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Sunday, August 7, 2016

Kei + Colin LXXXII: Gute Vorsätze


Was sich drinnen und im angeschlossenen Badezimmer abspielte, war ebenfalls ruhig und gemächlich. Rupert tat, was er angekündigt hatte, ließ Badewasser einlaufen und nahm die vollgebluteten Kleider an sich, die Colin sich vorsichtig auszog. Als er das Oberteil und den kurzen Mantel wegwerfen wollte, bat Colin darum, sie behalten zu dürfen, weil sie doch neu seien und Rupert sie ihm gerade erst gekauft habe. Er werde versuchen, sie irgendwie sauberzukriegen.
Er war etwas wackelig auf den Beinen, weil sein Körper momentan kaum Blut enthielt, also ließ er sich beim Aufstehen, Ausziehen und in die Wanne steigen von Rupert stützen. Dabei war er nicht nur vorsichtig sondern auch besonders leise, um auf Keis Gitarre zu horchen. Mit friedlicher Bedächtigkeit wischte er auf dem Schaum herum, der wie das Wasser sofort stellenweise dunkler wurde, während das Blut auf seiner Haut aufweichte. Langsam und vorsichtig wischte er sich mit warmem Wasser über das Gesicht. Rupert saß zwei Schritte entfernt daneben, mit gefalteten Händen und auf seine Knie gestützt auf dem Klodeckel, und beobachtete Colin ernst.
Als Colin das Lied zu erkennen meinte, dessen Gitarrenbegleitung Kei draußen auf dem Flur spielte, lächelte er leise. Kei wurde irgendwann etwas lauter mit der Gitarre, weil ihm eigentlich egal war, ob er jemanden damit stören könnte.
Sachte begann Colin, Teile des Textes in sein warmes rosa Badewasser zu flüstern. Es war das Lied, das er an Neujahr für Kei in der Karaokebar in Tokyo gesungen hatte.
Bis Rupert ihn unterbrach.
„Tell me about Kei.“ Die Aufforderung war leise, aber bestimmt und von einem besorgten Stirnrunzeln begleitet. Colins Lächeln flachte ab und er wischte erst noch nachdenklich in seinem Schaum herum, bevor er leise zu erzählen begann. Zuerst fiel Colin ein, dass er vielleicht fragen sollte, was Rupert über ihn wissen wollte. Doch dann entschied er sich dafür, Ruperts Wohlwollen und Geduld auszunutzen, und ihm genauso von Kei zu erzählen, wie Rupert ihm gerade vor wenigen Minuten von seiner Mutter erzählt hatte. Colin hatte kaum Fragen gestellt und hatte nichts bestimmtes wissen wollen. Er hatte Rupert einfach erzählen lassen und friedlich zugehört. Und Rupert fragte ihn nun auch nichts, sondern saß bloß stumm da.

Derweil begann Kei auf dem Flur damit, verschiedene Lieder zu spielen, die er mit irgendeinem Tag verband, den er mit Colin erlebt hatte. Suna no Shiro von Mucc, das er selbst an Neujahr gesungen hatte, war das nächste.

„He's strange. And very dangerous and interesting. And cold. And talented. And serious. ... When I met him... I mean, really met him, not just in class... but even then... he was terrifying.“ Colin sprach leise und langsam. Eigentlich murmelte er nur verwirrt vor sich hin. Einiges flüsterte er beinahe andächtig. „When you look at his eyes, and they look back at you... you freeze or you melt. It makes you dizzy. ... You know he's actually in love with me? Me. I know that. I know. I do. ... Most of the things that happened weren't his fault. ... I know that...“ Er sprach hauptsächlich mit dem duftenden Badeschaum vor seinem Gesicht. „You know... No. ... I should be scared of him, do you think... You know... there was this one bloke who filmed us when we... the guy tried to blackmail me and Kei had him beaten up. And then he killed him a couple of days later.“
Nun wandte Colin ein wenig den Kopf zu Rupert, um ihn aus dem Augenwinkel anzusehen. Sein böses Schmunzeln lag etwas unter Wasser. „He'll snap the neck of anyone who touches me.“ Dann wurde sein Lächeln dünn. „He'll snap mine, too. Eventually. He might as well.“ Er tauchte sein Gesicht kurz unter und wischte sich dann darüber. „He doesn't give two flying fucks about me, really. I belong to him, that's all. He's selfish.“

Kei spielte draußen munter weiter und bewies, dass er auch lebhafte Lieder beherrschte. Colin wusste das allerdings. Naja, vielleicht hatte er es ja vergessen... Jedenfalls war Kei laut genug, drinnen im Badezimmer sehr gut gehört werden zu können.

Colin musste etwas blinzeln. Aber er wusste nicht, ob es die Seife war, die ihm in den Augen stach, oder etwas das nichts mit dem Badewasser zu tun hatte. Mittlerweile hatte er seine Stimme wiedergefunden. Er sprach immer noch ruhig und langsam und mit vielen Denkpausen, doch er war weniger entrückt und hatte normale Redelautstärke erreicht. Außerdem musste er nun nicht mehr darauf achten, Keis Musik nicht zu übertönen, denn die war nun ein wenig lauter geworden.
„You know... If I could... If I could... I keep dreaming of him. Since the pits. Before, as well. But now it's... almost like an alternate reality. ... I keep imagining him as someone with actual feelings... in another world... Who doesn't save me from kidnappers, torturers and rapists... Who takes me for a stroll in a park, holds my hand and smiles at me... who's soft when he does things. And nice. And happy...“ Er klang wieder nachdenklicher. Nach einem weiteren verschämten Tauchgang fuhr er fort: „One time, he took me hiking. And we sat down on a cliff in the heather. And he came really close... and recited Shakespeare... But that never happened. Because it was near where my granddad lives... and I remembered we never got to Scotland after all.
„And one time, we were in a pub and he played to me. And he smiled the whole time. Another... he... when he does things...“ Mit geschlossenen Augen rutschte Colin langsam unter Wasser und blieb dort. Ihm war gerade bewusst geworden, dass er Rupert beinahe von Sex mit Kei erzählt hätte. Er musste davon erzählen, aber Rupert? Der war nun praktisch ein Elternteil. Und... das war viel zu privat.
Beinahe weinte er unter Wasser, oder es war tatsächlich die Badeseife, die ihm in den Augen brannte, und er tauchte wieder auf, kurz bevor Rupert aufstehen wollte um ihn herauszuziehen.

Kei spielte draußen weiter. Fröhlichere Lieder. Diesmal spielte er World is Mine von Plunkrock.

„I can't-! I don't know how-! I don't-!“ Frustriert patschte Colin mit der Faust auf die Wasseroberfläche. Aber nur sehr halbherzig. Rupert neigte nur etwas den Kopf und hörte und sah weiter genau zu. „I can't keep going-! This is...“ Colin wischte sich über das Gesicht. Nun wusste er sicher, dass er weinte. „It's not even his fault. He doesn't understand anything. I... He doesn't know how... He doesn't see it. Or he doesn't know how to...“ Er gab ein frustriertes Ächzen von sich. Rupert kaute mit besorgtem Blick auf seiner Zunge herum.
„Is that why you want to die?“ wagte er. „Because of him?“
„I don't want to die, for fuck's sake...“ Colin schnaubte etwas genervt, aber sprach ruhig weiter. „I can't die. I just don't want to go on living.“

Kei, sehr gut darin höflich und unhöflich zur gleichen Zeit zu sein, machte mit der akustischen Belästigung seiner Umgebung weiter um sich davon abzuhalten, den beiden zuzuhören.

„Why?“ fragte Rupert weiter.
Colin lehnte sich zurück und sah an die Decke. Sogar die sah edel aus. Er schloss die Augen, um über seine Antwort nachdenken zu können. Keis Musik war nicht mehr auszublenden. Und sie veranschaulichte so wunderbar, was ihn kaputtmachte. Es passierte genau jetzt und er musste nichts weiter tun, als dieses augenblickliche Empfinden zu beschreiben.
„Because half of what he does is amazing. And the other...“ Die fröhliche Musik schob sich durch seinen Körper wie ein scharfer Hobel, der tonnenschwer Teile seiner Seele abraspelte, mit jedem Akkord und jedem Takt. „It's a punch in my guts!“ rief er, damit Kei ihn auch hören konnte.

Tat er. Aber weil er den Rest des Satzes nicht kannte, nahm er sich vor, später danach zu fragen.

Colin sah den immer besorgteren Rupert mit verzweifeltem Trotz an und sprach beinahe so laut weiter: „Do you know how often I've been kidnapped and raped? Neither do I! I've been drugged and unconscious and I JUST LOST COUNT!“ Er sah Rupert nicht einmal mehr direkt an, sondern irgendwie durch ihn hindurch oder knapp an ihm vorbei, sodass dem Mann trotz seines Schreckens über das, was Colin da von sich gab, sofort klar war, dass der Junge nicht ihn anschrie.

Kei hörte das und sollte er mit dem Anschreien gemeint gewesen sein, hätte er ‚Neither do I know‘ zurückgeschrien. Das wollte er allerdings nicht. Zum Einen, weil er wusste, dass Colin das klar war und zum Anderen, weil es nicht seine Schuld war.

Colin stützte sich auf den Badewannenrand und beugte sich darüber vor. „ASK him how defective I am. I can tell you right now what he'll say.“ Das Folgende schleuderte Colin auf Japanisch in den Raum, sodass Rupert nur verständnislos zurückstarren konnte. „Du bist viermal entführt worden, einmal gestorben, hast diverse Male versucht, dich umzubringen, du warst 'ne Untergrundkäfigkampfattraktion, sie wollten dich zu 'ner Crackhure machen, du hast deine abgeschlachtete Familie an Heiligabend gefunden... Du bist also ziemlich kaputt!“ Er hatte sich große Mühe gegeben, nicht zwischendurch zu schluchzen, aber es passierte trotzdem. „He actually said that! Word for word! I'll never forget it! He said that to me!“

Kei wusste, dass Colin deshalb sauer war, aber, dass er sich alles, was er unglücklich formulierte, so sehr zu Herzen nahm, war ihm nie richtig bewusst gewesen.

„He always helps me out when it counts. He's always there when I need him. And then he takes over. He always pulls me out of the deepest shit. He's saving me all the time, from everything. Just so that he can finish me off himself.“ Colin setzte sich wieder hin. „I can't stop letting him. I'll let him treat me any way he wants, literally. But it's... I wish I had an empty chest. I could bear it then.“ Nun sprach er tatsächlich wieder mit Rupert, aber wieder ohne ihn anzusehen. „You know how everything clenches in your ribs? Like something's tugging on it and twisting everything in there... that's when I've wished too much. And he's strangling it all, my lungs and heart and everything, and he doesn't even know.“

Kei wurde mit der Gitarre etwas leiser, als er anfing, wieder ruhigere Lieder zu spielen.

Zeitgleich wurde Colin auch wieder leise und verstummte schließlich ganz. Rupert wartete noch lange stumm und beinahe reglos, bis Colin ganz aufgehört hatte zu weinen, der Schaum komplett verschwunden war und sich sämtliches Blut von Colins Haut im Wasser aufgelöst hatte. Wortlos einigten sie sich darauf, dass er nun hinauskonnte, und Rupert holte ihm ein Handtuch aus dem Schrank und den großen, weichen Bademantel aus dem Schlafzimmer, während Colin das dunkle Wasser ablaufen ließ und sich selbst und die Badewanne noch mit klarem Wasser abspülte.
Zurück in Colins Zimmer sagte Rupert noch etwas, gedämpft von dem flauschigen Stoff des Bademantels auf Colins Schulter, während er ihn umarmte. Als er ihn losließ, schloss er mit: „Your mother was my Kei,“ und lächelte dabei leise.

Kei hatte keine Ahnung wie spät es war und hatte das Bedürfnis sehr laut zu spielen, also ging er, nachdem er sein Plektrum gesucht und gefunden hatte, nach draußen. Er ging irgendwo in den Garten, wo er meinte, dass man ihn zwar hören aber nicht wegen der Lautstärke umbringen würde.
Dort wurde er auch in Ruhe gelassen.

Überhaupt schien auf dieser Seite des Schlosses sehr wenig los zu sein. Vorn war dafür die Hölle los. Kleintransporter und Lieferwagen unterschiedlicher Unternehmen aus der Gegend parkten vor dem Flügel mit dem Seiteneingang, den alle benutzten, wenn sie mit den Motorräden unterwegs waren. Seit dem frühen Vormittag, während Rupert sich noch um Colin gekümmert hatte, herrschte dort und im gesamten Erdgeschoss große Geschäftigkeit, als Leihservice, Catering Service, Floristen und Handwerker Dinge durch die Gegend trugen, Möbel verrückten und ihrer respektiven Arbeit nachgingen.
Rupert ließ sich notgedrungen überall ein paarmal blicken, mischte sich in die Vorbereitung der Gala aber nicht ein. Auch die Planung hatte er anderen überlassen und nur insofern beeinflusst, als dass er die angekündigten Gäste genau überprüft und zu den Vorschlägen seiner Köchin und des Haushälters entweder Ja oder Nein gesagt hatte.

Kei veranstaltete derweil ein leises privates Rockkonzert und zeigte sich nicht unter den Leuten. Da man ihn dort, wo sie unterwegs waren, durch den Trubel überhaupt nur hören konnte, wenn man auf der Rückseite des Schlosses ein Fenster öffnete und genau horchte, oder gar das Gebäude ganz verließ und über die Terrasse in den Garten hinunterging, störte er niemanden. Nur wenn es drinnen zwischendurch ruhiger wurde, fiel den Vorbereitern, die sich für eine Raucherpause auf die Terrasse begeben hatten, die Musik deutlich genug auf, um ihr zuzuhören, wenn sie dazu die Muße hatten.
Irgendwann am Nachmittag trat jemand schwarzgekleidetes zwischen zwei übermannshohen Hecken hervor und schlenderte gelassen auf Kei zu. Es war Delilah. Scheinbar besaß sie keine Kleidung, die nicht aus hautengem schwarzem Leder oder Kunstleder bestand. Sie hielt die Hände locker hinter dem Rücken und wurde langsamer. Kei bemerkte zwar, dass sich ihm jemand näherte, aber es kümmerte ihn nicht weiter. Er achtete auch nicht darauf, wer das sein konnte. Delilah kam bis auf wenige Meter an ihn heran, bevor sie stehenblieb und ihm einfach zusah.
Die Saiten seiner Gitarre waren am Hals mittlerweile vollständig nass und rot von seinen zerschundenen Fingern, was Kei aber nicht zu stören schien. Dank des Plektrums hatte wenigstens seine rechte Hand zu bluten aufgehört.
Delilah hörte zu und beobachtete ihn dabei. Nachdem Kei sie einige Minuten lang gitarrespielenderweise völlig ignoriert hatte, erklang ihre monotone Gedankenstimme in seinem Kopf: ‚Die Karte.‘
„Was für ne Karte?“ fragte Kei und blickte auf. Delilah wischte ein paar Finger gegeneinander um ‚Geld‘ anzudeuten. Dazu sendete sie ihm den Gedanken ‚Rupert‘.
„Ach die.“ Mit der nicht blutigen Hand zog Kei Ruperts Kreditkarte aus seiner Hosentasche und gab sie Delilah. Den Preis seiner E-Gitarre verschwieg er dabei lieber. Sie steckte die Karte in eine Jackentasche und nickte auf Keis linke Hand. Er winkte ab. „Wächst wieder zu.“
Sie nickte. Dann deutete sie zwischen Kei und sich selbst hin und her und mimte ein paar Handkantenschläge. Kei nickte leicht. „Ich bring erst die Gitarre weg.“
Sie winkte ab. ‚Morgen.‘
„Okay.“ Kei machte sich dennoch auf den Rückweg zum Schloss und in sein Zimmer. Delilah sah ihm etwas nach, ehe sie ihre Wachrunde fortsetzte.

Im Schloss wurde Kei von jedem, dem er begegnete, etweder ignoriert oder mit kaum mehr als einem kurzen Blick und einem schnellen Kopfnicken begrüßt. Die zwei bis drei dutzend Menschen, die im Erdgeschoss unterwegs waren, waren allesamt schwer beschäftigt. In der fertig geschmückten Eingangshalle war wenig los, die Menschen eilten nur vereinzelt durch sie hindurch um zwischen Küche und Lagerräumen und dem Saal, der Bibliothek und dem Salon hin und her zu gelangen. Die große Treppe zur Galerie war auf der vierten Stufe mit einer Kordel abgesperrt.
Kei beachtete das Treiben kaum. Er ging in sein Zimmer hinauf, während seine Hand langsam zu bluten aufhörte und die Wunden sich zu schließen begannen.

Als er aus dem Badezimmer Wasserrauschen vernahm, horchte Colin auf. Er hatte den ganzen Mittag und Nachmittag hier drinnen verbracht. Er hatte versucht, seine neuen Kleider auszuspülen und es nicht geschafft, das Blut ganz aus ihnen herauszubekommen, aber da sie dunkel waren, konnte man die ausgewaschenen rostbraunen Flecken sowieso kaum sehen. Jacke, Longsleeves und Hose hingen nun nass auf dem Handtuchtrockner im Badezimmer und tropften auf die Fliesen.
Zwischendurch hatte es kurz an der Tür geklopft. Davor hatte nur eine abgedeckte Suppenschüssel mit rohem Fleisch gestanden. Randvoll. Diese war mittlerweile leer und wieder von seiner Türschwelle abgeholt worden. Die restlichen Stunden hatte er mit Nachdenken, Dösen und auf dem Fensterbrett sitzen verbracht.
Nun hörte er zu, wie Kei duschte. Und wartete. Bereitete sich innerlich auf den Moment vor, in dem das Rauschen aufhören würde.

Kei duschte gewohnheitsmäßig ewig und daher dauerte es ganze zwanzig Minuten, bis Colin vernehmen konnte, wie das Wasser wieder ausging. Beim Verlassen der Dusche fielen Kei die nassen Kleider auf, aber er beachtete sie nicht groß und nahm sich ein großes Handtuch.

Bis dahin hatte Colin es bis zu seiner Badezimmertür geschafft, an der er nun lehnte und horchte.

Halb abgetrocknet verließ Kei das Badezimmer wieder in Richtung seines Zimmers - wohl wissend, das Colin an der anderen Tür stand - und suchte sich ein paar Kleidungsstücke heraus.

Jetzt, dachte Colin, Jetzt, jetzt... Was wollte ich nochmal machen?

Kei zog sich Jogginghose und Tanktop an und legte sich auf sein Bett.

Colin schlug einmal die Stirn gegen die Tür und rubbelte sich über die noch raspelkurzen Haare, bevor er die Tür öffnete und langsam durch das Badezimmer ging.
Kei lag mit Blick in Richtung Decke auf dem Bett.
Colin blieb im Türrahmen stehen und sah Kei an. Er gab sich Mühe, keinen bestimmten Gesichtsausdruck zu haben, was natürlich nur dazu führte, dass man ihm jedes kleine Bisschen seines breit aufgefächerten Unwohlseins ansehen konnte. Kei drehte sich leicht in Colins Richtung und musterte ihn eine Weile, bevor sich sein Blick in ein Fragezeichen verwandelte.
Irgendetwas beschleunigte Colins Herz und Atem, während er sich nicht entscheiden konnte, ob ihn Keis Blick gerade erleichterte, besorgte oder enttäuschte. Seine Finger zuckten und er schob sie sich eilig in die Hosentaschen. Außerdem musste er dringend seine Socken betrachten. Er hatte jedes Wort, das er sich stundenlang zurechtgelegt hatte, vergessen.
Kei verkniff sich ein Schmunzeln. So wie Colin dastand, wirkte er, als müsse er irgendeinen Vortrag halten. „Warum so nervös?“ fragte er schließlich. Colin schluckte und kaute sich auf der Zunge herum.
Don'tcrydon'tcrydon'tcry.
Kei betrachtete ihn geduldig und blieb auf seinem Bett liegen. Er sah, dass irgendetwas mit Colin nicht stimmte, aber was das war, wusste er nicht. „Was ist los?“
Lange stand Colin da und blickte vor sich auf dem Boden herum, unschlüssig und zunehmend verzweifelter, weil ihm nicht einfallen wollte, was er sagen oder tun sollte, musste, wollte... Immerhin schaffte er es tatsächlich, nicht zu weinen.
Kei hatte keine Ahnung, was Colin gerade eigentlich wollte. „Du musst nicht im Türrahmen stehen bleiben...“
Daraufhin hob Colin endlich den ratlosen, verzweifelten Blick, und sah Kei hilfesuchend an. Aber bewegen konnte er sich nicht. Er hätte nicht gewusst, wohin er sich bewegen sollte.
Hätte Kei jetzt sowas gesagt wie ‚Ich beiße nicht,‘ wäre das gelogen gewesen, also tat er das nicht und deutete stattdessen durch den Raum. „Du kannst ruhig herkommen...“ Ich kann dir aber nicht sagen, was du mir sagen wolltest, das muss dir allein wieder einfallen.
Ein wenig verfluchte Colin sich selbst, als er zögerlich auf das Bett zuging und dabei sein Puls schon wieder wilder wurde. Auf dem Weg blinzelte er die Tränen weg, doch seine Augen blieben feucht. Kurz vor der Bettkante blieb er stehen, die Schultern immer noch hochgezogen und die Hände verkrampft in den engen Hosentaschen. Kei sah, dass Colin beinahe weinte, kommentierte das aber nicht. „Ich köpf' dich nicht. Du kannst mir ruhig sagen, was so wichtig ist...“ versuchte er ruhig. Colins Mund bewegte sich etwas. Dann fiel ihm auf, dass gar keine Laute herausgekommen waren, und er begann von Neuem:
„Hast du das ernst gemeint?“
„Heute morgen? ... Ja.“ Sonst hätte ich es dir kaum gesagt...
„... Meinst dus immer noch?“
„Ganz so schnell ändere ich meine Meinung nicht,“ sagte Kei leise.
Ganz plötzlich beruhigte Colin sich zusehends. Seine Schultern senkten sich und er kletterte zu Kei aufs Bett, wo er sich neben ihn kniete, ohne die Hände aus den Taschen zu nehmen. Kei drehte sich ein Stück zu ihm, sodass er auf der Seite lag.
„Es ist vielleicht,“ begann Colin, dann kniff er die Lippen zusammen.
„Es ist vielleicht was?“ fragte Kei leise. Er hörte Colin aufmerksam zu und beobachtete ihn gleichzeitig.
Das konnte Colin nicht sagen, während Kei in ansah. Er vergaß schon wieder, was er im Begriff war zu sagen. Er legte sich zu Kei, dicht, um sein Gesicht irgendwo an ihm zu vergraben. Kei ließ ihn machen und wandte das Gesicht zur Decke, darauf wartend, wie Colins Satz weitergehen würde.
„Es ist vielleicht dumm, aber ich vermisse dich immer,“ sagte er gedämpft an Keis Schulter. Kei war ein wenig erstaunt darüber, dass das Colins große Schwierigkeit sein sollte, die er nicht sagen konnte. Er legte einen Arm locker auf Colin und drehte den Kopf so, dass er dessen kurze Haare sah. „Weißt du, was du tust?“
„Jetzt gerade?“
„Nein... wenn du... Crackhure und abgeschlachtete Familie sagst.“ Colin klang ruhig, fast matt.
Kei wusste, dass Tatsachen formulieren schon mal nicht die richtige Antwort war. Keine Antwort war auch eine Antwort und in Keis Fall hieß sie eigentlich immer Nein.
Als keine verbale Antwort kam, hob Colin etwas den Kopf, um Kei anzusehen und sein Gesicht zu studieren. „Nicht?“
Er wusste es wirklich nicht. Das sah man seinem Gesicht auch an. Kei hatte keine Ahnung, wie Menschen und ihre Emotionen funktionierten und Colin erschien ihm zudem nicht als normal. Das war zwar gut, aber im Hinblick auf Keis nicht vorhandene Sozialisation nicht gerade vorteilhaft.
Colin schnaubte etwas und nickte, aber musste auch wieder schlucken. Natürlich. Er wusste doch, von Anfang an, dass Kei ein triebgesteuertes Raubtier war. Er wusste auch, dass er selbst, Colin, jeden anderen, jeden normalen und noch so verständnisvollen richtigen Menschen, wahrscheinlich genauso überfordern würde wie diesen soziopathischen Vampir.
Er überlegte kurz, wie er Kei dabei helfen könnte, sein Versprechen, sich zu bessern, einzulösen.
„Ich erklärs dir metaphorisch... Wenn ich so aussehe wie jetzt und du sowas sagst, dann... stell dir vor, ich säße mit gebrochenen Beinen herum, und du... du schießt mir dann noch in die Kniescheiben. Wenn ich so bin wie gestern - und ich erinnere mich sehr gut-“ Er legte den Kopf wieder auf Keis Brust. „Und dich und alles für Phantasmen halte, während ich in Wirklichkeit blind in einem Loch angekettet bin, und du mich dann... bei den Mülleimern...“ Seine Stimme wurde leiser. „Dann liege ich mit offenem Brustkorb auf der Straße herum und du... greifst rein. Und reißt alles raus. ... Verstehst du?“
Kei hörte zu, mit Bildern im Kopf. Er nickte leicht. Colin nahm das Nicken wahr, wenn er auch nicht genau hinsah. „... Ist das bei dir nicht so?“
Da es Kei ziemlich selten so ging, als reiße man ihm sein Herz heraus, war das bei ihm tatsächlich nicht so. „Bisher hat mir noch keiner das Herz herausgerissen... oder es versucht.“
Colin schluckte wieder und musste ein bisschen lächeln, passte aber auf, dass Kei das nicht sah. „Vielleicht war das zu bildhaft.“ Er strich mit einer Hand über Keis Brust und Bauch.
Kei lachte ein bisschen. Auch im metaphorischen Sinne war das noch niemandem wirklich gelungen. Jedenfalls nicht in der Form, die Colin beschrieben hatte.
„Lass es mich so sagen...“ Nun wurde er wieder leiser. Verlegenheit machte das mit seiner Stimme. Er sah auch an Kei hinunter, damit dieser sein Gesicht nicht direkt sehen konnte. „Du hast die Macht, mich glücklich oder unglücklich zu machen. Dafür brauchst du nur den Mund aufzumachen. Oder dich wegzudrehen. Oder mich anzufassen. Irgendwas.“
„Hm.“ Kei nickte. Er wusste nichts darauf zu antworten.
„... Verstehst du?“ fragte Colin zögerlich, ohne den Blick vom Bund von Keis Jogginghose abzuwenden.
Er nickte. „Ja.“
Colins Hand hielt still und blieb irgendwo neben Keis Bauchnabel halb unter seinem Tanktop liegen. „Das war schon immer so.“
Kei machte die Augen zu. Irgendwo war ihm das klar. Er antwortete nicht, weil das so ein Satz war, auf den man schlecht antworten konnte. Colin sagte auch eine Weile nichts mehr, und atmete nur ruhig und warm auf Keis Haut. „Entschuldige,“ flüsterte er schließlich kleinlaut.
„Wofür?“
„... Dass ich so schwierig bin... Aber ich brauche dich, um nicht wahnsinnig zu werden.“ Während er das sagte, spürte er sein Gesicht und seine Hände heiß werden. Etwas drohte, in ihm hochzusteigen und ihn wieder zum Weinen zu bringen, aber er hatte partout keine Lust darauf, also schluckte er das Gefühl der Verlassenheit und Betrogenheit hinunter.
Kei schwieg lächelnd. Zumindest eine Weile. Weil er nicht glauben konnte, dass Colin sich entschuldigte obwohl er nichts getan hatte... Kei verstand Menschen einfach nicht. Sie funktionierten komisch. Colin streichelte seinen Bauch noch ein bisschen. Dann sah er auf.
„Vorschlag.“
„Ich höre.“
„Ich helfe dir dabei, dein Versprechen einzulösen und du hilfst mir dabei, nicht wahnsinnig zu werden.“
„Deal. Ich bin schon wahnsinnig.“
Colin schmunzelte. „Bist du nicht.“
„Meinst du?“
„Nein, ich weiß es.“
„Naja. Eigentlich kann mir das egal sein.“
„Ob du wahnsinnig bist?“ Colin rutschte etwas auf Kei, um sich auf ihn zu stützen und ihn mit dem Kinn auf den Fäusten anzusehen. Um ihm das zu erleichtern, drehte Kei sich ganz auf den Rücken.
„Ja.“
„Wahnsinnig sein ist scheiße,“ entschied Colin gelassen. Mittlerweile hatte er genug damit geflirtet um zu wissen, wovon er sprach. Und er bereute nun, Kei so lange als wahnsinnig bezeichnet zu haben. Ein klareres Bewusstsein als er hatte Colins Erfahrung nach so gut wie niemand.
„Da sind wir uns einig,“ stimmte Kei ruhig zu.
„Warum glaubst du, dass du irre bist?“
„Weil man irre sein muss, um nach unserer Reise nicht durchzudrehen.“
„Bolivien und Brasilien waren schön,“ meldete Colin leise. „Und die Fahrt nach Kuba. So hätte alles bleiben können. Für immer.“
„Ja. Wir reisen einfach bald weiter. Ich kann eh nicht lange an einem Ort bleiben.“
Colin blickte zur Seite. „Was ist mit der Instanz? Die schnappen uns doch sofort.“
„Wir bleiben mit den Leuten hier in Kontakt. Die können uns helfen.“
„...“ Colin schien den Gedanken nicht so super zu finden.
„Hast du ne bessere Idee?“
„Hierbleiben und helfen...“
„Das ist eh der Plan für jetzt. Aber es ist nicht gesagt, wie viele Leute die haben,“ sagte Kei.
„Wer? Dennis oder die Instanz?“
„Beide.“
„Wenn wir die Instanz nicht besiegen können, sind Dennis und seine Leute trotzdem die bessere Wahl,“ sagte Colin. „Sie haben die Ressourcen und die Erfahrung, um uns alle versteckt zu halten. Außerdem mag ich sie.“
„Ich weiß. Ich finde es hier auch nicht schlecht. Aber ich will nicht immer versteckt sein.“
„Solange es die Instanz gibt, müssen wir das aber. Ob mit oder ohne Dennis. Sie kontrollieren ganz Westeuropa,“ gab Colin zu bedenken.
„Vergiss Japan nicht. Und was sie sonst noch kontrollieren, weiß ich nicht.“
Colin nickte. „Darum müssen wir hierbleiben. Allein schaffen wir's nicht, unterzutauchen. Außerdem...“
„Hm?“
„Rupert hat uns angeboten, dass wir hier leben.“
„Ich weiß,“ sagte Kei.
„Ich meine, so richtig, für immer.“
„Ich will trotzdem reisen.“ Keis Heimat würde Japan bleiben. Tokyo. Kein bestimmter Ort. Der Untergrund der ganzen Stadt. Colin sah ihn besorgt an. „Ich kann nicht ewig an einem Ort bleiben,“ wiederholte Kei. Mit etwas traurigem Blick breitete Colin die Arme aus und legte den Kopf auf Keis Brust. „Ich hab nichts dagegen, hier zu bleiben. Ich kann nur nicht ständig an diesem Ort sein.“ Kei war zu rastlos dafür. Er wollte viel unterwegs sein und nicht das Gefühl haben, irgendwo festzusitzen.
„Dennis will dich sowieso einspannen. Dann kommst du rum,“ sagte Colin.
„Ich will auch mit dir rumkommen.“
Darauf konnte Colin nichts entgegnen. Er wollte mit Kei überallhin. Aber mit der Instanz im Nacken...
Die konnte man ja nebenbei vernichten.
Nebenbei.
Kei legte einen Arm wieder locker um Colin. Colin zog sich etwas hoch und stützte sich neben Keis Schultern auf, um ihn sanft zu küssen. Kei erwiderte den Kuss.
„Ich will auch mit dir rumkommen,“ sagte Colin schließlich leise, indem er Kei ernst in die leuchtend blauen Augen sah. „Wenn... später.“
Später. Das war so ein Wort, dessen Bedeutung Kei nicht so ganz geläufig war. Aber er hatte Zeit. Viel davon.
Um seine Arme etwas zu entlasten, legte Colin ein Bein um Kei und kniete rittlings auf ihm. Er sah ihn weiter an. Kei erwiderte den Blick mit einem zufriedenen Lächeln.
„Wollen wir mit dem Unterricht anfangen?“ fragte Colin leise mit etwas verschmitztem Lächeln.
„Unterricht?“ Kei schaute so, als hätte Colin ihm gerade gedroht. Colin musste schmunzeln.
„Du hast versprochen, dich zu bessern. Und ich habe versprochen, dir dabei zu helfen.“
„Achso.“ Kei lächelte. Colin setzte sich auf.
„Also, wir können mit den binomischen Formeln anfangen...“
Kei seufzte. „Dein Ernst?“ Mit sardonischem Schmunzeln und hochgezogenen Brauen neigte Colin leicht den Kopf. „Folter mich doch nicht mit Mathe.“ Kei lächelte. Er ging davon aus, dass Colin das nicht ernst meinen konnte. Nach einem graziösen Schulterzucken beugte Colin sich wieder etwas vor.
„Dann eben Ernst. Die erste Lektion. Sag mir, was du gerade denkst.“
Kei gefiel die Tatsache dass Colin auf ihm saß besser als die, dass er wissen wollte, was er dachte. Zumal das nichts neues war. Doch Colin studierte sein Gesicht und schien auf eine Antwort zu warten.
„Der Tag kann gerne eine Weile so bleiben,“ sagte er schließlich. Er würde Colin seine ganzen Gedanken nie mitteilen, das wollte er auch gar nicht, aber einiges konnte Colin ruhig wissen. Colin schnaubte etwas.
„Komm schon, ganz ernsthaft. Wenn du immer so ein Roboter bleibst, treibst du mich in den Wahnsinn. Bitte.“
Kei wusste nicht so ganz, auf welche Gedanken Colin hinauswollte. „Kannst du nicht gedankenlesen - Nein, das wäre uncool,“ dachte er laut. Colin grinste und winkte ab.
„Egal. Darum geht es jedenfalls. Egal was du jetzt denkst. Du musst - ich kann nicht gedankenlesen, darum musst du mir zwischendurch davon erzählen. Dein Gesicht ist diese perfekte No-Maske...“
„Aber nur manchmal,“ entgegnete Kei mit leichtem Lächeln. Colin nickte. Er sprach leise weiter.
„Manchmal. Wenn dir etwas durch den Kopf geht, das ich wissen soll. Oder wenn es einfach wichtig ist. Oder lustig. Verstehst du? Sonst weiß ich vielleicht nicht, was los ist.“
„Ja, wenn es wichtig ist.“ Keis Verständnis von mitteilungswürdig wich wahrscheinlich sehr von Colins ab.
„Und? Jetzt ist es wichtig. Was fühlst du gerade?“
„Ich bin ein bisschen besorgt und ein bisschen gelangweilt.“
Mit einem frustrierten Stöhnen richtete Colin sich wieder auf und hielt sich die Hände vor das Gesicht. Das würde ein langes, hartes Stück Arbeit werden.
Kei musste lachen.
„Lach nicht, du Idiot. Ist für dich alles nur ein Witz?“ Colin wirkte genervt, aber nicht so richtig wütend.
„Dann hätte ich immer gute Laune.“
Colin schnaubte etwas. „Und warum hast du die nicht? Idioten sind doch eigentlich immer glücklich.“
„Weil ich kein Idiot bin... also nicht immer.“
„Oh, verzeih,“ sagte Colin mit leichtem Augenrollen, „sah von hier aus so aus.“ Er wusste, dass er unfair war, aber seine Ungeduld ließ ihn Dinge tun, die sein nackter Verstand nicht guthieß.
„Pff.“ Kei drehte sich einfach unter Colin um, sodass er auf dem Bauch lag und Colin von ihm herunterklettern musste, um nicht mit umzukippen.
„Es tut mir Leid, entschuldige,“ versuchte Colin beschwichtigend.
Es klopfte an der Tür.
„Is offen,“ brummte Kei.


Friday, July 22, 2016

Kei + Colin LXXIX: Vergebung


Kei verließ den Raum eine Weile später und machte es sich auf dem Dach des Schlosses bequem, wo er oft gesessen hatte, bevor die Rettungsaktion für Colin begonnen hatte. Er legte sich hin. In T-shirt, Jeans und Stiefeln lag er auf dem Dach herum und hing seinen Gedanken nach. Er würde definitiv nicht auf Knien um Vergebung betteln.

Derweil hatte Colin kurz auf einem Fensterbrett in seinem Zimmer gelegen und in den grauen, windigen Nachmittag gestarrt. Aber nur ein paar Minuten lang. Dann beschloss er, das luxuriöse Badezimmer zu nutzen und begab sich hinein. Eine Viertelstunde später lag er in der großen Badewanne und betrachtete die dicke, duftige Schaumdecke von unten. Er versuchte, einzuatmen und seine Lungen mit Wasser zu füllen. Das würde ihn nicht umbringen. Er wollte nur wissen, wie es sich anfühlte.
Nicht angenehm. Er erstickte nicht, aber es fühlte sich dennoch so an. Er bekam plötzlich das dringende Bedürfnis, Luft zu holen und das warme Wasser wieder aus sich herauszuzwingen, und das tat weh. Eilig tauchte er wieder auf und spuckte das Wasser zuckend wieder aus.
Was soll ich hier eigentlich machen? Wir kämpfen gegen die Instanz, aber wie kann ich da helfen? Ich bin als Keis Anhängsel hier. Weil er ohne mich nicht mitmachen würde. Ich bin seine Batterie. Colins Gedanken schweiften nach Bolivien ab. Ohne Kei war er fantastisch klargekommen. Er war unglücklich gewesen, aber erfolgreich. Er war vor Allem seine eigene Person gewesen.
Das Wasser war längst kalt und schaumlos, als er es endlich ablaufen ließ und sich abduschte. Er fand einen großen, weichen blauen Bademantel, mit dem er in sein Zimmer zurückging, um darin herumzustöbern. Es langweilte ihn nur sehr schnell, und so zog er sich Dennis' Kleider wieder an – auch den Mantel und die Mütze – und machte sich auf, das Gelände um das Schloss herum zu erkunden.

Kei lag noch immer auf dem Dach. Dass es mittlerweile später geworden und dunkel war, störte ihn nicht im Geringsten.

Die Stunden bis zum Sonnenuntergang hatte Colin damit verbracht, durch den halbverwilderten Park und einen Teil des angrenzenden Waldes zu streifen. Dabei hatte er zwischen einer kleinen Gruppe von Birken und Weiden eine künstliche Grotte entdeckt, in deren Wände und Decke verwundene Figuren gemeißelt waren. Hinter dem Eingang hing knapp über Kopfhöhe eine kleine Laterne, in der ein trauriger alter Wachsklumpen lag, aber auf dem Boden waren vertrocknete Blumen und einige Grabkerzen verteilt, die zum Teil noch brannten. In der Mitte der kleinen Höhle stand eine breite Marmorbank. Colin nahm sich die leuchtenden Grabkerzen und stellte auf die Bank. Dann setzte er sich daneben und sah sich die merkwürdigen Formen an den Wänden an.

Kei blieb die ganze Nacht auf dem Dach sitzen, auch der einsetzende Regen vertrieb ihn nicht von dort. Auch nicht, als er klatschnass wurde und das Wetter sich nach einer Stunde Regen nicht zu bessern schien.

In der Tat wurde der Regen nur noch stärker – das Rauschen des Schauers auf den Blättern weckte Colin auf, der in der Höhle eingenickt war. Der Blick nach draußen verriet ihm nicht, wie spät es war, und Zeitgefühl besaß er sowieso nicht mehr, also beschloss er ganz willkürlich, dass es bestimmt längst Zeit zur Rückkehr war und ging zum Schloss zurück.
Er brauchte ein bisschen, um sich durch den grauen Regenschleier zu orientieren, fand den Weg aber leicht wieder und ging gemächlich durch den dunklen Park. Zwischendurch beschlich ihn der starke Verdacht, vom Weg abgekommen und in einem Blumenbeet gelandet zu sein, denn der Untergrund wurde zeitweise struppiger und matschiger, während er auf das große Gebäude zuging. In Gedanken entschuldigte er sich bei Dennis für das, was er seiner Hose und seinen Schuhen antat, als er sich gerade von etwas stacheligem, das er in der Finsternis nicht sehen konnte, losriss.
Es sind DocMartens. Die können das ab. Hoffte er.

Irgendwann war Kei in dem Regenschauer eingeschlafen, mit der Frage im Kopf, ob er sich eigentlich erkälten würde, wenn er da blieb. Egal...

Nach dem Abspülen der Schuhe und der Hose und anschließendem Aufhängen seiner Kleider im Badezimmer – Handtuchtrockner sind so praktisch – sah Colin nach, ob Kei nebenan angekommen war und nahm schulterzuckend zur Kenntnis, dass dies nicht der Fall war. Also legte er sich in seinem dicken Bademantel auf das Bett und sah aus dem Fenster, wo sich der dichte Regen langsam zu einem waschechten Herbststurm auswuchs.

Der nächste Morgen ließ viel zu lange auf sich warten, doch irgendwann kam er. Der Regen hatte aufgehört, doch der Himmel wurde schon wieder grau, sobald die Sonne aufgegangen war. Rupert hatte Colin abgeholt und zum Salon gebracht, wo die Nichtvampire üblicherweise ihre Mahlzeiten einnahmen. Nun saß Colin allein mit Rupert an einem sehr großzügig ausstaffierten Frühstückstisch, mit antikem Teeservice und silbernem Toastständer...
„Is it like this every morning or is this an exception?“ fragte Colin überrascht, während er vorsichtig mit einer silbernen Zange ein Stück Zucker aus einem Kristallschälchen in seine Meissener Teetasse beförderte.
„It's an exception,“ gab Rupert schmunzelnd zu. „All to impress you.“ Er grinste auf seine zusammengefaltete Zeitung, aber beobachtete Colin weiter aus dem Augenwinkel. „Didn't Dennis give you more clothes?“
Colin sah an sich herunter. Die Kleider waren noch etwas feucht und rochen auch so.
„No. It's not his job to clothe me, is it?“ Er zuckte mit den Schultern. Rupert grinste.
„No. If you want, I can take you into town today and we'll get you something.“

Als Kei aufwachte stellte er fest, dass er vollkommen durchnässt war. Er stand auf und machte sich auf den Weg in sein Zimmer, tropfte dabei den Boden voll und hinterließ eine nasse Spur, wo er entlangging.
Es klopfte an der Tür.
Kei, noch immer klatschnass, öffnete.
„Äh. Ist alles in Ordnung?“ Colin sah ihn ein bisschen überrascht an.
„Bin draußen eingeschlafen,“ antwortete Kei sein Aussehen erklärend und trat von der Tür weg um sich die nassen Kleider auszuziehen. Seine Haut war noch kälter als sonst.
Da er die Tür nicht geschlossen hatte, tat Colin das einfach mal, nachdem er eingetreten war. Er sah Kei beim Ausziehen zu, wobei er mit jedem bisschen Haut, das zum Vorschein kam, verlegener wurde. Ihm war nicht bewusst, wie er starrte, während er betont lässig aussehen wollte, mit den Händen in den Hosentaschen und auf seinen Lippen kauend.
Kei machte es nichts, von Colin angestarrt zu werden. Vollständig unbekleidet ging er ins Bad und nahm sich ein Handtuch um sich abzutrocknen.
„Du bist nicht nur hier um mich zu fragen, weshalb ich klatschnass durch den Flur laufe, oder?“
„Nein. Ich wollte wissen, wies dir geht,“ sagte Colin schulterzuckend. Er war ihm nachgegangen und stand nun in der Tür des Badezimmers. Augenblicklich kratzte er sich verlegen den Kopf, auf dem mittlerweile wieder Stoppeln sichtbar waren. Scheinbar juckten die etwas.
„Nass und kalt,“ sagte Kei leise, während er sich in ein großes Handtuch wickelte um wenigstens nicht mehr nass zu sein. Er hatte es tatsächlich geschafft – er fühlte sich unterkühlt! Das war neu.
Und ganz sicher nur möglich, weil er draußen eingeschlafen war. Nicht unbedingt wiederholungsbedürftig.
„Hmf,“ gab Colin von sich, der für das Handtuch dankbar war, denn er hatte große Mühe gehabt, seinen Blick nicht unter Keis Bauchnabel schweifen zu lassen. Aber etwas enttäuscht war er trotzdem. „... Und sonst?“ Er stand noch immer in der Tür.
Du willst die Entschuldigung immer noch, oder? Kei schob sich an ihm vorbei, aber nur, um sich trockene und sogar wärmende Sachen anzuziehen – eine Jogginghose, die er im Schrank gefunden hatte und eine Sweatshirtjacke. Unterwäsche hielt er nicht für notwendig. „Aushaltbar.“
Colin sah sich nach etwas stabilem um, mit dem er Kei bewerfen konnte. Dazu hatte er gerade Lust. Die Kristallflasche mit dem Rasierwasser schien ihm ungeeignet.
„Wunderbar,“ sagte er also nur und ging langsam durchs Badezimmer zu seiner Tür. „Ich bin mit Rupert weg.“
„Viel Spaß.“ Kei legte sich auf sein Bett und tat etwas, das er noch nie getan hatte. Sich aufwärmen. Zusammengerollt lag er da und wartete, bis unter der Decke die Kälte aus seinem Körper wieder verschwinden würde.
Nach einem fast neutralen Blick zurück schloss Colin seine Badezimmertür und holte sich Mantel und Mütze.

Rupert brachte ihn nach Lancaster hinein. Colin kam die Stadt größer und schicker vor, als er erwartet hatte. Rupert sagte, das liege an der Universität und dem Tourismus. Immerhin gebe es hier viele historische Bauten und eine direkte Verbindung zur Königin.
„She's the Duke of Lancaster, you know.“
Colin grinste. „I didn't. The queen's a duke, fancy that.“
Direkt am Fluss, wo selbst bei diesem bedeckten Himmel an einem Wochentag – Rupert sagte, es sei Donnerstag – auf einer Promenade vor den Geschäften viel los war, führte Rupert ihn lässig spazierend zu einer Boutique, die ziemlich teuer und exklusiv aussah. Als Colin bemerkte, worauf sie zusteuerten, hielt er kurz vor dem Eingang an.
„Just so we're clear on this: We're shopping for clothes – for you?“ Er sah belustigt aus. Rupert grinste und schüttelte den Kopf.
„We're getting you a fancy frock,“ korrigierte er. „I've got enough.“
„I know you're rich, but I'm not, and frankly, I'm not that into tailored tails,“ erklärte Colin abwinkend. „I'm not your age,“ fügte er hinzu, woraufhin Rupert sich mit gequältem Blick an die Brust packte.
„Not my age, ouch. How old are you then?“ Er schlenderte weiter die Schaufenster entlang, von dem feinen Zwirnladen weg. Colin musste etwas nachdenken. Seinen letzten Geburtstag hatte er als Angel in Bolivien verbracht. Da hatte er sechzehn werden sollen und nun war es wieder Herbst.
„About seventeen?“
„Hm, how old do you think I am?“
„About forty?“
„Shockingly accurate,“ gab Rupert nickend zu. Er nickte zu einem Schaufenster, in dem vage humanoid gestaltete Plastikröhren jugendlichere Kleidung zur Schau trugen.

Endlich aufgewärmt ging Kei durch das Haus. Auf der Suche nach Dennis, der ihm hoffentlich sagen konnte, wie man hier Langeweile loswerden konnte. Da er nicht wusste, wo hier wer war, rief er einfach durch die Gänge. „Dennis?“
Colin schien wirklich von ihm zu erwarten, dass er wusste, was er hören wollte. Kei schob den Gedanken für eine Weile beiseite.
Es antwortete ihm niemand.

Am Nachmittag fuhr der silberne Audi vor, hielt neben dem trockenen Springbrunnen und spuckte Rupert und einen neu eingekleideten Colin aus. Seine zwei großen Tüten mit den alten und neuen Kleidern trug er beschwingt in sein Zimmer, wo er alles verstaute, bevor er nach Kei zu suchen begann. Der saß mittlerweile wieder in seinem Zimmer und langweilte sich. Das war grausam! Wie konnten die es hier nur den ganzen Tag aushalten... Bei der nächsten Gelegenheit würde er sich eine Gitarre besorgen.
Vom Badezimmer aus klopfte es an seiner Tür.
„Komm rein.“ Er wusste, dass das Colin war – jeder andere würde die Tür zum Korridor benutzen. Die zum Badezimmer öffnete sich nun und Colin trat hindurch und schloss sie sorgfältig hinter sich. Er trug eine schwarze Strickmütze, ein dünnes, enges schwarz-rotgestreiftes Hemd mit langen Ärmeln und Kapuze, enge schwarze Jeans mit Ledergürtel und ebenfalls neue Socken. Ohne großen Auftakt oder eine richtige Begrüßung ging er auf Keis Bett zu und kletterte darauf, um sich im Schneidersitz zu ihm zu setzen.
„Neu eingekleidet? Hast du auch was von dem Ort gesehen?“
„Ja, wir sind an der Lune entlanggegangen und waren zum Mittagessen beim Bahnhof. Der sieht von außen wie eine Kirche aus. Hier ist das meiste ziemlich alt. Und das Alte sieht hier sehr cool aus.“ Colin lächelte und zog sich die Ärmel über die Hände. „Was hast du gemacht?“
„Mich umgesehen und mich gelangweilt.“ Das tat er immer noch.
„Langeweile ist ein Symptom von Fantasielosigkeit.“ Hat meine Mutter immer gesagt. Und dann hat sie dafür gesorgt, dass ich keine Zeit mehr für Langeweile hatte.
Auf allen Vieren krabbelte er dichter an Kei heran, um eine Hand auf seine Wange zu legen und ihn zu küssen. Kei wollte protestieren und sagen, dass er keine fünf Jahre alt war und sich Spielchen ausdachte, weil er nichts zu tun hatte, kam aber nicht mehr dazu. Er erwiderte den Kuss von Colin gierig.
Damit hatte Colin nicht so richtig gerechnet. Er hatte den Kuss kurz und keusch halten wollen. Nun musste er eine Sekunde lang belustigt schmunzeln, bis ein beinahe schmerzhaftes, schäumendes Kribbeln über seine Haut und ihm durch die Brust geradewegs in den Schritt raste.
„Hm,“ sagte er fast stimmlos.
Kei warf Colins Plan über den Haufen ohne davon gewusst zu haben und zog den Kleineren noch ein Stück dichter zu sich. Das führte dazu, dass er entweder auf ihn fallen oder über ihn klettern musste, und er entschied sich für letzteres. Ohne den mittlerweile gar nicht mehr unschuldigen Kuss zu unterbrechen, setzte er sich rittlings auf Keis Schoß. Der fand das eine sehr gute Idee und erhielt den Kuss aufrecht während er Colins neues Shirt nach oben schob. Colins Arme lagen derweil auf Keis Schultern und bewegten sich kurz hinunter, als er den Kopf ein bisschen zurückzog, um sein Shirt wieder hinunterzuziehen.
„Entschuldige dich,“ flüsterte er.
„Entschuldigung. Ich bin ein Idiot,“ entgegnete Kei nicht lauter, während sich in seinem Kopf die Frage formte, ob Colin auch einen Entschuldigungsblowjob akzeptierte, wenn ihm eine verbale Entschuldigung nicht ausreichen sollte.
Tat sie aber anscheinend. Colin zögerte etwas, war aber von dieser simplen, winzigen, späten, oberflächlichen Einsichtigkeit so bezaubert, dass er Kei nur wieder küssen konnte. Er kannte diesen Irren jetzt seit zwei Jahren, da wusste er in etwa, was er von ihm erwarten konnte.
„Stimmt,“ sagte er noch Keis warmem Mund, bevor er den Kopf wieder zurückzog, um sich das Shirt selbst auszuziehen. Wundersamerweise rutschte seine Mütze dabei nicht mit herunter.
Kei hätte nicht damit gerechnet, schob das aber schnell beseite. Grinsend erwiderte er den Kuss und hielt Colin am Nacken fest, nachdem der sein Shirt ausgezogen hatte. Diese leichte Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit bewirkte bei Colin dasselbe wie etliche Male zuvor: Er bekam das dringende Bedürfnis, auch den Rest seiner Kleidung loszuwerden, und Keis noch dazu. Also rupfte er Keis Shirt an seinem Rücken hoch, während er sich ungeduldig an ihn drückte und dabei ausnutzte, wie nah die Beule, die sich deutlich in Keis Hose abzeichnete, seinem Schritt war.
„Idiot,“ murmelte er abwesend mit Keis Zunge zwischen seinen Lippen, „denk nach bevor du den Mund aufmachst...“
Kei ließ Colin los, sodass dieser ihm das T-shirt ausziehen konnte. Als Antwort bekam er ein zustimmendes „Hm...“ das soviel hieß wie 'Okay... nächstes Mal...'
Als Keis T-shirt irgendwo hinter Colin auf dem Bett landete, stieg er von Kei herunter, um hinter ihn zu kriechen. Das nutzte Kei dazu aus, seine Hose loszuwerden. Colins Hose konnte er schlecht loswerden, wenn der Kleinere hinter ihm saß, aber der konnte selbst dafür sorgen.
Seine Beine rechts und links von Kei sortierend, saß Colin hinter ihm und strich mit den Fingern und den Lippen sachte über seinen buntbestochenen Rücken. Dieses Kunstwerk war etwa anderthalb Jahre lang stetig gewachsen. Er wusste gar nicht mehr, wie viele verschiedene Tätowierer daran gearbeitet hatten. Und jeder hatte seinen eigenen Stil hinterlassen und die zarte Geisha bunter, plastischer und lebhafter gemacht. Dieses Bild hatten sie ihm in der Grube nicht vorgaukeln können, daran hatte Colin seine Halluzinationen immer entlarven können. Mit der Stirn auf Keis Schulter fuhr er mit ein paar Fingern die zierlichen Konturen der Geisha entlang. Kei lächelte leicht und lehnte sich einfach zurück. Gerade, als Colins Hand um ihn herum auf Keis Schritt gewandert war und in seine Boxershorts griff, klopfte es an der Tür. Colin ignorierte das Klopfen und machte gemütlich weiter, massierte ihn und küsste seinen Nacken. Kei tat es ihm gleich und ließ den Klopfer, wer auch immer das war, vor der Tür stehen. Eine kurze Weile genoss er, was Colin tat ehe er sich umdrehte, sodass er über seinem Freund kniete und küsste ihn fordernd.
Das Klopfen wurde auch nur einmal wiederholt und verstummte dann. Gierig erwiderte Colin den Kuss, nagte an Keis Unterlippe und zog an seinem Lippenring. Er zog seine Hand, die gerade noch über Keis Haut strich zurück, um sich aufstützen zu können. Der Vampir drückte Colin leicht in Richtung Matratze. Wenn der Klopfer was wichtiges wollte, würde er später wiederkommen. Grinsend machte Kei sich daran, mit einer Hand Colins Hose zu öffnen.
Colin legte sich zurück, in den weichen Kissenberg an seinem Rücken, und hob das Becken an um Kei zu helfen. Als seine Hosen und Socken sich schließlich zum Rest ihrer Kleidung gesellten, schmunzelte er und versuchte, zur Seite wegzukriechen. Kei hielt ihn leicht grinsend auf. Er gab sich dabei nicht wirklich Mühe, sondern wollte nur sehen, wie Colin reagierte. Der hielt inne und drehte sich dann um, um mit ausgebreiteten Armen sein Gesicht in den dicken Kissen zu vergraben. Das diente hauptsächlich dazu, sein etwas rotwerdendes Grinsen zu verbergen, und die Kissenbezüge waren angenehm kühl. Kei lachte.
„Das war nicht das, was du vorhattest.“
Colin begab sich auf alle Viere, damit er über seine Schulter Kei ansehen konnte.
„Naja, aber fast.“ Peinlich, peinlich, peinlich. Er kniete sich vor Kei hin, nahm ein kleines Kissen und drückte es sich aufs Gesicht. Kei schmunzelte belustigt und legte sich fast auf Colin, sodass er dessen Gesicht dicht an seinem hatte, während er ihn mit seinem Gewicht sanft vornüberbeugte.
„Und was hattest du vor?“
Verschämt schloss Colin die Augen. Keis dreiste Stimme kroch ihm kitzelnd ins Ohr. Und er lag fast nackt auf ihm. So ein Gefühl... Er wusste nicht, ob er jetzt sprechen konnte.
„So ungefähr... das hier...“ flüsterte er. Keis Gewicht war nicht hoch, aber es drückte ihn sicher und angenehm in den weichen Untergrund. Was genau er diesmal von Kei wollte, würde er nicht im Detail ausformulieren. Niemals. Aber das sollte auch nicht notwendig sein. Wenn er nun schon praktischerweise so splitterfasernackt auf dem Bauch unter ihm lag, würde Kei sehr bald von selbst auf die richtige Idee kommen.
Tatsächlich verging nicht wirklich viel Zeit bis Kei seine Boxershorts loswurde und zu den restlichen Kleidungsstücken auf den Boden verbannte. Das gestaltete sich als ein klein wenig umständlich, weil er seine Position über Colin nur minimal veränderte.
Grinsend biss er seinem Freund in die Schulter als er in ihn eindrang. Besonders vorsichtig war er dabei nicht.
Vorsicht wurde überbewertet.
Schmerz. Au... Colins Gesicht war praktischerweise bereits halb im Kissen vergraben, und so biss er hinein und dämpfte damit sein rauhes Stöhnen. Er versuchte, sich etwas zu entspannen und nicht von Kei weggedrückt zu werden. Heiß...
„Hh... ja, genau...“
Kei benötigte eigentlich gar keine ausformulierte Antwort seitens des Kleineren, dessen Stöhnen war eindeutig genug, aber er hatte nichts dagegen, verbalisiert zu kriegen, dass seine Tat gefiel. Mit einer Hand stützte er sich auf der Matratze ab und mit der Rechten hielt er Colins Hüfte fest, während seine Stöße bald schneller und härter wurden.
Der rauhe, drückende Schmerz war bekannt aber jetzt nach... Wochen? Nach der Reise, der Gefangenschaft und den Kämpfen und dem verbitterten Schweigen der letzten Tage sehr frisch und neu und das beste Gefühl, das Kei ihm geben konnte. Er stützte sich so gut er konnte auf, um Keis Stößen zu begegnen und nicht einfach in die weiche Matratze gerammt zu werden. Die Kissen behielt er mit den Armen fest umklammert, um damit sein Stöhnen und nun auch die Schreie zu dämpfen. Dass die Kissen dabei nass wurden und er auch weiter unten auf die Decke tropfte, nahm er nicht wahr.
Kei bemerkte nicht, dass auch seine Finger in Colins Haut blutige Spuren hinterließen - es war ihm auch schlichtweg egal, er war anderweitig beschäftigt, als damit, zu merken, dass er das Laken ruinierte. Kei war vermutlich unten noch zu hören, aber das war nur in sofern noch zu hören, dass niemand auch nur versuchen würde, an die Tür zu klopfen.

Draußen auf der Galerie über der Eingangshalle blinzelte die Köchin und blickte verwundert und halb amüsiert in den Gang zu den Schlafzimmern, während Rupert und der Butler durch konzentriertes Stirnrunzeln und häufiges Räuspern über ihre eigene Verlegenheit hinwegzutäuschen versuchten. Sie hatte längst verstanden, was sie von ihr wollten, aber tat aus bloßer Boshaftigkeit so, als bedürfe der Plan noch weiterer Erläuterung. Es machte einfach zu großen Spaß, dabei zuzusehen, wie die beiden sich wanden.

Mittlerweile zum zweiten Mal begann Colin zu zittern, und diesmal sackte er beinahe zusammen. Keis Krallen und, gelinde gesagt, der verdammte BAUMSTAMM in ihm hielten ihn davon ab.
"HELL YES..."
Keis Gesicht, das Colin nicht sehen konnte - glücklicherweise, wenn man Kei gefragt hätte - war eine Mischung aus Anstrengung, Erregung und Drogenvollrausch. Ungefähr zeitgleich mit dem Beinahezusammensacken seines Freundes, das er nur bedingt wahrnahm, kam Kei mit leicht heiserem Stöhnen. Mit einer durch die Kissen gedämpften Mischung aus Wimmern und Schluchzen verkrampfte Colin sich noch einmal zitternd und hielt dann still, als er versuchte, seinen rasenden Atem unter Kontrolle zu bringen. Gegen seinen donnernden Puls konnte er nichts machen. Er rollte den Kopf etwas zur Seite, auf eine kühlere, trockenere Stelle, und atmete zitternd durch. Kei ließ sich auf ihn fallen. Das machte nichts, denn der Vampir war viel leichter als er aussah. Colin konnte ihn problemlos hochheben, wenn er wollte. Er beruhigte seinen Atem etwas und lauschte dem Herzschlag des Kleineren.
Das angenehme Gewicht hinderte ihn am Zittern, das war Colin sehr recht. Die Nähe auch. Er wollte nach Kei greifen, einem Arm oder einer Hand, aber fand, dass er sich nicht so richtig bewegen konnte.
"Ich bin aus Pudding. Schaum," flüsterte er schließlich.
Er bekam "Gern geschehen," als Antwort. Kei legte seine blutige Hand neben die von Colin, das Blut daran realisierte er langsam aber auch nur, weil es klebrig wurde. Colins Finger krochen langsam zwischen seine blutigen.
"Make up sex is brilliant," nuschelte Colin.
Kei erwiderte leise grinsend: "Sex is always brilliant." Er blieb auf Colin liegen und legte sein Gesicht in Colins Halsbeuge ab. 

Saturday, July 16, 2016

Kei + Colin LXXVIII: Aussitzen



Kei zog sich vollständig an und ging nach draußen. Ihm war egal, dass er das nicht sollte. Drinnen den ganzen Tag lang herumzusitzen war nunmal scheiße. Zeitsparenderweise benutzte er dafür das Fenster, was zusätzlich noch den netten Nebeneffekt hatte, dass sein Verschwinden nicht sofort bemerkt werden würde. Eher ziellos wanderte er durch diese Gegend, die er noch gar nicht kannte. Das Wohngebiet, in dem sie waren, erschien ihm friedlich und ruhig, obwohl hier wohl viele Menschen lebten.
Gute drei Stunden später kam er wieder zurück.
Als er die Tür des hohen, geschlossenen Lattenzauns im Garten hinter sich schloss, fiel sein Blick auf Dennis und Colin, die auf der kleinen Terrasse an einem runden Gartentisch saßen. Hinter ihnen auf dem Sims des Küchenfensters stand ein kleines Taschenradio, aus dem blechern und dünn Musik erklang.
Sie sahen zu ihm auf. Kei erwiderte den Blick und ging ins Haus. Als er die beiden passierte, wurde ein freier Gartenstuhl kratzend zur Seite getreten.
„Hat die letzte Aktion so großen Spaß gemacht, dass du sie wiederholen willst?“ fragte Dennis fordernd und laut genug, dass Kei ihn noch durch die Terrassentür deutlich hören musste.
„Ja, jederzeit wieder,“ entgegnete Kei sarkastisch und blieb stehen.„Setz dich,“ sagte Dennis ebenso fordernd.
Kei kam zurück nach draußen und setzte sich. Eigentlich wollte er nicht, aber besser er ließ sich das jetzt gefallen, als sich später damit beschäftigen zu müssen. Colin lehnte auf seinen Armen auf dem Tisch und sah von Kei wieder matt auf die Zigarette zwischen seinen Fingern hinunter. Vor ihm stand eine Coladose.
Dennis lehnte sich zurück und sah beide an.
„Irgendwas spannendes passiert auf deinem Spaziergang?“ fragte er.
„Nein. Niemand da. Nichts passiert. Nur Menschen, die hier wohnen,“ sagte Kei und zündete sich ebenfalls eine Zigarette an.
„Immerhin,“ sagte Dennis. In etwas milderem Ton. Eine ganze Weile sagte niemand mehr etwas. Colin drückte irgendwann seinen glimmenden Stummel im Aschenbecher aus und nahm sich eine weitere Zigarette aus Keis Schachtel und zündete sie sich an, obwohl er an der alten kaum gezogen hatte.
Dennis leerte seine Bierflasche und stand damit auf.
Kei – im Gegensatz zu Colin – rauchte, was er sich angezündet hatte, und blieb eine Weile auf dem Stuhl sitzen. Sollte er sich nur hier hersetzen, damit man ihn fragte, ob irgendetwas passiert war? Mit einer winkenden Geste gen Colin ging Dennis zur Tür.
„Redet,“ sagte er und ging hinein.
Sein Ernst?! Der Vampir wusste nicht, worüber, sollte er sich jetzt entschuldigen, weil er was anscheinend unpassendes gesagt hatte?
Colin sah ihn vorsichtig an, dann wieder auf seine Hand.
Kei sah in seine Richtung, zog ruhig an seiner Zigarette und wartete. Er hasste Dennis' Pseudopaartherapeutenversuch jetzt schon.
„Er hat mir Zeug erzählt,“ sagte Colin, nachdem er sich umständlich geräuspert hatte. „Und er will, dass wir bei ihm mitmachen.“
„Was für Zeug?“ fragte Kei.
„Über die Instanz und uns.“ Colin schwenkte seine fast leere Coladose und drehte sie um, um die letzten vier Tropfen auf die Tischplatte platschen zu lassen.
„Erzähl.“
„... Unsere Väter sind sich sehr ähnlich.“ Mehr schaffte Colin gerade nicht. Laut stellte er die Dose wieder hin und zog an der Zigarette.
„Hm, war das die relevante Information?“ Kei bezweifelte das. Colin sah ihn an.
„Bevor ich geboren wurde, hat mein Vater mich an die Vampire verkauft, damit sie an mir herumexperimentieren können. Ich finde das ziemlich relevant,“ sagte er trocken.
Kei nickte. Colin musste ihm schon sagen, was er meinte. Mit der einfachen Info, dass sich ihre Väter ähnlich waren konnte Kei nicht sehr viel anfangen, denn das konnte alles mögliche heißen – immerhin war Kira ein Arschloch wie es im Buche stand. Colin zog noch einmal an der Zigarette.
„Mein Vater hat meine Mutter sitzen lassen, als sie schwanger wurde. Sie war noch im Studium und hätte mich abgetrieben, aber dann kam er zurück und hat sie überredet... das hat er wegen der Instanz gemacht. Reuel war hypnotisiert und hat seine Ehe kaputtgemacht, um mich auf Männer zu prägen. Als ich dann weg war, in Japan, hat er sich umgebracht. Meine Mutter hat ihre Stelle in Tokyo bekommen, weil ihre Vorgängerin dort von der Instanz umgebracht wurde. Dann ist sie mit Hiroki und Nobunaga und Humphrey... auch von der Instanz ermordet worden. Ich existiere nur, damit jahrhundertealte Vampire herausfinden können, wie sie den Tod austricksen können. Ich lasse mich von dir ficken damit alte Säcke ewig leben können. Darum ist deine Mutter ermordet worden. Darum sind unsere Familien tot und Reuel und wir. Jeder Therapeut den ich in meinem Leben hatte war die Instanz. Ich existiere nur um von dir gefickt zu werden.“ Colin sprach ruhig und monoton, indem er auf die Tischplatte blickte, und nun stand er auf. Kei blieb sitzen.
„Wir existieren nur, damit andere ewig leben. Experiment geglückt würde ich sagen.“ Kei war das ganze Drumherum egal, ändern konnte er das nicht, also dachte er darüber gar nicht erst nach. „Oh, du existierst nicht, um von mir gefickt zu werden. Dass du ewig lebst, reicht denen. Für den Rest bist du selbst verantwortlich, oder ich - weil ich mich weigere, gefangengenommen zu werden.“
Colin hörte sich das an, ohne Kei anzusehen. Als er geendet hatte, drückte er die Zigarette aus. Irgendwas fand Kei an ihm, aber mit dieser neuen Information von Dennis hatte er auch endlich eine plausible Antwort auf seine Frage, warum Kei an ihm interessiert gewesen war und nun so an ihm hing. In Südamerika hatte es für eine Weile aufgehört. Scheinbar grundlos. Sie waren beide hierfür konditioniert worden.
„Wie kannst du so gelassen sein?“ fragte er leise.
„Ich kann nicht ändern, was unsere Eltern verkackt haben oder wofür sie uns missbraucht haben, also wieso sollte ich mich darüber aufregen? Außerdem ist der Grund, warum dieses oder jenes so ist wie es ist doch fast egal. Ich hab andere Gründe diese Leute ausradieren zu wollen,“ sagte der Vampir ruhig und zündete sich eine neue Zigarette an, nachdem er die andere ausgedrückt hatte.
„Und welche?“
„Das weißt du.“ Kei stand auf.
„Du bist beleidigt und willst dich rächen, weil du genervt bist?“ Colin zuckte mit den Schultern.
„Sehr kreativ, aber nein.“ Kei wandte sich zum Reingehen, wie er es vorhin schon vorgehabt hatte.
„Sondern?“ fragte Colin etwas lauter und folgte ihm.
„Frag Dennis, wenn du nicht drauf kommst. Der weiß doch sonst auch alles,“ sagte Kei und winkte ab. Colin folgte ihm hinein und stellte seine Getränkedose in der Küche irgendwo ab. Dennis stand mit Delilah im Wohnzimmer, das man von hier aus einsehen konnte.
Kei ging nach oben. Colin sah ihm nach und gesellte sich dann zu Dennis und Delilah vor den Kamin.
Nach wenigen Minuten betrat er ebenfalls das Zimmer, das er sich mit Kei teilte.
„Dennis freut sich, dass du mitmachen willst. Aber er weiß nicht, was du außer dem Scheiß, den sie mit uns gemacht haben, für einen Grund haben könntest, die Instanz vernichten zu wollen,“ sagte er schlicht, während er die Tür schloss.
„Oh, dann musst du selber nachdenken,“ entgegnete Kei auf dem Bett liegend. Colins Haare waren nicht mehr darauf verteilt. Anscheinend hatte Colin inzwischen saubergemacht.
Nun sah er Kei trocken an. Er musterte ihn mit seinem typischen trotzigen, aber ansonsten neutralen Blick und lehnte sich an die Tür.
Kei hatte nur eine Hose und ein Tanktop an und wartete, ob noch etwas von dem Kleineren kam. Tat es nicht. Er wandte nur irgendwann den Blick von Kei ab, etwas beschämt, und blickte stumm im Raum herum. Kei hing seinen Gedanken nach.
„Wir müssen noch ein paar Tage hierbleiben,“ bot Colin verlegen an. Seine Hand wanderte hinauf zu seinem Ohr aber fand keine Haare, die er sich dahinterstecken konnte, und mit leicht erschrecktem Blick kratzte er sich nur an der Glatze.
„Ich weiß.“
Colin nickte. „Dir ist echt alles scheißegal, was?“ fragte er gelassen, ohne Anklage oder Aggression in der Stimme.
„Nein. Nicht alles,“ entgegnete Kei.
„Ach ja, klar,“ sagte Colin lächelnd. „Ich vergaß... Zigaretten, Alkohol, Blut, Töten, Motorräder und E-Gitarren.“
„Guck noch mal nach, du hast was vergessen.“
Colin sah auf seine Hände und zählte ab: „Zigaretten, Alkohol, Blut, Töten, Motorrad, E-Gitarre... nein, ist alles – ach ja. Mein Arsch. Das sind die sieben Dinge auf die du nicht verzichten willst.“
Kei ließ das Antworten bleiben und schaute aus dem Fenster.
Colin schmunzelte halb und stieß sich von der Tür ab um zum Bett zu gehen. Kei beachtete das nicht weiter. Colin kletterte zu ihm und über ihn, bis er rittlings auf ihm saß.
„Ich habe Recht, oder?“ Er lächelte.
„Nein, du hast immer noch was vergessen,“ entgegnete Kei nüchtern. Colin beugte sich zu ihm hinunter, wobei er sich auf seinem Rücken abstützte, und küsste seinen Nacken, nachdem er die Haare etwas zur Seite gestrichen hatte.
„Nummer Acht: Blowjobs,“ sagte er leise.
„Fehlt noch was,“ sagte Kei und sah weiter aus dem Fenster, wobei es mit Colin auf ihm nicht sehr bequem war, geradeaus zu gucken.
„Was?“ Colin biss sanft in ein Ohr.
„Rate weiter. Es fällt dir noch ein.“ Auf Keis Gesicht zeichnete sich ein leichtes Grinsen ab – für Colin aufgrund von Keis Position unsichtbar.
„Keine Lust,“ sagte Colin plötzlich ungerührt und stand auf.
„Dann nicht.“ Kei blieb liegen und sah weiter auf die Landschaft draußen, welche man eigentlich nicht als solche bezeichnen konnte, weil sie aus Dächern und Wänden bestand.
Die Zimmertür wurde unsanft von außen geschlossen.
Kei veränderte seine Position nicht und besah sich weiter die Häuser draußen.

Bald drang wie am Morgen wieder Musik aus dem Wohnzimmer nach oben. Wieder war es Rock'n'Roll, scheinbar von Schallplatten oder Tonbändern. Kei hörte zu, dachte nach und legte irgendwann den Kopf auf die Matratze. Nach einer Weile drehte er sich um, sodass sein Blick in Richtung Zimmerdecke ging. Seine Augen fanden dort nur einen Leuchter. Den betrachtete er eine ganze Weile lang.
Stundenlang ging die Musik noch weiter, und es kam niemand herauf, bis es draußen allmählich dunkler wurde. Die Schritte gehörten nicht Colin und sie bewegten sich nur schlurfend an der Zimmertür vorbei und in das schräg gegenüberliegende Badezimmer. Kei schenkte den Schritten keinerlei Beachtung, da sie weder Colins waren, noch sein Zimmer zum Ziel hatten. Stattdessen lauschte er weiter auf die Musik, als deren Urheber er Colin vermutete. Tatsächlich ertönte sie mittlerweile nicht nur aus alten Lautsprechern, sondern war gelegentlich von klareren Klavierpartien begleitet und von Gesang und Gelächter in mehreren Stimmen durchsetzt. Der Vampir ließ es bleiben, sich der unten herrschenden guten Stimmung anzuschließen, er hörte dem Treiben lieber aus der Ferne zu.
Nach einigen Minuten stand er auf und machte – samt Zigarettenschachtel – einen Satz aus dem Fenster. Er landete so in der Abstellgasse zwischen den Häusern, dass man ihn von den Fenstern und der Straße aus nicht sehen konnte.
Während er seine Zigarette anzündete, gingen auch die Straßenlaternen nacheinander an. Noch war es nur grau und dämmerig, aber nicht richtig dunkel. Hier draußen konnte man die Musik nur noch sehr schwach vernehmen, wenn man genau horchte und ein sehr gutes Gehör hatte. Kei hörte die leise Musik zwar, achtete aber nicht mehr richtig darauf. Er widmete sich seiner Zigarette und sah dem Himmel beim Dunkelwerden zu.

In den folgenden Tagen und Nächten sprach Colin kaum mit ihm, obwohl er weiterhin bei ihm im Bett schlief. Einmal stand er in den frühen Morgenstunden auf und schlug ein paarmal seinen Kopf laut gegen den Holzschrank.
Kei öffnete müde die Augen und sah angesichts des nervenden Lärms in Richtung Schrank und Colin. Der stand in sehr angespannter Haltung da und trug nichts als seine Schlafboxershorts und die Eisenklaue, die er aufgeklappt in beiden Händen hielt und deren Klingen sich noch wenige Zentimeter von seiner Kehle entfernt befanden. Sein Gesicht war verkrampft und seine weit aufgerissenen Augen starrten auf den Metallhandschuh vor seinem Gesicht, während er den Kopf noch einmal nach hinten riss und gegen die Tür des Kleiderschranks schlug.
„Du sollst dich nicht umbringen...“ Kei stand etwas müde auf, nahm Colin den Handschuh weg und stellte sich zwischen ihn und den Schrank. Dabei stolperte Colin ungelenk dem Eisenhandschuh nach, bekam ihn aber nicht zu fassen und drehte sich stattdessen schwerfällig zu Kei um und sah ihn mit zusammengebissenen Zähnen verzweifelt an. Kei erwiderte den Blick ruhig und blieb stehen, wo er war. Den Eisenhandschuh warf er außer Reichweite seines Freundes auf den Boden. Dem schweren Scheppern auf dem Boden wandte Colins Körper sich mit einem Ruck zu. Dann zuckten seine Beine und rannten ohne Mitarbeit des restlichen Körpers auf die freie Wand zwischen Tür und Kleiderschrank zu. Kei war schneller und stand wieder vor Colin, bevor der sich einen ganzen Meter bewegt hatte. Colins gesenkter Kopf krachte mit der Stirn voran in Keis Brust. Er hielt den Kleineren an den Schultern fest und hinderte ihn so daran, seinen Rammversuch zu wiederholen.
Schlag mich doch einfach! Davon muss ich aufwachen!
Colin zog und und drückte noch eine Weile und versuchte, sich aus Keis Griff zu winden, ohne dabei die Arme zu heben.
Kei stieß ihm tatsächlich die Faust in den Magen, um ihn zurückzuholen. Das war die beste Methode, Colin schnell wieder zur Besinnung kommen zu lassen. Angesichts der Selbstheilungskräfte des Kleineren war das nicht einmal wirklich schädlich.
„Hng!“ Colins Körper wurde durch den Stoß etwas rückwärts geworfen und krümmte sich leicht, als Kei ihn losließ und er zurückstolperte. Er hielt sich ächzend den Bauch.
„Wieder da?“
Colin nickte nur eilig. Sprechen war noch nicht drin. Mühsam richtete er sich auf und tastete nach dem Bett, auf das er sich setzte.
„Danke... aber musste das so fest sein?“ beschwerte er sich schließlich und rubbelte sich über das Gesicht, das er nun auch endlich wieder bewegen konnte.
„Vom Streicheln wirst du nicht wach,“ kommentierte Kei und ließ sich wieder aufs Bett fallen. Von der Tür entfernten sich langsame Schritte. Colin sah kurz zur Tür.
„Man könnte meinen, du hättest Spaß dran, mich zu verprügeln,“ sagte er schlicht und legte sich auch wieder hin, neben Kei.
„Dann würde ich das nicht machen, wenn du versuchst dich umzubringen,“ sagte Kei schlicht und schloss die Augen. Es war noch tiefste Nacht, da war noch ein bisschen Schlaf zu holen.
Nachdenklich betrachtete Colin ihn noch ein paar Minuten lang, bevor er sich wegdrehte und den Schrank anstarrte. Kei brauchte nicht lang, um tief und fest einzuschlafen.

Als er aufwachte, war Colin schon aufgestanden, wie die Tage zuvor auch. Was diesmal anders war, war die Versammlung im Wohnzimmer. Neben Frau Quan und Dennis waren Delilah, Rupert, der Japaner aus Brasilien und noch vier Unbekannte dort. Colin saß auf dem Klavierhocker und aß langsam einen Muffin. Die anderen hielten alle Becher und Tassen mit Kaffee oder Tee in den Händen und waren auf dem Sofa, den Sesseln oder stehend um den Kamin herum verteilt.
Kei ging, nur mit einer schwarzen Jeans bekleidet, nach unten und leise ins Wohnzimmer. „Was is'n hier los?“ fragte er schließlich.
„Wir können ins Schloss zurück,“ sagte Dennis. Die Anwesenden musterten Kei teilweise neugierig und sahen Dennis interessiert an. Außer Delilah, Colin und dem Japaner verstand wohl niemand, was Dennis und Kei von sich gaben. „Hast du dich entschieden?“ fragte er Kei mit seinem typischen gelassenen Lächeln. Colin sah Kei gespannt an.
Der Instanz die Stirn zu bieten ist besser als vor ihnen davonzulaufen und zu hoffen, dass sie uns in Ruhe lassen. Aber das bedeutet auch, nach ihren Regeln spielen zu müssen. Alleine schaffe ich das niemals... Kei wollte sich nicht unterordnen müssen, aber er hatte noch weniger Lust auf ein Leben auf der Flucht. Er überlegte eine ganze Weile, bis er er schließlich eine Antwort verlauten ließ: „Ich bleibe – zumindest vorerst.“
Colin lächelte und sah Delilah mit einem Blick an, der zumindest für sie und Kei eindeutig Triumph ausdrückte. Sie bedachte ihn mit einem schmunzelnden Seitenblick, während Dennis offen grinste.
„Then we'll be off. Rupert, you're taking Colin, Kei, du fährst mit Delilah, and the others know where and how to go,“ verkündete er.
Es folgte allgemeines Rascheln, als alle langsam aufstanden und ihre teilweise nicht ganz geleerten Tassen auf einem Tablett abstellten, das hinter Colin auf dem Klavier stand. Er stand auch auf, damit er sich nicht für jeden Arm ducken musste, der hinter ihn langte. Kei nickte und machte kehrt, Sachen packen. Das waren zwar nicht viele, aber zurücklassen wollte er nichts.

Als er wieder unten ankam, zuppelte Frau Quan gerade an einer Mütze herum, die sie Colin aufgesetzt hatte. Sie schien zu glauben, dass er sich verkühlen konnte. Da es tatsächlich sinnvoll war, seine nun recht auffällige, da beinahe haarlose, Erscheinung unauffälliger zu machen, bemühte Colin sich nicht, dieser netten Frau, deren Gast er nun tagelang gewesen war, zu erklären, dass ihm Kälte nichts ausmachte. Er ließ sie machen und nahm es auch hin, dass sie ihn noch in einen Schal einpackte, was Dennis, der schon in der Tür stand, mit etwas mitleidigem Blick mitansah.
„Schön, dass meine alte Garderobe noch einen Nutzen hat,“ sagte er. Außer ihm, Colin und Frau Quan schienen alle bereits das Haus verlassen zu haben. „Delilah ist bei den Motorrädern neben dem Haus,“ sagte er Kei, als er ihn sah.
Kei, dessen Habseligkeiten auf den Rucksack und die Taschen seiner Jacke, die er seit der Flucht aus Japan besaß, verteilt waren, nickte und schaute kurz leicht belustigt zu Colin hinüber. Dass sein Freund, mit dem er schon so einiges erlebt hatte, in jemandem einen Beschützerinstinkt wecken konnte, wie man ihn einem Kind gegenüber hat, fand er sehr amüsant. Er wäre niemals auf die Idee gekommen auch nur zu versuchen Colin warm einzupacken. Zu guter Letzt und allem Überfluss umarmte und küsste sie Colin auch noch zum Abschied, der sich das verlegen gefallen ließ und sich nett für die Gastfreundschaft bedankte und jegliche Umstände entschuldigte.
„Let him go, mum, we've got to go now,“ steuerte Dennis bei und bekam zur Strafe auch noch eine feste Umarmung mit einer schimpfend klingenden Verabschiedung. Kei lachte und ging an den sich Verabschiedenden vorbei.
„Thanks for having us here,“ steuerte er dazu bei.
„Oh no no there,“ schimpfte Frau Quan streng und packte Kei am Ärmel, um ihn auch noch in eine erdrückende Umarmung zu zwingen. Dessen Reaktion war große Verwirrung und ein Anflug von Überforderung, trotzdem ergab er sich einen kurzen Moment und erwiderte die Umarmung kurz. Dennis' Mutter war die dritte Person, die ihn jemals in seinem Leben umarmt hatte. Nun war Colin mit Grinsen an der Reihe, doch es sah überhaupt nicht hämisch aus. Er schob sich an Kei vorbei und ging mit Dennis hinaus, wo ein rothaariger Mann in einem silbernen Audi wartete.
Nachdem Kei die ältere Dame wieder losgelassen und sich noch einmal wie ein anständiger Japaner verabschiedet hatte, ging auch er hinaus und begab sich mit zügigen Schritten zu Delilah und den Motorrädern. Sie saß bereits auf ihrem und wartete darauf, dass er sich seinen Helm aufsetzte, ehe sie ihm drei behandschuhte Finger zeigte. Der Audi fuhr inzwischen los.
Kei stieg auf das Motorrad und sah sie fragend an. Zeichensprache konnte er nicht. Sie tippte auf ihr linkes Handgelenk und zeigte dann wieder ihre drei Finger.
„Wir fahr'n in drei Minuten?“ versuchte Kei sich an einer Interpretation des Gezeigten. Delilah rollte genervt die Augen und machte eine wegwerfende Handbewegung, ehe sie einfach losfuhr. Kei fuhr hinterher. Sollte sie doch aufschreiben, was sie wollte. Das wäre viel einfacher!

Nach etwa drei Stunden näherten sie sich dem Schloss, diesmal von einer anderen Seite als das erste Mal. Unterwegs hatten sie einmal getankt, und Delilah hatte keinen weiteren Kommunikationsversuch unternommen. Kei war die Ruhe auf der Fahrt willkommen. Nicht, dass Delilah eine wirklich laute Person war, aber auch die Abwesenheit von Kommunikationsversuchen war gut.
Als sie ankamen, parkte Kei sein Motorrad unweit des Autos mit dem Colin und Rupert gefahren waren. In diesem Unterstand waren noch die schwarze Limousine, ein Geländewagen und zwei weitere Motorräder abgestellt. Delilah verstaute ihre Helme in einem Spind, der nebenan in der Garage stand, und begleitete Kei durch den Seiteneingang hinein.
Nachdem Kei erfahren hatte, dass er das gleiche Zimmer wie vor dem Zwischenstopp in dem Haus nach Colins Rettung beziehen würde, brachte er sein Zeug dorthin und warf es einfach aufs Bett. Die Badezimmertür stand offen. Kei ging nachsehen, wer sie göffnet haben könnte und stieß am anderen Ende des Badezimmers auf einen weiteren Schlafraum, der – wie sich bei genauerem Hinsehen herausstellte – Colin gehören musste. Die Jacke, die Mütze und der Schal, die er von Frau Quan bekommen hatte, lagen auf dem Himmelbett, das dem Keis sehr ähnelte. Überhaupt sah das ganze Zimmer fast genauso aus wie seins. Colin selbst war nicht da.
Kei ging zurück in sein Zimmer und packte seine Sachen aus, sortierte sie weg. Da er eine Weile hier bleiben würde, musste er nicht immer aus seinem Rucksack leben. Das hatte Vorteile. Er ging durch das Haus und erkundete es. Bisher hatte er das eher draußen getan.
Die unverschlossenen Türen auf seinem Flur führten fast alle zu weiteren großzügigen Zimmern, die allesamt zum Wohnen eingerichtet waren. Eine einzige am Ende des Ganges, der an einer Wand mit Fenster endete, führte zu einem einfachen, recht engen Treppenhaus mit winzigen Fenstern. Am anderen Ende mündete der Flur in die Galerie über der Eingangshalle. Ging man das Geländer entlang, kam man zu einem weiteren Flur, der fast wie das Spiegelbild des ersten wirkte. Hier waren die Räume nur etwas anders eingerichtet. Unter anderem gab es hier das Büro, in dem die Gruppe Kei empfangen hatte und Kriegsrat hielt und einen Raum mit Billardtisch, Dartscheibe, einer schwarzen Tafel auf die eine Strichliste gezeichnet war, einem großen Sofa, Flachbildschirm, mehreren Spielkonsolen, Kartentisch und anderen deutlichen Anhaltspunkten, die auf ein Spielzimmer hindeuteten.
Im Erdgeschoss gab es neben der Eingangshalle einen Saal mit Kronleuchtern, Wandteppichen, alten Waffen und Fresken an den hohen Wänden, in dem ein langer Tisch mit über zwanzig Stühlen und verschiedenen Beistelltischen stand, die allesamt mit Laken abgedeckt waren. Den hatte Kei schon einmal gesehen, denn die zweite Tür führte zu einem Salon, in dem sie schon gegessen und getrunken hatten. Er war wie ein reiches, sehr altmodisches Wohnzimmer mit Esstisch eingerichtet - oder so, wie Japaner es sich vielleicht vorstellten. Die beiden anderen Türen in diesem Zimmer führten zum einen zurück in die Eingangshalle und zum anderen an der Fensterwand entlang zur Bibliothek. Just aus dieser schwang Kei nun beschwingte, fröhliche Geigenmusik entgegen. Er wusste, dass diese von Colin stammen musste, ging aber nicht nachsehen. Stattdessen sah er sich weiter um. Vielleicht gab es einen Keller in dem auch noch etwas zu entdecken war. Colin zuhören konnte er später.
Er fand eine einfache Tür zum Treppenhaus und fand das Reich der Bediensteten. Es schien im Moment nicht bevölkert zu sein, sah allerdings benutzt aus. Ein großer, offener Raum mit langem Holztisch und einer Holztafel voller Glocken war von der Treppe aus als erstes ersichtlich. Direkt daneben gab es eine Küche, die recht modern eingerichtet war. Hier war nichts abgedeckt oder auf Dauer verstaut, wie es Kei schien, und es standen Kräutertöpfe und Kochgeschirr offen herum. Zwei große Kühlschränke summten an einer Wand.
Einen dunklen Flur entlang gab es noch ein paar verschlossene Türen und einen Raum mit Lebensmittelkonserven, Gemüse, Reis, Nudeln und dergleichen. Beinahe am Ende des Ganges, wo eine Tür nach draußen führte, gab es noch einen offenen Raum, in dem Schuhe, Stiefel, Mäntel und Werkzeuge verstaut waren. Einer der Schränke bot eine Auswahl verschiedener Waffen, und zwei weitere Schränke mit vergitterten Türen lockten mit ähnlichem Inhalt, waren allerdings verschlossen.
„Hello? Can I help you?“ fragte eine weibliche Stimme durch die offene Tür.
„Nah, I'm just taking an inside walk,“ entgegnete Kei leise und machte auch wieder kehrt. Im Schloss – es war ein wirklich großes Schloss – hatte er alles gesehen. So viel Raum für so wenige Leute. Er hatte immer geglaubt, seine Wohnung in Tokyo sei riesig, aber das hier übertraf alles.
Die Frau trat zur Seite, um ihn vorbeigehen zu lassen und sah ihm nach. Sie folgte ihm eine Weile den Gang entlang, bis sie zur Küche kamen, wo sie haltmachte und ihre Schultertasche auf einem Tisch ablegte.
Als Kei aus dem Treppenhaus kam, schloss sich ihm schräg gegenüber gerade die Tür zur Bibliothek, aus der immer noch Colins Musik drang.

Freudestrahlend probierte Colin die Geige aus, die Rupert ihm gerade in die Hand gedrückt hatte. Er hatte sie sofort gestimmt und stellte nun fest, dass sie nicht nur wunderschön und alt war, sondern auch klang, als hätte Antonio Stradivari sie persönlich in die Welt gehext. Rupert saß vor ihm im hohen grünen Ledersessel und lehnte sich gelassen zurück. Er sah und hörte Colin zu, der gleich begann, so gut er konnte, aus der Erinnerung Jesu Joy of Man's Desiring zum besten zu geben. Genüsslich und in aller Ruhe bespielte er die Bibliothek mit den zarten Klängen.
„Bach,“ murmelte Rupert lächelnd.
Kei betrat den Raum leise und setzte sich dort auf den nächstbesten Stuhl, den er finden konnte. Einen lederbezogenen, der neben einem antiken Schreibtisch nahe der Tür stand. Am Schreibtisch selbst lehnte Delilah, die Kei zur Begrüßung anlächelte, ehe sie wieder zu Colin sah. Er stand vor Ruperts Sessel, der friedlich lächelnd zuhörte, und jagte fröhlich durch verschiedene, bekannte klassische Melodien, die er mit ein bisschen Improvisation versetzte wie es ihm gerade einfiel. Auf den beiden Sofas rechts und links des Kamins saßen Jane, die kurzhaarige Frau, die mit ihnen nach London gefahren war, Motoki und ein weiterer Mann, den Kei bereits gesehen hatte aber noch nicht mit Namen kannte. Teils gebannt, teils gespannt sahen und hörten sie Colin still zu.
Colin selbst wirkte etwas surreal, wie er mit seinem Sex Pistols-T-shirt und den zerrissenen Jeans wie ein Skinhead hier in dieser hochherrschaftlichen Umgebung stand und auf einer antiken Violine spielte. Er schien sein Publikum nicht zu beachten und spielte nur vor Rupert. Allerdings sah er auch ihn nicht an, sondern nur die Geige und seine Finger, wenn er die Augen für eine Weile öffnete.
Kei legte sich halb hin, ließ die Beine über die Lehne des Sessels baumeln und schloss die Augen. Das war fast wie zuhause in Tokyo. Er hörte einfach nur zu, während er selbst sich eine neue Gitarre wünschte.
Colins Gesicht und Haltung strahlten die mal friedliche, mal übermütige Stimmung aus, die er augenblicklich mit der Musik ausdrückte. Das schien sich auf die Zuhörer zu übertragen, sodass selbst Delilah und die spröde Jane zwischendurch etwas benebelt grinsen mussten. Als er schließlich, nach langen melodiösen Minuten, endete, klatschten sie, Motoki und der Fremde, und Motoki ließ ein sachtes „Wuhu!“ ertönen.
Kei lag einfach da und gab keine Gefallensbekundungen zum Besten – musste er auch nicht. Colin wusste ohnehin, ob es ihm gefiel oder nicht. Wenn nicht, verschwand der Vampir in der Regel einfach wieder.
Colin grinste verlegen und kratzte sich den stoppeligen Skalp. Als er sich theatralisch verbeugte, bemerkte er Kei und zwinkerte ihm zu.
„Thank you. I needed that,“ sagte er zu Rupert.
„I think we all did. Keep it,“ sagte Rupert leise. Colins Blick wurde ernster und er schluckte, als er sich noch einmal die alte Violine ansah.
Kei, von dem jemand, der ihn nicht kannte, annehmen musste, dass er schlief, bemerkte lediglich, dass Colin ihn bemerkt hatte und hob die Hand zu einem müden Gruß. Ansonsten veränderte er seine Position nicht weiter. Jane und die beiden Männer standen gemächlich auf und verabschiedeten sich. Delilah stieß sich vom Schreibtisch ab und folgte ihnen.
'Wir gehen alle schlafen. Für die meisten von uns war es eine lange Nacht,' erklang die monotone Stimme in Keis Kopf, während sie hinter den anderen hinausging. Kei nahm das zur Kenntnis.
„Colin?“
Colin sah zu Kei, antwortete aber nicht. Er packte die Geige sorgfältig in ihren Kasten, der eindeutig neuerer Machart war als sie selbst. Rupert saß immer noch gelassen in seinem Sessel und sah ihm zu.
„Bist du immer noch sauer?“
Mit dem Geigenkasten im Arm, wie eine Puppe, sah Colin zu Kei, und dann vorsichtig zu Rupert. Der blickte gekonnt desinteressiert aus dem Fenster. Er verstand sowieso nicht, was sie sagten.
„Nein,“ antwortete Colin, während er an Ruperts Sessel vorbeiging. „Aber irgendwie schon. Weißt du überhaupt, warum?“ Er klang nur ein wenig schnippisch.
„Nein, außer – du bist nicht wirklich deshalb sauer, weil ich was unpassendes gesagt habe?“ Das konnte Kei sich kaum vorstellen, aber bei Colin war das durchaus denkbar. Dass er deshalb und nur deshalb so lange angepisst sein konnte...
Colins Augen weiteten sich überrascht, dann ging er weiter auf Kei zu. „Du weißt also immerhin, dass es 'unpassend' war. Herzlichen Glückwunsch. Das war nicht 'unpassend'. Es war ekelhaft.“ Colins Mund verzog sich etwas und er musste sich sichtlich zusammenreißen. Er ging auf die Tür zu.
Kei blieb, wo er war. „Meinetwegen auch das. Soll ich jetzt auf die Knie fallen und um Vergebung flehen?“
„Wär ein Anfang,“ gab Colin kühl zurück und versuchte, eindrucksvoll die Tür zu knallen, was aber ruhmlos misslang, da der Teppich dick und die Tür scheinbar irgendwie gepolstert war. Draußen schnaubte er bloß unzufrieden und marschierte zur großen Treppe. Er hätte Kei gern noch so einiges an den Kopf geworfen, bei dieser seltenen Gelegenheit, zu der der Vampirklotz mal von selber reden konnte, aber mit Rupert im Raum wäre ihm das zu melodramatisch und billig gewesen.