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Sunday, August 7, 2016

Kei + Colin LXXXII: Gute Vorsätze


Was sich drinnen und im angeschlossenen Badezimmer abspielte, war ebenfalls ruhig und gemächlich. Rupert tat, was er angekündigt hatte, ließ Badewasser einlaufen und nahm die vollgebluteten Kleider an sich, die Colin sich vorsichtig auszog. Als er das Oberteil und den kurzen Mantel wegwerfen wollte, bat Colin darum, sie behalten zu dürfen, weil sie doch neu seien und Rupert sie ihm gerade erst gekauft habe. Er werde versuchen, sie irgendwie sauberzukriegen.
Er war etwas wackelig auf den Beinen, weil sein Körper momentan kaum Blut enthielt, also ließ er sich beim Aufstehen, Ausziehen und in die Wanne steigen von Rupert stützen. Dabei war er nicht nur vorsichtig sondern auch besonders leise, um auf Keis Gitarre zu horchen. Mit friedlicher Bedächtigkeit wischte er auf dem Schaum herum, der wie das Wasser sofort stellenweise dunkler wurde, während das Blut auf seiner Haut aufweichte. Langsam und vorsichtig wischte er sich mit warmem Wasser über das Gesicht. Rupert saß zwei Schritte entfernt daneben, mit gefalteten Händen und auf seine Knie gestützt auf dem Klodeckel, und beobachtete Colin ernst.
Als Colin das Lied zu erkennen meinte, dessen Gitarrenbegleitung Kei draußen auf dem Flur spielte, lächelte er leise. Kei wurde irgendwann etwas lauter mit der Gitarre, weil ihm eigentlich egal war, ob er jemanden damit stören könnte.
Sachte begann Colin, Teile des Textes in sein warmes rosa Badewasser zu flüstern. Es war das Lied, das er an Neujahr für Kei in der Karaokebar in Tokyo gesungen hatte.
Bis Rupert ihn unterbrach.
„Tell me about Kei.“ Die Aufforderung war leise, aber bestimmt und von einem besorgten Stirnrunzeln begleitet. Colins Lächeln flachte ab und er wischte erst noch nachdenklich in seinem Schaum herum, bevor er leise zu erzählen begann. Zuerst fiel Colin ein, dass er vielleicht fragen sollte, was Rupert über ihn wissen wollte. Doch dann entschied er sich dafür, Ruperts Wohlwollen und Geduld auszunutzen, und ihm genauso von Kei zu erzählen, wie Rupert ihm gerade vor wenigen Minuten von seiner Mutter erzählt hatte. Colin hatte kaum Fragen gestellt und hatte nichts bestimmtes wissen wollen. Er hatte Rupert einfach erzählen lassen und friedlich zugehört. Und Rupert fragte ihn nun auch nichts, sondern saß bloß stumm da.

Derweil begann Kei auf dem Flur damit, verschiedene Lieder zu spielen, die er mit irgendeinem Tag verband, den er mit Colin erlebt hatte. Suna no Shiro von Mucc, das er selbst an Neujahr gesungen hatte, war das nächste.

„He's strange. And very dangerous and interesting. And cold. And talented. And serious. ... When I met him... I mean, really met him, not just in class... but even then... he was terrifying.“ Colin sprach leise und langsam. Eigentlich murmelte er nur verwirrt vor sich hin. Einiges flüsterte er beinahe andächtig. „When you look at his eyes, and they look back at you... you freeze or you melt. It makes you dizzy. ... You know he's actually in love with me? Me. I know that. I know. I do. ... Most of the things that happened weren't his fault. ... I know that...“ Er sprach hauptsächlich mit dem duftenden Badeschaum vor seinem Gesicht. „You know... No. ... I should be scared of him, do you think... You know... there was this one bloke who filmed us when we... the guy tried to blackmail me and Kei had him beaten up. And then he killed him a couple of days later.“
Nun wandte Colin ein wenig den Kopf zu Rupert, um ihn aus dem Augenwinkel anzusehen. Sein böses Schmunzeln lag etwas unter Wasser. „He'll snap the neck of anyone who touches me.“ Dann wurde sein Lächeln dünn. „He'll snap mine, too. Eventually. He might as well.“ Er tauchte sein Gesicht kurz unter und wischte sich dann darüber. „He doesn't give two flying fucks about me, really. I belong to him, that's all. He's selfish.“

Kei spielte draußen munter weiter und bewies, dass er auch lebhafte Lieder beherrschte. Colin wusste das allerdings. Naja, vielleicht hatte er es ja vergessen... Jedenfalls war Kei laut genug, drinnen im Badezimmer sehr gut gehört werden zu können.

Colin musste etwas blinzeln. Aber er wusste nicht, ob es die Seife war, die ihm in den Augen stach, oder etwas das nichts mit dem Badewasser zu tun hatte. Mittlerweile hatte er seine Stimme wiedergefunden. Er sprach immer noch ruhig und langsam und mit vielen Denkpausen, doch er war weniger entrückt und hatte normale Redelautstärke erreicht. Außerdem musste er nun nicht mehr darauf achten, Keis Musik nicht zu übertönen, denn die war nun ein wenig lauter geworden.
„You know... If I could... If I could... I keep dreaming of him. Since the pits. Before, as well. But now it's... almost like an alternate reality. ... I keep imagining him as someone with actual feelings... in another world... Who doesn't save me from kidnappers, torturers and rapists... Who takes me for a stroll in a park, holds my hand and smiles at me... who's soft when he does things. And nice. And happy...“ Er klang wieder nachdenklicher. Nach einem weiteren verschämten Tauchgang fuhr er fort: „One time, he took me hiking. And we sat down on a cliff in the heather. And he came really close... and recited Shakespeare... But that never happened. Because it was near where my granddad lives... and I remembered we never got to Scotland after all.
„And one time, we were in a pub and he played to me. And he smiled the whole time. Another... he... when he does things...“ Mit geschlossenen Augen rutschte Colin langsam unter Wasser und blieb dort. Ihm war gerade bewusst geworden, dass er Rupert beinahe von Sex mit Kei erzählt hätte. Er musste davon erzählen, aber Rupert? Der war nun praktisch ein Elternteil. Und... das war viel zu privat.
Beinahe weinte er unter Wasser, oder es war tatsächlich die Badeseife, die ihm in den Augen brannte, und er tauchte wieder auf, kurz bevor Rupert aufstehen wollte um ihn herauszuziehen.

Kei spielte draußen weiter. Fröhlichere Lieder. Diesmal spielte er World is Mine von Plunkrock.

„I can't-! I don't know how-! I don't-!“ Frustriert patschte Colin mit der Faust auf die Wasseroberfläche. Aber nur sehr halbherzig. Rupert neigte nur etwas den Kopf und hörte und sah weiter genau zu. „I can't keep going-! This is...“ Colin wischte sich über das Gesicht. Nun wusste er sicher, dass er weinte. „It's not even his fault. He doesn't understand anything. I... He doesn't know how... He doesn't see it. Or he doesn't know how to...“ Er gab ein frustriertes Ächzen von sich. Rupert kaute mit besorgtem Blick auf seiner Zunge herum.
„Is that why you want to die?“ wagte er. „Because of him?“
„I don't want to die, for fuck's sake...“ Colin schnaubte etwas genervt, aber sprach ruhig weiter. „I can't die. I just don't want to go on living.“

Kei, sehr gut darin höflich und unhöflich zur gleichen Zeit zu sein, machte mit der akustischen Belästigung seiner Umgebung weiter um sich davon abzuhalten, den beiden zuzuhören.

„Why?“ fragte Rupert weiter.
Colin lehnte sich zurück und sah an die Decke. Sogar die sah edel aus. Er schloss die Augen, um über seine Antwort nachdenken zu können. Keis Musik war nicht mehr auszublenden. Und sie veranschaulichte so wunderbar, was ihn kaputtmachte. Es passierte genau jetzt und er musste nichts weiter tun, als dieses augenblickliche Empfinden zu beschreiben.
„Because half of what he does is amazing. And the other...“ Die fröhliche Musik schob sich durch seinen Körper wie ein scharfer Hobel, der tonnenschwer Teile seiner Seele abraspelte, mit jedem Akkord und jedem Takt. „It's a punch in my guts!“ rief er, damit Kei ihn auch hören konnte.

Tat er. Aber weil er den Rest des Satzes nicht kannte, nahm er sich vor, später danach zu fragen.

Colin sah den immer besorgteren Rupert mit verzweifeltem Trotz an und sprach beinahe so laut weiter: „Do you know how often I've been kidnapped and raped? Neither do I! I've been drugged and unconscious and I JUST LOST COUNT!“ Er sah Rupert nicht einmal mehr direkt an, sondern irgendwie durch ihn hindurch oder knapp an ihm vorbei, sodass dem Mann trotz seines Schreckens über das, was Colin da von sich gab, sofort klar war, dass der Junge nicht ihn anschrie.

Kei hörte das und sollte er mit dem Anschreien gemeint gewesen sein, hätte er ‚Neither do I know‘ zurückgeschrien. Das wollte er allerdings nicht. Zum Einen, weil er wusste, dass Colin das klar war und zum Anderen, weil es nicht seine Schuld war.

Colin stützte sich auf den Badewannenrand und beugte sich darüber vor. „ASK him how defective I am. I can tell you right now what he'll say.“ Das Folgende schleuderte Colin auf Japanisch in den Raum, sodass Rupert nur verständnislos zurückstarren konnte. „Du bist viermal entführt worden, einmal gestorben, hast diverse Male versucht, dich umzubringen, du warst 'ne Untergrundkäfigkampfattraktion, sie wollten dich zu 'ner Crackhure machen, du hast deine abgeschlachtete Familie an Heiligabend gefunden... Du bist also ziemlich kaputt!“ Er hatte sich große Mühe gegeben, nicht zwischendurch zu schluchzen, aber es passierte trotzdem. „He actually said that! Word for word! I'll never forget it! He said that to me!“

Kei wusste, dass Colin deshalb sauer war, aber, dass er sich alles, was er unglücklich formulierte, so sehr zu Herzen nahm, war ihm nie richtig bewusst gewesen.

„He always helps me out when it counts. He's always there when I need him. And then he takes over. He always pulls me out of the deepest shit. He's saving me all the time, from everything. Just so that he can finish me off himself.“ Colin setzte sich wieder hin. „I can't stop letting him. I'll let him treat me any way he wants, literally. But it's... I wish I had an empty chest. I could bear it then.“ Nun sprach er tatsächlich wieder mit Rupert, aber wieder ohne ihn anzusehen. „You know how everything clenches in your ribs? Like something's tugging on it and twisting everything in there... that's when I've wished too much. And he's strangling it all, my lungs and heart and everything, and he doesn't even know.“

Kei wurde mit der Gitarre etwas leiser, als er anfing, wieder ruhigere Lieder zu spielen.

Zeitgleich wurde Colin auch wieder leise und verstummte schließlich ganz. Rupert wartete noch lange stumm und beinahe reglos, bis Colin ganz aufgehört hatte zu weinen, der Schaum komplett verschwunden war und sich sämtliches Blut von Colins Haut im Wasser aufgelöst hatte. Wortlos einigten sie sich darauf, dass er nun hinauskonnte, und Rupert holte ihm ein Handtuch aus dem Schrank und den großen, weichen Bademantel aus dem Schlafzimmer, während Colin das dunkle Wasser ablaufen ließ und sich selbst und die Badewanne noch mit klarem Wasser abspülte.
Zurück in Colins Zimmer sagte Rupert noch etwas, gedämpft von dem flauschigen Stoff des Bademantels auf Colins Schulter, während er ihn umarmte. Als er ihn losließ, schloss er mit: „Your mother was my Kei,“ und lächelte dabei leise.

Kei hatte keine Ahnung wie spät es war und hatte das Bedürfnis sehr laut zu spielen, also ging er, nachdem er sein Plektrum gesucht und gefunden hatte, nach draußen. Er ging irgendwo in den Garten, wo er meinte, dass man ihn zwar hören aber nicht wegen der Lautstärke umbringen würde.
Dort wurde er auch in Ruhe gelassen.

Überhaupt schien auf dieser Seite des Schlosses sehr wenig los zu sein. Vorn war dafür die Hölle los. Kleintransporter und Lieferwagen unterschiedlicher Unternehmen aus der Gegend parkten vor dem Flügel mit dem Seiteneingang, den alle benutzten, wenn sie mit den Motorräden unterwegs waren. Seit dem frühen Vormittag, während Rupert sich noch um Colin gekümmert hatte, herrschte dort und im gesamten Erdgeschoss große Geschäftigkeit, als Leihservice, Catering Service, Floristen und Handwerker Dinge durch die Gegend trugen, Möbel verrückten und ihrer respektiven Arbeit nachgingen.
Rupert ließ sich notgedrungen überall ein paarmal blicken, mischte sich in die Vorbereitung der Gala aber nicht ein. Auch die Planung hatte er anderen überlassen und nur insofern beeinflusst, als dass er die angekündigten Gäste genau überprüft und zu den Vorschlägen seiner Köchin und des Haushälters entweder Ja oder Nein gesagt hatte.

Kei veranstaltete derweil ein leises privates Rockkonzert und zeigte sich nicht unter den Leuten. Da man ihn dort, wo sie unterwegs waren, durch den Trubel überhaupt nur hören konnte, wenn man auf der Rückseite des Schlosses ein Fenster öffnete und genau horchte, oder gar das Gebäude ganz verließ und über die Terrasse in den Garten hinunterging, störte er niemanden. Nur wenn es drinnen zwischendurch ruhiger wurde, fiel den Vorbereitern, die sich für eine Raucherpause auf die Terrasse begeben hatten, die Musik deutlich genug auf, um ihr zuzuhören, wenn sie dazu die Muße hatten.
Irgendwann am Nachmittag trat jemand schwarzgekleidetes zwischen zwei übermannshohen Hecken hervor und schlenderte gelassen auf Kei zu. Es war Delilah. Scheinbar besaß sie keine Kleidung, die nicht aus hautengem schwarzem Leder oder Kunstleder bestand. Sie hielt die Hände locker hinter dem Rücken und wurde langsamer. Kei bemerkte zwar, dass sich ihm jemand näherte, aber es kümmerte ihn nicht weiter. Er achtete auch nicht darauf, wer das sein konnte. Delilah kam bis auf wenige Meter an ihn heran, bevor sie stehenblieb und ihm einfach zusah.
Die Saiten seiner Gitarre waren am Hals mittlerweile vollständig nass und rot von seinen zerschundenen Fingern, was Kei aber nicht zu stören schien. Dank des Plektrums hatte wenigstens seine rechte Hand zu bluten aufgehört.
Delilah hörte zu und beobachtete ihn dabei. Nachdem Kei sie einige Minuten lang gitarrespielenderweise völlig ignoriert hatte, erklang ihre monotone Gedankenstimme in seinem Kopf: ‚Die Karte.‘
„Was für ne Karte?“ fragte Kei und blickte auf. Delilah wischte ein paar Finger gegeneinander um ‚Geld‘ anzudeuten. Dazu sendete sie ihm den Gedanken ‚Rupert‘.
„Ach die.“ Mit der nicht blutigen Hand zog Kei Ruperts Kreditkarte aus seiner Hosentasche und gab sie Delilah. Den Preis seiner E-Gitarre verschwieg er dabei lieber. Sie steckte die Karte in eine Jackentasche und nickte auf Keis linke Hand. Er winkte ab. „Wächst wieder zu.“
Sie nickte. Dann deutete sie zwischen Kei und sich selbst hin und her und mimte ein paar Handkantenschläge. Kei nickte leicht. „Ich bring erst die Gitarre weg.“
Sie winkte ab. ‚Morgen.‘
„Okay.“ Kei machte sich dennoch auf den Rückweg zum Schloss und in sein Zimmer. Delilah sah ihm etwas nach, ehe sie ihre Wachrunde fortsetzte.

Im Schloss wurde Kei von jedem, dem er begegnete, etweder ignoriert oder mit kaum mehr als einem kurzen Blick und einem schnellen Kopfnicken begrüßt. Die zwei bis drei dutzend Menschen, die im Erdgeschoss unterwegs waren, waren allesamt schwer beschäftigt. In der fertig geschmückten Eingangshalle war wenig los, die Menschen eilten nur vereinzelt durch sie hindurch um zwischen Küche und Lagerräumen und dem Saal, der Bibliothek und dem Salon hin und her zu gelangen. Die große Treppe zur Galerie war auf der vierten Stufe mit einer Kordel abgesperrt.
Kei beachtete das Treiben kaum. Er ging in sein Zimmer hinauf, während seine Hand langsam zu bluten aufhörte und die Wunden sich zu schließen begannen.

Als er aus dem Badezimmer Wasserrauschen vernahm, horchte Colin auf. Er hatte den ganzen Mittag und Nachmittag hier drinnen verbracht. Er hatte versucht, seine neuen Kleider auszuspülen und es nicht geschafft, das Blut ganz aus ihnen herauszubekommen, aber da sie dunkel waren, konnte man die ausgewaschenen rostbraunen Flecken sowieso kaum sehen. Jacke, Longsleeves und Hose hingen nun nass auf dem Handtuchtrockner im Badezimmer und tropften auf die Fliesen.
Zwischendurch hatte es kurz an der Tür geklopft. Davor hatte nur eine abgedeckte Suppenschüssel mit rohem Fleisch gestanden. Randvoll. Diese war mittlerweile leer und wieder von seiner Türschwelle abgeholt worden. Die restlichen Stunden hatte er mit Nachdenken, Dösen und auf dem Fensterbrett sitzen verbracht.
Nun hörte er zu, wie Kei duschte. Und wartete. Bereitete sich innerlich auf den Moment vor, in dem das Rauschen aufhören würde.

Kei duschte gewohnheitsmäßig ewig und daher dauerte es ganze zwanzig Minuten, bis Colin vernehmen konnte, wie das Wasser wieder ausging. Beim Verlassen der Dusche fielen Kei die nassen Kleider auf, aber er beachtete sie nicht groß und nahm sich ein großes Handtuch.

Bis dahin hatte Colin es bis zu seiner Badezimmertür geschafft, an der er nun lehnte und horchte.

Halb abgetrocknet verließ Kei das Badezimmer wieder in Richtung seines Zimmers - wohl wissend, das Colin an der anderen Tür stand - und suchte sich ein paar Kleidungsstücke heraus.

Jetzt, dachte Colin, Jetzt, jetzt... Was wollte ich nochmal machen?

Kei zog sich Jogginghose und Tanktop an und legte sich auf sein Bett.

Colin schlug einmal die Stirn gegen die Tür und rubbelte sich über die noch raspelkurzen Haare, bevor er die Tür öffnete und langsam durch das Badezimmer ging.
Kei lag mit Blick in Richtung Decke auf dem Bett.
Colin blieb im Türrahmen stehen und sah Kei an. Er gab sich Mühe, keinen bestimmten Gesichtsausdruck zu haben, was natürlich nur dazu führte, dass man ihm jedes kleine Bisschen seines breit aufgefächerten Unwohlseins ansehen konnte. Kei drehte sich leicht in Colins Richtung und musterte ihn eine Weile, bevor sich sein Blick in ein Fragezeichen verwandelte.
Irgendetwas beschleunigte Colins Herz und Atem, während er sich nicht entscheiden konnte, ob ihn Keis Blick gerade erleichterte, besorgte oder enttäuschte. Seine Finger zuckten und er schob sie sich eilig in die Hosentaschen. Außerdem musste er dringend seine Socken betrachten. Er hatte jedes Wort, das er sich stundenlang zurechtgelegt hatte, vergessen.
Kei verkniff sich ein Schmunzeln. So wie Colin dastand, wirkte er, als müsse er irgendeinen Vortrag halten. „Warum so nervös?“ fragte er schließlich. Colin schluckte und kaute sich auf der Zunge herum.
Don'tcrydon'tcrydon'tcry.
Kei betrachtete ihn geduldig und blieb auf seinem Bett liegen. Er sah, dass irgendetwas mit Colin nicht stimmte, aber was das war, wusste er nicht. „Was ist los?“
Lange stand Colin da und blickte vor sich auf dem Boden herum, unschlüssig und zunehmend verzweifelter, weil ihm nicht einfallen wollte, was er sagen oder tun sollte, musste, wollte... Immerhin schaffte er es tatsächlich, nicht zu weinen.
Kei hatte keine Ahnung, was Colin gerade eigentlich wollte. „Du musst nicht im Türrahmen stehen bleiben...“
Daraufhin hob Colin endlich den ratlosen, verzweifelten Blick, und sah Kei hilfesuchend an. Aber bewegen konnte er sich nicht. Er hätte nicht gewusst, wohin er sich bewegen sollte.
Hätte Kei jetzt sowas gesagt wie ‚Ich beiße nicht,‘ wäre das gelogen gewesen, also tat er das nicht und deutete stattdessen durch den Raum. „Du kannst ruhig herkommen...“ Ich kann dir aber nicht sagen, was du mir sagen wolltest, das muss dir allein wieder einfallen.
Ein wenig verfluchte Colin sich selbst, als er zögerlich auf das Bett zuging und dabei sein Puls schon wieder wilder wurde. Auf dem Weg blinzelte er die Tränen weg, doch seine Augen blieben feucht. Kurz vor der Bettkante blieb er stehen, die Schultern immer noch hochgezogen und die Hände verkrampft in den engen Hosentaschen. Kei sah, dass Colin beinahe weinte, kommentierte das aber nicht. „Ich köpf' dich nicht. Du kannst mir ruhig sagen, was so wichtig ist...“ versuchte er ruhig. Colins Mund bewegte sich etwas. Dann fiel ihm auf, dass gar keine Laute herausgekommen waren, und er begann von Neuem:
„Hast du das ernst gemeint?“
„Heute morgen? ... Ja.“ Sonst hätte ich es dir kaum gesagt...
„... Meinst dus immer noch?“
„Ganz so schnell ändere ich meine Meinung nicht,“ sagte Kei leise.
Ganz plötzlich beruhigte Colin sich zusehends. Seine Schultern senkten sich und er kletterte zu Kei aufs Bett, wo er sich neben ihn kniete, ohne die Hände aus den Taschen zu nehmen. Kei drehte sich ein Stück zu ihm, sodass er auf der Seite lag.
„Es ist vielleicht,“ begann Colin, dann kniff er die Lippen zusammen.
„Es ist vielleicht was?“ fragte Kei leise. Er hörte Colin aufmerksam zu und beobachtete ihn gleichzeitig.
Das konnte Colin nicht sagen, während Kei in ansah. Er vergaß schon wieder, was er im Begriff war zu sagen. Er legte sich zu Kei, dicht, um sein Gesicht irgendwo an ihm zu vergraben. Kei ließ ihn machen und wandte das Gesicht zur Decke, darauf wartend, wie Colins Satz weitergehen würde.
„Es ist vielleicht dumm, aber ich vermisse dich immer,“ sagte er gedämpft an Keis Schulter. Kei war ein wenig erstaunt darüber, dass das Colins große Schwierigkeit sein sollte, die er nicht sagen konnte. Er legte einen Arm locker auf Colin und drehte den Kopf so, dass er dessen kurze Haare sah. „Weißt du, was du tust?“
„Jetzt gerade?“
„Nein... wenn du... Crackhure und abgeschlachtete Familie sagst.“ Colin klang ruhig, fast matt.
Kei wusste, dass Tatsachen formulieren schon mal nicht die richtige Antwort war. Keine Antwort war auch eine Antwort und in Keis Fall hieß sie eigentlich immer Nein.
Als keine verbale Antwort kam, hob Colin etwas den Kopf, um Kei anzusehen und sein Gesicht zu studieren. „Nicht?“
Er wusste es wirklich nicht. Das sah man seinem Gesicht auch an. Kei hatte keine Ahnung, wie Menschen und ihre Emotionen funktionierten und Colin erschien ihm zudem nicht als normal. Das war zwar gut, aber im Hinblick auf Keis nicht vorhandene Sozialisation nicht gerade vorteilhaft.
Colin schnaubte etwas und nickte, aber musste auch wieder schlucken. Natürlich. Er wusste doch, von Anfang an, dass Kei ein triebgesteuertes Raubtier war. Er wusste auch, dass er selbst, Colin, jeden anderen, jeden normalen und noch so verständnisvollen richtigen Menschen, wahrscheinlich genauso überfordern würde wie diesen soziopathischen Vampir.
Er überlegte kurz, wie er Kei dabei helfen könnte, sein Versprechen, sich zu bessern, einzulösen.
„Ich erklärs dir metaphorisch... Wenn ich so aussehe wie jetzt und du sowas sagst, dann... stell dir vor, ich säße mit gebrochenen Beinen herum, und du... du schießt mir dann noch in die Kniescheiben. Wenn ich so bin wie gestern - und ich erinnere mich sehr gut-“ Er legte den Kopf wieder auf Keis Brust. „Und dich und alles für Phantasmen halte, während ich in Wirklichkeit blind in einem Loch angekettet bin, und du mich dann... bei den Mülleimern...“ Seine Stimme wurde leiser. „Dann liege ich mit offenem Brustkorb auf der Straße herum und du... greifst rein. Und reißt alles raus. ... Verstehst du?“
Kei hörte zu, mit Bildern im Kopf. Er nickte leicht. Colin nahm das Nicken wahr, wenn er auch nicht genau hinsah. „... Ist das bei dir nicht so?“
Da es Kei ziemlich selten so ging, als reiße man ihm sein Herz heraus, war das bei ihm tatsächlich nicht so. „Bisher hat mir noch keiner das Herz herausgerissen... oder es versucht.“
Colin schluckte wieder und musste ein bisschen lächeln, passte aber auf, dass Kei das nicht sah. „Vielleicht war das zu bildhaft.“ Er strich mit einer Hand über Keis Brust und Bauch.
Kei lachte ein bisschen. Auch im metaphorischen Sinne war das noch niemandem wirklich gelungen. Jedenfalls nicht in der Form, die Colin beschrieben hatte.
„Lass es mich so sagen...“ Nun wurde er wieder leiser. Verlegenheit machte das mit seiner Stimme. Er sah auch an Kei hinunter, damit dieser sein Gesicht nicht direkt sehen konnte. „Du hast die Macht, mich glücklich oder unglücklich zu machen. Dafür brauchst du nur den Mund aufzumachen. Oder dich wegzudrehen. Oder mich anzufassen. Irgendwas.“
„Hm.“ Kei nickte. Er wusste nichts darauf zu antworten.
„... Verstehst du?“ fragte Colin zögerlich, ohne den Blick vom Bund von Keis Jogginghose abzuwenden.
Er nickte. „Ja.“
Colins Hand hielt still und blieb irgendwo neben Keis Bauchnabel halb unter seinem Tanktop liegen. „Das war schon immer so.“
Kei machte die Augen zu. Irgendwo war ihm das klar. Er antwortete nicht, weil das so ein Satz war, auf den man schlecht antworten konnte. Colin sagte auch eine Weile nichts mehr, und atmete nur ruhig und warm auf Keis Haut. „Entschuldige,“ flüsterte er schließlich kleinlaut.
„Wofür?“
„... Dass ich so schwierig bin... Aber ich brauche dich, um nicht wahnsinnig zu werden.“ Während er das sagte, spürte er sein Gesicht und seine Hände heiß werden. Etwas drohte, in ihm hochzusteigen und ihn wieder zum Weinen zu bringen, aber er hatte partout keine Lust darauf, also schluckte er das Gefühl der Verlassenheit und Betrogenheit hinunter.
Kei schwieg lächelnd. Zumindest eine Weile. Weil er nicht glauben konnte, dass Colin sich entschuldigte obwohl er nichts getan hatte... Kei verstand Menschen einfach nicht. Sie funktionierten komisch. Colin streichelte seinen Bauch noch ein bisschen. Dann sah er auf.
„Vorschlag.“
„Ich höre.“
„Ich helfe dir dabei, dein Versprechen einzulösen und du hilfst mir dabei, nicht wahnsinnig zu werden.“
„Deal. Ich bin schon wahnsinnig.“
Colin schmunzelte. „Bist du nicht.“
„Meinst du?“
„Nein, ich weiß es.“
„Naja. Eigentlich kann mir das egal sein.“
„Ob du wahnsinnig bist?“ Colin rutschte etwas auf Kei, um sich auf ihn zu stützen und ihn mit dem Kinn auf den Fäusten anzusehen. Um ihm das zu erleichtern, drehte Kei sich ganz auf den Rücken.
„Ja.“
„Wahnsinnig sein ist scheiße,“ entschied Colin gelassen. Mittlerweile hatte er genug damit geflirtet um zu wissen, wovon er sprach. Und er bereute nun, Kei so lange als wahnsinnig bezeichnet zu haben. Ein klareres Bewusstsein als er hatte Colins Erfahrung nach so gut wie niemand.
„Da sind wir uns einig,“ stimmte Kei ruhig zu.
„Warum glaubst du, dass du irre bist?“
„Weil man irre sein muss, um nach unserer Reise nicht durchzudrehen.“
„Bolivien und Brasilien waren schön,“ meldete Colin leise. „Und die Fahrt nach Kuba. So hätte alles bleiben können. Für immer.“
„Ja. Wir reisen einfach bald weiter. Ich kann eh nicht lange an einem Ort bleiben.“
Colin blickte zur Seite. „Was ist mit der Instanz? Die schnappen uns doch sofort.“
„Wir bleiben mit den Leuten hier in Kontakt. Die können uns helfen.“
„...“ Colin schien den Gedanken nicht so super zu finden.
„Hast du ne bessere Idee?“
„Hierbleiben und helfen...“
„Das ist eh der Plan für jetzt. Aber es ist nicht gesagt, wie viele Leute die haben,“ sagte Kei.
„Wer? Dennis oder die Instanz?“
„Beide.“
„Wenn wir die Instanz nicht besiegen können, sind Dennis und seine Leute trotzdem die bessere Wahl,“ sagte Colin. „Sie haben die Ressourcen und die Erfahrung, um uns alle versteckt zu halten. Außerdem mag ich sie.“
„Ich weiß. Ich finde es hier auch nicht schlecht. Aber ich will nicht immer versteckt sein.“
„Solange es die Instanz gibt, müssen wir das aber. Ob mit oder ohne Dennis. Sie kontrollieren ganz Westeuropa,“ gab Colin zu bedenken.
„Vergiss Japan nicht. Und was sie sonst noch kontrollieren, weiß ich nicht.“
Colin nickte. „Darum müssen wir hierbleiben. Allein schaffen wir's nicht, unterzutauchen. Außerdem...“
„Hm?“
„Rupert hat uns angeboten, dass wir hier leben.“
„Ich weiß,“ sagte Kei.
„Ich meine, so richtig, für immer.“
„Ich will trotzdem reisen.“ Keis Heimat würde Japan bleiben. Tokyo. Kein bestimmter Ort. Der Untergrund der ganzen Stadt. Colin sah ihn besorgt an. „Ich kann nicht ewig an einem Ort bleiben,“ wiederholte Kei. Mit etwas traurigem Blick breitete Colin die Arme aus und legte den Kopf auf Keis Brust. „Ich hab nichts dagegen, hier zu bleiben. Ich kann nur nicht ständig an diesem Ort sein.“ Kei war zu rastlos dafür. Er wollte viel unterwegs sein und nicht das Gefühl haben, irgendwo festzusitzen.
„Dennis will dich sowieso einspannen. Dann kommst du rum,“ sagte Colin.
„Ich will auch mit dir rumkommen.“
Darauf konnte Colin nichts entgegnen. Er wollte mit Kei überallhin. Aber mit der Instanz im Nacken...
Die konnte man ja nebenbei vernichten.
Nebenbei.
Kei legte einen Arm wieder locker um Colin. Colin zog sich etwas hoch und stützte sich neben Keis Schultern auf, um ihn sanft zu küssen. Kei erwiderte den Kuss.
„Ich will auch mit dir rumkommen,“ sagte Colin schließlich leise, indem er Kei ernst in die leuchtend blauen Augen sah. „Wenn... später.“
Später. Das war so ein Wort, dessen Bedeutung Kei nicht so ganz geläufig war. Aber er hatte Zeit. Viel davon.
Um seine Arme etwas zu entlasten, legte Colin ein Bein um Kei und kniete rittlings auf ihm. Er sah ihn weiter an. Kei erwiderte den Blick mit einem zufriedenen Lächeln.
„Wollen wir mit dem Unterricht anfangen?“ fragte Colin leise mit etwas verschmitztem Lächeln.
„Unterricht?“ Kei schaute so, als hätte Colin ihm gerade gedroht. Colin musste schmunzeln.
„Du hast versprochen, dich zu bessern. Und ich habe versprochen, dir dabei zu helfen.“
„Achso.“ Kei lächelte. Colin setzte sich auf.
„Also, wir können mit den binomischen Formeln anfangen...“
Kei seufzte. „Dein Ernst?“ Mit sardonischem Schmunzeln und hochgezogenen Brauen neigte Colin leicht den Kopf. „Folter mich doch nicht mit Mathe.“ Kei lächelte. Er ging davon aus, dass Colin das nicht ernst meinen konnte. Nach einem graziösen Schulterzucken beugte Colin sich wieder etwas vor.
„Dann eben Ernst. Die erste Lektion. Sag mir, was du gerade denkst.“
Kei gefiel die Tatsache dass Colin auf ihm saß besser als die, dass er wissen wollte, was er dachte. Zumal das nichts neues war. Doch Colin studierte sein Gesicht und schien auf eine Antwort zu warten.
„Der Tag kann gerne eine Weile so bleiben,“ sagte er schließlich. Er würde Colin seine ganzen Gedanken nie mitteilen, das wollte er auch gar nicht, aber einiges konnte Colin ruhig wissen. Colin schnaubte etwas.
„Komm schon, ganz ernsthaft. Wenn du immer so ein Roboter bleibst, treibst du mich in den Wahnsinn. Bitte.“
Kei wusste nicht so ganz, auf welche Gedanken Colin hinauswollte. „Kannst du nicht gedankenlesen - Nein, das wäre uncool,“ dachte er laut. Colin grinste und winkte ab.
„Egal. Darum geht es jedenfalls. Egal was du jetzt denkst. Du musst - ich kann nicht gedankenlesen, darum musst du mir zwischendurch davon erzählen. Dein Gesicht ist diese perfekte No-Maske...“
„Aber nur manchmal,“ entgegnete Kei mit leichtem Lächeln. Colin nickte. Er sprach leise weiter.
„Manchmal. Wenn dir etwas durch den Kopf geht, das ich wissen soll. Oder wenn es einfach wichtig ist. Oder lustig. Verstehst du? Sonst weiß ich vielleicht nicht, was los ist.“
„Ja, wenn es wichtig ist.“ Keis Verständnis von mitteilungswürdig wich wahrscheinlich sehr von Colins ab.
„Und? Jetzt ist es wichtig. Was fühlst du gerade?“
„Ich bin ein bisschen besorgt und ein bisschen gelangweilt.“
Mit einem frustrierten Stöhnen richtete Colin sich wieder auf und hielt sich die Hände vor das Gesicht. Das würde ein langes, hartes Stück Arbeit werden.
Kei musste lachen.
„Lach nicht, du Idiot. Ist für dich alles nur ein Witz?“ Colin wirkte genervt, aber nicht so richtig wütend.
„Dann hätte ich immer gute Laune.“
Colin schnaubte etwas. „Und warum hast du die nicht? Idioten sind doch eigentlich immer glücklich.“
„Weil ich kein Idiot bin... also nicht immer.“
„Oh, verzeih,“ sagte Colin mit leichtem Augenrollen, „sah von hier aus so aus.“ Er wusste, dass er unfair war, aber seine Ungeduld ließ ihn Dinge tun, die sein nackter Verstand nicht guthieß.
„Pff.“ Kei drehte sich einfach unter Colin um, sodass er auf dem Bauch lag und Colin von ihm herunterklettern musste, um nicht mit umzukippen.
„Es tut mir Leid, entschuldige,“ versuchte Colin beschwichtigend.
Es klopfte an der Tür.
„Is offen,“ brummte Kei.


Saturday, July 23, 2016

Kei + Colin LXXXI: Risse und Schnitte


Kei verließ die kleine Grotte und ging wieder in Richtung Eingang. Auf dem Weg zündete er sich eine Zigarette an. Als er den Hof mit dem Springbrunnen erreichte, hatte er noch über eine Stunde Zeit, bis er sich mit Rupert treffen sollte. Sein silberner Audi stand allerdings bereits herrenlos neben dem Brunnen herum. Da Kei nicht wusste wie spät es war, ging er hoch in sein Zimmer um auf die Uhr zu sehen, die dort an der Wand hing. Es war kurz nach ein Uhr. Kei setzte sich auf sein Bett und sah aus dem Fenster in den Garten. Er war sich sicher, dass Colin noch in der Höhle saß.

Damit hatte er Recht.
Colin hatte sich das eingerahmte Foto seiner Mutter genommen und sich wieder auf die Bank gelegt. Er starrte es lange an, abwechselnd mit der Höhlenwand, und döste irgendwann ein, während es auf seiner Brust herumlag.

Nach einer ganzen Weile ging Kei wieder hinunter. Ein weiterer Blick auf die Uhr verriet ihm dabei, dass es fast zwei Uhr war. Wartend betrachtete er das unauffällige europäische Auto vor der Tür.
Bald trat Rupert aus dem Nebeneingang bei den Garagen und kam gelassen auf ihn und den Audi zuspaziert. Ihm konnte man, wie auch Colin, den jahreszeitbedingten Temperaturabfall an seiner Kleidung ansehen - seinem kurzen Mantel, dem Schal und der Schiebermütze. Im Unterschied zu Colin trug er die warmen Kleider allerdings nicht aus Gewohnheit und um nicht aufzufallen, sondern aus Notwendigkeit. Als er näherkam, piepte der silberne Wagen und seine Scheinwerfer leuchteten kurz auf.
"A guitar, was it? Anything else on your agenda today?" fragte Rupert freundlich, während er zur Fahrerseite ging. Kei schlenderte zur Beifahrertür.
"No, nothing else," entgegnete der Vampir ebenfalls freundlich. Neue Zigaretten waren kein wirkliches Vorhaben. Er öffnete die Tür und stieg ein. Kei war nicht wetterfest angezogen. Seine Lederjacke war wasserdicht, aber nicht wärmend. Da er nicht fror war ihm das allerdings herzlich egal.
"Isn't Colin coming with us?" fragte Rupert, während er das Auto startete.
"He's sitting in the cave," entgegnete Kei. Ihm schien das als Antwort ausreichend. Rupert hielt inne. Ihm schien kurz der Atem zu stocken. Doch dann sah er sich um und fuhr los.
"Is he alright?"
"I don't think so. He often thinks reality is a dream and his nightmares are real."
Einige Minuten lang blickte Rupert nur ernst drein. Erst, als sie schon eine Weile in der Stadt waren, sprach er wieder. Er hielt am Straßenrand an. Es war der Haltebereich für Busse. Aus einer Innentasche zog er seine Brieftasche. "That street on the left there. There's a music shop." Zwischen zwei Fingern hielt er Kei eine Kreditkarte hin, während er sich die Brieftasche schon wieder einsteckte. Kei nahm die Kreditkarte mit einer leichten Verbeugung und leisem Danke an sich und steckte sie in seine Jackentasche. "We'll meet at the train station at six o'clock," sagte Rupert mit einem Blick auf seine Armbanduhr. "I'm afraid it can't be sooner."
"That's okay." Das waren zwar einige Stunden, aber das war nicht weiter schlimm. Kei konnte sich die Stadt ansehen und den Bahnhof finden, den Colin am vorigen Tag erwähnt hatte.
"The station is almost at the end of this street, it looks a bit like a church, you can't miss it," erklärte Rupert mit einem Vorwärtsnicken. Kei schaute in die gezeigte Richtung.
"Alright. You have something to do here?"
"Yes." Nun lächelte Rupert freundlich. "Now get out before I get a ticket."
Kei stieg aus dem Wagen und machte sich nach einem knappen "See ya later" auf den Weg in Richtung des Musikgeschäfts. Rupert verlor keine Zeit und fuhr wieder auf die Straße zurück, gerade als sich ein Bus näherte.
Kei folgte der Straße und sah sich dabei genau um, um sich nachher nicht unnötig zu verlaufen. Das Geschäft hatte er ziemlich schnell gefunden. Nach Tokyoter Standards war es nichts Großes, aber es hatte drei Stockwerke und war gut sortiert. Zwischen den Regalen, Aufstellern und Drahtgestellen an den Wänden standen viele verschlossene Vitrinen mit den wertvolleren Waren. Was Gitarren, Verstärker und Mikrofone anging - also das wofür sich die meisten jungen Kunden am ehesten interessieren mochten - gab es im Erdgeschoss nicht viel Auswahl, nur ausgesuchte Ausstellungsstücke als Appetitanreger. Doch ein schmales Schild am Fuß einer breiten, offenen Treppe gab preis, dass sich die entsprechende Abteilung im ersten Obergeschoss befinden solle. Kei sah sich lange um, bevor er sich für eine ganz schwarze ESP- Gitarre und einen kleinen Verstärker entschied, der bequem in eine Tasche passte. Mit seinem teuren Einkauf sah er sich eine Weile die Stadt an, bevor er sich langsam auf den Weg zum Bahnhof machte.
Zwischen anderen Autos stand der silberne Audi auf dem gut gefüllten Pendlerparkplatz vor dem uralten Bahnhofsgebäude. Rupert lehnte vor ihm an einer niedrigen Backsteinmauer und schien Zeitung zu lesen. Als Kei näherkam, blickte er auf und entriegelte das Auto. Er sah ernst aus.
"Put your things into the boot. We have something to take care of before we go back," sagte er. Kei packte sein Zeug in den Kofferraum.
"And what is that?"
"We need to find Colin. Apparently he's nowhere in the castle or on the premises. And we know he can't have been kidnapped again. So he must have run away." Er warf die Zeitung auf den Beifahrersitz und verschloss das Auto wieder. Kei stutzte.
"Did he leave something like a message?"
"No. So..." Rupert kam um das Auto herum zu Kei und sah ihn eindringlich an, wie ein zorniger Mordermittler unter Zeitdruck. "Did he say anything to you?"
"Yes. He mentioned something about leaving."
"Did he mention where he'd go, or what he would do?"
"He said something about Scotland."
Rupert hielt inne und sah Kei für eine Sekunde starr an, dann schnappte sein Blick auf das Bahnhofsgebäude. "You better pray he hasn't," murmelte er und zog rasch sein Telefon aus der Jackentasche.
"You think he's there? I'll have a look."
Rupert nickte nur und wartete, dass sein Anrufsziel abnehmen würde. Kei stieß sich vom Auto ab und joggte auf den nächsten Eingang des Bahnhofs zu. Er sah sich im ganzen Bahnhof um - sein erster Weg führte ihn auf die Gleise. Mit den zivilen Wegen hielt er sich dabei nicht auf, stattdessen sah er sich in Parkoursmanier auch überall dort um, wo Passanten üblicherweise nicht hingelangten. Von Colin fand er allerdings keine Spur.
Nach kaum zehn Minuten klingelte sein Telefon. Er zog es aus der Jackentasche und nahm ab. "Ja?"
"He's in Lancaster, somewhere just off the main campus area. Get back to Rupert, he'll drive you there. We're on our way, too. Remember, he can't be recognised by anyone!" Dennis legte auf, bevor Kei irgendetwas antworten konnte. Eilig lief er auf den Parkplatz zurück.
"Lancaster, campus area. Dennis is on the way, too."
"I know, hurry." Rupert war bereits beinahe vom Parkplatz heruntergefahren. Noch während Kei hineinsprang, fuhr er los.
Innerhalb von Minuten waren sie in der Nähe der Universität und Rupert hielt wieder bei einem Parkverbotsschild an. "You start looking on foot and I'll search the streets. There's a pub over there, seems as good a place as any to start." Er nickte auf eine Straßenecke, wo im Abenddunkel etwa ein dutzend junger Menschen herumstanden, die rauchten und teilweise lautstark herumalberten. Aus der Tür hinter ihnen drang laute Musik, wenn sie zwischendurch geöffnet wurde. Kei machte sich ohne weitere Worte auf den Weg dahin und zog sich beim Laufen die Kapuze ins Gesicht. Im Pub sah er sich ruhig um.
Es war kneipengerecht dunkel und laut. Die Gäste schienen allesamt Studenten oder zumindest Leute im passenden Alter zu sein. Es war auch ziemlich voll, aber nicht so sehr, dass man es nicht vermeiden konnte, jemanden anzurempeln. Der Alkohol floss in Strömen und die lauten Gespräche vermischten sich mit der dröhnenden Musik, die munter zwischen Rockklassikern, obskuren neueren Bands und aktuellem Pop wechselte. Hinter dem Schankraum, der voller durch Trennwände abgeteilter Sitzgruppen und Stehtische war, gab es noch einen Raum von ähnlicher Größe. Er hatte keine Bar und nur entlang der Wände einige abgewetzte Sessel und Sofas mit niedrigen Tischen. Hier war es noch etwas voller als im vorderen Teil. Beim Durchgang und entlang der Wände standen und saßen die Gäste nur, doch zur Raummitte hin wurde die Menge bewegter. Wer mutig, albern oder betrunken genug war, tanzte dort.
Colin auch.
Kei fand ihn ziemlich schnell und näherte sich ihm von hinten. „Wenn du einfach so verschwindest, mach ich mir Sorgen,“ teilte er ihm ins Ohr flüsternd mit. Colin hielt kurz inne, schien aber sonst nicht zu reagieren. Er hielt nur seine Mütze mit einer Hand fest, als er sich auf die Knie fallen ließ, während aus den Lautsprechern Ville Valo „The world was on fire and no one could save me but you“ sang und er dazu die Lippen bewegte. Kei ließ sich mit auf den Boden fallen. Colin hielt die Hände vor das Gesicht und beugte sich vor. Kei hockte hinter ihm und beobachtete ihn, während er sich nur leicht nach vorn beugte. Colin schien sehr betrunken, etwas verheult und geistig ziemlich abwesend zu sein. Kei entschied, dass es nicht viel bringen würde, mit ihm zu reden. Nicht zwischen all den Menschen und mit dem ganzen Alkohol im Blut. Er hob ihn beim Aufstehen hoch. Aber nicht ohne Widerstand. Während er ihn hochzog, versuchte Colin, sich aus seinen Händen zu winden und sich zu ihm umzudrehen. Das Umdrehen ließ Kei zu. Allerdings ließ er ihn nicht ganz los. Mit geröteten Augen und Lippen und insgesamt nassem Gesicht musterte Colin ihn erst verwundert, dann lächelte er plötzlich und fing an zu lachen.
„Was ist so lustig?“
Colin tippte ihm auf die Brust. „Du.“ Er strahlte ihn fröhlich an und warf die Arme auseinander. „Du enttäuschst mich nie! Ich möchte nicht mehr aufwachen,“ fügte er leiser hinzu, indem er sich dicht an Kei drückte.
„Du bist wach, nur betrunken,“ erzählte Kei ihm.
„Ja... natürlich bin ich wach. Und seeeeehr betrunken. Und ich bin heeeellwach...“ Er schaffte es, gleichzeitig zu schmunzeln und zu schluchzen und riss an Keis Gürtelschnalle herum, als wollte er sie öffnen.
„Versuch das, wenn du motorisch dazu in der Lage bist.“ Kei lachte ihn nicht aus, schmunzelte aber. Er nahm Colin mit nach draußen, schließlich wollte er wissen, was der Kleinere hier machte. Unterwegs wurde er von ihm ausgiebig befummelt.
„Meine Jacke ist noch drin,“ sagte Colin draußen mit dem Gesicht irgendwo an Keis Hals.
„Die holen wir später.“ Kei befand, dass Colin seine Jacke jetzt nicht brauchte und sie wohl in den nächsten Minuten nicht wegkommen dürfte. Er schlug den Weg ums Gebäude ein, wo sie nicht gesehen werden würden. Sein Vorhaben, ihn zum Weglaufen zu befragen, verschob er lieber. Als sie um ein paar Müllcontainer herumgegangen waren, blickte Colin seinerseits kurz um sich, bevor er Kei mit einem wissenden Schmunzeln bedachte.
„Du willst kein Publikum haben. Was für ein Gentleman. Mir hätte das aber nichts ausgemacht. Sie hätten überhaupt nichts wahrgenommen, weißt du? Was ich träume, gehört mir und ich kann damit machen, was ich will.“ Colin küsste Keis Kinn und kniete sich vor ihn.
„Wer weiß, ob deine Träume Eigendynamik haben.“ Da er wusste, dass die Leute nicht das Produkt von Colins Träumen waren und eventuell nicht alle einen Porno auf der Tanzfläche wollten, ließ er das unkommentiert. Ihm war bewusst, dass Colin Realität und Traum nicht auseinanderhalten konnte, aber jetzt gerade war das in Ordnung. Ob der Kleinere das auch auf ihn bezog, wusste Kei nicht - was das für Ausmaße annehmen würde, interessierte ihn aber schon.
„Dieser hier scheint eine zu haben.“ Colin schmunzelte dreckig, als er die Wölbung in Keis Hose befühlte. Als er wieder zu Kei hinaufsah, wurde sein Gesichtsausdruck plötzlich ernst und er hielt inne. Seine Hände zuckten zurück und er setzte sich verwirrt dreinblickend auf seine Fersen.
„Könnte daran liegen, dass ich real bin,“ sagte Kei und sah fragend zu ihm hinunter.
„Ich weiß,“ flüsterte Colin, während er auf Keis Stiefel vor sich starrte. „Du bist... ich glaube... hast du gerade wirklich...“ Er hielt sich eine Hand vor den Mund.
„Dich aus ‘nem Club entführt um zu vögeln oder gesagt, dass ich mir Sorgen um dich mache?“
Colin schauderte und sah ungläubig zu ihm auf.
Kei schaute zurück. „Du hast beides nicht geträumt.“
Mit knirschenden Zähnen und nun auch großzügig tränenden Augen stand Colin langsam auf, und vorsichtig, damit ihn dieses alkoholbedingte Schwindelgefühl nicht sofort wieder umwerfen konnte. Er starrte Kei dabei an, mal sein Gesicht, mal sein T-shirt oder seine Hose, aber er gab darauf Acht, ihn nicht zu berühren. Kei nahm ihn einfach in den Arm, auch wenn er eigentlich lieber etwas anderes getan hätte, aber Colins Laune hatte sich ja schlagartig gegen Intimitäten entschieden. Colin stemmte sich gegen ihn und versuchte, einen Schritt zurückzugehen.
„Lass mich sofort los,“ flüsterte er.
„Willst du wieder abhauen?“
„Ja.“
„Dann nicht.“
„Bitte.“
„Warum bist du einfach weggelaufen?“
„Ich kann machen, was ich will. Ich wollte ausgehen. Lass mich los.“
Kei ließ ihn los. „Kann ich mitkommen? Wir können ja zusammen saufen und uns auf der Tanzfläche blamieren.“
Colin nahm eilig ein paar Schritte Abstand und lachte schluchzend. „Nein.“
Kei sah ihn an. „Was ist los mit dir?“
„Nichts, ich bin bloß wach.“ Colin lachte fast ungläubig, als er Kei weiter anstarrte.
„Gut.“ Kei wandte sich in Richtung Straße, blieb aber stehen. Colin blieb wo er war und beobachtete ihn nur. „Du musst lernen, Realität und Träume auseinanderzuhalten.“
Colins Gesichtsausdruck wandelte sich von verzweifeltem Staunen zu verletztem Trotz. Schniefend wischte er sich mit den Ärmeln über das Gesicht. Kei hatte nicht beabsichtigt ihn irgendwie zu verletzen, aber wenn das half, ihn aus seinem komischen psychischen Traumland zu holen, war das gut.
„Ich geh Rupert Bescheid sagen, dass du dich nur besaufen wolltest und alt genug bist, das ohne Nachricht zu tun.“
„Okay. Ich gehe meine Jacke holen,“ sagte Colin leise und ging an Kei vorbei. Kei sah ihm nach und schrieb derweil Rupert in einer SMS, dass er Colin gefunden hatte. Keine zwei Minuten später kam Colin wieder heraus und stellte sich zu Kei an den Straßenrand, um geradeaus auf die gegenüberliegende Straßenseite zu starren. Die Hände hatte er in den Taschen des kurzen Mantels. Kei wartete stumm darauf, dass Rupert sie wieder einsammeln würde.
Kurz darauf hielt der silberne Audi vor ihnen und Colin öffnete ohne Umschweife die hintere Tür, um auf den Rücksitz zu klettern. Rupert sah ihn mit strengem Argusblick an und schien sich auf die Zunge zu beißen. Kei setzte sich auf den Beifahrersitz.
„Er war nur Saufen.“
Wie als Antwort darauf betätigte Rupert einen Knopf in seiner Tür, der sämtliche Türen klicken ließ, sobald die Jungs ihre beiden geschlossen hatten. Ohne ein Wort fuhr er los.
Kei sah die ganze Fahrt über wortlos aus dem Fenster. Colin tat es ihm gleich, wechselte jedoch zwischen der nächtlichen Aussicht und dem Anblick der stummen Halbprofile von Rupert und Kei vor sich ab.
„Kei. Ich bin wach,“ sagte er plötzlich ruhig. „I'm wide awake,“ fügte er noch für Rupert hinzu.
„Das ist gut,“ entgegnete Kei ebenfalls ruhig. „Dir dabei zuzusehen, wie du die Realität für einen Traum hältst ist schwer.“
„Ja... das hier tut mir wirklich Leid.“ Es raschelte kurz und ein leises glitschendes Geräusch ertönte, kurz bevor etwas warmes auf Ruperts linke Wange und durch den Spalt in Keis Kopfstütze auf dessen Nacken spritzte. Kei drehte sich um und sah auf Colin. Der saß mit zurückgeworfenem Kopf zuckend da und gurgelte leise, während ein dunkler Spalt in seiner Kehle großzügig troff und in kurzen Abständen ein bisschen sprühte. Rupert wischte sich verwirrt über die Wange und warf einen Blick in den Rückspiegel.
„The bloody fuck-“ Er trat das Gaspedal herunter und raste mit über hundert Sachen den langen Kiesweg zum Schloss hinauf.
„Fuck...“ war alles, was Kei herausbrachte. Das Zucken und Fließen flachten schnell ab und hörten bald ganz auf. Vor dem Haupteingang hielt Rupert kiesspritzend an, sodass Colins Körper nach vorn geschleudert wurde und er in den Fußraum rutschte.
„Get him the fuck inside!“
Kei stieg aus, packte Colin und trug ihn nach drinnen. „What's going on with him?“
„How the hell should I know? You know him best.“ Rupert eilte voraus und hielt ihm die Türen auf, bis sie in Colins Zimmer angelangt waren, dicht gefolgt von Dennis, der Colin mit großen Augen betrachtete.
„Well, he was killed and after that lived on human flesh but this never happend,“ erklärte Kei ruhig.
„You mean he‘s never tried to kill himself?“ Rupert klang gleichzeitig sarkastisch und aufgebracht.
„Leg ihn hin,“ sagte Dennis und deutete auf das Bett. In diesem Moment kam Delilah durch die offene Tür gelaufen. Sie glotzte wie Dennis, bis Rupert sie wütend anstarrte und sie ihm dafür schnell etwas in die Hand gab. Rupert starrte darauf und warf es dann auf den Boden.
„What's Colin doing with a switchknife?!“ wetterte er. „Is NOBODY taking ANY responsibility around here?!“
„He constantly tries to kill himself but he usually is not that effective. Not with a knife...“ versuchte Kei. Rupert riss sich die Mütze herunter, um sich durch die Haare zu fahren, während er den sehr leblosen, sehr blutigen Jungen auf dem Bett betrachtete. Auf einen Blick von Dennis hin nahm Delilah ihn beim Arm und führte ihn zu einem Stuhl. Danach schloss sie die Zimmertür. Dennis sah Colin an.
„Glaubst du, dass das auch wieder heilt?“ Er blickte kurz zu Kei.
„Das hat er immer getan, wieso nicht jetzt?“
„Weil er tot ist. Ist das zwischendurch mal passiert?“
„Er war gestorben bevor er so... untot war und eigentlich war er zwischendrin ständig klinisch tot, aber doch lebendig.“
Colins Körper schien nun eindeutig eine Leiche zu sein. Nichts an ihm regte sich, nur das Blut, das seinen Hals bedeckte und seine Kleidung großzügig durchtränkt hatte, schimmerte gelegentlich im Lampenlicht. Dennis stand still da und sah ihn mit ernster Besorgnis an. Delilah, etwas weiter entfernt, war sein perfektes Ebenbild. Rupert war unruhig. Er fuhr sich verzweifelt über das Gesicht und durch die Haare und saß so vornübergebeugt auf der äußersten Kante der Sitzfläche, als wollte er gleich aufspringen und zum Bett stürzen. Kei stand neben dem Bett und sah auf Colin. Stumm stand er da und musterte ihn.
„Ich finde das nicht lustig, Colin. Wach auf.“
Nichts bewegte sich.
Außer Rupert, der nun aufstand, aber von Delilah zurück in den Stuhl gedrückt wurde. „Do something, for christ's sake! Don't just stand there! Dennis!“
Kei setzte sich zu Colin aufs Bett, nachdem er ihn einfach so hingelegt hatte, dass er neben ihm sitzen konnte. Er legte eine Hand auf Colins Gesicht. Es war kühl und reglos. Seine Augen waren geschlossen, aber das waren sie die ganze Zeit gewesen. Kei legte seine Jacke auf Colin, auch wenn er wusste, dass einem Toten ein bisschen Wärme wohl egal war. Dann stand er auf und ging wortlos nach draußen.
Einige Minuten später kam er mit der neuen Gitarre und dem kleinen Verstärker zurück und setzte sich wieder auf Colins Bett, wo er anfing, leise Melodien zu spielen.
Delilah und Dennis hatten gerade den aufgelösten Rupert aus dem Raum entfernt, um Kei seine Ruhe zu lassen, und waren selbst auch nicht zurückgekommen. Wahrscheinlich kümmerten sie sich um Rupert, das Auto vor der Tür und die Blutspuren, die von dort zu Colins Zimmer führten. Womöglich hielten sie auch Kriegsrat. Was auch immer, sie ließen Kei jedenfalls die ganze Nacht lang in Ruhe. Und er spielte die ganze Nacht lang.

Erst als draußen der Himmel wieder allmählich von schwarz zu grau wechselte und ein, zwei Vogelstimmen durch die Fenster drangen, regte sich noch etwas anderes als Keis Hände.
Colins Kissen raschelte kaum merklich, kurz bevor er mit einem leisen Gurgeln Luft holte. Kei sah von seiner Gitarre auf und wandte den Blick zu Colin um zu prüfen, ob sein Gehirn anfing, ihm Streiche zu spielen. Sachte zuckte Colins Körper, während er mit gerunzelter Stirn schwach röchelnd hustete. Kei begrüßte Colin mit ein paar Akkorden und legte die Gitarre beiseite.
„Du hast mich erschreckt.“
Colins Kopf bewegte sich etwas, bis er Kei sehen konnte. Sein Blick war wach und so kühl wie sein Gesichtsausdruck. Kei musterte ihn.
„Bist du wieder richtig untot?“ fragte er. Er war äußerst erleichtert, dass Colin nicht tot im Sinne von leblos und verrottend war, ließ sich davon aber kaum etwas anmerken. Colin sah ihn ein paar Sekunden lang stumm an und drehte sich dann mit einem leichten Stirnrunzeln von ihm weg. Keis Blick wandelte sich zu einem fragenden.
„Du weißt aber wo du bist und wer ich bin, oder?“ versuchte er einfach mal.
Keine Reaktion.
Bevor ihm der Geduldsfaden riss, stand Kei auf und ging nach draußen, um Dennis zu suchen und ihm zu sagen, dass Colin wach war, ihn aber ignorierte.

Dennis stand mit Delilah im Arbeitszimmer. Sie diskutierten in Gebärdensprache, als Kei sie mit seiner überraschenden Nachricht unterbrach. Dennis ging sofort zu Colin, während Delilah sich kopfkratzend und deutlich gemächlicher zu Rupert aufmachte. Zumindest nahm Kei das an, denn er hatte eigentlich keine Ahnung, was ihre Handzeichen bedeuteten. Kei folgte Dennis etwas langsamer und blieb im Türrahmen von Colins Zimmer stehen. Colin lag Dennis zugewandt da, der sich den Stuhl herangezogen hatte, und schien leise zu sprechen. Doch als Kei erschien, wanderte sein Blick kurz zu ihm und er verstummte. Dennis blickte zwischen beiden hin und her.
„Wenn du wegen gestern angepisst bist und ich dich in Ruhe lassen soll, kannst du‘s auch sagen,“ kommentierte Kei leise.
„Ich bin nicht angepisst,“ murmelte Colin, sodass es selbst für Kei schwer zu hören sein musste. Er verstand es dennoch.
„Was ist dann los mit dir?“ Kei blieb leise. Dennis senkte den Kopf und verhielt sich ruhig, um nicht zu stören. Colin schien nachzudenken. So langsam und lustlos wie er offensichtlich niedergeschlagen war. Kei wartete ab, und Dennis nahm diese Gelegenheit wahr, um sich leise an Kei vorbei- und hinauszuschleichen. Colin bewegte mit geschlossenen Augen stumm die Lippen.
„... Natürlich kann ich es fassen,“ murmelte er schließlich. „Das wusste ich doch...“
„Was meinst du?“ Kei schloss die Tür und kam ein Stück näher, blieb aber mitten im Raum stehen und setzte sich dort auf den Boden.
„Das ist keine Überraschung. Es tut nur weh. Und daran kann man sich nicht gewöhnen.“ Colins Stimme war nun etwas kräftiger, sodass man sich nicht mehr besonders anstrengen musste, um in diesem stillen Zimmer zu verstehen, was er murmelte. Kei hörte nur weiter zu, in der Hoffnung, Colin würde ihm oder dem Raum mitteilen, wovon er sprach. Sein blutbedeckter Körper krümmte sich und sein weißes Gesicht verzog sich kurz, bevor er die Augen öffnete, aus denen sofort Wasser herausquoll. „Das weiß ich. Ich weiß. Aber jetzt bin ich kaputt. Ich bin nicht mehr... ich bin dafür nicht mehr...“ wimmerte er.
„Nicht mehr was?“ Kei setzte sich neben Colins Bett, blieb aber auf dem Boden mit dem Verdacht, dass Colin seinen Zustand meinte und das, was gerade mit ihm passierte. Colin hielt inne und blickte suchend auf dem Boden neben dem Bett herum, knapp neben Keis Bein.
„... Ich habe Risse. Wenn du mich weiter trittst und schlägst, machst du mich kaputt.“
Kei rutschte auf dem Boden herum, sodass er in Colins Reichweite saß. „Ich gelobe Besserung.“
Colins Blick schien sein Gesicht abzusuchen. „... Meinst du das ernst?“ flüsterte er.
„Ich werd‘s ernsthaft versuchen.“
„Und wenn du‘s nicht schaffst...“
„Die Option habe ich nicht.“
„Warum?“
„Weil ich dann auch kaputtgehe.“
Langsam schloss Colin die Augen. „Du brauchst mich als Generator. Damit du nicht stirbst.“
„Nein. Ich existiere weiterhin. Aber du sollst nicht zerbrechen.“
„Zu spät.“ Er drückte das Gesicht etwas ins Kissen und zerrte ein wenig daran. Das war dem neuen Tränenschwall geschuldet.
„Ich weiß. Aber ich kann‘s wenigstens versuchen.“
Colin weinte weiter, aber sah Kei nun wenigstens wieder an, wenn auch mit großer Hilflosigkeit. Kei nahm eine von Colins Händen, blieb dabei aber auf dem Boden sitzen.
„Warum erst jetzt?“ Colin biss die Zähne zusammen und schaffte es noch, sein Gesicht wieder im Kissen zu vergraben, bevor er schluchzen musste.
„Ich bin ein gefühlskaputter Idiot,“ war Keis sehr interpretierbare Antwort. Colin zog Keis Hand, die seine hielt, zu seinem Gesicht und legte seine Wange etwas darauf. Das führte dazu, dass Kei im Ganzen etwas schief dasaß. Er wischte ein paar Tränen weg.
„Ich kann nicht aufhören,“ flüsterte Colin mit geschlossenen Augen. „Und das tut so weh.“
„Damit, dich umzubringen oder mit weinen?“ fragte Kei ruhig und leise.
„Dich zu lieben.“
„Ich hör damit auf dir wehzutun. Vielleicht wird‘s dann besser.“
Colin schluchzte wieder, lachte dabei aber ein bisschen.
„War das sehr lustig?“ Kei sprach immer noch sehr ruhig, das leichte, ganz leichte Lächeln war ihm aber anzuhören. Langsam schüttelte Colin den Kopf.
„Kein bisschen.“ Er lächelte. Kei lächelte ein kleines bisschen breiter. Er hing noch immer etwas verdreht halb auf dem Boden und mit einem Arm auf dem Bett. Colin schloss die Augen und blieb mit seinem kleinen Lächeln so liegen, auf Keis Hand. Die strich leicht über sein Gesicht.

Derweil zeigte Dennis, der im Arbeitszimmer mit einem Ohr an der Wand neben dem Kamin klebte, Delilah und Rupert mit einem erhobenen Daumen ein ‚OK‘ an. Rupert sank in seinem Schreibtischstuhl etwas zusammen.

Nach einer Weile streckte Kei sich nach seiner Gitarre und spielte ein bisschen darauf. Dafür ließ er Colins Gesicht los. Der Junge sah zwar so aus, als schliefe er friedlich, war aber sehr wach und hörte der Musik aufmerksam zu. Kei wechselte zwischen Rock und ruhigen Stücken hin und her.
Mittlerweile war die Sonne aufgegangen, und zwischen den Wolken sogar gelegentlich zu sehen.
Es klopfte am Türrahmen. Rupert stand in der Tür. Er sah sehr müde aus. Kei sah zu ihm auf und ließ sein Instrument verstummen.
„Shall I leave you two?“ Er wusste, dass Rupert Colin gern hatte und dachte, dass er vielleicht mit ihm reden wollte. Der besorgte Mann nickte dankbar.
„Please.“
Kei stand langsam auf und verließ den Raum, nachdem er sich mit leichtem Lächeln von Colin verabschiedet hatte. Colin sah ihm friedlich nach und beobachtete dann, wie Rupert hinter Kei die Tür schloss, auf ihn zuging und auf dem Stuhl neben dem Bett Platz nahm.
Kei setzte sich neben er Tür draußen auf den Boden und spielte weiter auf der Gitarre.

Rupert sprach leise mit Colin, der sich im Laufe der Erzählung allmählich aufsetzte und zwischendurch mit wachsendem Interesse und immer mehr Lebhaftigkeit Fragen stellte.
Kei achtete nur am Rande auf das Gespräch, das er nicht gut verstand, weil seine Gitarre zwar leise aber nicht geräuschlos war. Es dauerte lang. Rupert schien viel zu erzählen zu haben, und als nach etwa zwei Stunden aus dem Bedienstetentreppenhaus am Ende des Korridors die Köchin auf ihn zugeschlendert kam, war er immer noch nicht fertig.
„Got thrown out?“ fragte die junge Frau, ohne anzuhalten. Sie war in voller Küchenmontur und trug ein Klemmbrett mit eingesauten Zetteln unter dem Arm.
„They want to talk alone,“ erklärte Kei weiterspielend. Langsam begannen seine Finger zu bluten, da er das Plektrum vergessen hatte, aber das kümmerte ihn nicht weiter. Sie nickte gleichgültig und wanderte weiter, bis sie auf der Galerie abbog und außer Sicht war. Kurz darauf verstummte das Gespräch im Raum hinter ihm und die Tür öffnete sich.
Kei schaute auf, die Hände noch an der Gitarre. Rupert sah ihn etwas überrascht an. Er sah deutlich gelassener aus als bei seinem Eintreten.
„I‘ll draw him a bath. He needs one.“ Er schaute kurz unschlüssig über seine Schulter zurück in das Zimmer. „He said I should tell you.“ Sein Ton verriet, das er selbst das für überflüssig hielt.
„That he needs a bath?“ Auf Keis Gesicht zeichnete sich die Andeutung eines Grinsens ab.
„No, that I'm going to stay with him during. I don't have to tell you why he shouldn't be by himself.“ Rupert lehnte sich an den Türrahmen, ohne die Tür ganz zu öffnen oder loszulassen und versperrte so unauffällig aber effektiv den Weg und die Sicht in den Raum.
„I wasn't going to spy on him,“ kommentierte Kei Ruperts Im-Weg-Stehen, das aufgrund der Tatsache, dass Kei sich nicht groß bewegt hatte, völlig unnötig war. Zumindest aus seiner Sicht. Er hätte aufpassen können, dass Colin nicht versuchte, sich beim Baden umzubringen, aber da Rupert anscheinend der Meinung war, dass Kei für derlei Dinge nicht geeignet war, ließ er das Argumentieren einfach bleiben. Es war wichtiger, dass Colin überhaupt am Leben war. Rupert musterte ihn kurz ernst, nickte dann und wandte sich wieder zurück in den Raum.
Kei blieb tatsächlich auf dem Boden sitzen und spielte weiter leise auf der Gitarre. Der Verstärker war ziemlich leise gedreht, sodass man schon in Colins Zimmer nicht mehr gut vernehmen konnte, was er eigentlich spielte.