Friday, October 2, 2015

Kei + Colin XXXVII: Nightmare before christmas


| Maximum the Hormone - Zetsubou Billy |
| Michael Andrews - Burn it to the ground |


Erfolglos versuchte Colin, aus ihren leeren Gläsern noch ein paar Tropfen herauszubekommen. Sie wurden ihm ein willkommener Vorwand, um sich und seinen kochenden Hormonhaushalt von dem Vampir abzulenken, und er brachte sie zur Bar zurück. Mit den Gläsern in den Händen musste er auch nicht besonders drängeln. Die Frau dort hatte so viel zu tun, dass sie Colin kaum einen Blick schenkte und ihm ohne Umschweife das gab, was er bestellte. Dabei stellte er fest, dass diese Getränke viel teurer waren, als der grimmige Schnelltrinker behauptet hatte.
Um weit über tausend Yen erleichtert, trug Colin die neuen Getränke zur Bühne zurück. Kei hatte kurz in seine Richtung geschaut und kam ihm dann entgegen um ihm eines der Gläser abzunehmen. Colin lehnte sich zu ihm.
"Willst du von mir trinken?" Sein Ton und sein Blick machten offensichtlich, dass er nicht von seiner Rum-Cola sprach. Kei grinste leicht. Sein Glas stellte er hinter sich auf der Bühne ab.
"Mit dem größten Vergnügen," sagte er. Dass sie von nicht gerade wenigen Menschen umgeben waren, war ihm völlig egal. Colin trank und stellte sein Glas ebenfalls ab.
"Später," sagte er, "zuhause." Er griff in Keis Gürtel und küsste ihn. Kei grinste in den Kuss als er ihn erwiderte und murmelte irgendetwas unverständliches, das ein "Ich nehm dich beim Wort" werden sollte. Seine rechte Hand hielt Colin an der Hüfte fest.
Um sie herum wurde in ihre Richtung kommentiert, gepfiffen oder weiter Spaß gehabt.
Colin versuchte, selbst nicht zu breit zu grinsen, weil sein Gesicht noch wehtat. Der Alkohol hatte schon der Abstumpfung gedient, aber auf der anderen Seite war da Kei mit seinen Händen und der machte alles zunichte. Wenigstens machte es ihm mittlerweile nichts aus, dass Kei etwas Gewisses bemerken musste, als er sich an ihn drückte, während er ihn gierig weiterküsste. Dem Vampir entging keineswegs, dass der Jüngere auf Halbmast stand. Kei selbst hatte zwar ordentlich was an Alkohol intus, jedoch war er noch sehr weit davon entfernt, betrunken zu sein. Geschickt manövrierte er Colin rückwärts in Richtung Bühne, nur um etwas zu haben, wo er ihn gegendrücken konnte. Den Kuss dafür zu unterbrechen kam ihm nicht in den Sinn. Beim Rückwärtsstolpern musste Colin fast lachen. Dabei riss seine Lippe weiter auf.
"Au..."
Kei leckte über die Wunde und kommentierte das nur mit: "Das verheilt wieder."
"Battle scars are good to have, though." Er vergrub eine Hand in Keis Haaren. "Danke übrigens," sagte er in Keis Ohr.
"Gern geschehen," sagte Kei und küsste Colin wieder.
Colin bemerkte nicht, wie Shin sich schräg hinter ihn stellte und sich auf ein Bein kniete, oder wie einige der Umstehenden und Umspringenden sich darüber amüsierten. Kei bekam Shins Anwesenheit durchaus mit, ignorierte seinen Kumpel aber einfach und widmete sich weiter Colin. Kurz darauf gesellte sich noch der Sänger hinzu, der einen Fuß auf die Box neben ihnen stellte und zu ihnen herunter in sein Mikrofon brüllte. Kei zeigte ihm den Mittelfinger und ließ sich nicht von seinem Tun abbringen. Das brachte den Sänger kurz zum Lachen, er sprang auf die Box und wieder herunter, Shin stand auch wieder auf und lachte dann erst herzhaft (aber für die meisten fast unhörbar), als der Sänger sich vor ihn kniete und während eines kurzen Basssolos sowas wie einen Blowjob andeutete, indem er Shins Beine hielt und so tat, als würde er seine Gitarre lecken. Shin machte mit einer eindeutigen Hüftbewegung mit, ehe er seinen Part als Gitarrist wieder aufnahm.
Kei lachte, als er die beiden sah. Er war sich ziemlich sicher, dass diese Show nicht nur auf ihn und Colin gemünzt war und sie tatsächlich was miteinander hatten, so oft, wie sie solche Andeutungen auf der Bühne machten. Wieder küsste er Colin und hielt diesen mit einer Hand dicht bei sich. Breit und glücklich lächelte Colin dabei, trotz schmerzenden Gesichts. Für einen Schluck aus seinem Glas wandte er den Kopf kurz ab. Seine Hand ließ er aber auf Kei.
Nachdem er das Glas wieder abgestellt hatte, zog er Keis Hemd etwas hoch. Kei grinste, während er eine Hand unter Colins Shirt schob und ihm mehr oder weniger zärtlich in den Hals biss, allerdings ohne ihm Wunden zuzufügen. Das einzige, was er hinterließ, waren blaue Flecken.
Mit der freien Hand nahm er das Glas, trank einen Schluck und stellte es wieder ab.
"Wann hast du Geburtstag? Ich schenke dir einen Maulkorb."
"Erst nächstes Jahr, das dauert noch," grinste Kei.
Colin lachte. "Nächstes Jahr ist in einer Woche." Er grinste dreckig. "Soll ich das Lederband abmachen, damit du besser drankommst?" Sein Ton war ein wenig herablassend.
"Damit ich mir wieder anhören kann, dass du Geschlechtskrankheiten hast?" Kei grinste. "Mein Geburtstag ist etwas später."
"Wann denn?" Nun war Colin wirklich interessiert. Seine Hände fühlten sich ziellose Schleifen über Keis Haut. Es war so etwas wie eine Forschungsexpedition für sie.
"Neunundzwanzigster Erster," sagte Kei. Das war gar nicht mehr so lange hin, wie ihm auffiel. Er mochte das Gefühl von Colins Händen auf seinem Körper, hatte ein leichtes Lächeln auf den Lippen.
"Oh. Das ist ja bald. Soll ich dir einen Kuchen backen?" fragte Colin unernst. Ebenso unernst, was für ihn völlig ungewöhnlich war, erwiderte Kei: "Ja, einen dunkelroten."
"Klingt aufwendig. Ich glaube ich lass es." Er küsste Keis Kehle.
Kei lachte ein bisschen, grinste dann und ließ seine freie Hand in Colins Hosenbund verschwinden. Colin zog an Keis Arm.
"Du bist irre. Lass das."
Kei erwiderte darauf bloß: "Warum?"
Colin dachte kurz nach, während er Keis Arm weiter festhielt.
"Du wirst dir den Appetit verderben," sagte er scherzhaft. Dass ihm das hier so in der Öffentlichkeit nun doch peinlich wurde, wollte er Kei nicht auf die Nase binden. "Wenn die Vorspeise schon sattmacht, hast du keine Lust mehr auf den Hauptgang." Er zuckte mit den Schultern.
"Ach was," grinste Kei, ließ seine Hand, wo sie war, machte aber sonst nichts - für den Moment. Das lag allerdings mehr daran, dass Shin und seine Kollegen wieder ankamen und versuchten ihn dazu zu animieren, wieder herumzuspringen anstatt an Colin zu kleben. Colin selbst versuchte das nun auch, denn nach der Parkepisode mit dem gefährlichen Nachspiel der Widerlichkeit war er nicht darauf erpicht, ein noch öffentlicheres Spektakel aus sich zu machen. Wieder zog er an Keis Arm.
Kei nahm seine Hand aus Colins Hose, grinste aber immer noch. Seine andere Hand ließ er da, wo sie war und hielt den Kleineren weiterhin fest.
Shin bekam einen Mittelfinger und Colin einen Kuss, bevor er seinen Freund endgültig losließ. Schließlich waren sie eigentlich wegen der Musik hierher gekommen. Gleichzeitig enttäuscht und erleichtert atmete Colin auf und trank noch mehr. Kei widmete sich etwas mehr der Musik und war bald darauf wieder am Herumspringen und gestikulierte ein wenig mit dem Gitarristen der versuchte, weiterhin seiner Arbeit nachzugehen.
Colin war nun auch abgestumpft genug, um seinen misshandelten Körper ohne Zucken und Wimmern weiter zu quälen und drängte sich in die Menge, um mitzumachen. Mit einem Augenrollen nahm er den Austausch zwischen Shin und Kei zur Kenntnis. Der Junge musste echt immer nerven. Lass ihn seine Arbeit machen, meine Güte.
Kei, ein wenig angetrunken, sprang herum und hatte bald den Gefallen daran verloren, Shin zu ärgern, weshalb er nun ein wenig mehr herumsprang, sein Glas leerte und einem Typen an den Kopf trat, der ihn im Herumspringen angegrapscht hatte. Der Typ flog ein wenig durch den Raum, während Kei sich benahm, als wäre überhaupt nichts gewesen. Tatsächlich schien so gut wie niemand etwas bemerkt zu haben, und wer auch immer zugesehen hatte, dachte sich nichts dabei oder hielt sich aus Selbstschutz zurück.
Kurz darauf trank der Sänger aus einer Plastikflasche und schüttete sich ihren restlichen Inhalt über den Kopf. Dann schüttelte er die Haare, während die Band das Lied ausklingen ließ und kündigte das letzte Lied an.
Kei feierte ein wenig weiter, als der nächste Song losging. Der Typ, der etwas mehr als seine Nase gebrochen hatte, wurde von irgendwem aus der Halle gezogen.
Während der ersten Takte, die ein furioses Finale versprachen, brüllte jemand im Publikum plötzlich: "WALL OF DEAAATH!"
Andere nahmen den Ruf auf und die Menge teilte sich in der Mitte. Auf beiden Seiten der Kluft stellten sich Leute auf, einige Mädchen beeilten sich, an den Rand des Geschehens zu wechseln oder wurden von jemandem dahin gezogen, und Colin machte selbst große Augen. Davon hatte er heute genug gehabt, außerdem mochte er seine Nase und Finger ungebrochen, also eilte er hinterher.
Kei war mitten im Gesehen irgendwo in der Mitte der ersten Reihe fand er sich schnell im Zentrum des lustigen Treibens wieder. Colin zog sich auf die Bühne und setzte sich auf den Bühnenrand. Als sie alle brüllend aufeinander losstürmten, zog er zur Sicherheit noch die Füße hoch und stellte sie vor sich auf die Kante. Dabei nippte er am Rest seiner Rum-Cola. Was für Vollidioten.
Dann entdeckte er Kei in der Masse. War ja klar.
Kei war einer der ersten, der in die anderen hineinsprang und Ellenbogen im Gesicht hatte. Er hatte sichtlich Spaß dabei und konnte sich - für seine Verhältnisse - sogar benehmen. Colin stellte auch fest, dass sein Wahnsinniger sich sogar zurückzunehmen schien. Er mochte Gewalt, war aber anscheinend sportlich eingestellt. Jedenfalls fiel nicht auf, dass er eigentlich dazu in der Lage war, noch viel mehr Schaden anzurichten.
Sein Glas war leer. Er stellte es ab.
Jemand packte ihn an der Schulter. Erschrocken sah er zum Sänger auf, der ihn am Arm packte und auf die Beine zog. Er führte ihn zur Mitte der Bühne, stellte da wieder einen Fuß auf einer Box ab und beugte sich vor, um etwas ins Mikro zu brüllen. Dann hielt er dem verdutzten Colin das Mikrofon hin. Dem fiel nichts besseres ein, als das Gebrüllte zu wiederholen. Seine Stimme war nicht ganz für diese Art Gesang gemacht, aber war ausreichend kratzig, fand er erleichtert, und der Sänger schien auch damit zufrieden zu sein, so wie er lächelte. Er setzte den Refrain fort und ließ Colin jeden Vers wiederholen.
Kei sprang weiter in die Menschenmenge, als er feststellte, was seine Freunde angezettelt hatten. Er grinste ein wenig, als er Colin hörte und fand, dass er sich nicht schlecht machte. Spaßeshalber sprang Kei nun mehr auf die Menschen drauf, was denen nicht allzuviel ausmachte, immerhin war Kei alles andere als schwer.
Beim zweiten Durchgang des Refrains war Colin textsicher genug, um gleichzeitig mitzusingen. Der Sänger ließ ihn. Seine Stimme war in den letzten Minuten ziemlich heiser geworden und er schien erleichtert zu sein, dass sein spontaner Einfall tatsächlich funktionierte. Er schüttelte die Haare während Colin sang. Nach dem Refrain ließ er sich das Mikrofon zurückgeben und machte mit seinem Job weiter. Colin zog sich wieder zurück, grinsend, und setzte sich wieder an den Bühnenrand.
Kei war mal auf mal unter mal zwischen Menschen zu finden und machte alles außer Anstalten damit aufzuhören. Während er herumsprang und genausoviele Ellenbogen austeilte, wie er abbekam, klang der letzte Song bald aus und die Masse wurde wieder ruhiger. Der Drummer und der Bassist machten noch kurz weiter, während der Sänger sich bedankte und verabschiedete.
Colin pfiff laut.
Kei schlenderte zu Bühne und lehnte sich dagegen, ehe er sich auf dem Rand niederließ.
"Du solltest daran arbeiten, das war gar nicht schlecht," sagte er zu Colin.
"Gut genug für den Kirchenchor?" gab Colin schmunzelnd zurück. Mit den Augen suchte er Kei nach Blessuren ab.
"Gerade so eben," gab Kei mit ähnlichem Gesichtsausdruck zurück.
Tatsächlich hatte der Vampir einiges abbekommen und sah etwas lädiert aus. Colin beugte sich zu ihm und küsste ihn. Kei erwiderte den Kuss und lächelte ein wenig.
"Jetzt, wo du dich für mich schick gemacht hast," sagte er in Keis Ohr, "lass uns gehen."
"Der ganze Aufwand umsonst, so ein Mist," sagte Kei leise und drehte sich um, während er aufstand. Er nahm sein Glas zur Hand und schaute Colin an, musterte ihn kurz. Seine Haare waren schon lang nicht mehr hübsch gekämmt und der Riss in seiner Lippe war offen. Er war gut angetrunken. Neben Kei sprang er von der Bühne, nahm sein eigenes Glas und ging auf die Bar zu. Kei folgte ihm und stellte sein Glas, an der Bar angekommen, auf eben jener ab. In seinem Kopf herrschte eine Mischung aus Euphorie, dem Verlangen nach Blut, Colin und Alkohol.
Colin ging zur Treppe zurück und kletterte wieder auf die Plattform mit dem Sofa. Kei ging ihm nach, nahm aber die Abkürzung über das Geländer, auf dem er sitzenblieb und Colin ansah.
"Ich war schneller," grinste er.
Colin schnaubte nur sanft. "Leck mich," entgegnete er, während er seine Jacke vom Sofa aufsammelte.
Kei grinste noch immer. "Aber nicht hier," kommentierte er das und nahm sich ebenfalls seine Jacke.
Colin wurde etwas rot und er wandte den Blick ab. Zurück auf dem Boden ging er schnurstracks in Richtung Eingang.
Kei folgte ihm, verabschiedete sich auf dem Weg von Shin und dem Barmann und legte draußen einen Arm locker um Colin. Der hatte sich auf dem Weg seine Jacke angezogen und die Kapuze aufgesetzt. Er hatte nichts dagegen, von Kei gehalten zu werden, aber er stellte sich vor, dass es ihnen diese Nähe schwer machen würde, zügig zuhause anzukommen. Also reagierte er darauf kaum - also sehr, aber nicht mit Absicht - und steckte seine Hände demonstrativ in die Jackentaschen und ging los. Kei hatte keine Mühe mit Colin mitzuhalten, auch, wenn sein Arm um dessen Schulter lag.
Zügig steuerte er die U-Bahnstation an, die ihnen am nächsten lag.
Auf dem Weg, beim Warten und in der Bahn selbst vermied Colin es weitgehend, Kei direkt ins Gesicht zu sehen. Er wusste nicht genau, warum er jetzt so verlegen war, schließlich war er jetzt schon vier- bis fünfmal keine Jungfrau mehr. Vielleicht, weil er sich bisher noch nie mit ihm zusammen auf dem Weg dahin befunden hatte. Das war neu. Es war ihm peinlich.
Der Vampir machte sich gar keine Gedanken über irgendwas in diesem Moment. Seine Gedanken, wenn man das Wirrwarr in seinem Kopf so nennen konnte, schrien eh immer das gleiche, besonders, wenn er viel Alkohol im Blut hatte. Er war zwar nicht sonderlich betrunken, aber das klar Denken funktionierte nicht mehr so besonders gut.
Als sie an seiner Heimhaltestelle ausstiegen und auf die Straße gingen, ohne auch nur ein Wort gewechselt zu haben, musste Colin sich daran erinnern, zu atmen.
Auf dem Weg kroch Kei ein mit schrumpfender Entfernung zum Haus der Hammerers stärker werdender Blutgeruch in die Nase.
In einiger Entfernung zum Haus blieb Kei stehen.
"Colin, irgendwer ist an oder in eurem Haus am verbluten," informierte er den Kleineren, den er am Arm festgehalten hatte, um ihn zum Stehenbleiben zu animieren. Aus Reflex und Überraschung hielt der Junge an und sah Kei an.
"Was?"
In dem Haus lag eine Menge Blut offen herum. Frisch und viel.
Kei kletterte über den Zaun und ging zum Haus, nachdem er Colin bedeutet hatte, zu warten, und sah durch ein Fenster hinein.
"Hier ist alles voll Blut," sagte er, laut genug, dass Colin es hören konnte. Seinem ohnehin schon nebligen Verstand tat das nicht gerde gut.
Colin stürzte zu dem verschlossenen Tor, das für Kei kein Hindernis dargestellt hatte und öffnete es hastig.
Kei trat ein und sah sich um. Er versuchte, dem inneren Drang durchzudrehen zu widerstehen. Im Flur boten sich ihm großzügige Schleifspuren aus Blut, die am Fuß der Treppe begannen, wo die Wand mit Blutspritzern verziert war und einige Bilderrahmen heruntergefallen und zerbrochen waren. Sie führten durch einen türlosen Türrahmen ins Wohnzimmer.
Colin lief eilig zur Haustür.
Kei sah sich weiter im Haus um. Folgte den Blutspuren.
Im Wohnzimmer hing Hiroki im Smoking quer über dem ersten Sessel. Seine Arme, sein Bauch und seine Kehle waren geöffnet, und sein Kopf hing knapp über dem Boden. Aus seiner Kehle tropfte es noch auf den dunklen, nassen Fleck auf dem Teppich.
Ein anderer Teil der Blutspur führte vor den Fernsehtisch, wo Frau Hammerer mit in merkwürdigen Winkeln verdrehten Armen und Beinen auf dem Bauch lag. Ihr Abendkleid und die Unterwäsche darunter waren zerrissen, die Haut darunter voller Blutergüsse und um sie herum hatte sich ein dunkel glänzender Blutsee auf dem Parkett ausgebreitet. Ihre Augen starrten blind auf das Sofa und ihre Haare lagen zerzaust um ihren Kopf. Sie war offenbar daran gezogen worden.
Hinter dem Sofa begann es leise zu wimmern.
Sich mit Mühe nicht auf das ganze Blut um sich herum konzentrierend, ging Kei zum Sofa hinter dem das Wimmern erklang und wusste noch nicht, ob er wollte, dass Colin das hier sah.
Hinter dem Sofa lagen die Doggen. Die ältere war tot, voller Dellen und Blutergüsse. Die andere lag auf der Seite und hatte auf der Flanke einen großen dunklen Fleck unter der Haut sowie zertrümmerte, blutende Hinterbeine. Mit den Vorderpfoten versuchte der Hund, sich unter schmerzerfülltem Fiepen auf dem rutschigen Boden voranzuziehen.
Kei erledigte den Rest und ging zurück zu Colin.
"Du solltest da vielleicht nicht reingehen," sagte er.
Colin war schon in den Flur gelaufen und starrte auf den Boden. Ohne auf Kei zu hören, ging er auf das Wohnzimmer zu.
Kei ließ ihn. Blieb selbst im Türrahmen stehen.
Hinter dem Sessel mit Hirokis Leiche blieb Colin stehen und glotzte mit leerem Gesicht. Er blieb eine Minute oder länger so stehen und sah Hiroki, die Hunde und seine Mutter stumm an, bevor er sich zitternd hinkniete und auf den Boden kotzte.
Kei besah sich das eine Weile, sagte aber nichts. Er ahnte zwar, was in Colin vorgehen mochte, hielt aber dezent den Mund und wartete.
Da Colin in den letzten Stunden außer Cola mit Alkohol und ein bisschen Bier nichts zu sich genommen hatte, gab es nicht viel zu erbrechen, aber er blieb lange auf allen Vieren hocken, bis sein Würgen zu einer Art fassungslosem Schluchzen geworden war.
Der Vampir blieb ruhig, gesellte sich aber zu Colin. Seine Gedanken waren ganz andere als die, von denen er wusste, dass sie angebracht wären. Zumindest unter Menschen.
Als Colin sich mit einem Ärmel über den Mund und die Nase wischte und aufblickte, sah er erst zu den Hunden und dann hastig zu seiner Mutter. Halb ging, halb kroch er zu ihr und tat, als würde er ihr eine Hand auf den Rücken legen wollen, zog sie aber wieder zurück.
"Mum?" Sie war noch warm.
Kei wollte sagen: "Sie wird dir nicht antworten." Ließ es aber.
Vorsichtig ging er zu Colin hinüber und spürte die schwindende Wärme. Das ist noch nicht lange her....
Colin setzte sich auf seine Fersen, zog sich abwesend die Jackenärmel über die Hände und starrte weiter fassungslos auf die Leiche.
Kei sah sich weiter um, fand aber außer noch mehr Blut, nichts wirklich verwertbares. Hirokis Leiche war auch noch warm und die Tatwaffen waren wohl mehrere gewesen. Mindestens ein Schwert war dabeigewesen, wenn das wohl auch nur dazu dienen sollte, die Wunden möglichst groß werden zu lassen. Kei hatte eine Ahnung, wer dahinter stecken konnte, aber so ganz ohne Beweise behielt er seine Vermutung für sich.
Colin tat nichts außer seine Mutter anzustarren und dabei an seinen Ärmeln herumzuziehen.
Irgendwann reichte Kei das Herumgestehe mit leerem Magen.
"Willst du sie begraben lassen?" fragte er daher einfach in den Raum.
Langsam wandte Colin den Blick zu ihm. Sein Mund formte "Warum?" mit sehr wenig Stimme. Er glotzte verständnislos.
Kei wusste darauf keine Antwort. Es gab viele Gründe, aber keiner schien ihm wirklich richtig zu sein.
Wozu begraben? fragte Colin sich. Die Idee kam ihm irgendwie falsch vor. Er sah wieder die Leiche seiner Mutter an und versuchte, sie herumzudrehen.
Kei stand daneben, die Hände in den Hosentaschen und hing der Frage nach, wer das gewesen war, und viel wichtiger: Warum?
Er konnte sich vorstellen, dass das was mit dem Massaker im Garten zu tun hatte, dass er veranstaltet hatte, aber wirklich glauben konnte er das nicht, außer das war dazu gedacht Colin und damit ihm so richtig wehzutun, nur traf das nicht so ganz zu...
Als er es geschafft hatte, seine Mutter auf den Rücken zu drehen, wobei sich ihre verrenkten Gliedmaßen etwas um sie herumschlangen, nahm Colin ihre Arme hoch und legte seinen Kopf auf sie, und ihre Arme um sich.
Kei betrachtete das nur wortlos, nicht lange. Stattdessen ging er nach draußen, um nicht noch durchzudrehen und nachzusehen, ob die Täter irgendwas hinterlassen hatten, was eine Andeutung auf ihre Identität sein könnte.


Kei + Colin XXXVI: Dröhnen



Colin blieb dicht vor der Bühne, aber etwas am Rande stehen. Kei blieb nah bei ihm, den Blick auf ihn gerichtet.
"Hier wird es ein bisschen voller als beim letzen Mal."
"Ja." Colin wandte den Blick von der Bühne ab und drehte sich zu Kei um. Er schien etwas tun oder sagen zu wollen, kratzte sich aber nur verlegen den Nacken und betrachtete verstohlen Keis Hemd und Hals vor sich, und die Ketten, die daran hingen. Als jemand an ihm vorbeidrängelte, nahm er das zum Vorwand, noch dichter an Kei heranzutreten. An ihm schienen die Menschen wie automatisch vorbeizufließen.
Der Vampir nahm den Kleineren in den Arm und küsste ihn. Er kam nicht darum herum an ihr erstes 'gemeinsames' Konzert zu denken, und was da alles passiert war – grinsend. Immerhin war die Musik die gleiche. Die donnerte gerade auf sie hernieder.
"Wir sind in Gesellschaft," erinnerte Colin ihn. Obwohl ihm das offensichtlich peinlich war, erwiderte er Keis Kuss gierig.
Kei gab ein "Die sind beschäftigt" von sich und küsste ihn weiter. Und er hatte Recht. Um sie herum sprangen die Menschen auf und ab, schüttelten die Haare und warfen ihre Arme in die Luft, während sie von Shins Band leidenschaftlich angebrüllt wurden.
"Ich mag diesen Soundtrack," sagte Colin zu Keis Lippen und hielt dessen Hemd fest.
"Ja, der ist gut," stimmte Kei zu und küsste Colin wieder, während er ihn dichter an sich heranzog. Colin behielt seine Arme zwischen ihnen und spannte sie an, um einen kleinen Abstand einzuhalten. Wenn Kei bemerken sollte, was gerade in seiner Hose passierte, wäre dieser halbwegs harmlose Moment sofort vorbei und seine Hose schneller offen als er blinzeln konnte. Keis Verstand befand sich irgendwo zwischen der Musik und Colin. Der kleine Restabstand zwischen ihnen kam ihm insofern gelegen, als dass er sich mit der Musik bewegen konnte, wenn auch nicht so herumhüpfend wie der größte Rest des Publikums.
Colin brach den Kuss ab und trat zurück - oder versuchte es.
"Ich brauche was zu trinken. Was willst du haben?"
"Einen Blue Tequila," sagte Kei und ließ den Kleineren los. "Verlauf dich nicht."
"Ich muss doch nur der Pheromonspur folgen," antwortete Colin und bahnte sich einen Weg durch die teils stehenden, teils auf- und abspringenden Menschen zur Bar.
Sie war nun nicht mehr so stark belagert wie zuvor, weil das Konzert gerade losgegangen war, aber einige Nachzügler standen noch für Getränke an. Während Colin wartete, fiel ihm Satou der Schnelltrinker auf, der mit noch einem mit Eis gefüllten Glas an der Bar lehnte und ihn finster anstarrte. Colin stellte sich gerade hin und lächelte ihn ein bisschen an. Woraufhin der nur säuerlich in sein Glas zurückguckte.
Als sich die nächste freie Stelle ergab, stieg Colin auf die Stange am Fuß der Theke und rief nach dem blauen Tequila und Rum-Cola. Der Barmann nickte und wollte der Bestellung nachkommen, als er Colin noch einmal genauer ansah und die Stirn runzelte.
"Darf ich mal deinen Ausweis sehen?" rief er.
"Den habe ich mit meinen Sachen vorne abgegeben," log Colin. Der Barmann blickte zweifelnd drein, doch der Schnelltrinker unterbrach ihn.
"Gib mir einfach die Getränke."
Der Mann nickte und machte sich sofort daran. Er stellte sie vor dem Schnelltrinker ab und ließ sich von ihm bezahlen. Colin rutschte zu ihm, als der Barmann sich wieder wegdrehte um den nächsten Wunsch zu erfüllen.
"Danke. Wie teuer ist das?"
"Tausend," brummte er. Er nahm die Scheine von Colin an, der ihn wieder anlächelte.
"Du bist also doch kein Arschloch, das ist beruhigend," sagte er und nahm die Gläser.
"Ja ja, jetzt verpiss dich, Schwulette."
Mit einem Schulterzucken suchte Colin sich einen Weg zurück.
Kei hatte seine Position nur minimal geändert und war gerade dabei seine Frisur zu ruinieren, als das Lied ein bisschen ruhiger wurde und er sich umdrehte und Colin erblickte, der mit den Gläsern in seine Richtung kam. Der Vampir kam ihm entgegen und nahm ihm ein Glas ab.
"Danke," sagte er und schoss gleich hinterher: "Wie bist du am Barmann vorbeigekommen?"
"Unglaublich aber wahr: Der Schnelltrinker hat für mich bestellt. Ohne dass ich gefragt hätte." Colin schmunzelte. "Und dann hat er mich mit 'Schwulette' verabschiedet. Was für ein hilfsbereiter, guter Mensch," sagte er mit einem seligen Lächeln. "Ich glaube, er könnte es nicht ertragen, wenn jemand ohne Alkohol bleiben müsste."
Kei lachte. "Auf unseren griesgrämigen, betrunkenen Lebensretter." Er prostete Colin zu.
Colin hob sein Colaglas ebenfalls und trank.
Kei trank sein Glas halb leer und stellte es dann auf der Bühne ab. Von irgendwo hörte er ein Mädchen leise schreien. Es war kaum zu hören, wenn man so dicht bei den Boxen stand, und außer ihm konnte das Geräusch niemand bemerkt haben, aber Kei wusste in etwa, wo es herkam.
Colin war nicht so gierig. Auch hielt er sein Glas noch fest, sozusagen als Schild gegen Aufdringlichkeit, und sah der Band zu.
Bei sich dachte Kei Da haben wir den ersten Zwischenfall auf dem Klo... Er beachtete es nicht weiter, schließlich kam das ständig vor. Nur schien sich kaum einer darum zu kümmern. Er auch nicht, das war nicht sein Problem. Nur konnte er als einziger nicht behaupten, nichts mitzubekommen. Zu seinem Glück war ihm das völlig egal.
Er küsste Colin und konzentrierte sich auf die Musik anstatt die leisen Nebengeräusche. Den Kuss brach Colin schnell wieder ab, um noch einen Schluck zu trinken. Das Glas erfüllte seine Schildfunktion vorzüglich. Allerdings behielt er eine Hand auf Keis T-shirt, ohne es besonders wahrzunehmen. Er merkte auch nicht, dass er sein Glas schon beinahe geleert hatte. Kei widmete sich etwas mehr der Musik, blieb aber dicht bei Colin und behielt eine Hand auf dessen Hüfte.
Als er wenig später feststellte, dass sein Glas leer war, hielt Colin es mit beiden Händen fest, damit Kei es nicht auffiel und er es weiter als Vorwand für Abstand benutzen konnte. Dankbar ließ er sich durch den brüllenden Sänger von Keis Hand ablenken.
Kei verlor sich langsam in der Musik, wobei er dicht bei Colin blieb. Das Glas des Kleineren fiel ihm nicht weiter auf, er achtete mehr auf die Musik.
Nun wurde es Colin zu blöd. Er war zum Spaßhaben hier, und nicht um sich schüchtern an einem Getränk festzuhalten. Er stellte das Glas neben Keis auf der Bühne ab und trat zur Seite, um sich zu den Herumspringern zu gesellen und die Haare zu schütteln. Wenn Kei es schaffen sollte, ihn dabei zu begrapschen, wäre das zwar lästig, aber zumindest ein wenig beeindruckend.
Kei widmete sich ebenfalls dem Headbangen und Herumspringen. Ab und an nahm er sich einen Schluck aus seinem Glas. Dass viele Menschen um ihn herum standen/sprangen/fielen war ihm so ziemlich egal.
Da er selbst nichts mehr zu trinken hatte, tat Colin sich zwischendurch auch an Keis Getränk gütlich, bis das Glas (ziemlich bald) leer war. Am Ende eines Liedes strich er sich die Haare auf eine Seite und bahnte sich einen Weg in Richtung Klo.
Kei hatte gar nicht bemerkt, dass sein Glas leer war und widmete sich weiter dem kunstvollen Ruinieren seiner Haare. Die paar Menschen, die ihm dabei gelegentlich näher kamen, als er für gut befand, hielt er gekonnt und schmerzhaft auf Abstand.
Colin kam nach kurzer Zeit in die Halle zurück, ging zur Bar, ließ sich Trinkwasser geben und ging damit zu den Toiletten zurück.
Dort hielt er sich noch minutenlang auf.
Kei hatte zwar Notiz von Colis Abwesenheit genommen, sorgte sich aber kein Stück. Der würde schon wieder zurückfinden. Er sprang auf den Rand der Bühne und warf sich einfach die Menge. Kurz vor der Mitte der Zuschauermenge kam er wieder auf den Boden. Als er wieder vorne war, fiel ihm auf, dass Colin immer noch nicht zurück war. Wo steckt der?

Tatsächlich war Colin nach seinem eigenen Toilettenbesuch ein Mädchen in schlechter Verfassung aufgefallen, das auf dem Flur saß und von zwei weiteren Frauen umsorgt wurde. Es wurde ihm nichts gesagt und er wollte nichts mutmaßen, aber es war offensichtlich, dass ihr etwas angetan worden war, und für sie hatte Colin das Wasser besorgt. Anders als die Mädchen, denen Strafanzeige oder ähnliches gar nicht in den Sinn zu kommen schien, konnte Colin nicht anders, als zwei ihrer Angreifer zu konfrontieren, als sie wie die reinsten Unschuldslämmer an ihnen vorbeischlurften.
Wenig später waren die Mädchen fort, und Colin und die zwei Angreifer, die noch ihren Freund dazugeholt hatten, waren irgendwie in den Toilettenraum gravitiert, wo Colin nun etwas über Zivilcourage in der Praxis lernte.
Nämlich dass sie wehtun konnte.
Dass sie demütigend sein konnte.
Und dass dies beides ganz sicher zutraf, wenn man sie als einziger hatte.

Da Colin nach einer gefühlten Ewigkeit immer noch nicht wieder da zu sein schien, entschloss sich Kei zu dem Versuch einer Suche und ging tatsächlich zum Klo, da das der einzige Ort war an dem sich Partybesucher neben den Partyräumen länger aufhalten konnten.
"Colin?" rief er in den Vorraum hinein, in dem einige Menschen waren, an denen er sich vorbeidrängte.

Colin klingelten die Ohren etwas zu stark, um Keis Ruf wahrzunehmen. Sein Kopf war ein paarmal gegen die Trennwand der Kabine geschlagen worden und ihm war schwindlig. Er musste an die Decke sehen, weil der Typ, auf dessen Schoß er saß und der ihm die Arme auf dem Rücken festhielt, ihm mit einer Hand unter seinem Kinn den Kopf zurückzog. Der zweite, der ihm das T-shirt hoch- und die Hose heruntergerissen hatte, hielt ihm die Beine fest, während der Dritte ihm dabei half und Fotos machte.
Wegen der würgenden Hand hatte Colin die Flüche und Beschimpfungen aufgeben müssen und röchelte nur noch. Außerdem war er außer Atem. Sie hatten wahrscheinlich sowieso abgeschlossen. Wollte er, dass jemand so auf ihn aufmerksam wurde?
Er schloss die Augen, als das Licht der Deckenlampe seine Kopfschmerzen noch verschlimmerte.
Wenn die feigen Hühner mitgemacht hätten... dachte er.
Kei war bei den Kabinen angekommen und sprang an der Tür hoch, hinter der er mehrere Menschen gehört hatte.
"Loslassen oder ihr überlebt den Abend nicht," spuckte er den Angreifern beinahe ins Gesicht.
Der Typ mit dem Smartphone steckte selbiges ertappt sofort wieder weg und sein Kumpan ließ Colin sofort los. Der, auf dem Colin saß, hielt ihn jedoch weiter fest, wenn auch nicht mehr so nachdrücklich. Der Smartphonekerl schloss eilig die Tür auf und der andere war aufgestanden. Sie hatten es eilig, sich zu verdünnisieren.
Als er die Stimme des Vampirs hörte und der Druck um seine Kehle plötzlich nachließ, atmete Colin auf.
Kei ließ sie nicht ziehen. Er schwang sich über die Tür, schlug dem einem den Kopf an der Wand zusammen, trat dem Smartphonekerl ins Gesicht, dass es knackte und dem Dritten schlug er aufs Schlüsselbein. Das klang am ungesündesten von allem.
Der Vampir drehte sich zu Colin und hob ihn hoch, nahm ihn in den Arm. Mit einer Kraft, die er eigentlich nicht mehr hatte, warf er die Arme um Kei. Als der die drei Halbstarken effizient zusammengeschlagen hatte, hatte er es in der engen Kabine fertiggebracht, sich die Hose wieder hochzuziehen und sie zu schließen. Mit Genugtuung nahm er das schmerzerfüllte Stöhnen um sie herum zur Kenntnis, während seine Nase auf Keis Hemd blutete.
Kei verpasste dem sich hinter ihm Bewegenden noch einen letzten Tritt und machte dann, dass er mit Colin aus der Kabine rauskam.
"Taschentuch?" fragte er, einen Arm noch immer um Colin gelegt. Die Typen hatten Glück, wenn sie das überhaupt überleben würden.
Der schlechte Zustand seiner Peiniger stimmte Colin grimmig zufrieden. Er hatte es ihnen nicht selbst heimzahlen können, aber er hatte einen verdammten Bluthund von Leibwächter, und das war mindestens genauso gut.
Auf Keis Anfrage hin nickte er langsam. Wenn er den Kopf schnell bewegte, fühlte es sich an, als würde sein Gehirn hin- und herschwappen und unangenehm an die Schädeldecke klatschen. Er sortierte seine Hose, den Gürtel und sein T-shirt und sah dann in den Spiegel.
Kei gab ihm eine Portion Papiertücher um sich die Nase abzuwischen und stand daneben, an das Waschbecken gelehnt. Als ein Mitarbeiter des Clubs in den Raum kam sagte er: "Da haben sich drei gefetzt, sehen übel aus. Du solltest nachsehen."
Colin musste fast lachen, aber gab das schnell wieder auf. Es hätte sein Gesicht zu stark strapaziert. Auf einer Augenbraue und irgendwo zwischen den Haaren hatte er kleine Platzwunden, auf dem Wangenknochen auf der gleichen Seite wurde seine Haut etwas dunkler und seine Unterlippe war aufgerissen. Seine Nase war nicht gebrochen, vermutete er, tat aber weh genug. Als das Blut nicht mehr floss und er sich jede Wunde trockengewischt hatte, sah er Kei an. Kei erwiderte den Blick.
"Du siehst grausam aus," stellte er fest. "Die da..." Er deutete auf die Tür - "aber noch schlimmer."
Colin sah dorthin und packte Kei schnell bei der Hand, um sich aus dem Staub zu machen. Kei folgte ihm und lenkte seine Schritte in einen weniger belebten Teil des Clubs, nahe dem Eingang.
Sicher außer Sicht und damit hoffentlich auch aus dem Sinn - betete Colin - sah er sich erst vorsichtig um und dann Kei wieder an. Er sah etwas müde aus.
Kei selbst sah ziemlich wach und gelassen aus.
"Keine Sorge, die siehst du nicht wieder."
"Ich weiß." Jetzt lächelte er. Dabei musterte er Kei. "Ich mache dir echt Umstände, was?" Er hielt immer noch Keis Hand.
"Ach was. Sehe ich etwa angestrengt aus?" Keis Ton war leicht scherzhaft. Colin grinste, kniff dann ein Auge zusammen und beschränkte sich auf ein amüsiertes Schmunzeln.
"Es tut mir Leid, dass wir jetzt fast das ganze Konzert verpassen. Lass uns wieder nach vorn gehen."
"Okay." Kei nahm Colin mit nach vorne, wo nun schon weniger Menschen standen.
Erleichtert, dass die Wahrscheinlichkeit, in einer Wall of Death niedergetrampelt zu werden, merklich abgenommen hatte, besetzte Colin wieder den Platz vor ihren leeren Trinkgefäßen am Bühnenrand. Nun musste er sich mit weniger heftigen und ausladenden Bewegungen zufriedengeben. Das war nicht so schlimm. Denn nun hätte er auch nichts mehr dagegen, von Kei weiter festgehalten zu werden. Er sah zur Bühne hoch und grüßte Shin mit erhobener Faust, als der die Rückkehr der beiden zur Kenntnis nahm. Kei blieb dicht bei Colin, hüpfte ebenso nicht mehr so sehr herum. Das lag hauptsächlich daran, dass die Lieder nun etwas ruhiger geworden waren. Shin grüßte Colin und Kei zurück und stimmte einen schnelleren Song an.
Colin lehnte sich an die Bühne.
Kei hüpfte in Colins Nähe ein wenig herum, entfernte sich aber nicht weit. Colin sah ihm schmunzelnd zu. Nach kurzer Zeit wandelte sich sein amüsiertes Lächeln in etwas anderes, das durstig aber schüchtern aussah. Er errötete ein bisschen. Eigentlich starrte er.
Als er merkte, wie er den kleinen Riss in seiner Lippe weiter aufgebissen hatte, sah er kurz weg und leckte sich darüber, versank aber fast sofort wieder in dem Anblick des Vampirs.
Der Haken ist bestimmt, dass er mich irgendwann selbst tötet oder sowas, dachte er bei sich.
Kei tat, als nähme er keine Notiz von Colins Blicken und hüpfte ein bisschen weiter.
Innerlich grinste er.



Thursday, October 1, 2015

Kei + Colin XXXV: Er steht auf dich



Colin lachte ein bisschen und sah zu den Mädchen, die ihm lachend zuprosteten. Kei ließ seinen Blick durch die Runde schweifen. Seine Augen stachen auch in dem Licht des Clubs hervor. Er kannte niemanden aus der Gruppe. Colin hob seine Flasche ebenfalls und der Rest der Gruppe nahm den Toast mit einem gemeinschaftlichen "Kampai!" auf. Kei fiel in den Toast mit ein, als er unten auf der Bühne ein bekanntes Gesicht sah.
"Ich hab euch hier noch nie gesehen - sprichst du Japanisch?" rief das Mädchen neben Colin über die Musik hinweg. Er nickte.
"Ich war auch noch nie hier. Nehmen wir euch euren Stammplatz weg?"
"Nö, der ist groß genug, und du bist klein genug," lachte sie.
Der Typ gegenüber hatte sein Glas schon geleert und sagte mit finsterer Miene etwas zu dem Jungen neben ihm, als er aufstand und mit dem leeren Glas wegging. Kei schaute zu Colin.
"Erinnerst du dich an Shin? Der scheint heute hier zu spielen." Er deutete nach unten in Richtung Bühne, wo sein Kumpel mit Kabeln in der Hand herumstand und sich unterhielt. Colin sah zur Bühne und nickte.
"Also wird die Musik garantiert gut."
Der Vampir hatte sich etwas weniger breit gemacht um den anderen Platz zu lassen. "Seid ihr öfter hier?" fragte er.
"Alle paar Wochenenden," rief ein Mädchen zurück. "Und immer hier oben."
"Von hier hat man den besten Blick," sagte Kei gut gelaunt. Seine Stimme war tief und ein bisschen angerauht, was seinem Zigarettenkonsum geschuldet war.
"Wird es noch voller?" fragte Colin in die Runde. Es war noch relativ früh, dachte er sich.
"Ja, sehr," antwortete eins der Mädchen. "Aber erst so gegen elf, zwölf."
"Wo ist Satou hin, der Bastard, holt der sich mehr Alkohol, ohne uns zu fragen?"
Der übrige Kerl nickte und lächelte friedlich.
"Vielleicht bringt er euch was mit," schlug Kei vor, der durchaus dazu in der Lage war, sozial zu handeln - wenn es um Colin ging. An die Rückenlehne des Sofas gelehnt saß er da und nahm noch einen großen Schluck Bier.
"Eher nicht," sagte ein Mädchen und nippte an einem leuchtend blauen Getränk mit Schirmchen. Sie lächelte Kei an. "Du hast interessante Kontaktlinsen. In der Farbe könnte ich ERTRINKEN." Sie schlürfte nochmal und schmunzelte.
Der Vampir ließ sie im Glauben, dass er Kontaktlinsen trüge, nur fragte sich rethorisch seit wann die denn im Dunkeln so gut zu sehen seien.
"Das ist keine gute Idee," sagte er.
"Warum, ist es zu tief?" Im Kokettieren war sie gut. Zwischendurch fuhren kleine Verfolger durch die Halle, neben dem stroboskopischen Geblitze.
"Tief und tödlich," entgegnete Kei. "Wie felsengesäumte Küsten." Er nahm noch einen Schluck aus seiner Bierflasche und musterte das fremde Mädchen unauffällig. Sie trug einen engen Minirock aus Leder, ein grobmaschiges Netzhemd mit einem neongrünen BH darunter, eine Netzstrumpfhose und hohe Stiefel. Bis auf den BH war alles schwarz. Ihre Haare in Form eines sehr klischeeasiatischen Pottschnitts hatten neonpinke Strähnen und sie trug bunten Plastikschmuck mit Totenköpfen, Malteser Kreuzen und anderen Motiven. Ihre Fingernägel waren auch neongrün und ihr großzügig aufgetragener Lidschatten rosa. Sie war an so ziemlich allen Standards gemessen sehr hübsch.
"Ich liebe das Meer," entgegnete sie und steckte ihrer Nachbarin, die neben Colin auf dem Sofa saß, ihren Cocktailschirm in die Haare.
Kei stellte fest, dass die ganze Gruppe ziemlich ansehnlich war.
"Nur so lange bis dich eine Strumflut in die Tiefe reißt und nicht wieder zurückgibt." Sein rechter Arm lag um Colins Schultern. Er mochte solche Situationen. Noch war ihm nicht ganz genau klar, was sie von ihm wollte. Ihn anschmachten, ihn abschleppen, abgeschleppt werden, einfach nur Komplimente machen oder einen spendablen Typen. Möglichkeiten gab es viele.
Colin musterte alle und verfolgte den Austausch interessiert, während er sich an seiner Bierflasche festhielt. Als der Schnelltrinker zurückkam und sich mit zwei neuen Gläsern (beide für sich selbst) wieder hinsetzte, nickte er ihm lächelnd zu. Der warf ihm nur einen ziemlich unfreundlichen Blick mit hochgezogenen Augenbrauen zu und sagte wieder leise etwas zu seinem Nachbarn, der kaum darauf reagierte.
"Ich habe nichts dagegen, in die Tiefe gerissen zu werden," sagte das Neonmädchen, "und wenn ich mal hingerissen bin, möchte ich auch nicht wieder losgelassen werden."
"Oho!" Die anderen drei (außer Schnelltrinker) lachten.
"Wie du rangehst," das Mädchen neben Colin knuffte ihn in die Schulter und er grinste amüsiert.
"Lass uns schonmal runtergehen," rief das Lockenmädchen mit den hohen Ringelstrümpfen dem ruhigen Kerl zu, der nickte.
"Das würdest du aber, sobald der Sturm verflogen ist, liegst du tot und einsam auf dem Meeresgrund." Innerlich lachte Kei sie ein bisschen aus, aber davon merktle man nichts. Seine rechte Hand spielte ein bisschen mit Colins Haaren herum.
Locke und Stoiker standen auf und kletterten hinunter, um zur Bühne zu gehen.
"Ich komme mit!" Das Mädchen neben Colin sprang auf und ging hinterher.
Colin sah auf, als würde ihm gerade etwas einfallen.
"Ich fahre bestimmt nie mit dir ans Meer," sagte er trocken.
Kei schaute seinen Freund an. "Dich ertränke ich schon nicht," entgegnete er und wendete seine Aufmerksamkeit Colin zu. Der schmunzelte.
"Könnt ihr das vielleicht mal lassen? Das ist ja widerlich," sagte Schnelltrinker. Er hatte schon eins der Gläser geleert.
"Ich finde es niedlich," sagte Neon und begab sich auf den freien Platz neben Colin.
Kei schaute den Griesgram an. "Bist du immer so mies drauf, wenn du Alkohol trinkst?"
"Nein. Ich bin immer mies drauf," entgegnete er und grinste humorlos.
"Weil er frustriert ist," steuerte Neon bei. Sie legte eine Hand auf Colins Knie. "Er hatte nicht so viel Glück wie ihr."
Schnelltrinker grunzte und stand auf.
"Wie meinst du das?" fragte Colin.
Langsam aber sicher ging Neon Kei auf die Nerven. Er ließ das völlig unkommentiert und malte sich die Antworten auf Colins Frage aus.
"Du solltest weniger trinken, das machts nicht besser." Mit diesem Satz ließ er den Schnelltrinker vorerst in Ruhe.
Neon zuckte graziös mit den Schultern.
"Er behält keine Freundin, weil er sie alle scheiße behandelt," sagte sie schlicht. "Das meine ich mit Glück. Du wirst gut behandelt, oder?" sagte sie, indem sie Colin durch die Haare strich. "Du hast schöne Haare."
Schnelltrinker war auf dem Weg nach unten. Schlecht gelaunt.
Colin war zu perplex, um auf die Tuchfühlung zu reagieren.
"Äh. Ja?" Er runzelte die Stirn und trank.
Kei ließ es bleiben, Neon tödlich anzufunkeln, man konnte sich auch anstellen, aber er war nunmal eifersüchtig.
"Soll er sich halt benehmen," war alles, was er noch über den Griesgram zu sagen hatte. Dass der Kerl mies drauf war, weil er seine Freundin scheiße behandelt und dann verlassen wird - selbst Schuld.
Aus dem Mikro von unten ertönte ein "Kei, beweg deinen Arsch hier runter, ich hab dich gesehen."
Colin grinste und sprang auf das Geländer zu.
"Was willst du mit dem Arsch von meinem Freund?!" brüllte er gutgelaunt zur Bühne. Shin lachte.
"Anfassen, was denkst du denn?" brüllte er zurück. Kei stand daneben und schwang sich so auf das Geländer, dass er bequem darauf saß.
"Komm du doch rauf!"
Im Hintergrund lachte Neon. Colins Übermut ließ es ihn für eine gute Idee halten - nicht dass er mehr groß nachdachte - Kei auf den Hintern zu hauen. Dass er hoch über dem Boden der Tanzfläche saß, sie sich in der Öffentlichkeit befanden und Kei das wahrscheinlich nicht besonders schätzen würde, fiel ihm nicht ein. Kei guckte Colin mit einem warnenden Blick an, der eindeutig zeigte, was er von diesem brillianten Einfall hielt. Er sagte aber nichts dazu. Das Gleichgewicht verlor er keineswegs, er bewegte sich nicht einmal groß auf dem schmalen Geländer.
Sofort blickte Colin verlegen drein. Reiß dich zusammen, so betrunken bist du noch lange nicht!
Kei war nicht gerade nachtragend, wenn er keinen großen Grund hatte und so küsste er Colin.
"Ich geh dem Penner Hallo sagen, er scheint festgewachsen zu sein da unten. Kommst du mit?"
Dankbar nickte Colin und begann schon den Abstieg.
Kei schwang sich über das Geländer und landete am Fuß der Treppe, wo er auf Colin wartete.
"Ist das klug, so auf dich aufmerksam zu machen?" fragte Colin ihn auf dem Weg zur Bühne.
"Das ist nicht so hoch, das fällt nicht sonderlich auf, außer mit Sportlichkeit," sagte Kei, der sowieso oft darauf angesprochen wurde, ob er denn Parcour machen würde. Colin, für den Sportlichkeit ein nur theoretisch bekanntes Konzept war, nahm das so hin und sortierte sich etwas hinter Kei ein, dem die Leute beinahe von selbst Platz zu machen schienen.
Kei marschierte bis zur Bühne durch und wurde, kaum dort angekomen, von Shin umarmt.
"Was hat das so lange gedauert? Du bist doch sonst schneller," neckte der.
"Fresse, fang du ja nicht von Schnelligkeit an, Shin."
"Er hat auf mich gewartet," meldete sich Colin zu Wort. Er musterte Shin und den Rest der Band sowie den Aufbau gutgelaunt.
"Dich hab ich doch schon mal gesehn... Genau! Du warst bei einem Konzert. Woher kennst du Kei?" fragte Shin neugierig, während Kei sich dessen Gitarre nahm und ein bisschen darauf herumspielte.
"Wir sind in derselben Klasse. Das war übrigens ein gutes Konzert." Er reichte Shin die Hand. "Ich bin Colin... Und meinen Glückwunsch zu diesem Auftritt. Das hier ist eine Nummer größer als der ranzige Schuppen vor ein paar Wochen."
Shin erwiderte den Gruß. "Ich bin Shin. Und danke! Der Auftritt hier hat uns ein bisschen Überzeugungsarbeit gekostet und Kei hat da auch seine Finger drin, keine Ahnung, wie er das angeleiert hat." Er lachte. "Wie kommt's dass ihr in der selben Klasse seid? Hast du'n paar Klassen übersprungen? Kei, mach dich nützlich und stimm die Gitarre, wenn du schon darauf spielen musst."
Der Angesprochene gab ein "Bin ich dein Sekretär?!" zurück und spielte weiter.
Yakuza, dachte Colin, so hat er das angeleiert.
"Wenn du sie stimmen würdest, würde das jetzt auch nach was klingen," bot Colin an. "Ja, ich bin etwas gesprungen. Habt ihr CDs oder Downloads im Angebot? Damit solltet ihr aufwarten können, wenn euch der Auftritt hier was bringen soll." Er wollte nicht klugscheißerisch klingen. Er wollte wirklich helfen. "Sonst nimmt das Interesse an euch schnell wieder ab." Er musterte Shin.
Shin grinste.
"Haben wir tatsächlich, die sind aber hinter der Bühne für nach dem Auftritt, damit sie nicht aus Versehen wegkommen."
Kei indes stimmte die Gitarre tatsächlich ein wenig, um den Klang des melodischen Autounfalls in etwas vernünftiges zu verwandeln. Shin musterte den Kleineren ebenfalls ein wenig.
Anders als bei dem vorigen Konzert versuchte Colin offensichtlich nicht, sich unsichtbar zu machen und glotzte Kei auch nicht wie ein gejagtes Tier an, also das konnte dem Gitarristen möglicherweise auffallen. Ansonsten war der Junge dieselbe Person, wenn auch diesmal in schwarz mit Bändern um Hals und Handgelenke, was ihn vielleicht nicht älter, aber weniger kindlich als damals wirken ließ.
Er schmunzelte.
"Was kostet es, eine mit Absicht wegkommen zu lassen?" fragte er.
"Nimm sie als Werbegeschenk. Lass es mich oder Kei wissen, wenn du die anderen auch haben willst, ich mach dir'n Freundschaftspreis." Shin schmunzelte. "Und jetzt mal Klartext. Kei ist nicht gerade dafür bekannt, mit anderen Menschen etwas zu unternehmen. Und mit Schul- oder Klassenkameraden habe ich ihn noch nie gesehen. Wie hast du das angestellt?"
Kei hörte den beiden zu, während er auf der Gitarre eine ruhige Melodie spielte.
Colins Lächeln verzaghaftete sich.
"Äh. Ich habe eigentlich gar nichts angestellt." Das stimmte ja auch eigentlich. Waren sie so verdächtig und verhörwürdig? Und wenn er jetzt sagte, dass sie ein Paar waren - wenn er sowas überhaupt sagen durfte - was würde dann passieren, das wäre ein öffentliches Coming-Out, auf einer verdammten Bühne sogar. Er warf einen kurzen, vorsichtigen Blick auf Kei und schob seine Hände in die Hosentaschen.
"Äh, ich glaube er steht auf mich?" bot er mit hochgezogenen Schultern an. Er wusste, dass Kei 'auf ihn stand', aber als Frage und Vermutung formuliert klang das weniger eingebildet.
Shin schaute verwundert, dann grinste er.
"Ich dachte schon, Kei wäre unfähig Zuneigung zu empfinden. Gratulation. Steht er nur auf dich oder-"
"Shin, ich höre dich sehr gut," warf Kei ein und schaute Colin an - amüsiert. Er stand auf, legte die gestimmte Gitarre vorsichtig beiseite und ging zu Colin, legte einen Arm um seine Schultern. "Tu ich das - bist du dir sicher?" neckte er ihn.
Colin hatte begonnen, darüber nachzudenken, warum Shin so an Keis persönlicher Entwicklung interessiert sein mochte. Er lächelte gespielt unsicher.
"Wenn du mich so fragst..."
Kei hatte sein Gesicht dicht bei Colins. "Ja?"
"... muss ich glatt mit Ja antworten."
"Ganz schön selbstsicher für deine Größe," kommentierte Kei, bemüht, sein Grinsen zu verbergen.
Colin versteifte sich und musste zu Boden sehen. Er schämte sich wirklich, schmunzelte aber trotzdem, weil er sich eins nicht verkneifen konnte - die Vorlage war einfach zu gut:
"Du hast dich nie über meine Größe beschwert," sagte er leise.
Jetzt lachte Kei. Er machte nur Spaß und war der Meinung, dass Colin das auch wusste. Er ging einfach dreist davon aus. Er küsste ihn.
Shin lachte ebenfalls.
"Nehmt euch ein Zimmer, ihr seid ja schlimm... Ja, er steht wirklich auf dich," wendete er sich an Colin. Mit einem verlegenen Grinsen rieb Colin sich das Kinn und räusperte sich.
"Wir sollten nicht weiter stören, was?"
Kei lachte nur und nahm ihn mit zur Bühnentreppe.
Shin widmete sich seinen Kollegen und sehr bald darauf ging das Konzert auch schon los. Mit einem schnellen Song, der die Aufmerksamkeit der meisten Anwesenden schnell auf die Bühne lenkte.


Kei + Colin XXXIV: Heiligabend



FREITAG
Es waren einige Tage vergangen und Weihnachten stand vor der Tür, buchstäblich, denn es war in zwei Tagen. Kei war das herzlich egal, da er nie Weihnachten gefeiert hatte. Seine Klassenkameraden, zumindest der Großteil, waren im Stress. Im Weihnachtskitschstress. Wem schenkte man was? Wie rosa sollte es ein? Das war beinahe alles, was Kei zu hören oder zu sehen bekam, bevor er am Nachmittag das Gebäude verließ und nachhause ging - endlich Ruhe!
Er schrieb Colin von zuhause eine SMS.
'Ist Weihnachten in Schottland auch so kitschig?'

Colin schmunzelte, als er die Nachricht las und schrieb zurück:
'Aye. A little different.'
Er saß mit Schulbüchern auf seinem Bett und machte Aufgaben, die in der Schule übersprungen worden waren.

Kei grinste als er das las und legte seine Gitarre zur Seite.
'Wie anders?'

'Festlicher. Rustikaler. Nicht nur für Paare sondern für Kinder. Mit Schnee und Lichtern und Tannenbäumen und Braten und auch die Kinder dürfen einen Schuss Gin im Kakao haben. ;P '

'Klingt nach Familie.' schrieb Kei zurück, der Familienleben oder Familienfeste nur aus dem TV kannte, wenn überhaupt.

'Ja. Das kann schmerzhaft, laut und tränenreich werden.'

Kei schrieb einen fies lachenden Smiley zurück und setzte drunter: 'Mit Katana, Nebelmaschine und gemeinen Schwestern.'

Das verstand Colin nicht. Er antwortete nicht mehr, sondern schrieb weiter Antworten auf.

Kei steckte das Handy weg und spielte weiter Gitarre.
Das tat er noch lange. Am nächsten Tag würde Samstag sein und er mit Colin in die Disco gehen. Das versprach ein guter Tag zu werden.

Nach einer Weile schickte Colin Kei eine Musikdatei. God rest ye merry gentlemen, ein traditionelles Weihnachtslied.
Kei öffnete es und legte das Musik spielende Telefon neben sich und lauschte. Es war bloß Gesang eines großen Chores mit männlichen und weiblichen Stimmen jeden Alters in einer großen Halle (einer Kirche), mit verschiedenen Soli. Kei hörte dem zu und spielte die Melodie auf der Gitarre mit.
Irgendwann schrieb er Colin wieder.
'Wann willst du morgen eigentlich abgeholt werden?'

'Treffen wir uns um 9 davor.'

'Ich dachte du wolltest abgeholt werden? : P '

Colin rollte die Augen.
'Hol mich um halb 9 ab.'

'Alles klar.'

Der Freitag neigte sich dem Ende zu und ehe Kei sich versah, war es Samstag früh.

SAMSTAG
Außer Geige üben - besonders auf der elektrischen - tat Colin nicht viel. Seine Geschenke hatte er schon vorbereitet und für den Weihnachtsmorgen unter den Baum gelegt, und für Schularbeit war er etwas zu unkonzentriert. Um kurz vor halb neun verließ er das Haus und stellte sich vor das Tor, wo er sich an einen der gemauerten Pfeiler lehnte.

Kei hatte sich mal Mühe gegeben und seine Haare etwas hergerichtet bevor er das Haus verließ. Deshalb, und weil er vorhatte, nicht nüchtern zu bleiben, ließ er das Motorrad hinter dem Haus stehen. Gegen halb neun Uhr schlug er bei Colin auf. Er sah den Jungen schon von Weitem vor seinem Haus herumstehen, als er auf ihn zuschlenderte.
"Hey!"
"Hey." Colin strahlte. Das hatte er nicht vorgehabt, aber es passierte trotzdem.
Er hatte sich nicht sonderlich hergerichtet, sondern nur darauf geachtet, dass alles was er trug schwarz war. Ein enges schwarzes T-shirt unter einem kurzärmeligen, offenen schwarzen Hemd, eine schwarze Jacke mit Kapuze, schwarze Jeans, Stiefel... und natürlich die breiten Armbänder und das Halsband, um die Spuren zu verdecken. Seine weiße Haut und die blonden Haare, die er offen trug, waren das einzig helle an ihm.
Kei war ebenfalls ganz in schwarz, wobei sein T-shirt mit silbernem Kleinkram und seine Hose mit diversen Ketten und Aufnähern benäht waren. Über dem T-shirt trug er eine lederne Bikerjacke, an der eine Kapuze befestigt war.
"Wir müssen leider Bahn fahren, das Motorrad bleibt heute stehen," sagte er grinsend.
Als er schließlich bei Colin angekommen war, küsste er ihn.
"Hm," entgegnete Colin Keis Mund, als er den Kuss erwiderte. "Dann lass schnell da runtergehen. Es ist kalt." Er nickte in Richtung U-Bahnstation.
"Ja." Kei wandte sich um und setzte sich mit Colin in Bewegung.
"Warst du mal da drin?"
"In dem Club oder der U-Bahn?"
Colin lachte. "Kuroyakoto."
Das hatte Kei glatt vergessen - den Namen. Auch, wenn es ein großer, bekannter Club war. Tatsächlich war er schon mal dagewesen.
"Ja, ein-, zweimal. Das endete in der Regel nicht so gut."
Mit einem Blick auf die Anzeigetafel stellte Colin zufrieden fest, dass die Bahn gleich kommen würde. Er schaute Kei erwartungsvoll an. "Was ist passiert?"
"Ein kleineres Drama. Ich war gerade sechzehn geworden. Ist also fast zwei Jahre her, es war Winter und irgendsoein älterer Kerl wollte mich angraben. Als ich draußen eine rauchen war, kam er mir nach und wollte mich an die Wand drücken und... du weißt schon. Er ist erfroren."
Colin musterte Kei still.
Kei schaute weniger ernst. "Die fahndeten nicht mal, die dachten, er ist im Schnee erfroren, weil er besoffen war. Er war so blau, dass er sich kaum auf den Beinen halten konnte. Ich hab ihn nicht zusammengeschlagen. Nur einmal. Dann lag er und ich bin gegangen..." erklärte Kei. Er stand nicht wirklich drauf, vergewaltigt zu werden.
"Er ist wirklich erfroren?"
Ratternd und kreischend fuhr die Bahn ein und hielt an den Markierungen. Eine Tonbandstimme quakte das Übliche, und Colin stieg ein. Kei folgte ihm.
"Ja, ich bin nur schuld daran."
Der Waggon war gut gefüllt, aber nicht so voll wie zu Stoßzeiten. Colin drängelte sich in eine Ecke, wo er sich anlehnen konnte und sich nicht nach oben recken musste, um sich an einem Gurt festzuhalten.
"Und die anderen Male?"
"Ist ähnliches passiert. Mehr oder weniger mit ähnlichem Ausgang."
Colin schmunzelte leise.
"Und was ist mit dem Laden selbst? Taugt der was?"
"Oh ja. Die Musik ist sehr gut und es sind viele Menschen da. Die Getränke sind erschwinglich, deshalb trifft man die verschiedensten Leute. Das Gelände ist riesig und es gibt viele verschiedene verschachtelte Räume mit mehr oder weniger Beleuchtung. Draußen gibt es Feuer, an denen auch Musik gespielt wird, aber leise."
Colin lächelte.
"Du wirst es mögen. Die Musik ist auch ziemlich unterschiedlich."
Allmählich leerte sich der Waggon. Die meisten Fahrgäste stiegen mit ihnen in der Innenstadt aus.
Es waren viele Einkäufer und Paare und einkaufende Paare unterwegs. Auf der Straße standen ein paar mehr Sandwichwerbemenschen als sonst, die blinkten und Visitenkarten für Stundenhotels verteilten.
"Darf ich vorstellen? Weihnachtszeit in Tokyo," verkündete Kei amüsiert. Colin grinste.
Auf einem kleinen Platz voller Betrieb mit einem kleinen hässlichen Springbrunnen hielt Colin an.
"Oh, warte mal. Ich bin gespannt, ob das funktioniert-" Er rannte zum Springbrunnen, sprang auf das niedrige Mäuerchen und räusperte sich laut.
"Was hast du vor?" Kei lief ihm nach und stellte sich davor.
Colin streckte die Hände aus um ihm zu bedeuten, dass er unten bleiben sollte.
Dann begann er zu singen.
"Hark, the herald angels sing, glory to the newborn king,
peace on earth and mercy mild, gods and sinners reconciled."
Es klang sehr klassisch und klar. Colins Stimme war seinem Alter entsprechend beim Singen wie auch Sprechen leicht kratzig, aber er sang hoch und sicher, als hätte er viel Erfahrung darin. Er sah einige der Passanten mit einem feierlichen Lächeln direkt an.
"Joyful all ye nations rise, join the triumph of the skies-"
Kei lächelte und und machte ein Bild von Colin, wie er da singend auf dem Brunnen stand.
"With the angelic host proclaim: Christ is born in Bethlehem."
Er nickte und strahlte eine Dame an, die ihm ein paar Münzen vor die Füße legte. Ihrem Beispiel folgten noch ein paar Leute.
Als das Lied zuende war, waren einige Leute stehengeblieben und klatschten brav, und Colin verbeugte sich. Kei grinste leicht und verkniff sich seinen Kommentar bis die Leute wieder weg waren. Danach fragte er scherzhaft: "Musstest du herausfinden, ob die Leute wirklich weihnachtlich eingestellt sind?"
Davon abgesehen hatte er Colins Gesangseinlage wirklich gut gefunden.
"Ja," sagte der ungerührt, als er vom Brunnen gesprungen war, während er das Geld zählte und einsteckte. "Der Geist von Weihnachten drückt sich in großzügigem Geben aus. Ich wollte wissen, ob die Leute hier im Land der aufgehenden Sonne das begriffen haben." Er tätschelte seine Hosentasche. "Haben sie."
"Du wolltest nur dein Taschengeld aufbessern."
"Was für eine infame Unterstellung." Er drehte sich zum Weitergehen. "Ich wollte meinen exhibitionistischen Neigungen fröhnen. ... Und mein Taschengeld aufbessern." Er schmunzelte.
Kei lachte.
"Taschengeld hast du wohl genug."
"Woher willst du das wissen?"
"Ich hab nen Blick in dein Zimmer geworfen." Kei lächelte.
Colin lächelte auch. Dann machte er eine abwinkende Geste. "Hach, ja, ich hab genug. Dank meiner Nebenjobs als Stripper und Gangsterrapper kann ich mir alles leisten," lispelte er.
Kei prustete los. "Und ich verdien mein Geld mit Nachhilfe..."
"Das wäre sogar wahr, wenn ich dich für Sex bezahlen würde."
Kei grinste dreckig. "Oh, you did."
Colin sah ihn an. "Wann habe ich dich dafür bezahlt?"
"Deine Reaktion war Bezahlung genug."
Colin schubste ihn. Kei griff nach Colins Handgelenk und zog ihn mit sich, sodass sie beide mehr oder weniger unsaft an den Brunnen krachten. Der Vampir lachte bloß. Colin stützte sich auf Kei, ganz im Vertrauen darauf, dass der sich schon über Wasser halten würde. Er biss in Keis Ohr. Kei hielt sie beide tatsächlich über dem Wasser und richtete sich langsam wieder auf. Grinsend küsste er Colins Hals. Mit den Unterarmen versuchte Colin, ihn wegzudrücken.
"Los, komm."
Kei ließ von ihm ab. "Ja. Sonst kommen wir erst morgen an."

Vor dem Eingang der Riesendisco hielt Colin sich etwas hinter Kei, weil er nicht wusste, wie er sie beide hineinbringen wollte. Er drückte ihm nur Eintrittsgeld in die Hand und harrte aus. Von vielen Gästen ließen sie sich Ausweise zeigen, von einigen nicht. Colin war davon überzeugt, dass er niemals ohne Tricks eingelassen werden würde. Kei bestimmt, der wirkte trotz seines Alters erwachsen genug. Colin sah aber einfach zu jung aus.
Kei gab dem Türsteher das Eintrittsgeld und funkelte ihn an. Er ließ beide einfach so durch.
Zu gleichen Teilen erleichtert und beeindruckt sah Colin sich drinnen erstmal um, indem er sich umdrehte.
Kei navigierte Colin zu einer oberhalb einer Treppe gelegenen Sitzecke, wo sonst keiner war und sie einen guten Überblick hatten. Die Bar war auch nicht weit.
"Mach's dir gemütlich, wenn du willst. Ich geh uns was zu trinken holen... Was willst du haben?"
Colin sah sich immer noch begeistert um und kletterte auf die Mitte des ranzigen Sofas. Er zuckte die Schultern.
"Bier," sagte er einfach. Du bist fantastisch, dachte er, als er Kei ansah.
Kei machte sich auf an die Bar und bestellte ein Bier für Colin und eines für sich selbst. Der Barmann fragte ihn gar nicht erst nach seinem Alter und auch die Kollegin sagte keinen Ton. Mit den bekommenen Getränken manövrierte er zurück. Von der Sitzecke aus hatten sie auch einen guten Blick auf die Bühne, wo regelmäßig junge Musiker auftraten und gelegentlich auch Konzerte gestandener Bands stattfanden. Er stellte das Bier vor Colin und ließ sich neben ihm nieder.
"Gefällts dir hier?"
Colin nickte und nahm die Flasche. Er saß im Schneidersitz und hatte seine Jacke auf die Sofalehne gelegt. Er prostete Kei zu.
"Auf dass es heute dröhnen möge."
Kei saß breitbeinig daneben, seine eigene Jacke auf der von Colin. "Auf ein gutes Dröhnen." Er stieß mit ihm an und nahm einen großen Schluck aus der Flasche. Colin nahm ebenfalls einen herzhaften Zug und stellte die Flasche wieder ab. Er beugte sich zu Kei.
Eine kleine Gruppe von Menschen voller Lack, Leder und Schnallen mit eindrucksvollen Stiefeln suchte sich just diesen Moment aus, um nach den freien Plätzen auf dem Sofa und den drei gepolsterten Hockern zu fragen. Kei bedeutete ihnen sich ruhig zu setzen und widmete sich Colin. Er legte einen Arm um ihn und küsste ihn. Colins Grinsen hinderte ihn zuerst daran, aber er erwiderte den Kuss langsam und sanft.
Zwei der Mädchen in der Fünfergruppe quietschten und lachten. Kei beachtete die Geräusche der Mädchen nicht. Mehr die Musik und Colin. Das war wichtiger.