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Thursday, August 10, 2017

Kei + Colin XCII: Betretener Abschied


Kei schlief eine Weile, aber nicht sehr lange, und wachte wieder auf, bevor es draußen hell wurde. Vorsichtig stand er auf, um Colin nicht zu wecken und schlich in sein Zimmer. Dort zog er sich Hose, Jacke und Schuhe an, nahm seine Zigaretten und ging leise nach draußen, eine rauchen.
Colin schlief ruhig weiter, so flach atmend dass es fast nicht mehr wahrnehmbar war und mit einem sehr schwachen und langsamen Puls. So blieb er bis zum Morgen reglos und nackt auf dem Bett liegen.
Kei kam eine Viertelstunde später wieder zurück und sah nach, ob Colin noch schlief. Tat er. Er musterte den Kleineren eine Weile und deckte ihn zu. Dass Colins Puls so schwach war, besorgte ihn nicht großartig. Colin müsste theoretisch noch untot sein, da nur sein Gedächtnis gelöscht worden war. Der Vampir entledigte sich seiner Kleidung und ging duschen.

In den frühen Morgenstunden fing es an zu regnen und einige Stunden vor Sonnenaufgang kam das kleine Auto der Köchin auf das Gelände gezuckelt, die sich wie üblich in der Küche zu schaffen machte. Kurz darauf begann Delilah, ebenfalls wie immer, in dem großen Trainingsraum unter dem Dach mit ihren täglichen Übungen. Das war alles, was passierte.
Kei ging sauber und in Hose und Jacke gehüllt durch das Schloss. Nicht zu wissen, was er mit dem Morgen anstellen sollte, war scheiße. Colin würde bald wegfahren und dann würde er ihn erst einmal nur beobachten können, bis er einen Weg gefunden hatte, Dennis' Vorgaben zu umgehen. Er nahm seine Gitarre und setzte sich damit ins Spielzimmer.
Als der Morgen schließlich graute, hatte Colin auch geduscht und sich angezogen und frühstückte mit Rupert, der sich über Colins Entschluss, das Internat zu besuchen, freute. Nach seinem üblichen Stück Toast mit Marmelade und der einen Tasse Tee holte Colin Mantel, Mütze und Schuhe, um mit ihm loszufahren, seine Schulausrüstung zu besorgen.
Kei hatte in der Zwischenzeit den Weg in sein Zimmer gefunden und saß auf seinem Bett herum. Als er bemerkte, wie Colin jenseits des Badezimmers in sein eigenes Zimmer ging, rief er: “Guten Morgen!“
Vor dem Kleiderschrank hielt Colin inne und überlegte sich viel zu lang, was er antworten sollte. Schließlich brummte er “Morgen,“ während er den Schrank öffnete und seine Jacke herausholte. Kei fragte sich, ob Colin noch beleidigt war, fragte aber nicht weiter nach. Colin zog sich an und ging wieder zur Tür. Er zögerte etwas, bevor er sie öffnete. Kei steckte den Kopf durch die Badezimmertür, als Colin zum Verschwinden ungewöhnlich lange brauchte.
“Bist du immer noch sauer auf mich?“ fragte er freundlich und musterte Colin, der offenbar irgendetwas vorhatte. Colin musterte Kei genau. Er wollte patzig 'Ja!' sagen, brachte es aber nicht übers Herz. Verschämt rutschte sein Blick auf den Kleiderschrank. 'Ja' sagte auch nicht alles aus. Er wollte jetzt kein tiefschürfendes Gespräch darüber führen. Es war alles schon peinlich genug...
“Nein,“ log er.
Du bist kein guter Lügner. Kei beließ es dabei. “Okay. Viel Spaß.“ Colin würde entweder bei ihm ankommen, wenn er mit ihm reden wollte, oder es würde sich eine Gelegenheit dazu ergeben. Der Vampir verschwand wieder in seinem Zimmer.
'Okay, viel Spaß'? Ernsthaft?! Colin errötete und verschwand eilig aus dem Raum. Er schloss die Tür etwas zu feste. Was für ein Wichser.

Kei ging nach draußen. Es regnete noch immer. Diesmal zog er die Kapuze seiner Jacke ins Gesicht. Er konnte die Rücklichter von Ruperts Audi sehen, die im grauen Geniesel unter Rauschen und Knirschen den langen, breiten Kiesweg zur Landstraße hinunterfuhren. Er entschloss sich dazu, eines der Motorräder zu nehmen und fuhr langsam die Einfahrt hinunter und einige Straßen entlang, bis er nach ein paar Stunden Landstraße in einer kleinen Stadt ankam, die er noch nicht kannte. Er hatte einen anderen Weg genommen als sonst.

Rupert und Colin fuhren etwa eine Stunde lang die Küste entlang bis nach Blackpool. Dort war das Wetter unwesentlich annehmlicher, aber darum ging es ja nicht. Rupert brachte Colin zu einer Schneiderei, um Maß nehmen zu lassen und die Internatskleider zu bestellen und in ein kleines Verlagsgeschäft, das auf Colin wie ein Reisebüro für Schulangelegenheiten wirkte, wo Rupert ihm einen Stapel Schulbücher kaufte und die Lieferung des Rests in Auftrag gab. Das Paket sollte gleich in die Schule geliefert werden. Colin bekam von der Frau noch gratis ein paar Hefter, einen Notizblock, Bleistifte, Kugelschreiber und andere nützliche Kleinigkeiten, um die große Tüte zu füllen.
Nach einem blackpooltypischen Imbissmittagessen ließ Rupert sich ohne viel Widerstand zu einem Spielhallenbesuch breitschlagen, sodass sie sich erst bei Sonnenuntergang wieder auf den Heimweg machten.

Kei war den ganzen Tag unterwegs gewesen und hatte spontan ein kleines Konzert besucht, weshalb er erst mitten in der Nacht zurückfuhr. Nachdem er es geschafft hatte die Leute, die mit ihm draußen zum Rauchen herumstanden, davon zu überzeugen, dass er trotz Unmengen Alkohols nicht zu betrunken zum Motorradfahren war.
Irgendwo zwischen der Landstraße und dem Schloss, vor dem Ruperts Auto wieder herumstand, fing Delilah ihn ab. Ohne ihn zum Anhalten zu zwingen, erschien sie wie aus dem Nichts etwas abseits seiner Strecke am Rand der Auffahrt und gab ihm mit der Hand ein kurzes Signal, dessen Bedeutung Kei mittlerweile als 'Dennis' kannte. Danach beugte sie sich wieder zur Seite und verschwand sofort, als würde der sachte Wind sie irgendwie verschlucken. Kei fuhr etwas langsamer weiter. War Dennis mit seinem Ausflug nicht einverstanden? Aufgefallen sein müsste es ihm aber so oder so, wenn er ihn gesucht haben sollte. Er stellte das Motorrad in der Nähe von Ruperts Auto ab und legte den Helm in die Garage.
Dennis saß inmitten eines Kabel- und Elektrosalats am Schreibtisch in seinem dunklen Zimmer und blickte nicht einmal auf, während sich die Tür scheinbar von selbst öffnete, als Kei auf dem dunklen Flur in ihre Nähe kam. Kei ging in Dennis' Zimmer und sah den Älteren fragend an.
Die Tür schloss sich hinter ihm, scheinbar wieder von selbst, bevor Dennis aufblickte. Er legte einen kleinen schwarzen Plastikkasten, aus dem einige Kabel heraushingen, auf den Tisch und kramte in einem Stapel nach einem großen braunen Briefumschlag, den er grob in Keis Richtung auf eine Ecke des Tisches warf. Kei hob ihn auf und öffnete ihn um den Inhalt zu begutachten.
“Wie machst du das mit der Tür?“
Dennis sah ihn abwesend an. “Hm? Oh. Telekinese,“ sagte er nebenbei, als sei das das normalste von der Welt. “Das ist dein neuer Job,“ sagte er mit einem Nicken auf den Umschlag. “Deine Identität, Geld und die Postfachadresse für die Kommunikation.“
Es waren mehrere tausend Pfund in gebrauchten Banknoten, in Plastik verpackt, ein japanischer Pass mit Dauervisum und Arbeitserlaubnis für Großbritannien, ein japanischer Führerschein, britischer Waffenschein für Handfeuerwaffen und ein kleiner Zettel mit einem Code.
Kei betrachtete den Inhalt. Hideo Katsuragi aus Nagasaki. Er wollte gar nicht wissen, wie Dennis in nur einem Tag für das alles sorgen konnte.
“Weißt du, wann's losgeht?“ fragte er und steckte den Inhalt des Umschlags in seine Jackentasche.
“Sofort. Oder morgen, wenn der große Held sich noch verabschieden will. Colin selbst fährt erst in zwei, drei Tagen los.“ Der Heldenkommentar war möglicherweise auf Keis neuen Decknamen gemünzt, der mit dem Kanji für 'Held' geschrieben wurde.
“Gut. Dann nehme ich morgen.“ Mit diesen Worten verschwand Kei aus Dennis' Zimmer und ging nachsehen, ob Colin noch wach war.
War er. In guter Absicht hatte er seine Schlafanzughose und ein Schlaf-T-shirt angezogen, doch er war überhaupt nicht müde. Beim goldenen Licht seiner Schreibtischlampe saß er mit hochgezogenen Beinen am Schreibtisch und las gebannt in einem Schulbuch. Daneben lag ein brandneuer aufgeschlagener Collegeblock, auf dem er scheinbar ein paar Aufgaben gelöst und Notizen gemacht hatte.
“Darf ich reinkommen?“ fragte Kei durch die halb geöffnete Badezimmertür. Colin blickte auf und nickte. Kei war so frei, sich auf Colins Bett zu setzen. “Ich muss morgen weg. Dennis hat mir einen längeren Job aufgebrummt.“
Colin sah ihn an. Sein Gesicht verriet nicht viel, oder eher zu viel auf einmal. Er sah vorsichtig, neugierig, ernst, verwirrt, aufgeregt und ein bisschen verlegen aus. “Da ich früher weg muss als du, wollte ich mich anständig verabschieden.“
“...“ Okay. Verabschiede dich.
Er kaute auf der Innenseite seiner Unterlippe.
Kei musterte ihn. “Wenn du mich wegen gestern noch anschreien willst, nur zu.“ Irgendwas saß Colin anscheinend gehörig quer. Bevor Kei ging, wollte er noch wissen, was das war.
Colin wandte den Blick auf den Boden. “Ich will dich nicht anschreien,“ sagte er leise.
“Du hast aber irgendwas.“ Kei sprach ruhig und sah zu Colin.
“Ja.“ Colin rutschte auf dem Stuhl weiter zurück, um seine nackten Füße auf der Kante der Sitzfläche fester aufzusetzen.
“Darf ich wissen was?“
“Das gestern war... ist scheiße gelaufen, aber ich will dich deswegen nicht nochmal rundmachen.“ Er zuckte mit den Schultern. “So scheinst du eben zu sein, es ist ja nicht deine Schuld, dass ich das nicht mehr weiß. Es ist nur schade. Ich finds einfach traurig, weil-“
Kei wartete, dass Colin den Satz beenden würde.
Er kaute ein bisschen auf seiner Zunge, ehe er weitersprach, immer noch ohne Kei direkt anzusehen. Das tat er nur zwischendurch, um dessen Gesichtsausdruck zu prüfen. “... Weil ich dich echt mag. Irgendwie.“
“Du hast mich öfter dafür rundgemacht, dass ich Scheiße gebaut habe. Tut mir Leid.“
Colin sah ihn an. Er wirkte ein winzigkleines bisschen überrascht. Jedenfalls sah sein Gesichtsausdruck nun offener aus. “Du findest - und meinst - du weißt also was ich meine?“
Kei nickte.
“Dann...“ Colin dachte nach. Das konnte man sehen. 'Dann geht das auch anders?' wollte er fragen, kam sich dabei aber etwas zu blöd vor. Irgendwie war er froh, dass er Kei eine Weile nicht sehen würde. Vielleicht war ihm die Nähe, das isolierte Aufeinanderhocken mit diesem viel zu appetitlichen Alien einfach nur zu Kopf gestiegen.
“Ich geb' mir Mühe.“ Kei musterte Colin. Der musterte ihn ebenfalls gebannt. Er schien nicht zu merken, wie er starrte. Kei sah ihn an und lächelte leicht. “Hab ich was im Gesicht?“
Ertappt blinzelte Colin und sah zur Seite. Kei schmunzelte nur ein bisschen.
“... Wo musst du denn hin?“ fragte Colin, damit es nicht zu still wurde.
“Ich muss Dennis bei was helfen.“
“Was denn?“
“Er sagt, dass das keiner wissen darf. Du auch nicht, damit deine Schulkameraden nichts erfahren.“
“Als könnte ich nicht dichthalten,“ sagte Colin augenrollend.
Du erfährst es doch eh. Geduld. “Ich verrate es dir, wenn du wieder hier bist.“
“Also in drei Wochen oder so. Ich muss doch sowieso schon genug geheimhalten, da könnt ihr mir das auch verraten.“
“Ich muss außerhalb etwas erledigen und es soll niemand wissen, wo ich bin.“
“Ja ja, schon gut. Du bist James Bond, hab's kapiert.“
Kei lachte. “Ein James Bond-Abenteuer wäre sicher von mehr Explosionen begleitet.“
“Und besserem Sex.“ Colin schmunzelte böse.
“Ich war noch nie auf einem, das kann ich nicht beurteilen. Sollte mir mal eins unterkommen, kann ich's dir ja erzählen.“
“Heißt das, dass du üben willst?“ Colin grinste.
Kei schmunzelte. “Du bist ja nicht da. Aber vielleicht gibt es was anderes jamesbondmäßiges da.“
“Martini.“
“Der schmeckt nicht.“
Colins Augen wurden groß. “Ich dachte du kippst einfach alles, das hart ist.“
“Ich habe Geschmacksnerven, die sogar funktionieren - und Martini ist eklig.“
Colin grinste.
“Dennis hat mir einen Führerschein besorgt. Einen echten. Ich kann mich nicht erinnern je einen gemacht zu haben.“
Colin lachte. “Du fährst doch dauernd.“
“Aber jetzt kann mir die Polizei nichts mehr.“
“Kommt drauf an wie du fährst,“ gab Colin mit einem Schulterzucken zu Bedenken.
“Manchmal kontrollieren die auch einfach so.“
Colins Blick wurde etwas ernster. “Die Instanz hat uns beide konditioniert, richtig? Damit wir... uns anfreunden.“ Er musterte Kei nachdenklich.
“Ja, haben sie.“
“Das haben sie nicht besonders gut gemacht,“ sagte Colin schmunzelnd.
“Nein. Die haben überhaupt noch nichts wirklich gut hinbekommen.“
Colin lachte leise. “Es hat funktioniert, aber ich frage mich wie.“
“Das weiß ich auch nicht. Aber was danach passiert ist, war wirklich verrückt.“
“So verrückt, dass ich den Verstand verloren habe,“ sagte Colin unernst. “Du machst mein Bett nass.“
“Ich glaube, das liegt daran, dass ihr Unsterblichkeitsexperiment nicht für Menschen gedacht war.“ Kei stand auf, zog die nasse Jacke aus und ging damit zur Tür.
Wo gehst du hin?
“Nasse Klamotten loswerden.“
“... Alle?“
“Soll ich in nassen Boxershorts herumsitzen?“
Colin wandte seinen schmunzelnden Blick errötend auf seine Knie. Kei schmunzelte und beförderte die nasse Jacke ins Bad, um sie aufzuhängen. Dasselbe tat er mit der Hose und dem Rest seiner Kleidung. Dann ging er in sein eigenes Zimmer und zog sich eine Jogginghose und eine etwas zu große Sweatshirtjacke an, bevor er wieder zu Colin ging.
Der hatte die kleine Lampe auf seinem Tisch ausgemacht und saß nun im Dunkeln auf dem Bett. Keis legerer Anblick machte ihn unerklärlich verlegen, darum war er für das sehr fahle Licht von draußen dankbar. Kei setzte sich zu ihm aufs Bett. Er schmunzelte ein bisschen. Colin rutschte vor ihn. Kei musterte ihn. Colin sah ihn ernst und mutig an, bevor er sich vorbeugte, um ihn zu küssen. Lächelnd erwiderte der Vampir mit den leuchtenden blauen Augen ihn. Colin hielt ihn zart und langsam, so wie es dieser Tage seine Art zu sein schien. Kei störte das nicht. Er fand es gut, dass Colin nicht mehr sehr wütend zu sein schien. Das war gut, immerhin musste Kei schon am nächsten Tag los.
“Darin bist du gut,“ flüsterte Colin schließlich und setzte sich wieder zurück. Kei lächelte. “You're an excellent kisser,“ raunte er genüsslich mit einem Lächeln.
“Übung.“
“Die darf man nicht vernachlässigen,“ sagte Colin nickend.
“Stimmt.“


Friday, July 14, 2017

Kei + Colin XCI: Zum zweiten ersten Mal



Kei schlenderte zurück zu Colin. Bei ihm angekommen sagte er ruhig: „Ich darf nicht mitkommen.“
Colin war nun angezogen, also in Schlafanzughose und T-shirt, und saß im Schneidersitz auf dem Bett. Er musterte Kei, soweit ihm das in der Dunkelheit möglich war. Bis auf drei Stück auf dem Nachttisch waren alle Kerzen aus, aber die ruhige Musik lief noch.
Er nickte.
„Dennis sagt, er braucht mich hier. Aber ich werde von mir hören lassen.“ Kei ließ sich vor Colin auf den Boden fallen, sodass er saß und schaute zu ihm hoch. Colin zuckte mit den Schultern.
„In ein paar Wochen bin ich wieder da,“ sagte er leise.
„Ich weiß. Ich kriege die Zeit schon rum.“
Colin hielt sichtlich ein Schmunzeln zurück. Relativ erfolglos.
„Jaja, lach mich aus.“ Kei lächelte leicht. Es machte ihm nicht groß was aus, Colin anlügen zu müssen. Er würde das früh genug richtig stellen.
Nun grinste Colin unverhohlen. „Ich lache dich nicht aus,“ sagte er leise. Er war wirklich nicht belustigt. Sondern sehr, auf eine interessante neue Art, gerührt und verzückt. Dieses prickelnde Schwindelgefühl meldete sich zurück.
„Schon klar.“ Kei musterte Colin vom Boden aus. Der sah ihn weiter scheinbar amüsiert an, aber mit einem sehr warmen Blick, und stützte das Kinn auf eine Hand, die er sich dabei ein bisschen vor den Mund hielt, indem er auf seinen Daumen biss. Kei musterte ihn weiter. „Wann fährst du jetzt eigentlich?“
Schulterzucken.
„Übermorgen wahrscheinlich. Oder den Tag danach. Ich brauche ja erst die Uniform und Bücher und so.“
„Okay.“ Nicht viel Zeit 'ne Wohnung zu finden.
„Warum sitzt du da auf dem Boden? Müffel ich?“ Nun schmunzelte Colin wirklich.
Kei lachte. „Soll ich mich lieber auf dich werfen?“
Noch ein Schulterzucken, diesmal elegant gekünstelt. „Du bist eh kurz davor. Warum also noch mehr Zeit verschwenden?“
Kei grinste. Er stand auf und ließ sich auf Colin fallen. „So besser?“ Colin fiel lachend zurück.
„Au. Du bist kantig.“
„Dafür entschuldige ich mich nicht.“
„Warum nicht? Ich habe mich an dir geschnitten, da!“ Er hielt einen Arm hoch und zeigte auf eine völlig unversehrte Stelle über der Armbeuge.
„Lügner, da ist gar nichts,“ sagte Kei schmunzelnd, nachdem er die Stelle begutachtet hatte.
„Du siehst nur, was du sehen willst,“ sagte Colin seufzend und ließ den Arm fallen. „Du hast mich tief verletzt,“ schmachtete er affektiert und drehte mit leidendem Ausdruck den Kopf zur Seite. Kei musste sich das Lachen verkneifen. Grinsend biss er Colin eine kleine Wunde in die Halsbeuge.
„Jetzt ist da was.“
„Ah, spinnst du? Das tat wirklich weh.“ Stirnrunzelnd wischte Colin sich über die Stelle. Es blutete nur ein bisschen.
„Ach was, das ist nur ein Kratzer.“
„Das hat richtig geknackt, Mann,“ beschwerte er sich. Sein prüfender Finger hatte nur einen winzigen Blutschmier, aber er stirnrunzelte Kei beleidigt an, während sich die Wunde schon wieder schloss. Kei lachte.
„Das muss ich überhört haben.“ Er küsste Colin.
Bevor er darüber nachdenken konnte, erwiderte Colin den Kuss gierig und schlang die Arme um Keis Nacken.
Die zwei Tage, die er noch mit Colin hatte, mussten bestens ausgenutzt werden. Kei erhielt den Kuss aufrecht und setzte sich vernünftig auf den Kleineren, was bequemer war als halb auf ihm zu liegen. So musste er feststellen, dass Colins Körper nicht begriffen hatte, dass sein Besitzer eine gewisse Sache eigentlich noch aufschieben wollte. Er wand sich unter Kei und rutschte unwillkürlich ein wenig so herum, dass aus der Bequemlichkeit etwas drängenderes wurde, während er sich eigentlich nur voll auf Keis Lippen und Zunge konzentrierte. Kei grinste ein bisschen und schob Colins T-shirt nach oben. Der schien darauf gar nicht zu reagieren, sondern saugte nur weiter an Keis Lippe und dem Ring darin. Das war dem Vampir für den Moment ganz recht. Er biss Colin auf die Unterlippe und erkundete dessen Oberkörper mit einer Hand, ohne dabei Anstalten zu machen, ihm das Shirt ganz auszuziehen. Mit einem privaten Lächeln ließ Colin ihn los, um das gleiche zu tun. Praktischerweise hatte Kei ja nichts als ein Paar zerfetzte Jeans an. Er hörte aber nicht auf, ihn zu küssen. Er wollte dabei langsam sein, aber es ging nicht.
Das konnte noch eine Weile so weitergehen. Absichtlich bewegte Kei sich ein bisschen. Colins Atmung wurde hastiger und als er feststellte, wie offensichtlich er mit seinen eigenen Beckenbewegungen auf Kei reagierte, murmelte er wie betrunken: „Das haben wir bestimmt schon hundertmal gemacht,“ gegen Keis Lippen.
„Ich hab nicht mitgezählt,“ entgegnete der grinsend.
Wenn sich das Blut in Colins Körper nicht gerade woanders konzentriert hätte, wäre er vermutlich sehr rot geworden. Er hielt Kei irgendwo am Rücken fest.
„Kannst du so tun...“ murmelte er heiser und sah zu, dass sein Gesicht dicht genug an Keis lag, dass der ihn nicht direkt ansehen konnte. Er schien Schwierigkeiten zu haben, den Satz zu beenden.
Kei schaute erst fragend, dann fragte er: “So tun, als was?“
Colin sah an Kei und sich hinunter und dann, als ihn das zu stark am Denken hinderte, ein bisschen zur Seite.
„... Als ob... wir nicht... Ich habe nämlich nicht...“
Kei musste ein bisschen schmunzeln. Was auch immer Colin wollte, es würde nichts ändern. Der Vampir wusste, dass Colin sich nicht mehr daran erinnern konnte, was sie beide gehabt hatten bevor Dennis sein Gedächtnis gelöscht hatte. Er wartete darauf, dass Colin den Satz beenden würde.
Tat er aber nicht. Er ließ Kei nur los, um sich die Hände vors Gesicht zu halten und sich frustriert ächzend auf die Seite zu drehen, soweit das unter Kei eben ging, ohne diesen köstlichen Druck auf seinen Schritt wegzuschieben. Jemandem, mit dem man schlafen wollte, zu beichten, dass man Jungfrau war und bitte auch mit Samthandschuhen angefasst werden wollte weil man anscheinend bescheuerte Märchenvorstellungen von Sex und so weiter hatte, wäre schon schlimm und peinlich genug, aber gleichzeitig zu wissen, dass man eben schon bestimmt zigmal keine Jungfrau mehr war, und mit eben genau derselben Person...
„This is so messed up,“ stöhnte er in seine Hände.
„Nur, weil du dir den Kopf zerbrichst.“ Kei lächelte und blieb auf Colin sitzen. Das Umdrehen dürfte dem Kleineren nicht schwer gefallen sein, angesichts der Tatsache, dass Kei nicht schwer war.
Kopf zerbrechen... Die Alternative wäre, richtig peinlich zu sein, wenn ich einfach alles sagen würde, was mir einfällt... Er sah Kei an, ein bisschen niedergeschlagen oder genervt vielleicht. Aber das würde dir nichts ausmachen, oder? Er hatte ja eigentlich nichts zu verlieren. Er wusste schon, dass Kei in ihn verliebt war und riskierte wohl nichts, wenn er einfach direkt wäre.
Er musterte Kei angestrengt.
Aber wenn ich in der verlorenen Zeit anders war, also wie ich wirklich bin, dann werde ich zu einer anderen Person wenn ich mich jetzt anders verhalte, weil ich mich sicher wähne-
„Du kannst mich nicht schockieren. Egal, was du sagst – oder was du denkst das ich nicht weiß,“ kommentierte Kei Colins Gedanken und musterte ihn. Colin guckte ihn verwirrt an.
„Was?“
„Denk halt nicht so laut.“
Colin riss die Augen auf und holte Luft. „Telepathie ist - nicht - erlaubt!“ rief er, indem er Kei dreimal schubste. Kei lachte.
„'Tschuldigung.“ Das meinte er nicht wirklich ernst. Er fand es gut, Colins Gedanken mitzubekommen. Auch wenn er das nicht immer absichtlich machte. Colin setzte sich auf und rutschte dabei weit genug zurück, um sich nicht selbst eine Kopfnuss mit Keis Kinn zu verpassen.
„Wenn du weißt, was ich gedacht habe, weißt du ja auch, was ich sagen wollte, also frag nicht so scheinheilig.“ Er wirkte ein wenig genervt und ziemlich peinlich berührt, aber nicht wirklich wütend. Kei schmunzelte bloß. Colins Gedanken auszublenden musste er noch lernen. Das wollte er zwar nicht unbedingt, aber lernen musste er es trotzdem.
„Hilft es, dass ich gefragt habe, bevor ich das wusste?“
Vor lauter Verlegenheit sah Colin jetzt doch fast wütend aus und konnte nichts sagen, sondern schubste Kei nur wieder.
Lach nicht, du Arsch.
Kei ließ sich nach hinten fallen. So sah Colin sein amüsiertes Gesicht wenigstens nicht. Colin wartete ein bisschen und guckte unschlüssig herum, ehe er wieder etwas sagen konnte. Nachdem er sich geräuspert hatte.
„... Ähm, und... willst du noch?“ Ohne Kei anzusehen. Kei, der seine unbequem aussehende Position nicht änderte, nickte, was Colin nicht sehen konnte.
„Ja.“ Colin konnte man fast als niedlich beschreiben, wenn Kei das Konzept von Niedlichkeit geläufig wäre.
„Und, ähm... räusper ... du kannst - würdest du... ja?“
Kei schmunzelte immer noch. „Okay.“
Colin musste verlegen grinsen und wischte sich über das Gesicht. „... Tut mir Leid...“
„Du kannst nichts dafür.“
„Doch. Ich bin sehr umständlich. Entschuldige. Das muss für dich so lästig sein.“
„Wieso? Ich bin doch schuld daran. Lästig wären ganz andere Sachen.“
„Woran bist du schuld? Reden wir von derselben Sache?“ Colin beugte sich vor, um Kei anzusehen.
„Ich bin schuld daran, dass du dein Gedächtnis los bist.“ Keis Blick lag zwischen Colins Gesicht und der Zimmerdecke.
„Wie meinst du das?“ Colin zog sich das T-shirt aus und warf es auf eine Ecke des Bettes. „Dennis hat gesagt, dass ich gefährlich war und er es darum machen musste.“
„Weil ich gesagt habe, dass er's tun soll.“
„Und warum hast du das getan?“ fragte Colin im Konversationston.
„Weil das die einzige Möglichkeit war, dass du nicht völlig durchdrehst... oder draufgehst.“
„Dann ist es doch unnötig, von Schuld zu sprechen, oder?“ sagte Colin mit einem sanften Lächeln und öffnete Keis Hose. Der Knopf war sowieso offen gewesen, also zog er nur ohne Umschweife den Reißverschluss auf. „Dann muss ich dir ja dankbar sein. Und trotzdem mache ich dir jetzt Umstände.“ Schulterzucken.
„Das nennst du Umstände.“ Kei lächelte.
Wieder zuckte Colin mit den Schultern. „Wenn ich mich plötzlich ziere, obwohl du schon hundertmal mit mir geschlafen hast, das ist... das würde mich an deiner Stelle vielleicht nerven. Das sollte alles vielleicht einfacher machen, aber es ist irgendwie doppelt peinlich... weil ich mir jetzt selbst Konkurrenz machen muss oder so.“ Stirnrunzelnd und nachdenklich kroch er über Kei, um ihn ernst anzusehen. „Ich verstehe das hier nicht ganz. Du?“
„Nein. Ich glaube, das ist auch nicht nötig.“ Kei musterte Colin, da ihm das jetzt wieder möglich war. „Wieso sollte mich das nerven, ich hab doch Zeit genug.“ Wenn er irgendetwas hatte, dann war es Zeit.
Colins Gesicht entspannte sich merklich.
„... Ich frage mich nur, ob ich jetzt anders bin. Ich weiß nicht, ob ich mich genauso verhalte wie du mich kennst. Wenn nicht - das könnte - also, sollte ich versuchen, der gleiche zu sein-“
„Du bist wie du. Nur ohne die ganzen Dinge, die passiert sind.“
„Ja. Und das macht dir nichts aus?“
„Es ist schade, dass du dich an einiges nicht erinnerst, aber da ich das nun nicht ändern kann, wieso sollte ich daran verzweifeln?“
„Nicht verzweifeln.“ Colin legte eine Faust sachte auf Keis Brust, wie in einem sanften Zeitlupenschlag. „Du könntest nur sehr enttäuscht sein, oder... irgendwie... abgetörnt.“
„Frustriert vielleicht. Manchmal.“ Kei sortierte seine Beine etwas um, da es allmählich unbequem wurde drauf zu liegen. Colin machte ihm Platz dafür und kniete nun zwischen seinen Beinen. Er richtete sich wieder auf. Er nickte.
„Wenn das alles ist... ist es gut,“ sagte er und kam sich dabei lahm vor. Ich habe das Gefühl, als müsste ich dich irgendwie trösten oder bei der Stange halten.
Bloß nicht. Das wäre merkwürdig. Kei lächelte und zog Colin wieder zu sich herunter um ihn zu küssen. Der machte es sich dankbar lächelnd auf und teilweise neben Kei gemütlich, um seinem neuen Hobby genüsslich nachzugehen. Er mochte, wie vertraut Keis Körper seinem eigenen vorkam, obwohl er ihn gerade noch kennenlernte. Kei hielt den Kleineren fest und vertiefte den Kuss.
Breathe. Breathe. Stop huffing. Breathe. Don't moan. Just breathe normally. Shit. I'm passing out.
„... you dizzy...?“ murmelte Colin sachte.
„Nope,“ entgegnete Kei leise.
„Really... but it's really good...“
Kei musterte Colin. „Nicht bewusstlos werden.“
Er schüttelte langsam und sehr high lächelnd den Kopf, ehe er Kei wieder küsste, und zwar langsam und sehr genüsslich. Leicht grinsend erwiderte Kei den Kuss. Colins Oberschenkel lag auf und auch in Keis Schritt und hielt wie der Rest von ihm nicht gerade still, obwohl er seine Lage nicht wechselte. Scheinbar versuchte er, sich durch Osmose in Kei hineinzuschmelzen oder ihn in die Bettdecke zu drücken. Zwischen dem Einsatz von Zungenspitze und Zähnen flüsterte er irgendwann: „Jetzt wirklich.“
„Ich weiß.“ Mit der freien Hand machte Kei sich daran, Colin seiner Hose zu entledigen. Eilig hatte er es damit nicht. Nach einem kurzen, wohligen Schaudern half Colin mit. Er hatte es eigentlich eilig, aber versuchte, sich zurückzuhalten. Der Weg ist das Ziel. Was Kei gerade machte, musste ausgekostet werden. Er machte bisher genau das, worum Colin gebeten hatte und irgendwie kitzelte das überall unter seiner Haut.
Während er Kei weiter gemächlich und innig küsste, kratzte er sachte mit einer Hand auf seinem Bauch entlang und schob sie dann unter Keis Hosenbund, um ihm die Jeans hinunterzuschieben. Das war allerdings etwas schwieriger, weil er selbst halb darauf lag und die Hose außerdem ziemlich eng war. Kei war so frei, sein Becken etwas anzuheben, damit Colin es mit seiner Hose leichter hatte, während er dem Kleineren die Schlafanzughose so weit herunter schob, wie ihm das gerade möglich war, ohne seine Position großartig zu ändern. Colin setzte sich auf und trat dabei seine Hose weg. Dann zog er Keis Jeans herunter. Er wirkte weniger schüchtern als vorher, dafür hauptsächlich entschlossen, wie er Kei fasziniert musterte. Kei entledigte sich seiner Hose mit einem Tritt in die Luft und küsste Colin wieder, nachdem er sich leicht aufgesetzt hatte.
Plötzlich musste Colin grinsen. „You can kiss me in the moonlight, on the rooftop under the sky, oh,“ sang er leise, „you can kiss me with the windows open while the rain comes pouring inside, oh, kiss me in sweet slow motion, let's let everything slide...“
Das brachte auch Kei zum Grinsen. Mit der rechten Hand hielt er Colin im Nacken fest und vertiefte den Kuss ein wenig.
„You've got mfl-“ Der Rest wurde weggeküsst und versickerte im Nirvana. Colins Hände strichen von Keis Hals ziellos über seine Schultern, Rücken, Brust und Bauch und er wagte sich noch zwischen seine Beine. Er befühlte und rieb Keis Halbständer sanft und war auf dessen Reaktion gespannt. Diese war ein Gefallen bekundendes Geräusch, ein nicht allzu lautes. Er biss Colin leicht grinsend auf die Unterlippe.
„Hm.“ Das war genug Ermutigung. Colin machte selbstsicherer damit weiter, nachdem er noch dichter herangerutscht war. Das ist Multitasking, dachte er abwesend, als Keis Zunge ihn wieder ablenkte. Und er fühlte sich so besoffen.
Kei verlagerte sein Gewicht so, dass er den linken Arm nicht mehr zum Aufstützen brauchte um es dem Kleineren gleichzutun. Den Kuss hielt er dabei aufrecht.
Oh my god, fuhr es dem Jungen halbschockiert durch den Kopf, und unnötigerweise You sure you wanna touch me there? Das war so merkwürdig und er musste verzückt seufzen und sich gierig gegen Keis Hand bewegen.
Yeah. Kei sprach diesen Kommentar nicht laut aus. Colin würde ihn nur schlagen dafür. Das musste jetzt nicht sein. Er bewegte seine Hand ein wenig schneller. Der Vampir war auch nicht wirklich gut darin, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun und so ließ er Colins Gesicht erst einmal in Ruhe. Es klebte trotzdem weiter auf seinem. Colin konnte sich zwar auf nichts anderes konzentrieren als das, was seine und Keis Hände da taten, aber Keis Lippen brauchte er dennoch, auch wenn sein Atem und sein Puls unregelmäßig rasten und er nichts mit ihnen anfangen konnte.
„Hm, wait,“ flüsterte er und ließ Kei los. Der ließ ihn auch gehen, etwas widerwillig, und sah fragend in dessen Gesicht. Um sie herum war es so ruhig, dass er den Herzschlag des Kleineren hören konnte.
Colin nahm nicht wahr, dass nach dem Lied von Faith Hill, das er kurz leise mitgesungen hatte, die Musik ausgegangen war. Er kroch über das riesige Bett zum Nachtschrank, um die Kondomschachtel und die Gleitgeltube aus der Schublade zu nehmen, die er während Keis kurzer Abwesenheit darin verstaut hatte. Die Schachtel warf er achtlos neben sich auf das Kissen.
In der Zeit, die Colin brauchte um das Zeug aus der Schublade zu nehmen, machte Kei die Musik wieder an und war so frei, die Zufallswiedergabe einzuschalten, damit sie nicht wieder einfach ausging. Colin fummelte ein Kondompäckchen heraus und schnupperte an dem Gel, während er da kniete und gespannt wie ein Flitzebogen wartete, Tube in der Hand und Kei erwartungsvoll anstarrend.
Kei kehrte, als er mit der Stereoanlage zufrieden war, zu Colin zurück und begegnete dessen Starren mit einem Blick, der eine Mischung aus einem freundlichen Lächeln und einem leicht dreckigen Grinsen war. Er wollte gar nicht wissen, was Colin erwartete. Im Augenblick fand er es gut, dass die Gedanken seines Freundes nicht ständig in seinem Kopf herumschwirrten. Der Vampir setzte sich neben dem Kleineren aufs Bett und küsste ihn, wobei er ihm Kondom und Gleitgelpackung abnahm.
„Oh, gu-“ -ut, mach du das... Colin erwiderte den Kuss begeistert, mit einem schaumigen Wohlgefühl überall.
Kei ließ die Gleitgeltube neben sich fallen, nachdem er festgestellt hatte, dass Kondompackungen öffnen mit einer Hand doch etwas mehr Geschick erforderte als er fähig war aufzubringen und drückte Colin leicht aber bestimmt nach hinten, ohne von ihm abzulassen. Der lehnte sich zurück, auf seine Hände, sodass er immer noch saß, und zog den Kopf zurück, um Kei zuzusehen.
Kei betrachtete Colin mit einem Blick, der vermuten ließ, dass er Colin entweder auffressen wollte, oder er ein Junkie war, dem man gerade Stoff für den nächsten Trip gegeben hatte. Dieser wilde Raubtierblick war Colin zwar unheimlich, weshalb er noch ein Stück zurückrutschte, aber er machte ihn auch zu sehr an, um ihm wirklich Furcht einzujagen. Er begegnete ihm mit einem eigenen entschlossenen Blick, der allerdings dadurch etwas an Wirkung verlor, dass er schwer atmete und auf seiner Lippe kaute.
Kei grinste leicht und beobachtete Colin. Eigentlich könnte er das den ganzen Tag machen, weil es amüsant war, ihm dabei zuzusehen. Nur jetzt gerade wollte er das nicht ewig. Er öffnete die Plastikhülle des Kondoms und küsste den Kleineren grinsend.
Mit einem brennenden Gefühl hinter den Augen erwiderte Colin den Kuss hastig und fiel beinahe rückwärts aufs Bett, weil er Kei wieder anfassen wollte und sich so nicht mehr aufstützen konnte. Mit einer ungeduldigen Hand strich er über Keis Wange und Hals, während die andere fast zitternd unter ihm nachgab.
Kei legte das Gummi zur Seite um mit einer Hand die Gleitgeltube zu befingern - mit dem Zweck sie zu öffnen. Erfolg. Er öffnete die Tube ohne wieder von Colin ablassen zu müssen und lehnte sich über ihn. Die freie Hand benutzte er zum Abstützen um nicht auf ihn zu fallen, doch Colin legte beide Arme um seinen Nacken und ließ sich selbst nach hinten fallen. Was dazu führte, dass Kei nicht viel anderes übrig blieb als auf Colin zu landen. Der küsste ihn bloß gierig weiter mit Zunge und Zähnen und hakte seine Beine um Keis, damit der blieb wo er war und Colins Beckenbewegungen nicht ins Leere stießen. Grinsend beschmierte Kei einhändig seine rechte Hand mit dem durchsichtigen, glitschigen Zeug. Das war etwas umständlich, aber machbar, sogar ohne Colins Bettzeug damit zu versauen - nicht dass ihm sonderlich daran gelegen wäre, Colins Bett sauber zu lassen. Er kam Colins kurzen, hastigen Stößen mit eigenen entgegen, während derer er mit zwei Fingern in den Kleineren eindrang.
Oh, really now- Colin wusste, dass ihn das nicht so überraschen sollte. Er hielt trotzdem stirnrunzelnd die Luft an. Körperlich war es nur leicht unangenehm. Die Peinlichkeit dieser ganzen Geschichte überwog einfach. Er hielt Kei fest bei sich, damit er ihm nicht ins Gesicht sehen musste. Anstatt ihn weiter zu küssen, leckte er sich jedoch nur selbst verlegen die Lippen. Kei grinste und bewegte seine Hand ein bisschen, nebenbei hinterließ er leichte Bissspuren an Colins Hals. Die Bisse ließen Colin leise aufstöhnen, oder er konnte es gut darauf schieben, in seinem eigenen Kopf, ohne sich einzugestehen, dass Keis Finger schuld waren. Er kratzte sanft auf Keis bunten Schultern und Rücken herum. Mit den Beinen konnte er ihn jetzt nicht mehr festhalten.
Kei führte sein Tun noch eine kleine Weile fort, man konnte meinen, er hätte ein Muster aus kleinen Verletzungen auf Colins Hals hinterlassen wollen. Doch kaum dass er damit fertig war, waren die ersten auch schon wieder verheilt. Leise stöhnend stemmte Colin sich in die dicke, weiche Decke, Keis Hand entgegen. Er hatte ihn losgelassen und krallte sich nun in die Decke. Zwischen ihnen wurde es ein wenig glitschig, als Colins Eichel etwas zu tropfen begann. Kei küsste den Kleineren und biss ihm beinahe zärtlich auf die Unterlippe der daraufhin mit einem leisen Geräusch seufzte, das ihm peinlich gewesen wäre, wenn er noch geradeaus hätte denken können. Die Musik und Kei auf ihm lenkten ihn davon ab, während er langsam zurückküsste und sich unter ihm wand. Vor seinem inneren Auge erschien ein bescheuertes Gänseblümchen, das Blütenblätter fallenließ.
He loves me, he loves me not, he loves me, he loves me not, he loves me-
Kei ließ von Colin ab, um sich des Gummis anzunehmen. Im ersten Moment entfuhr Colin noch ein hilfloses Seufzen vor verzweifelter Enttäuschung, dann versuchte er, sich aufzurichten um zu sehen, was Kei machte, gab das aber gleich wieder auf und ließ sich wieder zurückfallen. Er wischte sich über das Gesicht. Seine Hände waren etwas kühler als seine brennenden Wangen. Seine Beine bewegten sich von selbst, um möglichst viel von Kei zu berühren, der da zwischen ihnen kniete und er musste so dringend angefasst werden.
Kei ließ Colin nicht lange Zeit enttäuscht zu sein, was überhaupt nur der Tatsache geschuldet war, dass man Kondome nicht einhändig aus der Verpackung nehmen konnte. Nach dem Überziehen beugte er sich wieder über den Kleineren, küsste ihn und ersetzte seine Finger nicht besonders vorsichtig durch sein Geschlecht.
Holy shit it's happening now- fuhr es Colin zuerst siedendheiß durch den Kopf. Doch weil Kei sich und ihm kein bisschen Zeit ließ, trieb ihm ein stechender, rauher Schmerz und schließlich ein merkwürdiges Schwindelgefühl alle Gedanken aus und er zitterte nur stöhnend und biss Kei versehentlich auf die Lippe. HOLY SHIT. Das war besser als – besser als – Geigespielen.
Es wäre zwar genug Zeit vorhanden gewesen um vorsichtig zu sein, nur kam Kei das nicht in den Sinn. Wenn er irgendetwas gerade nicht brauchte - Colin offensichtlich auch nicht - war das vorsichtiges Zögern. Ohne Colin sich an dieses Ausgefülltsein gewöhnen zu lassen, begann er sich zu bewegen. Gierig bewegte er sich etwas schneller, wobei seine Stöße zunehmend härter wurden.
Ow, fuck- Der rauhe Schmerz blieb und nahm zu. Das andere, gute Gefühl aber auch. Um Kei nicht den Rücken oder die Arme zu zerkratzen, raufte Colin sich Teile der Decke über seinem Kopf zusammen, den er schluchzend darin vergrub. Er hatte Schwierigkeiten zu atmen. Immer wenn er Luft holte, trieb Kei sie ihm wieder aus. Und er hoffte abwesend, dass Kei ihm nicht genau ins Gesicht sah, denn er wusste, dass er weinte, wollte aber nicht, dass Kei aufhörte.
Eigentlich schon, aber eigentlich nicht.
Kei hatte die Augen halb geschlossen und führte eher mehr als weniger rücksichtslos fort, was er tat. Colin dabei anzusehen gelang ihm nicht wirklich. War ihm auch egal.
Colin konnte sein Zucken und Zittern nicht kontrollieren, oder sein Stöhnen, das allmählich zu leisen Schreien wurde, also rupfte er sich die Decke über das Gesicht, um hineinzubeißen. Er merkte nicht einmal, wie er kam. Nur, dass er sich wie in einer perversen Version von Elektroschocktherapie vorkam.
Kei kam stöhnend eine kleine Weile nach Colin, dessen Gesicht er nun doch gern gesehen hätte. Zu hören, was der Kleinere verlauten ließ, war allerdings ebenso gut. Sein Kopf war nicht weit von Colins Schutzschilddecke entfernt. Berauscht lächelnd und schwer atmend ließ er sich auf Colin sinken und zog sie ihm vom Gesicht.
Der zuckte und zitterte noch und atmete schwer. Er verlor seinen Griff in das feuchte Bündel auf seinem Gesicht aber ließ es einfach wegrutschen. Luft war auch gut, und jetzt da Kei stillhielt, konnte er vielleicht aufatmen und aufhören, so unkontrolliert zu schluchzen. Kraftlos wischte er sich mit einem Unterarm über das nasse Gesicht, weil der gerade so praktisch da in der Nähe war, und ließ ihn dann auch über seinem Kopf liegen. Kei vergrub sein Gesicht in Colins Halsbeuge und blieb luftholend auf ihm liegen. Mit einer Hand strich er ihm leicht übers Gesicht.
„Du - hast - Das war - nicht - nett,“ schluchzte Colin atemlos. Er schien aber bloß erschöpft zu sein. Immerhin weinte er nicht mehr. Right. Anything else I'd like to embarrass myself with?
„Sag bloß, du hast Nettigkeiten von mir erwartet,“ nuschelte Kei leise in Colins Halsbeuge.
Ja, habe ich! rief er in Gedanken, weil er seiner Stimme jetzt nichts mehr zutraute, und hoffte, dass das bei Kei ankam. Das hat wehgetan! Er wollte Kei von sich runterschubsen, fand aber nicht einmal die Energie, seine Arme überhaupt zu heben.
„Klang nicht danach, als hätte dich das groß gestört.“ Keis Gesicht zierte ein leichtes Grinsen.
„Are you - fucking - kidding - Get off!“ Nun schaffte Colin es, Keis Schulter zu schlagen. Der blieb einfach unbeeindruckt liegen und schmunzelte. Colin gab sich die Zeit, um seine Atmung noch etwas zu beruhigen. „Haben wir das immer so gemacht?“ fragte er schließlich heiser.
„Weniger romantisch,“ kommentierte Kei. Colin machte ein säuerliches Gesicht, das Kei nicht sehen konnte.
„Das war nicht romantisch,“ brummte er. „Das war brutal.“
„Ich meinte die Umgebung.“ Er machte eine kleine Pause. Im Vergleich zu Colins wirklichem ersten Mal und Sex neben der Leiche seines Vaters war das schon romantisch. Mit Kerzen und Musik. „Es hat dir gefallen.“
„... Am Anfang. Ja...“ gab Colin leise zu. „Danach... Das machen wir nicht nochmal,“ murmelte er. Dass es vielleicht etwas leichtsinnig war, das jetzt zu sagen, während Kei noch wie ein heißer, nasser Baumstamm in ihm steckte, fiel ihm zu spät ein. Kei schmunzelte bloß.
Das klang ganz anders. Du kannst mir erzählen, was du willst.
Als Kei nicht zu reagieren schien, fragte Colin zaghaft: „War ich ein Masochist?“ und schämte sich gleich für die bescheuert klingende Frage.
„Scheinst du immer noch zu sein.“ Kei grinste ein bisschen.
„... Du kannst mich mal,“ sagte Colin matt. Ihm fiel nichts besseres ein.
„Immer gerne,“ entgegnete Kei leise.
Nur weil er immer noch in dieser Hormonsuppe schwamm, traute Colin sich, folgendes laut auszusprechen: „Wann habe ich gesagt, dass ich gut finde, was du machst? 'Oh yeah baby fick mich, härter, tiefer, schneller' - Habe ich das irgendwann gesagt, huh?“ sagte er heiser. Herausfordernd. Des Nachdrucks wegen schlug er Kei nochmal auf den Oberarm.
„Nicht wörtlich.“ Kei grinste. Hast du, nur nicht heute.
„Also habe ichs nicht gesagt!“
Kei lachte ein bisschen. „Und wenn du wieder laufen kannst, kommst du an und sagst 'Mach das nochmal'.“
Colin rutschte herum und schob Kei halb von sich herunter - sodass er aus ihm herausrutschte - um ihn zu ohrfeigen. Kei fing seine Hand grinsend ab. „Zu langsam.“
Colin holte Luft und funkelte Kei wütend an. „Raus,“ sagte er heiser.
„Bist du sauer? Ich wollte nicht, dass du sauer wirst.“
„Bin ich-“ Er starrte Kei ungläubig an und vergaß darüber, seine Hand zurückzuziehen. „Das hat scheißewehgetan und du machst bloß Witze! Ich dachte du hättest kapiert, was ich von dir will und dann machst du – SOWAS! Ist ja kein Wunder, dass ich wahnsinnig geworden bin!“
„'Tschuldigung.“ Hey! das war nicht meine Schuld!
„'Entschuldigung'?! Ernsthaft?“ Er schubste Kei. „Ich war so kurz davor -“ Er zeigte 'ein bisschen' mit Daumen und Zeigefinger und sah Kei dann wieder böse an, nur um sich auf die Zunge zu beißen, damit er den Satz nicht beenden musste. Er schien vergessen zu haben dass 'sozial' oder 'Menschen verstehen' nicht zu Keis Qualitäten gehörten.
Mir eine zu scheuern? Mich gern zu haben? Mich aus dem Fenster zu schmeißen? Kei musterte den Kleineren.
Mich in dich zu verlieben.
Kei musterte Colin weiterhin. Einfach mal den Mund halten zu können würde ihn aus einer Menge Mist heraushalten. Colin sah ihn nicht direkt an und guckte dafür schamvoll irgendwo unter seinem Gesicht herum. Nackter Kei war aber nicht sehr hilfreich beim Nicht-verlegen-werden, und so kaute er sich nur weiter auf der Zunge herum und hoffte, dass seine sehr warmen Wangen nicht so rot waren wie sie sich anfühlten. Er steckte sich eine Locke hinters Ohr.
„... Ich werde nicht sagen 'Mach das nochmal',“ murmelte er. „'Mach das anders' vielleicht.“
Kei rollte sich auf die Seite. Er lächelte leicht und nahm die Hand mit der Colin ihn gerade noch hatte schlagen wollen. Colin ließ ihn, aber konnte ihn nicht direkt ansehen. Kei schloss die Augen und behielt Colins Hand in seiner. Colin drehte sich auf die Seite, auf Kei zu, und musterte ihn stumm.
Der lächelte und schien fast zu schlafen.
Nach einer Weile machte auch Colin die Augen zu und driftete weg.

Kei + Colin XC: Finger weg


Als Kei durch die Tür zurückkam, nass vom Novemberregen und mit einer kleinen Tüte in der Hand, kniete Colin sich auf Keis Bett eilig hin. Er hatte nur ein Handtuch um die Hüften gewickelt. Kei warf die Tüte mit den Einkäufen aufs Bett, neben Colin, und pulte sich umgehend das nasse Shirt vom Körper. Mit einer Hand auf der Tüte hielt Colin inne, um Kei zuzuschauen. Da war etwas entschieden ablenkendes an ihm, wie die Kleidung an ihm klebte und er sich aus seinem T-shirt pellte.
Da er die Stiefel nicht zugebunden hatte, war es leicht, sie wieder loszuwerden. Die nassen Kleider wurden zu einem Haufen auf dem Fußboden. Der war groß genug, sodass es niemals aussah, als wäre er sehr unordentlich. Er betrachtete Colin mit leichtem Grinsen. Der starrte ihn seinerseits an, aber hauptsächlich staunend.
Kei setzte sich, seine Hose ausziehend, neben Colin und musterte ihn leicht amüsiert lächelnd. Der riss sich schließlich von Keis Anblick los, als noch mehr Haut zum Vorschein kam, und lenkte sich mit dem Inhalt der Tüte ab: Einer Packung Kondome und einer Tube Gleitgel.
Während er die Inhaltstoffe hinten auf der Tube las, ohne mit der Information etwas anfangen zu können, wurde ihm nur bewusst, wie unvorbereitet er mental war und dass er sich bloß an der Tube festhielt. Er wusste nicht, was Kei sich vorstellte, er wusste nicht, was er selbst wollte und was ihm gefiel, ob er sich alles trauen würde, das Kei vielleicht von ihm erwartete -
Kei fühlte sich an das andere 'erste Mal' erinnert, entschied sich aber dagegen, Colin jetzt zu erzählen, wie es damals abgelaufen war, als er ihn an seinem Geburtstag im Park entjungfert hatte. Das konnte er irgendwann mal machen. Zu Colins Glück erwartete Kei auch nichts von ihm. Die Zigaretten, die zuletzt noch aus der Tüte gefallen waren, warf der Vampir mitsamt der Tüte auf den Schreibtisch.
„Verschieb das Nachdenken auf später.“ Er nahm dem Kleineren die Tube ab und küsste ihn. Scheinbar grundlos verwirrt erwiderte Colin den Kuss erst, dann zog er eilig den Kopf zurück.
„Warte - Komm mit.“ Er rutschte zur Seite und zur Bettkante. Kei blickte ihn fragend an, folgte ihm aber aus dem Bett.
Beim Aufstehen drohte das Handtuch, sich zu lösen und herunterzurutschen, und Colin hielt es fest, während er mit verschämtem Blick zur Badezimmertür ging. Als er sie öffnete, konnte man gedämpft Geräusche aus seinem Zimmer durch die Tür auf der anderen Seite hören.
Kei musste grinsen, als Colin sein Handtuch festhielt. Lange würde er es ohnehin nicht mehr haben. Eigentlich konnte er es doch auch gleich loslassen.
Er ging Colin nach, zum Badezimmer.
Bevor er die Tür zu seinem Zimmer öffnete, hielt Colin inne, atmete durch und hoffte inständig, dass Kei ihn nicht auslachen oder etwas blödes sagen würde. Denn er hatte alle vierzehn Kerzen, die er im Schrank unter dem Waschbecken gefunden hatte, auf dem Nachttisch, den Fensterbänken und dem Schreibtisch verteilt, angezündet und Musik angemacht, nachdem er geduscht hatte und Kei noch nicht wieder zurückgekommen war.
Er biss die Zähne zusammen und riss die Tür auf, ohne Kei anzusehen.
Der sah sich staunend im Zimmer um.
Niemals hatte sich irgendwer seinetwegen wirklich Mühe gegeben. Nicht, dass er der Typ zum Mühegeben war. Er hätte ja mit vielem gerechnet, aber nicht damit. „Du hast dich richtig angestrengt,“ sagte er anerkennend, auch wenn das vielleicht nicht die ideale Reaktion war.
„Ich habe Kerzen angezündet,“ sagte Colin leise mit einem kleinen verwirrten Schmunzeln. „Das war jetzt nicht allzu anspruchsvoll.“ Er warf einen besorgten Blick auf die Stereoanlage. Vielleicht waren Ronan Keating und The Corrs doch etwas zu schnulzig?
„Aber es sieht nach Mühe aus.“ Kei sah sich noch ein bisschen weiter um. Das Bett sah normal aus, das hieß unberührt, die antike Geige und ein Stapel Bücher aus der schlosseigenen Bibliothek lagen auf dem Schreibtisch, mehr davon auf dem Nachttisch, und insgesamt war der ganze Raum sehr ordentlich. Die einzigen sichtbaren Kleider waren die, die Colin vor seiner eiligen Dusche ausgezogen hatte, und die lagen und hingen ordentlich zusammengelegt auf einem Stuhl neben der Badezimmertür. Kei betrachtete den Raum noch ein bisschen und verschwand dann kurz, um Kondome und Gleitgeltube zu holen, die er in seinem Zimmer liegengelassen hatte. Er warf beides auf Colins Bett, als er wieder neben ihm stand. Der Junge hatte sich kaum bewegt. Er hatte sich etwas entspannt, schien es, und als Kei zurück war und die Dinge mitgebracht hatte, zog er wieder unwillkürlich die Schultern hoch.
Er räusperte sich. „Ich werde sehr schlecht sein,“ sagte er leise.
„Ach was.“ Kei küsste ihn.
Er schloss die Augen und lehnte sich Kei entgegen. Mit Keis Lippen und Zunge, seinem Regengeruch und all der nackten Haut brauchte Colins Erektion nur ein paar Sekunden, um sich zurückzumelden. Zögerlich legte er die Hände auf Keis Schulter und Nacken, und er wollte ihn mehr anfassen, aber irgendein lästiger neuartiger Respekt hielt ihn davon ab. Kei grinste leicht und war so frei, Colin seines Handtuchs zu entledigen.
Nun musste Colin sichergehen, dass Keis Mund seinen nicht verließ. Wenn er den Kopf zurückzog, würde Kei ihn vollständig sehen können. Das galt es zu verhindern. Außerdem fühlte sich Kei sowieso zu gut an, um das hier jetzt zu unterbrechen. Colin nagte langsam und vorsichtig an seiner Unterlippe und strich mit den Fingern über seinen Rücken. Ihm fiel nutzloserweise am Rande auf, wie interessant es doch war, dass man das riesige Tattoo überhaupt nicht spüren konnte. Die Haut war einfach nur weich und warm, gespannt über etwas viel härteres und starkes.
Kei hatte gerade gar nicht vor, damit aufzuhören, Colin zu küssen. Er hob ihn hoch. Das war ein leichtes. Colin war nicht schwer.
Er machte ein leises Beschwerdegeräusch, hatte aber eigentlich gar nichts dagegen, getragen zu werden, und so legte er nur die Beine um Kei, der glücklicherweise noch seine Boxershorts trug. Die waren zwar eng und momentan noch zusätzlich gewölbt und ausgedehnt, aber sie waren immerhin noch da, als dünne Barriere. Hinter Kei hakte er die Füße zusammen und seine Hände krallten sich nun in seine Schultern. Er merkte nicht, wie er gieriger und härter wurde, während er Kei küsste. Kei bemerkte es, aber sich zu beschweren wäre ihm niemals in den Sinn gekommen. Er trug Colin zum Bett.
„Sagst du mir, wenn ich was falsch mache?“ sagte Colin leise, als er Kei losließ. Er leckte sich die Lippen und rutschte rückwärts auf das Bett.
„Klar.“ Kei grinste leicht und küsste Colin wieder.
Um sich von seiner eigenen Nacktheit und Erregung abzulenken, konzentrierte Colin sich weiter nur auf Kei. Darauf, ihn anzufassen, wo es nur ging. Aber nicht zu hastig. Und mit geschlossenen Augen. Colin war ja nicht leicht zu haben. Oder gierig. Aber auch nicht zu langsam. Er war schließlich auch nicht prüde.
ARGH! Er ohrfeigte sich innerlich und ließ sich mit den Händen über dem Gesicht zurückfallen.
Kei hatte Spaß daran, Colins Reaktionen zu beobachten. Im Schein der vielen Kerzen, die Colin aufgestellt hatte und die ausreichend Licht erzeugten - nicht, dass Kei welches brauchte - beschäftigte er seine rechte Hand zwischen den Beinen des Kleineren, wobei er sich mit der anderen auf dem Bett abstützte, vor dem er stand. Luftholend winkelte Colin die Beine an und stellte sie auf, um Keis Arm wegzustoßen, ohne die Hände vom Gesicht nehmen zu müssen. Kei grinste daraufhin nur, nahm seinen Arm aber da weg, nur um sich ein Handgelenk von Colin zu schnappen und dessen Arm freundlich aufs Bett zu drücken. Den wieder hergestellten Zugang zu Colins Gesicht nutzte er aus um seinen Freund zu küssen.
Im ersten Moment konnte der vor lauter Einverständnis nicht anders reagieren, als den Kuss zu erwidern. Aber kaum dass der Vampir über ihm lehnte, fiel es ihm wieder ein und er drückte mit dem freien Arm gegen seine Brust.
„Warte.“
„Hm?“ Kei blickte Colin an und musterte sein Gesicht interessiert.
Oh mann, hör auf, mich anzusehen. Um nicht nur überwältigt zurückzustarren - „Deine Augen leuchten im Dunkeln.“ - Ja, genau, du Genie, das wars was du sagen wolltest. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt zum Sterben... „Äh, ich meine,“ fügte Colin intelligent hinzu, indem er seinen Blick ziemlich gewaltsam von Keis Gesicht losriss und zur Seite wandte, „das ist doch wahnsinnig... merkwürdig... Also nicht die Augen jetzt! Ich meine... äh...“
„Ich hab keine Ahnung, was du mir sagen willst.“ Kei konnte es nicht lassen, den Kleineren zu betrachten – wollte er auch nicht. Er küsste Colins Hals und hinterließ dabei ein paar blau-rote Spuren. Keine gute Idee... „Versuchst du, mich zu beißen?“ flüsterte Colin. Und räusperte sich. Was Kei da machte, fühlte sich auf schwindelerregende Weise gut an, dieser kleine Schmerz hier und da. Er wollte ihn wieder anfassen, aber eigentlich wollte er doch gerade irgendwas sagen.
„Nein. Das würdest du merken.“ Kei setzte sein Treiben fort. Wollte Colin ihm nicht irgendwas erzählen? Das würde er wohl noch, wenn es wirklich wichtig war.
„Ich bin außerdem auch tot. Davon hättest du bestimmt gar nichts,“ mutmaßte Colin, immer noch im Flüsterton. Er wand sich ein bisschen unter dem Vampir und rutschte weiter rückwärts, aber nur um ihm Platz zu machen - nicht dass das Bett nicht auch so groß genug gewesen wäre - und um sich etwas auf die Seite zu rollen und Kei zuzuwenden. Kei rutschte ein Stück aufs Bett, sodass er nun darauf kniete. Große Betten waren wirklich praktisch.
„Du bist nicht tot-tot, also hätte ich was davon.“ Er machte weiter und ließ seine rechte Hand wieder in Richtung Colins Körpermitte wandern.
„Nicht.“ Colin fand Keis Handgelenk und hielt es fest, ehe er sich aufsetzte. „Entschuldige. Es tut mir Leid, dass du dir die ganze Mühe umsonst gemacht hast.“ Er sah vorsichtig aus und klang wirklich nach Reue. Kei hielt inne. Er schaute ihn leicht verwirrt an. Fragend. Nicht wirklich enttäuscht, aber auch nicht gerade so, als wäre er sonderlich begeistert.
„Was ist dein Problem?“ fragte er ruhig.
Colin ließ Keis Hand los, um sich selbst mit der Faust einmal über die Brust zu reiben. Dieses Hämmern...
„Das ist zu... schnell... Ich könnte schon tot umfallen, weil ich gerade nichts anhabe... mehr... kann ich jetzt nicht...“ Er stellte die Beine auf, legte die Arme auf die Knie und vergrub eilig das Gesicht darin. „Es tut mir Leid! Ich machs wieder gut. Aber jetzt gehts nicht!“ Ich muss ihm ja so bescheuert vorkommen. Er kennt mich seit Jahren.
„Ich hatte nicht vor, dich umzubringen.“ Nicht jetzt und nicht heute... Kei musste schmunzeln, denn damals war das ähnlich verlaufen. Nicht an nur einem Tag, sondern an vielen. Er setzte sich auf.
„Nein,“ sagte Colin von hinter seinen Armen, „Sex ist gruselig genug.“
„Das sagst du jetzt.“ Kei musste sich beherrschen, nicht zu lachen. Das aus Colins Mund zu hören war mehr als ungewohnt. Und sehr lange her.
Colin nickte, ohne den Kopf zu heben.
„Ich überzeuge dich vom Gegenteil,“ sagte Kei grinsend. Dass er's gerade scheiße fand, dass Colin diese Idee JETZT kam, schluckte er herunter. Das musste der Kleinere in diesem Moment nicht wissen.
Colin hob den Kopf und sah Kei seitwärts an, das andere Auge zugekniffen.
„Du bist nicht sauer?“
„Ich werde nicht daran sterben,“ entgegnete Kei. Sauer war er wirklich nicht, höchstens frustriert.
Colin musterte ihn vorsichtig. „Ich mag dich wirklich, weißt du?“ Er fand, dass er das nochmal sagen musste. Im Moment wirkte er nämlich wohl nicht so. „Wie sagt man so schön - Ich will dich eigentlich nicht von der Bettkante schubsen.“
„Diesmal ist es tatsächlich 'ne Bettkante.“ Kei ließ sich so fallen, dass er auf dem Rücken auf Colins Bett lag.
Dach, ein anderes Dach, Pavillon im Park und viele andere Orte, aber ein richtiges Bett war selten darunter gewesen.
Colin musste lachen. „Sag nicht, das passiert dir öfter.“
„Ist mir mit dir öfter passiert, wenn du das meinst.“ Kei schaute an die Decke.
„Ehrlich? ... Bin ich prüde?“ fragte Colin stirnrunzelnd, als spräche er gar nicht über sich selbst.
„Sagen wir, dich zu überreden war nicht einfach.“ Kei wandte den Blick zum Fenster, wo außer drei Kerzenflammen nicht viel zu sehen war. Colin blieb für kurze Zeit still.
„Vielleicht bist du auch einfach nicht so gut wie du dachtest,“ versuchte er danach scherzhaft.
Kei musste lachen. „Der Meinung warst du damals nicht.“
„Das kann jeder behaupten. Was für ein Glück für dich, dass ich Amnesie habe.“ Colin grinste und rutschte dichter an Kei heran, um sich neben ihn zu setzen. Er setzte einen Fuß zwischen Keis Beine und strich mit einer Hand federleicht und langsam scheinbar wahllos über verschiedene Stellen auf Keis Torso.
„Du wirst noch sehen, dass das nicht gelogen ist,“ grinste Kei und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
„Pff... ich hab schon wieder vergessen, was die Lüge war, also sei ruhig.“ Selig schmunzelnd und mit dem Kinn auf dem Knie machte er damit weiter, Kei streichelnd zu ertasten. Eigentlich fühlte Keis Haut sich nur gut an.
Kei wusste nicht, was er davon halten sollte, dass Colin ihn erst abblitzen ließ und dann wieder begrabbelte. „Jaja. Lügner.“
Colin lächelte bloß und zuckte mit den Schultern. Sein Zeigefinger wanderte in lässigen Schlangenlinien bis zum Schlüsselbein hinauf. „Bist du kitzelig?“
„Nö.“ Jetzt schaute Kei zu Colin. Probeweise kraulte der trotzdem Keis Achselhöhle.
„Hm. Tatsache.“
„Was wird das, wenn's fertig ist?“
„Was?“ Colins Hand leistete schnell der anderen an seinem Schienbein Gesellschaft. Kei schmunzelte.
Colin lächelte. Vielleicht ein bisschen erleichtert.
Er kniete sich hin, das eine Bein nun beinahe in Keis verhakt, und beugte sich über den Vampir, der ihn nur ansah und abwartete, was jetzt kommen würde. Dieser Blick ließ Colin noch einmal zögern, oder lenkte ihn bloß ab, wie so vieles immer wieder, aber schließlich stützte er sich neben Keis Arm irgendwo auf und küsste ihn, sehr langsam und sachte und nur mit den Lippen. Kei erwiderte den Kuss. Das war gemein. Erst so, dann so. Es gab niemanden, den er so sehr auffressen und umbringen wollte wie Colin.
Mit den Lippen fuhr Colin langsam und vorsichtig über Keis Kinn und dann die Wange und Schläfe hinauf, über die Stirn und auf der anderen Seite zurück.
„Ich mag deine Augen,“ flüsterte er ihm dort ins Ohr.
„Weiß ich,“ grinste Kei leise. Er strich Colin mit einer Hand übers Gesicht.
„Alles andere auch,“ raunte Colin schmunzelnd und blieb einfach knapp über Keis Halsbeuge hängen.
Kei gab ein Geräusch der Zustimmung von sich. „Manchmal zweifle ich daran,“ scherzte er.
„Dann sag bescheid, wenn dein Ego gepusht werden muss. Dann hol ich dir einen Spiegel oder so.“
„Geht nicht. Bin schon dran gewöhnt.“
Colin lachte leise. „Okay, ich sags dir alle paar... Monate einmal.“
„Wie aufmerksam von dir.“ Kei lächelte leicht. Frustriert war er trotzdem.
Um nicht wieder zu lachen, küsste Colin Keis Halsbeuge. Ein paarmal. Bis zu seiner Schulter, wo die eintätowierte Monsterfratze sichtbar war. Kei ließ ihn machen. Wie das wohl werden sollte, wenn sie wieder zur Schule gingen? Sicher amüsant. Er hatte keine Ahnung, wie Inverness so war, aber das war egal. Es war etwas Neues. Kei hatte das Gefühl, schon etwas zu lange in Lancaster festzusitzen. Es war Zeit für etwas Neues. Er setzte sich auf, als er jemanden in der Nähe wahrnahm. Dennis. Der kam ihm gerade recht.
„Ich komm gleich wieder,“ informierte er Colin beim Aufstehen.
Colin setzte sich mit auf und sah ihm nach, bis er den Raum verlassen hatte. Dann blickte er sich dumpf im Raum um wurde sich bewusst, dass ihm tatsächlich immer noch schwindlig war. Wer brauchte schon Drogen, wenn er Hormonüberschuss hatte? Er beschloss, ein paar der gefährlich tiefbrennenden Kerzen zu löschen.

Dennis war ohne Umwege, aber nicht besonders eilig, in sein Zimmer gestiefelt. Kei zog sich in seinem eigenen Zimmer eine trockene Hose an und ging dann zu ihm.
„Dennis. Du kommst gerade recht. Ich habe eine Idee.“
Dennis hatte gerade seinen Mantel auf das mit Papier und diversen Werkzeugen übersäte (nie zum Schlafen benutzte) Bett geworfen und sich den Schreibtischstuhl herausgezogen. Nun hielt er inne und musterte Kei von oben bis unten.
„Ach,“ sagte er.
„Colin soll ja wieder zur Schule gehen. Ich will mitgehen.“ Kei musterte seinen Bruder und dessen Zimmer. Es sah hier aus wie immer - naja, vielleicht etwas voller mit Kisten und Elektroteilen als sonst, aber nicht auf außergewöhnliche Weise. Dennis selbst machte auch einen normalen Eindruck. Vielleicht ein wenig ernster als sonst, aber womöglich war er nur müde. Oder von Keis halbnacktem Überraschungsauftritt betont unbeeindruckt.
„Wer hat gesagt, dass er zur Schule gehen soll?“
„Rupert anscheinend. Das jedenfalls hat Colin mir vorhin erzählt.“ Was macht der mit dem ganzen Zeug? Kei schaute auf das ganze Elektrozeug. „Wofür ist der ganze Kram?“
„Für meinen Job. Schön für ihn. Das ist eine gute Idee.“
Kei sah ihn überrascht an. Damit hatte er nicht gerechnet. „Das war ja einfach,“ sagte er mehr zu sich selbst als zu Dennis.
„Huh? Was?“ Dennis, der kurz auf eines der vielen Papiere auf seinem vollen Schreibtisch geschaut hatte, blickte verwirrt wieder zu Kei auf.
„Ich hab nicht damit gerechnet, dass du so einfach zustimmst,“ entgegnete Kei und musterte seinen Halbbruder, der sich nicht großartig für das, was er zu sagen hatte, zu interessieren schien.
„Zust-“ Dennis' Blick wurde groß, dann runzelte er die Stirn. Das ließ ihn noch ein ganzes Stück jünger aussehen. „Was? Dass du mitgehst?“
Hätte ja klappen können... „Ja.“ Kei sah ihn an, ziemlich sicher, dass Dennis ihm jetzt zuhörte.
„Nein.“ Das Stirnrunzeln sah ziemlich eindringlich aus. Insgesamt wirkte Dennis sowieso gerade wie ein verrückter Erfinder, der an dreißig Dinge gleichzeitig dachte und sich sehr konzentrieren musste, um nicht den Faden dieses Gesprächs zu verlieren.
„Warum nicht?“ Keis Blick wandelte sich zu leichter Genervtheit, angesichts der Tatsache, dass er jetzt wohl doch mit dem Älteren diskutieren musste. Müde rieb der Bruder sich mit einer Hand über das Gesicht, dann stützte er sich auf den Schreibtisch.
„Nach euch wird gesucht. Das hast du doch hoffentlich begriffen. Wenn ihr beide zu zweit auftretet, seid ihr am leichtesten zu identifizieren.“
„In einem Internat irgendwo in der Provinz? Wohl kaum.“
Dennis kniff ein bisschen die Augen zusammen und schien nachzudenken, aber nur ein paar Sekunden lang. Dann nahm er eine der beiden Pistolen aus seinem umgeschnallten Halfter und knallte sie auf den Schreibtisch, näher bei Kei als sich selbst. Kei blickte ihn skeptisch an und legte den Kopf schief. Er wartete auf eine Reaktion auf das, was er gesagt hatte. Das war keine.
„Was soll ich damit?“
„Du sollst mich erschießen.“ Dennis zeigte auf seine Stirn. „Aber machs richtig. Wenn du den Widerstand zerstören und uns alle umbringen willst, dann sei konsequent.“
„Jetzt übertreibst du. Ob ich nun hier unbeobachtet rumhänge oder zur Schule gehe, ist doch völlig egal.“
„Es tut mir Leid, dass du deinen Schulabschluss aufschieben musst,“ sagte Dennis leise. Es klang gefährlich. „Aber es gibt wichtigeres. Sobald du mit Colin draußen unterwegs bist, seid ihr wie ein blinkender Leuchtturm für die Instanz.“ Er sah Kei finster an. „Ich habe einen Gegenvorschlag.“
„Der da lautet?“
„Erstens: Du sagst Colin, dass du nicht mitkommen kannst, weil wir dich brauchen. Zweitens: Du reist ihm hinterher und suchst dir in Inverness eine Bleibe. Unter falschem Namen, versteht sich. Du erzählst niemandem davon. Drittens: Du richtest ein Postfach ein und kommunizierst ausschließlich darüber mit einer Postfachadresse, die ich dir mitgebe. Du gibst dich Colin nicht zu erkennen und zeigst dich niemals in seiner Nähe. Du wirst ihn beobachten und bewachen – als sein anonymer Leibwächter. Da du dich für nichts anderes zu interessieren scheinst, kann ich dich so am besten einsetzen - und muss für diesen bescheuerten Leichtsinn keinen meiner wenigen Leute abstellen.“
Kei sah Dennis wenig begeistert an. Das war so als würde man einem Kind sagen, es solle auf einen großen Kuchen aufpassen, ohne, dass es auch nur ein Stückchen abbekommt - noch dazu sein Lieblingskuchen. Zwar war das Ganze immer noch besser, als im Schloss Däumchen zu drehen, aber es war nicht das, was Kei sich vorgestellt hatte. Gut, nicht mit zur Schule zu gehen, war kein Beinbruch, aber Colin nicht mal ansprechen zu dürfen, war scheiße.
„Das ist ein guter Plan - bis auf die Tatsache, dass Colin nicht wissen darf, dass ich da bin. Wenn eh niemand weiß, dass ich dort bin, ist doch egal, ob wir uns sehen, oder nicht?“
Dennis' blaue Augen schienen plötzlich aufzuleuchten. Oder vielleicht war es im Raum nur noch dunkler geworden.
„Hast du noch gar nichts begriffen?! Du und ich sind nicht die einzigen telepathischen Vampire und die Instanz besteht aus URALTEN, MÄCHTIGEN WICHSERN. Dass ihr beide hier auf dem Anwesen wie die Kleinkinder, die ihr seid, herumtoben könnt, schuldet ihr einer ganzen Armee an Sicherheitskräften und einer Menge Wohlwollen!“
Kei seufzte. „Müssten die dann nicht eigentlich wissen, dass wir hier sind?“ Er wirkte wie die leicht angepisste Ruhe in Person. Theoretisch müssten Colin und er ja ziemlich leicht zu finden sein, wenn Dennis sich solche Sorgen über ein Desaster machte, sollten Colin und Kei sich wissentlich in der Nähe voneinander bewegen.
Dennis atmete langsam aus.
„Vielleicht tun sie das sogar,“ gab er ruhiger zu. „Vielleicht haben sie auch nur eine Ahnung. Vielleicht seid ihr hier aber auch gut versteckt - dass wir alle immer noch hier sind, deutet darauf hin.“ Langsam setzte er sich auf den antiken Polsterstuhl, wie jemand der gerade eine Dreifachschicht in irgendeinem Knochenjob hinter sich hat. „Der Punkt ist, dass sich Colin, wenn er zur Schule geht, außerhalb dieser...“ Er wedelte mit einer Hand im Kreis. „... Sicherheitsmaßnahmen bewegt. Wenn ihr beide zusammen gesehen werdet, wenn Colin einem seiner Mitschüler ein Foto von dir zeigt, wenn ein Postbote ihn in deiner Wohnung sieht...“
„Schon klar. Meinst du nicht, die gehen auch auf uns los, wenn sie uns alleine sehen?“ Dass auf Colin aufgepasst werden musste, war klar. Dass man ihn und Colin nicht zusammen sehen durfte, wenn sie beide ein Ziel darstellten, war weniger einleuchtend.
„Jeder für sich seid ihr viel unauffälliger. ... Du nun nicht gerade, aber du kannst auf dich aufpassen. Colin allein ist nur ein normaler Teenager, einheimisch, macht normale... Teenagersachen... Das fällt nicht weiter auf.“
„Kann ich ihn nicht ab und zu mal sehen?“ Er musste ja nicht ständig an ihm kleben, aber ihn ab und zu mal sehen zu dürfen, war nun wirklich nicht viel verlangt. Wahrscheinlich würde er sich eh über diese Anordnungen hinwegsetzen.
„Natürlich. Ich schicke dich nach Inverness, damit du ihn nicht aus den Augen lässt, sobald er das Internat verlässt. Für was auch immer. Du sollst ihn ja beobachten.“
„Hm. Mich mit ihm unterhalten, meine ich.“ Fragen konnte man ja mal. Dennis verschränkte die Finger und biss sich nachdenklich auf die Daumen. Dabei musterte er Kei.
„... Besser nicht. Er sollte nicht wissen, dass du da bist.“
Als ob ich mich daran halten würde... Du weißt das... Da bin ich mir sicher. „Wenn ich ihm Überfallkommandos vom Hals halten muss, wird er das.“
„Wenn es Überfallkommandos gibt, hast du deinen Job nicht richtig gemacht.“ Dennis funkelte ihn eindringlich an, so als ob er durch das Starren allein in Keis Kopf wühlen wollte. „Es ist mir im Grunde egal, was mit Colin passiert. Aber Rupert hängt an ihm. Und du bist kein Gefangener, du kannst machen was du willst. Nur hattet ihr jetzt leider beide ziemlich viel mit uns zu tun, und wenn ihr entdeckt werdet, ist der ganze Widerstand in Gefahr.“
„Mir ist nicht egal, was mit ihm passiert. Ich will nicht, dass er umgebracht wird.“ Kei musterte Dennis. Der begegnete seinem Blick unverwandt.
„Dann halte Abstand.“
„Das ist immer noch besser, als Däumchen zu drehen...“ Kei seufzte.
Dennis betrachtete ihn weiter.
„Ich geh Colin erzählen, dass ich hier bleiben muss. Das wird ihm nicht gefallen.“
Dennis nickte.