[Keine Warnungen :P
Wie immer: Kritik erwünscht. Viel Spaß beim Lesen.]
Um nicht als Versager zu gelten, tun die meisten Menschen viel für die Augen der Öffentlichkeit.
Wenn ich mir nicht ständig den Arsch aufreißen würde, hätte ich kein
Ansehen und wahrscheinlich auch keine Freunde. Aber tue ich das nur für
mein Ansehen und um Freunde zu haben? Mittlerweile kommt es mir so vor.
Die Schule interessiert mich nicht mehr, und ich brauche die guten Noten
auch nicht für mein Selbstwertgefühl. Ich mache mir noch nicht mal
Gedanken über meine Zukunft, für die ich die Schule brauchen könnte.
Stattdessen wurmt es mich, nicht als das Lexikon der Stufe zu gelten.
Das hat doch was mit Selbstwertgefühl zu tun, oder?
Wir haben einen Sitzenbleiber in unserer Stufe. Ihm scheint es herzlich
egal zu sein, was man von ihm hält. Er arbeitet im Unterricht zwar mit
und macht Hausaufgaben, aber was dabei herauskommt, scheint ihn nicht zu
interessieren. Das ist eigenartig. Er scheint noch nicht mal Freunde an
dieser Schule zu haben. Unsere Lehrer und Mitschüler können ihn
offensichtlich nicht leiden.
Aber ich mag seine Einstellung. Ich hätte gern eine ähnliche. Wenn mir
mein Leben schon am Arsch vorbeigeht, dann will ich auch nicht so an
meinem Image hängen und jedesmal Frust schieben müssen, wenn es ein
wenig zu wackeln scheint.
Zuerst habe ich versucht, ihn zu imitieren. Ich bin mir nicht sicher, ob
es geholfen hat, eine Fünf habe ich jetzt schonmal. Ein bisschen
wehgetan hat sie schon. Es hat mich aber überhaupt nicht bedroht. Mein
Image fühlte sich nicht gefährdet an. Es war sogar aufregend, und ich
konnte nur noch Grinsen. Mein gleichgültiges Vorbild sah mich merkwürdig
an, als ich ihn angrinste.
Aber als mich der gute Mann an der Tafel nach vorn bat, flatterte es doch ein wenig in meinem Magen.
„Warum arbeitest du nicht mehr mit?“ Das war ein sehr ernster Blick, und
ich bekam sofort kalte Füße und zuckte nur mit den Schultern. Eine
Rechtfertigung hatte ich mir noch nicht ausgedacht.
„Liegt es am Stoff? Ist es dir zu langweilig geworden, oder...“ Er
beendete den Satz nicht, sondern wartete auf eine Antwort. Aber ich
hatte leider keine, die gleichzeitig wahr gewesen wäre und ihm gereicht
hätte.
„Weißt du, warum du die Fünf bekommen hast?“
Ich riss mich zusammen und schüttelte den Kopf. So laut, dass alle es
hören konnten, sagte ich: „Nein, ich selbst hätte mir `ne Sechs
gegeben.“
Mein Lehrer wirkte irgendwie ratlos. Er seufzte und sagte: „Dann komm` doch bitte heute nachmittag in meine Sprechstunde. Okay?“
Aus alter Gewohnheit nickte ich, anstatt gleichgültig mit den Schultern zu zucken.
Er ist der stellvertretende Direktor und hat sein eigenes Büro. Ich muss
hier auf ihn warten. Als er zurückkommt, ist mein neues Vorbild bei
ihm. Letzterer begrüßt mich und setzt sich an einen Tisch in einer Ecke,
auf dem ein paar Papierstapel liegen. Er beginnt, die Zettel einzeln zu
falten.
Und unser Lehrer fängt an, zu sprechen. Er sitzt hinter seinem
Schreibtisch und ich davor, sodass ich dem Zettelfalter den Rücken
zuwende und seine Anwesenheit bald vergessen habe.
„Sooo,“ sagt der stellvertretende Direktor, „jetzt sag mal, was los ist.“
„Na, nichts. Nichts, von dem ich wüsste.“
Er sieht mich ungläubig an, und jetzt fülle ich meine Rolle richtig aus.
Es stört mich, hier zu sitzen und sein Gesichtsausdruck nervt. Der
Ausdruck ‚Scheiß drauf’ fährt mir durch den Kopf.
„Na komm schon. Vielleicht kann ich helfen.“
Ich überlege, was ich antworten könnte, und beschränke mich darauf, aus
ehrlicher Frustration in Ermangelung eines guten Einfalls genervt die
Augen zu rollen und zur Seite zu blicken. Es passiert nichts weiter, man
kann nur das Papierknicken hinter mir hören.
Der stellvertretende Direktor fängt jetzt an, zu reden. Dabei sehe ich
aus dem Fenster hinter ihm in den Himmel. Man kann nicht besonders viel
davon sehen, weil dieses Büro zum Innenhof weist. Es sind nur die
schmutzigen Platten, ein paar Fenster und ein Stück Teerdach von der
Schule sichtbar. Auf der obersten Kante hat bis eben eine Krähe
gesessen. Hinter ihr sieht man ein blasses blaues Dreieck von Himmel, in
das jetzt statt des Vogels ein dünner Wolkenstreifen hineinzieht. Durch
das Fenster höre ich jetzt die Krähen, und leider macht mich das auch
für andere Geräusche empfänglich. Was der stellvertretende Direktor
erzählt, wandert in mein Bewusstsein. Seine Stimme stört.
„Ruhe,“ murmele ich. Aber der stellvertretende Direktor redet einfach
weiter. Vielleicht habe ich das auch nur gedacht und nicht
ausgesprochen. Also sage ich etwas lauter: „Ruhe...“
Doch der Mann redet einfach weiter. Er stellt mir Fragen, auf die ich
nicht reagiere. Ich glaube, er verliert jetzt die Geduld. Ich sehe ihn
an.
Sein Gesicht wirkt sehr verwirrt und ärgerlich. Aber er hat endlich aufgehört zu reden. Das Papierfalten hat auch aufgehört.
„Ruhe,“ stelle ich fest.
„Hast du mir nicht zugehört?“ sagt der Mann vor mir mit einer äußerst
scharfen Stimme. Sie jagt mir leichte Furcht ein, aber das
beeinträchtigt meine Antwort nicht. Ich schüttele wahrheitsgemäß den
Kopf. Es gelingt mir, das langsam und bedächtig zu tun. Dabei starre ich
auf sein gespaltenes Kinn. Er hat sehr große Poren. Der Anblick seiner
glänzenden Haut widert mich an. Ich lenke mich damit ab, den
funktionslosen Briefbeschwerer vom Schreibtisch zu nehmen und zwischen
den Händen zu drehen. Ich wage noch einen Blick.
Jetzt verzieht sich sein Gesicht wieder zu einem verärgerten Ausdruck.
Er steht auf, räuspert sich auf eine Art, als sei ihm etwas peinlich,
und geht um den Schreibtisch herum. Genau vor mir setzt er sich auf die
Tischplatte, sodass mir sein Reißverschluss in der Sicht hängt.
Unwillkürlich lehne ich mich zurück.
Mit einem säuerlichen Blick beugt er sich zu mir vor. Er öffnet den
Mund. Er ist zu nah, also kneife ich die Augen zusammen und schiebe
meinen Stuhl mit den Füßen rückwärts. Es geht aber nur ein paar
Millimeter, weil hier Teppich ausgelegt ist, also kann ich nicht
verhindern, dass er mir heiß und feucht und bestimmt unangenehm riechend
irgendetwas ins Gesicht sagt. Ich umklammere den Harzwürfel mit der
einen Hand, und mit der anderen die Armlehne. Plötzlich spüre ich etwas
beängstigend Warmes auf meiner Schulter und zucke zusammen.
Der Lehrer sagt meinen Namen.
Und irgendwie, ich weiß nicht, warum, bekomme ich dadurch eine Scheißangst und schreie mit immer noch zugekniffenen Augen.
„Aaaaaaaaaahh!!!!“ Und schlage gleichzeitig so schnell und so fest wie ich kann mit dem Briefbeschwerer auf seinen Kopf.
Noch während ich mir die Kehle wund brülle, höre ich es vor mir stöhnen und knirschen, und hinter mir fällt etwas um.
„Was zum-?!“
Mein Arm wird brutal zurückgerissen, woraufhin ich den klebrigen Würfel
fallen lasse. Meine Hände zittern. Ich sehe den Mann vor mir an. Seine
linke Schläfe ist ein matschiger roter Fleck, aus dem Blut in den
Teppich sickert. Mein Mitschüler lässt meine Hand los und beugt sich
über ihn. Der Mann öffnet den Mund und stöhnt leise. Ich glaube, ich
gebe auch einen Laut von mir, als Dominik dem Kopf unseres Lehrers
urplötzlich einen harten Tritt versetzt. Es knackt laut und danach ist
alles ruhig. Ich habe aufgehört zu atmen. Dominik betrachtet seelenruhig
und völlig ausdruckslos den kaputten, blutenden Schädel.
Ich sehe auf meine Hand. Es ist nicht so viel Blut an ihr, wie ich angenommen hatte.
„Wieso hast du ihn getreten?“ frage ich verblüfft. Dominik sieht mich entgeistert an.
„Damit er stirbt.“
„Achso.“ Ich bin nicht dazu in der Lage, geradeaus zu denken, und sehe
nur zu, wie er seinen Stiefel am Jackett der Leiche abwischt.
„Warum du? Ich verstehe das nicht,“ fragt er ruhig.
Ich lasse mich auf den Stuhl fallen und sehe wieder aus dem Fenster. Die
schwarze Form der Krähe, die wieder vor dem hellblauen Himmel sitzt,
wirkt beruhigend. Erleichtert seufze ich.
„Ich habe einfach keine Lust mehr,“ murmele ich.
„Scheiße, du tickst jetzt nicht nochmal aus und bringst mich auch noch
um, oder?“ Er hört sich vorsichtig an. Das werte ich als erste
Gefühlsregung seinerseits, die ich miterlebe. Ich ignoriere die
aufsteigende Übelkeit und versuche, zu lächeln.
„Ich habe ihn nicht alleine umgebracht.“
„Das habe ich doch nur gemacht, damit – mann, weißt du, was passiert,
wenn sie dich am Arsch kriegen?!“ Er scheint ziemlich nervös zu sein.
Abgesehen von meiner leichten Übelkeit geht es mir jedoch blendend.
Warum habe ich keine Angst? Vielleicht hilft das kleine Stück Himmel, zu
dem ich immer wieder hinsehe.
„Scheiße... scheiße. Wir müssen ihn verschwinden lassen.“
Er fängt an, herumzugehen und gelegentlich zur Leiche hinunterzusehen,
während ich dasitze und aus dem Fenster sehe. Es wäre schön, die Krähen
wieder zu hören, also öffne ich das Fenster. Hier sind sie nicht
abgeschlossen wie in den Klassenzimmern. Ich öffne es weit und genieße
den Wind und die Geräusche, die er und die Krähen machen.
„Verdammt, verdammt,“ murmelt er vor sich hin.
„Dominik.“
„Was? Nenn mich Nick.“ Ich sehe ihn an, wie er mit einer Hand am Kinn neben dem Toten steht und zu überlegen scheint.
„Ich weiß, was wir mit ihm machen.“
„Was?“
Ich sehe mich um, um in diesem Büro geeignetes Material auszumachen.
Unter dem Tisch, an dem Dominik vorhin saß, steht ein großer Pappkarton,
der noch mit Stapeln ungefalteter Flugblätter gefüllt ist. Er ist groß
genug, nehme ich an. Ich hocke mich davor und halte meine Hände an die
Kanten.
„Wie soll er denn da reinpassen?“
Nick scheint nicht dumm zu sein.
„Wir falten ihn zusammen.“ Mit einem Blick auf den Tisch füge ich hinzu:
„Du bist doch gut im Falten.“ Das scheint ihn etwas zu entspannen, denn
er grinst fast. Dann verschränkt er die Arme und betrachtet die Leiche
nachdenklich von oben. Während er hinter mir denkt, ziehe ich die Kiste
hervor und packe das Papier ordentlich auf den Tisch.
„Okay,“ sagt er, und durchsucht die Jacketttaschen des Mannes.
„Was tust du da?“
„Ich suche nach den Schlüsseln. Es wäre nicht so prima, wenn jetzt
jemand dazukommen würde.“ Er zieht einen dicken, klimpernden
Schlüsselbund aus einer der Taschen und geht damit zur Tür. Beim
Ausprobieren der Schlüssel beobachte ich sein Gesicht und seine Gestik.
Er wirkt so lässig wie immer. Gleichzeitig stellen wir eine To-Do-Liste
auf:
„Wir müssen den Teppich sauber bekommen.“
„Das sollte eine Weile dauern,“ stellt Nick fest.
„Der Harzwürfel muss abgewaschen werden.“
„Dein Ding,“ sagt Nick, „Du hast ihn benutzt.“
„Wir müssen die Kiste stabilisieren, damit er nicht unten rausfällt.“
„Und ich muss noch seine Brieftasche an mich nehmen. Da schau her, es ist der richtige.“
Dominik schließt ab und stopft den Schlüsselbund in seinen Rucksack, der
neben dem Tisch mit den Flugblättern steht. Danach macht er sich sofort
wieder daran, die Taschen zu durchsuchen und nimmt noch ein
Portemonnaie, eine Brieftasche, einen Montblanc-Kuli und Kleingeld an
sich. Währenddessen habe ich in einem Schrank eine Rolle Paketklebeband
gefunden und wende es auf die Pappkiste an. Das dürfte sie für eine
Weile am Zerreißen hindern.
„Okay, wie machen wir das jetzt?“
„Ich schätze, wir werden ihm was brechen müssen. Vielleicht ist ja die
Leichenstarre schon eingetreten,“ sagt Nick achselzuckend.
Ich hebe probeweise eins der toten Beine hoch. Es ist etwas schwer, aber nicht steif.
Ihn in eine Fötusstellung zu falten, ist nicht sehr schwierig, nur
klappt er immer wieder auseinander. Der Karton wölbt sich an den
Stellen, an denen der Kopf und die Beine gegen die Wände drücken. Der
Rest des Klebestreifens behebt das Problem.
In diesem Büro gibt es auch ein Waschbecken, aber leider keine
Reinigungsmittel. Ich finde nur eine kleine Tube mit irgendwas gegen
Flecken, die ich mit etwas Wasser auf dem dunklen Fleck auf dem Teppich
ausleere. Dominik zieht unserem Lehrer die Socken aus und bearbeitet die
Stelle damit, während ich den Harzwürfel am Waschbecken einseife und
abspüle. Er wirft mir eine Socke zu, mit der ich den Würfel abtrocknen
kann.
Wir betrachten den schaumigen, schwarzen Fleck auf dem Teppich.
„Das wird nichts.“
Plötzlich werde ich wieder nervös. Meine Stimme zittert und klingt viel zu hoch:
„Wir kippen einfach irgendwelche Flüssigkeiten dazu, Wasser und Saft,
was wir so hier haben.“ Dominik sieht mich an, als hätte ich was Dummes
gesagt und wartet.
„Was?“
„Verlier jetzt nicht die Nerven.“
„Nein.“
Aber ich merke, dass der Sauerstoff auf einmal weniger wird und schnappe
nach Luft. Ich komme mir selber erbärmlich vor, aber ich mag Atmen nun
mal. Keuchend setze ich mich auf den Boden und lege meine Stirn auf die
Knie, aber auf einmal reißt es mich nach oben, genauer gesagt, Nick
reißt mich am Hemd hoch und zerrt mich vor das offene Fenster.
„... Entschuldige.“
„Kein Ding. Wenigstens hast du nur hyperventiliert, und bist nicht noch auf mich losgegangen.“
Wir grinsen uns an. Draußen hocken jetzt zwei Krähen auf dem Dach.
Nachdem wir eine Flasche Orangensaft auf dem Fleck ausgeleert haben,
sehen wir uns noch nach Dingen um, die wir gebrauchen könnten. Nick
bleibt bei dem, was er bereits eingesteckt hat, und ich begnüge mich mit
ein paar Papieren, die ich im Schreibtisch finde, ohne sie mir näher
anzusehen. Man kann ja nie wissen.
Ich sehe mich im angrenzenden Lehrerzimmer und im Sekretariat um, um
sicherzugehen, dass wir niemandem begegnen, wenn wir ihn raustragen.
„Auf dem Flur ist eine Putzfrau, aber die ist gleich fertig. Sonst ist keiner mehr da.“
„Hätte mich auch gewundert.“ Nick sieht auf seine Uhr, „wir werden alles
hinter uns abschließen.“ Ich nicke. Sein geschäftsmäßiger Ton macht die
Sache wieder ein bisschen unangenehm. Zum Glück haben wir das Fenster
noch nicht geschlossen.
Die Krähen helfen mir mit ihrem Anblick dabei, nicht unsicher zu werden.
Außerdem reden sie mir gut zu. Sie klingen sehr gelassen und scheinen
mich anzusehen.
„Alles klar?“
„Warum hast du eigentlich nie Angst? Nicht, dass ich welche hätte.“
Nick grinst und stellt sich neben mich ans Fenster, das er achselzuckend schließt.
„Vor was sollte ich denn Angst haben?“
„Vor Konsequenzen.“
„Wieso? Wenn ich nur das tue, was ich vor mir selbst verantworten kann?“
„Was ist, wenn du mal einen Fehler machst, wenn du irgendwas bereust, das du zuerst für richtig gehalten hast?“
Immer noch lächelnd, schüttelt er langsam den Kopf. Er sieht nachdenklich aus dem Fenster.
„Ich denke nach, bevor ich handle. Und wenn ich etwas für richtig halte
und es tue, denke ich nicht an die Konsequenzen von außen.“
„Wie kannst du das? Wie kannst du nicht daran denken?“ Wahrscheinlich
klinge ich wieder hysterisch, denn Nick legt kurz eine Hand auf meine
Schulter.
„Das ist keine bewusste Entscheidung. ... Ich denke eben einfach nicht daran.“
Er wirkt so ruhig und gelassen und so verdammt friedlich, dass ich fast
wieder indirekt auf mich stolz bin, weil ich ihn mir als Vorbild
ausgesucht habe.
Nach einer Weile sieht er mich an.
„Können wir gehen?“
Langsam und feierlich nicke ich.
Wir schultern unsere Rucksäcke und machen uns an die Kiste. Plötzlich grinst Nick blöde. Unwillkürlich grinse ich zurück.
„Du findest das klasse, was?“ Er schüttelt den Kopf und kichert.
„Heute ist der erste Tag, an dem ich mein Board nicht dabeihabe. Ausgerechnet. Jetzt könnten wir es wirklich gebrauchen.“
Die Schule ist so leer, dass wir uns beim Schleppen und Schieben gar
keine Mühe mehr geben, leise zu sein. Nicht mal eine Putzfrau ist
irgendwo zu sehen.
Wir machen exzessiven Gebrauch vom Schlüsselbund des stellvertretenden
Direktors und schließen alle möglichen Türen ab, damit wir nicht
überrascht werden können. Nach über einer halben Stunde haben wir es bis
in den Keller geschafft.
„Und wo ist jetzt der Bunker?“ flüstert Nick. Er klingt lustlos und erschöpft.
„Ganz hinten.“
Hier unten ist es ziemlich dunkel, weil wir kein Licht anmachen wollten,
aber trotzdem kann ich sehen, wie er genervt die Augen rollt. Beim
Schieben knurrt er:
„Wozu hat diese Schule überhaupt einen Bunker?“ Es war wahrscheinlich
bloß eine genervte rhetorische Frage, aber ich lasse mir die
Gelegenheit, Klugscheißer zu spielen, nicht entgehen.
„Für Atomschläge. Die Schule wurde dreiundsiebzig gebaut.“
„Ach, darum ist sie so hässlich.“
Wir lachen so leise wie möglich, während er die Tür aufschließt. Die Tür
ist schwer und ungeölt, aber mit etwas Anstrengung und lautem
metallischem Kratzen kriegen wir sie fluchend aufgestemmt.
Der Gedanke an Ohrenzeugen, der mir flüchtig kommt, amüsiert mich eher,
als mir Angst einzujagen. Nur mit Mühe kann ich meinen Enthusiasmus
bremsen und mich davon abhalten, einen Witz darüber zu reißen. Das würde
die adrenalingetränkte Fröhlichkeit sofort zerstören, die gerade
zwischen uns herrscht, und die ist mir zu kostbar.
Wir brauchen eine ganze Stunde, um staubige Europaletten, kaputte Möbel
und anderen Kram aus einer Ecke zu räumen, die Kiste hineinzuschieben,
und sie mit allem zuzustellen.
Nach getaner Arbeit legt sich Nick demonstrativ auf den Boden.
„Ich brauch ne Kippe.“
Mit den Ärmeln wische ich mir das Gesicht ab. Ich fühle mich wie ein
Bauarbeiter kurz vor Feierabend. Jedenfalls wie jemand, der einem
körperlich anstrengenden, ehrlichen Beruf nachgeht und am Abend, wenn er
nach Hause geht, das Gefühl hat, etwas geleistet zu haben.
Ich glaube nicht, dass es immer noch das Adrenalin ist, aber ich bin zufrieden und gut gelaunt.
„Komm. Raus hier.“ Ich halte ihm eine Hand hin und helfe ihm auf.