, woran Colin sich erinnerte, waren die beiden Motorradfahrten, dicht an Kei gedrückt, Kei wie er ‚Eine Mischung aus Liebe, Sex und Chaos‘ sagte, die bloße Idee, dass er schon zigmal mit ihm geschlafen hatte und Kei ihn offenbar viel besser kannte, als er sich vorstellen konnte, Keis Stimme jetzt und wie er gerade in der Tür ausgesehen hatte... und das war mehr als genug.
Er stöhnte und seufzte nicht laut, sondern atmete nur schwer und raschelte zwangsläufig mit dem Bettzeug, seinen Kleidern und seiner Haut, aber er war sich sehr, sehr sicher, dass Kei nichts davon über seinen Gesang und sein Saitenzupfen hören konnte. Unmöglich.
Kei hörte Geräusche aus Colins Zimmer, da er ja nicht gerade Lärm machte, konnte aber nicht genau feststellen, was Colin da veranstaltete. Das war aber egal, denn er konnte es sich denken und er war sich mehr als sicher, dass seine Vorstellung der Realität entsprach. Das leise Rascheln dauerte noch ein paar Minuten an und verstummte dann. Er mochte es, Recht zu haben.
Matt und immer noch unruhig atmend lag Colin da und hob langsam seine beschmierte Hand, um sich ohne besonderen Grund, mit dem er sich hätte rechtfertigen können, die glänzende Flüssigkeit auf seinen Fingern anzusehen.
Jetzt musste er sich waschen gehen, dachte er dumpf. Aber er konnte damit jetzt nicht ins Badezimmer. Keis Tür war noch offen.
Die Musik spielte auch noch und das Grinsen auf Keis Gesicht war immer noch da. Er verfluchte Colins Gedächtnisverlust in diesen Minuten mehr denn je.

Monday, December 19, 2016

Kei + Colin LXXXVI: Wir waren mehr als Freunde

Als sie den Raum betraten, machte Colin große Augen. Er wohnte nun schon ein Weilchen hier in Ruperts Schloss und hatte diesen Raum noch nie gesehen.
„Warum weiß ich nichts davon?“ staunte er. „Hier gibt‘s ja alles.“
„Weil du‘s vergessen hast. Such dir was aus.“
„Äh.“ Colin drehte sich im Raum, um sich umzusehen. Dann zuckte er zum x-ten Mal mit den Schultern und zeigte auf die riesige Musikanlage. „Musik und Darts?“
„Klar. Hast du Musikwünsche? Hier gibt's alles mögliche an Musik.“
„Äh. Keine Ahnung, mir egal?“
Kei ging zur Musikanlage und suchte Musik aus, die Colin kannte. „Meinst du, man kann hier Playlists bauen?“ fragte er.
Auf einmal gingen Colin wie in plötzlicher Erkenntnis die Augen auf. „Darum wart ihr nie beim Essen dabei,“ sagte er.
„Weil wir kein normales Essen brauchen, ja.“ Kei machte weiter an der Anlage herum, bis er sich für eine CD von den vielen, die ihm sofort einfielen, entschieden hatte. „Komm mal her. Hier ist noch was, das du in den letzten zwei Jahren gemacht hast.“
Colin taperte zu ihm an den Schrank. Kei trat zur Seite. „Schau mal. Das hast du getrieben, als wir ‘ne Weile nicht zusammen unterwegs waren.“
„Was, CDs gesammelt?“ fragte Colin doof, bis er feststellte, dass Kei ihm nicht die aufgereihten Plastikhüllen zeigte, sondern die Türinnenseite, die mit Postern und Fotos aus Magazinen beklebt war. Mit den Händen in den Hosentaschen betrachtete er sie näher. Jedes einzelne.
„... Wer ist das?“ fragte er schließlich leise, immer noch draufstarrend. Aber er wusste natürlich längst, was Kei ihm antworten würde.
„Dein böser Zwilling,“ scherzte Kei monoton.
„Ich habe einen-“ Colin sah zu Kei und verstummte. „Arschloch,“ sagte er mit strafendem Blick.
„Gern.“
„Wessen kranke Idee war das, mich Angel zu nennen?“ fragte er, wieder die Bilder betrachtend. Es war merkwürdig, sich selbst auf Fotos zu sehen, an deren Umstände man sich nicht im Geringsten erinnern konnte.
„War der Name auf deinem falschen Ausweis.“
„Warum hatte ich einen falschen Ausweis? ... War ich gut?“ Interessante Kostüme...
„Wir mussten unerkannt aus Japan raus. Ja, warst - bist du. Du kannst das immer noch.“
Mit einem schelmischen Seitenblick von unten, immer noch zu den Bildern hingebeugt, sagte Colin: „Warst du mein Fan?“
„Ich hab‘ manchmal im Fernsehen gesehen, was du so treibst. Deine Musik war und ist wirklich gut.“ Das konnte man auch als Ja verstehen, wenn man wollte.
„... Wie die Poster hier beweisen,“ sagte Colin mit dreistem Schmunzeln und richtete sich wieder auf.
„Ja. Es war nicht einfach, dich zu finden, obwohl du ständig irgendwo in den Medien warst.“
„Wir haben Japan zusammen verlassen?“
„Ja.“
„Warum?“
„Wir wurden verfolgt.“
„Warum?“
„Wir wurden von mächtigen Vampiren entführt, sind gestorben und irgendwann sind wir da rausgekommen und mussten abhauen.“
„Wir sind ge- bist du als Vampir nicht sowieso tot?“ Colin bewegte sich zum Sofa und rollte sich lässig über die Lehne auf die Sitzfläche, ohne die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen.
„Nein, ich bin als Vampir geboren. Ich bin nicht untot. Ich lebe nur anders. Naja mittlerweile bin ich beides. Untot und anders lebendig.“
„Also... Vampire werden geboren, und wenn sie sterben, erstehen sie untot wieder auf?“
„Ich kann kaum sterben. Diese Pisser, von denen ein paar mittlerweile tot sind, haben an uns versucht, Unsterblichkeit möglich zu machen. Da du ein Mensch bist, ist das nicht ganz so glimpflich ausgegangen und deshalb kam es irgendwann dazu, dass Dennis dein Gedächtnis löschen musste.“ Kei sammelte die Dartpfeile zusammen.
Auf der Erläuterung kaute Colin erstmal ein bisschen herum. Dabei starrte er blind auf den schwarzen Fernsehschirm vor sich, in dem er sich dumpf spiegelte. Es war alles ziemlich unglaubwürdig, aber die leuchtenden blauen Augen von Dennis, Kei und Delilah, die rasante Spucke-Heilung von Dennis‘ Arm, diese Gelassenheit, mit der er die Verletzung hingenommen hatte, Colins Fotos im Musikschrank und seine zwei verlorenen Jahre waren zweifellos echt. Seine eigene rätselhafte Spontanheilung ebenfalls. Egal, was die Wahrheit war, sie musste seltsam sein. Warum dann also nicht einfach diese Geschichte akzeptieren?
„Hat diese Bindung, von der Dennis gesprochen hat, was damit zu tun? Ich meine, ist das... ist das diese Unsterblichkeitsgeschichte? Sind wir darum zwei Jahre lang zusammen unterwegs gewesen?“
„Das hängt auch miteinander zusammen. Ich bin zum Beispiel klinisch tot, wenn du zu weit weg bist.“
„Wow, okay... oh, sollte ich darum heute nacht nicht türmen? Damit du nicht stirbst?“
„Ich sterbe nicht im Sinne von richtig tot sein. Ich hab keinen Herzschlag mehr und man kann mich sogar umbringen.“ Du sollst nicht türmen, weil ich nicht will, dass du gehst. „Oh, das funktioniert auch andersherum.“
„Ah... und darum hast du mich gesucht, als wir zwischendurch getrennt waren? Als ich Sänger war?“ Colin drehte sich etwas auf dem Sofa und schaute über die Lehne. „Warte mal, warum sind wir dann nicht tot?“
„Und, weil ich irgendwann nicht mehr sauer war.“ Kei zielte sorgfältig und warf einen Pfeil in die Dartscheibe. „Weil wir, warum auch immer, nicht ganz draufgehen. Ich bin sowas ähnliches wie unsterblich, halbtot und umbringbar, wenn du nicht da bist.“
„Du warst sauer? Auf mich? Warum?“ Colin lehnte sich auf die Rückenlehne und stützte das Kinn auf die Fäuste. „Lagerkoller, weil wir wegen der Geschichte immer zusammenhocken mussten?“
„Nein. Ich war wegen was anderem sauer und ja, deinetwegen.“
Colin grinste. „Nein aber ja?“
„Nein, ich hatte keinen Lagerkoller, aber ja, ich war sauer. So.“
„Ooh, was hab‘ ich gemacht?“ Colin grinste immer noch.
„Es gab Streit und dann bin ich weitergefahren.“
„Weitergefahren?“
„Wir waren in Südamerika und hatten gerade in einem alten Haus Station gemacht. Ich wollte weiter. Du bist dann nach Bolivien gefahren.“
„Wussten wir nicht, dass wir davon sterben können?“
„Wir sterben da nicht dran. Wir sterben wahrscheinlich endgültig, wenn man uns dann umbringt. Klinisch tot und richtig tot sind unterschiedlich.“
„Aber das ist doch normal... also für Menschen zumindest.“ Colin kniete sich hin, weiter auf die Rückenlehne gestützt. „Cool, dass du auch Roxette magst.“ Er nickte zur Musikanlage, die gerade ‚Fading Like A Flower‘ abspielte.
„Ich kenn‘ das erst, seit ich deine Version mal gehört habe.“
„Oh, ich habe das gecovert? Cool.“ Colin lächelte breit.
„Das müsste auch bei den ganzen CDs von dir dabei sein.“
„Hatte ich viele?“ Sein begeistertes Grinsen fand kein Ende.
„Schau doch nach, da sind alle.“
Eilig kletterte Colin wieder zurück über die Lehne, um die CD-Sammlung zu inspizieren.
„Wow... Das ist so cool...“ Er nahm die zwei CDs heraus, die Studioalben waren, und reichte sie Kei. „Mach die an.“
Kei fand es amüsant, dass die Reaktionen nicht die gleichen waren wie das erste Mal als Colin Ruperts Sammlung entdeckt hatte. Kei nahm die CDs und legte sie in die Anlage.
„Oh, die zuerst!“ Er hielt ihm noch ein Live-Album hin. Kei wechselte die CDs und machte das Live-Album an. Derweil zog Colin aus allen Hüllen die Booklets heraus und sah sie sich fasziniert an. Kei betrachtete ihn dabei und bewarf weiter die Dartscheibe. Mit immer verlegenerem Grinsen hörte Colin sich selbst zu und fragte sich, ob es ihm leicht fallen würde, Spanisch zu lernen, wenn er das mal (wieder) versuchen sollte.
„Ein bisschen viel Gekreisch zwischendurch, meinst du nicht?“ sagte er zwischen Lied zwei und drei. Kei verneinte das.
„Das würde ich nicht Gekreisch kennen.“
„Das Publikum? Aber hallo.“
„Oh nein, das ist kein Gekreisch. Das sind Teenieweiber mit Herzanfall.“
Colin lachte.
„Konnte ich richtig Spanisch?“ fragte er.
„Du hast das sehr schnell gelernt.“
„Japanisch war am Anfang ziemlich schwer.“
„Englisch auch.“
Colin lachte. „Hast du ein bisschen von mir gelernt?“
„Viel sogar.“
„Alright? Care to prove it?“
„Nope.“
Und wieder lachte Colin. „Ooh, das ist gut.“ Gerade kam ein E-Geigensolo.
„Ja.“ Kei gingen die Dartpfeile aus. Auf der Scheibe war ein Stern aus Pfeilen zu sehen.
„... Warum ist da nichts Japanisches drauf? Ich sehe hier nur Spanisch und Englisch.“
„Ich glaube, weil niemand wissen sollte, dass du du bist.“
„Ach ja, wir wurden verfolgt.“ Sein Blick klebte weiter auf den CD-Zetteln. „Was meinte Dennis mit der unterbrochenen Bindung? Wir sind doch beide nicht... klinisch tot, oder?“
„Du nicht, ich nur, wenn ich mehr als zwei Meter von dir weg stehe.“ Er zeigte Colin die vom Pflaster befreite Wunde. „Siehst du das?“
Colin schaute über die Sofalehne. „Ja?“
„Eben. Das wäre eigentlich schon lange weg.“
„Warum ist es das nicht? Du stehst doch direkt neben mir.“
„Ja, und deshalb bin ich nicht eiskalt.“
„Oh, ich glaube eiskalt bist du trotzdem,“ sagte Colin trocken mit einer hochgezogenen Augenbraue.
„Aber ich habe einen Herzschlag, ich bin körperlich warm.“ Eiskalt... vielleicht. Wenn du nicht da bist.
„Okay, warum heilt sich dein Körper aber nicht, und meiner schon? Er hat was von einseitiger Verbindung gesagt?“ Colin kletterte wieder auf die Knie, um sich mit den Ellenbogen auf die Lehne zu stützen.
„Du kannst mich nicht sonderlich gut ausstehen. Ich dich schon.“
„Hä.“
Dennis hätte dir ein paar Details lassen sollen... dachte Kei bei sich.
„Also, ich hab‘ nichts gegen dich. Glaube ich.“ Colin zuckte mit den Schultern. Kei lächelte leicht. Das war ein Anfang.
„Oh, du wirst mich hassen. Manchmal. Manchmal auch das Gegenteil.“
Damit wusste Colin nichts anzufangen.
„Wir müssen uns also anfreunden, damit du dich wieder spontan regenerieren kannst?“ fragte er.
„Das wäre ein netter Nebeneffekt,“ sagte Kei. Colins Lächeln wurde etwas schmaler.
Der will sich mit mir anfreunden?
„Wir waren Freunde, ja?“
„Wir waren mehr als Freunde.“ Kei malträtierte wieder die Dartscheibe und Colin hörte mit seinem leichten Wippen auf.
„... und was war das?“ fragte er mit leichtem Stirnrunzeln und geneigtem Kopf.
„Beziehung.“
„Äh. Ja... schon klar. ... Aber was für eine?“
„‘Ne Mischung aus Liebe, Sex und Chaos.“
Colins Gesichtszüge entgleisten etwas. „... Hä?“ fragte er.
„Ist das so unvorstellbar?“
Colin merkte nicht, dass er rot geworden war. Nur, dass er verlegen lächelte. „Also... ich weiß nicht... irgendwie... schon... Wer von uns ist denn bitte schwul?“ fragte er intelligent.
„Wie viele gehören zu einer Beziehung?“
Colin sog Luft ein. „Also... du kannst mich doch auch nicht leiden!“ Nun wippte er wieder etwas vor und zurück, aber nur aus Verlegenheit, und räusperte sich. „Mir fehlen die letzten zwei Jahre, da kann ja viel passieren, glaube ich, oh scheiße, ich bin ja sechzehn... oder so... ähm... aber-“
„In den letzten Jahren ist sehr viel passiert, ja.“ Kei schmunzelte amüsiert. Und wieder stellte Colin das Wippen ein. Dafür fummelte er an einer Lederfalte an der Kante herum.
„Du verarschst mich auch nicht?“
„Wirklich nicht.“
„... Du hast echt mit mir geschlafen?“ Der eine verzogene Mundwinkel sah sehr skeptisch aus. Kei nickte.
„Ja.“
„Oh my god.“ Colin drehte sich um und rutschte auf die Sitzfläche. Kei musste grinsen und amüsierte sich nonverbal. Der verwirrte und schockierte Ausdruck blieb auf Colins ziemlich warmem Gesicht, so oft er sich auch mit gnadenvoll kühlen Händen darüberwischte. „War ich wenigstens gut?“
Kei grinste ein bisschen breiter. „Interessant, dass du mich das jetzt fragst.“
„Ich habe dich das nie gefragt?“ Colin wagte es, aufzublicken.
„Nicht, dass ich wüsste.“
„Na, dann kann es ja keine Beschwerden gegeben haben.“
Du hast dich auch nie beschwert. Kei grinste weiter. „Das beruht auf Gegenseitigkeit.“
Plötzlich fiel Colin etwas ein. Er drehte sich schnell wieder um. „Wir haben doch keine komischen Rollenspiele gespielt, oder?!“ Es klang etwas drängend, als läge ihm diese Sache sehr am Herzen. „Hatte ich darum dieses Kleid an?!“
Kei lachte. „Das Kleid hatte ‘nen anderen Grund und ich bin nicht schuld daran.“
„Ein Theaterstück? Halloweenparty? Warum hast du dann bei mir im Bett gelegen?“
„Ich hab‘ nur auf dich aufgepasst. Der Grund war eine Gala.“
„Gala? Crossdressinggala?“
„‘Ne ganz normale Gala, auch wenn ich nicht weiß, wofür die eigentlich war.“
„Ach, die hier im Schloss? Warum hatte ich dann ein Kleid an?“ Plötzlich schmunzelte Colin und musste mithilfe eines Räusperns ein Lachen unterdrücken. „Hattest du ein Abendkleid an?“
„Nein, ich habe einen Frack gekriegt.“
Colins Grinsen verschwand und machte einem flachen Todesblick Platz.
„Rupert war schuld.“
„Der kriegt morgen was zu hören,“ versprach Colin grimmig.
„Alles klar.“

Es vergingen einige Tage, in denen Kei viel trainierte und Colins Fragen beantwortete, wenn dieser denn welche stellte. Nachts war der Vampir oft in der Stadt. Ob, um sich mit Konzerten abzulenken oder sich die Beine zu vertreten, wenn er was anderes sehen wollte als das Schloss. Musterhaft benahm er sich nicht. Das tat er nie. Doch er gab sich ernsthaft Mühe, unauffällig zu bleiben. Er wusste, dass Dennis und Delilah wussten - und wahrscheinlich auch Colin - dass er nachts abhaute. Solange ihn keiner daran hinderte, war ihm das recht. Wirklich verkleidet war er nicht, aber er trug meistens bunte Kontaktlinsen, wenn er das Schloss verließ, und das schien auszureichen. Er spielte viel auf seiner Gitarre.
Zu Colin suchte er in der Form Kontakt, dass er hin und wieder neben ihm auftauchte und einfach anfing, sich mit ihm zu unterhalten.

Am nächsten Freitag folgte Kei dem Kleineren leise, nachdem der vom Mittagessen kam, welchem beizuwohnen der Japaner vermied.
„Heute ist irgendwo in der Stadt ein Konzert, kommst du mit?“
Mit einem leisen Lächeln nahm Colin Keis Anwesenheit zur Kenntnis, ohne ihn anzusehen. Er hatte sich daran gewöhnt, dass der Vampir hin und wieder plötzlich aus dem Nichts aufzutauchen schien und machte sich nichts mehr daraus.
„Ich darf doch nicht raus,“ gab er zu Bedenken, während er das ausgelesene Buch ins Regal zurücksortierte. Rupert war nach dem Essen in seine Praxis in Lancaster zurückgefahren und Colin hatte sich angewöhnt, die ersten Nachmittagsstunden bei Wetter wie diesem - nass und kalt - in der Bibliothek zu verbringen.
„Die Tür ist nicht abgeschlossen,“ merkte Kei an. Mit einem kleinen schmunzelnden Seitenblick gab Colin ihm zu verstehen, dass das nicht das Problem war.
„Dass du nicht rausgehen sollst, ist kein vernünftiger Grund,“ fügte Kei schulterzuckend hinzu.
„Dass die Instanz mich finden und dann den ganzen Widerstand hier zerschlagen kann, ist aber einer.“ Er ging langsam das Regal ab und las die Buchrücken.
„Ja, aber einen Abend in einem kleinen Club rumzuhängen, so, dass man uns nicht wirklich erkennt, wird schon nicht schiefgehen.“
Colin musterte ihn von der Seite und musste dabei fast grinsen. Er verstand sich mittlerweile ganz gut mit dem merkwürdigen Idioten, konnte aber natürlich nicht umhin, seine Motive zu hinterfragen.
„Charles Dickens ist immer gut,“ sagte er und nahm sich ‚A Tale of Two Cities‘ aus dem Regal.
„Ich bin kein talentierter Überreder. Wenn du was anderes sehen willst als Schloss, dann komm mit. Wenn nicht, auch okay.“ Eigentlich nicht. Kei wollte, dass Colin mitkam. Colin zuckte mit den Schultern.
„Wenn du Dennis für mich fragst und er einverstanden ist, komme ich mit,“ sagte er. Natürlich wollte er etwas anderes als das Anwesen sehen. Aber er konnte Dennis nicht selbst fragen. Der Mann war ihm unheimlich.
„Okay.“ Kei kam gut mit Dennis zurecht. Ihn zu fragen, ob Colin ausgehen durfte war weitaus weniger schlimm, als ihn um Hilfe bitten zu müssen. Kei bat nicht gern um Hilfe. In den letzten Wochen kam das viel zu häufig vor.
„Ich habe aber kein Geld für Eintritt oder sowas,“ sagte Colin.
„Egal, ich hab‘ welches.“
„Wird das dann ein Date?“ fragte Colin mit einem breiten Grinsen.
„Ja, weil ich dich einlade,“ erwiderte Kei, ebenfalls grinsend.
„Dann mache ich mich ganz besonders hübsch,“ versprach Colin wimpernklimpernd und tänzelte mit einer ausladenden Geste an Kei vorbei in Richtung Tür. Der musste lachen.
„Lass dir Zeit, das fängt erst gegen 21 Uhr an.“

Kurz nach Colin verließ er den Raum, um Dennis zu finden. Er steckte den Kopf in dessen Zimmer und fragte: „Bist du hier?“
Tatsächlich war er das. Und wie er das war. Er war gerade im Begriff, seine Motorradmontur anzulegen und hatte es vor Keis unangemeldetem Eindringen gerade noch geschafft, den Reißverschluss der engen Lederhose zu schließen und hielt nun mit leicht verdutztem Blick ein T-shirt in der Hand. Schulterzuckend öffnete er die Arme um seine Präsenz zu bestätigen.
„Darf Colin heute mit mir weggehen?“ Kei blieb in der Tür stehen. Dennis hob eine Augenbraue.
„Nein,“ sagte er unbekümmert und zog sich das T-shirt über.
„Komm schon. Ist nur ein Konzert.“
„Oh, also nur so fünfzig bis zweihundert Leute um euch herum, die ihn erkennen könnten. Klar doch,“ sagte Dennis trocken und schüttelte den Kopf.
„Wir müssen doch eh verkleidet raus, also erkennt uns keiner,“ versuchte Kei ruhig.
„Vorschlag,“ sagte Dennis, während er die Jacke zuzog und sich Kei zuwandte. „Ruperts Stunt bei der Gala scheint ja funktioniert zu haben. Verkleide ihn so, bis zur Unkenntlichkeit, und ich gebe euch Delilah mit.“
„Einverstanden.“ Delilah war Keis Lieblingsverwandtschaft, wenn man das so nennen konnte. Sie mitzunehmen empfand er nicht als Bestrafung.
Für Kei hieß Verkleiden meist nur, seine Augenfarbe und Tattoos verschwinden zu lassen an denen man ihn sonst zu einfach erkennen würde. Den Rest erledigte das Geistesbeeinflussungstalent, in dem Dennis ihn in letzter Zeit ausbildete. Die Tragweite von Dennis‘ telepathischer Fertigkeit wurde ihm so erst nach und nach bewusst, und er verstand nun, warum sie beide so einfach in den Keller mit den Grubenkämpfen spazieren konnten, aus dem sie Colin befreit hatten.
„Gut. Brauchst du Geld für Ivys Verkleidung?“ fragte Dennis, indem er sich ein paar Kleinigkeiten von der Kommode nahm und sie in diversen Taschen verstaute.
„Ja. Ich bin nicht reich.“ Den Plan Colin zu unterbreiten würde noch amüsant werden. Wie vor allem sollte er es anstellen, dass Colin bei der Auswahl der Kleidung, mit der Kei - wenn man von seinen Fantastereien mal absah - völlig überfordert war, mithelfen konnte? Während Dennis so auf ihn zuging, dass es offensichtlich wurde, dass er ihn von seiner Zimmertür verscheuchen wollte, patschte er ihm einen Hundertpfundschein auf die Hand und nahm schonmal die Türklinke in die Hand.
„Dann mach mal.“
„Viel Spaß noch,“ sagte Kei dankend nickend und verschwand wieder.

Mit dem Geld ging er zu Colin, an dessen Badezimmertür er klopfte.
„Gute Neuigkeiten! Du darfst mitkommen. Dennis hat aber Bedingungen aufgestellt.“
Colin öffnete die Tür und taperte daraufhin gleich wieder zu seiner Stereoanlage die Rupert ihm hier hineingestellt hatte, um den Ton leiser zu drehen.
„Was für Bedingungen?“ Er konnte seine leichte Aufregung nicht ganz verbergen. Er durfte raus! Zu einem Konzert!
„Erinnerst du dich an das Kleid?“
„... Ich soll mich als Mädchen verkleiden.“ Colin wusste nicht, ob er laut loslachen oder angewidert sein sollte. Beides sah man auf seinem Gesicht.
„Ja. Und wir sollen Delilah mitnehmen.“
„Oh. Als Leibwächter,“ riet Colin.
HAHAHAHAHAHA! tönte auf einmal Delilahs Geistesstimme in Keis Kopf.
Dennis ist schuld. „Wohl eher als Aufpasser.“
„Ist doch das gleiche. Aber wie, bitte, soll dieses Kleid der Unauffälligkeit dienen, frage ich mich?“ Colin hob die Augenbrauen und breitete fragend die Arme aus.
Das wird ein Spaß, sagte Delilah in Keis Kopf in einem gemeinen Ton, den Kei bereits aus diversen Prügelrunden mit ihr gut kannte.
„Die Instanz hat dich als männlich auf dem Fahndungsblatt. Auf der Gala warst du sehr überzeugend.“ Lass ihn Spaß haben, entgegnete Kei seiner Schwester in Gedanken. Er hielt den Geldschein in die Höhe. „Dennis hat uns Geld gegeben. Also für dein Zeug.“
„Damit ich nicht als Alice im Wunderland rumlaufen muss. Nett von ihm...“ Colin sah den Schein misstrauisch an.
„Du musst mir sagen, was du haben willst, dann geh ich einkaufen.“ Und errege jede Menge Aufmerksamkeit...
„Äh... was überzeugendes, nehme ich an...“ Hilfloses Schulterzucken. Hilfloserer Gesichtsausdruck.
Es klopfte an der Tür.
Kei drehte sich um. „Dein Outfit, deine Entscheidung.“
„Okay okay, warte! Komm rein,“ sagte er zur Tür, durch die nun Delilah spaziert kam. Ihr Gesicht war auf den ersten Blick stoisch wie immer, doch Kei konnte darauf den Ansatz eines schadenfrohen Schmunzelns erkennen, das Colin völlig entging.
„Ich habe keine Ahnung, ich trage immer nur sowas hier,“ sagte Colin eilig und gestikulierte an seinen Jeans und Sweatshirt herunter.
„Weiß ich. Delilah. Frauenkleidung für Colin. Was würde ihm stehen?“ Und hör auf zu grinsen!
Sie machte eine Show daraus - zumindest für ihre unterbetonten Verhältnisse - Colin von oben bis unten zu betrachten, und deutete dann mit an den Oberschenkeln ausgebreiteten Händen einen Rock an.
„Aber was für einen?“ Kei sah zwischen Colin und Delilah hin und her. Ein auf dem Bein entlanggezogener Finger sagte ‚kurz‘. Dann hob sie ein Bein an und klopfte sich auf einen Motorradstiefel.
„Das verstehe ich zwar nicht, aber sie scheint bescheid zu wissen,“ bestimmte Colin nervös.
Material oder Farbe? fragte Kei mit Blick auf Delilahs Stiefel.
Alles, entgegnete sie. Sie setzte ihren Fuß wieder auf und winkte Kei zu sich, mit einer Geste, die ‚Motorradfahren‘ ausdrückte.
Alles klar, das kriege ich hin. Was als Oberteil? Kei war eindeutig damit überfordert. Sie winkte ihn wieder zu sich, nachdrücklicher, und wandte sich zur Tür. Dann blickte sie zu Colin, tippte sich dabei auf das Handgelenk und hielt zwei Finger hoch. Der Junge nickte hilflos. Kei schaute sie fragend an.
Komm! sendete sie ungeduldig beim Hinausgehen. Kaufen.
Okay, okay. „Wir beeilen uns,“ versicherte er Colin beim Verschwinden.
„Okay...“ Colin winkte kurz langsam.

Keine zwei Stunden später waren sie zurück und Kei kam sich erschöpfter vor als nach jedem Training mit Yukio oder Delilah. Sie fanden Colin wieder in seinem Zimmer, wo er in weiser Voraussicht seine Ivyperücke hervorgekramt und vorsichtig gekämmt hatte. Er schien sich von seiner eigenen Überforderung erholt zu haben und begutachtete ihre Einkäufe mit weniger Skepsis und Schrecken als befürchtet. Zu dem - wirklich sehr kurzen - Faltenrock mit schwarzer Wollstrumpfhose musste er nicht einmal ein kompromittierendes neues Oberteil anziehen, sondern einfach eins seiner engeren Sweatshirts. Mit den Bikerstiefeln und dem Lederschmuck mit Ketten und Nieten konnte er sich auch abfinden. Kei war mit den Einkäufen ziemlich zufrieden, dafür, dass er noch nie Frauenklamotten gekauft hatte, und beobachtete Colin beim Auspacken der Einkäufe. Der sagte kein Wort und sah nur auf die Uhr, um abzuschätzen, wieviel Zeit noch blieb. Genug.
Ohne Delilahs und Keis Anwesenheit über einen neutralen Blick hinaus noch weiter zur Kenntnis zu nehmen, zog er sich das Sweatshirt aus. Kei grinste leicht und beobachtete Colin ungeniert weiter. Augenbrauen hochgezogen, drehte Delilah sich auf der Stelle um und verließ den Raum. Kei bemerkte sie verschwinden, aber das kümmerte ihn nicht wirklich.
Da war noch etwas in der Strumpfhosentüte. Colin wühlte darin, hielt inne und wurde rot. Mit einem verstohlenen, unlesbaren Blick nahm er sich die ganze Tüte, Strumpfhose und Rock und marschierte brüsk ins Badezimmer. Kei musste leicht lachen, weil er sich denken konnte, was Colin gerade gefunden hatte.
„Halt die Schnauze,“ kam gedämpft durch die Badezimmertür. Was man nicht alles für ein Konzert und eine Pause vom goldenen Käfig tat...

Saturday, August 13, 2016

Kei + Colin LXXXIV: In ungewohnter Hülle


 „Steht dir bestimmt.“ Kei, der seine Fantasterei bestätigt sah, wenn diese auch nicht grün gewesen war, fand das gar nicht schlecht, aber äußerst amüsant, weil er damit nicht gerechnet hätte. Colins Seitenblick auf ihn sprach Bände, aber in einer unbekannten Sprache. Er zog das Kleid aus der Tüte.
„Natürlich steht es mir,“ sagte er eingebildet, schmunzelte dabei aber. Er war auf belustigte Weise überrascht und fragte sich beim Begutachten des fast kindlich-mädchenhaften Kleides mit einem deutlichen Überschuss an Falten und Stickereien, was Kei von dieser Idee halten mochte. Kei musterte das Kleid aufmerksam.
„Ich hatte mir das etwas anders vorgestellt,“ sagte er grinsend. Er nahm den Inhalt seiner Tüte und musterte ihn. „Muss der Frack auch sein?“ fragte er seufzend.
„Wenn wir runtergehen, ja.“ Colin blickte zu Kei auf. „Ich würde das jedenfalls gern sehen.“ Und er immer noch zu gern gewusst, ob Kei die Vorstellung von ihm im Kleid gefiel. Seine Aufmachung als Angel in Bolivien hatte zeitweise hart an der Grenze zum Crossdressing gelegen, aber das waren Showkostüme gewesen, und nie so eindeutige Verkleidungen.
Kei würde Colin das nicht unbedingt auf die Nase binden, aber der Kleinere würde schon früh genug darauf kommen, was er von seiner Verkleidung hielt. Colins Showkostüme hatte er damals auch gemocht, auch wenn er nicht alle davon gesehen hatte. „Schulde ich dir noch was?“ fragte er grinsend. Colin lächelte erst verschmitzt aber schien dann kurz nachzudenken und zuckte nur mit den Schultern.
„Gar nichts. Wir sind schließlich nicht verheiratet.“ Daraufhin wandte er sich wieder seinem Tüteninhalt zu und probierte die Knöpfe auf den Stiefeln aus. Kei nahm das Schmunzeln des Kleineren eher zur Kenntnis als seine Antwort. Würde er Colin etwas schulden, wenn sie verheiratet wären? Er war davon nicht überzeugt. So gar nicht. Er nahm den Inhalt der Tüte auseinander.
„Aber nur weil ich wissen will, wie das aussieht,“ kommentierte er sein Outfit und begann, sich umzuziehen. Grinsend schüttelte Colin den Kopf.
„Wenn Rupert es ernst meint, müssten da noch Kontaktlinsen für dich sein. Es kann nicht sein, dass nur ich unter dem Radar bleiben muss.“ Er packte alles in die Tüte zurück und stand damit auf. Kei schaute genauer auf dem Boden der Tüte nach - und tatsächlich! Dunkelbraune Kontaktlinsen.
„Ich komm mir so anständig vor in diesen Sachen...“ Er fummelte die Kontaktlinsen in seine Augen und drehte sich zu Colin um, der gerade die Karaokemaschine ausgeschaltet hatte. „Wie sehe ich mit braunen Augen aus?“
Mit ernsthaft verwundertem Gesicht musterte Colin ihn. Als er den Mund schließen konnte, rieb er sich verlegen über eine Wange. Seine Hand war kühler als sein Gesicht, und das war nunmal angenehm.
„... Menschlich.“
Dass Kei gerade irgendwie warm und hübsch aussah, wirklicher und damit lebendig, was sich alles mit ihm irgendwie echter anfühlen ließ, konnte er doch nicht einfach so sagen.
„... Unheimlich...“ sagte Kei. „Hast du irgendwas spiegelndes? Ich muss das selbst sehen.“
„... In meinem Zimmer.“ Da hatte Colin sowieso hingehen wollen. Zu diesem Zweck hatte er sein Hemd wieder angezogen und hielt die vollgestopfte Kostümtüte in einer Hand. In Hemd und seiner eigenen Hose und mit Kontaktlinsen in den Augen, nahm Kei sein Zeug und ging zur Tür um mit dem Kleineren in dessen Zimmer zu gehen. Dort stand in der Ecke zwischen geschnitztem Kleiderschrank und Schmucktapete ein menschengroßer Spiegel, zu dem Colin hinnickte, als sie hineinkamen. Er warf seine Tüte auf das Bett und setzte sich daneben, um Kei anzuschauen. Der ging zum Spiegel und betrachtete seine völlig ungewohnte Augenfarbe. Sein Blick war schwer zu deuten. Colin lächelte leise.
„Wenn ich eine rausnehme und die andere drinnen lasse, dann erschrecken sich die Leute zu Tode,“ dachte Kei laut.
„Es gibt schrecklicheres. Aber es wäre sehr auffällig. Was hältst du jetzt von deinem Gesicht?“
„Das ist extrem ungewohnt. Ich sehe halbwegs menschlich aus...“
„Don't be so hard on yourself. Du siehst immer halbwegs menschlich aus. Jetzt siehst du sogar fast ganzwegs menschlich aus!“ Colin grinste. „... Wie ein Elf, der sich Menschenohren aufgesetzt hat!“
„Ich bin zu schmal, um als Mensch durchzugehen, aber den Menschen fällt das nicht auf, die glauben, ich esse zu wenig.“ Der Vampir schien das amüsant zu finden.
„Tust du ja auch,“ entgegnete Colin mit hochgezogener Augenbraue und winkte ab. „Als Ostasiate darfst du aber ein Strichmännchen sein, das macht nichts. Ich weiß schließlich, wie du ohne Kleider aussiehst.“
„Wie ein muskulöses Strichmännchen...“ grinste Kei. Colin lachte.
„Solange du die gleichen Sachen kannst wie Jean-Claude van Damme musst du nicht unbedingt so aussehen.“ Er grinste.
„Ich kann mehr.“ Da war er sich sehr sicher. Muskelberge machten bestimmt unbeweglich.
„Oho. Große Töne. Wieso nimmst du den Mund so voll, glaubst du, dass du das beweisen kannst?“
Durch die geschlossene Tür konnten sie nun gedämpft einen Gong vernehmen.
„Da ich van Damme nie begegnet bin nicht, aber das muss ich auch nicht - Wofür is der Gong?“
„Keine Ahnung. Wahrscheinlich fängt jetzt der erste Programmpunkt an oder so.“ Colin saß gemütlich an einen Himmelbettpfosten gelehnt auf der Ecke herum. „Zieh die anderen Sachen noch an.“
Kei zog sich den Rest seiner Kostümierung an, eine bestickte schwarze Weste und den Frack, doch das Krawattending trug er zu Colin. „Ich kann ja Krawatten binden, aber wie geht das?“
So etwas hatte Colin als Angel häufig genug getragen, um es im Schlaf korrekt anlegen zu können. Er stand auf und drapierte das schwarze Tuch um Keis Kragen, band es locker zusammen und fixierte es mit der dekorativen silbernen Nadel, die bereits an einem Ende heruntergebaumelt hatte.
„Bittesehr, Lestat,“ sagte er, indem er mit dem Daumen kurz über den glänzenden Halbmond strich.
„Danke.“ Kei hatte die Bücher von Anne Rice nicht gelesen, aber die Filme waren ihm irgendwann in Japan mal untergekommen.
„Du kannst dich sehen lassen. All the girls in the county will want to marry you,“ lispelte er in einem sehr schottischen Akzent mit übertriebenem Augenaufschlag.
„But I don't want to marry. You must save me.“
„Oh, good golly, what are you suggesting?“ Er behielt das schottische Geschwurbel bei.
„Take a sword and kill them,“ war Keis wunderbare Idee. Er musterte Colin und sein Geschwurbel misstrauisch, aber grinsend.
„You think I'm that kind of Highlander?“ Während Colin das R anrollte, zwinkerte er grinsend.
„Do you prefer a Highlander's weapon?“ Kei bemühte sich, nicht in lautes Gelächter auszubrechen.
„A true Highlander kills with his bare hands... however, when it comes to weapons, I prefer it Japanese. Japanese... swords. My hands, your sword... how about it?“ Er zuckte die Schultern.
„Agreed.“
Colin sah ihn hungrig an. „Then let's get your sword. And find those girls and kill them,“ sagte er fröhlich und drehte sich weg.
Kei verschwand tatsächlich kurz in seinem Zimmer und kam wenig später mit seinem Schwert wieder.
„Now I look like a Yakuza killer from a hundred years ago,“ grinste er. Colin patschte sich mit der Hand auf die Stirn, während Kei sein Schwert lachend in die nächste Ecke stellte.
„Okay, der Witz ist schiefgelaufen. Wenn ich sage, dass ich dein japanisches Schwert bevorzuge, dann rede ich nicht unbedingt von Stahl.“
Kei amüsierte sich köstlich, sodass der Verdacht aufkommen konnte, er hätte Colin absichtlich missverstanden.
„Du kannst so jedenfalls runtergehen, du bist gut getarnt und siehst verdammt gut aus,“ sagte Colin mit einer Geste des Hinfortwinkens.
„Ich darf nicht beim Umziehen zugucken? Pff.“
Colin staunte kurz. „Umz-“ Er blickte auf die Tüte und dann zurück zu Kei. „Du willst, dass ich das anziehe?“ Er klang mehr interessiert als alles andere.
„Ich will zumindest sehen, wie es aussieht,“ entgegnete er mit leichtem Grinsen.
„Na gut, aber nur... mit meiner Freigabe. Also darfst du nicht zugucken. Raus.“ Er zeigte auf die Badezimmertür. Dann mit dem anderen Arm auf die Tür zum Flur. Sah dabei aber richtig streng aus. „Und am besten gehst du auch gleich runter, sonst muss ich die Schlüssellöcher verhängen.“
„Ich kann auch durchs Fenster gucken.“ Kei grinste. Sein Schwert ließ er in Colins Zimmer. Da lag es fast genauso gut wie in seinem eigenen. Er schlenderte die Treppe hinunter zum Saal.

Da gingen Leute mit Häppchen und Getränken umher und es gab wohl ein Streichquartett, dessen sanfte Töne er bis ins Foyer hören konnte. Als er zu all den Leuten herunterkam, verstummte es gerade. Die Gäste standen nun alle im Saal, in dem sonst immer dieser große lange Tisch stand, mit Getränken in den Händen da und hörten abwechselnd ein paar Ansprachen zu und klatschten zwischendurch. Die meisten von ihnen waren etwa in mittlerem bis etwas höherem Alter. Kei identifizierte einige Frauen, deren Männer sie wohl wegen ihrer Brüste und blonden Haare geheiratet hatten. Sie erschienen ihm etwas zu alt, um als Begleitung gemietet worden zu sein. Die Gäste sahen für ihn fast alle so aus, wie er sich europäische Snobs vorstellte.
Als nach all diesen Ansprachen und dem Geklatsche, die Kei komplett ausblendete, die Musik und das Häppchenfressen wieder begann, war Colin immer noch nicht zu ihm gestoßen. Es dauerte über zwanzig Minuten, in denen Kei sich unten weiter umsah und sich ein paar Drinks und Anstandshäppchen genehmigte. Ansonsten musterte er die Personen, von denen er keine kannte und wartete mit stetig wachsender Ungeduld auf ein Zeichen von Colin. Was macht der da oben noch?
Er musterte die versnobt aussehenden Menschen mit verborgener Abscheu und fragte sich, weshalb Colin und er unten gewünscht waren. Durch die Reihen der Leute gehend mimte er den höflichen Japaner und suchte Rupert, der sicherlich wusste, weshalb er ihn und Colin jetzt doch unten sehen wollte.
Rupert, seinerseits wie alle anderen in Schale geworfen, war immer wieder von Gästen belagert und kümmerte sich wohlerzogen und mit geübter Höflichkeit und Sorgfalt um jeden einzelnen. Als er Kei bemerkte, versuchte er, ihn zu sich zu winken und sich zu ihm durchzukämpfen, wurde unterwegs jedoch mehrmals aufgehalten. Kei hatte ihn gesehen und bahnte sich, Unbekannte höflich grüßend, wann immer es nötig war, seinen Weg zu Rupert, jedoch ohne zu versuchen die Belagerungsgruppe zu verdrängen. Augenblicklich war es eine Dame um die vierzig, die ihn zum Tanzen überreden wollte. Das Streichquartett spielte nun bereits seit einigen Minuten, ging aber in dem allgemeinen Raunen und Gläserklicken beinahe unter.
„I'm sure I will, later on, but I haven't even greeted half our guests yet, I'm sure you will forgive me,“ entschuldigte Rupert sich bei ihr und drehte sich eilig zu Kei um. Der lächelte ganz leicht und grüßte Rupert mit angedeuteter Verbeugung. „How brilliant you could make it. Have you introduced yourself to anyone yet?“ Rupert neigte in Entgegnung der Verbeugung etwas den Kopf.
„I greeted some people but there was no real introduction.“
Rupert lächelte ein wenig. „I'm sure it won't take long, Sakamoto-san, people will want to get to know you.“ Er stellte sein leeres Champagnerglas auf ein Tablett und nahm zwei neue herunter. Eines hielt er Kei hin. „Have you come alone?“
Kei nahm mit verstehendem Nicken das Glas entgegen. „My lovely counterpart needs some more time.“ Er fragte sich dabei, wie lange es wohl brauchte das Kostüm perfekt anzuziehen. Anscheinend sehr lange.

Dennis kratzte sich besorgt am Kinn. Er war schon lange nicht mehr skeptisch, dass Colin so inkognito bleiben konnte, denn das Kleid und die Perücke leisteten ganze Arbeit. Oder vielleicht drei Viertel der Arbeit, denn Colin war überzeugend. Das war bedenklich. Fand Dennis. Nun machte er sich eher Sorgen, dass der Junge unten aus einem anderen Grund zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen könnte.
Mit einem kleinen Zeigefingerdreher ließ er Colin sich noch einmal drehen, um ihn von allen Seiten genau zu begutachten. Schließlich schüttelte er langsam den Kopf.
„Ich kann dich nicht runterlassen,“ sagte er.
„Aber Kei ist schon lange unten,“ protestierte Colin. Sein enttäuschter Blick ließ Dennis sich beinahe an die Brust greifen und hilflos seufzen. Schließlich rubbelte er sich über das Gesicht und öffnete die Tür.
„Dann geh eben...“ Kei würde ihn schon zuverlässig bewachen, hoffte er.

Als Kei Bewegung auf der Treppe hörte, sah er auf. Er hoffte, dass es Colin war, denn diese Gala war bisher nicht allzu interessant für ihn gewesen. Andere Gäste und Bedienstete, die sich gerade in der Eingangshalle aufhielten, blickten ebenfalls auf, denn die Treppe war auf einer der unteren Stufen mit einer Kordel abgesperrt, damit man sich nur im Erdgeschoss bewegte.
Ruperts freudig überraschter Blick ging mit einer deutlichen Entspannung seiner Körperhaltung einher.
Gleich am Fuß der Treppe, als er sich gerade umgesehen hatte, wurde Colin von jemandem angesprochen. Auch wurde ihm ein Champagnerglas in die Hand gedrückt. Er wechselte lieblich lächelnd und nickend ein paar Worte mit der alten Dame im Glitzerschmuck und knickste, als sie sich wieder abwandte. Das grüne Kleid mit all der Spitze und Stickerei war nicht besonders lang sondern reichte ihm gerade bis unter die Knie. Mit den Stiefeln, den gestreiften Strümpfen, den Handschuhen und nicht zuletzt dem lockigen Haar ließ es ihn wie Alices große Schwester aussehen, oder wie einen Charakter aus einem Charles Dickens-Roman.
Kei erblickte Colin nur Sekunden nach Rupert. Ein anerkennendes Staunen machte sich auf seinem Gesicht breit, während er sich ihm näherte. Das Grinsen ließ er unter einer perfekten Maske verschwinden.
„What took you so long?“ fragte er ruhig, nachdem die Dame wieder verschwunden war. Sein Gesichtsausdruck verriet teilweise, was er von Colins Aufmachung hielt. Offenbar nicht wenig. Obwohl sein Freund eher wie ein Buchcharakter aussah - Er war ein verdammt hübscher Buchcharakter. „That somehow suits you well,“ fügte er leise hinzu. Viktorianisches-Mädchen-Colin errötete etwas und sah zu Boden. Seine typische Geste, sich vor Verlegenheit die Haare hinter die Ohren zu stecken, brachte nun endlich wieder einmal was, jetzt, wo er eine überzeugende Perücke trug.
„I don't know if that's a compliment or not... but thank you,“ entgegnete er leise.
„Indeed, you look pretty,“ stimmte Rupert mit ein. „Did you just introduce yourself to Mrs Jefferson?“
„Kind of that was what I wanted to say,“ erklärte Kei leise. Er wollte es nur nicht so formulieren und dann kam was merkwürdiges dabei heraus. Gut, dass Colin ihn auch so verstand. Der Vampir sah zu Rupert in Erwartung dessen, was dieser sich für Colin ausgedacht hatte.
„Yes. She knows my name's Ivy Branson,“ sagte Colin leise. Rupert schmunzelte hauchzart und nickte.
„Very good. Please carry on, Ivy, and enjoy yourself. Kenichi Sakamoto will look after you.“ Mit diesen Worten klopfte er Kei dezent auf die Schulter. Das brachte Kei fast zum Lachen. Kenichi? Wirklich? Es gab so viele japanische Namen und Rupert musste sich diesen aussuchen. Ivy für Colin war aber auch nicht besser. Das passte so gar nicht zusammen.
„I guess I'm your bodyguard for today,“ stellte er fest.
„That's a relief,“ sagte Colin und sah auch so aus, ehe er einen kräftigen Zug von seinem Schaumwein nahm. Rupert tat es ihm gleich und wandte sich mit einem Winken ab.

Kei trug sein Glas mit sich herum und leerte es nur langsam. „Do you know what this is all about?“ fragte er und sah in die Menschenmenge.
„Wir können Japanisch sprechen, weißt du?“ flüsterte Colin.
„Weiß ich. Dann versteht uns keiner. Glaub ich. Also, worum dreht sich diese ganze Veranstaltung?“ Kei hoffte, dass Colin das wusste. Auf einer Veranstaltung zu sein, von der er nicht einmal wusste, weshalb sie stattfand, war seiner Meinung nach reichlich sinnlos.
„Die Leute hier sind alle Förderer von verschiedenen wohltätigen Geschichten rund um Lancaster, und diese Gala für sie findet hier jedes Jahr um diese Zeit statt. Als Dennis mir beim Anziehen geholfen hat, hat er gesagt, dass du und ich hier sowas wie eine Generalprobe haben.“ Colin nahm Keis Arm. „Rupert will beweisen, dass wir unentdeckt bleiben können, ohne uns zu verstecken. Aber Dennis ist darüber nicht glücklich.“
„Ich bezweifle, dass wir so, wie wir gerade aussehen, irgendwem auffallen.“ Da war sich Kei sehr sicher. Colin im Kleid und er ohne seine blauen Augen konnten irgendwer sein, aber nicht sie selbst.
„Erkannt werden wir nicht, nein... aber wir fallen trotzdem auf.“ Colin warf einen bedeutungsvollen Blick durch den Raum. Hier in der Bibliothek standen und saßen genug Menschen herum, um nicht jeden wahrnehmen zu müssen, doch diese Leute hier kannten sich untereinander und Colin konnte das Gefühl, begafft zu werden, mittlerweile sehr deutlich ausmachen. „Jede Auffälligkeit ist gefährlich, sagte Dennis, und wenn wir enttarnt werden, reiten wir Rupert und alle anderen damit rein.“ Er zog an Keis Arm und stellte sein leeres Glas auf einen Beistelltisch. „Lass uns rausgehen.“
„Wir werden angestarrt, aber nicht enttarnt. Das ist so, wenn man auffällt.“ Er folgte Colin nach draußen und leerte auf dem Weg sein Glas.
Draußen waren kaum bis keine Leute, da diese noch damit beschäftigt waren, sich drinnen zu unterhalten. Hier auf der laternenbeleuchteten Terrasse standen nur eine handvoll Gäste zum Rauchen herum, und unterhalb der Treppe auf dem Gras ging ein junger Kerl einsam umher und popelte im Dunkeln mit seinen feinen Schuhen im Boden herum. Er musste sehr gelangweilt sein.
„Der ist nicht freiwillig hier,“ stellte Kei, auf den jungen Mann deutend, fest.
„Mir blutet das Herz.“ Colin ging die Treppe zum Rasen hinunter, um der Intimität der Rauchgemeinschaft vor den Glastüren zu entgehen. Sie würden sie ausgiebig betrachten und bestimmt ansprechen, wenn sie dort stehenblieben. Kei folgte artig.
„Das bezweifle ich.“
Colin warf ihm einen schmunzelnden Blick zu, ehe er sich am Fuß der Treppe umschaute, um zu entscheiden, wo sie hingehen konnten.
„Kennst du irgendeinen Ort in diesem Garten noch nicht?“
„Ich würde sagen, ich kenne den ganzen Garten noch nicht richtig. Ich war bisher davon überzeugt, dass ich ihn mir nur einbilde.“ Er zuckte graziös mit den Schultern. “Findest du, dass der Irrgarten dahinten nett ist?“
„Lass es uns herausfinden. Ich kenne den Irrgarten nur von oben.“
Colin fischte nach Keis Hand, ehe er losging. Vorsichtig, um mit seinen Absätzen nicht in der Erde einzusinken, ehe sie den Kiesweg erreichten. Kei überließ Colin seine Hand, er hatte schließlich zwei davon, und fingerte mit der anderen geschickt eine Zigarette aus der Packung in seiner Jacketttasche. Colin sah ihm zu, als er endlich nicht mehr auf den Boden schauen musste.
„Ich finde, du solltest fragen, bevor du die anmachst. Es ist eine Lady anwesend.“
„So viel Anstand hab ich nicht. Die Lady kann ja versuchen mich davon abzuhalten - gibt sicher ein sehenswertes Bild ab.“ Kei grinste. Es war niemand in Sichtweite, der sich groß für die beiden interessieren würde. Schließlich hatten sie den Irrgarten gerade erreicht. Colin blieb stehen und machte ein überzeugend brüskiertes Gesicht. Das war auch sehenswert. Kei konnte ihn nicht so ganz ernst nehmen, schaffte es aber, nicht zu lachen. Er steckte sich die Zigarette einfach hinters Ohr. „Besser?“
„Brav.“ Mit einem kleinen Schmunzeln ging Colin an ihm vorbei, wobei er sich umdrehte und rückwärts weiterging. „Es ist mir egal ob du rauchst, du sollst mich nur fragen, ob ich auch eine will, wenn du kein unzivilisierter Barbar bist.“
Kei hielt ihm daraufhin die Schachtel hin und schlenderte weiter in den Irrgarten hinein. „Lass uns hier lang gehen,“ entschied er einfach und zeigte nach links. Er wusste ungefähr, wo der Ausgang war. Sollten sie sich verlaufen, konnte er aber auch einfach nachsehen, was das Verlaufen egal machte.
Colin nahm sich eine Zigarette heraus und gab Kei die Schachtel zurück. We shouldn't be smoking but snogging right now. What else is the point of a garden maze?
Kei grinste nur leicht über das Bild vom ihm und Colin knutschend, das wie ein kurzer Film für eine Sekunde in seinem Kopf auftauchte. Er fand das eine sehr gute Idee.
Wie Recht du hast.
Er fasste nebenbei den Entschluss, nach der Gala mit Dennis zu reden um herauszufinden, was genau Colins Gedanken - das konnte nichts anderes sein, das da seit zwei Tagen hin und wieder in seinem Kopf auftauchte - in seinen zu suchen hatten.
Gemächlich ging Colin voraus in die gewiesene Richtung und sah sich um. Es war nicht sehr dunkel hier, denn das beleuchtete Schloss war nicht weit weg und der Himmel war ausnahmsweise wolkenfrei. Nach der zweiten Kurve stellten sie außerdem fest, dass hier in Intervallen kleine Laternen standen. Sie waren nur viel niedriger als die Hecken und durchdrangen mit ihrem Licht nicht das dichte Ast- und Blätterwerk.
„Ist schön hier.“ Kei sah sich alles an. Er war hier noch nie durchgelaufen. Er nahm Colins Hand und drehte sich so, dass er hinter ihm stand.
„... Ja.“ Colin musste verlegen lächeln. Kei machte sich einen Spaß daraus, Colin hochzuheben. Der hielt sich aus Reflex an seinem Arm fest. „Oi!“
Er trug Colin ein paar Meter und setzte sich auf die nächste Bank, die er fand.
„Was würdeloseres ist dir nicht eingefallen, was?“ sagte Colin augenrollend. Trotzdem klang er nicht beleidigt oder genervt und sah dabei schön verlegen aus.
„Dich durch die Gegend zu tragen?“ Kei lachte.
„Meine Füße funktionieren prima, weißt du?“ Er lehnte sich etwas zur Seite, gegen Kei, und hob einen grazil bestiefelten Fuß zum Beweis. „Ich hab auch extra Schuhe angezogen.“
„Ich weiß.“ Keis Gesicht war noch immer außergewöhnlich gut gelaunt. Er hielt den Kleineren vom Reden ab, indem er ihn küsste. Mit Freuden, einem eigenen glücklichen Lächeln und einem plötzlichen Überschuss an genau den richtigen Hormonen erwiderte Colin den Kuss.
„Was ist mit dir los?“ fragte er danach schmunzelnd, während er Kei durch die Haare strich.
„Ich vertrage keine Tussibrause,“ sagte er grinsend.
„Zwei Flaschen Whisky auf ex, kein Problem. Ein Glas Champagner, und die Welt dreht sich.“ Colin lachte leise.
Kei fand das durchaus schlüssig. „Das ergibt Sinn,“ sagte er, sich seiner Sache sehr sicher.
„Sicher, dass du nicht einfach nur gute Laune hast?“ bot Colin an und gab Kei noch einen kurzen und sehr sanften Kuss.
„Kann auch sein.“ Kei küsste seinen Freund noch einmal. Colin machte fröhlich mit.
„Es ist nicht besonders nett, dich über meine Aufmachung lustig zu machen.“ Er lächelte jedoch selbst und blieb mit den Lippen fast auf Keis kleben.
„Ich mach mich nicht lustig,“ nuschelte Kei in den Kuss. Eine Antwort brauchte er nicht unbedingt.
„Ich wusste es...“ Colin legte die Arme um Keis Nacken. „Du stehst drauf, Perversling.“
„Ich nehm' das als Kompliment.“ Grinsend hielt er Colin leicht fest.
„Dann ist das also keine Münzrolle in deiner Hosentasche, auf der ich da sitze,“ sagte Colin belustigt.
„Das wäre reichlich unwahrscheinlich,“ entgegnete Kei und küsste den Kleineren wieder.
Und so hätte es noch stundenlang weitergehen können, fand Colin, wenn sich nicht dieses verdammte unbefriedigte Bedürfnis des gesamten vorangegangen Tages wieder in ihm regte. Er wollte das hier auskosten, Keis äußerst seltene zahme Sanftheit, aber seine eigene Ungeduld machte ihm das natürlich zunichte. Sein Herz schlug so laut, dass er nur noch das und seinen Atem hören konnte und seine Hände krochen so gut wie von selbst unter Keis Jackett und knöpften seine Seidenweste auf. Kei zog Colin ein bisschen dichter an sich heran - viel Platz war da ohnehin nicht mehr. Es war ungewohnt für ihn, dass sein Freund nichts anhatte, das man tatsächlich aufmachen musste. Seine rechte Hand fand einen Weg unter den grünen Stoff. Unter dem voluminösen Unterrock stellte er fest, dass die Strümpfe knapp über den Knien endeten und es keine weitere Unterwäsche mehr gab. Und, dass Colin sich ebenfalls ‚freute, ihn zu sehen.‘
Nach der Weste war Keis Hemd dran, doch Colin öffnete es nur so weit, dass er eine Hand hineinschieben konnte. Das Grinsen in Keis Gesicht verschwand nicht, während er den Kuss vertiefte und sich freute, dass Colin Unterwäsche für unnötig zu halten schien. Seufzend und den Kuss gierig erwidernd rutschte Colin Kei und seiner forschenden Hand entgegen. Leider gab es hier auf Keis Schoß nicht viel, worauf er sich dafür abstützen konnte. So hakte er nur einen Fuß um Keis Bein und riss versehentlich einen der Knöpfe ab, als er mit den Fingernägeln über Keis Bauch und zu seinem Rücken fuhr und ihm dabei das Hemd weiter aufriss.
Kei war ziemlich egal, ob seine Kleidung heil blieb. Während er Colins Körper in ungewohnter Hülle weiter unter die Lupe nahm, schob er den Stoff so zurecht, dass er nicht störte.
Um sie herum waren weit und breit keine Menschen zu sehen - und sie würden sie auch nicht so schnell finden. Allmählich war Colin immer weniger dazu in der Lage, Kei zu küssen, weil sein Mund und sein unregelmäßiger Atem ihm nicht mehr gehorchten. Er machte nur noch peinliche leise Geräusche, hielt Kei kratzend fest und schwelgte genüsslich und ungeduldig in allem, was Keis Hand da unter seinem Rock tat. Kei, der sich keine Gedanken darüber machte, ob Colin und er auf der Gala von irgendwem vermisst werden könnten, bemerkte zwar am Rande, dass Colin wohl bald noch etwas mehr als das hier wollte, aber das war ihm beinahe egal. Die Situation konnte gerne noch kleines Weilchen so bleiben, wie sie war, jedoch wirklich nur ein kleines, denn bekanntlich waren Kei und Geduld auch nicht die besten Freunde.
Gerade rutschte Colin etwas zur Seite, um Keis Hose aufzufummeln, als es auf der anderen Seite der Hecke hinter der Bank auf dem Kiesweg knirschte. Kei drehte den Kopf leicht in die Richtung aus der das Geräusch kam, wurde mit seiner Hand etwas langsamer und lauschte.
Das Geräusch war verstummt.
Colin hatte scheinbar nichts mitbekommen. Die Pause, die Kei ihm nun gönnte, nutzte er, um sich ihm zu entwinden und sich zwischen seinen Knien umzudrehen. Kei entschied, dass es egal war, denn wenn da jemand war, würde derjenige sich schon bemerkbar machen und dann sterben oder verprügelt werden und zwar ziemlich schnell. Er hatte gerade was besseres zu tun, als sich auf leise Geräusche zu konzentrieren, die plötzlich wieder verschwanden. Nämlich das, was da gerade wieder auf seinen Schoß kletterte, und zwar diesmal vorwärts. Es küsste ihn langsam und breitete seine Röcke so zwischen ihnen aus, dass man nicht mehr direkt sehen konnte, was seine Hand darunter tat.
„Das ist wirklich keine Münzrolle,“ raunte Colin auf Keis Lippen. Kei erwiderte den Kuss grinsend.
„Ne.“ Er nahm sein vorheriges Tun wieder auf und hielt Colin mit der anderen Hand im Nacken fest.
Das sachte Knirschen ging wieder los, als Colin leise stöhnte. Er stieß etwas gegen Keis Hand und vergaß beinahe, dass er auch einen Job zu erledigen hatte.
Diesmal schaute Kei genauer hin. „Ich glaube, wir werden bespannt,“ sagte er leise, aber so dicht bei Colins Ohr, dass dieser ihn hören musste. Er wurde mit seiner Hand wieder etwas langsamer. Colin seufzte und hielt allmählich inne.
„Wo?“ flüsterte er zurück.
„Von da.“ Mit der freien Hand deutete er leicht auf die hohe Hecke schräg hinter sich, aus der das Geräusch gekommen war. Mit den Armen nun um Keis Schultern linste Colin über seinen Ellenbogen auf die Hecke. Sie wies einige lichte Stellen im Geäst auf und selbst er mit normalmenschlicher Sicht konnte in diesem sanft beschienenen Halbdunkel den Schatten dahinter sehen.
„Fast direkt hinter dir, hinter der Hecke,“ flüsterte Colin. „Ich gehe zum Ende der Hecke und du schneidest ihm den Weg ab, wenn er in die andere Richtung losläuft.“
„Gut.“ Langsam stand Kei auf und stellte Colin dabei hin. Beinahe ohne Geräusche zu verursachen. Und ohne auch nur den geringsten Abstand zu ihm zu nehmen, schloss Colin Keis Hose vorsichtig wieder, und zwar so, dass er ihm erstens möglichst wenig Unbehagen in der nun beengten Hose bescherte, und zweitens nicht von außen ersichtlich war, was er da tat. Als er damit fertig war, drehte er sich hastig um und rannte auf die Öffnung in der Hecke rechts von ihrer Bank zu. Die Person dahinter schien zu stutzen und dann ebenfalls loszulaufen, vor Colin weg. Kei schnitt der Person mit einem Satz über die Hecke den Weg ab, sodass sie nun zwischen Colin und ihm stand.
Der Junge, der eben noch auf dem Rasen vor dem Labyrinth Langeweile geschoben hatte, rannte fast in Kei hinein, und hielt erst Zentimeter vor ihm an. Hinter ihm kam Colin näher, nun gemächlich gehend. Der Junge sah sich gehetzt zwischen beiden um, bevor er sich etwas mehr aufrichtete und an seinen Jacketttaschen herumnestelte. Colin strich seinen Rock glatt und steckte eine lose Locke hinter ein Ohr.
„What are you doing here?“ fragte Kei. Er klang nicht, als wollte er den Jungen sofort umbringen, aber wirklich erfreut war er offensichtlich nicht.
„I's jus'... I'm sorry, I didn'... I's jus' goin'...“ stotterte er. Colin blieb wenige Meter hinter ihm stehen und nahm eine steife Porträtpose ein, in der er die Hände vor sich zusammengelegt und die Füße zusammengestellt hatte.
„Were you indeed?“ sagte er leise. Der Junge blickte von Kei zu ihm und nickte. Er sah nun nach und nach etwas trotziger aus, da er sich allmählich vom ersten Schrecken erholte. Kei musterte den Jungen.
„Of course you are sorry,“ sagte er sarkastisch. Er schaute Colin an mit der Frage im Blick, ob er dem Jungen eine knallen durfte. Aber er wusste, dass die Antwort ‚Nein‘ war.
„I am, yes. And I didn't see anything, honest. I was gonna turn right back around -“ Der Junge machte Anstalten, um Kei herumzugehen. Colins Gesicht war gerade sehr weich und freundlich, mit einem sanften Lächeln, doch sein Blick sah finster aus, mehr nach Akira als Colin, als er den Jungen betrachtete.
„That's why I heard you twice, isn't it?“ Kei schaute mit einem Auge zu Colin und beobachtete ihn.
„Yes, I - I was coming and going, just as soon as I noticed you, so I'll just-“
„Nimm sein Telefon,“ sagte Colin sanft, doch es klang trotzdem wie ein Befehl. „Es ist in seiner linken Jacketttasche.“
Kei nahm das Telefon an sich. „Was willst du damit?“ fragte er Colin. Er behielt den Jungen im Auge, sodass er nicht wegrennen konnte. Er mochte den Blick auf Colins Gesicht. Er mochte es, dass Colin grausam sein konnte.
„Oi!“ rief der Junge, als Kei ihm unverhohlen und ohne Warnung in die Jackentasche griff, doch der Vampir schien kaum zu bemerken, wie er versuchte, seine Arme wegzuschlagen und ihm das Handy wieder zu entreißen.
„Er hatte es gerade noch in der Hand. The last man who took pictures of us died soon after,“ informierte er den Jungen. „Did you save it on a server or send it to anyone?“
Die Augen des Jungen weiteten sich erschrocken.
„Your pincode. Now,“ forderte Kei. Dass Smartphones immer pingeschützt waren, war manchmal wirklich nervig.
„No way! Give it back!“ rief der Junge und langte danach. Colin beäugte ihn wie ein neugieriger Vogel.
„He can also just destroy it. And your face. He's good at that. I only need to say the word,“ sagte Colin samtig. Doch der Junge zog hastig die Arme zurück und machte einen Schritt zurück von Kei.
„I didn't send them anywhere, and they're just on there, let me delete them, give it back...“
„I will delete them myself. Just to be sure. Pincode.“ Kei grinste leicht böse. Der Junge sah ihn trotzig an und machte den Mund auf um etwas zu erwidern, doch als er Colins totes Lächeln sah, schauderte er und hielt still.
„... Six, five, two, one...“ murmelte er. Kei gab die PIN ein und suchte die Fotos durch. Sehr schnell wurde er fündig. Nachdem er alle Bilder gelöscht hatte, die ihn und Colin zeigten, fragte er: „Soll ich die gesamte Karte löschen? Dann freut er sich gleich.“
Mit einem winzigen Seitwärtsnicken deutete Colin seine Gleichgültigkeit an. Der Junge, der kein Wort verstand, sah misstrauisch zwischen ihnen hin und her. Kei leerte die ganze Speicherkarte und steckte dem Jungen das Handy wieder in die Tasche. Dann musterte er mit interessiertem Grinsen seinen Freund. Der Junge starrte ihn auch immer noch an, aber weit weniger fröhlich. Nur am Rande schien er wahrzunehmen, wie das Smartphone in seine Jacke zurückgeschoben wurde.
„You've seen how he cut you off just now,“ begann Colin mit sanfter Stimme, aber mit einem Blick wie das Gespensterkind aus jedem vierten Horrorfilm. Das fahle Laternenlicht, das ihn schräg von hinten durch die Lücke im Buschwerk beleuchtete und die Stille um sie herum taten ihr Übriges, um diesen Eindruck von verlorenem Mädchen aus dem Geisterhaus zu untermalen. „Now run far, and run fast, before I decide my hound needs some exercise.“
Kei schaute den Jungen böse grinsend an. „Run, little fucker.“ Er würde sich gerne wieder Colin widmen, aber solange der Zuschauer noch da war, ging das nicht.
Der Junge rannte schnell dorthin, wo er hergekommen war. Colin sah ihm reglos nach, bis er außer Sicht- und Hörweite war, dann neigte er wieder den Kopf und sah Kei an.
„Wo waren wir gerade?“ fragte der Vampir. Colin öffnete den Mund, aber biss sich dann auf die Lippe, leckte darüber und sah ernst zur Seite. Da war ein merkwürdiges Rauschen in seinem Körper, oder nur in seinem Kopf, so als würde sein Blut sämtlicherweise in sein Hirn gepumpt und ließe es auf Hochtouren laufen, ohne dass sein totes Herz auch nur einen Schlag tun musste.
Als Kei neben Colin stand, sagte er: „Du bist schon wieder tot.“
Mit versteinertem Blick auf irgendein Efeublatt ließ Colin einen kurzen Atemzug gehen, der ihn daran erinnerte, dass er nicht mehr geatmet hatte, seit er mit Kei von der Bank aufgestanden war. Das Rauschen in seinem Kopf ging nun in ein dröhnendes Brummen über, wie die Motoren eines Schiffes unter Wasser. Es presste von innen gegen seine Stirn und seine Augen, und er drückte sie zu.
Kei sah ihn fragend an. „Alles okay?“
Das laute Brummen in seinen Ohren schwoll etwas an und nahm wieder ab. Es drückte gegen seine Schädeldecke und zerquetschte jeden Gedanken, den er zu fassen versuchte. Bald fühlte es sich an, als würden ihm Ohren, Augen und sein ganzes Gesicht von etwas umklammert und wie durch ein schwarzes Loch nach innen gerissen. Er konnte sein eigenes Stöhnen nicht hören, oder spüren, und griff nur zitternd mit den Händen nach seinem Gesicht, um es festzuhalten.
Kei schüttelte ihn leicht. „Erde an Colin.“
Er krümmte sich nur weiter mit zusammengekniffenen Augen ächzend zusammen und krallte die Fingernägel in seine Stirn und Schläfen. Es sah schmerzhaft, schmerzerfüllt und verzweifelt aus, obwohl Colin selbst nichts davon spürte. Sein Kopf und seine gesamte Wahrnehmung waren nur von diesem großen, drückenden Gefühl des Eingesaugtwerdens erfüllt. Zu denken zu versuchen hatte er aufgegeben.
Mit einem frustriert klingenden, langsamen und erstickten Schrei kniete er sich raschelnd in den Kies und kratzte sich mit verkrampften Fingern tief und langsam über das Gesicht.
Kei kniete sich daneben und passte auf, dass Colin sich nichts großartiges antat. Er hatte versprochen ihm keine zu knallen.
Sein rauher Schrei wurde allmählich zu einem Winseln zwischen hastigen Atemzügen, als würde er hyperventilieren, und die Striemen über Stirn und Wangen hatten begonnen, blutig zu werden, bevor Kei seine Arme auseinandergezogen hatte. Colins ganzer Körper war verkrampft und zitterte vor Anspannung, während er blind vor sich auf den dunklen Boden starrte und schluchzend Luft holte, die er gar nicht brauchte.
Kei hielt beide von Colins Handgelenken fest, sodass er sich nicht weiter das Gesicht aufkratzen konnte. Colin zerrte noch eine Weile an seinem Griff, aber beruhigte sich allmählich. Sein Atem blieb hörbar und laut aber wurde langsamer, und seine starren Muskeln lösten sich zum Teil. Er starrte zwar immer noch zu Boden, doch man konnte trotzdem deutlich sehen, dass auch sein Gesicht sich ein wenig entspannt hatte.
Kei lockerte seinen Griff um Colins Handgelenke etwas. Der zog seine Arme herunter, um sich auf dem Boden abzustützen. Kei ließ ihn los. „Besser?“
Colins Finger bohrten sich zwischen die kleinen Steine. „Bessssser...“ zischte er mit einem leisen Grollen in der Kehle. Kei verdrehte die Augen. Das klang nicht nach Colin.
„Du klingst nicht wirklich nach dir...“
„... Dirrrr...“ knurrte Colin leise, ehe er aufblickte und nach Keis weißer Kehle biss, die er ihm da so praktisch vor seine aufgerissenen Augen hielt. Kei wich leicht zurück um ihm auszuweichen.
„Reiß jemand anderem den Hals auf, nicht mir.“ What the fuck?? Wo war Dennis, wenn man ihn brauchte? Was zur Hölle war jetzt schon wieder los?
Der Vampir musterte seinen Freund. Irgendwas stimmte ganz und gar nicht... Colins wild starrendes Gesicht folgte ihm und seine Hände krallten sich nun in seine Oberschenkel und das Jackett, was immer sie zu fassen bekamen um Kei herunterzuziehen. Er schnappte wieder nach seinem Hals.
In seinem Kopf geisterten keine Gedanken mehr umher wie sonst, sondern ein tumbes Wirrwarr aus Sinneseindrücken, die aus Blutgeruch, Fleischgeschmack, dem weichen, glitschigen Gefühl auf seinem Gesicht und zwischen den Fingern, wenn er sie in einem Körper vergrub, und der Wärme und dem leisten Knistern und Pochen eines sterbenden Körpers bestanden.
Und ich kann ihm keinen Galagast hinwerfen... Wo ist Dennis, wenn man ihn mal braucht? Kei gab Colins Zug nur wenige Zentimeter nach, um nicht als sein Mittagessen zu enden. „Lebend oder tot?“ fragte er, während er Colins Hände nahm und ihn so mühelos auf Abstand hielt.
Seine Hände brauchte er gar nicht, um sich mit seinem Körper weiter auf Kei zu werfen. Als das nicht funktionierte, versuchte er es mit Keis Händen, knurrend und schnaufend wie ein Hund. Auch das war wenig erfolgreich und so beruhigte er sich wieder, hörte auf, Kei anzugreifen, aber starrte weiterhin leer vor sich hin und atmete immer noch schwer.
Hinein,‘ erklang Delilahs monotone Telepathiestimme in Keis Kopf. Sie stand einige Meter entfernt im Dunkeln. ‚Mir nach.‘