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Thursday, August 10, 2017

Kei + Colin XCII: Betretener Abschied


Kei schlief eine Weile, aber nicht sehr lange, und wachte wieder auf, bevor es draußen hell wurde. Vorsichtig stand er auf, um Colin nicht zu wecken und schlich in sein Zimmer. Dort zog er sich Hose, Jacke und Schuhe an, nahm seine Zigaretten und ging leise nach draußen, eine rauchen.
Colin schlief ruhig weiter, so flach atmend dass es fast nicht mehr wahrnehmbar war und mit einem sehr schwachen und langsamen Puls. So blieb er bis zum Morgen reglos und nackt auf dem Bett liegen.
Kei kam eine Viertelstunde später wieder zurück und sah nach, ob Colin noch schlief. Tat er. Er musterte den Kleineren eine Weile und deckte ihn zu. Dass Colins Puls so schwach war, besorgte ihn nicht großartig. Colin müsste theoretisch noch untot sein, da nur sein Gedächtnis gelöscht worden war. Der Vampir entledigte sich seiner Kleidung und ging duschen.

In den frühen Morgenstunden fing es an zu regnen und einige Stunden vor Sonnenaufgang kam das kleine Auto der Köchin auf das Gelände gezuckelt, die sich wie üblich in der Küche zu schaffen machte. Kurz darauf begann Delilah, ebenfalls wie immer, in dem großen Trainingsraum unter dem Dach mit ihren täglichen Übungen. Das war alles, was passierte.
Kei ging sauber und in Hose und Jacke gehüllt durch das Schloss. Nicht zu wissen, was er mit dem Morgen anstellen sollte, war scheiße. Colin würde bald wegfahren und dann würde er ihn erst einmal nur beobachten können, bis er einen Weg gefunden hatte, Dennis' Vorgaben zu umgehen. Er nahm seine Gitarre und setzte sich damit ins Spielzimmer.
Als der Morgen schließlich graute, hatte Colin auch geduscht und sich angezogen und frühstückte mit Rupert, der sich über Colins Entschluss, das Internat zu besuchen, freute. Nach seinem üblichen Stück Toast mit Marmelade und der einen Tasse Tee holte Colin Mantel, Mütze und Schuhe, um mit ihm loszufahren, seine Schulausrüstung zu besorgen.
Kei hatte in der Zwischenzeit den Weg in sein Zimmer gefunden und saß auf seinem Bett herum. Als er bemerkte, wie Colin jenseits des Badezimmers in sein eigenes Zimmer ging, rief er: “Guten Morgen!“
Vor dem Kleiderschrank hielt Colin inne und überlegte sich viel zu lang, was er antworten sollte. Schließlich brummte er “Morgen,“ während er den Schrank öffnete und seine Jacke herausholte. Kei fragte sich, ob Colin noch beleidigt war, fragte aber nicht weiter nach. Colin zog sich an und ging wieder zur Tür. Er zögerte etwas, bevor er sie öffnete. Kei steckte den Kopf durch die Badezimmertür, als Colin zum Verschwinden ungewöhnlich lange brauchte.
“Bist du immer noch sauer auf mich?“ fragte er freundlich und musterte Colin, der offenbar irgendetwas vorhatte. Colin musterte Kei genau. Er wollte patzig 'Ja!' sagen, brachte es aber nicht übers Herz. Verschämt rutschte sein Blick auf den Kleiderschrank. 'Ja' sagte auch nicht alles aus. Er wollte jetzt kein tiefschürfendes Gespräch darüber führen. Es war alles schon peinlich genug...
“Nein,“ log er.
Du bist kein guter Lügner. Kei beließ es dabei. “Okay. Viel Spaß.“ Colin würde entweder bei ihm ankommen, wenn er mit ihm reden wollte, oder es würde sich eine Gelegenheit dazu ergeben. Der Vampir verschwand wieder in seinem Zimmer.
'Okay, viel Spaß'? Ernsthaft?! Colin errötete und verschwand eilig aus dem Raum. Er schloss die Tür etwas zu feste. Was für ein Wichser.

Kei ging nach draußen. Es regnete noch immer. Diesmal zog er die Kapuze seiner Jacke ins Gesicht. Er konnte die Rücklichter von Ruperts Audi sehen, die im grauen Geniesel unter Rauschen und Knirschen den langen, breiten Kiesweg zur Landstraße hinunterfuhren. Er entschloss sich dazu, eines der Motorräder zu nehmen und fuhr langsam die Einfahrt hinunter und einige Straßen entlang, bis er nach ein paar Stunden Landstraße in einer kleinen Stadt ankam, die er noch nicht kannte. Er hatte einen anderen Weg genommen als sonst.

Rupert und Colin fuhren etwa eine Stunde lang die Küste entlang bis nach Blackpool. Dort war das Wetter unwesentlich annehmlicher, aber darum ging es ja nicht. Rupert brachte Colin zu einer Schneiderei, um Maß nehmen zu lassen und die Internatskleider zu bestellen und in ein kleines Verlagsgeschäft, das auf Colin wie ein Reisebüro für Schulangelegenheiten wirkte, wo Rupert ihm einen Stapel Schulbücher kaufte und die Lieferung des Rests in Auftrag gab. Das Paket sollte gleich in die Schule geliefert werden. Colin bekam von der Frau noch gratis ein paar Hefter, einen Notizblock, Bleistifte, Kugelschreiber und andere nützliche Kleinigkeiten, um die große Tüte zu füllen.
Nach einem blackpooltypischen Imbissmittagessen ließ Rupert sich ohne viel Widerstand zu einem Spielhallenbesuch breitschlagen, sodass sie sich erst bei Sonnenuntergang wieder auf den Heimweg machten.

Kei war den ganzen Tag unterwegs gewesen und hatte spontan ein kleines Konzert besucht, weshalb er erst mitten in der Nacht zurückfuhr. Nachdem er es geschafft hatte die Leute, die mit ihm draußen zum Rauchen herumstanden, davon zu überzeugen, dass er trotz Unmengen Alkohols nicht zu betrunken zum Motorradfahren war.
Irgendwo zwischen der Landstraße und dem Schloss, vor dem Ruperts Auto wieder herumstand, fing Delilah ihn ab. Ohne ihn zum Anhalten zu zwingen, erschien sie wie aus dem Nichts etwas abseits seiner Strecke am Rand der Auffahrt und gab ihm mit der Hand ein kurzes Signal, dessen Bedeutung Kei mittlerweile als 'Dennis' kannte. Danach beugte sie sich wieder zur Seite und verschwand sofort, als würde der sachte Wind sie irgendwie verschlucken. Kei fuhr etwas langsamer weiter. War Dennis mit seinem Ausflug nicht einverstanden? Aufgefallen sein müsste es ihm aber so oder so, wenn er ihn gesucht haben sollte. Er stellte das Motorrad in der Nähe von Ruperts Auto ab und legte den Helm in die Garage.
Dennis saß inmitten eines Kabel- und Elektrosalats am Schreibtisch in seinem dunklen Zimmer und blickte nicht einmal auf, während sich die Tür scheinbar von selbst öffnete, als Kei auf dem dunklen Flur in ihre Nähe kam. Kei ging in Dennis' Zimmer und sah den Älteren fragend an.
Die Tür schloss sich hinter ihm, scheinbar wieder von selbst, bevor Dennis aufblickte. Er legte einen kleinen schwarzen Plastikkasten, aus dem einige Kabel heraushingen, auf den Tisch und kramte in einem Stapel nach einem großen braunen Briefumschlag, den er grob in Keis Richtung auf eine Ecke des Tisches warf. Kei hob ihn auf und öffnete ihn um den Inhalt zu begutachten.
“Wie machst du das mit der Tür?“
Dennis sah ihn abwesend an. “Hm? Oh. Telekinese,“ sagte er nebenbei, als sei das das normalste von der Welt. “Das ist dein neuer Job,“ sagte er mit einem Nicken auf den Umschlag. “Deine Identität, Geld und die Postfachadresse für die Kommunikation.“
Es waren mehrere tausend Pfund in gebrauchten Banknoten, in Plastik verpackt, ein japanischer Pass mit Dauervisum und Arbeitserlaubnis für Großbritannien, ein japanischer Führerschein, britischer Waffenschein für Handfeuerwaffen und ein kleiner Zettel mit einem Code.
Kei betrachtete den Inhalt. Hideo Katsuragi aus Nagasaki. Er wollte gar nicht wissen, wie Dennis in nur einem Tag für das alles sorgen konnte.
“Weißt du, wann's losgeht?“ fragte er und steckte den Inhalt des Umschlags in seine Jackentasche.
“Sofort. Oder morgen, wenn der große Held sich noch verabschieden will. Colin selbst fährt erst in zwei, drei Tagen los.“ Der Heldenkommentar war möglicherweise auf Keis neuen Decknamen gemünzt, der mit dem Kanji für 'Held' geschrieben wurde.
“Gut. Dann nehme ich morgen.“ Mit diesen Worten verschwand Kei aus Dennis' Zimmer und ging nachsehen, ob Colin noch wach war.
War er. In guter Absicht hatte er seine Schlafanzughose und ein Schlaf-T-shirt angezogen, doch er war überhaupt nicht müde. Beim goldenen Licht seiner Schreibtischlampe saß er mit hochgezogenen Beinen am Schreibtisch und las gebannt in einem Schulbuch. Daneben lag ein brandneuer aufgeschlagener Collegeblock, auf dem er scheinbar ein paar Aufgaben gelöst und Notizen gemacht hatte.
“Darf ich reinkommen?“ fragte Kei durch die halb geöffnete Badezimmertür. Colin blickte auf und nickte. Kei war so frei, sich auf Colins Bett zu setzen. “Ich muss morgen weg. Dennis hat mir einen längeren Job aufgebrummt.“
Colin sah ihn an. Sein Gesicht verriet nicht viel, oder eher zu viel auf einmal. Er sah vorsichtig, neugierig, ernst, verwirrt, aufgeregt und ein bisschen verlegen aus. “Da ich früher weg muss als du, wollte ich mich anständig verabschieden.“
“...“ Okay. Verabschiede dich.
Er kaute auf der Innenseite seiner Unterlippe.
Kei musterte ihn. “Wenn du mich wegen gestern noch anschreien willst, nur zu.“ Irgendwas saß Colin anscheinend gehörig quer. Bevor Kei ging, wollte er noch wissen, was das war.
Colin wandte den Blick auf den Boden. “Ich will dich nicht anschreien,“ sagte er leise.
“Du hast aber irgendwas.“ Kei sprach ruhig und sah zu Colin.
“Ja.“ Colin rutschte auf dem Stuhl weiter zurück, um seine nackten Füße auf der Kante der Sitzfläche fester aufzusetzen.
“Darf ich wissen was?“
“Das gestern war... ist scheiße gelaufen, aber ich will dich deswegen nicht nochmal rundmachen.“ Er zuckte mit den Schultern. “So scheinst du eben zu sein, es ist ja nicht deine Schuld, dass ich das nicht mehr weiß. Es ist nur schade. Ich finds einfach traurig, weil-“
Kei wartete, dass Colin den Satz beenden würde.
Er kaute ein bisschen auf seiner Zunge, ehe er weitersprach, immer noch ohne Kei direkt anzusehen. Das tat er nur zwischendurch, um dessen Gesichtsausdruck zu prüfen. “... Weil ich dich echt mag. Irgendwie.“
“Du hast mich öfter dafür rundgemacht, dass ich Scheiße gebaut habe. Tut mir Leid.“
Colin sah ihn an. Er wirkte ein winzigkleines bisschen überrascht. Jedenfalls sah sein Gesichtsausdruck nun offener aus. “Du findest - und meinst - du weißt also was ich meine?“
Kei nickte.
“Dann...“ Colin dachte nach. Das konnte man sehen. 'Dann geht das auch anders?' wollte er fragen, kam sich dabei aber etwas zu blöd vor. Irgendwie war er froh, dass er Kei eine Weile nicht sehen würde. Vielleicht war ihm die Nähe, das isolierte Aufeinanderhocken mit diesem viel zu appetitlichen Alien einfach nur zu Kopf gestiegen.
“Ich geb' mir Mühe.“ Kei musterte Colin. Der musterte ihn ebenfalls gebannt. Er schien nicht zu merken, wie er starrte. Kei sah ihn an und lächelte leicht. “Hab ich was im Gesicht?“
Ertappt blinzelte Colin und sah zur Seite. Kei schmunzelte nur ein bisschen.
“... Wo musst du denn hin?“ fragte Colin, damit es nicht zu still wurde.
“Ich muss Dennis bei was helfen.“
“Was denn?“
“Er sagt, dass das keiner wissen darf. Du auch nicht, damit deine Schulkameraden nichts erfahren.“
“Als könnte ich nicht dichthalten,“ sagte Colin augenrollend.
Du erfährst es doch eh. Geduld. “Ich verrate es dir, wenn du wieder hier bist.“
“Also in drei Wochen oder so. Ich muss doch sowieso schon genug geheimhalten, da könnt ihr mir das auch verraten.“
“Ich muss außerhalb etwas erledigen und es soll niemand wissen, wo ich bin.“
“Ja ja, schon gut. Du bist James Bond, hab's kapiert.“
Kei lachte. “Ein James Bond-Abenteuer wäre sicher von mehr Explosionen begleitet.“
“Und besserem Sex.“ Colin schmunzelte böse.
“Ich war noch nie auf einem, das kann ich nicht beurteilen. Sollte mir mal eins unterkommen, kann ich's dir ja erzählen.“
“Heißt das, dass du üben willst?“ Colin grinste.
Kei schmunzelte. “Du bist ja nicht da. Aber vielleicht gibt es was anderes jamesbondmäßiges da.“
“Martini.“
“Der schmeckt nicht.“
Colins Augen wurden groß. “Ich dachte du kippst einfach alles, das hart ist.“
“Ich habe Geschmacksnerven, die sogar funktionieren - und Martini ist eklig.“
Colin grinste.
“Dennis hat mir einen Führerschein besorgt. Einen echten. Ich kann mich nicht erinnern je einen gemacht zu haben.“
Colin lachte. “Du fährst doch dauernd.“
“Aber jetzt kann mir die Polizei nichts mehr.“
“Kommt drauf an wie du fährst,“ gab Colin mit einem Schulterzucken zu Bedenken.
“Manchmal kontrollieren die auch einfach so.“
Colins Blick wurde etwas ernster. “Die Instanz hat uns beide konditioniert, richtig? Damit wir... uns anfreunden.“ Er musterte Kei nachdenklich.
“Ja, haben sie.“
“Das haben sie nicht besonders gut gemacht,“ sagte Colin schmunzelnd.
“Nein. Die haben überhaupt noch nichts wirklich gut hinbekommen.“
Colin lachte leise. “Es hat funktioniert, aber ich frage mich wie.“
“Das weiß ich auch nicht. Aber was danach passiert ist, war wirklich verrückt.“
“So verrückt, dass ich den Verstand verloren habe,“ sagte Colin unernst. “Du machst mein Bett nass.“
“Ich glaube, das liegt daran, dass ihr Unsterblichkeitsexperiment nicht für Menschen gedacht war.“ Kei stand auf, zog die nasse Jacke aus und ging damit zur Tür.
Wo gehst du hin?
“Nasse Klamotten loswerden.“
“... Alle?“
“Soll ich in nassen Boxershorts herumsitzen?“
Colin wandte seinen schmunzelnden Blick errötend auf seine Knie. Kei schmunzelte und beförderte die nasse Jacke ins Bad, um sie aufzuhängen. Dasselbe tat er mit der Hose und dem Rest seiner Kleidung. Dann ging er in sein eigenes Zimmer und zog sich eine Jogginghose und eine etwas zu große Sweatshirtjacke an, bevor er wieder zu Colin ging.
Der hatte die kleine Lampe auf seinem Tisch ausgemacht und saß nun im Dunkeln auf dem Bett. Keis legerer Anblick machte ihn unerklärlich verlegen, darum war er für das sehr fahle Licht von draußen dankbar. Kei setzte sich zu ihm aufs Bett. Er schmunzelte ein bisschen. Colin rutschte vor ihn. Kei musterte ihn. Colin sah ihn ernst und mutig an, bevor er sich vorbeugte, um ihn zu küssen. Lächelnd erwiderte der Vampir mit den leuchtenden blauen Augen ihn. Colin hielt ihn zart und langsam, so wie es dieser Tage seine Art zu sein schien. Kei störte das nicht. Er fand es gut, dass Colin nicht mehr sehr wütend zu sein schien. Das war gut, immerhin musste Kei schon am nächsten Tag los.
“Darin bist du gut,“ flüsterte Colin schließlich und setzte sich wieder zurück. Kei lächelte. “You're an excellent kisser,“ raunte er genüsslich mit einem Lächeln.
“Übung.“
“Die darf man nicht vernachlässigen,“ sagte Colin nickend.
“Stimmt.“


Saturday, July 16, 2016

Kei + Colin LXXVIII: Aussitzen



Kei zog sich vollständig an und ging nach draußen. Ihm war egal, dass er das nicht sollte. Drinnen den ganzen Tag lang herumzusitzen war nunmal scheiße. Zeitsparenderweise benutzte er dafür das Fenster, was zusätzlich noch den netten Nebeneffekt hatte, dass sein Verschwinden nicht sofort bemerkt werden würde. Eher ziellos wanderte er durch diese Gegend, die er noch gar nicht kannte. Das Wohngebiet, in dem sie waren, erschien ihm friedlich und ruhig, obwohl hier wohl viele Menschen lebten.
Gute drei Stunden später kam er wieder zurück.
Als er die Tür des hohen, geschlossenen Lattenzauns im Garten hinter sich schloss, fiel sein Blick auf Dennis und Colin, die auf der kleinen Terrasse an einem runden Gartentisch saßen. Hinter ihnen auf dem Sims des Küchenfensters stand ein kleines Taschenradio, aus dem blechern und dünn Musik erklang.
Sie sahen zu ihm auf. Kei erwiderte den Blick und ging ins Haus. Als er die beiden passierte, wurde ein freier Gartenstuhl kratzend zur Seite getreten.
„Hat die letzte Aktion so großen Spaß gemacht, dass du sie wiederholen willst?“ fragte Dennis fordernd und laut genug, dass Kei ihn noch durch die Terrassentür deutlich hören musste.
„Ja, jederzeit wieder,“ entgegnete Kei sarkastisch und blieb stehen.„Setz dich,“ sagte Dennis ebenso fordernd.
Kei kam zurück nach draußen und setzte sich. Eigentlich wollte er nicht, aber besser er ließ sich das jetzt gefallen, als sich später damit beschäftigen zu müssen. Colin lehnte auf seinen Armen auf dem Tisch und sah von Kei wieder matt auf die Zigarette zwischen seinen Fingern hinunter. Vor ihm stand eine Coladose.
Dennis lehnte sich zurück und sah beide an.
„Irgendwas spannendes passiert auf deinem Spaziergang?“ fragte er.
„Nein. Niemand da. Nichts passiert. Nur Menschen, die hier wohnen,“ sagte Kei und zündete sich ebenfalls eine Zigarette an.
„Immerhin,“ sagte Dennis. In etwas milderem Ton. Eine ganze Weile sagte niemand mehr etwas. Colin drückte irgendwann seinen glimmenden Stummel im Aschenbecher aus und nahm sich eine weitere Zigarette aus Keis Schachtel und zündete sie sich an, obwohl er an der alten kaum gezogen hatte.
Dennis leerte seine Bierflasche und stand damit auf.
Kei – im Gegensatz zu Colin – rauchte, was er sich angezündet hatte, und blieb eine Weile auf dem Stuhl sitzen. Sollte er sich nur hier hersetzen, damit man ihn fragte, ob irgendetwas passiert war? Mit einer winkenden Geste gen Colin ging Dennis zur Tür.
„Redet,“ sagte er und ging hinein.
Sein Ernst?! Der Vampir wusste nicht, worüber, sollte er sich jetzt entschuldigen, weil er was anscheinend unpassendes gesagt hatte?
Colin sah ihn vorsichtig an, dann wieder auf seine Hand.
Kei sah in seine Richtung, zog ruhig an seiner Zigarette und wartete. Er hasste Dennis' Pseudopaartherapeutenversuch jetzt schon.
„Er hat mir Zeug erzählt,“ sagte Colin, nachdem er sich umständlich geräuspert hatte. „Und er will, dass wir bei ihm mitmachen.“
„Was für Zeug?“ fragte Kei.
„Über die Instanz und uns.“ Colin schwenkte seine fast leere Coladose und drehte sie um, um die letzten vier Tropfen auf die Tischplatte platschen zu lassen.
„Erzähl.“
„... Unsere Väter sind sich sehr ähnlich.“ Mehr schaffte Colin gerade nicht. Laut stellte er die Dose wieder hin und zog an der Zigarette.
„Hm, war das die relevante Information?“ Kei bezweifelte das. Colin sah ihn an.
„Bevor ich geboren wurde, hat mein Vater mich an die Vampire verkauft, damit sie an mir herumexperimentieren können. Ich finde das ziemlich relevant,“ sagte er trocken.
Kei nickte. Colin musste ihm schon sagen, was er meinte. Mit der einfachen Info, dass sich ihre Väter ähnlich waren konnte Kei nicht sehr viel anfangen, denn das konnte alles mögliche heißen – immerhin war Kira ein Arschloch wie es im Buche stand. Colin zog noch einmal an der Zigarette.
„Mein Vater hat meine Mutter sitzen lassen, als sie schwanger wurde. Sie war noch im Studium und hätte mich abgetrieben, aber dann kam er zurück und hat sie überredet... das hat er wegen der Instanz gemacht. Reuel war hypnotisiert und hat seine Ehe kaputtgemacht, um mich auf Männer zu prägen. Als ich dann weg war, in Japan, hat er sich umgebracht. Meine Mutter hat ihre Stelle in Tokyo bekommen, weil ihre Vorgängerin dort von der Instanz umgebracht wurde. Dann ist sie mit Hiroki und Nobunaga und Humphrey... auch von der Instanz ermordet worden. Ich existiere nur, damit jahrhundertealte Vampire herausfinden können, wie sie den Tod austricksen können. Ich lasse mich von dir ficken damit alte Säcke ewig leben können. Darum ist deine Mutter ermordet worden. Darum sind unsere Familien tot und Reuel und wir. Jeder Therapeut den ich in meinem Leben hatte war die Instanz. Ich existiere nur um von dir gefickt zu werden.“ Colin sprach ruhig und monoton, indem er auf die Tischplatte blickte, und nun stand er auf. Kei blieb sitzen.
„Wir existieren nur, damit andere ewig leben. Experiment geglückt würde ich sagen.“ Kei war das ganze Drumherum egal, ändern konnte er das nicht, also dachte er darüber gar nicht erst nach. „Oh, du existierst nicht, um von mir gefickt zu werden. Dass du ewig lebst, reicht denen. Für den Rest bist du selbst verantwortlich, oder ich - weil ich mich weigere, gefangengenommen zu werden.“
Colin hörte sich das an, ohne Kei anzusehen. Als er geendet hatte, drückte er die Zigarette aus. Irgendwas fand Kei an ihm, aber mit dieser neuen Information von Dennis hatte er auch endlich eine plausible Antwort auf seine Frage, warum Kei an ihm interessiert gewesen war und nun so an ihm hing. In Südamerika hatte es für eine Weile aufgehört. Scheinbar grundlos. Sie waren beide hierfür konditioniert worden.
„Wie kannst du so gelassen sein?“ fragte er leise.
„Ich kann nicht ändern, was unsere Eltern verkackt haben oder wofür sie uns missbraucht haben, also wieso sollte ich mich darüber aufregen? Außerdem ist der Grund, warum dieses oder jenes so ist wie es ist doch fast egal. Ich hab andere Gründe diese Leute ausradieren zu wollen,“ sagte der Vampir ruhig und zündete sich eine neue Zigarette an, nachdem er die andere ausgedrückt hatte.
„Und welche?“
„Das weißt du.“ Kei stand auf.
„Du bist beleidigt und willst dich rächen, weil du genervt bist?“ Colin zuckte mit den Schultern.
„Sehr kreativ, aber nein.“ Kei wandte sich zum Reingehen, wie er es vorhin schon vorgehabt hatte.
„Sondern?“ fragte Colin etwas lauter und folgte ihm.
„Frag Dennis, wenn du nicht drauf kommst. Der weiß doch sonst auch alles,“ sagte Kei und winkte ab. Colin folgte ihm hinein und stellte seine Getränkedose in der Küche irgendwo ab. Dennis stand mit Delilah im Wohnzimmer, das man von hier aus einsehen konnte.
Kei ging nach oben. Colin sah ihm nach und gesellte sich dann zu Dennis und Delilah vor den Kamin.
Nach wenigen Minuten betrat er ebenfalls das Zimmer, das er sich mit Kei teilte.
„Dennis freut sich, dass du mitmachen willst. Aber er weiß nicht, was du außer dem Scheiß, den sie mit uns gemacht haben, für einen Grund haben könntest, die Instanz vernichten zu wollen,“ sagte er schlicht, während er die Tür schloss.
„Oh, dann musst du selber nachdenken,“ entgegnete Kei auf dem Bett liegend. Colins Haare waren nicht mehr darauf verteilt. Anscheinend hatte Colin inzwischen saubergemacht.
Nun sah er Kei trocken an. Er musterte ihn mit seinem typischen trotzigen, aber ansonsten neutralen Blick und lehnte sich an die Tür.
Kei hatte nur eine Hose und ein Tanktop an und wartete, ob noch etwas von dem Kleineren kam. Tat es nicht. Er wandte nur irgendwann den Blick von Kei ab, etwas beschämt, und blickte stumm im Raum herum. Kei hing seinen Gedanken nach.
„Wir müssen noch ein paar Tage hierbleiben,“ bot Colin verlegen an. Seine Hand wanderte hinauf zu seinem Ohr aber fand keine Haare, die er sich dahinterstecken konnte, und mit leicht erschrecktem Blick kratzte er sich nur an der Glatze.
„Ich weiß.“
Colin nickte. „Dir ist echt alles scheißegal, was?“ fragte er gelassen, ohne Anklage oder Aggression in der Stimme.
„Nein. Nicht alles,“ entgegnete Kei.
„Ach ja, klar,“ sagte Colin lächelnd. „Ich vergaß... Zigaretten, Alkohol, Blut, Töten, Motorräder und E-Gitarren.“
„Guck noch mal nach, du hast was vergessen.“
Colin sah auf seine Hände und zählte ab: „Zigaretten, Alkohol, Blut, Töten, Motorrad, E-Gitarre... nein, ist alles – ach ja. Mein Arsch. Das sind die sieben Dinge auf die du nicht verzichten willst.“
Kei ließ das Antworten bleiben und schaute aus dem Fenster.
Colin schmunzelte halb und stieß sich von der Tür ab um zum Bett zu gehen. Kei beachtete das nicht weiter. Colin kletterte zu ihm und über ihn, bis er rittlings auf ihm saß.
„Ich habe Recht, oder?“ Er lächelte.
„Nein, du hast immer noch was vergessen,“ entgegnete Kei nüchtern. Colin beugte sich zu ihm hinunter, wobei er sich auf seinem Rücken abstützte, und küsste seinen Nacken, nachdem er die Haare etwas zur Seite gestrichen hatte.
„Nummer Acht: Blowjobs,“ sagte er leise.
„Fehlt noch was,“ sagte Kei und sah weiter aus dem Fenster, wobei es mit Colin auf ihm nicht sehr bequem war, geradeaus zu gucken.
„Was?“ Colin biss sanft in ein Ohr.
„Rate weiter. Es fällt dir noch ein.“ Auf Keis Gesicht zeichnete sich ein leichtes Grinsen ab – für Colin aufgrund von Keis Position unsichtbar.
„Keine Lust,“ sagte Colin plötzlich ungerührt und stand auf.
„Dann nicht.“ Kei blieb liegen und sah weiter auf die Landschaft draußen, welche man eigentlich nicht als solche bezeichnen konnte, weil sie aus Dächern und Wänden bestand.
Die Zimmertür wurde unsanft von außen geschlossen.
Kei veränderte seine Position nicht und besah sich weiter die Häuser draußen.

Bald drang wie am Morgen wieder Musik aus dem Wohnzimmer nach oben. Wieder war es Rock'n'Roll, scheinbar von Schallplatten oder Tonbändern. Kei hörte zu, dachte nach und legte irgendwann den Kopf auf die Matratze. Nach einer Weile drehte er sich um, sodass sein Blick in Richtung Zimmerdecke ging. Seine Augen fanden dort nur einen Leuchter. Den betrachtete er eine ganze Weile lang.
Stundenlang ging die Musik noch weiter, und es kam niemand herauf, bis es draußen allmählich dunkler wurde. Die Schritte gehörten nicht Colin und sie bewegten sich nur schlurfend an der Zimmertür vorbei und in das schräg gegenüberliegende Badezimmer. Kei schenkte den Schritten keinerlei Beachtung, da sie weder Colins waren, noch sein Zimmer zum Ziel hatten. Stattdessen lauschte er weiter auf die Musik, als deren Urheber er Colin vermutete. Tatsächlich ertönte sie mittlerweile nicht nur aus alten Lautsprechern, sondern war gelegentlich von klareren Klavierpartien begleitet und von Gesang und Gelächter in mehreren Stimmen durchsetzt. Der Vampir ließ es bleiben, sich der unten herrschenden guten Stimmung anzuschließen, er hörte dem Treiben lieber aus der Ferne zu.
Nach einigen Minuten stand er auf und machte – samt Zigarettenschachtel – einen Satz aus dem Fenster. Er landete so in der Abstellgasse zwischen den Häusern, dass man ihn von den Fenstern und der Straße aus nicht sehen konnte.
Während er seine Zigarette anzündete, gingen auch die Straßenlaternen nacheinander an. Noch war es nur grau und dämmerig, aber nicht richtig dunkel. Hier draußen konnte man die Musik nur noch sehr schwach vernehmen, wenn man genau horchte und ein sehr gutes Gehör hatte. Kei hörte die leise Musik zwar, achtete aber nicht mehr richtig darauf. Er widmete sich seiner Zigarette und sah dem Himmel beim Dunkelwerden zu.

In den folgenden Tagen und Nächten sprach Colin kaum mit ihm, obwohl er weiterhin bei ihm im Bett schlief. Einmal stand er in den frühen Morgenstunden auf und schlug ein paarmal seinen Kopf laut gegen den Holzschrank.
Kei öffnete müde die Augen und sah angesichts des nervenden Lärms in Richtung Schrank und Colin. Der stand in sehr angespannter Haltung da und trug nichts als seine Schlafboxershorts und die Eisenklaue, die er aufgeklappt in beiden Händen hielt und deren Klingen sich noch wenige Zentimeter von seiner Kehle entfernt befanden. Sein Gesicht war verkrampft und seine weit aufgerissenen Augen starrten auf den Metallhandschuh vor seinem Gesicht, während er den Kopf noch einmal nach hinten riss und gegen die Tür des Kleiderschranks schlug.
„Du sollst dich nicht umbringen...“ Kei stand etwas müde auf, nahm Colin den Handschuh weg und stellte sich zwischen ihn und den Schrank. Dabei stolperte Colin ungelenk dem Eisenhandschuh nach, bekam ihn aber nicht zu fassen und drehte sich stattdessen schwerfällig zu Kei um und sah ihn mit zusammengebissenen Zähnen verzweifelt an. Kei erwiderte den Blick ruhig und blieb stehen, wo er war. Den Eisenhandschuh warf er außer Reichweite seines Freundes auf den Boden. Dem schweren Scheppern auf dem Boden wandte Colins Körper sich mit einem Ruck zu. Dann zuckten seine Beine und rannten ohne Mitarbeit des restlichen Körpers auf die freie Wand zwischen Tür und Kleiderschrank zu. Kei war schneller und stand wieder vor Colin, bevor der sich einen ganzen Meter bewegt hatte. Colins gesenkter Kopf krachte mit der Stirn voran in Keis Brust. Er hielt den Kleineren an den Schultern fest und hinderte ihn so daran, seinen Rammversuch zu wiederholen.
Schlag mich doch einfach! Davon muss ich aufwachen!
Colin zog und und drückte noch eine Weile und versuchte, sich aus Keis Griff zu winden, ohne dabei die Arme zu heben.
Kei stieß ihm tatsächlich die Faust in den Magen, um ihn zurückzuholen. Das war die beste Methode, Colin schnell wieder zur Besinnung kommen zu lassen. Angesichts der Selbstheilungskräfte des Kleineren war das nicht einmal wirklich schädlich.
„Hng!“ Colins Körper wurde durch den Stoß etwas rückwärts geworfen und krümmte sich leicht, als Kei ihn losließ und er zurückstolperte. Er hielt sich ächzend den Bauch.
„Wieder da?“
Colin nickte nur eilig. Sprechen war noch nicht drin. Mühsam richtete er sich auf und tastete nach dem Bett, auf das er sich setzte.
„Danke... aber musste das so fest sein?“ beschwerte er sich schließlich und rubbelte sich über das Gesicht, das er nun auch endlich wieder bewegen konnte.
„Vom Streicheln wirst du nicht wach,“ kommentierte Kei und ließ sich wieder aufs Bett fallen. Von der Tür entfernten sich langsame Schritte. Colin sah kurz zur Tür.
„Man könnte meinen, du hättest Spaß dran, mich zu verprügeln,“ sagte er schlicht und legte sich auch wieder hin, neben Kei.
„Dann würde ich das nicht machen, wenn du versuchst dich umzubringen,“ sagte Kei schlicht und schloss die Augen. Es war noch tiefste Nacht, da war noch ein bisschen Schlaf zu holen.
Nachdenklich betrachtete Colin ihn noch ein paar Minuten lang, bevor er sich wegdrehte und den Schrank anstarrte. Kei brauchte nicht lang, um tief und fest einzuschlafen.

Als er aufwachte, war Colin schon aufgestanden, wie die Tage zuvor auch. Was diesmal anders war, war die Versammlung im Wohnzimmer. Neben Frau Quan und Dennis waren Delilah, Rupert, der Japaner aus Brasilien und noch vier Unbekannte dort. Colin saß auf dem Klavierhocker und aß langsam einen Muffin. Die anderen hielten alle Becher und Tassen mit Kaffee oder Tee in den Händen und waren auf dem Sofa, den Sesseln oder stehend um den Kamin herum verteilt.
Kei ging, nur mit einer schwarzen Jeans bekleidet, nach unten und leise ins Wohnzimmer. „Was is'n hier los?“ fragte er schließlich.
„Wir können ins Schloss zurück,“ sagte Dennis. Die Anwesenden musterten Kei teilweise neugierig und sahen Dennis interessiert an. Außer Delilah, Colin und dem Japaner verstand wohl niemand, was Dennis und Kei von sich gaben. „Hast du dich entschieden?“ fragte er Kei mit seinem typischen gelassenen Lächeln. Colin sah Kei gespannt an.
Der Instanz die Stirn zu bieten ist besser als vor ihnen davonzulaufen und zu hoffen, dass sie uns in Ruhe lassen. Aber das bedeutet auch, nach ihren Regeln spielen zu müssen. Alleine schaffe ich das niemals... Kei wollte sich nicht unterordnen müssen, aber er hatte noch weniger Lust auf ein Leben auf der Flucht. Er überlegte eine ganze Weile, bis er er schließlich eine Antwort verlauten ließ: „Ich bleibe – zumindest vorerst.“
Colin lächelte und sah Delilah mit einem Blick an, der zumindest für sie und Kei eindeutig Triumph ausdrückte. Sie bedachte ihn mit einem schmunzelnden Seitenblick, während Dennis offen grinste.
„Then we'll be off. Rupert, you're taking Colin, Kei, du fährst mit Delilah, and the others know where and how to go,“ verkündete er.
Es folgte allgemeines Rascheln, als alle langsam aufstanden und ihre teilweise nicht ganz geleerten Tassen auf einem Tablett abstellten, das hinter Colin auf dem Klavier stand. Er stand auch auf, damit er sich nicht für jeden Arm ducken musste, der hinter ihn langte. Kei nickte und machte kehrt, Sachen packen. Das waren zwar nicht viele, aber zurücklassen wollte er nichts.

Als er wieder unten ankam, zuppelte Frau Quan gerade an einer Mütze herum, die sie Colin aufgesetzt hatte. Sie schien zu glauben, dass er sich verkühlen konnte. Da es tatsächlich sinnvoll war, seine nun recht auffällige, da beinahe haarlose, Erscheinung unauffälliger zu machen, bemühte Colin sich nicht, dieser netten Frau, deren Gast er nun tagelang gewesen war, zu erklären, dass ihm Kälte nichts ausmachte. Er ließ sie machen und nahm es auch hin, dass sie ihn noch in einen Schal einpackte, was Dennis, der schon in der Tür stand, mit etwas mitleidigem Blick mitansah.
„Schön, dass meine alte Garderobe noch einen Nutzen hat,“ sagte er. Außer ihm, Colin und Frau Quan schienen alle bereits das Haus verlassen zu haben. „Delilah ist bei den Motorrädern neben dem Haus,“ sagte er Kei, als er ihn sah.
Kei, dessen Habseligkeiten auf den Rucksack und die Taschen seiner Jacke, die er seit der Flucht aus Japan besaß, verteilt waren, nickte und schaute kurz leicht belustigt zu Colin hinüber. Dass sein Freund, mit dem er schon so einiges erlebt hatte, in jemandem einen Beschützerinstinkt wecken konnte, wie man ihn einem Kind gegenüber hat, fand er sehr amüsant. Er wäre niemals auf die Idee gekommen auch nur zu versuchen Colin warm einzupacken. Zu guter Letzt und allem Überfluss umarmte und küsste sie Colin auch noch zum Abschied, der sich das verlegen gefallen ließ und sich nett für die Gastfreundschaft bedankte und jegliche Umstände entschuldigte.
„Let him go, mum, we've got to go now,“ steuerte Dennis bei und bekam zur Strafe auch noch eine feste Umarmung mit einer schimpfend klingenden Verabschiedung. Kei lachte und ging an den sich Verabschiedenden vorbei.
„Thanks for having us here,“ steuerte er dazu bei.
„Oh no no there,“ schimpfte Frau Quan streng und packte Kei am Ärmel, um ihn auch noch in eine erdrückende Umarmung zu zwingen. Dessen Reaktion war große Verwirrung und ein Anflug von Überforderung, trotzdem ergab er sich einen kurzen Moment und erwiderte die Umarmung kurz. Dennis' Mutter war die dritte Person, die ihn jemals in seinem Leben umarmt hatte. Nun war Colin mit Grinsen an der Reihe, doch es sah überhaupt nicht hämisch aus. Er schob sich an Kei vorbei und ging mit Dennis hinaus, wo ein rothaariger Mann in einem silbernen Audi wartete.
Nachdem Kei die ältere Dame wieder losgelassen und sich noch einmal wie ein anständiger Japaner verabschiedet hatte, ging auch er hinaus und begab sich mit zügigen Schritten zu Delilah und den Motorrädern. Sie saß bereits auf ihrem und wartete darauf, dass er sich seinen Helm aufsetzte, ehe sie ihm drei behandschuhte Finger zeigte. Der Audi fuhr inzwischen los.
Kei stieg auf das Motorrad und sah sie fragend an. Zeichensprache konnte er nicht. Sie tippte auf ihr linkes Handgelenk und zeigte dann wieder ihre drei Finger.
„Wir fahr'n in drei Minuten?“ versuchte Kei sich an einer Interpretation des Gezeigten. Delilah rollte genervt die Augen und machte eine wegwerfende Handbewegung, ehe sie einfach losfuhr. Kei fuhr hinterher. Sollte sie doch aufschreiben, was sie wollte. Das wäre viel einfacher!

Nach etwa drei Stunden näherten sie sich dem Schloss, diesmal von einer anderen Seite als das erste Mal. Unterwegs hatten sie einmal getankt, und Delilah hatte keinen weiteren Kommunikationsversuch unternommen. Kei war die Ruhe auf der Fahrt willkommen. Nicht, dass Delilah eine wirklich laute Person war, aber auch die Abwesenheit von Kommunikationsversuchen war gut.
Als sie ankamen, parkte Kei sein Motorrad unweit des Autos mit dem Colin und Rupert gefahren waren. In diesem Unterstand waren noch die schwarze Limousine, ein Geländewagen und zwei weitere Motorräder abgestellt. Delilah verstaute ihre Helme in einem Spind, der nebenan in der Garage stand, und begleitete Kei durch den Seiteneingang hinein.
Nachdem Kei erfahren hatte, dass er das gleiche Zimmer wie vor dem Zwischenstopp in dem Haus nach Colins Rettung beziehen würde, brachte er sein Zeug dorthin und warf es einfach aufs Bett. Die Badezimmertür stand offen. Kei ging nachsehen, wer sie göffnet haben könnte und stieß am anderen Ende des Badezimmers auf einen weiteren Schlafraum, der – wie sich bei genauerem Hinsehen herausstellte – Colin gehören musste. Die Jacke, die Mütze und der Schal, die er von Frau Quan bekommen hatte, lagen auf dem Himmelbett, das dem Keis sehr ähnelte. Überhaupt sah das ganze Zimmer fast genauso aus wie seins. Colin selbst war nicht da.
Kei ging zurück in sein Zimmer und packte seine Sachen aus, sortierte sie weg. Da er eine Weile hier bleiben würde, musste er nicht immer aus seinem Rucksack leben. Das hatte Vorteile. Er ging durch das Haus und erkundete es. Bisher hatte er das eher draußen getan.
Die unverschlossenen Türen auf seinem Flur führten fast alle zu weiteren großzügigen Zimmern, die allesamt zum Wohnen eingerichtet waren. Eine einzige am Ende des Ganges, der an einer Wand mit Fenster endete, führte zu einem einfachen, recht engen Treppenhaus mit winzigen Fenstern. Am anderen Ende mündete der Flur in die Galerie über der Eingangshalle. Ging man das Geländer entlang, kam man zu einem weiteren Flur, der fast wie das Spiegelbild des ersten wirkte. Hier waren die Räume nur etwas anders eingerichtet. Unter anderem gab es hier das Büro, in dem die Gruppe Kei empfangen hatte und Kriegsrat hielt und einen Raum mit Billardtisch, Dartscheibe, einer schwarzen Tafel auf die eine Strichliste gezeichnet war, einem großen Sofa, Flachbildschirm, mehreren Spielkonsolen, Kartentisch und anderen deutlichen Anhaltspunkten, die auf ein Spielzimmer hindeuteten.
Im Erdgeschoss gab es neben der Eingangshalle einen Saal mit Kronleuchtern, Wandteppichen, alten Waffen und Fresken an den hohen Wänden, in dem ein langer Tisch mit über zwanzig Stühlen und verschiedenen Beistelltischen stand, die allesamt mit Laken abgedeckt waren. Den hatte Kei schon einmal gesehen, denn die zweite Tür führte zu einem Salon, in dem sie schon gegessen und getrunken hatten. Er war wie ein reiches, sehr altmodisches Wohnzimmer mit Esstisch eingerichtet - oder so, wie Japaner es sich vielleicht vorstellten. Die beiden anderen Türen in diesem Zimmer führten zum einen zurück in die Eingangshalle und zum anderen an der Fensterwand entlang zur Bibliothek. Just aus dieser schwang Kei nun beschwingte, fröhliche Geigenmusik entgegen. Er wusste, dass diese von Colin stammen musste, ging aber nicht nachsehen. Stattdessen sah er sich weiter um. Vielleicht gab es einen Keller in dem auch noch etwas zu entdecken war. Colin zuhören konnte er später.
Er fand eine einfache Tür zum Treppenhaus und fand das Reich der Bediensteten. Es schien im Moment nicht bevölkert zu sein, sah allerdings benutzt aus. Ein großer, offener Raum mit langem Holztisch und einer Holztafel voller Glocken war von der Treppe aus als erstes ersichtlich. Direkt daneben gab es eine Küche, die recht modern eingerichtet war. Hier war nichts abgedeckt oder auf Dauer verstaut, wie es Kei schien, und es standen Kräutertöpfe und Kochgeschirr offen herum. Zwei große Kühlschränke summten an einer Wand.
Einen dunklen Flur entlang gab es noch ein paar verschlossene Türen und einen Raum mit Lebensmittelkonserven, Gemüse, Reis, Nudeln und dergleichen. Beinahe am Ende des Ganges, wo eine Tür nach draußen führte, gab es noch einen offenen Raum, in dem Schuhe, Stiefel, Mäntel und Werkzeuge verstaut waren. Einer der Schränke bot eine Auswahl verschiedener Waffen, und zwei weitere Schränke mit vergitterten Türen lockten mit ähnlichem Inhalt, waren allerdings verschlossen.
„Hello? Can I help you?“ fragte eine weibliche Stimme durch die offene Tür.
„Nah, I'm just taking an inside walk,“ entgegnete Kei leise und machte auch wieder kehrt. Im Schloss – es war ein wirklich großes Schloss – hatte er alles gesehen. So viel Raum für so wenige Leute. Er hatte immer geglaubt, seine Wohnung in Tokyo sei riesig, aber das hier übertraf alles.
Die Frau trat zur Seite, um ihn vorbeigehen zu lassen und sah ihm nach. Sie folgte ihm eine Weile den Gang entlang, bis sie zur Küche kamen, wo sie haltmachte und ihre Schultertasche auf einem Tisch ablegte.
Als Kei aus dem Treppenhaus kam, schloss sich ihm schräg gegenüber gerade die Tür zur Bibliothek, aus der immer noch Colins Musik drang.

Freudestrahlend probierte Colin die Geige aus, die Rupert ihm gerade in die Hand gedrückt hatte. Er hatte sie sofort gestimmt und stellte nun fest, dass sie nicht nur wunderschön und alt war, sondern auch klang, als hätte Antonio Stradivari sie persönlich in die Welt gehext. Rupert saß vor ihm im hohen grünen Ledersessel und lehnte sich gelassen zurück. Er sah und hörte Colin zu, der gleich begann, so gut er konnte, aus der Erinnerung Jesu Joy of Man's Desiring zum besten zu geben. Genüsslich und in aller Ruhe bespielte er die Bibliothek mit den zarten Klängen.
„Bach,“ murmelte Rupert lächelnd.
Kei betrat den Raum leise und setzte sich dort auf den nächstbesten Stuhl, den er finden konnte. Einen lederbezogenen, der neben einem antiken Schreibtisch nahe der Tür stand. Am Schreibtisch selbst lehnte Delilah, die Kei zur Begrüßung anlächelte, ehe sie wieder zu Colin sah. Er stand vor Ruperts Sessel, der friedlich lächelnd zuhörte, und jagte fröhlich durch verschiedene, bekannte klassische Melodien, die er mit ein bisschen Improvisation versetzte wie es ihm gerade einfiel. Auf den beiden Sofas rechts und links des Kamins saßen Jane, die kurzhaarige Frau, die mit ihnen nach London gefahren war, Motoki und ein weiterer Mann, den Kei bereits gesehen hatte aber noch nicht mit Namen kannte. Teils gebannt, teils gespannt sahen und hörten sie Colin still zu.
Colin selbst wirkte etwas surreal, wie er mit seinem Sex Pistols-T-shirt und den zerrissenen Jeans wie ein Skinhead hier in dieser hochherrschaftlichen Umgebung stand und auf einer antiken Violine spielte. Er schien sein Publikum nicht zu beachten und spielte nur vor Rupert. Allerdings sah er auch ihn nicht an, sondern nur die Geige und seine Finger, wenn er die Augen für eine Weile öffnete.
Kei legte sich halb hin, ließ die Beine über die Lehne des Sessels baumeln und schloss die Augen. Das war fast wie zuhause in Tokyo. Er hörte einfach nur zu, während er selbst sich eine neue Gitarre wünschte.
Colins Gesicht und Haltung strahlten die mal friedliche, mal übermütige Stimmung aus, die er augenblicklich mit der Musik ausdrückte. Das schien sich auf die Zuhörer zu übertragen, sodass selbst Delilah und die spröde Jane zwischendurch etwas benebelt grinsen mussten. Als er schließlich, nach langen melodiösen Minuten, endete, klatschten sie, Motoki und der Fremde, und Motoki ließ ein sachtes „Wuhu!“ ertönen.
Kei lag einfach da und gab keine Gefallensbekundungen zum Besten – musste er auch nicht. Colin wusste ohnehin, ob es ihm gefiel oder nicht. Wenn nicht, verschwand der Vampir in der Regel einfach wieder.
Colin grinste verlegen und kratzte sich den stoppeligen Skalp. Als er sich theatralisch verbeugte, bemerkte er Kei und zwinkerte ihm zu.
„Thank you. I needed that,“ sagte er zu Rupert.
„I think we all did. Keep it,“ sagte Rupert leise. Colins Blick wurde ernster und er schluckte, als er sich noch einmal die alte Violine ansah.
Kei, von dem jemand, der ihn nicht kannte, annehmen musste, dass er schlief, bemerkte lediglich, dass Colin ihn bemerkt hatte und hob die Hand zu einem müden Gruß. Ansonsten veränderte er seine Position nicht weiter. Jane und die beiden Männer standen gemächlich auf und verabschiedeten sich. Delilah stieß sich vom Schreibtisch ab und folgte ihnen.
'Wir gehen alle schlafen. Für die meisten von uns war es eine lange Nacht,' erklang die monotone Stimme in Keis Kopf, während sie hinter den anderen hinausging. Kei nahm das zur Kenntnis.
„Colin?“
Colin sah zu Kei, antwortete aber nicht. Er packte die Geige sorgfältig in ihren Kasten, der eindeutig neuerer Machart war als sie selbst. Rupert saß immer noch gelassen in seinem Sessel und sah ihm zu.
„Bist du immer noch sauer?“
Mit dem Geigenkasten im Arm, wie eine Puppe, sah Colin zu Kei, und dann vorsichtig zu Rupert. Der blickte gekonnt desinteressiert aus dem Fenster. Er verstand sowieso nicht, was sie sagten.
„Nein,“ antwortete Colin, während er an Ruperts Sessel vorbeiging. „Aber irgendwie schon. Weißt du überhaupt, warum?“ Er klang nur ein wenig schnippisch.
„Nein, außer – du bist nicht wirklich deshalb sauer, weil ich was unpassendes gesagt habe?“ Das konnte Kei sich kaum vorstellen, aber bei Colin war das durchaus denkbar. Dass er deshalb und nur deshalb so lange angepisst sein konnte...
Colins Augen weiteten sich überrascht, dann ging er weiter auf Kei zu. „Du weißt also immerhin, dass es 'unpassend' war. Herzlichen Glückwunsch. Das war nicht 'unpassend'. Es war ekelhaft.“ Colins Mund verzog sich etwas und er musste sich sichtlich zusammenreißen. Er ging auf die Tür zu.
Kei blieb, wo er war. „Meinetwegen auch das. Soll ich jetzt auf die Knie fallen und um Vergebung flehen?“
„Wär ein Anfang,“ gab Colin kühl zurück und versuchte, eindrucksvoll die Tür zu knallen, was aber ruhmlos misslang, da der Teppich dick und die Tür scheinbar irgendwie gepolstert war. Draußen schnaubte er bloß unzufrieden und marschierte zur großen Treppe. Er hätte Kei gern noch so einiges an den Kopf geworfen, bei dieser seltenen Gelegenheit, zu der der Vampirklotz mal von selber reden konnte, aber mit Rupert im Raum wäre ihm das zu melodramatisch und billig gewesen.


Monday, April 18, 2016

Kei + Colin LXXV: Aus der Hölle


Sie fuhren langsam, und ziemlich offensichtlich einige weite Umwege, auf denen sie erst Delilah und dann Jane verloren. Es dauerte wieder Stunden, bis sie nach Camden kamen. Erst um kurz vor elf fuhr Dennis auf den Parkplatz eines pakistanischen Supermarktes und parkte dort.
Kei sah auf. "Sind wir da?"
"Fast. Der Club ist auf der anderen Seite." Dennis stieg aus und schloss die Tür, dann ging er zum Kofferraum. "Wir können da hinten über die Mauer, wo die Europaletten und die Getränkekisten stehen."
"Dieser Aufzug für die Hintertür?" Kei steig ebenfalls aus und folgte zum Kofferraum, wo er sich zwei Waffen aus der Reisetasche nahm. Dennis zog sich das Jackett aus. Er nahm sich auch ein paar Pistolen samt Gurt und ein paar Magazine.
"Drinnen müssen wir immer noch einen passenden Eindruck machen. Wir können das Auto nur nicht vor der Tür stehen lassen, wenn wir hier auch wegwollen." Er schnallte sich den Gurt um, lud die beiden Glocks und steckte sich vier Ersatzmagazine ein. "Nenn mich Suzuki."
"Was für ein Allerweltsname. Aber gut, du bist der Boss." Kei war sich ziemlich sicher, dass die Typen mittlerweile wussten, unter welchem Namen er unterwegs war. "Matsumoto. Dein Untergebener für die nächste Stunde."
"Für die nächste Stunde?" Dennis zog sich wieder das Jackett über und schloss mit einem süffisanten Lächeln den Kofferraum. "Das bist du schon seit einer Woche."
"Nein, ihr lasst mich nicht tun, was ich will. Das ist ein Unterschied zu freiwilliger Bereitschaft das zu tun, was du willst." Die letzten Tage war Kei dazu gezwungen worden, sich zu benehmen.
"Untergebene erklären sich nicht jedesmal dazu bereit, eine Anweisung auszuführen." Gemächlich schlenderte Dennis auf den Seitenhof zu, auf dem Müllcontainer und besagte Europaletten zwischen vermülltem Gestrüpp untergebracht waren. "Sie müssen nicht immer neu überzeugt werden. Sie führen ihre Anweisungen aus und vertrauen darauf, dass ihr Boss weiß was er tut."
Kei sparte sich die Antwort und ging neben ihm her. Ich vertraue nicht darauf, dass du weißt, was du tust, aber ich hoffe für dich, dass du weißt worauf ihr euch eingelassen habt.
Als sie außer Sicht jeglicher Passanten und Einkäufer waren, sprang Dennis bequem über die etwa zwei Meter hohe Ziegelmauer, von der bereits der weiße Putz abbröckelte. Auf der anderen Seite sah er sich nonchalant um und schob sich die schwarze Brille höher auf die Nase. Hier war noch mehr trockenes Gesträuch mit Papierfetzen und Bierdosen, und in einer Ecke des Hofes stand ein Haufen Sperrmüll herum. Auf eine Tür in der dünnen Holzwand hinter diesem steuerte Dennis gelassen zu.
Kei tat es ihm gleich und sah sich um. Das war der marodeste Hinterhof, den er je gesehen hatte. Hier mit Colin und Verfolgern durchzukommen könnte schwierig werden, wenn das der einzige Ausgang war, wirklich groß war die Tür nicht gerade. Er folgte Dennis in kleinem Abstand.
Im nächsten Hinterhof, der etwas größer und frei von Abfall war, nickte Dennis zu einer Kellertreppe mit grünlackiertem Eisengeländer.
Als sie darauf zugingen, öffnete sich eine schwarze Erdgeschosstür neben dem Treppenaufgang und ein bulliger, glatzköpfiger Schwarzer trat heraus. Er musterte die beiden mit strengem Blick und trat dann stumm zur Seite, um für seine Begleiter Platz zu machen. Es waren zwei Frauen in mittlerem Alter, mit scheinbar sehr teuren, edlen Kostümen und Schmuckstücken am Leib. Dennis blieb stehen, lächelte freundlich und verbeugte sich. Die Damen nickten und gingen geziert die Treppe hinunter. Der Leibwächter behielt alle vier wachsam im Blick und ließ Dennis und Kei scheinbar den Vortritt.
Kei spielte den anständigen Japaner und verbeugte sich ebenfalls zur Begrüßung, ehe er hineinging. Lächeln tat er jedoch nicht.
Im sehr dunklen Vorraum, der wie die Miniaturversion eines alten Kinofoyers aussah, galt alle Aufmerksamkeit den beiden Damen und der Leibwächter beobachtete nun mehr die Kassiererin und die jungen Frauen, die den Damen ihre Jacken abnahmen, als die beiden Japaner. Ein Mädchen in roter Bluse und schwarzer Weste kam auch zu ihnen und grüßte sie lächelnd. Sie streckte ihre Hände aus, um Dennis aus dem Jackett zu helfen, doch er schüttelte nur den Kopf und winkte lächelnd ab. Kei wollte sein Jackett auch lieber anbehalten und sah sich im Raum um.
Dennis ging zur Kassiererin und zählte ihr umständlich einige Pfundnoten auf die Theke. Es sah sehr überzeugend aus, wie er die Zahlen auf den Scheinen studierte und die Frau scheinbar ahnungslos anlachte. Sie lächelte freundlich zurück und sortierte die Scheine weg. Dann gab sie ihm ein paar goldgemusterte blaue Plastikchips und zeigte nickend auf die große Doppeltür neben ihrer Theke.
Kei wartete bis Dennis wieder da war, sich fragend, wozu diese Plastikchips bestimmt waren. Sein werter Herr Verwandter würde ihm das sicher gleich berichten. In der Tat zeigte Dennis sie ihm, sobald er zu Kei zurückgekehrt war. Seine Maske aus freudiger Erregung aufrechterhaltend, erklärte er: "Die hier sind zum Wetten. Du kannst auf die Kämpfer setzen. Muss man nicht, aber die ersten zwei Chips sind im Eintrittspreis inbegriffen." Er hielt Kei zwei der vier Chips hin und lachte die beiden Damen an, die nun etwas freundlicher lächelnd an ihnen vorbeistolzierten und mit ihrem Leibwächter durch die edle Doppeltür schritten.
"Meinen Wetteinsatz behalte ich lieber für mich." Er nahm die Chips trotzdem an sich und steckte sie weg. "Du wirst mir sicher nicht erzählen, was wir genau vorhaben, oder?"
Dennis ging auf die Doppeltür zu und winkte Kei hinter sich her. "Wir warten, bis er rausgeschickt wird. Vorher bekommen wir ihn nicht zu Gesicht. Dann müssen wir sehen, wie viele Zuschauer es bei dem Kampf gibt und ob wir ihn unterbrechen können. Vielleicht können wir einen Zwischenfall verursachen, um ihn aus der Grube zu holen. Vielleicht können wir beobachten, wohin er hinterher weggesperrt wird und so herausfinden, wo sie ihn halten..." Dennis sah skeptisch aus. "Allerdings ist das... unwahrscheinlich. Er soll ja angeblich gegen das Konstrukt antreten."
Dass dabei die Wahrscheinlichkeit eines Hinterher-weggesperrtwerdens ziemlich gering ausfallen würde, musste er nicht aussprechen.
"Wir stellen wir das an? Reinspringen und um uns ballern ist wohl keine Option."
Dennis schüttelte den Kopf. Hinter der Doppeltür gab es noch einen Vorraum, weniger edel und ohne Teppichboden, aber größer und mit einer dunklen Spiegelbar, Sofas, Sesseln und Tischen, und mit einer großen Tafel auf der einen Wand und großen Flachbildschirmen an den drei anderen. Auf ihnen waren zwei verschiedene kleine Hallen zu sehen, die beide tiefe runde Becken in der Mitte des Fußbodens hatten. Um sie herum gab es metallene Geländer und viel Platz zum Gehen, dann tribünenartig an den hohen Wänden hochgebaute Zuschauerbänke, sogar mit Balkons, auf denen Sessel standen.
Eine der Gruben war wie ein Schwimmbecken gekachelt und braungefleckt, die andere sah einfach nur schwarz aus. Sie waren beide mit Kuppeln aus Eurodraht überzogen, der allerdings so grobmaschig darübergenetzt war, dass er die Sicht auf das Geschehen darunter nicht behinderte und ein normal großer Mensch mit angelegten Armen bequem hindurchpassen würde.
Auf den Monitoren war auch zu sehen, dass bereits einige Zuschauer auf den Bänken um die dunkle Grube herum platzgenommen hatten. Scheinbar wurden dort gerade verschiedene Scheinwerfer ausprobiert, und ab und zu drangen metallene Geräusche in diesen Barraum, wo sich die Gäste laut unterhielten und diskutierten. Vor der Tafel standen zwei Männer, die sie beschrifteten. In einer Zeile stand:
'Construct VS Ghoul'
Was haben sie mit dir angestellt? Kei sah sich um und verbarg seine Verachtung hinter einem Gesicht aus toter Gleichgültigkeit. Seit Colin gefangengenommen worden war, hatte er kein Bisschen Farbe mehr im Gesicht. Mit der dunklen Sonnenbrille und den schwarzen Haaren sah er aus, als wäre er entweder tot oder seit fünf Jahren nicht mehr in der Sonne gewesen.
Dennis' fröhliche Touristenmaske erstarrte für ein paar Sekunden, als er sah, wie die Einsätze auf das Konstrukt notiert wurden, und ging gemächlich auf eine Tür zu, in der eine Art Bullauge saß. Sie führte in die Halle mit der dunklen Grube.
Just in den Moment drang die Ansage durch alle Räume, dass es nun halb zwölf sei und die Kämpfe bald beginnen würden. Hinter Kei und Dennis drängten sich nun relativ gesittet mehr Gäste und strömten in die Bankreihen.
"Lass dir was einfallen, Meister der Pläne. Lange warte ich nicht." Kei ließ sich in der vorderen Bankreihe auf einen Sitzplatz fallen. Dennis setzte sich neben ihn und rieb sich angespannt über die Knie, während er sich umsah.
"Ich bin für jeden Vorschlag dankbar."
"Kriegen wir die Leute hier raus? Mit 'nem Feueralarm oder so? Ich schlag derweil Colin und den Gegner K.O. und bring ihn raus."
Das Licht wechselte und klassische Musik begann zu spielen. Unter der Decke über der Kuppel strahlten zwei Beamer zwei gegenüberliegende Wände über den Tribünen an, die beiden, über denen keine Catwalks mit Balkons angebracht waren.
"Welcome, Ladies and Gentlemen, welcome! The match will begin in a short while, but until then, let us reprise and enjoy the previous fights of today's esteemed contestants!" tönte es aus Lautsprechern, während Bilder von einer riesigen, metallbewehrten Figur, die unter Kreischen und Knacken irgendwelche armen Teufel in ebendieser Grube zerfetzte, über die beiden Wände flackerten.
"Gute Idee... das mit dem K.O.-Schlagen kannst du vergessen. Die Ablenkung ist aber gut..." sagte Dennis.
"Wenn mir jemand das Konstrukt vom Hals hält, kann ich auch versuchen ihn zu überreden..." Denken tat Kei an etwas anderes.
"The Construct, undisputed champion for almost a year now, an immortal tank, it would seem, with sixty-four wins and only two losses under its steely belt -"
"Ich weiß nicht, ob sich das da -" Dennis nickte zu den Bildern an der Wand, die nun zeigten, wie unmenschlich riesige Pranken einen Mann in der Mitte durchrissen - "ablenken lässt. Aber ich kanns versuchen."
"Umbringen geht auch."
"Today facing a surprising newcomer, a human -" Nun war die gekachelte Grube zu sehen, in der sich zwei menschlich aussehende Kontrahenten gegenüberstanden. Ein sehr muskulöser Mann in Arbeitsstiefeln und Overall schwang eine dicke Kette, die sich um das Bein eines blassen blonden Jungen wickelte. Er war von Blutergüssen in Form der Kettenglieder bedeckt, was dadurch gut zu sehen war, dass er außer einer zerrissenen Jeans überhaupt keine Kleider trug.
"Das haben schon viele versucht. Ich weiß nicht, ob man das Konstrukt töten kann."
Von Colins Anblick auf dem Bildschirm war Kei entsetzt und auf eine merkwürdige Weise fasziniert, was vor allem der relativ kleiderlosen Brutalität geschuldet war. "Okay, irgendwie kampfunfähig für ein paar Minuten."
Der Mann riss den Jungen zu Boden und zog ihn zu sich. Als er vor ihm lag, schnappte etwas, das um die rechte Hand des Jungen geschnallt war, hervor und wurde unter das Kinn des Mannes gestoßen. Colin zog seine Klingen wieder herunter und blieb liegen, während der Mann über ihm wankte und einen Blutregen losließ.
"Das kriege ich hin. Einen Feueralarm gibt es sogar. Ich werde unseren Leuten draußen bescheid sagen. Die kümmern sich darum. Ich um das Konstrukt, und du schaffst ihn raus."
"Alles klar." Ein blutiger Colin. Welch herrlicher Anblick. Amok laufen konnte er danach. Würde er auch. Wenn auch nicht an diesem Tag. Colin war wichtiger. Er sah wieder kurz auf den Bildschirm mit dieser Mischung aus Verachtung und Faszination.
"Three wins and no losses so far, and this boy has bested even our seasoned favourite, James Phelps' Big Brother."
Nun zeigten die Bilder, wie Colin auf dem zusammengesackten Fleischberg kniete und ihm mit seiner Messerhand eilig den Rücken aufriss, um mit seiner freien Hand Rippenstücke herauszunehmen und dann einen großen Lungenfetzen hervorzuholen, den er sofort gierig zu fressen begann.
"You can see why we think it's time he met the Construct - we have only so many other opponents, after all." Einige Zuschauer lachten.
Kei wartete. "Gib mir ein Zeichen, wenn's losgeht." sagte er ruhig.
Dennis nickte und sah sich weiter die Montage an. Es wurden noch mehr Szenen gezeigt und dabei Musik gespielt, die nun vom klassischen Orchester abgerückt und zu finsterem Industrial übergegangen war.
Es kamen noch mehr Zuschauer dazu, bis es fast zwölf Uhr war. Die Musik schwoll weiter an und der Film hörte auf. Nun wurden dafür Scheinwerfer auf die Grube gerichtet.
Keis Gesicht war versteinert auf die Grube gerichtet. Er wartete. Die blauen Augen hinter der Sonnenbrille verborgen.
In der schwarzen Wand der Grube öffnete sich knarrend eine schwere Stahltür. Der Gang oder Raum hinter ihr war finster.
"The challenger, the human! Who devours his opponents - but will he choke on the hard steel of the Construct? I give you - The Ghoul!"
Die Zuschauer jubelten und klatschten, während aus der Schwärze hinter der geöffneten Tür Colin hevortrat - oder mehr, geschubst wurde. Seine Arme waren mit dicken Eisenriegeln hinter seinen Rücken gefesselt, seine Fußknöchel mit einer kurzen Kette, und um den Kopf trug er ein Eisengestell, das etwas an ein mittelalterliches Folterinstrument erinnerte.
Kei blieb sitzen, ließ sich nichts anmerken. Wäre er ein Mensch mit funktionierenden Emotionen hätte er sich jetzt übergeben. Aber er war kein Mensch und funktionierende Emotionen kannte er nicht. Das Entfesseln seines Freundes durften diese Wichser gerne übernehmen, für den Rest würde er sorgen.
Gegenüber von Colin, in der Wand, die Kei und Dennis nicht direkt sehen konnten, öffnete sich ebenfalls eine Tür. Die hinter Colin war noch offen. Von den Eisenbändern um seine Unterarme aus führten ein paar dünne Stangen in das Dunkel hinter ihm hinein. Er bewegte minimal den Kopf, als sich die zweite Tür öffnete, und riss die Augen auf, während er weiter nach vorn geschubst wurde. Gleichzeitig klickte und knackte es um ihn herum und seine Fesseln öffneten sich. Er riss sich den Käfig vom Kopf und warf ihn auf den festgetretenen Erdboden, wo er rasselnd liegenblieb. Ein kleineres Eisengerät wurde neben Colins Füße geworfen, bevor die Tür hinter ihm zufiel. Ihr Krachen schien nicht aufzuhören sondern nahtlos in ein lautes, kreischendes Rasseln überzugehen, das lauter wurde, als das Konstrukt in die Grube trat. Das Publikum johlte.
Colin war in die Knie gegangen, um seinen Klingenhandschuh aufzuheben und umzuschnallen, während er mit konzentriertem, hungrigem Blick das nicht mehr ganz menschliche Wesen aus Muskelbergen und Eisenplanken vor sich in Augenschein nahm.
"Jetzt," flüsterte Dennis und stand auf.
Kei wartete auf den Feueralarm, der die Menschen ablenken sollte. Er blieb sitzen, war aber dazu bereit sofort auf Colin zu springen - oder neben ihn.
Ein rotes Blinken, begleitet von einem durchdringenden Brummton, erfüllte die Halle.
"Fire!" rief einer der Buchmacher, der in die Halle gestürzt kam.
Die Zuschauer drehten sich verwirrt auf ihren Sitzen, einige standen auf und gingen eilig zum Ausgang.
Derweil schritt das Konstrukt mit erhobenem Arm auf Colin zu, der überrascht aufblickte. Kei sprang dazwischen. Den klingenbestückten Drähten über der Grube wich er dabei mit Leichtigkeit aus.
"Time to go! Kommst du freiwillig oder muss ich dich zwingen?"
Die meisten Zuschauer waren nun etwas hastiger unterwegs, während Rauch aus dem Vorraum in die Halle drang. Unpraktischerweise schien dies aber der einzige Ein- und Ausgang zu sein.
Dennis stand hinter dem Konstrukt am Geländer, das er krampfhaft umklammerte, während er angestrengt auf den Fleischbatzen starrte, der der Kopf des Konstrukts sein musste. Es schwang seinen stachelbewehrten Arm und rammte ihn desorientiert neben Kei in den Boden. Es krachte und kreischte, schwarze Krustenflocken stoben auf und Colin riss seine Arme vor das Gesicht. Er starrte Kei erstaunt an.
Das Konstrukt blieb so stehen und begann zu zittern.
Dennis ächzte angestrengt.
Kei warf sich Colin über die Schulter. "Wir reden später. Suzuki-kun! Wir gehen." Er machte mit Colin einen Satz aus der Grube. "Erkennst du mich?" Er mischte sich mit Colin unter dem Arm, dem er schnell sein Jackett übergeworfen hatte, zwischen die hinausdrängenden Besucher. Dies war der einzige Weg nach draußen.
Mit einem saftigen Knirschen und Erschaudern all seiner Metallteile platzte dem Konstrukt der Kopf und Dennis stöhnte erleichtert auf, während er schon zu laufen begann.
Colin ließ Kei ihn festhalten, sagte aber nichts und schien ihn auch gar nicht zu hören, er sah ihn nur zwischendurch mit großen Augen an. Ihn und die Nachzügler des Publikums, die vor ihnen in den verrauchten Vorraum eilten, wo man nichts mehr sehen und ganz sicher nicht mehr atmen konnte. Colins Füße waren von dem Klingendraht über der Grube aufgerissen worden, als Kei ihn herausgezogen hatte, aber das schien ihm überhaupt nicht aufzufallen. Er hinterließ nur humpelnd eine fleckige Blutspur.
Dennis flankierte ihn und versperrte so effektiv die Sicht auf seinen rechten Arm mit der Klingenhand.
Kei führte ihn nach draußen und rannte los sobald sie aus Gebäude und Rauch raus waren. Sehr schnell war er mit Colin in den Hinterhöfen verschwunden. "Das Auto. Schnell," teilte er Dennis mit.
Colin ging mit, versuchte aber unterdessen, das Jackett und Keis Griff abzustreifen. Scheinbar störten sie ihn.
Dennis nahm den direkteren Weg und sprang blitzschnell über die Zäune und Mauern auf den Parkplatz. Innerhalb von Sekunden saß er im Wagen, hatte ihn gestartet und war damit vor die Mauer gefahren, wo er per Knopfdruck die Rücksitztür öffnete.
Kei beförderte Colin ins Auto und setzte sich dazu. Sobald die Tür zu war ließ er ihn los. "Tut mir Leid, dass das so lange gedauert hat."
Dennis raste sofort los.
Colin rappelte sich auf und setzte sich hin. Staunend betrachtete er das Innere des Autos, hielt sich am Sitz vor sich fest, wenn es in Kurven und beim Bremsen und Beschleunigen heftig wackelte, und schließlich sah er Kei genau an.
"... Macht nichts," sagte er.
Auf einmal lachte er kurz, was genausogut ein Schluchzen sein konnte, und hielt sich dann mit einem ungläubigen Starren den Mund zu. Seine Augen wurden nass.
Kei nahm ihn in den Arm und hielt ihn leicht fest. Macht doch was... Ich hätte früher da sein müssen...
Colin umklammerte ihn seinerseits, richtig fest.
Das ist ein Puls. Ich habe einen Puls. An Keis Hals holte er tief und schaudernd Luft.
"Festhalten," warnte Dennis, bevor er viel zu schnell in eine Neunziggradkurve ging und sich die linke Seite des Autos von der Straße hob.
Kei drückte ihn ein wenig dichter an sich. Blut durch seinen Körper fließen zu spüren war ein angenehmes Gefühl. Er mochte es sehr. Kei hielt Colin fest, als sich der Wagen hob.
Dennis fuhr stumm weiter und während die Gebäudekulisse draußen abnahm, wurde er langsamer und hielt sich irgendwann an die Verkehrsregeln.
Colin hielt Kei weiter fest.
Das ist mein H- SEIN HERZ! Ich kann sein Blut hören. Das riecht so gut. Sein Gesicht behielt er an seinem Hals vergraben, im weißen Hemdskragen, der nun allmählich feucht wurde.
Kei störte es nicht, dass sein Hemd - es war nicht einmal seins - nassgeweint wurde. Dem Vampir wurde allmählich warm und es kehrte etwas mehr Farbe in sein Gesicht zurück - er sah nicht mehr ganz tot aus.
"Wir sind 'ne Weile unterwegs. Du kannst schlafen, wenn du willst."
"Nein," flüsterte Colin.
Er wollte nicht schlafen. Er war nicht müde. Wenn er jetzt schlafen würde, wäre das hier vorbei. Vielleicht würde er nicht aufwachen. Vielleicht würde er da aufwachen, wo er hingehörte.
Nein. Diese Autofahrt konnte seinetwegen ewig dauern.
Er lockerte seinen Griff um Kei.
Der lehnte sich leicht an Colin. "Okay." Die Fahrt würde noch eine Weile dauern. Eine ganze Weile. Schlafen ist gar keine schlechte Idee... Er wollte nicht einschlafen, auch wenn neben Colin einschlafen eine herrliche Aussicht war.
Colin behielt Kei im Arm und sein Gesicht auf dessen Schulter, bis Dennis den Mercedes Stunden später schließlich anhielt. Er hatte zwischendurch die Augen geschlossen, aber sehr genau darauf geachtet, dass er nicht einschlief.
"Wir bleiben erstmal hier. Morgen können wir vielleicht ins Schloss zurück," erklärte Dennis, als er den Motor ausschaltete. Draußen dämmerte es.
"Alles klar. Sind sie uns gefolgt?" Kei erhob sich vorsichtig. "Komm mit. Wenn du müde wirst, dann schlaf. Ich pass auf."
Vorsichtig und langsam stieg er aus dem Wagen.
"Sehr wahrscheinlich. Ob wir sie abgeschüttelt haben, wird sich jetzt bald herausstellen." Dennis sah sich um, während die beiden ausstiegen. Sie waren wieder beim Safehouse vom Vormittag. Weder Delilah und Jane noch ihre Motorräder waren zu sehen.
Colin folgte Kei. Er humpelte nicht mehr und die Schnitte an seinen Füßen waren verheilt. Er nahm Keis Hand mit seiner freien (an der rechten trug er immer noch den Klingenhandschuh) und sah sich auch um. Es war niemand auf der Straße zu sehen. Gerade gingen die Straßenlaternen an.
Kei hielt Colins Hand fest. "Haben Delilah und Jane einen Umweg genommen?" erkundigte er sich, sein Interesse galt jedoch seinem Freund. Den führte er in das Gebäude. Sicher war sicher. Colin und er sollten vielleicht nicht gesehen werden.
Die quakende Dame schien nicht anwesend zu sein. Das Haus war dunkel. Dennis folgte ihnen hinein und schloss die Tür ab.
"Sie kommen nicht her. Sie waren mit dafür zuständig, von uns abzulenken... Ich sage besser nicht, wo sie hin sind... wenn man verfolgt wird, ist es am besten, sich zu trennen, und nicht zu wissen, wo die anderen hingehen." Er warf seine Mütze auf einen Hutständer und deutete auf die Treppe. "Da oben sind Schlafzimmer. Und ein Badezimmer."
Er drehte sich um. "Ach ja, ich muss mich noch ums Auto kümmern. Ich bin gleich zurück." Er gab Kei den Hausschlüssel und ging wieder hinaus.
Kei nahm den Schlüssel entgegen und führte Colin ins Haus nach oben, wo seine erste Tat war, den Anzug loszuwerden.
Colin blieb bei der Tür des Schlafzimmers stehen und sah unschlüssig aus. Er sah Kei beim Ausziehen zu. Währenddessen begann er, etwas auf und ab zu gehen. Die Messer an seiner Hand schnappten vor und zurück.
Kei zog seine Hose vom Morgen wieder an. "Meinst du, dass du die Messer brauchst?" fragte der Vampir leise. Dass seine eigenen Kleidungsstücke von Waffen nur so wimmelten, ließ er unbeachtet. Colin offen bewaffnet zu sehen war er nicht gewohnt.
"Ich weiß nicht," erwiderte Colin sachte. Wahrscheinlich nicht. Aber das hatte er zwischendurch immer wieder geglaubt, und dann - "Ich weiß nicht," sagte er noch einmal, etwas nachdrücklicher.
Er starrte fasziniert auf die bunte Geisha auf Keis Rücken.
Sollte er sie haben. Kei machte das nichts aus. "Dann behalt sie bei dir. Vielleicht brauchst du sie noch." Er war nicht davon überzeugt, aber wenn die Kerle noch mal auftauchten, konnten Waffen nützlich sein. Kei schaute ihn leicht lächelnd an. "Das kennst du doch schon," kommentierte er Colins Blick.
Colin nickte langsam. Sein Blick war nun ein wenig misstrauisch und er schien Kei vorsichtig zu mustern.
"Nicht für mich. Die anderen tun dir auch nichts. Aber wenn wir unangenehmen Besuch kriegen, dann kannst du deine Messer brauchen," erklärte Kei mit leicht fragendem Gesicht.
"Kriegen wir den?" fragte Colin in einem Ton, der Kei unterstellte, darauf die Antwort zu wissen. Er machte einen Schritt auf Kei zu.
"Ich gehe nicht davon aus, dass wir ihn sehr bald kriegen, aber kriegen werden wir ihn."
Colin machte noch einen Seitwärtsschritt auf Kei zu.
"Wie heißen meine Freunde?" fragte er.
"Welche meinst du?"
"Von zuhause. Wie heißen sie... wie heißt mein bester Freund?" Er kam noch ein Stück näher und streckte die freie Hand vorsichtig nach Keis Schulter aus, wo die Tätowierung etwas heraufkroch.
"Shingo. Er war in unserer Klasse."
Colins Finger strichen über die filigranen Ausläufer der großen Tätowierung und seine Augen wurden groß.
Kei lächelte ein wenig und musterte Colin. "Was is?"
Mit plötzlich wieder feuchten Augen sah er Kei ungläubig an, mit einer Mischung aus Schrecken und Freude in seinem Blick.
Kei schaute ihn fragend an. "Ich kann immer noch keine Gedanken lesen," verkündete er lächelnd.
Colin nahm seine Hand zurück und begann zu weinen. Ungeduldig und ungeschickt rupfte er an seinem Messerhandschuh herum, um ihn sich von der Hand zu reißen. Das funktionierte nicht gleich, weil er die Schnallen nicht zu fassen bekam, und so beugte er sich hinunter und klemmte ihn sich zwischen die Knie, um ihn abzuziehen. Als das auch nicht ging, knurrte er ein frustriertes Schluchzen und schlug mit dem Eisengestell auf den Bettpfosten.
Kei nahm seinen Arm, nachdem er sich neben Colin auf den Boden fallen gelassen hatte, hielt ihn fest und war beim Schnallenöffnen behilflich.
Colin schniefte und atmete schaudernd aus. Kaum dass der Handschuh gelöst war, drehte er sich zu Kei um und drückte sich an ihn. HOLY SHIT, THIS IS REALLY REAL. IT'S REAL THIS TIME.
Kei umarmte ihn. Er wusste nicht so ganz, wie er mit dem gerade aus der Hölle befreiten Colin umgehen sollte. Er war einfach froh, ihn wieder bei sich zu haben. Keis Gedanken liefen in viele Richtungen auf einmal.
Colins dagegen rannten im Kreis um eine winzige, wichtige Tatsache herum: Kei war echt.
Er hielt Kei fest und weinte weiter. Das konnte er nicht abstellen, und es machte ihm auch überhaupt nichts aus, dass er gerade Rotz und Wasser heulte und wimmerte wie ein Hund, er merkte es nicht einmal wirklich. Kei war wirklich echt.