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Saturday, November 14, 2015

Kei + Colin LIII: Das Neujahrskonzert


MITTWOCH, 4. JANUAR
Sobald es die Tageszeit zuließ, begann Akira mit Putzen. Er hatte den Bogen zwar immer noch nicht ganz raus, aber fand diese Arbeit irgendwie meditativ und empfand sie diesmal sogar als kathartisch. Er konnte sich einreden, sie als eine Art milde Buße zu verstehen, und darüber hinaus war sie ein Dienst an - egal, er kam sich beim Wasserhahnschrubben jedenfalls nützlich vor.
Während es noch sehr früh war, behielt er die Türen zu den Räumen geschlossen und arbeitete leise, um Kei nicht zu stören.
Kei wurde wach als sein Wecker anfing Geschrei von sich zu geben. Langsam schälte er sich aus seinem Bett, schaltete den Wecker aus und schlurfte ins Bad.
„Morgen,“ grüßte er Colin, als er seine Sachen auf den Boden fallen ließ und duschen ging. Der heutige Tag war unterrichtsfrei, da die ganze Schule an den Vorbereitungen für das Konzert beteiligt war. Kei und seine Band hatten sich erst um neun Uhr für die letzte Probe verabredet - genug Zeit also. Immerhin zeigte die Uhr gerade mal sechs.
Akira grüßte zurück und sah Kei beim Entkleiden zu. Erst nachdem er sich längst unter das rauschende Wasser gestellt hatte, fiel Akira auf, dass er gaffte, und riss sich von dem Anblick los. Dafür starrte er entschlossen auf den Putzschwamm, den er nun rabiat ausspülte.
Kei duschte eine halbe Ewigkeit, ehe er das Wasser wieder abstellte und sich abtrocknete. Mit dem Handtuch locker um die Hüfte gewickelt trottete er, mit den Schlafkleidern unter dem Arm, ins Schlafzimmer und suchte sich ein Outfit zusammen. Es bestand aus einer schwarzen Hose und einem dunkelgrauen T-shirt mit schwarzem 'Fuck you'-Aufdruck. Akiras Kette mit dem signierten Plektron, die blutige Münze, Armbänder, und schwarze Stiefel mit Schnallen komplettierten das. Angezogen ging er zu Akira.
„Warum machst du so früh sauber? Konntest du nicht schlafen?“
„Nein. Ich war nicht mehr müde.“ Er brachte seine Utensilien gerade in die Küche, um dort weiterzumachen. Er musterte Kei. „No rest for the wicked,“ erklärte er schulterzuckend.
Kei gab ein zustimmendes „Hmm“ von sich, als er seine Haare trocknete. Danach rückte er ihnen mit dem Glätteisen zu Leibe. Immerhin wollte er was hermachen, wenn er sich schon vor der gesamten Schule auf eine Bühne stellte.
Akira sortierte währenddessen den Inhalt des Kühlschranks. Da das nicht viel war, war er damit schnell fertig und ging selbst ins Badezimmer. Seine eigene Dusche fiel kurz und effizient aus und das Trocknen seiner Haare bestand aus einem gleichgültigen Handtuchrubbeln. Er sah Kei ein bisschen zu. Faszinierend, wie eitel der Wahnsinnige war.
Als er fertig und zufrieden war, drehte er sich in Richtung Akira. Seine Haare waren ein bisschen toupiert.
„Fertig,“ verkündete er.
Mit einem leichten Schmunzeln betrachtete Akira ihn von dem Badewannenrand aus, auf dem er saß. Dasselbe Handtuch, das Kei benutzt hatte, hatte er selbst zum Abtrocknen benutzt und sich um die Hüfte gewickelt.
„Tadellos,“ kommentierte er.
Kei betrachtete Akira ungeniert. „Ich weiß,“ sagte er grinsend.
„Wie bescheiden.“ Akira grinste. Er stand auf und streckte eine Hand nach Keis Haaren aus...
Kei schaute ihn skeptisch an. Als wollte er sagen: ‚Anfassen okay, zerstören nicht so.‘
Akira biss sich auf die Lippe, aber konnte sein dreckiges Grinsen nicht zurückhalten, als er auf Keis Kunstwerk herumpatschte.
„Arschloch,“ gab Kei trocken von sich und zupfte einfach ein paar mal an seinen Haaren und sie saßen wieder. Akira markierte ein mitleidiges Gesicht und streichelte Kei über die Wange. Seine eigenen Haare hingen ihm in wilden feuchten Locken auf den Schultern.
Kei machte ein „Pfff“-Geräusch und küsste den Kleineren. Grinsend erwiderte der den Kuss, wobei er Kei zärtlich und leicht auf die Unterlippe biss. Der Vampir hatten ebenso ein Grinsen auf den Lippen, ein leichtes, als er einen Arm um Akira legte.
„Warum machst du dir die Mühe? Du wärst auch mit Fettsträhnen sexy.“ Das letzte Wort zog er lang, indem er die Brauen hochzog und mit einer Handgeste der ultimativen Geschmeidigkeit abwinkte.
Kei lachte ein bisschen. „Ne,“ erwiderte er knapp.
Akira blinzelte. „Wetten?“ Er tippte Kei auf die Brust. „Ich werde das beurteilen, und mein Urteil daran messen, wie scharf ich auf dich bin. Einverstanden?“
„Okay, aber dafür musst du mich erst mit fettigen Haaren erwischen, ein äußerst schweres Unterfangen.“
„Ach, kein Problem, ich hole eben das Öl aus der Küche-“ Er ging los.
„Nein, heb dir das für nen anderen Tag auf.“
„Na gut, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.“
„Einverstanden.“
Akira verließ trotzdem das Badezimmer. Kei ging ihm nach, da er da drin fertig war. Er zog sich selbst an, in simplen schwarzen Jeans und Sweatshirt, und fuhr sich mit den Fingern durch die feuchten Haare.
„Musst du jetzt gehen?“
„Noch nicht, in ner Stunde.“
„Ich kann mich heute abend vor dem Konzert beim Fahrradschuppen verstecken,“ schlug Akira vor. Von dort könnte Kei ihn abholen, falls er einen Weg gefunden haben sollte, ihn ins Gebäude zu schmuggeln. Oder ihn nur treffen um ihm zu sagen, dass es nicht ging.
„Das ist ne gute Idee. Ich hol dich dann da ab.“
Er nickte. Dann fiel ihm etwas ein.
„Kommt der Rest von Rood damit klar, dass du so lange weg warst?“
„Ja, ich hab ihnen was von privaten Problemen erzählt und dann waren sie alle einverstanden mich nur selten oder gar nicht zu sehen.“
„Wie war das eigentlich...“ begann Akira, „in der Schule, als ich ... tot war?“
„Ich war nicht oft da, aber deine Freunde waren sehr traurig und einige haben spekuliert wie du wohl zu Tode kamst. In einer Theorie hatte ich dich auf dem Gewissen.“
Das brachte Akira zum Schmunzeln. Das Gegenteil war der Fall. Womöglich bin ich nur deinetwegen zurückgekommen.
„Was diesen Ryuji und seine Leute angeht. Warten wir jetzt einfach nur?“
„Erstmal ja. Das wird aber nicht lange dauern, bis er Chaos stiftet und dann lern besser auch schießen. Es wird nützlich.“
Ich will nicht. „Und Yukio. Soll ich wieder hin?“
„Jetzt könnte das interessant sein, meinst du nicht? Eine Herausforderung, für ihn. Er kann dir vieles an Technik beibringen, wissen musst du das letztendlich selbst.“
„Ist er damit einverstanden?“ Akira wollte den Meister nicht uneingeladen in Anspruch nehmen, und bezahlen konnte er ihn nicht.
„Ja. er findet immer Zeit. Für ihn ist das Trainieren von anderen mehr ein Hobby. Er trainiert die meiste Zeit allein.“ Yukio hatte Kei mal gesteckt, dass er oder Bekannte immer mal bei ihm anklopfen konnten. Ausrauben lassen würde er sich immerhin nicht.
„Dann wäre es in Ordnung, wenn ich heute unangemeldet zu ihm ginge?“
„Ja, das kannst du machen. Es kann aber sein, dass du ihn suchen musst. Irgendwo auf dem verwinkelten Grundstück wirst du ihn aber finden.“
Akira lächelte. Kei erwiderte das Lächeln leicht.
„So, ich muss bald los. Es ist gleich halb acht.“
„Das war noch keine Stunde,“ meldete Akira stirnrunzelnd an. Er ging auf Kei zu und zog sich dabei einen Ärmel hoch.
„Ich sagte ja auch nicht ‚jetzt‘,“ kommentierte der gut gelaunt. Akira nickte entschlossen.
„Genau, denn jetzt gibt es erstmal Frühstück.“ Er zeigte Kei seinen Unterarm. Kei grinste und griff nach Akiras Handgelenk. Mit Leichtigkeit biss er ihm in die Venen unter der Haut. Akira ballte die Faust und zeigte außer einer leichten Veränderung seines Gesichtsausdrucks keine Reaktion auf den Schmerz. Der wich ohnehin nach wenigen Sekunden allmählich einem wohligen, weichen Kribbeln. Er seufzte leise.
Kei hatte ein leichtes, für Akira nicht zu sehendes Lächeln im Gesicht und erleichterte seinen Freund gemächlich um ein großes Glas Blut. Akiras Hand entspannte sich, wie der Rest seines Körpers, und ein glückseliges Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Als Kei wieder von ihm abließ hatte er einen ähnlichen Gesichtsausdruck wie Akira. Zufrieden lächelnd sah er ihn an, als er sich mit einem Finger das Blut aus dem Gesicht zu wischen gedachte. Benebelt sah Akira dabei zu und leckte sich die Lippen, ohne es zu merken. Kei küsste den Kleineren, noch immer klebte ihm ein bisschen Blut am Mund. Akira leckte es ihm sachte ab und legte ihm den blutenden Arm auf die Schulter.
„Wenn du eins deiner Opfer am Leben ließest, würde es sich bei dir bedanken. Nicht für das Leben, sondern für das hier,“ flüsterte er.
„Es liegt mir leider fern, so vielen einen Gefallen zu tun,“ erwiderte Kei lächelnd. Colins Blut versaute sein Shirt aber er befand das für in Ordnung. Verspätet hob Akira seinen Arm und hielt ihn auf dessen Schulter etwas hinter Kei hoch, als Vorwand dafür, noch dichter an ihn heranzutreten.
„Die Menschen würden danach süchtig werden,“ murmelte er.
Kei grinste. „Das würden sie aber auch nicht überleben.“
„Warum nicht? Soweit ich das beurteilen kann, könnte es unsterblich machen.“ Er schmunzelte verträumt.
„Ich würd sie vorher umbringen.“

Nachdem Kei in der Schule und dem kleinen Musikraum im Keller des Gebäudes angekommen war - seine Gitarre hatte er mitgenommen - fingen sie zügig mit den Proben an. Es gab doch mehr durchzugehen als gedacht. Die Setlist für den Abend entstand sehr spontan. Jeder warf zwei Songs in den Raum und die kamen darauf, fertig. Gegen ein Uhr am Nachmittag machten sie Mittagspause. Kei ging nach draußen und sah sich die Aula an, die schon für alles vorbereitet war. Ein paar Schüler hielten dort ihre Generalprobe ab, Keis Lieblingslehrerin beaufsichtigte die Meute. Frau Hasegawa.
Shingo entdeckte Kei und wandte sich etwas nachdenklicher wieder seiner Arbeit zu - dem Bekleben von Stoffbahnen mit Klettstreifen am Bühnenrand - ehe er wieder zu ihm hinsah, als er zufällig näher gekommen war, und ihm grüßend zunickte. Kei grüßte nonverbal zurück. Frau Hasegawa warf ihm einen missbilligenden Blick zu, da er dort gerade nichts zu suchen hatte, und sie wusste, dass er nicht im Sinn hatte ihr zur Hand zu gehen (oder einem der anderen). Der Vampir ignorierte die Lehrkraft gekonnt. Sie wurde bald von ihm abgelenkt, indem eine junge Lehrerin und zwei Schüler sie auf irgendetwas organisatorisches ansprachen. Genervt ließ sie sich darauf ein. Shingo fuhr damit fort, die kurzen Vorhänge zu bekleben und den ersten an dem Ende der Bühnenkante zu befestigen, vor dem er stand.
„Sakai,“ sagte er.
Kei wollte gerade wieder verschwinden. „Ja?“
„Hast du ein Foto von Colin?“
Kei dachte kurz an die ihm zugeschickten vom misshandelten, halbtoten Colin. „Nein.“
„Er war noch nicht lange bei uns, darum gibt es keine Schulfotos mit ihm. Und wir wollen heute eins hier aufstellen,“ erklärte Shingo, während er den Vorhang der Länge nach mit dem Klettverschluss festdrückte. „Kannst du an eins kommen?“
„Ich kann mal schauen, ja.“ sagte er und dachte nach. Akira anrufen...
Shingo nickte trübsinnig.
Kei ging mal eben nach draußen und machte einen Satz aufs Dach, wo er sich setzte und Akira anrief, wozu er, hoffend dass der zuhause war, einfach seine eigene, selten genutzte Festnetznummer wählte.
Als das Telefon klingelte, sah Akira erschrocken vom Wäschekorb auf. Es war ihm völlig entgangen, dass es existierte. Er horchte erst auf das Klingeln und ging ihm nach, bis er unschlüssig vor dem Apparat stand und ihn ansah. Es war am klügsten, nicht dranzugehen. Also ließ er es bleiben. Er faltete weiter Wäsche zusammen.
Kei legte auf und versuchte es noch einmal.
Was, wenn es Kei war? Das Telefon hatte bisher nicht geklingelt, und Kei wurde immer auf seiner Mobilnummer angerufen. Unsicher ging Akira zum Telefon zurück und nahm den Hörer ab.
„...“
„Ich bin's,“ sagte Kei und fügte hinzu: „Wir haben, also eher ich, habe ein kleines Problem.“
Akira räusperte sich. „... Ein kleines Problem,“ wiederholte er intelligent.
„Ja, Shingo hätte gern ein Bild von Colin. Zum Aufstellen in der Schule für's Konzert.“
„... Und was ist das Problem?“ Akira sah keines.
„Ich hab keins. Das ist das Problem, hast du eins?“
„Hat denn keiner von euch Zugang zum Internet?“ Akira konnte nicht umhin, genervt die Augen zu rollen. „Da sucht ihr einfach nach ‚Colin Hammerer‘ und sucht euch was aus.“ Wenn ich bedenke, dass ich Angst davor hatte, ans Telefon zu gehen...
Kei musste lachen. „Ich werd's Shingo ausrichten.“
Akira grinste selbst. „Zwischen euch Intelligenzbestien kann es einem schwerfallen, die Nerven zu behalten.“
„Ich dich auch. Idiot,“ sagte Kei dazu und legte auf, hüpfte vom Dach und ging wieder durch die Aula. Als er an Shingo vorbeikam, sagte er: „Murata, versuchs mit googlen,“ und ging weiter. Shingo blickte ertappt drein und fuhr mit seiner Arbeit fort. Kei ging zu seinen Jungs zurück, wo weiter geprobt wurde.

Am Nachmittag machte Akira sich auf Umwegen auf den Weg zur Schule und schlich sich hinter den Fahrradschuppen, wo er sich mit einem Buch hinsetzte und wartete.
Gegen fünf Uhr kam Kei nach draußen und hatte Akira schnell gefunden.
„Hey. Also, die Aula hat einen Nebeneingang mit guter Sicht zur Bühne, der wird aber nur genutzt um dort Technik hinzustellen. Da die gesamte Aufmerksamkeit nach vorn gerichtet ist, ist man da quasi unsichtbar,“ erklärte Kei. Akira steckte sich das dünne Buch in eine hintere Hosentasche und nahm seine Kapuze ab.
„Wenn da Technikkrempel herumsteht, kommen dann nicht immer wieder Leute dahin um nach dem Rechten zu sehen?“ gab er zu Bedenken.
„Nein, da stehen Kabelrollen und ein großer Ersatzverstärker, nichts, was überprüft werden müsste.“
„Gut.“ Akira nickte. Dann lächelte er selbstgefällig. „Habt ihr das mit dem Foto hingekriegt?“
„Ich hab nicht nachgeschaut, ich trau‘s Shingo aber zu.“ Solange er nicht auch noch ne Rede hält...
„Da lehnst du dich aber weit aus dem Fenster,“ mahnte Akira, „In punkto Hirnschmalz macht er dir nämlich ernsthafte Konkurrenz.“
„Und ich dachte, das wäre unmöglich, so'n Mist.“
Akira stützte sein Kinn nachdenklich auf eine Hand und betrachtete Kei. „Dass man auf Blödheit stolz sein kann...“
„Pff.“
Akira schmunzelte.
„Lass uns reingehen. Drinnen herscht das totale Chaos bis dann mal alle ihren Platz gefunden haben.“
„Gut.“ Akira stand auf und küsste Kei sanft. Kei erwiderte den Kuss kurz und grinste leicht. Aus seiner Tasche zog er eine Flasche Whiskey.
„Auf einen gelungenen Abend.“
„Der hat doch noch nicht mal angefangen.“
„Nein, aber wenn er es tut haben wir keine Gelegenheit mehr drauf anzustoßen.“
Akira grinste. Kei kramte aus seiner Tasche noch zwei Gläser, und es waren tatsächlich Gläser, hervor, die er von den Vorbereitungen hatte mitgehen lassen und hielt Akira eines davon hin. Der nahm es beeindruckt entgegen.
„Hast du da drin noch eine Eismaschine versteckt?“
„Nein. So groß ist meine Tasche nicht.“ Er grinste bei der Vorstellung mit einer Eismaschine in der Tasche herumzulaufen.
„Macht nichts. Es ist kalt genug.“
Daraufhin grinste Kei ein wenig. „Vielleicht wäre ein vermeintlich wärmendes Getränk jetzt das Richtige.“
„‚Vermeintlich‘ wärmend trifft auf harten Alkohol zu, also her damit.“
Kei füllte behutsam Akiras Glas und danach sein eigenes.
„Wirst du eigentlich noch betrunken?“
Akira zog sein Glas leicht zitternd zu sich, als er unwillkürlich an die Neujahrsnacht mit seiner zweiten Menschenmahlzeit dachte.
„... Ja.“ Es war nicht nur Alkohol gewesen, aber der hatte auch eine Rolle gespielt.
Kei fand das interesant, untot konnte er also nicht sein. Schließlich brauchte er Nahrung und Alkohol machte ihn betrunken. Er nickte. „Damit scheidet untot aus,“ sagte er beiläufug.
„Das wäre außerdem, wissenschaftlich gesehen, ein Ding der Unmöglichkeit.“ Er hob das Glas. „Auf dass der Abend und so weiter. May you rock all their bloomers off.“
„Auf dass der Abend und so weiter,“ wiederholte Kei und prostete dem Kleineren zu, ehe er sein Glas halb leerte. Akira trank nur ein paar kleine Schlucke, nach denen er jedesmal ein bisschen das Gesicht verzog. Hauptsächlich sah er Kei an. Es würde ihn nicht wundern, wenn er in ein paar Jahren als Rockstar durch die Welt tourte - die Haltung und Ausstrahlung dafür hatte er schon drauf. Kei musterte ihn schmunzelnd, als er sein Glas ganz leer trank.
„So, lass uns reingehen. Sonst verpassen wir den besten Teil.“
Akira machte ein erschrockenes Gesicht. „Du hast nicht vor dich auszuziehen, oder?!“
Jetzt lachte Kei. „Eh nein. Tut mir Leid wenn ich deine Hoffnungen entäuschen muss.“
Akira gab Kei das endlich leere Glas zurück. „Hoffnungen? Nein, ich bin erleichtert. Die Erwähnung eines ‚besten Teils‘ hat mich nur auf eine falsche Fährte gelockt.“
Kei lachte ein bisschen als er das Gebäude ansteuerte. Akira ging mit ihm und setzte sich dabei wieder die Kapuze auf, die er sich tief ins Gesicht zog. Bei dem Seiteneingang spinxte er vorsichtig durch den Türspalt. Kei folgte ihm unauffällig und navigierte ihn zum sicheren Platz am Nebeneigang (einem von vielen). Akira fand eine Plastikkiste hinter einer praktischen Wand von größeren schwarzen Kisten, nahm eine Kabelrolle von ihr herunter und setzte sich drauf. Kei küsste ihn kurz ehe er hinter die Bühne verschwand. RooD waren nicht als erste dran, weshalb Kei noch ein bisschen Zeit hatte. Die Schulleitung hatte darauf bestanden mit etwas besinnlicherer Musik anzufangen.
Tatsächlich begann der Schulchor, von Frau Hasegawa dirigiert, mit zwei klassischen japanischen Liedern. Als er ein paar Zuschauer im Publikum gähnen sah, schmunzelte Akira. Ich habs doch gesagt.
Kei stimmte hinter der Bühne seine schwarze Gitarre, die keinerlei Musterung aufwies und hörte dem Chor zu. Soll das ne Trauerveranstaltung werden?
Als der Chor fertig war, wurde brav geklatscht, die Sänger verbeugten sich und Frau Hasegawa scheuchte sie von der Bühne, die nun der Schulleiter betrat, um eine kurze Willkommensansprache zu halten. Dabei erwähnte er Colin und deutete auf das gerahmte Foto, das besagten Jungen salutierend, mit Geige in der Hand und im traditionellen Kilt zeigte, welches Shingo zuverlässig ausgedruckt und mit einer Blumenschale auf den Konzertflügel auf einer Seite der Bühne gestellt hatte.
Danach sagte er ‚Raised out of dirt‘ an, was er so miserabel undeutlich aussprach, dass ein Junge im Publikum „Rood!“ rief.
Der Ruf wurde von den um ihn herum sitzenden Schülern aufgenommen und wiederholt.
„Rood!“
„Sag einfach Rood!“
Verlegen nickte der Schulleiter und sagte lächelnd ins Mikrofon:
„Rood,“ und ging von der Bühne.
Kei grinste, er und Saki stürmten die nicht allzu große Bühne als erste. Kei spielte ein kleines improvisiertes Intro während die anderen ihre Plätz einnahmen.
Sie begannen mit einem schnellen spaßigen Song und Saki animierte die Schüler zum Mitspringen. Von Ordnung war in der Aula nach zwei Minuten keine Spur mehr. Akira hielt sich vom Aufspringen und Pfeifen zurück und legte nur die Arme und das Kinn grinsend auf die große Kiste vor ihm und sah begeistert zu.
Um den nächsten Song anzuspielen, hatten sich alle um Tamas Drumset versammelt. Die Lichter gingen aus bis Aoi und Kei anfingen abwechselnd ein paar Akkorde zu spielen. Saki wurde beleuchtet, der so langsam, dass er fast nur sprach, die Zeilen von sich gab. Im nächsten Moment gaben Tama und Kenji noch was dazu und das Ganze wurde wieder schnell.
Haa... die können was! dachte Akira glücklich. Schade, dass ich nicht unterwegs noch bei einem Unterwäscheautomaten war.
Er entdeckte zwischen den Schülern, die sich zwischen den Stühlen und vor der Bühne drängten, auch ein paar Lehrer und Eltern und grinste.
Saki liebte Abwechslung und so kam es, dass der dritte Song ein sehr ruhiger war, angestrahlt wurden nur er und die beiden Gitarristen abwechselnd. Sie hatten geschlossen abgelehnt, etwas trauerfeieriges zu spielen, aber etwas ruhiges war drin. Während dieses Liedes setzten sich einige Zuschauer wieder hin, wenn auch nicht alle auf ihre angestammten Plätze, und die junge Lehrerin, die am Nachmittag mit ihrem Klemmbrett unterwegs gewesen war, hatte die Arme um einen Schüler und eine Schülerin gelegt. Sie wankten lächelnd hin und her und Akira musste fast laut lachen, als er das sah. Frau Hasegawa entdeckte er nicht. Die stand wahrscheinlich irgendwo hinter der Bühne.
Gegen Ende des Liedes nahm Kei seinem Sänger das Mikro weg und ließ ein tiefes Growlen hören, als Aoi und Tama den nächsten Song anstimmten. Saki schrie in das ihm zurückgegebene Mikro und die beiden Gitarristen quälten ihre Instrumente.
Die Schüler vor der Bühne sprangen wieder los und einige schlugen mit den flachen Händen vorn auf die Bühne, was dazu führte, dass sich Shingos sorgfältig angeklebter Vorhang löste und teilweise herunterrutschte. Einige Zuschauer guckten erschrocken, hielten sich die Ohren zu und ein paar der Eltern verließen unauffällig die Aula. Akira kam aus dem Grinsen nicht heraus.
Saki, Kei und co. gaben ihr dunkles Werk zum besten, das da hieß ‚The End Of Everything‘. Der semiverständliche Text handelte von einem psychisch getörten Kind, das mit Freude seine Familie massakriert. Diesen Song zu spielen war Keis Idee gewesen. Während Akira zuhörte, gefror sein Grinsen allmählich.
Was als nächstes kam, war etwas positiv gespieltes, auch wenn der Text, der keinen Titel hatte, ein Rückblick auf Keis Vergangenheit war. Der Song bestand aus viel Herumspringerei, was den Text abmilderte, der in erster Linie eine Botschaft war, eine Rachebotschaft, die aber so geschrieben war, dass sie auch als Aufruf zur Anarchie verstanden werden konnte. Akira fühlte sich nun alles andere als glücklich, hörte dafür aber weiter aufmerksam auf den Text.
Irgendwann waren sie beim letzen Song für diesen einen Abend angekommen. „Als Letztes möchten wir einen Song spielen, den wir dem traurigen Ereignis gewidmet haben, das dieser Feier vorangegangen ist,“ begann Saki und gab Kei das Mikro.
„Es ist nichts Trauriges...“ führte er fort, „Es hat nicht mal einen Titel, aber ich hoffe du magst es trotzdem.“
Er gab Saki das Mikro zurück und sie spielten einen lauten spaßigen Song voller Leben. Die Lichter waren bunt und genauso wild wie die Gitarren, denen sie folgen sollten. Akira wurde ein bisschen rot, als er wieder die Arme und den Kopf auf die Kiste legte, um richtig zuzusehen. Es war sowas ähnliches wie ein Liebeslied, Saki und Kei teilten sich die Vocals. Währenddessen vergewaltigte Kei artig seine Gitarre weiter und alberte ein bisschen mit Aoi und Kenji herum.
Sein Grinsen kehrte nicht zurück, dafür biss Akira sich großzügig auf die Zunge, während er zusah. Was musste der da oben so auf Tuchfühlung gehen?
Kei beließ es beim spielerischen Anfassen seiner Kollegen, immerhin hattte er noch eine Gitarre zu spielen. Die anderen ließen ihn auch bald wieder in Ruhe und zusammen ließen sie den Song ruhig ausklingen.
Am Ende wurde geklatscht und ein bisschen gepfiffen und gejubelt. Einige Gesichter drückten Verständnislosigkeit darüber aus, was dieses Stück mit dem Tod eines Mitschülers zu tun haben sollte, aber sie lächelten trotzdem.
Akira selbst klatschte zwar nicht laut, um nicht auf sich aufmerksam zu machen, deutete aber Applaus in Gebärdensprache an und hoffte, dass höchstens Kei ihn dabei sehen konnte, wenn er in seine Richtung sah.
Schüchtern kam der Schulleiter auf die Bühne zurück.
Kei schaute tatsächlich kurz in Akiras Richtung und lächelte leicht, was da hieß ‚Ich seh dich.‘
Saki grinste den Schulleiter an.
In sein Mikrofon sagte der Direktor seinen Dank an „... Rood,“ ehe er auf seinen kleinen Zettel blickte und den nächsten Auftritt ansagte: Eine Musicalnummer.
Kei verschwand mit seinen Kollegen, nachdem sie sich alle brav bedankt hatten, hinter der Bühne und kam kurz darauf ohne Gitarre zu Akira, unauffällig versteht sich.
Akira drehte sich zu ihm um, während sie da auf der Bühne in Glitzerkostümen herumhüpften.
„Ja,“ sagte er und lächelte.
„Ja, was?“ fragte Kei grinsend.
„Ja, ich mags.“
Kei grinste noch immer. „Willst du dir die Glitzershow noch ansehen oder wollen wir den Abend ausnutzen?“
„Ausnutzen,“ bestimmte Akira und stand auf.
„Hinterausgang. Es ist grad kein Lehrer hinter der Bühne.“
„Ich folge dir.“ Ich kleb mich einfach an deinen Hintern.
Kei ging vor und führte Akira durch die Gänge hinter der Bühne zu einem anderen Hintereingang als den, den sie hereingekommen waren. Seine Gitarre sammelte er dabei noch ein.


Tuesday, October 6, 2015

Krokodil



Ilja

Ein feiner Kratzer zieht sich über meinen Unterarm. Er ist knapp sechs Zentimeter lang, und wenn man ganz genau hinsieht, erkennt man winzige Schorfpunkte darauf. Das war die Katze Tamara. Ich nenne sie Katze, weil es zu ihr passt. Ich bin das Krokodil. Niemand nennt mich so, aber ich finde, dass ich ein Krokodil bin.
Mir die Menschen als Tiere vorzustellen, hilft mir dabei, mit ihnen umzugehen. Ich muss mir nicht einmal Mühe dabei geben, sie einem Tier zuzuordnen. Das passiert ganz von allein.
Tamara ist eine Katze, weil sie schnurrt und miaut wenn sie spricht, und sich geschmeidig bewegt.
Ich bin ein Krokodil, weil ich unauffällig bin. Meistens treibe ich und beobachte nur. Aber wenn ich ein Ziel habe, bin ich schnell und konsequent dabei, es zu erreichen. Viele Ziele habe ich allerdings bisher noch nicht gehabt.
Tamara ist seit der Grundschule meine Freundin gewesen, oder sowas ähnliches. Wir sind jetzt immer noch in derselben Klasse, aber beschäftigen uns in der Schule eigentlich nicht miteinander. Wir fahren nur zusammen hin und zurück und machen manchmal zusammen Hausaufgaben. Unsere Mütter sind besser befreundet als wir.
Sie hat ihre Leute und ich habe meine. Es liegt wohl daran, dass wir nicht die gleichen Interessen haben. Außerdem mag sie mich wohl nicht so besonders. Sie macht sich über mich lustig und zieht in der Schule über mich her.
Bei der letzten Fahrt im Bus von der Schule nach Hause hat sie so getan, als wollte sie mich anbaggern oder so, und hat sich einfach meinen Arm gegriffen. Als ich ihn wegziehen wollte, hat sie sich daran festgekrallt und mich gekratzt.
„Die steht auf dich,“ behauptet Mirko mit hochgezogenen Augenbrauen. Er ist mein bester Kumpel, obwohl wir auch nicht viel gemeinsam haben. Ich mag ihn eben einfach.
Wir sitzen vor der Schule auf einer Banklehne und warten auf die anderen. Ich habe ihm gerade die Geschichte des Kratzers erzählt.
„Quatsch. Die will mich nur ärgern.“ Ich grinse. Mirko wirkt sehr ernst.
„Sie ärgert dich dauernd. Das ist doch offensichtlich. Dass sie auf dich steht.“
„Tse.“

Den ganzen Tag bleibt Mirko ernst und redet nicht viel. Beim Sport in den letzten beiden Stunden wird er dann sogar sauer, weil ich mich etwas rücksichtslos gebe.
„Hallo?! Das ist Badminton, kein Krieg!“ Er sammelt den Ball zum x-ten Mal auf und kommt nach vorne zum Netz. Es sind heute nicht so viele Leute hier, weil die siebte und achte Stunde natürlich nicht so populär sind. Wir sind nur zu zwölft und haben zwei Sporthallen zur Verfügung. Vier Paare spielen hier in der großen Halle, und zwei in der kleineren. Auf dem Feld hinter mir spielen Tamara und Pinar.
Weil wir so wenige sind, ist es relativ ruhig. Mirko winkt mich mit einem genervten Blick zu sich ans Netz.
„Tamara kann dich sowieso nicht sehen, sie steht mit dem Rücken zu dir. Du brauchst dich also gar nicht so zu verausgaben.“
Ich brauche ein paar Sekunden, bis ich darauf antworten kann. Die Bemerkung macht mich nämlich irgendwie verlegen. Dabei habe ich gar nicht an Tamara gedacht. Sport macht mir einfach Spaß, und das weiß er.
„Äh. Unfug. Ich verausgabe mich nicht. Du kannst nur nicht spielen.“ Das war scherzhaft gemeint, obwohl es die Wahrheit ist. Heute spielt er wirklich noch viel schlechter als sonst. Aber er rollt nur mit den Augen.
„Das weiß ich selbst. Könntest du wohl trotzdem so spielen, dass ich den Ball mal kriege?“ Er klingt sehr angepisst, als er das sagt, und geht an seinen Platz zurück. Vor seinem Aufschlag wirft er mir noch einen Na-was-ist-Blick zu. Ich nicke und spiele etwas sozialer.

„Hast du Bock, noch irgendwas zu machen? Oder musst du dringend nach Hause?“
Ich wäre liebend gern zum Duschen und Essen nach Hause gefahren, aber ich habe das dumpfe Gefühl, dass Mirko irgendein ernsteres Problem hat. Er macht so einen besorgten Eindruck. Und er sieht ziemlich viel auf den Boden.
„Klar, wenn ich vorher duschen darf.“
„Dann sieh zu, dass du deinen Bus kriegst.“ Er zeigt zur Haltestelle, an der Tamara steht. Wir sehen beide kurz hin, als sie sich eine Kippe anzündet.
„Kann ich nicht bei dir duschen? Das ginge schneller.“
Irgendwas passiert mit seinem Gesicht.
„Um. Also wenn das nicht geht-“
„Doch, klar!“
„Du machst aber ein sehr geschocktes Gesicht.“
„Hehe.“ Jetzt serviert er mir ein falsches Grinsen, das ich ihm nicht abkaufe.

Mirkos Mutter ist 100%-Hausfrau. Darum gibt es immer genau dann Mittagessen, wenn er aus der Schule kommt. Außerdem kocht sie fast nur asiatische Sachen, weil sie aus Thailand kommt. Sie mag mich anscheinend und hat kein Problem damit, dass Mirko mich mitgebracht hat, ohne zu fragen. Mirko darf irgendwie viel. Er hat auch einen eigenen Fernseher mit Flachbildschirm, eine PS2 und eine Wii-Konsole. Damit beschäftigen wir uns meistens, wenn wir bei ihm sind. Bei mir gibt es nur den PC. Einen sehr guten, wohlgemerkt, aber ich habe eben keine anderen Konsolen.
Mirko lässt mich zuerst duschen. Während er im Badezimmer ist, spiele ich ein bisschen Dark Alliance. Er hat nur Fantasyspiele.
„Alter, hast du kalt geduscht?! Ich hatte ganz lange heißes Wasser!“
„Du hast echt lang gebraucht, Warmduscher.“ Ich grinse.
Erleichtert stelle ich fest, dass er auch wieder gute Laune zu haben scheint.
„Halt die Fresse.“
Ich pausiere das Spiel, weil er ein paarmal vor dem Fernseher hin- und hergeht, während er sich anzieht.
„Machst du das, um mich abzulenken?“
„Ja.“ Er zwinkert. „Was ist jetzt mit Tamara?“
„Grunz. Sie will nichts von mir. Ich will nichts von ihr!“
„Sicher?“
„Ja! Bitte, nimm du sie, ich will sie nicht!“
Auf einmal fängt er an zu lachen.
„Gut! Lass zocken.“

Mirko ist übrigens ein Zwergotter. Jeder mag ihn, er spielt viel und ist meistens lustig, und außerdem sieht er ganz gut aus. So wie im Zoo alle verzückt juchzen, wenn sie die Zwergotter beobachten, und „Wie süüß!“ quietschen, so finden fast alle Mädchen Mirkos Gesicht und seine joviale Art „süß“. Wie Mädchen halt jemanden finden.
Darum hatte ich auch erst keine Zweifel, dass es nicht lange dauern würde, bis er sich Tamara angelt. Aber das ist irgendwie nie passiert.
Als wir einmal bei ihm hocken und Skelette vermöbeln, fällt mir das auf, weil seine Minirockelfe ein wenig an Tamara erinnert.
„Was ist jetzt mit Tamara?“
„Hä?“
„Du hast gar nichts bei ihr versucht.“
„Hä?!“ Er pausiert das Spiel, gerade als mein Zauber alles plattmachen sollte, und sieht mich ziemlich schräg an.
„Was soll ich bitte mit Tamara?!“
„Em. Das was man so mit Frauen macht.“
Er stiert immer noch schief in meine Richtung. Nach einer seltsamen Pause sagt er in einem scharfen Tonfall:
„Ich habe kein Interesse an Tamara.“
„Aber warst du nicht eifersüchtig, als du dach-“ auf einmal kracht und blitzt es im Fernseher, als mein Zauber auf die Untoten niederdonnert. Ich zucke kurz zusammen und werde von nun an ignoriert.
Bis etwa eine halbe Stunde vergangen ist – wir können das gut, uns anschweigen – und ich meinen Magier durch eine Unachtsamkeit umbringe.
„Lazarus!“
„Entschuldigung!“
Ich heiße Ilja, nicht Lazarus, aber jemand fand es mal lustig, mich so zu nennen, weil mein Nachname mit La anfängt und mein Vorname russisch ist. Keine Sau kapiert den Witz, aber das ist egal. Mittlerweile heiße ich seit Jahren so, keiner muss wissen, wie dämlich der Grund dafür ist.
„Lazarus!! Naaaiin!! Aaaah!“ Schreiend lässt Mirko seine Elfe zwischen den Untoten hindurchsprinten und meinem Charakter in den Abgrund hinterherspringen.
Ich lache fast so laut wie er schreit, als er seinen Controller wegwirft und mit ausgestreckten Armen seitlich zu mir herüberkippt.
„Lazarus! Warte! Ich rette dich!!“
„Haha, was tust du, wir haben nicht gespeichert!“
„Ultimate Suicide!“
Ich fange ihn auf, bevor er auf mir landet und setze ihn wieder auf. Mit etwas ernsterem Gesicht räuspert er sich.
„Ähem. Das war eine dumme Aktion.“
„Ich weiß, entschuldige!“
„Du hättest einfach unsichtbar bleiben sollen, dann wäre dir nichts passiert.“ Das sagt er leise und seufzend, indem er mich ernst anstarrt. Und indem er meine Haare hinter meine Ohren steckt!
„Sieht gut aus. Lass sie weiter wachsen.“
Was zur Hölle?!
Er räuspert sich wieder und hebt seinen Controller auf. „Wir müssen die Gruft jetzt nochmal ganz durchspielen. Aber diesmal speichern wir.“
„Klar. Dann kann deine Elfe ihrem geliebten Lazarus jederzeit in den Tod hinterherspringen.“
„Genau,“ er grinst. Ich beobachte ihn jetzt ganz genau. Zumindest, bis er das Level neu gestartet hat.

Mirko hat manchmal genau dann schlechte Laune, wenn ich über die Katze rede. Seit ihrem Kratzer ist mir das aufgefallen, und jetzt achte ich eben darauf. Ich will sowas überhaupt nicht bemerken, darum spreche ich nicht mehr viel über sie, wenn ich mit ihm allein bin. Was übrigens nicht mehr so oft vorkommt. Ich will nicht, dass er in meinen Augen seltsam wird, weil er eigenartige Stimmungsschwankungen hat, darum bin ich in gewohnte Gewässer abgetaucht. Wir gammeln jetzt mehr mit unseren Freunden herum. Ich hasse es eigentlich, mit zu vielen Menschen auf einmal zu kommunizieren, aber das ist mir lieber, als mit einem einzelnen unberechenbaren Zwergotter umgehen zu müssen. Ehrlich, es ist viel einfacher. Nur mit ihm stundenlang irgendwo zu hocken, ohne zu reden, oder zu zweit nachts durch die Stadt zu wandern, ist zwar sehr viel cooler, aber so ist es einfacher.

Der Luchs Biermann hat uns eben verlassen, jetzt sitzen Mirko und ich allein im nächtlichen Park auf dem Skateplatz und verrauchen das Gras, das er uns dagelassen hat. Beim Skaten hatte er am Nachmittag mal wieder seine Raubtierreflexe zur Schau gestellt und war, geschmeidig wie immer, bei einem der Mädchen erfolgreich gewesen. Mir tut es ein bisschen für die Mädchen leid, die immer wieder auf ihn hereinfallen, aber sie müssen selbst wissen, was gut für sie ist. Solange mir der Kater vor lauter guter Laune seine restlichen Drogen überlässt, wenn er jemanden abschleppt, kann er ruhig so weitermachen.
„Mirko. Hattest du mal ne Freundin?“
Er legt sich auf den Rücken und verschränkt einen Arm hinter dem Kopf. Nach einem langen, friedlichen Zug gibt er mir die Tüte.
„Nein, mein Freund.“
„Wieso nicht?“
„Weil mich Frauen nicht interessieren.“
„Ach. Okay.“ Ich muss mich am Kopf kratzen. Der Zwergotter interessiert sich nicht für Frauen, na sowas. „Hattest du dann mal einen Freund?“
„Du meinst, habe ich mal einen Typen gevögelt? Nein.“
Wir müssen plötzlich lachen.
„Wieso nicht? Oh scheiße.“
Er sieht mich an und lacht.
„Hehe, sie sind alle irgendwie nicht schwul.“
„Haha, das ist traurig.“
„Haha, ja.“
Er ist auf einmal kein Zwergotter mehr, sondern ein Elefant, der melancholisch durch das Gitter seines Geheges in den Himmel blickt und nicht weiß, wo seine Artgenossen sind.
„Ja. Das ist traurig,“ ich lege mich neben ihn und reiche ihm die Tüte.
So, und jetzt kommt mein erster Kuss mit einem Jungen. Ich bin hier der Initiator, und ich gebe zu, dass ich Mirko eigentlich nur antesten will.
Er ist die Beute, die ich auf dem Grund des Flusses herumrolle, um sie nur halb ertrunken in mein Futterlager zu stopfen.
Als ich ihn küsse, tut es mir sofort leid.
„Lass das. Hör auf.“ Er schiebt mich mit den Händen an meinen Schultern weg. Dann setzen wir uns sofort auf. „Was sollte das?“
„Weiß nicht.“
„Und, hat’s dir Spaß gemacht?“
„Ja. Entschuldige.“
„Arschloch.“ Kichernd gibt er mir den restlichen glimmenden Stummel.





„Laarmann, Lorenz und Nassar!“
Lazarus, Sina und ich gehen auf die drei Leinwände zu, die vor einer Wand der Sporthalle aufgebaut sind. Um sie herum stehen diese silbernen Schirme, die die Fotografen für das Licht brauchen.
Lazarus geht natürlich so langsam wie möglich auf den am weitesten entfernten Schirm zu.
Die meisten haben sich eben noch im Umkleideraum die Haare gekämmt und gegelt, und ein paar der Mädchen, wie ich sehe, haben sich sogar umgezogen. Lazarus hat sich natürlich geweigert, Hand an sein sorgfältig zerzaustes, wertvolles Haupthaar zu legen, und gemeint, dass sein Foto wenigstens repräsentativ sein sollte, wenn es schon so dringend gemacht werden müsse.
Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, ich mag seine wilden Haare, damit sieht er irre gut aus. Und ich finde es niedlich, wie er sich ziert. Habe ich das gerade gesagt? Hehe.
Jedenfalls findet unsere Lehrerin sein zögerliches Schleichen anscheinend nicht so sehenswert.
„Mach hin, Ilja, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!“
Er wirft ihr einen genervten Blick zu und lässt sich mit den Händen in den Hosentaschen auf seinen Hocker fallen. Es blitzt einmal kurz, und sein Fotograf ruft sofort:
„Jupp, das wars,“ und Lazarus steht lässig auf und geht gelangweilt zum Biermann hinüber, der auf einer dieser kleinen Bänke sitzt.
Auf einmal rufen mehrere Menschen gleichzeitig meinen Namen und der Fotograf vor mir winkt ungeduldig.
„Haaalloo! Hier spielt die Musik! Sollte ich besser Chinesisch sprechen, damit du mich verstehst?“
Arschloch.

Als ich mich zwischen Biermann und Lazarus setze, grinsen die beiden mich blöde an.
„Was hat dich denn so abgelenkt?“ fragt Biermann.
Ich sehe auf meine Knie, darum kann ich leider nicht Lazarus’ Gesichtsausdruck sehen, als er bemerkt:
„Dein Fotograf ist so ein Wichser.“
Ich nicke. Es tut gut, das aus seinem Mund zu hören.

Auf dem Weg zur Bushaltestelle fragt er:
„Sag, sprichst du eigentlich Thai – also was auch immer man in Thailand so spricht?“
Ich hab mich wohl verhört, also ziehe ich mir die Knöpfe aus den Ohren. Ich muss halt dauernd Gedudel im Hirn haben, sonst funktioniert es nicht richtig. Vielleicht habe ich ADS oder so, aber mit Musik läuft alles wie am Schnürchen.
„Thailand?“ Ich grinse ihn überrascht an.
Er bleibt stehen und schaut vorsichtig mit schiefgelegtem Kopf, was echt hübsch aussieht.
„Ja ...?“
Ich knuffe ihn in die Schulter.
„Meine Mutter kommt aus Taiwan, Mann! Taiwan!“
Jetzt sieht er furchtbar erschrocken aus.
„Oh! Entschuldige, das tut mir leid!“ Er legt eine Hand auf meine Schulter und entschuldigt sich noch ein paarmal. Und er meint das wirklich ernst, denn ich weiß, dass er überhaupt nicht schauspielern oder lügen kann, und das macht das Ganze doppelt witzig. Es tut ihm wirklich leid, sich geirrt zu haben, aber weil ich mich bloß darüber kaputtlache, blickt er etwas betreten drein.
„Wir haben früher viel Taiwanisch gesprochen, aber damit meine Mum richtig Deutsch lernen konnte, wollte sie irgendwann, dass wir beide uns nur noch auf Deutsch unterhalten.“
Er nickt.
„Ich kann mich ganz gut verständigen, aber ich kanns leider nicht gut schreiben.“
„Trotzdem cool.“
Ich wische meine Kopfhörer an meinem T-shirt ab und gebe sie ihm.
„Hier. Taiwan.“
Lazarus guckt ganz erwartungsvoll. Jetzt bekommt er S.H.E zu hören - bonbonbuntester, zuckersüßester Girlpop aus Taiwan.
Keine Ahnung, ob ihm das gefällt, er grinst nur schelmisch. Er hat leider keine Gelegenheit, viel mehr zu tun, weil sein Bus gerade kommt.
Der Bus hält, er legt mir die Kabel über die Schulter und wir verabschieden uns per Handschlag.
„Skatepark?“ frage ich.
Er nickt, „Bis nachher, Sportskanone.“
„Haha. Witzig!“ sage ich unlustig, als er grinsend einsteigt.
Lazarus skatet, spielt Fußball, Basketball, ist einer der besseren im Sportunterricht (während ich die absolute Niete bin), und geht sogar zum Spaß joggen! Ich kann mittlerweile auch ein paar Skateboardtricks, aber nichts Wildes. Das ist einfach nicht mein Fall. Meistens komme ich erst später in den Park, wenn es dunkel wird und die meisten Leute entweder nach Hause gehen oder höchstens noch zum Chillen bleiben.

Jetzt fragt man sich natürlich, was ich überhaupt da mache.
Bis vor Kurzem waren Ilja und ich fast immer bei mir und haben irgendwas gespielt.
Wie es gekommen ist, dass wir jetzt dauernd in diesem bepissten Park rumhängen, ist sehr einfach zu rekonstruieren.
Ilja hat was gemerkt, als ich einmal beim Spielen zu sehr auf Tuchfühlung gegangen bin, und will nicht mehr mit mir allein sein. Was ich wirklich verstehen kann. Es gefällt mir nicht, aber ich kanns nachvollziehen. Es klingt jedenfalls einleuchtend, dachte ich.
Aber dieser Kuss letztes Wochenende hat mich richtig aus der Bahn geworfen.
Ich weiß echt nicht mehr, was ich von ihm zu halten habe.

Rechtzeitig zu Sonnenuntergang komme ich auf dem Platz an. Ich hatte diesmal keine Lust, mein Alibiskateboard mitzubringen. Wäre sowieso albern gewesen. Ein paar Jungs, die den Park verlassen, kommen mir auf dem Weg entgegen.
Lazarus, Biermann und zwei andere sitzen oben auf einer der beiden Halfpipes. Sie sehen mich, aber ich weiß wegen meines mp3-Players nicht, ob sie mich verbal grüßen. Zur Sicherheit winke ich kurz und ziehe meine Stöpsel aus den Ohren, sobald ich bei ihnen bin.
„- sagt der irgendwas von wegen ‚Soll ich Chinesisch sprechen, damit du mich verstehst?!’“ Biermann erzählt offensichtlich vom Fototag.
„Echt? Eure Lehrerin hat dazu gar nichts gesagt?“ fragt einer der anderen Typen.
„Wozu auch? Sie weiß anscheinend, dass Mandarin in Taiwan Amtssprache ist!“ Ich zeige ihnen kurz ein falsches Grinsen und hoffe, dass es lustlos ausgesehen hat.
„Wa-?“ sagt Ilja mit dem Kinn auf der Kante seines Boards. Er runzelt verständnislos die Stirn. Er sieht süß aus, wenn er begriffsstutzig ist. Aber ich hüte mich davor, ihn anzustarren.
„Du hast was von Taiwanisch gesagt!“ beschwert er sich. Er klingt müde, und sieht auch ein wenig so aus.
„Willst du jetzt einen Vortrag über Taiwans Landessprachen hören?“
Er schüttelt langsam den Kopf. „Also wird da Taiwanisch und Chinesisch gesprochen.“
„Korrekt.“
„... Dann hat er dich ja gar nicht beleidigt,“ sagt Biermann entsetzt und glotzt mich an. Ilja und einer der anderen beiden schlagen ihn gleichzeitig auf den Hinterkopf. Wir lachen ihn noch ein bisschen aus, bis Ilja auf einmal aufsteht.
Er gähnt demonstrativ, dann sieht er zu mir herunter.
„Entschuldige. Ich weiß, du bist gerade erst gekommen, aber willst du vielleicht mitkommen?“
„Wohin?“
„Naja, nach Hause.“ Er zuckt die Schultern. Ich sehe zu den anderen. Sie sehen uns zu. Beobachten die uns? Sie sind zu stumm für meinen Geschmack.
„Äh, klar.“

Wir gehen stumm nebeneinander durch den dunklen Park. Ohne große Ankündigung macht er ein paar unnötige Umwege.
„Kann es sein, dass die drei uns gerade etwas seltsam angesehen haben, als du mich gefragt hast, ob ich mit dir mitkomme?“
„Ach was.“ Er sieht auf den Boden. Wo es nichts zu sehen gibt, weil es eh finster ist. Dann bleibt er stehen.
„Ähm. Ich weiß nicht, womit ich anfangen soll.“
Ich zucke die Schultern, was er vermutlich nicht sehen kann. Er ist drauf und dran, mir irgendwas zu beichten, und ich wills nicht hören. Wenn er in meine Richtung sähe, könnte er hier im Dunkeln wahrscheinlich auch nicht sehen, was für eine Scheißangst ich gerade habe.
Er lässt sein Skateboard fallen und setzt einen Fuß drauf. Unter dem leisen Knirschen der kleinen Steine beginnt er, es langsam hin- und herzurollen, und steckt seine Hände in die Tasche seines Sweatshirts.
„Ich habe ihnen erzählt, dass ich dich geküsst habe. Ich wollte sowas wie einen Rat, schätze ich, aber ich hab keinen bekommen, natürlich. Hehe.“
„Lach nicht, du Arsch. Was fällt dir ein, sowas rumzuposaunen?“
„He, die drei sind cool, sonst hätte ichs für mich behalten. Außerdem habe ich gesagt, dass du anscheinend nichts von mir willst.“
Ich glaube, wir sind beide scheißnervös. Ich fiste meine Hosentaschen und warte.
„Ich dachte zuerst, aber dann. Du warst so, ich weiß nicht, ähm, wie soll ich sagen...“ er macht ein frustriertes Geräusch, „hmrach. Vielleicht habe ich dich falsch verstanden.“
Er spricht nicht weiter.
„Und dich habe ich jetzt gerade überhaupt nicht verstanden.“
Er atmet aus und das klingt wieder frustriert. Ich könnte jetzt friedlich vor der Glotze sitzen, mich nicht hiermit auseinandersetzen und alles wäre halbwegs in Ordnung.
„Zuerst habe ich gedacht, dass du was von mir willst, aber letzte Woche hast du mich weggeschoben und wolltest nicht, dass ich dich küsse, also hatte ich dich vorher wohl falsch verstanden. Das war wohl zu aufdringlich, entschuldige. Kannst du darüber hinwegsehen?“
„Tse. Das war nicht schlimm. Du kannst mich nur nicht so überrumpeln.“
„Also ... was heißt das?“ Er hat aufgehört, das Board herumzuschieben.
„Das heißt, dass es okay war. Und dass du mich aber nicht so überfallen sollst.“ Jetzt sieht er in meine Richtung, und ich glaube, dass er lächelt, aber genau kann ich sein Gesicht nicht sehen.
„Hätte ich dich erst darum bitten sollen?“
Ich grinse zurück.
„Das wäre schon schön gewesen. Du kannst mich als mein bester Freund nicht einfach so, aus heiterem Himmel, küssen und erwarten, dass ich überglücklich bin und dir seufzend in die Arme falle. ... Was ich eigentlich schon fast getan hätte.“
„Also...“
„Also was?“
„Ich weiß nicht. Was jetzt?“
Okay, ich bin zwar derbe in ihn verschossen, aber muss er so langsam sein? Ich habe ihm gerade praktisch alles gesagt, und er steht bloß dumm da und glotzt auf seinen Fuß!
„Jetzt kommt der Teil, in dem du etwas sagst. Irgendwas, mit dem ich was anfangen kann.“
„Okay. Darf ich dich nochmal küssen?“



[Ende]


Saturday, September 19, 2015

Kei + Colin XII: Aufmerksamkeit




Kei hatte etwas Langeweile.
So klettert' er in Windeseile
hinauf aufs Größte, das er fand.
Es war im Zoo ein Elefant.
Droben setzte er sich hin,
stützte auf die Hand sein Kinn,
blickte übers Land dahin,
nach Rauchen stand ihm dann der Sinn.
Die Nacht, er fand sie gar so nett,
er zündet' an 'ne Zigarett',
und sinnierte stumm und friedlich,
der Elefant, er fand das niedlich.
Er trötete voller Verzückung
und riss aus seiner Nachtentrückung
ziemlich unbehutsam hier
den unverschämten Punkvampir.

Kei lief durch die Straßen der Stadt. Mittlerweile war er allein. Er schlenderte Wege entlang, die er selten nahm. Seine Tour hatte ihn bis in noblere Gefilde verschlagen. Mit zerzausten Haaren und angerissenem Shirt.
Er sah sich um. In seinem Mund steckte eine Zigarette. Der Schüler war auf dem Heimweg – ein ziemlicher Umweg allerdings. Er hatte irgendwann im Laufe des Abends die Kontrolle über seine Sinne ein wenig verloren. Mindestens vier Menschen waren tot und ein paar schwer verletzt. Der Kopf leer. Die frische Luft tat ihm gut, linderte den Blutrausch der letzten Stunden. Dass es menschenleer war, tat dem auch einiges bei. Irgendwie führten ihn seine Füße in einen Park. Das war eine Art Abkürzung auf seinem Heimweg, sagte er sich. Unter einem Baum ließ er sich fallen und beobachtete die Sterne für ein Weilchen.
Als er Schritte vernahm, blickte er in die Richtung aus der sie kamen. Was macht der denn hier? War sein erster Gedanke, als er den Kopf gegen den Baumstamm lehnte.
Der Park war entlang der malerischen Wege laternenbeleuchtet, sodass sich jemand mit normaler Sicht hier bequem bewegen konnte. Kei murrte etwas, da er in seiner Ruhe gestört wurde und blickte dorthin, wo der Lärm herzukommen schien. Hunde. Wie er sie doch manchmal hasste. Colin ging den beiden riesigen grauen Hunden auf eine Wiese am Rand eines großen Teiches hinterher, in dem sich der Mond ein bisschen spiegelte. Er nahm einen Tennisball aus der Tasche und warf ihn an den Rand des Teiches. Die Doggen bellten und quietschten aufgeregt und hetzten hinterher, rempelten sich beim Aufsammeln gegenseitig an und versuchten, einander den Ball wegzunehmen, bis Colin laut auf den Fingern pfiff. Er ließ die zwei langen Lederriemen, die er den Hunden zuvor abgenommen hatte, fallen und hielt die Arme auf, als die Hunde auf ihn zurannten.
"Schnauze - sonst tot," murmelte Kei. Er sah den beiden Hunden, die soeben zurückgepfiffen wurden, mehr als tödlich in die Augen. Bewegen tat er sich nicht.
Eine der Doggen sprang Colin fast in die Arme und rubbelte begeistert ihren Kopf an seiner Jacke, während die andere stehen blieb, die Ohren aufstellte und zu Kei hinübersah. Sie ließ den Ball fallen und knurrte leise.
Kei funkelte tödlich zurück. War ein bisschen Ruhe zuviel verlangt?
Er stand auf und wandte sich zum Gehen. Colin würdigte er nur eines flüchtigen Blickes.
Colin sagte "Humphrey?" und folgte dem Blick des Hundes, indem er sich in der Hocke halb umdrehte und über die Schulter sah. Seine Augen weiteten sich etwas. Es war hell genug, um Kei zu erkennen. Er stand eilig auf und packte den argwöhnischen Hund am Halsband.
Er sah Kei wortlos hinterher.

Kei ging nachhause. Warf sich aufs Bett und entledigte sich seiner Kleider. Kurz darauf fiel er in einen tiefen Schlaf.

Colin spielte weiter mit den Hunden und rannte mit ihnen herum, nachdem Humphrey sich abgeregt hatte und Kei offenbar verschwunden war.
Er fand den Tag immer noch erfolgreich und ging zufrieden schlafen.


DONNERSTAG
Kei schlief tief und lange. Zu lange. Gegen Mittag ließ er sich dazu herab, aufzustehen. Regelmäßig zur Schule zu gehen kam ihm gar nicht in den Sinn. Er hatte alle Zeit der Welt das zu tun. Wenn er wollte.
Colin fragte sich wieder, wo Kei blieb, ließ sich dadurch aber nicht vom Unterricht ablenken und war eher dankbar für die Nervenpause. Als am Nachmittag die Clubzeit begann und er sich mit dem Rest des Chors in den Musikraum begab, dachte er gar nicht an Kei, sondern nur an den Plan, den er mit Shingo für das Schulkonzert schmiedete.

Kei lief, ganz in Alltagskleidung, zur Schule. Es war zwar schon spät, aber Clubzeit bedeuete, dass er sich mit etwas beschäftigen konnte, das ihn nicht langweilte. Der Gitarre der Schulband. Er selbst war kein Teil davon, aber es verwhrte ihm keiner das Instrument.
Im Kellermusikraum, den sich die Jungs als Bandquartier genommen hatten, machte er es sich mit der schicken schwarzen Gitarre auf einem großen Verstärker bequem.
Es würde bald ein Schulkonzert geben, wie er herausgefunden hatte.
Mit Zigarette im Mund spielte er für sich auf der Gitarre herum, da die eigentliche Schulband mit Plänen beschäftigt war, wie alle Musikgruppen der Schule, von denen es einige gab.

Im Übungsraum drängten sich zwei Orchester, der Chor und "Die Band", sowie alle anderen Schüler, denen Frau Hasegawa bisher die Teilnahme am Konzert gestattet hatte, und hörten zu, wie sie Probetermine festlegte und zuteilte. Die meisten machten sich Notizen, und als sie nach wenigen Minuten fertig war, verließen viele von ihnen den Raum, damit der Chor nun wie üblich diesen Raum zum Üben nutzen konnte.
Colin war neu und wurde darum mit zwei anderen ungeübten Neuzugängen irgendwo abseits hinsortiert, bis Frau Hasegawa sich entschieden hatte, sie zu behalten und ihnen eine feste Stimme zu geben oder sie wieder rauszuschmeißen.
Ungefähr anderthalb Stunden lang wurde nun geübt, einzeln und in Gruppen vorgesungen, zum Test ein Volkslied geprobt ...
Am Ende wurden alle drei Neulinge behalten, das erste Mädchen in die Sopranecke gestellt und das andere Mädchen mit Colin zum Alt.

Kei kümmerte sich nicht um den Trubel und spielte weiter nicht gerade leise auf der Gitarre, neben sich auf dem Verstärker stand ein kleiner Aschenbecher. Die anderen waren eine Weile weg und als sie schließlich zurückkamen, unterhielten sie sich angeregt darüber, wer wann proben dürfe und wer neu wohinkam.
So erfuhr der Vampir, dass der kleine Schotte auf dem Konzert wohl dabeisein würde. Saki, der Sänger der vier Mann starken Rockband, die nie einen Namen bekommen hatte, weil man sich nicht einig wurde, kam auf Kei zu und fragte, ob er nicht mitspielen wolle, sie könnten noch einen zweiten Gitarristen gebrauchen. Er sagte zu und erfuhr, dass er dann beim Schulkonzert mitspielen sollte.
Ein wenig weiterspielend nickte er. Schließlich übten sie zusammen ...
Das Konzert würde in nicht allzu ferner Zukunft stattfinden.

Nach der Probe ging Colin mit Shingo zum Ausgang, mit konspirativ zusammengesteckten Köpfen tief im leisen Gespräch zogen sie sich abwechselnd ihre Straßenschuhe an und machten sich dann nach draußen, ohne weiter auf ihre Umgebung zu achten.

Kei blieb noch eine Weile bei den anderen und verließ irgendwann das Schulgebäude. Hungrig.
Während er rauchend über das Gelände schlenderte, entdeckte er Colin. Ein Grinsen begann seine schmalen Lippen zu umspielen, ganz leicht. Dem kleinen Schotten ein Stück nachgehend – unauffällig und in einigen Metern Entfernung, wartete er ab, den Ring in seiner Lippe malträtierend.
Nach einer Weile verabschiedete Colin sich von Shingo, der in eine Seitenstraße abbog, und ging allein in Richtung Bahnhof weiter. Es waren noch einige andere Menschen auf der Straße unterwegs, sodass ihm Keis Präsenz hinter ihm nicht auffiel.
Unauffällig ging Kei hinterher und nahm nur zu gern zur Kenntnis, dass Shingo Colin allein ließ. Es waren kaum Menschen auf der Straße, ihm dennoch ein wenig zu viele. Vor allem die, die ihm entgegengingen, waren ihm entschieden zu zahlreich, weshalb er lange wartete. Mit der Kippe im Mund beobachtete er vor allem Colin genau. Als er eine kleine Seitengasse erblickte, sah er seine Chance.
Mit einer schnellen Bewegung war er direkt hinter dem Jungen und hatte ihn genauso schnell ohne große Rücksicht in die kleine Gasse gedrückt, wo er seine Zähne ziemlich unsanft in dessen Hals vergrub und sich an dessen Blut bediente.
"Agh!"
Aus bloßem Reflex begann Colin zu treten und zu schubsen und rammte Kei seinen Ellenbogen in die Magengegend.
"The fuck's - let me go you -" Er stampfte mit seiner turnschuhbewehrten Ferse hart auf Keis Fuß und stellte endlich fest, wer ihn da angriff.
"Du verdammtes Arsch... loch..."
Er wand sich weiter, wurde aber schnell schwächer und begann eher zu wanken. "Hng," sagte er benebelt. "Wenn du mich umbringst... suche ich dich bis in alle Ewigkeit heim," brummte er finster, wie betrunken.
Kei amüsierte sich innerlich über Colins Versuche sich zu wehren, vor allem darüber, wie schnell er schwächer wurde. Die Angriffe zeigten keinerlei Wirkung. Dazu waren sie zu schwach.
Als er von dem in seinen Armen Zusammengesackten abließ, grinste er. „Danke für das nette Kompliment.“ Er ließ seinen um eine große Menge Blut erleichterten Mitschüler zu Boden sinken und wandte sich zum Gehen. In Richtung Bahnstation. Colin war entweder fast oder ganz bewusstlos, so viel war sicher. Töten wollte er ihn nicht. „Du kannst versuchen mich heimzusuchen, ich würde mich freuen.“
Colin gab Kei den Mittelfinger und flüsterte etwas, gab es aber auf, zu versuchen, die Augen geöffnet zu halten. Schlafen. Schlafen... so gut... Es war ein bisschen kalt.
Er lehnte den Kopf an die Hauswand zurück und fiel kurz darauf zur Seite um.
Wenigstens hatte er schon gesessen.

Colin bekam vage mit, dass ein paar fremde Schüler ihn aufhoben und ansprachen. Später wachte er noch einmal auf, als ein Sanitäter ihm in die Augen leuchtete und sein Gesicht betatschte. Überhaupt fassten Leute ihn ein bisschen viel an.
Er wurde herumgedreht und hingelegt, wackelte im Liegen und hörte dabei eine Sirene. Wie sollte man da denn schlafen...

Kei ging mit über den Kopf gezogener Kapuze und den Händen in den Hosentaschen durch die Straßen, den Bahnhof, zum Gleis – und wartete. Auf den Zug, der in Richtung seiner Wohnung fahren würde. Schon wieder Polizei. Es waren so viele Bullen unterwegs. Seit Tagen schon wurden sie nicht weniger. Eine Sirene drang an sein Ohr. Ein Krankenwagen. Ein Unfall vielleicht. Oder eine verletzte Person am Straßenrand. Der Vampir stieg in die Bahn, sah wie die uniformierten Männer begannen, Menschen zu befragen. Zu dem Unfall vielleicht.
Er ließ sich von der Bahn davontragen. Ein junger Polizist erschien vor ihm, sprach ihn an. Er antwortete ihm abwesend auf die Frage ob er an dem Bahnhof, an dem er eingestiegen war, irgendetwas gesehen habe. Er sagte nein. Das blutige Tuch in der Hosentasche. Das Gespräch endete. Kei stieg irgendwann aus der Bahn.
Nach einer Weile Gehen, einer kleinen, kam der Vampir in seiner nicht allzu großen Wohnung an. Seine Jacke fand ihren Weg auf das Sofa und er selbst den aufs Bett. Das kleine Schlafzimmer war dunkel. Das war es meistens, da Kei es lieber dunkel mochte. Sein Wohnzimmer war sehr groß und beherbergte den Großteil seiner Habe. Er dachte darüber nach, eine Gitarre zu kaufen. Dann hätte er etwas zu tun. Den Rest des Tages verbrachte er damit, dies in die Tat umzusetzen und irgendwann wieder zu schlafen.

Wenige Stunden später wachte Colin allmählich richtig auf. Er war in einem Krankenhaus, ohne Zweifel, stellte er scharfsinnig fest. Hiroki saß neben dem Bett.


FREITAG
Morgens schlenderte er zur Schule. Eilig hatte es es nicht. Mit einer Kippe im Mund ging er über das Schulgelände bis hin zum Eingang.
Von Colin war auch im Unterricht nichts zu sehen. Kei vermutete, dass Colin im Bett lag und tief und fest schlief. Ihm war das ziemlich gleich.
Die übliche Verdächtige, Ayane nämlich, erzählte irgendwann jedem, der es hören wollte, dass Colin im Krankenhaus lag. Natürlich hörte auch Kei irgendwann von Ayanes Geschichte. Irgendwer hatte ihn also gefunden, dachte er und lehnte sich an eine Wand, als Pause war. Der Tag war ereignislos verlaufen bis darauf, dass ziemlich viele darüber spekulierten, was Colin wohl passiert sein mochte. Kei lachte sie in Gedanken alle aus. Die hatten ja keine Ahnung. Die x-te Zigarette rauchend, wendete er sich beim Klingeln dem Rest des Schultags zu. Und der Clubzeit. Der eigentliche Grund weshalb er zur Bildungsanstalt gekommen war. Schließlich konnte auch er nicht ohne Übung perfekt spielen.

Am Mittag des folgenden Tages wurde Colin aus dem Krankenhaus entlassen und wurde von Hiroki nach Hause gebracht. Dort verbrachte er nach einer Dusche den Rest des Tages mit Schulbüchern im Bett. ... über denen er zwischendurch einschlief.

SAMSTAG
Am Samstagmorgen pellte Kei sich zwischen Decken und Kissen hervor, sich im dunklen Raum umsehend. Es war sicher noch nicht allzu spät, wenn man das auch nicht sehen konnte, da der Raum ohnehin immer abgedunkelt war.
Er stolperte über Verstärkerkabel und Kleidungsstücke ins Bad...
Nach Duschen und Anziehen saß er rauchend in der Küche. Colin war am Freitag nicht in der Schule gewesen, anscheinend hatte er dem Kleinen ziemlich zugesetzt. Kleine Körper waren nun einmal mit weniger Blut ausgestattet. Wahrscheinlich paukte sein strebsamer Mitschüler den halben Tag.
Die kleine Uhr an der Wand des kleinen Raumes verriet ihm, dass es schon Mittag war. Draußen stürmte es, der Regen kam in einem Guss wie aus Eimern aus den beinahe schwarzen Wolken.

Colin saß im offenen Fenster seines Zimmers im ersten Stock und ließ die Beine draußen herunterhängen. Es regnete nicht herein, weil der Wind gerade steif von der anderen Seite des Hauses kam und den Regen von seinem Fenster wegtrieb. Er hatte gestern den ganzen Nachmittag und letzte Nacht, wann immer er nicht geschlafen hatte, alles erledigt, was es für die Schule zu tun gab, er hatte heute morgen doppelt so viel Geige geübt wie sonst, und die Lust auf Bücher und Spielen war nun restlos verbraucht.
Er hatte wieder seine Zimmertür abgeschlossen und sich lauten Hip Hop angemacht, um in den wilden nassen Himmel zu starren.
Nach einer Weile griff er hinter sich auf den Schreibtisch nach der kleinen Fernbedienung und wechselte damit die CD zu etwas anderem, mit geisterhausartig hohlen Stimmen besprochener Musik, die kratzte als käme sie von einer alten Schallplatte. Er stierte weiter ausdruckslos bis niedergeschlagen hinaus.

Kei steckte eines der vielen in seiner Wohnung herumliegenden Zigarettenpäckchen in seine Jackentasche, zog sich ebendiese Jacke über - die Kapuze ins Gesicht - und ging hinaus in den Sturm. Solch ein Wetter war schön, man fiel nicht auf und es waren kaum Menschen auf der Straße.
Es vergingen keine fünfzehn Minuten und der Vampir war vollkommen durchnässt. Blitze zuckten überall wo man hinsah. Seine Haarsträhnen hingen ihm klatschnass ins Gesicht. Wasser lief ihm das Kinn herunter.
Irgendwann kam er an Colins Haus vorbei, vielleicht ging es dem ja besser, umbringen wollte er ihn schließlich nicht. Die in seinen Ohren merkwürige Musik richtete seine Aufmerksamkeit auf das Fenster des Jungen, den er in eben diesem sitzen sah. Langsam daran vorbeischlendernd ging er weiter. Feststellend, dass Colin noch am Leben und bei anscheinend nicht allzuschlchter Gesundheit war. Er malte sich aus, wie sich seine Mitschüler noch weiter das Maul über die ganze Geschichte zerrissen, während er hier entlangging.
Colin sah jemanden auf dem Bürgersteig vorbeigehen, sehr gelassen für dieses Wetter. Die Gestalt war sehr nass und schien gemütlich spazieren zu gehen. Er beobachtete die Person und lächelte dabei friedlich. "Der geht bei dem Wetter spazieren..." Erfrischend. Er erkannte die Person nicht und ging auch gar nicht davon aus, sie zu kennen, denn er kannte die Nachbarn noch gar nicht, also hob er bedenkenlos grüßend eine Hand, als er den Menschen durch den Regenschleier zu ihm aufblicken sah.
Erkannte er ihn nicht bei dem Wetter? Das würde jedenfalls die völlig unerwartete Begrüßung erklären. Er hob ebenfalls die Hand zum Gruß, lächelte leicht, was man nicht erkennen konnte bei dem Regen.
Das einzige, was man von seinem Gesicht erkennen konnte, waren grün-blau-schwarze Wasserschlieren auf dem Gesicht und Haare, die in eben dieses hingen.
Er schlenderte weiter - ein wenig hungrig.
Gelassen nahm er sich im Park den erstbesten Idioten vor, der sich getraut hatte, bei diesem Wetter vor die Tür zu gehen. Ungewollt hinterließ er dabei eine ziemlich blutige Spur im nassen Boden, auf dem das Blut in kleinen Rinnsalen den Weg entlangfloss. Den Toten warf er mit Steinen beschwert in den kleinen See.

Als der abenteuerlustige Spaziergänger, der sogar zurückgewunken hatte, wieder verschwunden war, kletterte Colin zurück in sein Zimmer und schloss das Fenster. Das war DIE Idee! Hiroki und Mutter waren beide zur Arbeit weg, die Haushälterin war nicht seine Babysitterin, also konnte er jetzt unbemerkt hinausgehen. Davon war er in den letzten zwei Tagen wie ein Sträfling abgehalten worden.
Er zog sich eilig an, schön dick und bequem, und schlich sich an der Küche vorbei, wo die Haushälterin gerade putzte. Die Stiefel band er einfach nicht zu. Er schloss vorsichtig die Haustür und ließ die gleiche Vorsicht auch bei dem großen Eisentor zur Straße walten, damit es ihm bei dem starken Wind nicht aus den Händen rutschte.
Die Kapuze seiner Regenjacke flog ihm im Wind immer wieder vom Kopf, also ließ er sie irgendwann einfach bleiben und ging bloß grinsend weiter. Er rannte auf den kleinen Park zu.
Zwischen den ersten paar Bäumen rannte er mit ausgestreckten Armen um einen Baum herum und rief dabei laut "WUUUUUUU!"
Kei war gerade dabei, den kleinen Park wieder zu verlassen und sich auf den Rückweg zu machen, als er die kleine Gestalt in dicken Regenklamotten sah, die um einen Baum herumlief und sich hörbar über das Wetter freute. Dann erkannte er ihn. Es war Colin, der sich da auf den Weg nach draußen gemacht hatte und ziemlich dick eingepackt schien. Der klatschnasse Vampir schlenderte auf ihn zu und sagte beiläufig: "Du erkältest dich noch." Nicht stehenbleibend wanderte er weiter in Richtung Ausgang. Hoffte still, dass Colin nicht über die Blutschlieren in den Wasserrinnsalen stolperte, die begannen, die Wege zu säumen.
Colin hatte den Näherkommenden gar nicht bemerkt, bis er beinahe in ihn hineinrannte. Er war im Begriff gewesen, auf den nächsten Hügel zu rennen und rutschte bei dem Versuch, anzuhalten oder Kei zumindest auszuweichen, auf dem nassen Gras aus und stürzte auf den schmalen Pflasterweg.
Kei lachte leicht. Wich ein bisschen zur Seite um Colin mehr Raum zum Fallen zu geben und schaute ihm dabei zu, wie er den Boden näher kennenlernte. "Vorsicht. Es ist rutschig hier." Er ging weiter und ließ Colin einfach auf dem Boden liegen.
Hastig rappelte sich Colin auf allen Vieren auf und sah dabei direkt in die Ablaufrinne am Rand des Weges. Er vergaß über dem wilden Rauschen und Donnern um ihn herum und dem Rauschen und lauten Klopfen in seinen Ohren, sich über Keis ekliges Verhalten aufzuregen und begann verwirrt, seine Hände und Knie nach Verletzungen abzusuchen. Sie waren aufgeschrammt und eines seiner Hosenbeine war nun kaputt, es klebten kleine Kiesel in den Kratzern, aber er blutete nicht SO stark.
Colin sah die Rinne hinauf und dann hinunter, wo Kei gerade verschwunden war.
Er stand auf und folgte der Rinne bis zu dem Pfad, der an dem kleinen See entlangführte, inspizierte dabei genau den Boden, um die immer verwaschenere Blutspur nicht zu verlieren.
Colin verfolgte die Spuren weiter bis zum Wasser und sah gebannt hinein. Er konnte nichts besonderes sehen, dafür war es zu dunkel, die schwarze Oberfläche schlug Wellen und wurde ständig vom strömenden Regen aufgepeitscht.
Er sah sich nach Kei um.

Kei ging noch einige Stunden durch die Stadt. Davon, dass Colin seine Sauerei gefunden haben mochte, ahnte er nicht viel. Immerhin würde der Regen bald alle Spuren davongewaschen haben.

Am Nachmittag schickte Colin Kei eine SMS.
'Willst du erwischt werden?'
Er saß dabei nass (aber geduscht) auf seinem Bett und starrte auf das Handy, nachdem er die Nachricht geschickt hatte.

Kei sah, er betrat gerade den Hauseingang, auf sein Handy, das einen Laut von sich gegeben hatte. Oh, es funktioniert noch... Er nahm das kleine Ding und schaute darauf. Eine SMS. Er öffnete sie und las.
Von Colin... Nachdem er seine Wohnung betreten und seine gesamten Klamotten ausgezogen und auf dem Flur liegengelassen hatte, setzte er sich mit einem Handtuch bekleidet auf sein Sofa und antwortete 'Ach was, das wäscht der Regen weg und ohne Leiche können die mir eh nichts. Machst du dir etwa Sorgen um mich?'
Colin antwortete sofort: 'Ich weiß, wo die Leiche ist. Sei besser netter zu mir.'
Er legte das Handy langsam weg und versuchte, nicht in Angstschweiß auszubrechen.
Vielleicht hatte er jetzt den letzten größten Fehler seines Lebens begangen.
Er machte schnell wieder die laute Musik an.
Kei grinste. 'Pass besser auf, Süßer, sonst leistest du ihr Gesellschaft.'
Er machte anzüglich und tödlich grinsend ein Selfie von seinem Gesicht und fügte es der Nachricht an.
Colin nahm das Telefon langsam, wie ein Gespenst, legte es nach dem Lesen mit zitternder Hand wieder weg und kroch unter seine Bettdecke.
Dann griff er sich das Handy wieder und starrte auf das Foto.
Er lehnte das Handy an sein Kopfkissen und starrte das Bild an, knöpfte sich dabei die Hose auf -
bis ihm etwas einfiel.
Er schickte noch eine Nachricht.
'Wolltest du mich umbringen?'
Der Vampir hatte keine Ahnung wie der Kleinere darauf reagieren würde, aber er malte sich eine ängstliche (oder so ähnlich) Reaktion aus, er mochte den Gedanken. Er ging zu seinem Kleiderschrank und nahm sich Stoffhose und Shirt hinaus, zog sich an und erfreute sich an seinen Gedanken, als sein Handy klingelte. Er las. Lachte. Der Gedanke hatte was.
'Vielleicht...' schreib er zurück.
Kei legte sich auf sein Bett und malte sich aus, wie Colin wohl reagieren könnte. Er grinste. Gerne würde er ihn jetzt einfach beobachten und sich amüsieren.
Colin schauderte, als er das las. Aber er war erleichtert. "Vielleicht" bedeutete, dass er es nicht vorgehabt hatte.
"Vielleicht" bedeutete auch noch andere Sachen. Er schrieb eine Weile nicht zurück und betrachtete nur weiter das Foto, während er an "Vielleicht..." dachte, und an die Stimme, in der das Wort gesagt werden müsste.
Das dauerte keine fünfzehn Minuten, obwohl er sich Zeit zu lassen versuchte.
Colin meldete sich nicht mehr.

SONNTAG
Auch am Sonntag ließ er nicht von sich hören oder sehen.
Kei wunderte es nicht, dass Colin ihm nicht antwortete. Er erwartete das auch gar nicht. Als er sich dazu bequemte sein Bett zu verlassen und an seiner Hose feststellte, dass er ziemlich gut geträumt haben musste, ging er erstmal duschen.
Danach setzte er sich auf das inzwischen frisch bezogene Bett und spielte ein wenig auf seiner neuen Gitarre.