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Sunday, July 9, 2017

Kei + Colin LXXXVII: Embrace my instincts


|Vamps - Devil Side (Youtube)|

Als Colin wenig später wieder hereinkam, trug er den Rock und das schwarze, enge Beinkleid, das allerdings nicht die Strumpfhose war, denn die hatte er immer noch in der Hand und wurde nun achtlos aufs Bett gepfeffert. Das war momentan auch alles, was er anhatte, und es schien haargenau zu passen. Delilah und Kei hatten gutes Augenmaß bewiesen. Kei grinste leicht, als Colin aus der Tür kam. Ja, das hatten sie gut hinbekommen. Auch nur halb angezogen. Colin hatte sich entscheiden müssen, ob er sich lieber mit der Strumpfhose den Sack abklemmen oder mit den langen Strümpfen etwas Haut zeigen wollte. Die Wahl war ihm nicht schwer gefallen.
Ohne Kei anzusehen - er war schon rot und verschämt genug - zog er sich irgendein enges, dünnes Kapuzenshirt aus einer Schublade und zog es sich über, damit er sich die Perücke befestigen konnte.
„Hast du Spaß, ja?“ brummte er, während er mit Haarklammern und einem schwarzen Tuch hantierte, um die Haare festzumachen und den Ansatz zu verdecken.
„Ja, sehr viel.“ Kei grinste. Dann ließ er Colin allein. Er musste sich selbst auch noch anziehen.
Um acht Uhr war Colin fertig, fand er, oder zumindest so bereit, wie er jemals sein würde. Er dankte den beiden insgeheim für die unpeinlichen und bequemen Stiefel, die Abwesenheit jeglicher ausgestopfter BHs und die Ketten und Ledergurte. So war er wenigstens eine geschmackvolle Dragqueen. Der Sitz seiner Perücke musste noch etwas korrigiert werden, damit sie bei heftigeren Bewegungen nicht herunterfiel, aber das war mithilfe der Haarspangen und des Tuches leicht getan.
Kei trug ein schwarzes T-shirt mit Lederjacke - eigentlich wie immer - und eine schwarze Hose mit einem Loch am rechten Knie, die mit Kette und Nietengürtel dekoriert war. Er trug weiße Kontaktlinsen mit dem schwarzen Umriss eines Wurfsterns, um seine blaue Iris verschwinden zu lassen. Um seinen Hals baumelte das von Eric Clapton signierte Plektrum, das Colin ihm zum Geburtstag geschenkt hatte.
„Das ist viel zu auffällig, mein Freund,“ sagte Colin in der Eingangshalle und zeigte auf Keis Gesicht, während er ihm in die Augen starrte. In einer Hand hielt er einen kleinen Zettel, den ihm Delilah gerade gegeben hatte, zusammen mit einer ihrer Lederjacken. „Delilah wartet draußen,“ meldete er, während er sich die Jacke anzog. „Sie hat braune Linsen drin.“
„Ich kann ja braune Augen mit bunten Kontaktlinsen haben. Hauptsache, man sieht das Blau nicht,“ entgegnete Kei schulterzuckend.
„Und wenn du auffällst, werden die Leute sagen, ‚Oh da war ein Asiate mit komischen Augen,‘ und das wird schon reichen.“
Als sie nach draußen kamen, schien Delilah der gleichen Ansicht zu sein, denn sie sah Kei streng an.
„Ist ja gut. Bin sofort wieder da.“
Drei Minuten später kam Kei mit braunen Augen wieder zurück. Als er die Treppe herunterkam, zuckte Colin von Delilah weg und strich sich verstohlen über die Haare. Delilah stieg einfach ausdruckslos auf ihr Motorrad und setzte sich eine Sonnenbrille auf. Sie hatte keinen Helm dabei. Kei holte sich sein Motorrad und bedeutete Colin, aufzusteigen.
„Du kannst ja nicht fahren.“ Nicht mehr.
Er machte es umständlich, das Aufsteigen, denn immerhin trug er (fast) keine Hose. Und der Rock war nun doch ziemlich kurz. Er hoffte, dass Kei nicht darauf achten würde.
„Ich heiße übrigens Ivy Branson,“ informierte er Kei.
„Den Vornamen wusste ich. Es ist mir eine Freude, dich kennenzulernen.“
„Gleichfalls. Wie heißt du eigentlich?“ Colins Arme legten sich um Kei.
„Sakamoto, Kenichi.“ Kei freute an dem Namen nur, dass man immer noch Kei daraus basteln konnte. Er gab Colin/Ivy einen Helm, der am Lenker hing, und setzte sich den anderen auf.
„Ich weiß nicht, ob ich den aufziehen sollte. Die Perücke...“
„Herrscht in England Helmpflicht?“
„Ja.“
„Dann ja, aber vorsichtig.“
Gesagt, getan. Und als letzte Sicherheitsmaßnahme hielt er sich wieder an Kei fest. Nur Delilah schien sich darum nicht zu kümmern. Die war auch schon gemächlich vorgefahren und nicht mehr zu sehen. Kei bedeutete Colin, sich festzuhalten, und fuhr dann auch los. Er kannte den Weg, also war es egal, ob Delilah noch zu sehen war oder nicht. Auf der Fahrt beruhigte es Colin ungemein, dass sein Rock gut genug zwischen ihm und Kei eingeklemmt war, um nicht herumzuflattern. Dass er auf dem vibrierenden Sitz so dicht an Kei gedrückt dasaß, hatte allerdings einen gegenteiligen Effekt. Und sorgte für Nervosität.
Kei gefiel das. Auf der freien Straße fuhr er ein bisschen schneller. Erst als der Verkehr zunahm, fuhr er verkehrsgerecht.
Du bist zu schnell, fuhr Colin durch den Kopf. Aber viel machte ihm das nicht aus. Kei konnte fahren. Und nach ein paar Minuten fiel es ihm immer leichter, sich vorzustellen, dass er gehörig viel für ihn übriggehabt haben konnte. Es war offensichtlich, dass Kei mit seinen Fahrkünsten angeben wollte. Das konnte er gut. Als er wieder langsamer werden musste, weil der Verkehr etwas dichter wurde, hatte er Delilah wieder eingeholt. An einer roten Ampel nahm sie die beiden zur Kenntnis und ließ den Motor ein bisschen aufröhren, tat aber nicht so, als würden sie sich kennen.
Colin nahm diese Gelegenheit wahr, seine Hände scheinbar ziellos ein wenig auf Keis beledertem Bauch herumzubewegen. ‚Ich kann mir vorstellen, ihn gemocht zu haben‘ war ein sehr fadenscheiniger Versuch seines Gehirns, etwas körperlicheres und weniger leicht zu formulierendes zu verschleiern. Hey, Motorräder und Leder sind - so Dinge... Gib Ruhe, ich bin halt noch nie Motorrad gefahren, grummelte er innerlich.
Kei nahm Colins Berührungen zur Kenntnis und grinste in seinen Helm. Er nickte Delilah zu. Als es grün wurde, fuhr sie zahm hinter ihnen her. Kei fuhr zielgerichtet zu der Adresse der Konzerthalle, beziehungsweise dort in die Nähe, wo die Motorräder abgestellt werden konnten. Dort stieg Colin erst ab, als er es geschafft hatte, sich den Helm abzunehmen, ohne die aufgesetzte Frisur zu zerstören und ihn Kei zu reichen, damit er beim Absteigen mit freier Sicht dafür Sorge tragen konnte, dass sein Röcklein vorn keine verräterische Beule aufwies, für die er sich schämen musste. Tat es auch nicht, dafür sorgte er geschickt und sogar unauffällig. Kei nahm den zweiten Helm an sich und öffnete seine Jacke, nachdem er vom Motorrad abgestiegen war.
Colin schnappte sich das Plektrum und besah es sich genau. „Wo hast du das her?“ fragte er streng.
„Von dir.“
„Warum sollte ich dir das geben? Kennst du Eric Clapton überhaupt?“
„War ein verfrühtes Geburtstagsgeschenk und ja.“
Überrascht sah Colin zu ihm auf.
Er musste ihn ja wirklich vergöttert haben.
„Oh. ... Wann hast du denn Geburtstag?“ Er ließ das Plektrum los und trat einen Schritt zurück. Sicherheitsabstand. Kei war ein bisschen warm und roch gut.
„Ende Januar.“ Kei lächelte leicht.
„Oh,“ sagte Colin. Er hatte keinen Grund, ‚Oh‘ zu sagen. Er steckte die Hände in die Jackentaschen und sah sich um.
„Da lang,“ sagte Kei und deutete die Straße hinunter. Mit einem Nicken drehte Colin sich schwungvoll in diese Richtung und ging los. Nach den ersten paar Schritten hatte er es raus, dabei nicht bescheuert zu schlurfen. Es fiel ihm zwar nicht schwer und ging größtenteils auch unbewusst, musste aber dennoch erst einmal in Auftrag gegeben werden. Nun würde ihn jeder ohne Zweifel für ‚Ivy‘ halten können. Jeder außer Kei, aber das mit dem Namen bekam er hin. Er benutzte ohnehin nicht oft einen Namen, wenn er Colin/Ivy ansprach. Er folgte dem Kleineren, der wirklich überzeugend aussah. Delilah war nirgends zu sehen.
Am Eingang wurden Kei und Ivy vom Türsteher aufgehalten. Ausweiskontrolle. Er blickte dem jungen Mann in die Augen und fixierte ihn ein paar Sekunden lang. Dann winkte er sie einfach durch und wünschte ihnen einen schönen Abend. Erst in einem Nebenflur vor der eigentlichen Konzerthalle mussten sie das Ticket bezahlen, das aus einem Stempel auf dem Handrücken bestand. Dort befand sich auch die Garderobe, wo Kei die Helme abgab. Colin gab auch Delilahs Jacke ab und sah sich dann nach den Toiletten um. Er musste überprüfen, ob seine Haare wie Haare aussahen. Er zeigte auf das entsprechende Schild, sodass Kei es sehen konnte, und verschwand dorthin. Kei deutete mit einem Nicken seine Zurkenntnisnahme an und machte sich schnell daran, etwas zu trinken zu besorgen, bevor er mit zwei Bier wieder zum Eingang der Toilette zurückkehrte. Das ging schnell, weil noch nicht viele Besucher hier waren. Kei stand gerade ein paar Sekunden da, als Colin eilig seitwärts aus der Tür zur Herrentoilette stolperte. Kei schaute ihn fragend an und fragte sich, ob es auffällig war, wenn Colin die Herrentoilette in seinem Aufzug benutzte, entschied allerdings, dass ihm das eigentlich egal war. Die Blicke der anderen Leute waren aber durchaus sehenswert. Er hielt ihm eine Bierflasche hin. Mit verwirrtem und leicht gehetztem Blick riss Colin diese geradezu an sich, um gleich ein gutes Drittel ihres Inhalts hinunterzustürzen. Den Schaum, der daraufhin herausquoll, schlürfte er ab. Keuchend wischte er sich mit dem Ärmel über den Mund.
„Das war gruselig,“ sagte er danach.
„Was war gruselig?“ Kei sah leicht amüsiert aus.
„Es funktioniert. Die zwei Typen da drin haben mich blöd angegrinst und gezwinkert.“
„Sag Bescheid, wenn sie aufdringlich werden. Das machen die nur einmal,“ grinste Kei und trank einen Schluck während er den Weg zur Bühne einschlug. Colin ging neben ihm her, sobald dafür genug Platz war.
„Soweit kommts wohl nicht. Ich bin zwar wunderschön, aber nicht wehrlos.“
Das sorgte für einen äußerst amüsierten Ausdruck auf Keis Gesicht. „Das ist bestimmt spaßig mit anzugucken.“
„Was, wie ich mich wehre? Oder wie ich begrapscht werde?“ Er war gerade im Begriff gewesen, noch einen Zug aus seiner Flasche zu nehmen, und sah Kei nun über den Flaschenhals hinweg an.
„Der Gesichtsausdruck des Typen, wenn du ihm ins Gesicht trittst.“
Colin lachte. „Danke für die Stiefel,“ sagte er grinsend mit einem affektierten Seitwärtsnicken und angedeutetem Knicks. Kei lachte ebenfalls und hatte sehr lustig anzuschauende Bilder im Kopf. „Wir sind zu früh, was?“ fragte Colin, als er sich umsah und seine Bierflasche schon halbleer war. Auf der Bühne wurde noch herumgebaut und die Musik, die gespielt wurde, kam aus der Dose.
„Ein bisschen.“ Kei sah auf sein Telefon. „In ‘ner halben Stunde geht‘s los.“
„Dann liege ich längst unter dem Tisch,“ sagte Colin augenrollend und hielt seine Bierflasche hoch.
„Nach einem Bier? Das glaube ich dir nicht.“
„In einer halben Stunde habe ich noch drei hiervon weg!“
„Betrink dich während des Konzerts. Dann hast du noch was davon.“ Für Kei war es harte Arbeit sich zu betrinken. Er konnte Unmengen harten Alkohols vernichten, ohne dass es eine Auswirkung auf ihn hatte.
„Ich trinke, bis dein Geld alle ist,“ kündigte Colin an und leerte daraufhin seine Flasche.
„Dafür musst du bis zum Koma saufen.“
„So reich bist du?“
„You keep this up and you can visit us in the men's room again,“ sagte ein tätowierter Hipster mit Vollbart grinsend, während er sich an ihnen vorbei zur Theke drängelte. Es war etwas voller geworden.
„Dafür muss ich nicht besonders reich sein,“ scherzte Kei. Den Hipster bedachte er mit nicht ganz so tödlichem Blick wie sonst.
„Aber noch hast du, ja? Dann lass mal springen.“ Schulterzuckend hielt Colin die Hand auf und seine leere Flasche hoch. Kei drückte ihm Geld in die Hand, damit Colin sich ein neues Bier holen konnte.
„Bring mir eins mit.“ Er leerte seine eigene Flasche.
„Weib, hol Bier. Zu Befehl,“ sagte Colin, während er Geld und Flasche an sich nahm und sich ebenfalls zur Theke aufmachte. Kei lachte.
Irgendwo zwischen einem dutzend weiterer Besucher lehnte Delilahs sonnenbebrillte schwarze Gestalt an der Wand und schaute sich scheinbar teilnahmslos im dunklen Raum um. Anstatt sich wie die meisten an einem Getränk festzuhalten, hatte sie die Arme verschränkt und schien gemütlich Kaugummi zu kauen.
Als Colin bald darauf zurückkehrte, gab er Kei sein frisches Bier und schaute sich weiter um. Stumm besah er sich die Menschen und wartete.
Kei schlenderte dichter an die Bühne heran. Er hatte Delilah mittlerweile ausgemacht und fand, dass sie irgendwie aussah, als gehöre sie gar nicht auf dieses Konzert sondern warte nur auf jemanden, der sie anscheinend versetzt hatte oder so. Colin merkte nicht gleich, dass Kei sich wegbewegte, ging ihm aber wenig später gemächlich nach.
Nach einigen weiteren Minuten des Wartens und Aufbauens begann das Konzert und allmählich fanden sich fast alle Besucher vor der Bühne ein. Die Menge verwandelte sich bald in einen Spaß habenden, herumspringenden Haufen. Entlang der Wände und vor der Bühne standen Bierflaschen und lagen einige Taschen und Jacken herum. Kei war mehr oder weniger unbeabsichtigt in einen Moshpit geraten. Sein Bier war verschwunden. Colins auch. In seinem Magen. Die leere Flasche stand zwischen anderen vor der Bühne herum und er selbst sprang mit - anders als Kei war er mit voller Absicht im Moshpit. Er war sich sicher, dass seine festgezurrten Haare das aushielten, wenn er gerade überhaupt an sie dachte. Leider wurde er zwischendurch von hilfsbereiten Menschen aus der pöbelnden Gruppe herausgezogen, weil man das mit kleinen Mädchen nunmal so macht. Als ihm der dicke Boden einer Bierflasche seitlich auf die Stirn geschlagen wurde, war er auch ganz froh darüber, dass sein Weg zur Wand nicht so weit war. Aus dem Nichts wurde ihm von rechts ein Taschentuch angereicht, um das Blut abzuwischen. Der Sänger und der Schlagzeuger verausgabten sich ähnlich wie die Jungs direkt vor der Bühne. Sie lenkten Colin ein paar Sekunden lang ab, ehe er sich umdrehte, um dem Taschentuchspender zu danken. Delilah nickte nur ausdruckslos und starrte dann wieder vorwärts.
Kei war mehrfach absichtlich gegen Colin gesprungen anstatt zu versuchen ihn da rauszuziehen, was ihm von den anderen Leuten manchmal tadelnde Blicke einbrachte. Ihm egal. Dass Colin verschwand, bekam er nur am Rande mit. Der würde auch wieder auftauchen. Nach einigen Minuten wurde es in der Halle etwas ruhiger, weil zur Abwechslung mal ein ruhigeres Lied gespielt wurde. Danach ging es mit den spaßigeren weiter. Und mit Colin. Dessen neuerliches Auftauchen bestand darin, Kei von hinten auf den Rücken zu springen. Sozusagen als Vergeltung für den Schubser, der ihm den schmerzhaften Kuss der Bierflasche beschert hatte. Kei duckte sich leicht, sodass Colin huckepack auf ihm landete. So halb zumindest. Und da blieb er auch und faltete die Beine und einen Arm fest um Kei, während er unter dem Gelächter der Umspringenden einen halbvollen Plastikbecher mit Cola über ihm ausgoss. Kei beschwerte sich und sprang mit Colin auf dem Rücken herum. lange würde der Kleinere da nicht bleiben. Dass sein Gesicht jetzt anfing zu kleben, fand er äußerßt wenig lustig.
Bald ließ Colin ihn auch los und wurde heruntergebuckelt. Lachend fing er sich mithilfe fremder Hände wieder und sprang weiter mit. Von Kei bekam er einen Mittelfinger, wobei sein Gesicht verriet, dass er nicht wirklich sauer war. Er widmete sich wieder dem Bühnengeschehen. Kurz darauf war Colin wieder verschwunden. Bier treibt halt.
Kei bekam das kaum mit. Das Konzert ging weiter und er verschwand im nächsten Moshpit, noch ein paar Menschen umspringen. So nahm er auch nicht wahr, dass Delilah bald ebenfalls durch Abwesenheit glänzte. Erst nach einer ganzen Weile fiel ihm auf, dass Colin nicht wiederkam. Irgendwann ging er nach dem Kleineren suchen.
Er vermutete ihn auf dem Klo. Dort herrschte reges Kommen und Gehen, doch Colin war nicht dabei. Im Flur vor den Toiletten und der Garderobe, sowie im Durchgang nach draußen standen gedrängt kleine Grüppchen herum und zwischendurch kamen nach Zigarettenrauch und kalter Luft riechende Menschen von draußen herein. Da auch Delilah nicht zu sehen war, egal, wo er hinging, schaute Kei draußen nach.
Hast du Colin gesehen? Vielleicht war Delilah ja in Gedankenhörweite. Kei hatte noch nicht herausgefunden, wie genau das funktionierte.
Rauchen, kam Delilahs monotone Entgegnung.

In der Tat stand Colin mit einigen anderen Menschen neben der Tür auf dem zertretenen Rasen und schien sich prächtig mit ihnen zu unterhalten. Ein Mädchen mit viel schwarzem Makeup im Gesicht zündete ihm gerade eine Zigarette an, nachdem er einen Stummel ausgetreten hatte. Kei nahm sich eine Zigarette aus der Schachtel in seiner Jackentasche und gesellte sich zu Colin und den anderen. Mit fröhlichen und freundlichen „Hey“s und „Hi“s wurde er winkend begrüßt.
„Your hair looks amazing,“ sagte das schwarzgeschminkte Mädchen grinsend und erntete gleich ein paar Lacher. „Did you wash your face yet?“
Tatsächlich hatte Kei auf der Suche nach Colin sein Gesicht von der Cola befreit. Da es draußen dunkel war, war das nicht besonders gut zu sehen. „Yeah. Thanks for the refreshment by the way,“ wendete er sich an Colin und zog an seiner Zigarette.
„You're welcome,“ sagte Colin mit freundlichem Grinsen. Das Makeupmädchen wurde von einem der Typen mit einem Smartphone abgelenkt und ging mit ihm ein Stück zur Seite. Nun standen sie noch mit dem Vollbarthipster da.
Den Kei nicht mochte. Er war schnell darin, zu entscheiden, wen er mochte und wen nicht. Dieser Kandidat war ein gutes Beispiel für ‚Mag-ich-nicht‘. Er hielt sich aber damit zurück den Hipster das auch spüren zu lassen. Stattdessen bedachte er Colin mit einem ‚Du mich auch‘-Blick.
„This is Will,“ sagte Colin mit einem Wink auf den Hipster, der Kei daraufhin lächelnd zunickte. Kei erwiderte den Gruß halbwegs freundlich. Er spielte ausnahmsweise den halbwegs anständigen Japaner. „And that's Kenichi. We came together.“
„I'll go back in - the concert isn't over yet,“ informierte er Colin und den Rest. Er wollte das Ende des Konzerts, das bald kommen würde, noch mitbekommen.
„Alright,“ sagte Will nickend und Colin winkte. Kei verabschiedete sich und verschwand wieder in der Halle.

Kurze Zeit später gesellte Colin sich wieder zu ihm. Mit einem sachten Schlag auf den Oberarm machte er sich bei ihm bemerkbar. Kei drehte sich zu ihm und lächelte leicht. Er hatte ein neues Bier in der Hand. Colin erwiderte das Lächeln und sah dabei ein wenig schüchtern aus.
Mit Bierflasche sprang es sich nicht ganz so gut, aber das war egal. Das letzte Lied wurde gerade gespielt und um Kei und Colin herum sprangen die Menschen herum, während sie riesige Wasserbälle oder sowas ähnliches über ihren Köpfen durch die Halle schubsten. Grinsend ließ Colin einen davon mit den Fingerspitzen weiterhopsen, als Will sich zu ihnen gesellte und ihm einen durchsichtigen Plastikbecher mit einer Cola-Alkoholmischung in die Hand drückte. Kei war der Hipster zwar suspekt, aber er ließ ihn in Ruhe. Nicht alle Menschen waren ausnahmslos schlecht.
Vielleicht doch.
Kei war sich dessen nicht ganz sicher.
Er schlug einen der Ballons so weit durch die Halle, dass er nach hinten flog, sodass die anderen Konzertbesucher auch was von dem Spaß haben konnten.

Als Colin vor einem der Garagentore vom Sitz gerutscht war und sich den Helm abgenommen hatte, sagte er lächelnd, aber ernst: „Danke. Das war richtig gut.“
„Gerne wieder,“ sagte Kei beim Öffnen des Garagentors und schob das Motorrad hinein. Delilahs Motorrad stand bereits dort und strahlte seine Wärme ab. Colin legte seinen Helm dort ab, wo noch andere herumlagen. Er zog den Zettel mit Wills Telefonnummer aus der Jackentasche und zog sich die Jacke aus, um sie auf den Ständer zu hängen, von dem Delilah sie für ihn genommen hatte. Kei, der seine eigene Jacke trug, behielt diese an. „Ich muss nochmal weg. Bin in einer Stunde wieder da.“
„Warum, was machst du?“ fragte Colin.
„Abendessen.“
„... Oh.“ Es dauerte ein paar Sekunden, aber schließlich fiel bei Colin der Groschen. Kei musste ja Blut trinken. Er nickte und ging zum Durchgang, der in den Küchen- und Lagerbereich führte. In der Küche, die die Köchin längst verlassen hatte, suchte Colin sich sein eigenes Abendessen zusammen. Er hatte vorgehabt, sich ein abenteuerliches Sandwich zu basteln, fand stattdessen aber die Reste eines vorzüglichen Mahls, das zum Teil aus Gänsebraten bestanden hatte. Damit schlug er sich den Bauch voll und besiegte seinen alkohol- und bewegungsbedingten Heißhunger, bevor er sich in sein Zimmer begab.

Kei ging indes die Einfahrt wieder hinunter. Dass er sein Abendessen leben lassen musste, störte ihn ein wenig. Er mochte es, die Menschen allmählich sterben zu lassen. Das musste Colin nicht wissen. Dennis auch nicht unbedingt.
Ein paar Kilometer weiter fand er komplett zugedröhnte Jugendliche.
Mit leicht glasigen Augen machte er sich auf den Weg zurück ins Schloss. Alle drei seiner Menügänge lebten noch, mussten aber den Blutmangel erstmal ausschlafen.

Während der junge Vampir ins Schloss zurückkehrte, war Colin gerade mit Duschen und Zähneputzen fertig und saß in Boxershorts, T-shirt und Sweatshirtjacke auf dem Bett herum, um Ivys Kleider, die vor ihm auf dem Boden ausgebreitet lagen, nachdenklich anzustarren. Musste er jetzt für die Öffentlichkeit bis in alle Ewigkeit Ivy Branson spielen? Als Jux war das ja ganz lustig, aber was war mit dem Geigespielen? Das war es, was er konnte und er hatte immer erwartet, dass er das für den Rest seines Lebens machen würde, also auch für Geld, als Job. Ging das noch? Als Ivy Branson. Was für ein Schwachsinn.
Freunde gewinnen schien trotzdem kein Problem zu sein.
Will war nett.
Aber Will mochte nicht Colin Hammerer, sondern Ivy Branson. Vielleicht als Kumpel, vielleicht nicht.
Colin rieb sich über das Gesicht. Er war kein Idiot. Wills Frage danach, ob Kei sein ‚Boyfriend‘ sei, hatte ja wohl einen bestimmten Grund gehabt, auch wenn Will nichts eindeutiges versucht hatte.
Er grunzte genervt. Fuck my life.

Kei hatte drogeninduzierte gute Laune und warf beim Eintreten seine Kleidungsstücke hörbar durch den Raum. Irgendwann in Japan hatte er herausgefunden, wie er high werden konnte. Jeder normale Drogenkonsumversuch blieb weitgehend ergebnislos und Alkohol zeigte nur bei Extremkonsum auf normale Weise Wirkung. Das war leicht nervig, aber nicht schlimm.
Er nahm im Bad die Kontaktlinsen heraus und steckte den Kopf Colins Zimmer. „Bin wieder da.“
Der Vampir trug nur noch Boxershorts.
„Wow, du hast ja gute Laune,“ gab Colin überrascht zurück. Er konnte nicht umhin, Kei ausgiebig zu mustern.
Keis Blick verriet, dass er künstlich aufgedreht war. „Die hatten irgendwas eingeworfen. Extasy, Gras und Alkohol hab ich bei denen gefunden,“ grinste er und verschwand wieder hinter der Tür. „Ich geh‘ duschen!“
Dass er den Rest der Drogen an sich genommen hatte, behielt er erst einmal für sich.
„Welcher Idiot benutzt gleichzeitig Extasy und Gras?“ rief Colin ihm nach. Er wusste zwar nicht viel über Drogen, aber dass das eine ein Aufputsch- und das andere mehr ein Beruhigungsmittel war, war ihm halb bekannt.
„Der eine Gras. Der andere Extasy. Alle drei betrunken.“ Und alles mischte sich jetzt in Keis Blutkreislauf zusammen.
Weiter auf die Tür starrend, die Kei einen Spalt breit offengelassen hatte, versuchte Colin, sich bewusst zu machen, dass Kei gerade offenbar mehrere Menschen, die entweder high oder betrunken - oder beides - gewesen waren, überfallen und Blut von ihnen getrunken hatte.
Er wartete, bis das Wasser zu rauschen begann und rutschte dann lautlos vom Bett, um auf den Flur zu schleichen. Von dort betrat er langsam und vorsichtig, so leise er konnte, Keis Zimmer.
Er sah sich um. Hier lagen verstreut Kleidungsstücke herum. Auf dem Bett lag seine Jacke.
Der Vampir hörte, wie Colin in sein Zimmer ging. Er hatte nämlich auch seine Badezimmertür nicht ganz geschlossen und hörte Schritte. „Suchst du was?“
Colin erstarrte und sah ertappt zur offenen Tür. Kei stand dort nicht und hatte eindeutig aus der Dusche heraus gerufen, aber wie zur Hölle hatte er ihn gehört?
„In der linken Jackentasche sind zwei Tütchen Gras. Diese Idioten. Du kannst eins haben, wenn du das gesucht hast,“ verkündete der Vampir und widmete sich weiter der Dusche.
Er hatte nicht direkt danach gesucht, doch sein Blick wanderte trotzdem aus Reflex zur Jacke auf dem Bett. Er war nur neugierig gewesen. Nun kratzte er nur verlegen seinen nackten linken Fußrücken an seinem Bein, ehe er betreten und still zur Tür und auf den Flur zurückging. Erst als er sein eigenes Zimmer wieder betrat, gab er sich keine Mühe mehr zu schleichen. Obwohl er sich noch schämte. Er begann damit, seine Kleider und die Perücke irgendwie zusammenzupacken und im Kleiderschrank zu verstauen.
Kei musste leise lachen.
Als Colin mit Aufräumen fertig war, nachdem er zuletzt Wills Telefonnummer in seiner Nachttischschublade verstaut hatte, war er eigentlich mehr als bettfertig, aber brachte es vor Verlegenheit trotzdem nicht fertig, seine Nachttischlampe auszumachen und unter die Decke zu kriechen. Also setzte er sich bloß an das dicke geschnitzte Holzbrett am Kopfende des Bettes gelehnt hin und versuchte, ‚A Tale of Two Cities‘ weiterzulesen.
Kei war nach dem Duschen in sein Zimmer gegangen und hatte seine Kleidungsstücke auf einen Haufen geworfen um sein Bett frei zu haben. Er setzte sich hin und nahm seine Gitarre, um Colin mit zweideutigen Liedern zu beschallen. In erträglicher Lautstärke, um keinen Anschiss von Dennis oder Rupert zu kriegen.
Regeln. Gewöhnungsbedürftig, wenn man das ganze Leben lang keine gehabt hatte.
Die Geräusche aus dem Nachbarzimmer taten nichts, das Colin nicht bereits selbst bravourös fertigbrachte - sich unfreiwillig vom Text ablenken. Er hatte nun jeden Satz mindestens viermal gelesen und immer noch nicht wahrgenommen, was drinstand. Keis Stimme und die Gitarrenklänge vermischten sich mit dem Bild vom aufgekratzten Kei mit leuchtend blauen Augen, der gerade fast nackt in seiner Tür gestanden hatte, um ihm salopp von den Drogen zu erzählen, die er Leuten abgenommen hatte, die er gerade für ihr Blut überfallen hatte...
Ah shit.
Colin seufzte.
Wahrscheinlich wäre es am besten gewesen, die Badezimmertür zu schließen.
Aber dann würde er die Musik dämpfen, die...
Er warf das Buch neben sich und rutschte etwas hinunter, um sich um eine nun ziemlich dringende Sache zu kümmern, die in seinen Boxershorts stattfand.
So leise wie möglich.
Das bekam Kei tatsächlich nicht mit, weil er gerade beschäftigt war. Irgendwann fing er an, ‚Devil Side‘ von VAMPS zu spielen.
Embrace my instincts, right, dachte Colin mit einem leisen Schmunzeln, während er aufmerksam auf den Liedtext horchte. That's exactly what I'm doing right now.
Mittlerweile lag er fast vollständig auf dem Rücken, während er sich anfasste. Kei konnte verdammt gut singen. Seine Stimme machte irgendetwas mit ihm, das seine Hand nicht konnte.
Sich ausmalend, was Colin gerade anstellen mochte, grinste Kei und machte weiter damit, dem Kleineren schöne Gedanken zu bereiten. Er malte sich ein paar Szenen aus und erinnerte sich an andere.
Und alles, woran Colin sich erinnerte, waren die beiden Motorradfahrten, dicht an Kei gedrückt, Kei wie er ‚Eine Mischung aus Liebe, Sex und Chaos‘ sagte, die bloße Idee, dass er schon zigmal mit ihm geschlafen hatte und Kei ihn offenbar viel besser kannte, als er sich vorstellen konnte, Keis Stimme jetzt und wie er gerade in der Tür ausgesehen hatte... und das war mehr als genug.
Er stöhnte und seufzte nicht laut, sondern atmete nur schwer und raschelte zwangsläufig mit dem Bettzeug, seinen Kleidern und seiner Haut, aber er war sich sehr, sehr sicher, dass Kei nichts davon über seinen Gesang und sein Saitenzupfen hören konnte. Unmöglich.
Kei hörte Geräusche aus Colins Zimmer, da er ja nicht gerade Lärm machte, konnte aber nicht genau feststellen, was Colin da veranstaltete. Das war aber egal, denn er konnte es sich denken und er war sich mehr als sicher, dass seine Vorstellung der Realität entsprach. Das leise Rascheln dauerte noch ein paar Minuten an und verstummte dann. Er mochte es, Recht zu haben.
Matt und immer noch unruhig atmend lag Colin da und hob langsam seine beschmierte Hand, um sich ohne besonderen Grund, mit dem er sich hätte rechtfertigen können, die glänzende Flüssigkeit auf seinen Fingern anzusehen.
Jetzt musste er sich waschen gehen, dachte er dumpf. Aber er konnte damit jetzt nicht ins Badezimmer. Keis Tür war noch offen.
Die Musik spielte auch noch und das Grinsen auf Keis Gesicht war immer noch da. Er verfluchte Colins Gedächtnisverlust in diesen Minuten mehr denn je.

Saturday, February 6, 2016

Kei + Colin LXIV: Getrennte Wege



„Wir haben Blättchen, große sogar. Aber keine Filter. Und Tabak nur, wenn du eine Zigarette opferst.“ Akira begann, gelassen rückwärts zum Haus zurückzuschlendern. „Und wenn du das tätest, hätten wir auch einen Filter.“ Er zwinkerte.
„Das dürfte nicht allzu schwer sein.“ Kei schlenderte ihm nach. In seinem Kopf meldete sich das Bedürfnis nach Tod und Blut.
War das alles, was nötig war, ein ‚Gespräch‘? überlegte Akira auf dem Weg durch den Garten, den finsteren Flur und das ebenso finstere Sofazimmer, wo er die Utensilien auf dem Boden liegengelassen hatte. Wenn ich die nächste Panikattacke oder so kriege, weiß ich also bescheid. Einfach den Wahnsinnigen belästigen.
Kei baute zwei Joints nachdem er sich auf das Sofa gesetzt hatte und reichte einen seinem Freund. Akira hatte, so gut es ihm in der Schwärze des Raumes möglich war, augenzusammenkneifend, beim Bauen zugeschaut und nahm nun den Joint vorsichtig entgegen. Er tastete auf dem Boden herum und fand das Feuerzeug, das er dem Peruaner abgenommen hatte.
„Es war wirklich ein Glück, dass wir an der Grenze nicht kontrolliert wurden. Ich hatte da ganz vergessen, dass ich das Zeug in der Tasche hatte.“
„Der hätte uns nicht kontrolliert.“ Kei war fest davon überzeugt, auch wenn er noch nicht wusste, weshalb. Er fingerte sein Zippo aus der Tasche und zündete den Joint an.
Drogen. Das war sehr lange her. Zumindest die menschliche Art von Drogenkonsum. Sie hatte ihm nicht viel an, die Effekte waren immer schwach gewesen.
Akira röstete seinen erst ein bisschen in der Flamme des Feuerzeugs, wie er es Leute auf dem Freakfest hatte tun sehen, bevor er ihn anzündete und zog. Das Kitzeln in seinen Bronchien war gerade noch erträglich, oder eher nicht, aber er schaffte es trotzdem, den drohenden Hustenanfall zu unterdrücken und atmete den Rauch durch die Nase wieder aus.
„Vermisst du etwas?“ Seine Stimme klang unterdrückt, weil er noch gegen das Kratzen ankämpfte.
„Aus dem Leben?“
Ja... Das Leben selbst. Er wollte seinen Herzschlag zurück und spüren was um ihn herum los war. Er hatte keinerlei Empfindungen, wenn er tot war. Nur das dumpfe Verlangen nach Blut.
Akira winkte ein bisschen ab. „Aus Japan. Von zuhause.“ Er selbst vermisste da so gut wie alles. Er vermisste sogar Dinge, die überhaupt nicht passiert waren, wie die Hochzeit seiner Eltern, das Wiedersehen mit seinem Vater und ganz viele Dinge, die er mit Kei hatte machen wollen. Normale Dinge.
„Meine Gitarre.“ Mein ganzes Leben. „Leute, die meine Sprache sprechen...“
Akira faltete seine Beine in den Schneidersitz und streckte seinen Rücken. Der Rauch nagte nun nicht mehr so in ihm, sondern bedeckte die Kapillaren eher mit einer angenehm weichen Schicht, die ihm auch gleich zu Kopf stieg. Es war sehr angenehm.
„Wir sind in Chile. Hier gibt es Gitarren. Wir sind in Chile, Mann. In Chile. Wir werden Straßenmusiker in Santiago.“
Er hatte keine Ahnung, warum er jedes dritte Wort gesondert betonte, aber nun, da er darüber nachdachte, wurde ihm bewusst, dass sie es hiermit doch ganz gut getroffen hatten. Chile... echt gut eigentlich.
„Wir sollten uns einen Platz zum Bleiben suchen. Dieser hier ist nicht so besonders,“ erwähnte Kei beiläufig und zog an dem Joint, der seine Wirkung bei ihm ziemlich verfehlte. Jetzt wusste er wieder, aus welchem Grund er so selten Drogen nahm.
Kippen zählten nicht.
„Und eine Nagelschere...“ murmelte Akira, der ohne besonderen Grund seine Hände inspiziert hatte. Nun zog er wieder beherzt an seiner Tüte und wankte im Sitzen. „Es muss ein schönes Haus sein, mit Säulen vorne dran und einem Pool!“
Kei gefiel der Gedanke eines Hauses mit Pool. Das wäre ein großes Haus und am besten wohnten sie dort allein. Dann konnten sie unbehelligt leben wie sie wollten. Kei lag relativ viel daran vor niemandem Rechenschaft ablegen zu müssen. Akira verlangte das nicht von ihm und das war sehr gut. Der Vampir schätzte das sehr. Das Unterwegssein gefiel ihm auch. Aber das Schlafen auf Feldern und in Bruchbuden lag ihm nicht besonders.
„Ein Pool wäre gut, ja,“ stimmte er seinem Freund zu. Da gab es nur ein Problem. Hier würden sie für alles selbst aufkommen müssen...
Wobei... Das war nicht wirklich ein Problem.
„Wo gehen wir dafür hin... Brasilien? ... Jamaicaaaa...“ Akira legte sich auf den Boden, die Beine immer noch gekreuzt.
„Ist mir egal...“ Er amüsierte sich stumm über Akiras berauschten Zustand. Jamaica... Vielleicht. Ihm war es egal, wohin es ihn verschlug. Zeit hatte er genug. Das war eines der wenigen Dinge, von denen er sich sicher war. „Wir können überall hingehen,“ fügte er noch hinzu und zog an seinem Joint.
„Aber zuerst...“ In Zeitlupe wedelte Akira mit seiner freien Hand vor seinem Gesicht herum. „... nach Santiago... ich will nach Santiago... Wusstest du, dass es in Argentinien eine Stadt namens El Turbio gibt? Das ist so cool.“ Akiras Stimme und Aussprache klangen so dunstig, wie er sich fühlte.
„Was ist da so besonders dran?“ Fragte Kei leise und lehnte sich an das Sofa, vor dem er sich niedergelassen hatte. Er war nicht besonders lang darauf sitzen geblieben. Der Vampir bevorzugte den Boden als Sitzgelegenheit.
„Santiago ist die Hauptstadt.“
„Dann los. Fahren wir nach Santiago,“ schlug Kei vor und blies Rauch nach oben. Hier wollte er nicht bleiben, es war als wären sie auf der Flucht. Und der Vampir wollte nicht weglaufen, sondern einfach hin, wo er wollte, nicht weil er musste.
„Jaa...“ Akira zog wieder und ließ dann den Arm wieder auf die staubigen Dielen fallen. Der Joint fiel ihm aus den Fingern und verbrannte etwas Staub, glomm aber nur ein paar Sekunden lang, ehe irgendetwas die Glut erstickte.
„Wie fühlst du dich, wenn du tot bist?“ fragte Akira lächelnd an die finstere Zimmerdecke.
„Tot.“ Keis Erklärung war keine, aber das traf es am besten. Tot. Das war alles. Er rauchte den Joint auf und stand langsam auf. Ihm machte das nichts aus, aber er wusste nicht, ob Akira überhaupt fahren konnte. Schließlich kannte er sowas kaum. Der Vampir war fast immer klar im Kopf. Es gab nicht viel, das seine Sinne benebeln konnte. Blut und Akira. Das war alles.
„So leicht – wie ein Gespenst? Wie ein Fetzen Seide oder so...“ Akira wedelte wieder langsam mit einer Hand in der Luft, hin und her, wie ein Stück Seegras unter Wasser, zum Illustrieren seiner Beschreibung. „Ganz ruhig und gelassen, unberührbar. Und friedlich.“ So hatte er sich gefühlt, am Anfang, wenn er tot war. Er tat es immer noch. Tot sein bedeutete für ihn ein Zustand sehr angenehmer Gleichgültigkeit.
„Gleichgültig, aber nicht wie auf Drogen oder so, sondern einfach so, als ob alles egal ist.“ Alles außer Blut. Tot war für Kei fast egal. Es war so, als lebte er noch, nur ohne jegliche Gefühlsregung. Tot eben.
„Alles egal?“
„Ja.“ Kei schlenderte zum Fenster.
Akira reckte seinen Kopf ein bisschen und sah Kei zu. Nun sah er ihn auf dem Kopf. „Bist du jetzt tot?“
Der Vampir ging im Raum umher. Am Fenster gab es nichts zu sehen, da es verrammelt war. Das einzige, was es hereinließ waren kleine Lichtstrahlen durch Spalten und Löcher in den Brettern. „Ja.“ Er ging zu Akira und blieb neben ihm stehen. „Jetzt nicht mehr.“
Akira schmunzelte und lachte ein wenig. „Ich auch nicht. Wenn du weit genug entfernt bist, fühlst du dann nichts mehr?“
„Fast nichts,“ erklärte Kei. Mordlust und Blutdurst waren da. Aber die waren immer da.
Akira lächelte sanft zu ihm hinauf. „Fast nichts. Was fühlst du dann?“
Konnte man das Gefühl nennen? „Da ist immer ein Durst nach Blut.“ Und Töten bereitete ihm auch tot Spaß.
„Ehrlich, das ist alles?“ Akira klang friedlich und amüsiert.
„Ja. Mehr ist da nicht mehr.“
Kei war ruhig und stand neben seinem Freund. Der studierte ihn genau, und richtete sich ein wenig auf, um rückwärts über den Boden zu krabbeln.
„Das heißt, wenn ich weit genug weg bin... so,“ sagte er, als er mit der Schulter in ein paar Metern Entfernung am anderen Ende des Raumes die Wand berührte. Er setzte sich auf und lehnte sich mit dem nackten Rücken an die staubige, zerrissene Tapete. „Jetzt liebst du mich nicht mehr,“ sagte er schlicht. Leise und friedlich.
Kei schaute leicht amüsiert und musterte seinen Freund gelassen. Da war tatsächlich gar nichts mehr. Nur sein Körper, der langsam abkühlte.
„Da ist gar nichts,“ sagte er ruhig.
Akiras Herz hatte die ganze Zeit in Zeitlupe weitergeschlagen, und nun stolperte es ein paarmal über sich selbst. Sein Gesicht wurde warm.
„Nichts? Nur Blut,“ flüsterte Akira. Diesmal klang er irgendwie ergriffen. Seine Augen waren nun geweitet, wie vor Schreck.
Kei musterte ihn genau. Nickte einmal kurz, während er sein Zeug in den Rucksack steckte, neben dem er sich niederließ.
Mit aufgestellten Beinen beobachtete Akira ihn und konnte in der Dunkelheit natürlich nicht besonders viel erkennen. Auch, dass nun Wasser aus seinen Augen lief, half dabei nicht. Er atmete, aber so als ob er es möglichst leise zu tun versuchte.
Er hat schon Recht. Ich würde mich jetzt auch nicht mehr lieben.
Kei beschloss, Akira keine Drogen mehr zu geben und schaute ihn an.
„Du solltest kein Gras rauchen.“ Was geht in deinem Kopf vor?
„Warum nicht? Es ist schön.“ Bin ich so nicht erträglicher? Was würde ich jetzt machen, wenn ich nicht high wäre? Ich würde wahrscheinlich weglaufen und mich mit Absicht umbringen. Er blinzelte ein paar Tränen weg, die sich angesammelt hatten und daraufhin herausliefen um sein Kinn hinunterzutropfen.
Kei hatte keine Lust, jetzt mit Akira zu diskutieren. Er blickte mittlerweile leer durch den Raum. Er begann mit dem Messer zu spielen, das er in einer seiner Hosentaschen trug.
Als er es nicht mehr ertrug, Kei anzusehen, blickte Akira sich um und fand einen großen, verbogenen Nagel und einen dicken Flaschenboden aus Glas in Reichweite. Beides nahm er in die Hand. Auf dem Glas war eine schmierige Staubschicht, und mit dem Nagel kratzte er ein Muster hinein.
Der Vampir musterte mal Akira mit leeren Augen und mal sein Messer. Er wollte hier weg. Dies war kein guter Ort.
„Kommst du mit? Ich will hier nicht bleiben,“ sagte er irgendwann und stand wieder auf.
Akira war es egal, wo er sich befand. Er wollte bei Kei sein, aber das schien nun kein guter Grund mehr zu sein. Er schüttelte den Kopf.
Mach das nicht... Kei kommentierte das nur mit einem „Wenn du meinst... Ich fahr jetzt.“
Fünf Minuten später war er unterwegs. Richtung Santiago.

Akira fragte sich stumpf, ob Kei nur einen Ausflug machte, um dem Lagerkoller zu entkommen, oder ob er tatsächlich allein weitergefahren war. Dass er seinen Rucksack mitgenommen hatte, ließ das vermuten, und da Akira ihm offenbar egal war, schien der Gedanke überhaupt nicht mehr abwegig zu sein.
Als Akira sich selbst satt hatte, vielleicht eine halbe Stunde oder so später, und auch seine Beine wieder bewegen konnte, legte er sich auf das Sofa und schlief ein.


GETRENNTE WEGE

Kei fuhr eine ganze Weile die Straße entlang und fragte sich, was er eigentlich gerade getan hatte und vor allem warum. Er fuhr stundenlang, bis er zum Tanken anhielt. Super Idee ohne Geld. Der Tankwart endete tot in der Ecke und Kei leerte die Kasse. Dann ging es weiter. Aber nicht lange, denn bei Taltal hielt ihn eine Straßensperre auf.

Akira war durch den Rest der Nacht und den größeren Teil des Morgens gekommen, ohne sich umzubringen. Er war zwar wieder ohne Kontrolle über seinen Körper aufgewacht, aber es fiel ihm überraschend leicht, ihn wieder in Besitz zu nehmen. Später beschloss er, dass das an dem Gras liegen musste, denn sein Kopf fühlte sich auch nach dem richtigen Aufwachen noch weich und pelzig an.
Dass Kei nicht zurückgekommen war, ließ seinen Brustkorb etwas zusammenschrumpeln und trieb ihm noch einmal Tränen in die Augen, aber er war fest entschlossen, nicht zimperlich zu sein und nahm diese Gelegenheit als Herausforderung wahr, selbstständiger zu werden.

Im Morgengrauen hielt Kei an der Straßensperre.
Fuck... Einer der Beamten erzählte von einem Überfall auf eine Tankstelle, soweit Kei ihn verstand, und dass sie einen Motorradfahrer suchten, der kurz vor dem Überfall an der Tankstelle gesichtet worden war. Kaito verneinte ihn zu kennen oder dort in der Gegend gewesen zu sein. Einer der Beamten musterte den jungen Japaner eindringlich.
„Es gibt nur eine Straße von hier bis zum Tatort,“ rief er ihm ins Gedächtnis, woraufhin der Vampir ihn einfach nur ansah.
„Ich war nicht dort, Sir, und ich würde jetzt gern weiter...“ Drei... zwei... eins...
Kaito griff hinter sich. „Lass mich durch, Arschloch!“ Der Polizist griff seine Waffe, doch bevor er diese berührte, hatte er drei Kugeln in der Brust und der Vampir mindestens fünf bis aufgehört wurde auf ihn zu schießen.
Die Polizisten lagen alle am Boden und er war wieder auf dem Weg. Und jetzt suchen sie mich... Versucht's doch...

Während Akira am frühen Nachmittag vor einem Elektrogeschäft stand und einen Burger aß, den er sich von gestohlenem Geld gekauft hatte, vergaß er für eine Weile das Beißen und Kauen, während er auf einen der Fernsehschirme starrte, der Nachrichten zeigte.
Er war wirklich weg. Er war schon auf halbem Weg nach Santiago. Und Leichen pflastern seinen Weg, natürlich. Nach dem stummen Wetterbericht drehte Akira sich weg und aß langsam zuende. Als er wieder bei dem abbruchreifen Haus angekommen war, wusste er, was er als nächstes zu tun hatte.

Kei nahm Nebenstraßen für seinen weiteren Weg, was sein Fortkommen erheblich erschwerte, er begegnete mehr Menschen und ließ weitere Leichen zurück, bis er irgendwann in Santiago ankam. Sein erster Kontakt in der Stadt war ein Polizist. Was denn auch sonst. Wo kommen die alle her? Kaito fragte ihn nach dem Weg zum nächsten Motel und gab ihm einen Tipp, wo er nach dem Mörder suchen sollte. Drogengang. Er hatte sie mit Pistolen und einem Motorrad ein Stück die Straße rauf gesehen, die er gekommen war.

Ungefähr um die gleiche Zeit stand Akira von seinem Sitz auf, um sich aus dem Fenster zu hängen und La Paz in der untergehenden Sonne zu sehen, während der Zug darauf zufuhr. Die Grenzkontrolle hatte kein Visum sehen wollen. Sein US-Pass hatte gereicht, und die Tatsache, dass er eine Fahrkarte für die erste Klasse besaß. Oder es war den Männern mit den Hunden einfach nur egal gewesen. Sie hatten niemanden sehr genau kontrolliert, allerdings hatten in Akiras Abteil zu dem Zeitpunkt auch nur noch drei andere Menschen gesessen.
Er hielt die Nase in den staubigen Wind, bis seine Locken zu einer wilden Sturmfrisur geworden waren, und schloss dann das Fenster wieder. Der dicke Mann im Anzug zwei Bänke weiter hatte sich außerdem über den Lärm und den Luftzug beschwert.

Kaito hatte sich in einem kleinen Motel niedergelassen und verfolgte die Nachrichten, die er nicht verstand. Da es Abend wurde, beschloss er, sich die Stadt einmal anzusehen, in die er gefahren war. Er ging einfach los und lief ziellos durch die Straßen.

Akira tat das gleiche in La Paz, nachdem er sich von seinem geborgten Batzen ein Zimmer in einem mittelmäßigen Hotel besorgt hatte.
Auf einer Grünfläche, die vielleicht ein Park sein sollte, wagte er es, im Licht einer hübschen Straßenlaterne, seine Geige auszupacken und etwas zu spielen. Bereits vor der Abfahrt in einem Badehaus in Arica hatte er sich die Fingernägel gestutzt, aber zum Spielen hatte er noch keine Gelegenheit gehabt.
Während er so in allem versank, woran sich seine Finger von Albinoni und Vivaldi erinnerten, warfen ihm ein paar Menschen Geld in den offenstehenden Kasten.

Kei ging auf ein Rockkonzert, das er durch Zufall gefunden hatte und schaffte es, den Gitarristen für einige Minuten um sein Instrument zu erleichtern und spielte den Menschen ein bisschen Musik aus seiner Heimat vor.

Akira spielte auch das Stück für Kei und kam irgendwann bei Volksmusik aus seiner Kindheit an.
Als die zweite Nachthälfte längst angebrochen war und er aufhörte, nahm er verwundert die Münzen und Scheine aus seinem Kasten. Er hatte gehört, wie Münzen hineingeworfen worden waren, aber so viele? Er wusste nicht, wieviel oder wie wenig diese Geldmenge wert war. Es kam ihm nur viel vor. Auf einer Bank, die im Halblicht unter einer weiteren Laterne stand, saß ein bärtiger Mann und rauchte Zigarre. Er schien herüberzusehen und hob eine grüßende Hand. Akira grüßte zurück, während er seinen Kasten schulterte. Ein paar Bänke weiter lag jemand zwischen Zeitungspapier herum. Diesen Mann steuerte Akira an.
Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, nahm Akira ein Blatt Zeitung von ihm herunter, legte es auf den Boden, und schüttete langsam die Münzen und Scheine der Passanten darauf. Dann wickelte er das Papier zusammen und legte es neben den Kopf des Mannes auf die Sitzfläche.

Kei spielte in der Konzertpause einfach drauf los, während seine Gedanken zu Akira schweiften.
Raus aus meinem Kopf... Los, verschwinde wieder...
Irgendwann spürte er sein Herz zu schlagen beginnen. Fuck... Kaito ging irgendwann nach draußen und brachte ein Drogengeschäft zum Platzen. Die Beteiligten schossen ihn zusammen. Der Vampir war nur mit einem Messer bewaffnet und richtete ein Massaker an. Ein großes. Blutiges. Er wollte gerade nicht leben.

Nach einem interessanten Gespräch mit dem Zigarrenmann begab Akira sich in sein Hotel und legte sich dort mit hellem Zitronenbier, das er in der Minibar gefunden hatte, erst in die Badewanne und dann auf das Bett, und dachte nach.
In den Nachrichten – er verließ sich nicht nur auf den Fernseher sondern fragte auch Leute, wie den bärtigen Zigarrenmann – hatte er keine Hinweise auf Kei mehr gefunden.
Er kommt schon klar. Er kommt immer klar. Ich bin der, der nicht allein zurechtkommt. Und das hat ihn vergrault. Also...
Als er doch irgendwann, als die Sonne längst wieder aufgegangen war, eindöste, tat er das mit schmerzenden Gedanken an Kei.

Kei hatte sich die ganze Nacht um die Ohren geschlagen, bevor er sich in das Motel zurückbegab und seine Zeit damit verbrachte, an die Decke zu starren.
Wo bist du gerade?

Tatsächlich schlief Akira ein wenig, bis zum Mittag, um dann am Nachmittag das zu tun, worüber der Zigarrenmann mit ihm gesprochen hatte.
Nach einem langen Spaziergang durch Stadt – mit einigem Verlaufen und kurzen Gesprächen mit Einheimischen, die sich auskannten – fand Akira die Adresse. Es war ein großes, gläsernes Bürohochhaus, wie es sie überall zu geben schien. Trotzdem war es voller Spuren von Südamerika. Die Einrichtung, wie der Teppich auf den Fluren, war bunt gemustert, es standen überall Planzen mit dicken, großen, glänzenden Blättern und leuchtenden Blüten in Tontöpfen und Körben, die mit sehr detaillierten Mustern bemalt waren, und die Menschen, die hier unterwegs waren, waren alle irgendwie braun. Und auf der Etage, in die er sich begab, sehr bunt und modisch und laut.

Kaito vertrieb sich die Zeit mit sinnlosem Zeug. Er hatte einfach nichts zu tun. Am Nachmittag klopfte jemand. Die Polizei. Einer von ihnen hielt ihm eine Waffe an den Kopf.
„Was wollt ihr?“ fragte er gelassen, woraufhin ihm erklärt wurde, dass er festgenommen sei. Wegen Mordes. „Ihr könnt mich mal -“ Kei wurde durchsiebt, als er den Beamten den Rücken zuwandte. Er brach zusammen, nachdem ihn eine Kugel ihn in den Brustkorb getroffen hatte.

Gleichzeitig stand Akira neben einem Klavier. Seine Violine hatte er schon benutzt und auf einem Tisch abgelegt. Nun wollten sie noch wissen, was er sonst noch konnte.
„... If you want to, I can save you,
I can take you away from here –
So lonely inside, so busy out there,
And all you wanted was somebody who cares...“
Es schien ganz gut zu laufen, aber er war trotzdem verdammt nervös.

Kei lieferte sich eine Schlägerei mit den Pseudobullen in der Tür, bis er nicht mehr kämpfen konnte.
„Was... zum...?“ Seit wann bitte ballerte die Polizei ohne Provokation so großzügig um sich?
... Als er wieder zu sich kam, lag er gefesselt auf dem Boden eines großen, leeren Raumes.
Das waren nie im Leben Bullen gewesen...
aber wer dann?
Der Vampir befreite sich von den Fesseln und stellte dabei fest, dass diese Leute ziemlich dumm waren. Das Klebeband war sehr einfach zu lösen und sein Rucksack lag in der anderen Ecke des Raumes.
„Tzz, Idioten...“
Verdammt... Wo bist du?
Der Japaner sah sich um. Bald darauf fand er die Tür und verschwand wieder. Eine einfache Verriegelung hatte ihm nichts entgegenzusetzen.

Die Frau mit den großen Ohrringen, die sehr gut Englisch sprach, versicherte ihm, dass sie das mit den fehlenden Papieren schon regeln würden. Das seien alles nur Formalitäten und der Manager würde sich schon um all diese Dinge kümmern.
Angel E. Wallace unterschrieb an diesem Morgen also drei Verträge, direkt nacheinander. Der eine war für einen Agenten. Der zweite für die Anstellung und das Coaching. Der dritte sollte das Album, Werbung und öffentliche Auftritte regeln.
Colin. Akira. Angel.
Diese Leute waren schon gestern beim Vorspielen und -singen von seinem Namen begeistert gewesen und wussten schon genau, wie sie ihn vermarkten würden.

Als Kaito nach draußen ging, stellte er fest, dass es Morgen war und erstaunlicherweise keine Leute zum Bewachen da waren. Er ging mit seinen Sachen auf dem Gelände herum.
Was waren das gestern für Typen...? Der Vampir wusste nicht, wo er war. Den nächsten Passanten fand er erst nach einer guten Stunde und was der ihm sagte, gefiel ihm gar nicht. Er befand sich nicht mehr in Santiago.

„Angel Wallace. Yes.“ Akira nickte und ließ sich von der Frau skeptisch begutachten, die ihn irgendwo abhakte oder notierte und lauter Mist an einem Computer machte, bevor sie ihn durch das Haus führte, einige Räume zeigte, und schließlich im Flur der ersten Etage eine Tür öffnete.
„This is your room. We don't have many candidates now, so you don't have to share. The second bed is only ever in use when we accommodate groups, you know?“ Sie lächelte freundlich. „You have another appointment at two, don't you?“ Akira nickte. Er sollte mit seinem Agenten Mittag essen und dann Kleider kaufen und zu einem Frisör.

Kei erfuhr, dass er sich nahe der Grenze zu Bolivien befand. Er schaffte es einige Zeit später, einen Wagen anzuhalten und ließ sich mitnehmen. Egal wohin. Der Mann wollte wissen, warum Kaito ein Schwert mit sich herumtrug und bekam die Antwort, dass es ein Erbstück sei.

Akira bekam eine komplette Garderobe und eine Auffrischung seiner tiefroten Haarfarbe geschenkt – oder vielmehr vorgeschossen, denn letztendlich musste er ja mit seiner Arbeit dafür aufkommen – und am Abend lernte er im Haus noch mehr Leute in ähnlicher Situation wie seiner kennen.

Kei machte den Tag über eine kleine Reise, weil er nicht wusste, wo er hinsollte. In die nächsten größere Stadt - er wusste nicht mehr, wo er eigentlich war und es interessierte ihn auch nicht. Zu Fuß erkundete er die Innenstadt. Am nächsten Musikladen hielt er an, sah sich das Schaufenster an und dachte nach.

Akiras Nacht in seinem schicken Plattenfirmenzimmer war unruhig. Sie begann schlaflos, und als irgendwann zwei Mädchen hereinkamen, wurde sie zu einer Pyjamaparty. Glücklicherweise waren diese beiden jungen Frauen als angehende Popstars genug von sich selbst eingenommen, dass Akira nicht viel von sich preisgeben musste, da sie genug über sich selbst redeten. Er hätte nicht gewusst, was er hätte sagen sollen. Und nachdenken wollte er darüber auch nicht. Nachdenken führte in Keis Richtung. Das führte zu Gefühlen, die er ignorieren musste. Nur wenn er Geige spielte oder sang, konnte er sie für sich nutzen, zu jeder anderen Zeit waren sie gefährlich.
Er ließ die Mädchen also reden, steuerte ab und zu einen Kommentar bei und starrte ansonsten den fast vollen Mond vor seinem Fenster an.

Die Nacht verbrachte Kaito auf der Straße mit ein paar Jungs, die in einer durchlöcherten Tonne ein Feuer gemacht hatten und spielte Lieder auf der Gitarre von einem von ihnen. Er gab eine traurige Ballade zum besten. Die Verständigung untereinander war schwierig, denn keiner von ihnen sprach wirklich gutes Englisch.

Der nächste Tag sah für Akira Coaching von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends vor, sowie Spanischunterricht um halb acht abends. Letzterer fand als einziges nicht auf diesem eingezäunten Grundstück in diesem idyllisschen Stadtteil von La Paz statt, sondern in der Innenstadt. Er fuhr selbstständig mit dem Bus dorthin.

Kaito blieb eine Weile bei den Straßenjungs und ging dann weiter. In einer Bar erfuhr er, wo er gelandet war - in Bolivien, nahe der Grenze zu Chile. Auch dort waren seine Polizeimorde in den Medien. Man suchte nach ihm. Nur wusste keiner, wer er war und das war gut so.
„Weißt du, wo man hier schlafen kann?“ erkundigte er sich beim Barmenschen. Er sollte einen Typen namens Jack fragen, der hätte sicher was und das tat Kaito auch, nachdem er den Mann in derselben Kneipe gefunden hatte.
„Klar... hab ich einen Schlafplatz für dich. Wenn du mir wenigstens deinen Namen verrätst?“ fragte Jack, nachdem er mit Kaito vor die Tür gegangen war.
„Kageyama, Kaito.“
Die beiden unterhielten sich auf dem Heimweg eine Weile, über Geld und Konditionen, und das eine oder andere an persönlicher Information. Kei gab nicht viel von sich preis, fast nichts. Aber er hatte einen Platz wo er vorerst bleiben konnte.


Sunday, June 22, 2014

Deal (prose)

 Deal


I walked into the men's room behind you and watched with my hands in my pockets and a small cold smile on my face how you began washing your hands and face, checking the black shades around your eyes, and frowning slightly at the natural ones. And then you bit your lips once and turned around to face me with a genial smile.
"Business," you said.
I nodded and pulled a twenty out of my pocket, looking at it, at you, at it... and held it out to you. You took it gingerly.
"Is something wrong?"
"No."
You hesitated and cocked a brow at me, but produced a tiny folded paper from the frontpocket of your sweater and placed it next to the sink. I opened it carefully and squinted at the thin, glittering crust, and threw you a smile.
"I was told it would be complicated with you. But you're actually the easiest of my customers so far." You leaned against your sink and crossed your arms. I smirked and placed the tiny pad on my tongue.
"Why would I be complicated?" I had to grin.
You shrugged. It was haughty, elegant. I dug into my pocket again and found a big one. Tugged it out and held it out to you, casually, between two fingers. You raised your brows.
"I don't have that much on me, man. Sorry."
I chuckled.
"That's for the complications." I slipped the hundred into your frontpocket, and you recoiled slightly, with a frown that helped the acid melt in my mouth and flush downwards, pull me forward, and swirl around in my arms and legs as yellow and green spirals that screwed out of my skin towards you, tapping your chest and arms ...
"Hey. What the fuck are you doing?"
"Dealing. Business." I was probably on you then, pushing you against a grimy, chipped black wall on a grimy, chipped white heater, and holding you to something you never agreed to. What I knew then was that I was feeding on a field of sour strawberry jam that looked like a sea and the log I was straddling was hot and soft, the trees groaned around us and quicksilver iron snaked into my mouth. I followed its trail with my tongue and took a dive into its narrow well, with a screaming rushing in my ears that cleared them for the musical dripping that followed. Like the crystal sobs of a nymph in a cave. I found her and watched her squirm in my hands. There were toxic icicles that sliced into my arms and neck, leaving prickly sensations and energy for me. Softleaved branches brushed through my hair. I sucked on a peach that tasted of air, salt, and metal. Mostly air, very hot wind, and a wisp of wet mist, just before a bird pecked at my lips. My legs ran from me and started dancing in irregular circles in front of me, while soft warm roots pinned the rest of me to a ridged trunk. It was hard and cold. My front was in the sunlight, it burned a little. My dancing legs jerked back and forth, closer to me. I was sitting. What else, without legs? Haha... Grapes on my mouth. Couldn't break them, too soft. A lurching tingle radiated from the point of pressure, there, light shifted, light blue, you sang, a whistle, but only sobs of some subdued, sweet kind, and your eyes were black shades, closed. There were stains on your throat, wide exposed, thrown back, and they moved. They flowed like little snakes. You felt absorbed, but I had a feeling of having wronged you.
"Mornahunned."
"Uh... huh?"
"More... hundred. More, worth, more."
You looked at me, glassy-eyed.
"Than. Ahundred." I gave up.
I closed my eyes and rested my head against the radiator. You kissed me.