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Wednesday, October 7, 2015

Kei + Colin XLV: Fleisch



Als es klingelte, ging Kei artig zur Tür, imerhin wusste er, wer davorstand. Relativ schnell hatte er die Polizisten mit der Geschichte, die er Colin zuvor angedeutet hatte, abgespeist und abgefertigt und zum Nachbarn geschickt.
Währenddessen blieb Colin lange im Badezimmer, um sich langsam, sorgfältig und vorsichtig zu waschen, all seine Verletzungen zu inspizieren, die er sehen und erreichen konnte, und sicherzugehen, dass seine Nase auch diesmal nicht gebrochen war und auch nicht wieder zu bluten begann. Er kämmte sich auch sorgsam die Haare und wusch sich gründlich die schwarzen Füße weiß.
Erst als er sich sauber und ordentlich vorkam und sich merklich beruhigt hatte, kam er wieder heraus. Keis Gespräch mit der Polizei hatte zwischen Tür und Angel stattgefunden und sich kaum halb so bedrohlich angehört, wie Colin befürchtet hatte. Als die Polizisten wieder weg waren, tauchte er wieder im Flur auf, weiß und rot und sauber und viel gelassener. Seine Hosen hatte er im Wäschekorb gelassen.
"Die sind wir los," verkündete Kei, während er Colin betrachtete. Keine Klamotten standen ihm auch, befand er, schmunzelnd.
Colin hatte stumm zur Tür gesehen und musterte nun Kei. Es war eigentlich kein gutes Zeichen, aber dennoch sehr praktisch und beruhigend, dass Kei so viel Erfahrung in Kriminalität hatte.
Er leckte sich nachdenklich über den Riss in seiner Lippe, den ihm Kei gestern zugefügt hatte. Er war hungrig.
Er streckte eine Hand nach Kei aus.
Kei gab ihm eine Hand und zog ihn zu sich, küsste ihn. Colin erwiderte den Kuss langsam und sanft.
Nach einer Weile brach Kei den Kuss ab. Es war spät geworden. Annähernd Abend.
"Ich muss mich langsam anziehen," sagte er. Seinen Körper zierten nur Tanktop und Jogginghose.
Colin nickte. Er ging zum Kleiderschrank, wo er seine kleine, frisch erstandene Sammlung in einer Ecke aufbewahrte, und nahm sich einen Satz von allem heraus, um sich auch anzuziehen.
Kei schlenderte mit ihm ins Schlafzimmer, wo er sich erst auszog und dann eine schwarze Hose, ein sauberes dunkelgraues T-shirt und Boxershorts auf das Bett warf und dann anzog.
Als er fertig war, lehnte Colin sich in den Türrahmen und sah zu, mit ernstem und interessiertem Ausdruck im Gesicht. Der Vampir brauchte zum Anziehen nicht lange. Seine Münze baumelte wie immer schon um seinen Hals. Er richtete noch schnell die Haare, kämmte sie durch und war schnell zufrieden.
Mit den Händen in den Hosentaschen beobachtete Colin ihn stumm.
Als er fertig war schaute er zu Colin.
"Ich fahr eben los. In zwei Stunden am Bahnhof in Shinjuku?"
Colin schien kurz zu überlegen, dann nickte er und lächelte.
"Alles klar. Dann sehen wir uns gleich da." Er nahm seinen Helm, zog sich Stiefel an und küsste Colin, bevor er durch die Tür verschwand.
Colin atmete kurz durch und zog sich dann hastig die eigenen Schuhe und seinen Mantel an, setzte sich eine Mütze und die Sonnenbrille auf und horchte auf das Klicken des Haustürschlosses, ehe er hinunterrannte. Als er das Motorrad wegfahren hörte, ging er hinaus und rannte zum U-Bahnhof.

Zwei Stunden später stand er am Shinjukubahnhof. Er hatte sich sehr beeilt, war aber nicht außer Atem. Er hatte Atmen insgesamt nicht nötig, bemerkte er zum wiederholten Mal. Er tat also völlig gelassen, während er andere Wartende vor dem Eingang durch seine schwarze Sonnenbrille beobachtete.
Kei kam einige Minuten nach Colin angelaufen. Das Motorrad hatte er im Hinterhof eines Clubs abgestellt, der seinem Boss gehörte. Er kam aus einer Seitenstraße zum Bahnhof geschlendert.
"Hey," grüßte er knapp und küsste Colin.
Vor Verlegenheit wusste Colin nicht, wie er reagieren sollte. Sein Körper machte das von allein, indem er sich Kei ganz ohne bewusste Absicht zuwandte, den Kuss freudig erregt erwiderte und dann die Sonnenbrille abnahm.
"Du erregst mit Sonnenbrille nachts übrigens mehr Aufsehen, als du brauchen kannst," grinste Kei. "Sie sieht aber gut aus."
"I wear my sunglasses at night," deutete Colin leise das Lied an und steckte die Sonnenbrille ein. "Man darf in mir nicht die Leiche erkennen, nach der gefahndet wird," entschuldigte er sich.
Kei grinste leicht. "So, wo woll'n wir lang?"
"Das solltest du bestimmen. Ich habe in sowas keine Erfahrung."
Colin kam der flüchtige Gedanke, dass Kei unter 'Rausgehen' etwas anderes verstanden hatte, als es bedeuten sollte.
Kei grinste. "Wir sind mitten in Shinjuku. Da findest du überall ein einfaches Abendessen."
Colin schnaubte ungeduldig.
"Da lang." Kei deutete in eine wenig frequentierte Richtung. Sofort marschierte Colin los, mit fest entschlossenem Blick. Kei schlenderte neben ihm her.
Colin sah sich um, musste sich darauf konzentrieren, sich die Menschen anzusehen und sich nicht von den Lichtern und Angeboten der Geschäfte ablenken zu lassen. Ziemlich bald blieb er plötzlich stehen und sagte: "Die da." Er nickte in Richtung einer jungen hübschen Frau, die am Schaufenster eines Buchgeschäfts stand und frierend auf etwas zu warten schien.
"Sie wird vermisst werden, du darfst keine Spuren hinterlassen," sagte Kei und sah sich ebenfalls ein bisschen um.
"Gut, dann der da." Er zeigte unverhohlen auf einen jungen Mann im Jogginganzug, der mit seinen blondierten Haaren und den Ketten um den Hals ziemlich proletenhaft wirkte. Seine Nase war mindestens einmal gebrochen worden und er hatte unregelmäßige Bartstoppeln im Gesicht. Er saß sehr breitbeinig auf einer Bank zwischen zwei Pflanzenkübeln, mit seinem Smartphone in der einen und der Plastiktüte eines Kleidergeschäfts in der anderen Hand. Er hatte die Arme auf der Lehne ausgebreitet, sodass er kaum Platz für andere ließ und die Bank ganz für sich hatte, und hörte mit Ohrstöpseln Musik mit seinem Handy. Dabei rauchte er.
"Okay. Er gehört dir," sagte Kei, der seinerseits ein bisschen Aufmerksamkeit auf sich zog. Er hatte nur eine enge Hose, Stiefel und das T-shirt an. Eine Jacke trug er nicht. Alles wichtige hatte er in den Hosentaschen und den Helm hatte er bei seinem Bekannten an der Bar gelassen.
"Mir?" Er sah Kei überrascht an. Soll ich das jetzt alleine machen?
"Ja, dir. Ich bin gar nicht da, nur wenn's brennt." Kei steckte seine Hände in die Hosentaschen und schaute zu dem Typen hinüber.
Bitte, wie du willst. Colin nickte und marschierte auf die Bank zu. Er setzte sich unverschämt neben den Typen, so dicht, dass der entweder seine Breitbeinigkeit aufgeben oder damit klarkommen musste, dass Colins Bein sich an seines schmiegte. Letzteres schien ihm nichts auszumachen. Er musterte Colin nur überrascht, der ihn direkt ansah und lächelte.
"Hallo. Kann ich eine schnorren?" Er nickte zur Zigarette.
Der Kerl nahm sich einen Stöpsel aus dem Colin zugewandten Ohr und fragte überrascht, was er wolle. Colin lächelte freundlicher und wiederholte seine Frage. Der Typ sah ihn verblüfft an. Vielleicht wunderte er sich darüber, dass dieser Ausländer fließend Japanisch sprach. Oder darüber, wie vertraut er ihn angesprochen hatte. Er sagte nichts, sondern holte nur seine Zigarettenschachtel hervor und ließ Colin eine herausziehen. Ungefragt hielt er ihm noch ein Feuerzeug hin und zündete ihm die Zigarette an. Dabei musterte Colin sein Gesicht interessiert. Der Kerl sah immer noch verwirrt aus. Er musste denken, dass Colin versuchte, ihn anzugraben. Gut, wenn er das tat, denn das war Colins armselige Strategie. Körperlich hatte er gegen kaum jemanden eine Chance, also konnte er niemanden überwältigen, also musste er listig sein.
Kei beobachtete die Szene aus einiger Entfernung aus dem Augenwinkel, als er von einem Strichjungen angesprochen wurde, ob ihm nicht ein wenig zu kalt sei.
Nein... aber wenn du das gerne glauben willst... Er nickte leicht, erklärte dem Jungen, dass er sich verlaufen habe und seit etwa zwei Stunden in Shinjuku umherirre.
Colins Strategie fand er nicht schlecht, nur musste man immer aufpassen, wem man sich so näherte.
Der Kerl fragte Colin, 'welches' er wolle. Als Colin ihn nur verwirrt anglotzte, schnaubte er genervt und steckte sich wieder den zweiten Stöpsel ins Ohr.
Ein Dealer.
"Nichts davon," sagte Colins Mund von selbst. Er lehnte sich zu dem Kerl und zog ihm den Kopfhörer heraus. "Dich," sagte er leise. "Ich habe Hunger."
Der Kerl sah ihn halb schockiert an, doch der Zufall wollte es, dass Colin ihn gerade von oben bis unten musterte und dieser Blick leicht missverstanden werden konnte. Der Kerl schmunzelte dreckig und musterte Colin seinerseits gründlich.
"Ich bezahl dich nicht dafür, dass das klar ist," sagte er und schnippste seine Kippe weg.
Kei bekam die kaum hörbare Konversation mit, während er tat, als wäre ihm etwas kalt.
Gar nicht mal schlecht. Er wendete sich an den jungen Mann neben sich und fragte ihn, ob er ihm den Weg 'zurück' zu einem nahegelegenen Hotel zeigen könne, von dem er gekommen sei.
"Ich will auch nicht dein Geld, nur dein Fleisch," flüsterte Colin und hauchte dem Proleten dabei Rauch ins Gesicht. Das brachte den Kerl zum Grinsen. Er leckte sich die Lippen und wackelte mit einem Fuß. Er legte einen Arm um Colin und raunte ihm etwas ins Ohr.
Kei musterte die beiden. Fass meinen Freund nicht zuviel an... Er erinnerte sich daran, dass der Typ so oder so ein Abendessen war und wandte sich seinem eigenen zu. Das hatte gerade eingewilligt, ihm den Weg zu zeigen, damit er nicht wieder verloren gehe, und grinste zweideutig. Kei nahm das Angebot an. Er hatte nicht vor, dem Hotel auch nur nahe zu kommen.
Colin murmelte eine Entgegnung und legte ein Bein über das des Breitbeinigen. Der legte gleich eine Hand auf Colins Oberschenkel. Colin schmunzelte und musste etwas zwinkern, als ihm der Rauch seines Zigarettenstummels in die Augen stieg.

Kei hatte sich eine Kippe angezündet, während er neben seinem Stadtführer herging, der ihm eine Abkürzung zeigte.
Ein Fehler.
Keine zehn Minuten später war der junge Mann tot und seine Leiche entsorgt.
Gelassen und gesättigt ging Kei zurück zu dem Ort, wo er Colin gelassen und ihn beobachtet hatte.
Der Prolet handelte gerade diskret mit zwei Schülern, während Colin gelangweilt daneben saß und wieder rauchte. Als die beiden Jungen gingen, stand er auf. Dabei ging er sicher, dass er den Oberschenkel des Dealers streifte.
Der stand auch zuverlässig mit auf und legte wieder den Arm um Colin, diesmal aber tiefer, und schob seine Hand in eine von Colins hinteren Hosentaschen. Colin runzelte kurz die Stirn und ging mit ihm die Straße hinunter.
Sie kamen an Kei vorbei, der die beiden vorsichtig musterte und weiter rauchend an der Rückwand eines Lokals lehnte.
Colin warf ihm einen Blick zu, er alles mögliche bedeuten konnte.
Sie bogen in eine Seitenstraße ein.
Kei blieb in Hörweite, aber unsichtbar.
Als Colin sie auf eine lange Reihe Stundenhotels zugehen sah, hielt er an und packte den Kerl beim Arm. Er zog ihn in eine enge Einfahrt zwischen zwei Häusern, wo außer einem hohen Lattenzaun und einem finsteren Hauseingang nichts war.
Es war alles andere als sicher und ideal, aber es war besser als ein Stundenhotel. Der Kerl ging mit und ließ dreckig lachend einen Kommentar über Colins Eile ab. Bei dem Zaun in der unbeleuchteten Gasse ließ er sich von Colin an die Hauswand drücken. Colin öffnete den Reißverschluss seiner Trainingsjacke und schob das Sweatshirt und das T-Shirt darunter hoch, während der Kerl seine Hose öffnete. Colin fischte in seiner Hosentasche nach dem Klappmesser, doch noch ehe er es überhaupt fassen konnte, hatte ihn der Kerl beim Schopf gepackt und drückte sein Gesicht in seinen Schritt.
Kei lauschte vom Dach des Gebäudes aus, neben dem sich die beiden befanden. Zusehen tat er nicht. Noch wartete er ab, ob Colin das Messer doch noch zum Einsatz bringen würde.
Während Colin das Messer herausholte und mühsam blind aufklappte, hatte ihm der Kerl längst seinen Schwanz ins Gesicht geschoben.
"Friss schon, Schwuchtel," schnaufte der Typ.
Colin hob das Messer über seinen Kopf und wollte sofort zustechen, doch der Typ packte sein Handgelenk und drehte es schmerzhaft herum. Colin hmfte nur gedämpft. Den Mund wollte er mit dem Ding, das ihm gerade über die Lippen rieb, nicht öffnen.
Kei zählte langsam von drei herunter, ehe er sich vom Dach fallenließ und geräuschvoll hinter den beiden landete.
"Ich störe wirklich nur ungern, aber ich glaube mein Freund wollte dir ein Geschenk machen." Er hob das Messer auf und rammte es dem Typen in die Schulter.
"Argh!" Er ließ Colin los und packte das Messer. Colin stand eilig rückwärtsstolpernd auf und rieb sich angewidert mit dem Jackenärmel über den Mund. Kei sah den Typen an, hatte schon das nächste Messer in der Hand, und warf es so, dass es im Hals in seiner Aorta steckenblieb.
"Nächstes Mal brauchst du einen Plan B. Er gehört dir," sagte er zu Colin und ging beiseite.
Colin zog sein Messer aus der Schulter des blondierten Dealers und riss mit ihm Sweatshirt und T-shirt sowie die Haut darunter vom Schlüsselbein bis zum Bauchnabel auf. Die zog er mit den Händen auseinander, dann rammte er die Klinge in die Rippen und sägte eine tiefere, weitere Öffnung in den Brustkorb.
Fasziniert sah Akira dem zu, was er da selbst tat, und kniete sich rittlings auf die Beine der Leiche, die vor ihm an der Wand herunter in eine sitzende Position gerutscht war. Ohne auf die Blutspritzer zu achten, die ihn von oben bis unten einsauten oder sich auch nur die Ärmel hochzukrempeln, griff er dem Typen in den Brustkorb und rupfte Stücke heraus, die er sich sofort in den Mund steckte.
Kei betrachtete das Treiben nur. Er selbst war völlig frei von Blut geblieben. Obwohl er sah, wie Akira die Leiche auseinandernahm, hatte er keine Ahnung, wie er das einordnen sollte. Ab und an sah er um die Ecke um zu sehen, ob jemand in ihre Nähe kam und wenn ja, wie er ihnen eventuell den Abend ruinieren konnte. Es kam kaum jemand. Die einzigen potenziellen Zeugen waren zwei, drei Betrunkene, die anscheinend so voll waren, dass sie eh nichts mehr mitbekamen, das von Bedeutung gewesen wäre.
Fasziniert sah er in Abständen zu seinem Akira.
Der hatte das Messer fallen lassen und fraß gierig, mal sogar indem er mit den Zähnen in der riesigen Wunde grub, meistens aber mit den Fingern, und zwischendurch schloss er oft die Augen. Seine Hände zitterten etwas und ab und zu gab er ein kleines ekstatisches Seufzen von sich. Allmählich wurde er langsamer, nachdem er mehrere Hände voll Muskelfleisch und Lunge verschlungen hatte, und biss und saugte nun genüsslich und langsam am Herzen.
Kei sah ihm dabei zu und sammelte die Messer auf. An einem Stück noch nicht besudelten Hemds wischte er die Klingen ab, dann ließ er sie in einem seiner Stiefel verschwinden. Er ließ dem Kleineren alle Zeit die er brauchte und begann einige Meter entfernt, sich mit einer jungen Frau zu unterhalten, die eigentlich in just diese Gasse gehen wollte. Sie ließ es aber bleiben, nachdem Kei ihr eine Geistergeschichte über diesen Ort erzählt hatte.
Irgendwann war Akira auch fertig und stand gelassen auf, immer noch das halbe Herz in der Hand. Er sah sich nach Kei um. Der bog gerade wieder um die Ecke. Blutverschmiert und glücklich lächelte Akira ihn an. Kei erwiderte das Lächeln, während er auf ihn zuging.
"Du siehst aus," sagte er, amüsiert.
"Haha! Wie komme ich jetzt wieder hier weg?" Er lachte berauscht und hielt das Herz hoch, als hätte es etwas damit zu tun. "So kann ich nicht rumlaufen."
"Stimmt. Mit dem Herz in der Hand auch nicht. Plan A, ich hole das Motorrad, Plan B, ich hole dir Klamotten."
"Plan C, ich fliege einfach - oh nein, warte." Er warf das Herz auf die Leiche. "Plan A ist super. Plan A."
"Okay, bis gleich," sagte Kei und war mit einem Satz verschwunden, nur um Minuten später auf dem Motorrad wiederzukommen und neben Colin zu halten. Seinen Helm hielt er dem Kleineren hin. "Wir fahren nicht lange. Ich nehm ne Abkürzung."
Colin nahm den Helm an. Mittlerweile hatte er sich etwas das Gesicht und die Hände abgewischt.
"Fahr nicht nach Hause," bat er.
"Wo willst du denn hin?" wollte Kei wissen.
"Zur Konzerthalle. Auf das Dach." Er stieg hinter Kei auf.
"Okay." Kei startete die Maschine und fuhr in die gewünschte Richtung, wobei er Strecken nahm, die niemals für Motorräder gedacht waren. Diesmal ohne Scham, Verlegenheit oder irgendwelche Bedenken, hielt Colin sich an Kei fest.
Nach etwa einer halben Stunde Fahrt kam Kei an der Halle an und stellte das Motorrad abseits der Straße ab.
"Wir sind da."
Colin nahm den Helm ab und sah hinauf.
"Wie kommst du da rauf? Das ist etwas höher als die Schule."
"Aber nur etwas. Gut festhalten," sagte Kei, als er vom Motorrad abstieg. Colin tat, wie ihm geheißen. Er behielt auch den Helm in der Hand, als er die Arme um Kei legte. Kei sprang aus dem Stand an die Regenrinne des Daches und machte von da aus noch einen Satz nach oben, auf das Dach.
"So komm ich hier hoch." Er lächelte. Die Halle hätte er auch in einem Satz nehmen können, doch Colin schien sich nicht mehr an ihren Besuch des Tokyo Tower zu erinnern und er behielt sich nun vor, seine Stärke etwas für sich zu behalten. Oben ließ Colin ihn los und ging ein paar Schritte. Er sah sich um.
"Wo warst du, als du mich mit der Münze beworfen hast?"
"Ich hab dich nicht beworfen. Ich lag da drüben, das eine Fenster war offen." Er deutete auf die Stelle, an der er gelegen hatte, als er die Münze verloren hatte.
Colin ging gemächlich zur angedeuteten Stelle und setzte sich. Den Helm legte er neben sich ab. Kei setzte sich dazu und ließ sich auf den Rücken fallen. Er betrachtete Colin. Der zog sich die Jacke und die Mütze aus, legte sie auf den Helm und legte sich neben Kei auf die Seite. Mit dem Kopf auf eine Hand gestützt lächelte er Kei friedlich an.
Kei nahm sich Colins andere Hand und drehte den Kopf leicht in dessen Richtung. Eine solche Situation wäre noch vor einem Jahr undenkbar gewesen. Vor einem halben sogar. So lange kannte er Colin noch gar nicht. Der Vampir lächelte ebenfalls, als ihm durch den Kopf schoss, dass einzig sein Unvermögen, eine Münze zu fangen, alles ausgelöst hatte.
Colin stützte sich auf Kei und küsste ihn langsam. Der erwiderte den Kuss lächelnd.
Damit versuchte Colin alles auszudrücken, was er fühlte und in diese Situation gehörte, wie in Liedern und Büchern. Um zu überprüfen, ob es funktionierte, öffnete er die Augen und musterte Keis Gesicht genau. Keis Gesicht zierte ein glücklich-zufriedenes Lächeln. Seine Augen waren geschlossen, nicht mal ansatzweise gefährlich sah er in diesem Moment aus.
Langsam setzte Colin sich auf und zog sein beschmiertes T-Shirt aus. Kei grinste ganz leicht, als er den Kleineren beobachtete. Sein Blick wandte sich kurz gen Himmel, an dem keine Sterne zu sehen waren. Dafür war Tokyo einfach zu hell.
Als Colin sich seines Hemdes entledigt hatte, war Keis dran. Er kletterte auf ihn und schob ihm das Shirt hoch. Das machte er gemächlich und mit viel nicht unbedingt notwendigem Hautkontakt. Er strich sanft über die Schussnarbe.
Kei setzte sich leicht auf, um Colin das Ausziehen seines Shirts etwas leichter zu machen. Er zog ihn ohne sonderlichen Kraftaufwand zu sich und küsste ihn.
Die Schusswunde war gut verheilt, genau wie die anderen Verletzungen, die er abbekommen hatte. Seine freie Hand fingerte gemütlich an Colins Hose herum und öffnete sie schließlich.
Colin zog Kei das Hemd über den Kopf und legte es irgendwohin zur Seite. Er erwiderte den Kuss zärtlich während seine Hände leicht über Keis Wangen, Hals, Schultern und alle anderen freien Stellen fuhren. Von den Ketten ließ er sich auch nicht beirren, und das Piercing benutzte er, um mit den Lippen etwas daran zu ziehen.
"-be dich," flüsterte er mittendrin.
Kei hielt den Kleineren fest. Seine Augen waren immer noch geschlossen, als er etwas unverständliches gegen Colins Lippen nuschelte, das als Erwiderung des Halbsatzes gedacht war. Eine Hand fuhr die Konturen seines Oberkörpers nach. Die andere steckte halb in Colins Hosenbund. Der Vampir küsste ihn einfach weiter.
Leicht und langsam küsste Colin Keis Kinn, Hals, Ohr, Schultern, und was sonst noch so in der Nähe war. Dabei strich er Keis Haare vorsichtig zur Seite. Auf Keis Hand in seiner Hose reagierte er nur unbewusst.
Kei war auf eine ihm bis dato mehr oder minder unbekannte Weise fasziniert. Von Colin, von dem Ort. Von beidem. Er hatte nie gedacht, dass dieses Dach einmal ein schöner Ort sein würde. Es war immer nur ein ruhiger Ort gewesen, an dem ab und an mal Musik lief.
Noch immer hatte er die Augen zu und vergrub eine Hand in Colins Haaren, spielte damit herum.
"Es ist zwar richtig großer Mist passiert-" begann Colin leise.
"Aber?" fragte Kei beinahe ebenso leise.
"Aber... es ist gut, dass du mich mit der Münze beworfen hast." Er küsste Kei weiter auf dem Unterkiefer entlang. Kei lachte ein bisschen.
"Ja, auch wenn ich dich nicht beworfen habe."
"Natürlich hast du. Wie ist die Münze denn durch das Fenster gefallen?" Colin sprach sehr leise.
"Es war offen. Ich hab sie hochgeworfen und sie ist runtergefallen, durch das Fenster," erklärte Kei, grinsend.
Colin schmunzelte ihn triumphierend an. "Da hast dus. Du hast sie geworfen."
"Nach oben," Kei schmunzelte.
"Mit Physik hast dus nicht, was?" Colin grinste.
"Nein. Sie ist nach unten gefallen, weil ich sie nicht gefangen habe. Nicht weil ich dich beworfen hatte. Es ist aber gut, dass sie dir vor die Füße gefallen ist."
"Deine Haarspalterei nervt," beschloss Colin und küsste Kei.
Kei ließ es bleiben, irgendwas dazu zu sagen, und erwiderte den Kuss, zog den Kleineren ein Stück mehr zu sich nach unten. Colin setzte dem nichts entgegen, rutschte aber auf Keis Bauch hinauf, sodass er auf jeden Fall noch auf Kei hinuntersah. Als sein Blick auf seine Hand fiel, die er auf Keis Wange gelegt hatte, stutzte er und hielt inne. Kei öffnete die Augen und schaute Colin fragend an. Der inspizierte seine Handgelenke, indem er sie verwirrt anstarrte und nacheinander befühlte. Die Narben der Drahtfesseln waren verschwunden. Kei tat es ihm gleich.
"Deine Narben sind weg," sagte er, und sprach damit aus, was Colin gerade selbst durch den Kopf ging. Die Brandnarben und Blutergüsse um seinen Hals und in seinem Gesicht waren ebenfalls weg. Colin rieb sich prüfend über die Unterlippe.
"Alles weg," sagte Kei.


Monday, October 5, 2015

Kei + Colin XLIII: Akira




"Er hat es bestimmt mit Holznadeln gemacht, oder? Hat es wehgetan?" Er strich vorsichtig über einen Teil der Zeichnung.
"Ja. Es tat weh, ja. Hat Stunden gedauert."
"Tut sie jetzt immer noch weh?"
"Nicht wirklich."
Colin beugte sich hinunter und biss Kei sanft in den Nacken. Er war hungrig. Kei gab ein seufzendes Geräusch des Gutfindens von sich und bewegte sich nicht weiter. Colin biss fester zu und saugte etwas, versuchte es dann nochmal. Kei grinste ein bisschen.
"Wenn du Blut sehen willst, musst du fester zubeißen,"neckte er den Kleineren und blieb liegen. Brummend richtete Colin sich wieder auf und kletterte herunter. Kei lachte ein bisschen und angelte nach seinen Zigaretten, von denen eine Schachtel auf dem Boden lag.
Colin ging in die Küche und starrte in den Kühlschrank. Ohne nachzudenken nahm er eine Plastiktüte heraus, zog ein rohes Steak heraus und legte es auf einen Teller. Die Tüte legte er zurück in den Kühlschrank, dann nahm er eine Bratpfanne, stellte sie auf und sah dabei das Fleisch an. Guter Kei. Sorgte immer für die Verpflegung seines Menschen.
Kei hatte seine Kippen gefunden und rauchte gemütlich, auf dem Bett liegend.
Colin legte es in die Pfanne, als sie heiß war. Während es briet, starrte er es an. Als er meinte, dass es fertig war, legte er es wieder auf den Teller, streute Salz darauf und stellte es sich auf den Tisch, setzte sich davor, betrachtete es...
Kei lag weiter auf dem Bett herum. Was Colin in der Küche trieb, war ihm herzlich egal, solange er sie nicht abfackelte. Er zupfte ein wenig auf seiner Gitarre herum.
Langsam säbelte Colin sich ein Stück ab und sah es eine Weile an. Es war gut gebraten, außen gebräunt und innen zart und rosa. Er steckte es sich in den Mund, biss drauf und verzog das Gesicht. Er spuckte es aus.
In dem Moment kam Kei in die Küche. "Versalzen?" fragte er Colin als er sah, was er da machte.
"Mbah." Mit den Fingern putzte Colin sich die Zunge ab. "Ist es kaputt?" fragte er Kei mit noch leicht angewidertem Gesicht, während er den Teller in dessen Richtung schob.
"Nicht, dass ich wüsste. Es war heute morgen auch nicht verdorben." Kei schmunzelte.
"Probier doch," verlangte Colin mit Nachdruck. Ungeduldig wackelte er mit einem Bein.
Das tat Kei dann auch. "Fleisch, gebraten," sagte er, nachdem er es probiert hatte. "Ich weiß nicht, wo genau dein Problem ist."
Colin runzelte genervt die Stirn und stand geräuschvoll auf.
"Was?"
Colin marschierte an ihm vorbei aus der Küche. Kei schüttelte nur mit dem Kopf und räumte Colins verschmähtes Essen erstmal in den Kühlschrank, während er sich fragte, was der für ein Problem hatte.
Nachdem er im Flur ein bisschen hin- und hergegangen war, kam er zurück. Kei schaute ihn nur fragend an. Forsch ging Colin auf ihn zu und küsste ihn ein bisschen aggressiv. Der Vampir grinste leicht und erwiderte den Kuss. Colin biss ihm hart auf die Unterlippe und zerrte an seinem T-shirt. Kei fing ein bisschen zu bluten an. Er drückte den Kleineren an die nächstbeste Wand. Colin hmfte und zog Kei das T-shirt aus. Er biss weiter auf seiner Lippe herum und saugte gierig daran. Kei ließ das ausgezogene T-shirt fallen und war so frei, dem Kleineren ebenfalls die Lippe ein bisschen blutig zu beißen, während er ihn fester an die Wand drückte.
Mit einem leisen Stöhnen riss und zog er an Keis Hosenbund und küsste dessen Kinn und Hals. Keis Grinsen wurde etwas breiter, während er Colin mit seiner Hose behilflich war. Danach zog er Colin das Shirt aus. Bereitwillig ließ er sich ausziehen, bevor er sich wieder auf Keis Hals stürzte, ihn biss und saugte, und eifrig in dessen Hose griff. Er schlang ein Bein um Keis, um ihn unnötigerweise dicht bei sich festzuhalten und hielt mit der anderen Hand Keis Nacken fest. Er biss ihn so fest in die Halsbeuge, wie er konnte. Kei hob Colin ein kleines Stückchen hoch und merkte, wie er tatsächlich leicht anfing zu bluten. Sich darüber Gedanken zu machen hatte er beschlossen, auf später zu verschieben. Colins Boxershorts schob er ein Stück herunter, wie ihm das gerade möglich war. Mit einer Hand machte er sich an seines Freundes Körpermitte zu schaffen. Akira schlang beide Beine um Kei und drückte ihn fest an sich. Er spürte Keis Hand sich neben seiner bewegen. Als er das warme Blut schmeckte, stöhnte er ein bisschen und biss nochmal auf dieselbe Stelle, zog und nagte gierig, und er krallte seine Finger fester in Keis Nacken. Kei spürte sich tiefe Kratzer bilden, wo der Kleinere seine Finger in seine Haut bohrte. Ganz zu schweigen von der blutenden und schmerzenden Wunde, die er gerade in seine Halsbeuge riss.
Er hatte Recht gehabt. Colin war tot.
Er war nicht mehr der Junge, den er kennengelernt hatte, nicht ganz. Aber das änderte nichts für Kei. Er zog seinen Freund dichter an sich, was kaum noch möglich war, und drückte ihn gleichzeitig weiter an das schmale Stück Wand.
Er versuchte weiter, dieses eine Stück aus dem Vampir herauszubeißen und saugte gierig. Währenddessen stieß und rieb er sich an ihm und stöhnte und knurrte gleichzeitig. Sein einziger Gedanke war Fleisch. Kei hatte ein bisschen andere Gedanken als sein Freund und war etwas erfolgreicher als er, was die Umsetzung betraf. Viel mehr als Blut und Hautfetzen bekam Akira nicht ab.
Als er ein kleines Stück Haut losreißen konnte, gab er ein leises, ekstatisches Seufzen von sich und sein Bewusstsein wandte sich allmählich dem zu, was Keis und seine Hände taten. Mit geschlossenen Augen lehnte er den Kopf zurück und saugte und kaute auf dem winzigen Fetzen herum. Mit den Schultern gegen die Wand gestemmt und den Beinen fest um Kei gehakt, nutzte er das kaum vorhandene bisschen Spielraum, das ihm geblieben war, um sich mit und gegen Keis Hand zu bewegen.
Kei blutete gar nicht mal wenig, aber die Verletzung war nicht tief. Er bewegte seine Hand ein wenig schneller, drückte ihn weiterhin gegen die Wand. Akira stöhnte auf. Er imitierte Keis Handbewegungen, obwohl er dafür kaum Platz übrig hatte. Bald hörte er auch damit auf und krallte sich nur in Keis Seite fest, als er mit einem erstickten Laut kam. Kei grinste ein bisschen. Dass Akira noch mehr blutige Kratzer auf ihm hinterlassen hatte, bemerkte er nicht.
Er hielt sich weiter an ihm fest und atmete flach und schnell. Er leckte sich über die blutigen Lippen. Kei hielt ihn fest, küsste ihn. Akira erwiderte den Kuss mit halbgeöffneten Augen. Er hielt Kei weiter fest, wenn auch nicht mehr mit seinen Fingernägeln.
Kei nahm den Kleineren mit ins Schlafzimmer.
"Ein Mensch bist du definitiv nicht mehr. Und nur halb tot," sagte er. "Ich wüsste gern, was das Sterben mit dir gemacht hat."
Auf dem Weg wischte Akira sich mit dem Handrücken über den Mund, dann leckte er seine Hand ab. Er hatte gerade kein besonderes Interesse daran, zu analysieren, was das Beinahe-Sterben mit ihm gemacht hatte.
"Du bist noch nicht fertig," sagte er leise mit rauher Stimme.
Kei stimmte ihm zu. "Änder das," sagte er leise.
Akira hielt an wo er stand, und hielt Kei an dessen Hosenbund fest. Langsam ging er auf die Knie und leckte unterwegs die Sauerei ab, die er blutig und schmierig auf Kei angerichtet hatte.
Kei blieb vor ihm stehen, ein leises, leicht dreckiges Lächeln zierte sein Gesicht.
Unsanft rupfte Akira Keis Hosen noch ein Stück herunter, küsste und leckte dann weiter, bevor er ihn mit immer noch blutverschmierten Lippen in den Mund nahm.
Fleisch schoss ihm wieder leise durch den Kopf, bevor er sich zusammenriss. Nicht dieses Fleisch. Er fuhr mit der Zunge und den Lippen über Keis Eichel und rieb ihn trocken und unsanft mit der Hand. Einerseits gefiel dem Vampir, was Akira da tat, andererseits sagten ihm die rauhen, ruppigen Handbewegungen des Kleineren nicht unbedingt zu. Es war eine interessante Mischung aus Ja und Nein zu etwa gleichen Teilen. Keis Gedanken drifteten ab.
Nicht beißen, nicht dieses Fleisch...
Akira machte so weiter und war sich nicht bewusst, was er so falsch machte. Nicht wieder zu Beißen anzufangen, war wirklich das einzige, woran er bewusst dachte. Appetit und Hunger nagten aber natürlich weiter an ihm und so krallte er sich mit einer Hand an Keis Hüfte knapp über dem Hosenbund fest.
Als ihm das nicht reichte, hielt er ihn mit beiden Händen fest und kratzte gierig die Haut, während er es schaffte, mit seinem Mund nichts weiter zu machen als zu lecken und zu küssen und sehr, sehr sanft zu nagen.
Kei gefiel dies deutlich besser, Colins Hände und Fingernägel, die ihm die Haut aufrissen störten ihn nicht wirklich. Er würde das erst bemerken, wenn er irgendwann zur Ruhe kommen würde. Davon war er aber weit entfernt. Er kam ein paar wenige Minuten nachdem Akira angefangen hatte, ihm die Haut zu zerkratzen.
Akira leckte jedes bisschen Sperma hastig auf, saugte gierig und ließ das Mantra in seinem Kopf fieberhaft weiterlaufen: Nicht dieses Fleisch, nicht beißen, nicht dieses Fleisch...
Als nichts mehr kam, zog er eilig den Kopf zurück, blieb aber auf den Knien und hielt Kei weiter fest.
Kei ließ sich festhalten und blieb ein Weilchen so stehen, betrachtete den Kleineren. Was denkst du gerade? fragte er in Gedanken, bezweifelnd, dass Akira ihm eine Antwort geben würde. Fragen würde er, später. Nicht jetzt.
Ihm fiel das Blut auf, das ihm am Körper in kleinen Rinnsalen herunterlief. Er richtete seine Hose, weil er nicht mit halb angezogener Hose herumstehen wollte.
Akira sah zu ihm hoch und ließ ihn plötzlich los.
Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.
Was er mit Kei gemacht hatte, erschreckte ihn ein wenig, was sich auf seinem Gesicht zeigte. Aber es tat ihm nicht leid.
Kei ließ ein leichtes Lächeln sein Gesicht zieren als er sich mit der Hand über die Wunden wischte. "Davon hab ich morgen noch was.", sagte er zu dem Blut, das an ihm klebte. Er studierte Akiras Ausdruck. Hmm, erschrocken...
Er wusste, dass sich etwas in dem Kleineren verändert hatte, radikal verändert, nur nicht was. Die Abwesenheit von jeglicher Reue verwunderte ihn ein wenig, stützte aber seine Vermutung, dass der Junge nicht mehr menschlich war. Ein Geist war er aber auch nicht, oder etwas anderes, das ihm bekannt war.
Langsam stand er auf, wischte wie Kei mit einem Finger durch das Blut und sah es mit so etwas wie milder Traurigkeit an, ehe er es ableckte.
"Entschuldige," sagte Colin matt. Er wusste, dass Kei ihm das nicht übelnahm, aber... es war irgendwie nicht richtig, ihn so zu verletzen.
"Nicht schlimm, solange du mich ganz lässt." Jetzt lächelte Kei richtig, während er ihn ansah.
Colins Augen weiteten sich etwas. Aber ich habe dich nicht ganz gelassen! Guck mich nicht so an!
Er drehte sich um und schloss seine Hose, damit er Kei nicht mehr ins Gesicht sehen musste. Was musste der ausgerechnet jetzt so nett sein? Ich heul gleich, scheiße.
Kei ging ins Schlafzimmer, entledigte sich seiner Hose und warf sich aufs Bett. Nachdenkend.
Colin ließ erleichtert die Schultern fallen, als Kei ging. Nein, nicht erleichtert. Mit dem Handballen rieb er sich über die Augen. Er hob die beiden weggeworfenen T-shirts auf und trug sie ins Schlafzimmer. Noch in der Tür machte er Halt, ehe er sich zusammenriss und zu Kei aufs Bett kletterte. Ohne sich weiter auszuziehen. Kei zog ihn an sich, ließ einen Arm um ihn gewickelt und schien zu schlafen.
Nun war es wirklich Erleichterung, mit der er aufatmete. Er schloss die Augen und brauchte nicht lang, bis er eingeschlafen war. Kei war wach und hörte dem Kleineren beim Schlafen zu, während er seinen Gedanken nachhing.

Später in der Nacht, während der Colins Herz zwischendurch pausiert hatte, wachte Colin auf. Er war sofort hellwach. Vorsichtig hob er den Kopf, um festzustellen, dass Kei schlief. Noch vorsichtiger wand er sich aus Keis Umarmung und kletterte aus dem Bett. Weniger vorsichtig, aber dennoch leise, ging er ins Wohnzimmer, wo er das Fenster zur Feuerleiter öffnete. Er kletterte über den Sims nach draußen, lehnte sich über das Geländer und traute sich nun, zu atmen. Er keuchte mehr, als dass er nur Luft austauschte, weil er nicht laut schluchzen wollte.

Kei drehte sich um, während er schlief, und trat die Decke aus dem Bett.

Es reichte nicht. Er kletterte hinunter und stolperte achtlos über den Hof, auf dem es ein paar Parkplätze gab und an den ein Müllsammelplatz grenzte. Irgendwo konnte er ein Stückchen Rasen mit einem Zaun sehen, hinter dem irgendein Gesträuch hervorragte. Das sah sehr einsam und beruhigend aus. Als er auf dem Gras angekommen war, ließ er sich fallen und rollte sich zusammen. Es fühlte sich kalt an, aber er fror nicht. Er wischte sich die Tränen immer wieder ab, aber das brachte nicht viel, weil seine Unterarme bald genauso nass wie seine Wangen waren, also hörte er damit auf.

Kei schlief weiter. Irgendwann wachte er auf und stellte fest, dass Colin nicht mehr da war, wo er gelegen hatte als er eingeschlafen war. Wo steckst du? Er sammelte die Decke vom Boden und legte sich darunter.
Bald ist Neujahr... fiel ihm irgendwann auf.

Sein Schluchzen war nicht so laut, wie er befürchtet hatte, stellte Colin gleichgültig fest. Es hörte auch irgendwann auf, als er wieder einschlief.

Kei stand auf, zog sich an und ging nach draußen, mit nicht viel mehr an als T-shirt, Schuhen und Hose.
Den Schlüssel hatte er dabei, als er rausging. Sein Weg führte ihn in noch weniger beliebte Gegenden der Stadt.
Den blutleeren Toten ließ er auf einem Industriegebäudedach liegen. Dann ging er wieder nach Hause, zog sich aus und warf sich aufs Bett. Es waren keine zwei Stunden vergangen.

Am nächsten Morgen wachte Colin in einem fremden Bett auf. Es roch gut und war weich. Er blickte in die erstaunten und neugierigen Gesichter von zwei jungen Frauen, die an einem niedrigen Tisch unter einer Wärmedecke saßen und Mandarinen aßen. Dass sie sich leise unterhalten hatten, fiel ihm auf, als sie plötzlich damit aufhörten, sobald er wach war.

Als Kei wieder wach war, fiel ihm auf, dass Colin noch immer nicht zurück war. Er schaute im Wohnzimmer nach, wo er auch nicht war. Nur das Fenster war offen. Kei sah nach draußen. Nichts. Wo bist du?

Zögernd setzte Colin sich auf und sah sich um. Er fühlte sich ziemlich leer. Und hungrig. Aber ausgesprochen appetitlos.
"Guten Morgen," sagte eine der Frauen.
Die andere sagte "Good morning." Sie lächelten beide freundlich. Colin sah sie an. Er konnte nichts sagen. Er schaffte es auch nicht, das Lächeln zu erwidern. Das war so anstrengend.
"My name is Fumie," sagte die eine langsam.
"Ich kann Japanisch," sagte Colin heiser. "Ich bin Akira."
Sie tauschten überraschte Blicke aus.
"Du hast hinten auf dem Hof gelegen. Was ist passiert?" fragte die andere. "Bist du überfallen worden?"
"Sollen wir die Polizei rufen?"
Colin guckte nur etwas hilflos herum, ehe er mühsam aus dem Bett kroch. Fumie und die andere standen sofort auf und halfen ihm.
"Nein, ich... schlafwandeln," erfand Colin spontan.

Kei befand es für sinnlos jetzt rauszugehen und zu suchen, wenn er keine Idee hatte, wo sein Freund sein konnte. Er ging Duschen und zog sich danach an. Dann setzte er sich wieder ins Wohnzimmer und betrachtete das Fenster, als würde es ihm sagen, wo Colin war.
Kei fand es gerade suboptimal, dass Akira kein Handy (mehr) besaß und stellte sich auf die Feuerleiter, blickte nach draußen. Rauchte und spielte mit seiner Münze herum.


Kei + Colin XLII: Feinschliff


*Keikogi = Trainingskleidung für verschiedene Kampfsportarten


Kei war mit Colin in einen eher abgelegenen, gepflegten Teil der Stadt gefahren, wo er vor einem Haus im traditionellen japanischen Stil anhielt und vom Motorrad stieg. "Da wären wir."
"Nett hier," ließ Colin verlauten, als er den Helm abgenommen hatte und Kei reichte. Kei hängte den Helm neben seinen eigenen an den Lenker.
"Ja, nett und ruhig. Warte, bis du Yukios Grundstück siehst."
Er klopfte an die Tür. "Yukio, ich bin's," rief er.
Ein junger Mann, Mitte zwanzig, öffnete die Tür und grüßte Kei höflich. Der erwiderte den Gruß. Colin lächelte und verbeugte sich. Yukio begrüßte auch ihn und lächelte freundlich.
Kei erklärte ihm, dass Colin ein wenig Selbstverteidigung und Umgang mit Waffen lernen sollte. Der schwarzhaarige Japaner in schwarzem Keikogi* grinste und ließ verlauten, dass er sich dessen gerne annehmen werde und auch Kei mal wieder öfter vorbeikommen solle, immerhin solle er seine Fähigkeiten mit dem Schwert verbessern.
Bei der Schwertbemerkung fiel Colin der Vorfall in seinem alten Garten ein und er blickte süffisant zur Seite. Seine Manieren waren nicht mit ihm gestorben, also verkniff er sich jeglichen Kommentar. Ohnehin war ihm Yukios Grinsen auf ihr Anliegen hin ein bisschen suspekt, sodass es wohl am klügsten war, nicht schnippisch zu werden.
Kei ließ ein "Ich kann ja später mal vorbeikommen" verlauten und fügte hinzu: "Ich weiß, Gemetzel ist dir nicht elegant genug. Verdammter Perfektionist."
Er ließ Colin in Yukios Händen. "Ich muss jetzt los, sei so gut und nimm ihn mir nicht auseinander."
"Würde ich nie."
Kei verabschiedete sich von Colin mit einer kurzen Umarmung und einem "Bis nachher," ehe er auf sein Motorrad stieg, Yukio Colins Helm zuwarf - der ihn mühelos auffing - und davonfuhr.
Jetzt wurde Colin ein bisschen nervös. Nicht nervös genug, um sein Herz zum Pumpen zu bringen, aber dieser Kämpfer war der erste Mensch, mit dem Colin seit seinem offiziellen Tod richtig Kontakt hatte. Die Verkäuferinnen gestern abend zählte er nicht mit.
Er zog sich schon einmal die Turnschuhe aus.
"Komm mit," sagte Yukio gut gelaunt und führte Colin ein bisschen durchs Haus zu einem großen Raum, der starke Ähnlichkeit mit einem gut ausgestatteten Dojo hatte. Seine ganz private Trainigshalle.
"Darf ich dir mein Allerheiligstes vorstellen?"
"Es ist sehr geräumig," bot Colin an. "Ich hoffe, ich entweihe es dir nicht." Er band sich die Haare zu einem engen Pferdeschwanz und fragte sich, ob Yukio von ihm erwartete, dass er sich die Armbänder und das Halsband auszog.

In der Zwischenzeit fuhr Kei zu seinem Boss, um zu erfahren, dass dieser stolz auf ihn war, wegen seiner Verdienste in der letzten Zeit. Auch, wenn diese nicht immer abgesprochen gewesen waren.

"Entweihen? Nein. Ich hatte Kei hier, der hat's mir fast auseinaderergenommen. Wir fangen mit was einfachem an."
Yukio zeigte Colin viele einfache Techniken von Fallen über Verteidigung bis Angriff, alle unbewaffnet, bevor er ihm nach guten drei Stunden ein Übungsmesser in die Hand gab. Colin stellte sich zwar nicht besonders ungeschickt an, fand er, aber er war sich sicher, dass Yukio anderer Meinung sein musste. Und er war schwach. Er war mit Aufpassen und Imitieren zu beschäftigt, zu konzentriert, um zu bemerken, dass er weder atmete noch schwitzte.
Yukio achtete da nicht drauf, er war der einzige weitere Mensch außer Colin, der Kei besser kannte und von seinem Geheimnis wusste und hatte aufgehört Fragen zu stellen. Er hatte die gleichen Verbindungen in den Untergrund, kannte Kei aber länger, hatte ihn dort hinein gebracht, als Kei um die vierzehn gewesen war und ihn seitdem in Kampfkünsten unterrichtet.
"Du bist zu langsam," sagte er zu Colin, als er ihn zum wiederholten Male auf die Matte legte.
Colin grunzte frustriert und legte den Kopf zurück, ehe er sich aufrappelte. Als er wieder stand, sorgte er sofort für Abstand zwischen sich und Yukio und nahm dabei mittlerweile automatisch eine Verteidigungshaltung ein.
Yukio setzte zu einem kopfhohen Tritt an, ohne den Abstand zwischen sich und Colin großartig zu verringern. Er wusste genau, wie lang seine Arme und Beine waren und wie viel Abstand er brauchte, um zu treffen.
Colin hatte dazugelernt und nahm den Kopf nur etwas zurück. Gleichzeitig griff er nach Yukios Fußknöchel, um ihn zur Seite zu ziehen.
Yukio stand fest auf dem anderen Bein und nutze den Zug von Colin aus um einen Schlag in Colins ungeschütztem Bauch zu plazieren, indem er den Oberkörper nach innen drehte.
"Ugh, fuck!" Es war kein sehr harter Schlag gewesen, wusste Colin. Aber er fühlte es nicht. Er ließ Yukios Fuß los und bewegte sich zur Seite, hinter ihn, um ihn mit einer Faust ins Kreuz zu schlagen. Yukio wich ihm aus und zog ihm mit einem Fuß die Beine weg. Colin stolperte, fing sich langsam - Yukio war so gut, nicht nochmal einen draufzusetzen und ließ Colin sich fangen. "Immer gut auf deine Deckung achten."
"Gut, ich besorg mir einen Turmschild." Colin wich einige Schritte zurück und band sich den Pferdeschwanz neu, ehe er in seine Abwehrhaltung zurückging.
"Der wäre viel zu schwer." Yukio lachte ein bisschen. "Deine Arme reichen. Und deine Augen." Yukio richtete sich die Jacke seines Trainingsanzugs.

Währenddessen bekam Kei die Anfänge einer komplizierten Tätowierung verpasst, die er sich laut seinem Boss wirklich verdient hatte. Es war ein traditionelles Geishamotiv, dass sich über Keis gesamten Rücken und die Schultern erstrecken würde, wenn es einmal fertig wäre. Nach etwa fünf Stunden waren die Konturen fertig. Die gesamte Fertigstellung würde einige Zeit dauern.

Nach einem kurzen, prüfenden Rundumblick sagte Colin entschlossen: "Greif mich wieder an."
"Gern." Yukio setzte dieses Mal zu einem Flugangriff an und sprang mit einem Tritt direkt auf ihn zu. Colin drehte um und rannte zur Tür. Yukio landete da wo Colin gestanden hatte.
Colin lief in den Hauseingang zurück, setzte sich den Motorradhelm auf und rannte sofort zurück. Yukio lachte ein bisschen.
"Der schränkt dein Sichtfeld ein."
Ohne auf ihn zu hören oder anzuhalten, rannte Colin mit gesenktem Kopf auf Yukio zu.
"GRAAAAAAH!"
Yukio trat genau einen Schritt zur Seite und ließ Colin ins Leere rennen. Er hielt kurz vor der Wand an und nahm sich den Helm wieder ab. Yukio schaute mit freundlichem Gesicht drein.
"Gut. Nächster Versuch," meldete Colin mit erhobenem Zeigefinger an und joggte zur Tür zurück.
"Okay," sagte Yukio, der nach mehreren Stunden Arbeit gern auch mal herumalberte und stellte sich wieder in die Mitte des Raumes.
Diesmal kehrte Colin mit einem langen Regenschirm anstelle des Helms zurück. Er war offen, aber nicht aufgespannt. Er stemmte eine Hand in die Hüfte und lehnte sich mit der anderen etwas auf den Schirm, aber nicht mit seinem vollen Gewicht. Das wäre schlecht für die Matte gewesen. Er nickte Yukio herausfordernd zu.
"So. Ich bin bereit."
Yukio machte ein leicht amüsiertes Gesicht.
"Ein Regenschirm, nettes Ding, wenn man's benutzen kann." Yukio konnte aus so ziemlich allem, was er im Haus hatte, eine Waffe machen. Er war mit Kampfkunst groß geworden und hatte früh gelernt, mit allem umzugehen, was man so dahatte.
Er ging lässig auf Colin zu und blieb anderthalb Meter vor ihm stehen, nur um dann schnell zur Seite auf den Boden auszuweichen und zu einem Tritt in Colins Beine anzusetzen. Dem wich Colin aus, indem er sich um den Regenschirm drehte, mit dem er daraufhin in Richtung Yukios Hals zu stechen versuchte. Mit einem Arm schlug Yukio dem Schirm beiseite, der ihm gefährlich nahe kam. Mit der Hand umfasste er den Schirm und zog einmal kräftig daran, um Colin das Gleichgewicht zu entreißen. Colin ließ den Schirm los und stellte sich mit einem Bein auf das Knie von Yukios zum Tritt ausgestrecktem Bein. Mittlerweile hatte er keine Angst mehr, Yukio zu verletzen, denn er hatte festgestellt, dass ihm das so gut wie unmöglich war.

Kei, fertig verziert und nachdem er noch einige Zeit mit seinem Boss gesprochen hatte, machte sich auf den Weg zu Yukio und Colin.

Yukio trat ihm mit dem anderen das Bein weg, das auf seinem stand. Das beförderte Colin auf seinen Hosenboden, zum gefühlten millionsten Mal an diesem Tag. Er kroch aber schnell auf Yukios Bein zurück, setzte sich mit dem Hintern darauf fest, klemmte es mit den Knien ein und passte dabei auf Yukios zweites Bein auf. Doch Yukio hatte immer noch zwei Arme. Er stützte sich auf eben diese, zog sein anderes Bein einfach an und stand auf. Fassungslos musste Colin miterleben, wie seine mangelnde Größe und Gewicht ihm zum Verhängnis wurden, als er einfach mit hochgezogen wurde. Er biss Yukio in den Oberschenkel. Yukio schlug ihm dafür auf den Kopf und musste etwas lachen, auch wenn er Schmerzen hatte. Colin hatte auf mehr Stoff als Bein gebissen, also tat das nicht allzu sehr weh, war aber deutlich zu merken und würde einen blauen Fleck hinterlassen.
"Aua, warum schlägst du mich?" Colin setzte sich hin und ließ los, um sich den Kopf zu halten.
In diesem Moment klopfte es an der Tür.
Colin sah auf.
Yukio entschuldigte sich und ging nachsehen. Er wusste, dass das eigentlich nur Kei sein konnte.
Er öffnete und kam mit dem Vampir zurück zu Colin.
Kei grüßte Colin. "Na, lebst du noch?"
Colin musste lachen. Er stand auf. "Ich bin tot, aber Akira lebt noch."
"Das ist gut -" Kei wurde ein scharfes Schwert zugeworfen, das er auch auffing. Sofort wich er ein bisschen zurück.
"Ich hoffe du hast nicht alles schleifen lassen," sagte Yukio.
Colin sammelte schnell den Regenschirm auf und ging zur Seite.
"Nicht alles." Kei ließ seine Jacke fallen, trat sie zur Seite und wurde sehr kurz darauf in einen gefährlichen Trainingskampf verwickelt. Yukio kannte bei Kei keine Gnade. Sie waren etwa gleich schnell, da Kei sein vampirisches Talent für besonders hohe Geschwindigkeit nicht ausnutzte.
Aus einigem Abstand sah Colin gespannt zu, den Regenschirm mit beiden Händen festhaltend. Er musste sich ein paarmal daran erinnern, den Mund wieder zu schließen. Yukio hatte so Recht gehabt. Er war ja erbärmlich langsam gewesen. Und er fürchtete nun fast ein bisschen um ihn, denn das waren keine Holzschwerter, mit denen sie kämpften, und Kei konnte übermenschlich schnell sein.
Yukio und Kei lieferten sich einen fast ebenbürtigen Kampf, in dem Yukio den Jüngeren immer mal wieder korrigierte. Beide hatten am Ende des etwa zehnminütigen Trainings Schnittwunden.
Colin glotzte.
"Das war ja reinste Poesie," sagte er abschließend.
Yukio sagte dazu, dass das noch ausbaufähig wäre, als er sah, dass Kei mehrfach getroffen worden war. Da er selbst auch was abbekommen hatte, beließ er es aber dabei und bedankte sich bei Colin für das Kompliment und das gute Training. Er sagte ihm auch, dass er sich für das erste Mal gar nicht schlecht angestellt hatte.
Obwohl Colin sicher war, dass Yukio nur höflich war, machte ihn sein Lob ziemlich stolz. Er verbeugte sich und bedankte sich sehr höflich.
"Ich würde mich freuen, euch beide hier mal wieder zu sehen," sagte Yukio, als er sich von ihnen verabschiedete und Colin den Helm reichte, der noch herumgelegen hatte.
Kei verabschiedete sich höflich von seinem alten Freund.
Colin rieb sich noch einmal vorsichtig den Kopf, als sie vor dem Motorrad standen. Er mochte gar nicht daran denken, wie viele blaue Flecken er nun haben musste. Oder an den Muskelkater, den er morgen haben würde.
"Was wollte dein Boss?"
"Mir was mitteilen und was mitgeben," sagte Kei.
"Was denn?" Colin zog das Haargummi heraus und setzte den Helm auf. Kei drehte sich um, sodass Colin seinen Rücken sah und zog sein T-shirt ein wenig hoch. Darunter hervor schauten schwarze Linien, die beinahe direkt über dem Hosenbund der auf den Hüftknochen sitzenden Hose begannen. Er zog das Hemd noch ein wenig höher, damit Colin sehen konnte, was das mal werden sollte. Colin nahm den Helm wieder ab und hielt Keis T-shirt hoch.
"Eh?" Etwas mitgeben, was? Das erste, was Colin dazu einfiel, war Jetzt kannst du nie wieder in ein Schwimmbad. Er strich leicht über eine der glänzenden Linien und legte das Hemd wieder darüber. Es war schön und groß, aber... wozu?
"Was hat es damit auf sich?"
Kei führte nur ganz kurz aus, was es mit der Tätowierung auf sich hatte. Der Hauptgrund war die Zugehörigkeit zur Organisation. Keis eigenes Motiv war eher, dass er es schön fand. Nebenher erklärte er Colin kurz, dass das Motiv nicht seine Wahl gewesen war und ausgleichend zu seinem Charakter fungierte.
"Ausgleichend zu deinem Charakter? Was bedeutet das? Dass du ein so brutaler Macho bist, dass eine graziöse Frau auf deinen Rücken gemalt werden muss?" Er setzte sich den Helm auf.
"Wenn du so willst, ja." Kei setzte ebenfalls seinen Helm auf.
"Das kann ich total nachvollziehen." Colin überlegte, was ihm als Motiv aufgebrummt werden müsste, als er aufstieg. Ein asketischer Mönch vielleicht. Oder gleich ein Buddha, ausgeglichen und grinsend im Glück schwelgend.
Kei startete das Motorrad. "Wer weiß, vielleicht stimmt das ja sogar, dass es die Persönlichkeit ausgleicht, ich zweifel aber dran."
"Ist das nicht nur symbolisch gemeint?" Colin hielt sich unnötigerweise an Kei fest.
"Ja, aber es gibt viele, die daran glauben. Auch wenn sie sich nie so benehmen."
"Sie vertrauen blind darauf, dass ihre Tattoos ihren Job selbst machen und ihr Karma auf mystische Weise ausgleichen."
Kei musste lachen. "Natürlich." Er fuhr los.

"Woher kennst du Yukio?" fragte Colin, als sie bei Keis Garage angekommen waren.
"Er ist ein alter Freund. Er hat mich aufgesammelt, als ich abgehauen bin. Ich war so dreizehn, vierzehn."
Interessant. "Hast du bei ihm gewohnt?" Er gab Kei den Helm.
"Nur kurz. Ein paar Tage vielleicht." Kei nahm den Helm, hängte ihn an den Lenker und nahm den eigenen ab.
"Er ist interessant. Weiß er, dass du dich gerade zurückgehalten hast?"
"Ja. Er sagt, wenn ich was lernen will, muss ichs vernünftig lernen. Metzeln kann jeder."
"Das sehe ich anders. Nicht jeder kann metzeln." Mit den Händen in den Hosentaschen ging er neben Kei her.
"Nicht?"
"Nein. Ich kann nicht metzeln. Ich kann reden." Colin schmunzelte.
"Das ist fast genauso tödlich."
Colin lachte. Er haute sich mit der Faust in die Handfläche. "Mist, warum habe ich das nicht versucht? Ich hätte eine Chance gegen ihn gehabt."
"Versuchs beim nächsten Mal, ich verrats nicht." Kei grinste.
Colin wurde ernst. "Ob er genervt wäre, wenn ich das ernsthaft probieren würde? Einen Kampf mit meinem Mund abzuwenden, wenn wir doch zum Kämpfen da sind? Würde er das zu schätzen wissen? In einer echten Konfrontation könnte das funktionieren, aber darum geht es beim Üben ja nicht."
"Höchstwahrscheinlich würde er dir genau das sagen," erwiderte Kei.
"Und dann würde ich sagen: Und schon hat es funktioniert. Du greifst mich nicht an, sondern antwortest mir."
"Ich hab nie versucht mit ihm zu diskutieren. Ich weiß nicht, wie das enden würde, aber ich gehe von blauen Flecken aus."
"Die habe ich auch so bekommen. Diskutieren hat bei dir jedenfalls immer gut funktioniert." Er streifte sich zwinkernd die Schuhe ab und warf seine Jacke darüber. Kei hängte seine Jacke an einen in die Wand gesteckten Wurfstern.
"Er hat noch nicht zugeschlagen, wenn du noch laufen kannst." Kei schmunzelte. "Ich bin nicht Yukio," fügte er an.
"Willst du damit sagen, dass du leichter zu beeinflussen bist?"
"Vielleicht von dir, aber sonst. Nein."
Erstaunt hielt Colin inne. Er war gerade im Begriff gewesen, sein T-shirt auszuziehen. Er schmunzelte wieder, süffisant.
"Hast du das gerade wirklich gesagt? Hast du zugegeben, dass ich dich manipulieren kann?"
"Ich sagte 'vielleicht'." Nun grinste auch Kei ein bisschen.
Schmunzelnd drehte Colin sich weg und ging ins Badezimmer, wobei er sich auszog. Eine Dusche war nach der Tortur nötig, fand er.
Kei verfrachtete seine Klamotten ins Schlafzimmer.
"Gesellschaft gefällig?" rief er durch die von ihm geöffnete Badezimmertür.
Colin wollte 'Nein' sagen, traute sich aber nicht richtig, also sagte er erst gar nichts und tat so, als hätte er durch das Rauschen des Wassers nichts gehört.
Kei dachte sich, dass keine Antwort auch eine sei und warf sich aufs Bett, wo er die Augen schloss und einfach ein bisschen herumlag. Das war ganz gemütlich nach dem stundenlangen unbequemen Gestochenwerden.
Colin brauchte nur ein paar Minuten. Seine Haare hatte er nicht einmal benetzt. Mit blauen Flecken übersäht schlich er barfuß und nackt, seine Kleider an sich gedrückt vor sich hertragend, ins Schlafzimmer, warf einen verstohlenen Blick auf Kei und machte sich vorsichtig und leise daran, sich von den neuen Kleidern welche zu nehmen, um sie anzuziehen. Kei beobachtete ihn eine Weile dabei, als er hörte, wie Colin in den Raum kam. Den Kopf hatte er auf ein Kissen gelegt und zur Seite gedreht. Als Colin sich Boxershorts und ein frisches T-shirt angezogen hatte und sah, dass Kei wach war, kletterte er aufs Bett und kniete sich auf ihn. Er schob Keis T-shirt hoch. Kei gab ein leises Gemurmel von sich, das mal so etwas wie ein 'Hi' oder dergleichen werden wollte. Colin schob das Hemd bis zu Keis Nacken hoch und betrachtete die Umrisse und Schattierungen der farblosen Geisha.
"Sie ist noch nicht fertig, oder?"
"Nein, das dauert noch. Es wird aber nicht sonderlich bunt."