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Saturday, July 23, 2016

Kei + Colin LXXXI: Risse und Schnitte


Kei verließ die kleine Grotte und ging wieder in Richtung Eingang. Auf dem Weg zündete er sich eine Zigarette an. Als er den Hof mit dem Springbrunnen erreichte, hatte er noch über eine Stunde Zeit, bis er sich mit Rupert treffen sollte. Sein silberner Audi stand allerdings bereits herrenlos neben dem Brunnen herum. Da Kei nicht wusste wie spät es war, ging er hoch in sein Zimmer um auf die Uhr zu sehen, die dort an der Wand hing. Es war kurz nach ein Uhr. Kei setzte sich auf sein Bett und sah aus dem Fenster in den Garten. Er war sich sicher, dass Colin noch in der Höhle saß.

Damit hatte er Recht.
Colin hatte sich das eingerahmte Foto seiner Mutter genommen und sich wieder auf die Bank gelegt. Er starrte es lange an, abwechselnd mit der Höhlenwand, und döste irgendwann ein, während es auf seiner Brust herumlag.

Nach einer ganzen Weile ging Kei wieder hinunter. Ein weiterer Blick auf die Uhr verriet ihm dabei, dass es fast zwei Uhr war. Wartend betrachtete er das unauffällige europäische Auto vor der Tür.
Bald trat Rupert aus dem Nebeneingang bei den Garagen und kam gelassen auf ihn und den Audi zuspaziert. Ihm konnte man, wie auch Colin, den jahreszeitbedingten Temperaturabfall an seiner Kleidung ansehen - seinem kurzen Mantel, dem Schal und der Schiebermütze. Im Unterschied zu Colin trug er die warmen Kleider allerdings nicht aus Gewohnheit und um nicht aufzufallen, sondern aus Notwendigkeit. Als er näherkam, piepte der silberne Wagen und seine Scheinwerfer leuchteten kurz auf.
"A guitar, was it? Anything else on your agenda today?" fragte Rupert freundlich, während er zur Fahrerseite ging. Kei schlenderte zur Beifahrertür.
"No, nothing else," entgegnete der Vampir ebenfalls freundlich. Neue Zigaretten waren kein wirkliches Vorhaben. Er öffnete die Tür und stieg ein. Kei war nicht wetterfest angezogen. Seine Lederjacke war wasserdicht, aber nicht wärmend. Da er nicht fror war ihm das allerdings herzlich egal.
"Isn't Colin coming with us?" fragte Rupert, während er das Auto startete.
"He's sitting in the cave," entgegnete Kei. Ihm schien das als Antwort ausreichend. Rupert hielt inne. Ihm schien kurz der Atem zu stocken. Doch dann sah er sich um und fuhr los.
"Is he alright?"
"I don't think so. He often thinks reality is a dream and his nightmares are real."
Einige Minuten lang blickte Rupert nur ernst drein. Erst, als sie schon eine Weile in der Stadt waren, sprach er wieder. Er hielt am Straßenrand an. Es war der Haltebereich für Busse. Aus einer Innentasche zog er seine Brieftasche. "That street on the left there. There's a music shop." Zwischen zwei Fingern hielt er Kei eine Kreditkarte hin, während er sich die Brieftasche schon wieder einsteckte. Kei nahm die Kreditkarte mit einer leichten Verbeugung und leisem Danke an sich und steckte sie in seine Jackentasche. "We'll meet at the train station at six o'clock," sagte Rupert mit einem Blick auf seine Armbanduhr. "I'm afraid it can't be sooner."
"That's okay." Das waren zwar einige Stunden, aber das war nicht weiter schlimm. Kei konnte sich die Stadt ansehen und den Bahnhof finden, den Colin am vorigen Tag erwähnt hatte.
"The station is almost at the end of this street, it looks a bit like a church, you can't miss it," erklärte Rupert mit einem Vorwärtsnicken. Kei schaute in die gezeigte Richtung.
"Alright. You have something to do here?"
"Yes." Nun lächelte Rupert freundlich. "Now get out before I get a ticket."
Kei stieg aus dem Wagen und machte sich nach einem knappen "See ya later" auf den Weg in Richtung des Musikgeschäfts. Rupert verlor keine Zeit und fuhr wieder auf die Straße zurück, gerade als sich ein Bus näherte.
Kei folgte der Straße und sah sich dabei genau um, um sich nachher nicht unnötig zu verlaufen. Das Geschäft hatte er ziemlich schnell gefunden. Nach Tokyoter Standards war es nichts Großes, aber es hatte drei Stockwerke und war gut sortiert. Zwischen den Regalen, Aufstellern und Drahtgestellen an den Wänden standen viele verschlossene Vitrinen mit den wertvolleren Waren. Was Gitarren, Verstärker und Mikrofone anging - also das wofür sich die meisten jungen Kunden am ehesten interessieren mochten - gab es im Erdgeschoss nicht viel Auswahl, nur ausgesuchte Ausstellungsstücke als Appetitanreger. Doch ein schmales Schild am Fuß einer breiten, offenen Treppe gab preis, dass sich die entsprechende Abteilung im ersten Obergeschoss befinden solle. Kei sah sich lange um, bevor er sich für eine ganz schwarze ESP- Gitarre und einen kleinen Verstärker entschied, der bequem in eine Tasche passte. Mit seinem teuren Einkauf sah er sich eine Weile die Stadt an, bevor er sich langsam auf den Weg zum Bahnhof machte.
Zwischen anderen Autos stand der silberne Audi auf dem gut gefüllten Pendlerparkplatz vor dem uralten Bahnhofsgebäude. Rupert lehnte vor ihm an einer niedrigen Backsteinmauer und schien Zeitung zu lesen. Als Kei näherkam, blickte er auf und entriegelte das Auto. Er sah ernst aus.
"Put your things into the boot. We have something to take care of before we go back," sagte er. Kei packte sein Zeug in den Kofferraum.
"And what is that?"
"We need to find Colin. Apparently he's nowhere in the castle or on the premises. And we know he can't have been kidnapped again. So he must have run away." Er warf die Zeitung auf den Beifahrersitz und verschloss das Auto wieder. Kei stutzte.
"Did he leave something like a message?"
"No. So..." Rupert kam um das Auto herum zu Kei und sah ihn eindringlich an, wie ein zorniger Mordermittler unter Zeitdruck. "Did he say anything to you?"
"Yes. He mentioned something about leaving."
"Did he mention where he'd go, or what he would do?"
"He said something about Scotland."
Rupert hielt inne und sah Kei für eine Sekunde starr an, dann schnappte sein Blick auf das Bahnhofsgebäude. "You better pray he hasn't," murmelte er und zog rasch sein Telefon aus der Jackentasche.
"You think he's there? I'll have a look."
Rupert nickte nur und wartete, dass sein Anrufsziel abnehmen würde. Kei stieß sich vom Auto ab und joggte auf den nächsten Eingang des Bahnhofs zu. Er sah sich im ganzen Bahnhof um - sein erster Weg führte ihn auf die Gleise. Mit den zivilen Wegen hielt er sich dabei nicht auf, stattdessen sah er sich in Parkoursmanier auch überall dort um, wo Passanten üblicherweise nicht hingelangten. Von Colin fand er allerdings keine Spur.
Nach kaum zehn Minuten klingelte sein Telefon. Er zog es aus der Jackentasche und nahm ab. "Ja?"
"He's in Lancaster, somewhere just off the main campus area. Get back to Rupert, he'll drive you there. We're on our way, too. Remember, he can't be recognised by anyone!" Dennis legte auf, bevor Kei irgendetwas antworten konnte. Eilig lief er auf den Parkplatz zurück.
"Lancaster, campus area. Dennis is on the way, too."
"I know, hurry." Rupert war bereits beinahe vom Parkplatz heruntergefahren. Noch während Kei hineinsprang, fuhr er los.
Innerhalb von Minuten waren sie in der Nähe der Universität und Rupert hielt wieder bei einem Parkverbotsschild an. "You start looking on foot and I'll search the streets. There's a pub over there, seems as good a place as any to start." Er nickte auf eine Straßenecke, wo im Abenddunkel etwa ein dutzend junger Menschen herumstanden, die rauchten und teilweise lautstark herumalberten. Aus der Tür hinter ihnen drang laute Musik, wenn sie zwischendurch geöffnet wurde. Kei machte sich ohne weitere Worte auf den Weg dahin und zog sich beim Laufen die Kapuze ins Gesicht. Im Pub sah er sich ruhig um.
Es war kneipengerecht dunkel und laut. Die Gäste schienen allesamt Studenten oder zumindest Leute im passenden Alter zu sein. Es war auch ziemlich voll, aber nicht so sehr, dass man es nicht vermeiden konnte, jemanden anzurempeln. Der Alkohol floss in Strömen und die lauten Gespräche vermischten sich mit der dröhnenden Musik, die munter zwischen Rockklassikern, obskuren neueren Bands und aktuellem Pop wechselte. Hinter dem Schankraum, der voller durch Trennwände abgeteilter Sitzgruppen und Stehtische war, gab es noch einen Raum von ähnlicher Größe. Er hatte keine Bar und nur entlang der Wände einige abgewetzte Sessel und Sofas mit niedrigen Tischen. Hier war es noch etwas voller als im vorderen Teil. Beim Durchgang und entlang der Wände standen und saßen die Gäste nur, doch zur Raummitte hin wurde die Menge bewegter. Wer mutig, albern oder betrunken genug war, tanzte dort.
Colin auch.
Kei fand ihn ziemlich schnell und näherte sich ihm von hinten. „Wenn du einfach so verschwindest, mach ich mir Sorgen,“ teilte er ihm ins Ohr flüsternd mit. Colin hielt kurz inne, schien aber sonst nicht zu reagieren. Er hielt nur seine Mütze mit einer Hand fest, als er sich auf die Knie fallen ließ, während aus den Lautsprechern Ville Valo „The world was on fire and no one could save me but you“ sang und er dazu die Lippen bewegte. Kei ließ sich mit auf den Boden fallen. Colin hielt die Hände vor das Gesicht und beugte sich vor. Kei hockte hinter ihm und beobachtete ihn, während er sich nur leicht nach vorn beugte. Colin schien sehr betrunken, etwas verheult und geistig ziemlich abwesend zu sein. Kei entschied, dass es nicht viel bringen würde, mit ihm zu reden. Nicht zwischen all den Menschen und mit dem ganzen Alkohol im Blut. Er hob ihn beim Aufstehen hoch. Aber nicht ohne Widerstand. Während er ihn hochzog, versuchte Colin, sich aus seinen Händen zu winden und sich zu ihm umzudrehen. Das Umdrehen ließ Kei zu. Allerdings ließ er ihn nicht ganz los. Mit geröteten Augen und Lippen und insgesamt nassem Gesicht musterte Colin ihn erst verwundert, dann lächelte er plötzlich und fing an zu lachen.
„Was ist so lustig?“
Colin tippte ihm auf die Brust. „Du.“ Er strahlte ihn fröhlich an und warf die Arme auseinander. „Du enttäuschst mich nie! Ich möchte nicht mehr aufwachen,“ fügte er leiser hinzu, indem er sich dicht an Kei drückte.
„Du bist wach, nur betrunken,“ erzählte Kei ihm.
„Ja... natürlich bin ich wach. Und seeeeehr betrunken. Und ich bin heeeellwach...“ Er schaffte es, gleichzeitig zu schmunzeln und zu schluchzen und riss an Keis Gürtelschnalle herum, als wollte er sie öffnen.
„Versuch das, wenn du motorisch dazu in der Lage bist.“ Kei lachte ihn nicht aus, schmunzelte aber. Er nahm Colin mit nach draußen, schließlich wollte er wissen, was der Kleinere hier machte. Unterwegs wurde er von ihm ausgiebig befummelt.
„Meine Jacke ist noch drin,“ sagte Colin draußen mit dem Gesicht irgendwo an Keis Hals.
„Die holen wir später.“ Kei befand, dass Colin seine Jacke jetzt nicht brauchte und sie wohl in den nächsten Minuten nicht wegkommen dürfte. Er schlug den Weg ums Gebäude ein, wo sie nicht gesehen werden würden. Sein Vorhaben, ihn zum Weglaufen zu befragen, verschob er lieber. Als sie um ein paar Müllcontainer herumgegangen waren, blickte Colin seinerseits kurz um sich, bevor er Kei mit einem wissenden Schmunzeln bedachte.
„Du willst kein Publikum haben. Was für ein Gentleman. Mir hätte das aber nichts ausgemacht. Sie hätten überhaupt nichts wahrgenommen, weißt du? Was ich träume, gehört mir und ich kann damit machen, was ich will.“ Colin küsste Keis Kinn und kniete sich vor ihn.
„Wer weiß, ob deine Träume Eigendynamik haben.“ Da er wusste, dass die Leute nicht das Produkt von Colins Träumen waren und eventuell nicht alle einen Porno auf der Tanzfläche wollten, ließ er das unkommentiert. Ihm war bewusst, dass Colin Realität und Traum nicht auseinanderhalten konnte, aber jetzt gerade war das in Ordnung. Ob der Kleinere das auch auf ihn bezog, wusste Kei nicht - was das für Ausmaße annehmen würde, interessierte ihn aber schon.
„Dieser hier scheint eine zu haben.“ Colin schmunzelte dreckig, als er die Wölbung in Keis Hose befühlte. Als er wieder zu Kei hinaufsah, wurde sein Gesichtsausdruck plötzlich ernst und er hielt inne. Seine Hände zuckten zurück und er setzte sich verwirrt dreinblickend auf seine Fersen.
„Könnte daran liegen, dass ich real bin,“ sagte Kei und sah fragend zu ihm hinunter.
„Ich weiß,“ flüsterte Colin, während er auf Keis Stiefel vor sich starrte. „Du bist... ich glaube... hast du gerade wirklich...“ Er hielt sich eine Hand vor den Mund.
„Dich aus ‘nem Club entführt um zu vögeln oder gesagt, dass ich mir Sorgen um dich mache?“
Colin schauderte und sah ungläubig zu ihm auf.
Kei schaute zurück. „Du hast beides nicht geträumt.“
Mit knirschenden Zähnen und nun auch großzügig tränenden Augen stand Colin langsam auf, und vorsichtig, damit ihn dieses alkoholbedingte Schwindelgefühl nicht sofort wieder umwerfen konnte. Er starrte Kei dabei an, mal sein Gesicht, mal sein T-shirt oder seine Hose, aber er gab darauf Acht, ihn nicht zu berühren. Kei nahm ihn einfach in den Arm, auch wenn er eigentlich lieber etwas anderes getan hätte, aber Colins Laune hatte sich ja schlagartig gegen Intimitäten entschieden. Colin stemmte sich gegen ihn und versuchte, einen Schritt zurückzugehen.
„Lass mich sofort los,“ flüsterte er.
„Willst du wieder abhauen?“
„Ja.“
„Dann nicht.“
„Bitte.“
„Warum bist du einfach weggelaufen?“
„Ich kann machen, was ich will. Ich wollte ausgehen. Lass mich los.“
Kei ließ ihn los. „Kann ich mitkommen? Wir können ja zusammen saufen und uns auf der Tanzfläche blamieren.“
Colin nahm eilig ein paar Schritte Abstand und lachte schluchzend. „Nein.“
Kei sah ihn an. „Was ist los mit dir?“
„Nichts, ich bin bloß wach.“ Colin lachte fast ungläubig, als er Kei weiter anstarrte.
„Gut.“ Kei wandte sich in Richtung Straße, blieb aber stehen. Colin blieb wo er war und beobachtete ihn nur. „Du musst lernen, Realität und Träume auseinanderzuhalten.“
Colins Gesichtsausdruck wandelte sich von verzweifeltem Staunen zu verletztem Trotz. Schniefend wischte er sich mit den Ärmeln über das Gesicht. Kei hatte nicht beabsichtigt ihn irgendwie zu verletzen, aber wenn das half, ihn aus seinem komischen psychischen Traumland zu holen, war das gut.
„Ich geh Rupert Bescheid sagen, dass du dich nur besaufen wolltest und alt genug bist, das ohne Nachricht zu tun.“
„Okay. Ich gehe meine Jacke holen,“ sagte Colin leise und ging an Kei vorbei. Kei sah ihm nach und schrieb derweil Rupert in einer SMS, dass er Colin gefunden hatte. Keine zwei Minuten später kam Colin wieder heraus und stellte sich zu Kei an den Straßenrand, um geradeaus auf die gegenüberliegende Straßenseite zu starren. Die Hände hatte er in den Taschen des kurzen Mantels. Kei wartete stumm darauf, dass Rupert sie wieder einsammeln würde.
Kurz darauf hielt der silberne Audi vor ihnen und Colin öffnete ohne Umschweife die hintere Tür, um auf den Rücksitz zu klettern. Rupert sah ihn mit strengem Argusblick an und schien sich auf die Zunge zu beißen. Kei setzte sich auf den Beifahrersitz.
„Er war nur Saufen.“
Wie als Antwort darauf betätigte Rupert einen Knopf in seiner Tür, der sämtliche Türen klicken ließ, sobald die Jungs ihre beiden geschlossen hatten. Ohne ein Wort fuhr er los.
Kei sah die ganze Fahrt über wortlos aus dem Fenster. Colin tat es ihm gleich, wechselte jedoch zwischen der nächtlichen Aussicht und dem Anblick der stummen Halbprofile von Rupert und Kei vor sich ab.
„Kei. Ich bin wach,“ sagte er plötzlich ruhig. „I'm wide awake,“ fügte er noch für Rupert hinzu.
„Das ist gut,“ entgegnete Kei ebenfalls ruhig. „Dir dabei zuzusehen, wie du die Realität für einen Traum hältst ist schwer.“
„Ja... das hier tut mir wirklich Leid.“ Es raschelte kurz und ein leises glitschendes Geräusch ertönte, kurz bevor etwas warmes auf Ruperts linke Wange und durch den Spalt in Keis Kopfstütze auf dessen Nacken spritzte. Kei drehte sich um und sah auf Colin. Der saß mit zurückgeworfenem Kopf zuckend da und gurgelte leise, während ein dunkler Spalt in seiner Kehle großzügig troff und in kurzen Abständen ein bisschen sprühte. Rupert wischte sich verwirrt über die Wange und warf einen Blick in den Rückspiegel.
„The bloody fuck-“ Er trat das Gaspedal herunter und raste mit über hundert Sachen den langen Kiesweg zum Schloss hinauf.
„Fuck...“ war alles, was Kei herausbrachte. Das Zucken und Fließen flachten schnell ab und hörten bald ganz auf. Vor dem Haupteingang hielt Rupert kiesspritzend an, sodass Colins Körper nach vorn geschleudert wurde und er in den Fußraum rutschte.
„Get him the fuck inside!“
Kei stieg aus, packte Colin und trug ihn nach drinnen. „What's going on with him?“
„How the hell should I know? You know him best.“ Rupert eilte voraus und hielt ihm die Türen auf, bis sie in Colins Zimmer angelangt waren, dicht gefolgt von Dennis, der Colin mit großen Augen betrachtete.
„Well, he was killed and after that lived on human flesh but this never happend,“ erklärte Kei ruhig.
„You mean he‘s never tried to kill himself?“ Rupert klang gleichzeitig sarkastisch und aufgebracht.
„Leg ihn hin,“ sagte Dennis und deutete auf das Bett. In diesem Moment kam Delilah durch die offene Tür gelaufen. Sie glotzte wie Dennis, bis Rupert sie wütend anstarrte und sie ihm dafür schnell etwas in die Hand gab. Rupert starrte darauf und warf es dann auf den Boden.
„What's Colin doing with a switchknife?!“ wetterte er. „Is NOBODY taking ANY responsibility around here?!“
„He constantly tries to kill himself but he usually is not that effective. Not with a knife...“ versuchte Kei. Rupert riss sich die Mütze herunter, um sich durch die Haare zu fahren, während er den sehr leblosen, sehr blutigen Jungen auf dem Bett betrachtete. Auf einen Blick von Dennis hin nahm Delilah ihn beim Arm und führte ihn zu einem Stuhl. Danach schloss sie die Zimmertür. Dennis sah Colin an.
„Glaubst du, dass das auch wieder heilt?“ Er blickte kurz zu Kei.
„Das hat er immer getan, wieso nicht jetzt?“
„Weil er tot ist. Ist das zwischendurch mal passiert?“
„Er war gestorben bevor er so... untot war und eigentlich war er zwischendrin ständig klinisch tot, aber doch lebendig.“
Colins Körper schien nun eindeutig eine Leiche zu sein. Nichts an ihm regte sich, nur das Blut, das seinen Hals bedeckte und seine Kleidung großzügig durchtränkt hatte, schimmerte gelegentlich im Lampenlicht. Dennis stand still da und sah ihn mit ernster Besorgnis an. Delilah, etwas weiter entfernt, war sein perfektes Ebenbild. Rupert war unruhig. Er fuhr sich verzweifelt über das Gesicht und durch die Haare und saß so vornübergebeugt auf der äußersten Kante der Sitzfläche, als wollte er gleich aufspringen und zum Bett stürzen. Kei stand neben dem Bett und sah auf Colin. Stumm stand er da und musterte ihn.
„Ich finde das nicht lustig, Colin. Wach auf.“
Nichts bewegte sich.
Außer Rupert, der nun aufstand, aber von Delilah zurück in den Stuhl gedrückt wurde. „Do something, for christ's sake! Don't just stand there! Dennis!“
Kei setzte sich zu Colin aufs Bett, nachdem er ihn einfach so hingelegt hatte, dass er neben ihm sitzen konnte. Er legte eine Hand auf Colins Gesicht. Es war kühl und reglos. Seine Augen waren geschlossen, aber das waren sie die ganze Zeit gewesen. Kei legte seine Jacke auf Colin, auch wenn er wusste, dass einem Toten ein bisschen Wärme wohl egal war. Dann stand er auf und ging wortlos nach draußen.
Einige Minuten später kam er mit der neuen Gitarre und dem kleinen Verstärker zurück und setzte sich wieder auf Colins Bett, wo er anfing, leise Melodien zu spielen.
Delilah und Dennis hatten gerade den aufgelösten Rupert aus dem Raum entfernt, um Kei seine Ruhe zu lassen, und waren selbst auch nicht zurückgekommen. Wahrscheinlich kümmerten sie sich um Rupert, das Auto vor der Tür und die Blutspuren, die von dort zu Colins Zimmer führten. Womöglich hielten sie auch Kriegsrat. Was auch immer, sie ließen Kei jedenfalls die ganze Nacht lang in Ruhe. Und er spielte die ganze Nacht lang.

Erst als draußen der Himmel wieder allmählich von schwarz zu grau wechselte und ein, zwei Vogelstimmen durch die Fenster drangen, regte sich noch etwas anderes als Keis Hände.
Colins Kissen raschelte kaum merklich, kurz bevor er mit einem leisen Gurgeln Luft holte. Kei sah von seiner Gitarre auf und wandte den Blick zu Colin um zu prüfen, ob sein Gehirn anfing, ihm Streiche zu spielen. Sachte zuckte Colins Körper, während er mit gerunzelter Stirn schwach röchelnd hustete. Kei begrüßte Colin mit ein paar Akkorden und legte die Gitarre beiseite.
„Du hast mich erschreckt.“
Colins Kopf bewegte sich etwas, bis er Kei sehen konnte. Sein Blick war wach und so kühl wie sein Gesichtsausdruck. Kei musterte ihn.
„Bist du wieder richtig untot?“ fragte er. Er war äußerst erleichtert, dass Colin nicht tot im Sinne von leblos und verrottend war, ließ sich davon aber kaum etwas anmerken. Colin sah ihn ein paar Sekunden lang stumm an und drehte sich dann mit einem leichten Stirnrunzeln von ihm weg. Keis Blick wandelte sich zu einem fragenden.
„Du weißt aber wo du bist und wer ich bin, oder?“ versuchte er einfach mal.
Keine Reaktion.
Bevor ihm der Geduldsfaden riss, stand Kei auf und ging nach draußen, um Dennis zu suchen und ihm zu sagen, dass Colin wach war, ihn aber ignorierte.

Dennis stand mit Delilah im Arbeitszimmer. Sie diskutierten in Gebärdensprache, als Kei sie mit seiner überraschenden Nachricht unterbrach. Dennis ging sofort zu Colin, während Delilah sich kopfkratzend und deutlich gemächlicher zu Rupert aufmachte. Zumindest nahm Kei das an, denn er hatte eigentlich keine Ahnung, was ihre Handzeichen bedeuteten. Kei folgte Dennis etwas langsamer und blieb im Türrahmen von Colins Zimmer stehen. Colin lag Dennis zugewandt da, der sich den Stuhl herangezogen hatte, und schien leise zu sprechen. Doch als Kei erschien, wanderte sein Blick kurz zu ihm und er verstummte. Dennis blickte zwischen beiden hin und her.
„Wenn du wegen gestern angepisst bist und ich dich in Ruhe lassen soll, kannst du‘s auch sagen,“ kommentierte Kei leise.
„Ich bin nicht angepisst,“ murmelte Colin, sodass es selbst für Kei schwer zu hören sein musste. Er verstand es dennoch.
„Was ist dann los mit dir?“ Kei blieb leise. Dennis senkte den Kopf und verhielt sich ruhig, um nicht zu stören. Colin schien nachzudenken. So langsam und lustlos wie er offensichtlich niedergeschlagen war. Kei wartete ab, und Dennis nahm diese Gelegenheit wahr, um sich leise an Kei vorbei- und hinauszuschleichen. Colin bewegte mit geschlossenen Augen stumm die Lippen.
„... Natürlich kann ich es fassen,“ murmelte er schließlich. „Das wusste ich doch...“
„Was meinst du?“ Kei schloss die Tür und kam ein Stück näher, blieb aber mitten im Raum stehen und setzte sich dort auf den Boden.
„Das ist keine Überraschung. Es tut nur weh. Und daran kann man sich nicht gewöhnen.“ Colins Stimme war nun etwas kräftiger, sodass man sich nicht mehr besonders anstrengen musste, um in diesem stillen Zimmer zu verstehen, was er murmelte. Kei hörte nur weiter zu, in der Hoffnung, Colin würde ihm oder dem Raum mitteilen, wovon er sprach. Sein blutbedeckter Körper krümmte sich und sein weißes Gesicht verzog sich kurz, bevor er die Augen öffnete, aus denen sofort Wasser herausquoll. „Das weiß ich. Ich weiß. Aber jetzt bin ich kaputt. Ich bin nicht mehr... ich bin dafür nicht mehr...“ wimmerte er.
„Nicht mehr was?“ Kei setzte sich neben Colins Bett, blieb aber auf dem Boden mit dem Verdacht, dass Colin seinen Zustand meinte und das, was gerade mit ihm passierte. Colin hielt inne und blickte suchend auf dem Boden neben dem Bett herum, knapp neben Keis Bein.
„... Ich habe Risse. Wenn du mich weiter trittst und schlägst, machst du mich kaputt.“
Kei rutschte auf dem Boden herum, sodass er in Colins Reichweite saß. „Ich gelobe Besserung.“
Colins Blick schien sein Gesicht abzusuchen. „... Meinst du das ernst?“ flüsterte er.
„Ich werd‘s ernsthaft versuchen.“
„Und wenn du‘s nicht schaffst...“
„Die Option habe ich nicht.“
„Warum?“
„Weil ich dann auch kaputtgehe.“
Langsam schloss Colin die Augen. „Du brauchst mich als Generator. Damit du nicht stirbst.“
„Nein. Ich existiere weiterhin. Aber du sollst nicht zerbrechen.“
„Zu spät.“ Er drückte das Gesicht etwas ins Kissen und zerrte ein wenig daran. Das war dem neuen Tränenschwall geschuldet.
„Ich weiß. Aber ich kann‘s wenigstens versuchen.“
Colin weinte weiter, aber sah Kei nun wenigstens wieder an, wenn auch mit großer Hilflosigkeit. Kei nahm eine von Colins Händen, blieb dabei aber auf dem Boden sitzen.
„Warum erst jetzt?“ Colin biss die Zähne zusammen und schaffte es noch, sein Gesicht wieder im Kissen zu vergraben, bevor er schluchzen musste.
„Ich bin ein gefühlskaputter Idiot,“ war Keis sehr interpretierbare Antwort. Colin zog Keis Hand, die seine hielt, zu seinem Gesicht und legte seine Wange etwas darauf. Das führte dazu, dass Kei im Ganzen etwas schief dasaß. Er wischte ein paar Tränen weg.
„Ich kann nicht aufhören,“ flüsterte Colin mit geschlossenen Augen. „Und das tut so weh.“
„Damit, dich umzubringen oder mit weinen?“ fragte Kei ruhig und leise.
„Dich zu lieben.“
„Ich hör damit auf dir wehzutun. Vielleicht wird‘s dann besser.“
Colin schluchzte wieder, lachte dabei aber ein bisschen.
„War das sehr lustig?“ Kei sprach immer noch sehr ruhig, das leichte, ganz leichte Lächeln war ihm aber anzuhören. Langsam schüttelte Colin den Kopf.
„Kein bisschen.“ Er lächelte. Kei lächelte ein kleines bisschen breiter. Er hing noch immer etwas verdreht halb auf dem Boden und mit einem Arm auf dem Bett. Colin schloss die Augen und blieb mit seinem kleinen Lächeln so liegen, auf Keis Hand. Die strich leicht über sein Gesicht.

Derweil zeigte Dennis, der im Arbeitszimmer mit einem Ohr an der Wand neben dem Kamin klebte, Delilah und Rupert mit einem erhobenen Daumen ein ‚OK‘ an. Rupert sank in seinem Schreibtischstuhl etwas zusammen.

Nach einer Weile streckte Kei sich nach seiner Gitarre und spielte ein bisschen darauf. Dafür ließ er Colins Gesicht los. Der Junge sah zwar so aus, als schliefe er friedlich, war aber sehr wach und hörte der Musik aufmerksam zu. Kei wechselte zwischen Rock und ruhigen Stücken hin und her.
Mittlerweile war die Sonne aufgegangen, und zwischen den Wolken sogar gelegentlich zu sehen.
Es klopfte am Türrahmen. Rupert stand in der Tür. Er sah sehr müde aus. Kei sah zu ihm auf und ließ sein Instrument verstummen.
„Shall I leave you two?“ Er wusste, dass Rupert Colin gern hatte und dachte, dass er vielleicht mit ihm reden wollte. Der besorgte Mann nickte dankbar.
„Please.“
Kei stand langsam auf und verließ den Raum, nachdem er sich mit leichtem Lächeln von Colin verabschiedet hatte. Colin sah ihm friedlich nach und beobachtete dann, wie Rupert hinter Kei die Tür schloss, auf ihn zuging und auf dem Stuhl neben dem Bett Platz nahm.
Kei setzte sich neben er Tür draußen auf den Boden und spielte weiter auf der Gitarre.

Rupert sprach leise mit Colin, der sich im Laufe der Erzählung allmählich aufsetzte und zwischendurch mit wachsendem Interesse und immer mehr Lebhaftigkeit Fragen stellte.
Kei achtete nur am Rande auf das Gespräch, das er nicht gut verstand, weil seine Gitarre zwar leise aber nicht geräuschlos war. Es dauerte lang. Rupert schien viel zu erzählen zu haben, und als nach etwa zwei Stunden aus dem Bedienstetentreppenhaus am Ende des Korridors die Köchin auf ihn zugeschlendert kam, war er immer noch nicht fertig.
„Got thrown out?“ fragte die junge Frau, ohne anzuhalten. Sie war in voller Küchenmontur und trug ein Klemmbrett mit eingesauten Zetteln unter dem Arm.
„They want to talk alone,“ erklärte Kei weiterspielend. Langsam begannen seine Finger zu bluten, da er das Plektrum vergessen hatte, aber das kümmerte ihn nicht weiter. Sie nickte gleichgültig und wanderte weiter, bis sie auf der Galerie abbog und außer Sicht war. Kurz darauf verstummte das Gespräch im Raum hinter ihm und die Tür öffnete sich.
Kei schaute auf, die Hände noch an der Gitarre. Rupert sah ihn etwas überrascht an. Er sah deutlich gelassener aus als bei seinem Eintreten.
„I‘ll draw him a bath. He needs one.“ Er schaute kurz unschlüssig über seine Schulter zurück in das Zimmer. „He said I should tell you.“ Sein Ton verriet, das er selbst das für überflüssig hielt.
„That he needs a bath?“ Auf Keis Gesicht zeichnete sich die Andeutung eines Grinsens ab.
„No, that I'm going to stay with him during. I don't have to tell you why he shouldn't be by himself.“ Rupert lehnte sich an den Türrahmen, ohne die Tür ganz zu öffnen oder loszulassen und versperrte so unauffällig aber effektiv den Weg und die Sicht in den Raum.
„I wasn't going to spy on him,“ kommentierte Kei Ruperts Im-Weg-Stehen, das aufgrund der Tatsache, dass Kei sich nicht groß bewegt hatte, völlig unnötig war. Zumindest aus seiner Sicht. Er hätte aufpassen können, dass Colin nicht versuchte, sich beim Baden umzubringen, aber da Rupert anscheinend der Meinung war, dass Kei für derlei Dinge nicht geeignet war, ließ er das Argumentieren einfach bleiben. Es war wichtiger, dass Colin überhaupt am Leben war. Rupert musterte ihn kurz ernst, nickte dann und wandte sich wieder zurück in den Raum.
Kei blieb tatsächlich auf dem Boden sitzen und spielte weiter leise auf der Gitarre. Der Verstärker war ziemlich leise gedreht, sodass man schon in Colins Zimmer nicht mehr gut vernehmen konnte, was er eigentlich spielte.


Friday, July 22, 2016

Kei + Colin LXXIX: Vergebung


Kei verließ den Raum eine Weile später und machte es sich auf dem Dach des Schlosses bequem, wo er oft gesessen hatte, bevor die Rettungsaktion für Colin begonnen hatte. Er legte sich hin. In T-shirt, Jeans und Stiefeln lag er auf dem Dach herum und hing seinen Gedanken nach. Er würde definitiv nicht auf Knien um Vergebung betteln.

Derweil hatte Colin kurz auf einem Fensterbrett in seinem Zimmer gelegen und in den grauen, windigen Nachmittag gestarrt. Aber nur ein paar Minuten lang. Dann beschloss er, das luxuriöse Badezimmer zu nutzen und begab sich hinein. Eine Viertelstunde später lag er in der großen Badewanne und betrachtete die dicke, duftige Schaumdecke von unten. Er versuchte, einzuatmen und seine Lungen mit Wasser zu füllen. Das würde ihn nicht umbringen. Er wollte nur wissen, wie es sich anfühlte.
Nicht angenehm. Er erstickte nicht, aber es fühlte sich dennoch so an. Er bekam plötzlich das dringende Bedürfnis, Luft zu holen und das warme Wasser wieder aus sich herauszuzwingen, und das tat weh. Eilig tauchte er wieder auf und spuckte das Wasser zuckend wieder aus.
Was soll ich hier eigentlich machen? Wir kämpfen gegen die Instanz, aber wie kann ich da helfen? Ich bin als Keis Anhängsel hier. Weil er ohne mich nicht mitmachen würde. Ich bin seine Batterie. Colins Gedanken schweiften nach Bolivien ab. Ohne Kei war er fantastisch klargekommen. Er war unglücklich gewesen, aber erfolgreich. Er war vor Allem seine eigene Person gewesen.
Das Wasser war längst kalt und schaumlos, als er es endlich ablaufen ließ und sich abduschte. Er fand einen großen, weichen blauen Bademantel, mit dem er in sein Zimmer zurückging, um darin herumzustöbern. Es langweilte ihn nur sehr schnell, und so zog er sich Dennis' Kleider wieder an – auch den Mantel und die Mütze – und machte sich auf, das Gelände um das Schloss herum zu erkunden.

Kei lag noch immer auf dem Dach. Dass es mittlerweile später geworden und dunkel war, störte ihn nicht im Geringsten.

Die Stunden bis zum Sonnenuntergang hatte Colin damit verbracht, durch den halbverwilderten Park und einen Teil des angrenzenden Waldes zu streifen. Dabei hatte er zwischen einer kleinen Gruppe von Birken und Weiden eine künstliche Grotte entdeckt, in deren Wände und Decke verwundene Figuren gemeißelt waren. Hinter dem Eingang hing knapp über Kopfhöhe eine kleine Laterne, in der ein trauriger alter Wachsklumpen lag, aber auf dem Boden waren vertrocknete Blumen und einige Grabkerzen verteilt, die zum Teil noch brannten. In der Mitte der kleinen Höhle stand eine breite Marmorbank. Colin nahm sich die leuchtenden Grabkerzen und stellte auf die Bank. Dann setzte er sich daneben und sah sich die merkwürdigen Formen an den Wänden an.

Kei blieb die ganze Nacht auf dem Dach sitzen, auch der einsetzende Regen vertrieb ihn nicht von dort. Auch nicht, als er klatschnass wurde und das Wetter sich nach einer Stunde Regen nicht zu bessern schien.

In der Tat wurde der Regen nur noch stärker – das Rauschen des Schauers auf den Blättern weckte Colin auf, der in der Höhle eingenickt war. Der Blick nach draußen verriet ihm nicht, wie spät es war, und Zeitgefühl besaß er sowieso nicht mehr, also beschloss er ganz willkürlich, dass es bestimmt längst Zeit zur Rückkehr war und ging zum Schloss zurück.
Er brauchte ein bisschen, um sich durch den grauen Regenschleier zu orientieren, fand den Weg aber leicht wieder und ging gemächlich durch den dunklen Park. Zwischendurch beschlich ihn der starke Verdacht, vom Weg abgekommen und in einem Blumenbeet gelandet zu sein, denn der Untergrund wurde zeitweise struppiger und matschiger, während er auf das große Gebäude zuging. In Gedanken entschuldigte er sich bei Dennis für das, was er seiner Hose und seinen Schuhen antat, als er sich gerade von etwas stacheligem, das er in der Finsternis nicht sehen konnte, losriss.
Es sind DocMartens. Die können das ab. Hoffte er.

Irgendwann war Kei in dem Regenschauer eingeschlafen, mit der Frage im Kopf, ob er sich eigentlich erkälten würde, wenn er da blieb. Egal...

Nach dem Abspülen der Schuhe und der Hose und anschließendem Aufhängen seiner Kleider im Badezimmer – Handtuchtrockner sind so praktisch – sah Colin nach, ob Kei nebenan angekommen war und nahm schulterzuckend zur Kenntnis, dass dies nicht der Fall war. Also legte er sich in seinem dicken Bademantel auf das Bett und sah aus dem Fenster, wo sich der dichte Regen langsam zu einem waschechten Herbststurm auswuchs.

Der nächste Morgen ließ viel zu lange auf sich warten, doch irgendwann kam er. Der Regen hatte aufgehört, doch der Himmel wurde schon wieder grau, sobald die Sonne aufgegangen war. Rupert hatte Colin abgeholt und zum Salon gebracht, wo die Nichtvampire üblicherweise ihre Mahlzeiten einnahmen. Nun saß Colin allein mit Rupert an einem sehr großzügig ausstaffierten Frühstückstisch, mit antikem Teeservice und silbernem Toastständer...
„Is it like this every morning or is this an exception?“ fragte Colin überrascht, während er vorsichtig mit einer silbernen Zange ein Stück Zucker aus einem Kristallschälchen in seine Meissener Teetasse beförderte.
„It's an exception,“ gab Rupert schmunzelnd zu. „All to impress you.“ Er grinste auf seine zusammengefaltete Zeitung, aber beobachtete Colin weiter aus dem Augenwinkel. „Didn't Dennis give you more clothes?“
Colin sah an sich herunter. Die Kleider waren noch etwas feucht und rochen auch so.
„No. It's not his job to clothe me, is it?“ Er zuckte mit den Schultern. Rupert grinste.
„No. If you want, I can take you into town today and we'll get you something.“

Als Kei aufwachte stellte er fest, dass er vollkommen durchnässt war. Er stand auf und machte sich auf den Weg in sein Zimmer, tropfte dabei den Boden voll und hinterließ eine nasse Spur, wo er entlangging.
Es klopfte an der Tür.
Kei, noch immer klatschnass, öffnete.
„Äh. Ist alles in Ordnung?“ Colin sah ihn ein bisschen überrascht an.
„Bin draußen eingeschlafen,“ antwortete Kei sein Aussehen erklärend und trat von der Tür weg um sich die nassen Kleider auszuziehen. Seine Haut war noch kälter als sonst.
Da er die Tür nicht geschlossen hatte, tat Colin das einfach mal, nachdem er eingetreten war. Er sah Kei beim Ausziehen zu, wobei er mit jedem bisschen Haut, das zum Vorschein kam, verlegener wurde. Ihm war nicht bewusst, wie er starrte, während er betont lässig aussehen wollte, mit den Händen in den Hosentaschen und auf seinen Lippen kauend.
Kei machte es nichts, von Colin angestarrt zu werden. Vollständig unbekleidet ging er ins Bad und nahm sich ein Handtuch um sich abzutrocknen.
„Du bist nicht nur hier um mich zu fragen, weshalb ich klatschnass durch den Flur laufe, oder?“
„Nein. Ich wollte wissen, wies dir geht,“ sagte Colin schulterzuckend. Er war ihm nachgegangen und stand nun in der Tür des Badezimmers. Augenblicklich kratzte er sich verlegen den Kopf, auf dem mittlerweile wieder Stoppeln sichtbar waren. Scheinbar juckten die etwas.
„Nass und kalt,“ sagte Kei leise, während er sich in ein großes Handtuch wickelte um wenigstens nicht mehr nass zu sein. Er hatte es tatsächlich geschafft – er fühlte sich unterkühlt! Das war neu.
Und ganz sicher nur möglich, weil er draußen eingeschlafen war. Nicht unbedingt wiederholungsbedürftig.
„Hmf,“ gab Colin von sich, der für das Handtuch dankbar war, denn er hatte große Mühe gehabt, seinen Blick nicht unter Keis Bauchnabel schweifen zu lassen. Aber etwas enttäuscht war er trotzdem. „... Und sonst?“ Er stand noch immer in der Tür.
Du willst die Entschuldigung immer noch, oder? Kei schob sich an ihm vorbei, aber nur, um sich trockene und sogar wärmende Sachen anzuziehen – eine Jogginghose, die er im Schrank gefunden hatte und eine Sweatshirtjacke. Unterwäsche hielt er nicht für notwendig. „Aushaltbar.“
Colin sah sich nach etwas stabilem um, mit dem er Kei bewerfen konnte. Dazu hatte er gerade Lust. Die Kristallflasche mit dem Rasierwasser schien ihm ungeeignet.
„Wunderbar,“ sagte er also nur und ging langsam durchs Badezimmer zu seiner Tür. „Ich bin mit Rupert weg.“
„Viel Spaß.“ Kei legte sich auf sein Bett und tat etwas, das er noch nie getan hatte. Sich aufwärmen. Zusammengerollt lag er da und wartete, bis unter der Decke die Kälte aus seinem Körper wieder verschwinden würde.
Nach einem fast neutralen Blick zurück schloss Colin seine Badezimmertür und holte sich Mantel und Mütze.

Rupert brachte ihn nach Lancaster hinein. Colin kam die Stadt größer und schicker vor, als er erwartet hatte. Rupert sagte, das liege an der Universität und dem Tourismus. Immerhin gebe es hier viele historische Bauten und eine direkte Verbindung zur Königin.
„She's the Duke of Lancaster, you know.“
Colin grinste. „I didn't. The queen's a duke, fancy that.“
Direkt am Fluss, wo selbst bei diesem bedeckten Himmel an einem Wochentag – Rupert sagte, es sei Donnerstag – auf einer Promenade vor den Geschäften viel los war, führte Rupert ihn lässig spazierend zu einer Boutique, die ziemlich teuer und exklusiv aussah. Als Colin bemerkte, worauf sie zusteuerten, hielt er kurz vor dem Eingang an.
„Just so we're clear on this: We're shopping for clothes – for you?“ Er sah belustigt aus. Rupert grinste und schüttelte den Kopf.
„We're getting you a fancy frock,“ korrigierte er. „I've got enough.“
„I know you're rich, but I'm not, and frankly, I'm not that into tailored tails,“ erklärte Colin abwinkend. „I'm not your age,“ fügte er hinzu, woraufhin Rupert sich mit gequältem Blick an die Brust packte.
„Not my age, ouch. How old are you then?“ Er schlenderte weiter die Schaufenster entlang, von dem feinen Zwirnladen weg. Colin musste etwas nachdenken. Seinen letzten Geburtstag hatte er als Angel in Bolivien verbracht. Da hatte er sechzehn werden sollen und nun war es wieder Herbst.
„About seventeen?“
„Hm, how old do you think I am?“
„About forty?“
„Shockingly accurate,“ gab Rupert nickend zu. Er nickte zu einem Schaufenster, in dem vage humanoid gestaltete Plastikröhren jugendlichere Kleidung zur Schau trugen.

Endlich aufgewärmt ging Kei durch das Haus. Auf der Suche nach Dennis, der ihm hoffentlich sagen konnte, wie man hier Langeweile loswerden konnte. Da er nicht wusste, wo hier wer war, rief er einfach durch die Gänge. „Dennis?“
Colin schien wirklich von ihm zu erwarten, dass er wusste, was er hören wollte. Kei schob den Gedanken für eine Weile beiseite.
Es antwortete ihm niemand.

Am Nachmittag fuhr der silberne Audi vor, hielt neben dem trockenen Springbrunnen und spuckte Rupert und einen neu eingekleideten Colin aus. Seine zwei großen Tüten mit den alten und neuen Kleidern trug er beschwingt in sein Zimmer, wo er alles verstaute, bevor er nach Kei zu suchen begann. Der saß mittlerweile wieder in seinem Zimmer und langweilte sich. Das war grausam! Wie konnten die es hier nur den ganzen Tag aushalten... Bei der nächsten Gelegenheit würde er sich eine Gitarre besorgen.
Vom Badezimmer aus klopfte es an seiner Tür.
„Komm rein.“ Er wusste, dass das Colin war – jeder andere würde die Tür zum Korridor benutzen. Die zum Badezimmer öffnete sich nun und Colin trat hindurch und schloss sie sorgfältig hinter sich. Er trug eine schwarze Strickmütze, ein dünnes, enges schwarz-rotgestreiftes Hemd mit langen Ärmeln und Kapuze, enge schwarze Jeans mit Ledergürtel und ebenfalls neue Socken. Ohne großen Auftakt oder eine richtige Begrüßung ging er auf Keis Bett zu und kletterte darauf, um sich im Schneidersitz zu ihm zu setzen.
„Neu eingekleidet? Hast du auch was von dem Ort gesehen?“
„Ja, wir sind an der Lune entlanggegangen und waren zum Mittagessen beim Bahnhof. Der sieht von außen wie eine Kirche aus. Hier ist das meiste ziemlich alt. Und das Alte sieht hier sehr cool aus.“ Colin lächelte und zog sich die Ärmel über die Hände. „Was hast du gemacht?“
„Mich umgesehen und mich gelangweilt.“ Das tat er immer noch.
„Langeweile ist ein Symptom von Fantasielosigkeit.“ Hat meine Mutter immer gesagt. Und dann hat sie dafür gesorgt, dass ich keine Zeit mehr für Langeweile hatte.
Auf allen Vieren krabbelte er dichter an Kei heran, um eine Hand auf seine Wange zu legen und ihn zu küssen. Kei wollte protestieren und sagen, dass er keine fünf Jahre alt war und sich Spielchen ausdachte, weil er nichts zu tun hatte, kam aber nicht mehr dazu. Er erwiderte den Kuss von Colin gierig.
Damit hatte Colin nicht so richtig gerechnet. Er hatte den Kuss kurz und keusch halten wollen. Nun musste er eine Sekunde lang belustigt schmunzeln, bis ein beinahe schmerzhaftes, schäumendes Kribbeln über seine Haut und ihm durch die Brust geradewegs in den Schritt raste.
„Hm,“ sagte er fast stimmlos.
Kei warf Colins Plan über den Haufen ohne davon gewusst zu haben und zog den Kleineren noch ein Stück dichter zu sich. Das führte dazu, dass er entweder auf ihn fallen oder über ihn klettern musste, und er entschied sich für letzteres. Ohne den mittlerweile gar nicht mehr unschuldigen Kuss zu unterbrechen, setzte er sich rittlings auf Keis Schoß. Der fand das eine sehr gute Idee und erhielt den Kuss aufrecht während er Colins neues Shirt nach oben schob. Colins Arme lagen derweil auf Keis Schultern und bewegten sich kurz hinunter, als er den Kopf ein bisschen zurückzog, um sein Shirt wieder hinunterzuziehen.
„Entschuldige dich,“ flüsterte er.
„Entschuldigung. Ich bin ein Idiot,“ entgegnete Kei nicht lauter, während sich in seinem Kopf die Frage formte, ob Colin auch einen Entschuldigungsblowjob akzeptierte, wenn ihm eine verbale Entschuldigung nicht ausreichen sollte.
Tat sie aber anscheinend. Colin zögerte etwas, war aber von dieser simplen, winzigen, späten, oberflächlichen Einsichtigkeit so bezaubert, dass er Kei nur wieder küssen konnte. Er kannte diesen Irren jetzt seit zwei Jahren, da wusste er in etwa, was er von ihm erwarten konnte.
„Stimmt,“ sagte er noch Keis warmem Mund, bevor er den Kopf wieder zurückzog, um sich das Shirt selbst auszuziehen. Wundersamerweise rutschte seine Mütze dabei nicht mit herunter.
Kei hätte nicht damit gerechnet, schob das aber schnell beseite. Grinsend erwiderte er den Kuss und hielt Colin am Nacken fest, nachdem der sein Shirt ausgezogen hatte. Diese leichte Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit bewirkte bei Colin dasselbe wie etliche Male zuvor: Er bekam das dringende Bedürfnis, auch den Rest seiner Kleidung loszuwerden, und Keis noch dazu. Also rupfte er Keis Shirt an seinem Rücken hoch, während er sich ungeduldig an ihn drückte und dabei ausnutzte, wie nah die Beule, die sich deutlich in Keis Hose abzeichnete, seinem Schritt war.
„Idiot,“ murmelte er abwesend mit Keis Zunge zwischen seinen Lippen, „denk nach bevor du den Mund aufmachst...“
Kei ließ Colin los, sodass dieser ihm das T-shirt ausziehen konnte. Als Antwort bekam er ein zustimmendes „Hm...“ das soviel hieß wie 'Okay... nächstes Mal...'
Als Keis T-shirt irgendwo hinter Colin auf dem Bett landete, stieg er von Kei herunter, um hinter ihn zu kriechen. Das nutzte Kei dazu aus, seine Hose loszuwerden. Colins Hose konnte er schlecht loswerden, wenn der Kleinere hinter ihm saß, aber der konnte selbst dafür sorgen.
Seine Beine rechts und links von Kei sortierend, saß Colin hinter ihm und strich mit den Fingern und den Lippen sachte über seinen buntbestochenen Rücken. Dieses Kunstwerk war etwa anderthalb Jahre lang stetig gewachsen. Er wusste gar nicht mehr, wie viele verschiedene Tätowierer daran gearbeitet hatten. Und jeder hatte seinen eigenen Stil hinterlassen und die zarte Geisha bunter, plastischer und lebhafter gemacht. Dieses Bild hatten sie ihm in der Grube nicht vorgaukeln können, daran hatte Colin seine Halluzinationen immer entlarven können. Mit der Stirn auf Keis Schulter fuhr er mit ein paar Fingern die zierlichen Konturen der Geisha entlang. Kei lächelte leicht und lehnte sich einfach zurück. Gerade, als Colins Hand um ihn herum auf Keis Schritt gewandert war und in seine Boxershorts griff, klopfte es an der Tür. Colin ignorierte das Klopfen und machte gemütlich weiter, massierte ihn und küsste seinen Nacken. Kei tat es ihm gleich und ließ den Klopfer, wer auch immer das war, vor der Tür stehen. Eine kurze Weile genoss er, was Colin tat ehe er sich umdrehte, sodass er über seinem Freund kniete und küsste ihn fordernd.
Das Klopfen wurde auch nur einmal wiederholt und verstummte dann. Gierig erwiderte Colin den Kuss, nagte an Keis Unterlippe und zog an seinem Lippenring. Er zog seine Hand, die gerade noch über Keis Haut strich zurück, um sich aufstützen zu können. Der Vampir drückte Colin leicht in Richtung Matratze. Wenn der Klopfer was wichtiges wollte, würde er später wiederkommen. Grinsend machte Kei sich daran, mit einer Hand Colins Hose zu öffnen.
Colin legte sich zurück, in den weichen Kissenberg an seinem Rücken, und hob das Becken an um Kei zu helfen. Als seine Hosen und Socken sich schließlich zum Rest ihrer Kleidung gesellten, schmunzelte er und versuchte, zur Seite wegzukriechen. Kei hielt ihn leicht grinsend auf. Er gab sich dabei nicht wirklich Mühe, sondern wollte nur sehen, wie Colin reagierte. Der hielt inne und drehte sich dann um, um mit ausgebreiteten Armen sein Gesicht in den dicken Kissen zu vergraben. Das diente hauptsächlich dazu, sein etwas rotwerdendes Grinsen zu verbergen, und die Kissenbezüge waren angenehm kühl. Kei lachte.
„Das war nicht das, was du vorhattest.“
Colin begab sich auf alle Viere, damit er über seine Schulter Kei ansehen konnte.
„Naja, aber fast.“ Peinlich, peinlich, peinlich. Er kniete sich vor Kei hin, nahm ein kleines Kissen und drückte es sich aufs Gesicht. Kei schmunzelte belustigt und legte sich fast auf Colin, sodass er dessen Gesicht dicht an seinem hatte, während er ihn mit seinem Gewicht sanft vornüberbeugte.
„Und was hattest du vor?“
Verschämt schloss Colin die Augen. Keis dreiste Stimme kroch ihm kitzelnd ins Ohr. Und er lag fast nackt auf ihm. So ein Gefühl... Er wusste nicht, ob er jetzt sprechen konnte.
„So ungefähr... das hier...“ flüsterte er. Keis Gewicht war nicht hoch, aber es drückte ihn sicher und angenehm in den weichen Untergrund. Was genau er diesmal von Kei wollte, würde er nicht im Detail ausformulieren. Niemals. Aber das sollte auch nicht notwendig sein. Wenn er nun schon praktischerweise so splitterfasernackt auf dem Bauch unter ihm lag, würde Kei sehr bald von selbst auf die richtige Idee kommen.
Tatsächlich verging nicht wirklich viel Zeit bis Kei seine Boxershorts loswurde und zu den restlichen Kleidungsstücken auf den Boden verbannte. Das gestaltete sich als ein klein wenig umständlich, weil er seine Position über Colin nur minimal veränderte.
Grinsend biss er seinem Freund in die Schulter als er in ihn eindrang. Besonders vorsichtig war er dabei nicht.
Vorsicht wurde überbewertet.
Schmerz. Au... Colins Gesicht war praktischerweise bereits halb im Kissen vergraben, und so biss er hinein und dämpfte damit sein rauhes Stöhnen. Er versuchte, sich etwas zu entspannen und nicht von Kei weggedrückt zu werden. Heiß...
„Hh... ja, genau...“
Kei benötigte eigentlich gar keine ausformulierte Antwort seitens des Kleineren, dessen Stöhnen war eindeutig genug, aber er hatte nichts dagegen, verbalisiert zu kriegen, dass seine Tat gefiel. Mit einer Hand stützte er sich auf der Matratze ab und mit der Rechten hielt er Colins Hüfte fest, während seine Stöße bald schneller und härter wurden.
Der rauhe, drückende Schmerz war bekannt aber jetzt nach... Wochen? Nach der Reise, der Gefangenschaft und den Kämpfen und dem verbitterten Schweigen der letzten Tage sehr frisch und neu und das beste Gefühl, das Kei ihm geben konnte. Er stützte sich so gut er konnte auf, um Keis Stößen zu begegnen und nicht einfach in die weiche Matratze gerammt zu werden. Die Kissen behielt er mit den Armen fest umklammert, um damit sein Stöhnen und nun auch die Schreie zu dämpfen. Dass die Kissen dabei nass wurden und er auch weiter unten auf die Decke tropfte, nahm er nicht wahr.
Kei bemerkte nicht, dass auch seine Finger in Colins Haut blutige Spuren hinterließen - es war ihm auch schlichtweg egal, er war anderweitig beschäftigt, als damit, zu merken, dass er das Laken ruinierte. Kei war vermutlich unten noch zu hören, aber das war nur in sofern noch zu hören, dass niemand auch nur versuchen würde, an die Tür zu klopfen.

Draußen auf der Galerie über der Eingangshalle blinzelte die Köchin und blickte verwundert und halb amüsiert in den Gang zu den Schlafzimmern, während Rupert und der Butler durch konzentriertes Stirnrunzeln und häufiges Räuspern über ihre eigene Verlegenheit hinwegzutäuschen versuchten. Sie hatte längst verstanden, was sie von ihr wollten, aber tat aus bloßer Boshaftigkeit so, als bedürfe der Plan noch weiterer Erläuterung. Es machte einfach zu großen Spaß, dabei zuzusehen, wie die beiden sich wanden.

Mittlerweile zum zweiten Mal begann Colin zu zittern, und diesmal sackte er beinahe zusammen. Keis Krallen und, gelinde gesagt, der verdammte BAUMSTAMM in ihm hielten ihn davon ab.
"HELL YES..."
Keis Gesicht, das Colin nicht sehen konnte - glücklicherweise, wenn man Kei gefragt hätte - war eine Mischung aus Anstrengung, Erregung und Drogenvollrausch. Ungefähr zeitgleich mit dem Beinahezusammensacken seines Freundes, das er nur bedingt wahrnahm, kam Kei mit leicht heiserem Stöhnen. Mit einer durch die Kissen gedämpften Mischung aus Wimmern und Schluchzen verkrampfte Colin sich noch einmal zitternd und hielt dann still, als er versuchte, seinen rasenden Atem unter Kontrolle zu bringen. Gegen seinen donnernden Puls konnte er nichts machen. Er rollte den Kopf etwas zur Seite, auf eine kühlere, trockenere Stelle, und atmete zitternd durch. Kei ließ sich auf ihn fallen. Das machte nichts, denn der Vampir war viel leichter als er aussah. Colin konnte ihn problemlos hochheben, wenn er wollte. Er beruhigte seinen Atem etwas und lauschte dem Herzschlag des Kleineren.
Das angenehme Gewicht hinderte ihn am Zittern, das war Colin sehr recht. Die Nähe auch. Er wollte nach Kei greifen, einem Arm oder einer Hand, aber fand, dass er sich nicht so richtig bewegen konnte.
"Ich bin aus Pudding. Schaum," flüsterte er schließlich.
Er bekam "Gern geschehen," als Antwort. Kei legte seine blutige Hand neben die von Colin, das Blut daran realisierte er langsam aber auch nur, weil es klebrig wurde. Colins Finger krochen langsam zwischen seine blutigen.
"Make up sex is brilliant," nuschelte Colin.
Kei erwiderte leise grinsend: "Sex is always brilliant." Er blieb auf Colin liegen und legte sein Gesicht in Colins Halsbeuge ab. 

Saturday, September 19, 2015

Kei + Colin XII: Aufmerksamkeit




Kei hatte etwas Langeweile.
So klettert' er in Windeseile
hinauf aufs Größte, das er fand.
Es war im Zoo ein Elefant.
Droben setzte er sich hin,
stützte auf die Hand sein Kinn,
blickte übers Land dahin,
nach Rauchen stand ihm dann der Sinn.
Die Nacht, er fand sie gar so nett,
er zündet' an 'ne Zigarett',
und sinnierte stumm und friedlich,
der Elefant, er fand das niedlich.
Er trötete voller Verzückung
und riss aus seiner Nachtentrückung
ziemlich unbehutsam hier
den unverschämten Punkvampir.

Kei lief durch die Straßen der Stadt. Mittlerweile war er allein. Er schlenderte Wege entlang, die er selten nahm. Seine Tour hatte ihn bis in noblere Gefilde verschlagen. Mit zerzausten Haaren und angerissenem Shirt.
Er sah sich um. In seinem Mund steckte eine Zigarette. Der Schüler war auf dem Heimweg – ein ziemlicher Umweg allerdings. Er hatte irgendwann im Laufe des Abends die Kontrolle über seine Sinne ein wenig verloren. Mindestens vier Menschen waren tot und ein paar schwer verletzt. Der Kopf leer. Die frische Luft tat ihm gut, linderte den Blutrausch der letzten Stunden. Dass es menschenleer war, tat dem auch einiges bei. Irgendwie führten ihn seine Füße in einen Park. Das war eine Art Abkürzung auf seinem Heimweg, sagte er sich. Unter einem Baum ließ er sich fallen und beobachtete die Sterne für ein Weilchen.
Als er Schritte vernahm, blickte er in die Richtung aus der sie kamen. Was macht der denn hier? War sein erster Gedanke, als er den Kopf gegen den Baumstamm lehnte.
Der Park war entlang der malerischen Wege laternenbeleuchtet, sodass sich jemand mit normaler Sicht hier bequem bewegen konnte. Kei murrte etwas, da er in seiner Ruhe gestört wurde und blickte dorthin, wo der Lärm herzukommen schien. Hunde. Wie er sie doch manchmal hasste. Colin ging den beiden riesigen grauen Hunden auf eine Wiese am Rand eines großen Teiches hinterher, in dem sich der Mond ein bisschen spiegelte. Er nahm einen Tennisball aus der Tasche und warf ihn an den Rand des Teiches. Die Doggen bellten und quietschten aufgeregt und hetzten hinterher, rempelten sich beim Aufsammeln gegenseitig an und versuchten, einander den Ball wegzunehmen, bis Colin laut auf den Fingern pfiff. Er ließ die zwei langen Lederriemen, die er den Hunden zuvor abgenommen hatte, fallen und hielt die Arme auf, als die Hunde auf ihn zurannten.
"Schnauze - sonst tot," murmelte Kei. Er sah den beiden Hunden, die soeben zurückgepfiffen wurden, mehr als tödlich in die Augen. Bewegen tat er sich nicht.
Eine der Doggen sprang Colin fast in die Arme und rubbelte begeistert ihren Kopf an seiner Jacke, während die andere stehen blieb, die Ohren aufstellte und zu Kei hinübersah. Sie ließ den Ball fallen und knurrte leise.
Kei funkelte tödlich zurück. War ein bisschen Ruhe zuviel verlangt?
Er stand auf und wandte sich zum Gehen. Colin würdigte er nur eines flüchtigen Blickes.
Colin sagte "Humphrey?" und folgte dem Blick des Hundes, indem er sich in der Hocke halb umdrehte und über die Schulter sah. Seine Augen weiteten sich etwas. Es war hell genug, um Kei zu erkennen. Er stand eilig auf und packte den argwöhnischen Hund am Halsband.
Er sah Kei wortlos hinterher.

Kei ging nachhause. Warf sich aufs Bett und entledigte sich seiner Kleider. Kurz darauf fiel er in einen tiefen Schlaf.

Colin spielte weiter mit den Hunden und rannte mit ihnen herum, nachdem Humphrey sich abgeregt hatte und Kei offenbar verschwunden war.
Er fand den Tag immer noch erfolgreich und ging zufrieden schlafen.


DONNERSTAG
Kei schlief tief und lange. Zu lange. Gegen Mittag ließ er sich dazu herab, aufzustehen. Regelmäßig zur Schule zu gehen kam ihm gar nicht in den Sinn. Er hatte alle Zeit der Welt das zu tun. Wenn er wollte.
Colin fragte sich wieder, wo Kei blieb, ließ sich dadurch aber nicht vom Unterricht ablenken und war eher dankbar für die Nervenpause. Als am Nachmittag die Clubzeit begann und er sich mit dem Rest des Chors in den Musikraum begab, dachte er gar nicht an Kei, sondern nur an den Plan, den er mit Shingo für das Schulkonzert schmiedete.

Kei lief, ganz in Alltagskleidung, zur Schule. Es war zwar schon spät, aber Clubzeit bedeuete, dass er sich mit etwas beschäftigen konnte, das ihn nicht langweilte. Der Gitarre der Schulband. Er selbst war kein Teil davon, aber es verwhrte ihm keiner das Instrument.
Im Kellermusikraum, den sich die Jungs als Bandquartier genommen hatten, machte er es sich mit der schicken schwarzen Gitarre auf einem großen Verstärker bequem.
Es würde bald ein Schulkonzert geben, wie er herausgefunden hatte.
Mit Zigarette im Mund spielte er für sich auf der Gitarre herum, da die eigentliche Schulband mit Plänen beschäftigt war, wie alle Musikgruppen der Schule, von denen es einige gab.

Im Übungsraum drängten sich zwei Orchester, der Chor und "Die Band", sowie alle anderen Schüler, denen Frau Hasegawa bisher die Teilnahme am Konzert gestattet hatte, und hörten zu, wie sie Probetermine festlegte und zuteilte. Die meisten machten sich Notizen, und als sie nach wenigen Minuten fertig war, verließen viele von ihnen den Raum, damit der Chor nun wie üblich diesen Raum zum Üben nutzen konnte.
Colin war neu und wurde darum mit zwei anderen ungeübten Neuzugängen irgendwo abseits hinsortiert, bis Frau Hasegawa sich entschieden hatte, sie zu behalten und ihnen eine feste Stimme zu geben oder sie wieder rauszuschmeißen.
Ungefähr anderthalb Stunden lang wurde nun geübt, einzeln und in Gruppen vorgesungen, zum Test ein Volkslied geprobt ...
Am Ende wurden alle drei Neulinge behalten, das erste Mädchen in die Sopranecke gestellt und das andere Mädchen mit Colin zum Alt.

Kei kümmerte sich nicht um den Trubel und spielte weiter nicht gerade leise auf der Gitarre, neben sich auf dem Verstärker stand ein kleiner Aschenbecher. Die anderen waren eine Weile weg und als sie schließlich zurückkamen, unterhielten sie sich angeregt darüber, wer wann proben dürfe und wer neu wohinkam.
So erfuhr der Vampir, dass der kleine Schotte auf dem Konzert wohl dabeisein würde. Saki, der Sänger der vier Mann starken Rockband, die nie einen Namen bekommen hatte, weil man sich nicht einig wurde, kam auf Kei zu und fragte, ob er nicht mitspielen wolle, sie könnten noch einen zweiten Gitarristen gebrauchen. Er sagte zu und erfuhr, dass er dann beim Schulkonzert mitspielen sollte.
Ein wenig weiterspielend nickte er. Schließlich übten sie zusammen ...
Das Konzert würde in nicht allzu ferner Zukunft stattfinden.

Nach der Probe ging Colin mit Shingo zum Ausgang, mit konspirativ zusammengesteckten Köpfen tief im leisen Gespräch zogen sie sich abwechselnd ihre Straßenschuhe an und machten sich dann nach draußen, ohne weiter auf ihre Umgebung zu achten.

Kei blieb noch eine Weile bei den anderen und verließ irgendwann das Schulgebäude. Hungrig.
Während er rauchend über das Gelände schlenderte, entdeckte er Colin. Ein Grinsen begann seine schmalen Lippen zu umspielen, ganz leicht. Dem kleinen Schotten ein Stück nachgehend – unauffällig und in einigen Metern Entfernung, wartete er ab, den Ring in seiner Lippe malträtierend.
Nach einer Weile verabschiedete Colin sich von Shingo, der in eine Seitenstraße abbog, und ging allein in Richtung Bahnhof weiter. Es waren noch einige andere Menschen auf der Straße unterwegs, sodass ihm Keis Präsenz hinter ihm nicht auffiel.
Unauffällig ging Kei hinterher und nahm nur zu gern zur Kenntnis, dass Shingo Colin allein ließ. Es waren kaum Menschen auf der Straße, ihm dennoch ein wenig zu viele. Vor allem die, die ihm entgegengingen, waren ihm entschieden zu zahlreich, weshalb er lange wartete. Mit der Kippe im Mund beobachtete er vor allem Colin genau. Als er eine kleine Seitengasse erblickte, sah er seine Chance.
Mit einer schnellen Bewegung war er direkt hinter dem Jungen und hatte ihn genauso schnell ohne große Rücksicht in die kleine Gasse gedrückt, wo er seine Zähne ziemlich unsanft in dessen Hals vergrub und sich an dessen Blut bediente.
"Agh!"
Aus bloßem Reflex begann Colin zu treten und zu schubsen und rammte Kei seinen Ellenbogen in die Magengegend.
"The fuck's - let me go you -" Er stampfte mit seiner turnschuhbewehrten Ferse hart auf Keis Fuß und stellte endlich fest, wer ihn da angriff.
"Du verdammtes Arsch... loch..."
Er wand sich weiter, wurde aber schnell schwächer und begann eher zu wanken. "Hng," sagte er benebelt. "Wenn du mich umbringst... suche ich dich bis in alle Ewigkeit heim," brummte er finster, wie betrunken.
Kei amüsierte sich innerlich über Colins Versuche sich zu wehren, vor allem darüber, wie schnell er schwächer wurde. Die Angriffe zeigten keinerlei Wirkung. Dazu waren sie zu schwach.
Als er von dem in seinen Armen Zusammengesackten abließ, grinste er. „Danke für das nette Kompliment.“ Er ließ seinen um eine große Menge Blut erleichterten Mitschüler zu Boden sinken und wandte sich zum Gehen. In Richtung Bahnstation. Colin war entweder fast oder ganz bewusstlos, so viel war sicher. Töten wollte er ihn nicht. „Du kannst versuchen mich heimzusuchen, ich würde mich freuen.“
Colin gab Kei den Mittelfinger und flüsterte etwas, gab es aber auf, zu versuchen, die Augen geöffnet zu halten. Schlafen. Schlafen... so gut... Es war ein bisschen kalt.
Er lehnte den Kopf an die Hauswand zurück und fiel kurz darauf zur Seite um.
Wenigstens hatte er schon gesessen.

Colin bekam vage mit, dass ein paar fremde Schüler ihn aufhoben und ansprachen. Später wachte er noch einmal auf, als ein Sanitäter ihm in die Augen leuchtete und sein Gesicht betatschte. Überhaupt fassten Leute ihn ein bisschen viel an.
Er wurde herumgedreht und hingelegt, wackelte im Liegen und hörte dabei eine Sirene. Wie sollte man da denn schlafen...

Kei ging mit über den Kopf gezogener Kapuze und den Händen in den Hosentaschen durch die Straßen, den Bahnhof, zum Gleis – und wartete. Auf den Zug, der in Richtung seiner Wohnung fahren würde. Schon wieder Polizei. Es waren so viele Bullen unterwegs. Seit Tagen schon wurden sie nicht weniger. Eine Sirene drang an sein Ohr. Ein Krankenwagen. Ein Unfall vielleicht. Oder eine verletzte Person am Straßenrand. Der Vampir stieg in die Bahn, sah wie die uniformierten Männer begannen, Menschen zu befragen. Zu dem Unfall vielleicht.
Er ließ sich von der Bahn davontragen. Ein junger Polizist erschien vor ihm, sprach ihn an. Er antwortete ihm abwesend auf die Frage ob er an dem Bahnhof, an dem er eingestiegen war, irgendetwas gesehen habe. Er sagte nein. Das blutige Tuch in der Hosentasche. Das Gespräch endete. Kei stieg irgendwann aus der Bahn.
Nach einer Weile Gehen, einer kleinen, kam der Vampir in seiner nicht allzu großen Wohnung an. Seine Jacke fand ihren Weg auf das Sofa und er selbst den aufs Bett. Das kleine Schlafzimmer war dunkel. Das war es meistens, da Kei es lieber dunkel mochte. Sein Wohnzimmer war sehr groß und beherbergte den Großteil seiner Habe. Er dachte darüber nach, eine Gitarre zu kaufen. Dann hätte er etwas zu tun. Den Rest des Tages verbrachte er damit, dies in die Tat umzusetzen und irgendwann wieder zu schlafen.

Wenige Stunden später wachte Colin allmählich richtig auf. Er war in einem Krankenhaus, ohne Zweifel, stellte er scharfsinnig fest. Hiroki saß neben dem Bett.


FREITAG
Morgens schlenderte er zur Schule. Eilig hatte es es nicht. Mit einer Kippe im Mund ging er über das Schulgelände bis hin zum Eingang.
Von Colin war auch im Unterricht nichts zu sehen. Kei vermutete, dass Colin im Bett lag und tief und fest schlief. Ihm war das ziemlich gleich.
Die übliche Verdächtige, Ayane nämlich, erzählte irgendwann jedem, der es hören wollte, dass Colin im Krankenhaus lag. Natürlich hörte auch Kei irgendwann von Ayanes Geschichte. Irgendwer hatte ihn also gefunden, dachte er und lehnte sich an eine Wand, als Pause war. Der Tag war ereignislos verlaufen bis darauf, dass ziemlich viele darüber spekulierten, was Colin wohl passiert sein mochte. Kei lachte sie in Gedanken alle aus. Die hatten ja keine Ahnung. Die x-te Zigarette rauchend, wendete er sich beim Klingeln dem Rest des Schultags zu. Und der Clubzeit. Der eigentliche Grund weshalb er zur Bildungsanstalt gekommen war. Schließlich konnte auch er nicht ohne Übung perfekt spielen.

Am Mittag des folgenden Tages wurde Colin aus dem Krankenhaus entlassen und wurde von Hiroki nach Hause gebracht. Dort verbrachte er nach einer Dusche den Rest des Tages mit Schulbüchern im Bett. ... über denen er zwischendurch einschlief.

SAMSTAG
Am Samstagmorgen pellte Kei sich zwischen Decken und Kissen hervor, sich im dunklen Raum umsehend. Es war sicher noch nicht allzu spät, wenn man das auch nicht sehen konnte, da der Raum ohnehin immer abgedunkelt war.
Er stolperte über Verstärkerkabel und Kleidungsstücke ins Bad...
Nach Duschen und Anziehen saß er rauchend in der Küche. Colin war am Freitag nicht in der Schule gewesen, anscheinend hatte er dem Kleinen ziemlich zugesetzt. Kleine Körper waren nun einmal mit weniger Blut ausgestattet. Wahrscheinlich paukte sein strebsamer Mitschüler den halben Tag.
Die kleine Uhr an der Wand des kleinen Raumes verriet ihm, dass es schon Mittag war. Draußen stürmte es, der Regen kam in einem Guss wie aus Eimern aus den beinahe schwarzen Wolken.

Colin saß im offenen Fenster seines Zimmers im ersten Stock und ließ die Beine draußen herunterhängen. Es regnete nicht herein, weil der Wind gerade steif von der anderen Seite des Hauses kam und den Regen von seinem Fenster wegtrieb. Er hatte gestern den ganzen Nachmittag und letzte Nacht, wann immer er nicht geschlafen hatte, alles erledigt, was es für die Schule zu tun gab, er hatte heute morgen doppelt so viel Geige geübt wie sonst, und die Lust auf Bücher und Spielen war nun restlos verbraucht.
Er hatte wieder seine Zimmertür abgeschlossen und sich lauten Hip Hop angemacht, um in den wilden nassen Himmel zu starren.
Nach einer Weile griff er hinter sich auf den Schreibtisch nach der kleinen Fernbedienung und wechselte damit die CD zu etwas anderem, mit geisterhausartig hohlen Stimmen besprochener Musik, die kratzte als käme sie von einer alten Schallplatte. Er stierte weiter ausdruckslos bis niedergeschlagen hinaus.

Kei steckte eines der vielen in seiner Wohnung herumliegenden Zigarettenpäckchen in seine Jackentasche, zog sich ebendiese Jacke über - die Kapuze ins Gesicht - und ging hinaus in den Sturm. Solch ein Wetter war schön, man fiel nicht auf und es waren kaum Menschen auf der Straße.
Es vergingen keine fünfzehn Minuten und der Vampir war vollkommen durchnässt. Blitze zuckten überall wo man hinsah. Seine Haarsträhnen hingen ihm klatschnass ins Gesicht. Wasser lief ihm das Kinn herunter.
Irgendwann kam er an Colins Haus vorbei, vielleicht ging es dem ja besser, umbringen wollte er ihn schließlich nicht. Die in seinen Ohren merkwürige Musik richtete seine Aufmerksamkeit auf das Fenster des Jungen, den er in eben diesem sitzen sah. Langsam daran vorbeischlendernd ging er weiter. Feststellend, dass Colin noch am Leben und bei anscheinend nicht allzuschlchter Gesundheit war. Er malte sich aus, wie sich seine Mitschüler noch weiter das Maul über die ganze Geschichte zerrissen, während er hier entlangging.
Colin sah jemanden auf dem Bürgersteig vorbeigehen, sehr gelassen für dieses Wetter. Die Gestalt war sehr nass und schien gemütlich spazieren zu gehen. Er beobachtete die Person und lächelte dabei friedlich. "Der geht bei dem Wetter spazieren..." Erfrischend. Er erkannte die Person nicht und ging auch gar nicht davon aus, sie zu kennen, denn er kannte die Nachbarn noch gar nicht, also hob er bedenkenlos grüßend eine Hand, als er den Menschen durch den Regenschleier zu ihm aufblicken sah.
Erkannte er ihn nicht bei dem Wetter? Das würde jedenfalls die völlig unerwartete Begrüßung erklären. Er hob ebenfalls die Hand zum Gruß, lächelte leicht, was man nicht erkennen konnte bei dem Regen.
Das einzige, was man von seinem Gesicht erkennen konnte, waren grün-blau-schwarze Wasserschlieren auf dem Gesicht und Haare, die in eben dieses hingen.
Er schlenderte weiter - ein wenig hungrig.
Gelassen nahm er sich im Park den erstbesten Idioten vor, der sich getraut hatte, bei diesem Wetter vor die Tür zu gehen. Ungewollt hinterließ er dabei eine ziemlich blutige Spur im nassen Boden, auf dem das Blut in kleinen Rinnsalen den Weg entlangfloss. Den Toten warf er mit Steinen beschwert in den kleinen See.

Als der abenteuerlustige Spaziergänger, der sogar zurückgewunken hatte, wieder verschwunden war, kletterte Colin zurück in sein Zimmer und schloss das Fenster. Das war DIE Idee! Hiroki und Mutter waren beide zur Arbeit weg, die Haushälterin war nicht seine Babysitterin, also konnte er jetzt unbemerkt hinausgehen. Davon war er in den letzten zwei Tagen wie ein Sträfling abgehalten worden.
Er zog sich eilig an, schön dick und bequem, und schlich sich an der Küche vorbei, wo die Haushälterin gerade putzte. Die Stiefel band er einfach nicht zu. Er schloss vorsichtig die Haustür und ließ die gleiche Vorsicht auch bei dem großen Eisentor zur Straße walten, damit es ihm bei dem starken Wind nicht aus den Händen rutschte.
Die Kapuze seiner Regenjacke flog ihm im Wind immer wieder vom Kopf, also ließ er sie irgendwann einfach bleiben und ging bloß grinsend weiter. Er rannte auf den kleinen Park zu.
Zwischen den ersten paar Bäumen rannte er mit ausgestreckten Armen um einen Baum herum und rief dabei laut "WUUUUUUU!"
Kei war gerade dabei, den kleinen Park wieder zu verlassen und sich auf den Rückweg zu machen, als er die kleine Gestalt in dicken Regenklamotten sah, die um einen Baum herumlief und sich hörbar über das Wetter freute. Dann erkannte er ihn. Es war Colin, der sich da auf den Weg nach draußen gemacht hatte und ziemlich dick eingepackt schien. Der klatschnasse Vampir schlenderte auf ihn zu und sagte beiläufig: "Du erkältest dich noch." Nicht stehenbleibend wanderte er weiter in Richtung Ausgang. Hoffte still, dass Colin nicht über die Blutschlieren in den Wasserrinnsalen stolperte, die begannen, die Wege zu säumen.
Colin hatte den Näherkommenden gar nicht bemerkt, bis er beinahe in ihn hineinrannte. Er war im Begriff gewesen, auf den nächsten Hügel zu rennen und rutschte bei dem Versuch, anzuhalten oder Kei zumindest auszuweichen, auf dem nassen Gras aus und stürzte auf den schmalen Pflasterweg.
Kei lachte leicht. Wich ein bisschen zur Seite um Colin mehr Raum zum Fallen zu geben und schaute ihm dabei zu, wie er den Boden näher kennenlernte. "Vorsicht. Es ist rutschig hier." Er ging weiter und ließ Colin einfach auf dem Boden liegen.
Hastig rappelte sich Colin auf allen Vieren auf und sah dabei direkt in die Ablaufrinne am Rand des Weges. Er vergaß über dem wilden Rauschen und Donnern um ihn herum und dem Rauschen und lauten Klopfen in seinen Ohren, sich über Keis ekliges Verhalten aufzuregen und begann verwirrt, seine Hände und Knie nach Verletzungen abzusuchen. Sie waren aufgeschrammt und eines seiner Hosenbeine war nun kaputt, es klebten kleine Kiesel in den Kratzern, aber er blutete nicht SO stark.
Colin sah die Rinne hinauf und dann hinunter, wo Kei gerade verschwunden war.
Er stand auf und folgte der Rinne bis zu dem Pfad, der an dem kleinen See entlangführte, inspizierte dabei genau den Boden, um die immer verwaschenere Blutspur nicht zu verlieren.
Colin verfolgte die Spuren weiter bis zum Wasser und sah gebannt hinein. Er konnte nichts besonderes sehen, dafür war es zu dunkel, die schwarze Oberfläche schlug Wellen und wurde ständig vom strömenden Regen aufgepeitscht.
Er sah sich nach Kei um.

Kei ging noch einige Stunden durch die Stadt. Davon, dass Colin seine Sauerei gefunden haben mochte, ahnte er nicht viel. Immerhin würde der Regen bald alle Spuren davongewaschen haben.

Am Nachmittag schickte Colin Kei eine SMS.
'Willst du erwischt werden?'
Er saß dabei nass (aber geduscht) auf seinem Bett und starrte auf das Handy, nachdem er die Nachricht geschickt hatte.

Kei sah, er betrat gerade den Hauseingang, auf sein Handy, das einen Laut von sich gegeben hatte. Oh, es funktioniert noch... Er nahm das kleine Ding und schaute darauf. Eine SMS. Er öffnete sie und las.
Von Colin... Nachdem er seine Wohnung betreten und seine gesamten Klamotten ausgezogen und auf dem Flur liegengelassen hatte, setzte er sich mit einem Handtuch bekleidet auf sein Sofa und antwortete 'Ach was, das wäscht der Regen weg und ohne Leiche können die mir eh nichts. Machst du dir etwa Sorgen um mich?'
Colin antwortete sofort: 'Ich weiß, wo die Leiche ist. Sei besser netter zu mir.'
Er legte das Handy langsam weg und versuchte, nicht in Angstschweiß auszubrechen.
Vielleicht hatte er jetzt den letzten größten Fehler seines Lebens begangen.
Er machte schnell wieder die laute Musik an.
Kei grinste. 'Pass besser auf, Süßer, sonst leistest du ihr Gesellschaft.'
Er machte anzüglich und tödlich grinsend ein Selfie von seinem Gesicht und fügte es der Nachricht an.
Colin nahm das Telefon langsam, wie ein Gespenst, legte es nach dem Lesen mit zitternder Hand wieder weg und kroch unter seine Bettdecke.
Dann griff er sich das Handy wieder und starrte auf das Foto.
Er lehnte das Handy an sein Kopfkissen und starrte das Bild an, knöpfte sich dabei die Hose auf -
bis ihm etwas einfiel.
Er schickte noch eine Nachricht.
'Wolltest du mich umbringen?'
Der Vampir hatte keine Ahnung wie der Kleinere darauf reagieren würde, aber er malte sich eine ängstliche (oder so ähnlich) Reaktion aus, er mochte den Gedanken. Er ging zu seinem Kleiderschrank und nahm sich Stoffhose und Shirt hinaus, zog sich an und erfreute sich an seinen Gedanken, als sein Handy klingelte. Er las. Lachte. Der Gedanke hatte was.
'Vielleicht...' schreib er zurück.
Kei legte sich auf sein Bett und malte sich aus, wie Colin wohl reagieren könnte. Er grinste. Gerne würde er ihn jetzt einfach beobachten und sich amüsieren.
Colin schauderte, als er das las. Aber er war erleichtert. "Vielleicht" bedeutete, dass er es nicht vorgehabt hatte.
"Vielleicht" bedeutete auch noch andere Sachen. Er schrieb eine Weile nicht zurück und betrachtete nur weiter das Foto, während er an "Vielleicht..." dachte, und an die Stimme, in der das Wort gesagt werden müsste.
Das dauerte keine fünfzehn Minuten, obwohl er sich Zeit zu lassen versuchte.
Colin meldete sich nicht mehr.

SONNTAG
Auch am Sonntag ließ er nicht von sich hören oder sehen.
Kei wunderte es nicht, dass Colin ihm nicht antwortete. Er erwartete das auch gar nicht. Als er sich dazu bequemte sein Bett zu verlassen und an seiner Hose feststellte, dass er ziemlich gut geträumt haben musste, ging er erstmal duschen.
Danach setzte er sich auf das inzwischen frisch bezogene Bett und spielte ein wenig auf seiner neuen Gitarre.