Thursday, October 8, 2015

Kei + Colin XLVIII: Neujahr



SONNTAG, 1. JANUAR
Da er keinen Schlüssel mitgenommen hatte, knackte er sein eigenes Schloss um in die Wohnung zu kommen, da es zwei Uhr morgens war.
Colin lag im Bett und schien friedlich zu schlafen, sogar mit Puls. Der Zettel lag wie ein Kuscheltier in seinem Arm. Kei betrat das Schlafzimmer leise und schaute zu Colin, sein Blick fiel auf den Zettel in dessen Arm. Er war vergilbt, etwas ausgefranst und offensichtlich mehrmals ent- und wieder zusammengefaltet worden. Kei sah genauer darauf, erkannte aber nichts weiter. Er zog sich bis auf die Boxershorts aus und legte sich zu dem Schlafenden ins Bett. Colin brummte leise und schlief weiter.
Kei schlief nicht. Er lag einfach nur da und lauschte Colin beim Schlafen.
Irgendwann drehte Colin sich um und patschte Kei dabei den Zettel ins Gesicht. Der nahm ihm das Blatt aus der Hand und schaute vorsichtig darauf. Es war ein handschriftlich ausgefülltes Notenblatt mit der Überschrift 'Tha gaol agam ort.' Kei konnte das schwer lesen, es war aber etwas, das Colin ihm mal übersetzt hatte.
Nicht seine Schrift... Es ist alt... Er wollte wissen, von wem der Zettel war.
Colin ratzte friedlich vor sich hin.
Er weckte Colin, immerhin war es schon wieder hell draußen und somit morgens. Der drehte sich noch einmal und rieb sich langsam über die Augen.
"Morgen," sagte Kei leise. Colin lächelte ihn leise an. "Was'n das für'n Zettel?" fragte Kei leise.
"Hm?" Colins Blick fiel darauf und sein Lächeln erstarb. Er griff danach. Kei ließ ihm den Zettel.
"Du hast ihn mir ins Gesicht gedrückt. Der sieht alt aus."
"Ist er auch," flüsterte Colin. Beim Zusammenfalten zögerte er, dann breitete er ihn wieder aus und sah die Noten an. Kei sah ungeniert mit drauf.
"Was sind das für Noten?"
"Das ist ein Geschenk. Die Melodie hatte ich mir ausgedacht. Teilweise." Auf der unteren rechten Ecke stand 'Yours.' Colin zeigte darauf. "Das war mein Geigenlehrer."
"Wollte er was von dir?" sprach Kei einfach aus, was ihm in den Sinn kam.
Colin zögerte. Wie feinfühlig du bist.
"Ja."
"Du von ihm?"
Colin warf ihm einen Seitenblick zu. Ja.
"Ich war elf." Der Ton sagte sowas wie 'Bist du bescheuert?'
"Das heißt nichts." Ich hab schon viel gesehen...
Colin wich dem Blick des Vampirs aus und sah dafür wieder das Papier an.
"Und wenn?" forderte er leise mit defensivem Unterton.
Bin ich ein eifersüchtiger Idiot... Kei blieb ruhig. Sein Blick war nichtssagend. Und Colin gestehen, dass er es fertigbrachte, auf einen Toten eifersüchtig zu sein, wollte er nicht.
"Darauf kommts doch sowieso nicht an," murmelte Colin. "Man wird nur gefragt, ob man angefasst wurde und das wars."
Und dann wird man weit weg geschickt. Nach Japan.
Kei nickte leicht. "Also ist er angezeigt worden..." Seine Gedanken drehten sich.
"Nein. Dafür gab es keine Grundlage. Es wurde nur viel geredet und er hat alle seine Schüler verloren." Colin sprach ruhig, mit Bedauern in der Stimme und im Gesicht. "Jedes letzte Klatschweib hatte irgendeine Geschichte auf Lager. Ich hätte als einziger was zu erzählen gehabt, und ich habe als einziger nichts erzählt."
Keis Blick veränderte sich nicht, er ließ keine Spur von dem verlauten, was in ihm vorging.
"Warum nicht?"
"Warum doch? Alles was ich hätte sagen können, hätte ihn nur belastet. Dabei war nichts davon... würdest du mich..." Er runzelte die Stirn. "Wenn ich alles erzählt hätte, was für ein Mensch... und wie wichtig er war und... all das... dann, also... es interessiert doch niemanden, was du als Kind willst oder fühlst. Ich wäre ein Zeuge gegen ihn gewesen, wenn ich für ihn gesprochen hätte."
"Dass du nichts gesagt hast, hat auch nichts geändert," stellte Kei nüchtern fest.
"Doch. Er ist nicht angezeigt worden."
Kei seufzte und stand auf. Er zog sich ein Shirt über und ging in die Küche, wo er sich niederließ und eine rauchte. Seine Gedanken liefen Amok.
Colin setzte sich auf und legte das Lied neben das Bett, ehe er aufstand, seine Hose wechselte und sich ein kurzärmeliges Knöpfhemd und Jeans anzog. Barfuß ging er ins Badezimmer und wusch sich das Gesicht, fuhr sich mit den Händen durch die Haare und gesellte sich zu Kei in die Küche. Beim Eintreten verlangsamte er seinen Schritt und steckte sich verlegen die Hände in die Hosentaschen. Kei sah irgendwie gestresst oder genervt aus.
"Ist letzte Nacht irgendwas passiert?"
"Nichts wichtiges," winkte Kei ab, der im Schneidersitz auf dem Stuhl saß.
Er spielt es herunter oder er ist noch wegen meines Ausflugs ins abgesperrte Haus angenervt. Er setzte sich Kei gegenüber an den Tisch. Ordentlich.
"Es tut mir leid. Ich weiß, dass das unvernünftig war." Er kam nicht darauf, dass Kei vielleicht nicht an dieselbe Sache dachte.
"Ich weiß, dass du das weißt," sagte Kei leise. Sein Kopf wollte sich nicht in Ordnung bringen lassen. Er zog an seiner Kippe und sah an die Wand. Immer noch keine Spur von dem preisgebend, womit sein Gehirn beschäftigt war.
"... Shingo anzurufen auch," bot Colin vorsichtig an.
Kei machte ein Gesicht, das deutlich machte, dass er nicht darüber reden wollte, was er für'n Problem hatte. Er stand auf.
Ernst und mit schlechtem Gewissen auf seiner Unterlippe kauend sah Colin auf seine Hände auf dem Tisch und wartete.
Sowas war wahrscheinlich normal. Zwischendurch hart und kühl zu sein, wenn man ständig aufeinanderhockte. Das normalste zwischen ihnen, das bisher passierte, dachte Colin. Er wusste, dass er schwierig war, und auch der gefühlskalte Vampir konnte nicht ewig langmütig sein.
Kei ging ins Schlafzimmer, zog sich eine Hose an und legte sich mit Gitarre aufs Bett, wo er ein wenig leise spielte und so vermied, sich weiter aktiv mit dem Mist in seinem Kopf auseinanderzusetzen.
Rausgehen... Nachher... entschied er.
Colin blieb in der Küche sitzen und legte den Kopf mit der Stirn auf den Tisch, als er die Musik hörte. Nach einem resignierten Seufzen guckte er in den Kühlschrank, fand fertige Reisklöße, von denen er sich zwei nahm, und süßen Tee in einer Dose. Damit ging er ins Wohnzimmer, wo er eines der mitgebrachten Bücher - ein Schulbuch - aus dem Regal nahm und darin las, während er am Sofatisch auf dem Boden saß und aß.
Kei spielte ein Weilchen weiter, ehe er nach draußen verschwand.
Als er die Tür schließen hörte, beendete Colin noch das Kapitel über Genetik und begann danach, Geige zu spielen. Diesmal benutzte er seine eigene. Er übte Bekanntes, improvisierte ein bisschen und begann dann, sich dabei Notizen zu machen.
Die spielte er dann mehrmals durch, änderte hier und da etwas, bis er zufrieden war, und schrieb dann alles sorgfältig auf ein frisches Notenblatt. Darüber schrieb er 'Titel:' und guckte dann eine Weile in die Luft, um darüber nachzudenken, bevor er eine lange Zeile hinzufügte: 'Du hast mir viel weggenommen. Meine Zeit, meine Jugend, meine Jungfräulichkeit... mein Herz.'
Danach räumte er auf und ließ nur das Notenblatt und den Druckbleistift auf dem Sofatisch liegen, als er sich Socken, Schuhe und einen Kapuzenpullover anzog und auch die Wohnung verließ. Er nahm den Schlüssel vom Tisch mit.
Er fuhr nach Akiba und streunte dort herum, bedauernd, dass er kein Geld hatte, mit dem er Spielautomaten füttern konnte. Es gab aber genug buntes Treiben, dem man zusehen konnte. Viele Menschen waren in Feierlaune, weil es anscheinend der erste Tag des neuen Jahres war, stellte Colin mit Erstaunen fest.
Nach einer Weile des Zusehens wurde er zu einem Tanzspiel eingeladen. Daran beteiligten sich rundenweise ungefähr ein dutzend Jugendliche, die die Lieder des Spiels teilweise mitsangen und hinterher beschlossen, geschlossen in den nächsten Karaokeladen zu gehen. Einige von ihnen kannten sich untereinander, aber insgesamt war es eine sehr spontane Gemeinschaft, die zum Teil angeheitert bis betrunken war, und Colin wurde wieder eingeladen. Als Akira ging er mit.
Erst als er Stunden, nachdem er Keis Haus verlassen hatte, seine kurzfristigen Freunde mit einer komödiantischen Version von Sayonara von Gackt unterhielt, bei der er das erste Violinensolo überzogen mimte, fragte er sich, was gerade passierte. Das Ende des Liedes trug er dafür tatsächlich ernst vor.

Kei war stundenlang durch die Gegend gelaufen und hatte irgendwann zufällig einige Bekannte getroffen, die irgendwo in Shinjuku unterwegs waren, und wohin es auch ihn verschlagen hatte. Ziemlich betrunken fand er sich irgendwann auf der Bühne eines kleinen Konzerts wieder. Einer der Musiker hatte ihn vor dem Konzert zu einer Wette herausgefordert, weil seine Jungs geprahlt hatten, er könne verdammt gut Gitarre spielen. Die Wette bestand daraus, dass wenn Kei vor Publikum bestehen würde, er ihm und seinen Freunden die ziemlich hohe Getränkerechnung zahlen würde. Sollte das nicht der Fall sein, müsse Kei die Rechnung der Band begleichen. Kei war darauf eingegangen.
So kam es, dass er nun mit Gitarre in der Hand auf der Bühne eines Hinterhofclubs stand und zum Leidwesen des großkotzigen Musikers eine gute Show ablieferte.
Keis Begleiter verabschiedeten sich zur Bar, als sie die Gesichtszüge des jungen Mannes entgleisen sahen, der ihnen nun ihre volle Zeche schuldig war.
So ging das stundenlang weiter.
Kei trieb sich noch in anderen Clubs herum und hörte alles mögliche an Geschichten. Irgendwann endete er in einer Karaokebar. Gut abgefüllt saß er in einer Ecke, mit einem Glas, und lauschte den Gesängen.

Colin gab das Mikrofon an die nächste ab und setzte sich zurück zu den anderen aufs Sofa. Während weitergesungen wurde, verspürte er allerdings den unwiderstehlichen Ruf der Natur und schlüpfte auf den Flur hinaus, um eine Toilette zu suchen. Das Schild führte ihn in Richtung Eingang, wo es einen öffentlichen Bereich gab, in dem auch Alkohol ausgeschenkt wurde.
Er kam gerade von der Toilette im Keller zurück und bog um das Treppengeländer, um auf den Flur mit den einzeln mietbaren Räumen zurückzugehen, als er am Ende der Bar, direkt an der Wand, Kei sitzen sah.
Kei hatte die Augen halb geschlossen und saß ein wenig geistesabwesend auf seinem Stuhl, als er gerade einen Schluck seines Getränks nahm. Colin bemerkte er nicht. Was zum einen daran lag, dass es laut und voll war und zum anderen, dass er gar nicht in seine Richtung schaute.
Colin ging in den Raum zurück und verabschiedete sich dort dankend von seinen temporären Kumpeln, bevor er in die Bar zurückkehrte und sich dort in der Nähe der Bühne gegenüber von Kei an die Wand lehnte. Da er kein Geld hatte, bestellte er sich kein Getränk, sondern machte sich möglichst unsichtbar, damit er nicht als Herumlungerer auffiel und rausgeschmissen wurde. Die meiste Zeit beobachtete er Kei, doch zwischendurch zogen die Sänger auf der niedrigen Bühne seine Aufmerksamkeit kurz auf sich.


Kei + Colin XLVII: Freundschaft und Job



"Gehst du überhaupt noch zur Schule?" fragte Akira, als er in Boxershorts auf dem Bett saß.
"Bin krankgeschrieben. Ich hatte viel zu regeln, aber ich werd nächste Woche wieder hingehen. Die Leute werden merkwürdig, wenn ich nichts mache und auf die Bullen hab ich keine Lust."
"Die werden dich aber bestimmt noch besuchen."
"Ganz sicher, aber sie nerven nicht wegen Schulpflicht."
"Nein. Sie werden meinetwegen nerven."
"Warum sollten sie?"
"Weil ich weg bin. Du und Shingo werdet befragt werden."
"Ja. Shingo weiß nicht viel und ich bin überzeugend, so zu tun, als wüsste ich nichts und wäre schrecklich traurig, weil du tot bist. Deine 'Leiche' hatte diverse Narben, die du nicht mehr hast, die finden dich nie. Die ahnen auch nicht, dass du leben könntest."
Akira sah ihn mit einer Mischung aus Skepsis, Besorgnis, Bedauern und lauter anderen Sachen an.
"Sie finden dich nicht. Ganz sicher."
"Woher-" Ist doch egal. Er zog die Beine hoch und umarmte sie. "Hat Shingo mal nach mir gefragt?"
"Ja, sie haben alle gefragt."
"Aber Shingo hat dir nicht geglaubt, was du erzählt hast, oder?"
"Nein. Er wollte nicht glauben, dass du tot bist."
"Könntest du..."
"Was?"
"Mir dein Telefon leihen?"
"Klar. Liegt auf dem Schreibtisch."
"Danke." Akira stand auf und holte sich das Handy. Damit ging er aus dem Zimmer. Kei blieb auf dem Bett sitzen.
Während er Shingos Nummer wählte, kletterte Akira wieder aus dem Wohnzimmerfenster, das er von außen auf der Feuerleiter zuzog.
Kei ging ins Wohnzimmer und setzte sich da auf das Sofa.
Akira setzte sich auf die Metalltreppe, sodass er unterhalb des Fensters saß und nicht hindurchsehen konnte. Er sprach sehr leise.
"... Es tut mir leid. ... Nein. Doch. ... Nicht so richtig. ... Verstehe ich auch nicht."
Er lachte kurz leise.
"... Nein. ... Er hat damit auch nichts - nicht viel zu tun. Er wars nicht. ... Ich weiß nicht."
Kei dachte nach. Mit wem spricht er? Hat er Shingo angerufen? ... Er bringt sich noch um... Oder uns beide... Shingo... Vielleicht hält der die Fresse... Fuck...
Er lauschte weiter.
"Ja, irgendwie schon... Das können die nicht. Und ich will darauf nicht warten. Das will ich selbst machen..."
Nun wurde seine Stimme lauter und eindringlicher. "Das sind Yakuza! ... Da wird nichts passieren!"
Er sprach wieder leise, aber unruhig weiter. "... Es tut mir leid... Das geht nicht. ... Bitte nicht."
Kei stand mittlerweile an der Wand neben dem Fenster außerhalb von Colins Sichfeld.
Nachdenkend.
Colin schniefte leise.
Irgendwann fiel Keis Blick auf etwas, das ihm wie durch ein Wunder noch gar nicht aufgefallen war: Zeug aus Colins Haus, das in und rund um eine Reisetasche verteilt mitten im Wohnzimmer auf dem Fußboden lag. Notenbücher, CDs... Wann hat er das geholt?
Er klopfte leicht ans Fenster.
Etwas erschrocken sah Colin hoch.
"Ich muss - ja, warte." Er stand auf und sah Kei schuldbewusst und ein wenig trotzig an, während der das Fenster ganz öffnete. Kei schaute fragend zurück.
"Du weißt, dass es mehr als gefährlich ist, wenn er weiß, dass du lebst..." Er machte eine Pause. "Wann hast du das geholt?" Er deutete auf den Kram, der auf dem Boden lag.
Colin sah an Kei vorbei in den Raum. Das Telefon hatte er noch am Ohr. Er wusste nicht, wie Kei reagieren würde, aber er schien gelassen genug zu sein. Trotzdem fühlte er sich ertappt und sah Kei vorsichtig an.
Dann sagte Shingo etwas und er antwortete, den Blick noch starr auf Keis Gesicht gerichtet.
"Ja... gut. ... Bis später." Dann legte er auf und wischte das Telefon an seinen Shorts ab. Kei hielt seinem Blick gelassen stand, trotzdem war eine Portion Eindringlichkeit in seinen Augen.
"Wehe Shingo hält die Fresse nicht... deine Verantwortung."
Vorsichtig legte Colin das Handy auf die Fensterbank. Das war nun viel spannender anzuschauen als Keis Blick. Er sah es an.
"Er wird nichts sagen."
"Sollte er auch besser nicht, wenn ihm sein Leben lieb ist."
Plötzlich blickte Colin auf.
"Du tust ihm nichts," bestimmte er.
"Ich nicht, nein. Es gibt aber Menschen, die bestimmt nicht wissen sollten, dass du lebst."
"Das weiß er," brummte Colin. Er machte Anstalten, durch das Fenster zu klettern.
Kei trat zur Seite, um ihn durchzulassen.
"Wenn du ihn triffst, sei vorsichtig und nimm den Schlüssel mit." Am liebsten hätte Kei ihm noch ein Handy gegeben, aber er hatte nur das eine.
Der Wahnsinnige wurde immer mehr zum Fürsorglichen, stellte Colin überrascht und erleichtert fest. Wortlos schloss er das Fenster und umarmte Kei. Er war so kalt wie die Luft draußen, wurde aber schnell wärmer.
Kei erwiderte die Umarmung. Wortlos. Er genoss einen Moment lang die Wärme, die von dem anderen auszugehen begann.
Colin küsste ihn sanft. Zum Teil auch, weil er hinauszögern wollte, über die Dinge zu reden, die er heimlich aus dem Haus geholt hatte.
Nur kurz erwiderte Kei den Kuss ehe er ihn abbrach und auf das Zeug deutete, das da herumlag.
"Du marschierst einfach auf einem Tatort herum, der polizeilich versiegelt ist, um Zeug zu holen. Ich hoffe, dass das wichtiger Kram ist." Kei hatte nicht wirklich genau hingeschaut, was Colin da geholt hatte. Nur, dass es sein Zeug war, wusste er, und dass Notenbücher und CDs darunter waren. Nachvollziehen, warum der Kleinere sich so extrem leichtsinnig benahm, konnte er nicht. Vielleicht wollte er das auch nicht.
Verlegen ließ Colin ihn los und sah zu der halb ausgepackten Reisetasche. Es war 'wichtiger Kram.' Für ihn. Das wollte er sagen. Aber er konnte nicht. Kei hatte nämlich Recht. Das wusste er. Darum hatte er das heimlich gemacht, bevor Kei ihn davon hätte abhalten können. Kei zog sein Zigarettenpäckchen aus der Hosentasche und zündete sich eine an, ehe er noch einmal auf die Tasche zu sprechen kam.
"Du darfst das auch irgendwo hinsortieren, es muss da nicht liegen bleiben," sagte er, um anzudeuten, dass er kein Problem mit dem Zeug hatte. Sein Unterton verriet jedoch, dass er nicht so cool fand, was Colin gemacht hatte. Stumm ging der blasse Junge zu dem Haufen Krempel und hob die Bücher und Hefter auf, um sie in das Regal zu stellen. Für die CDs war dort auch noch bequem Platz. Beim Einräumen sah er Kei nicht an. Keis Handy klingelte. Er ging dran. Leise.
"Ja... Jetzt? ... Okay..." Schnell legte er wieder auf und steckte das kleine Gerät in seine Tasche, zog an seiner Kippe. Colin hatte bei dem kurzen Gespräch zu ihm hingesehen und wandte seinen Blick nun wieder den CDs im Bücherregal zu.
Kei steckte den Motorradschlüssel ein.
"Ich muss weg," teilte er Colin mit, während er sich anzog und den Helm nahm.
Kurz darauf war er aus der Wohnung verschwunden.
Der Schlüssel zur Tür lag auf dem Tisch.
Colin sortierte gemächlich und gewissenhaft die Noten und die Bücher, die er entwendet hatte und pflegte seine Geige, die noch in der Reisetasche gelegen hatte. Danach stellte er sie mit der gestohlenen in eine Ecke. Den vergilbten Zettel aus dem Kastenfutter nahm er später mit ins Bett. Zuvor verstaute er aber die Reisetasche mit den restlichen Dingen oben auf Keis Kleiderschrank, wobei eine schwere Kiste herunterrutschte und ihm krachend auf die Füße fiel.

Kei hatte sich mit zwei Messern und einer geladenen Waffe bestückt, bevor er losgegangen war. Sie hatten im Schreibtisch gelegen. Er ahnte nicht, dass Colin den beträchtlichen Rest seines Arsenals beinahe gefunden hatte.
Er fuhr in ein Geschäftsviertel am Rande eines Vergnügungsbezirks und traf sich dort mit dem Anrufer. Ein direkter Untergebener seines Kumi-chou und dieser selbst erwarteten ihn in einem der hohen Gebäude. Mit den Händen in den Hosentaschen betrat er sein Büro.
"Da bin ich."

Den Geräuschen nach zu urteilen... Colin fürchtete um den Zustand des Inhalts nach dem Sturz, also öffnete er die Schachtel vorsichtig. Den drückenden Schmerz in seinen Füßen ignorierte er. Er ließ auch sehr schnell nach. Als er die verschiedenen Waffen sah, klappte er die Kiste schnell wieder zu.
Sie war sehr schwer, aber er schaffte es, sie wieder auf den Schrank zu wuchten, ohne dass etwas herausfiel - oder sie wieder herunter. Die Pistolen und Messer und was auch immer da sonst noch drin war, schockierten ihn nicht. Er hatte ja gewusst, dass Kei so etwas besitzen musste. Sie machten nur die ganze Scheiße, von der er jetzt bestimmt jede Nacht träumen würde, noch ein wenig präsenter.
Nunmehr mit wieder völlig heilen Füßen und das gefaltete Papier aus seinem Geigenkasten festhaltend, kletterte er ins Bett und roch an dem Kissen, ehe er einschlief.

"Akaya, das hier ist ein alter Bekannter." Masahiro deutete auf den Mann neben sich. "Sein Name ist Andou und er arbeitet seit Jahren mit mir zusammen. Es gibt ein Problem, für das er mich um Hilfe gebeten hat. Ich denke, dass du dafür am besten geeignet bist."
Akaya hörte ihm genau zu. Er verbeugte sich zur Begrüßung.
"Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Andou-san." Der Vampir hasste solche falschen Förmlichkeiten, dennoch wendete er sie an, wenn es nötig war. Sie waren eines der wenigen Dinge, die man ihm wirklich beigebracht hatte.
"Ich habe ein Problem mit einem Haufen bewaffneter Schläger, irgendeiner kleinen Gang, die meinen Laden terrorisieren," erklärte der Mann und wirkte dabei leicht peinlich berührt.
"Akaya," sagte sein Boss, "Erteile diesen Leuten eine Lektion. Leg sie um, wenn es sein muss. Und nur dann. Sie sollen sich in einem Club aufhalten. Hier die Adresse. Das sind sie." Er ließ dem Vampir einen Zettel und ein paar Bilder überreichen, der sich daraufhin mit Verbeugung verabschiedete und auf den Weg machte.
Drei Stunden später war der Auftrag erledigt und Kei machte sich auf den Heimweg.



Kei + Colin XLVI: Pläne



"Warum?" Er sah Kei an, als müsste er das wissen. Kei zuckte mit den Schultern.
"Ich weiß nicht."
Colin ließ die Hände sinken und hielt sich dabei ein Handgelenk.
"Du warst vorhin eifersüchtig."
"Nur ein bisschen."
"... Das ist gut." Er küsste Kei wieder. Der erwiderte den Kuss und lächelte. Colin stützte sich auf dem Boden ab und küsste wieder abwärts, über Keis Kinn und Hals hinunter. Kei spielte weiter mit Colins Haaren herum und mit der anderen Hand spielte er an Colins Hosenbund. Colin rutschte kniend weiter an Kei hinunter, um ihn unten weiterzuküssen. Auf dem Weg schob er die Ketten und Anhänger beiseite. Kei nahm die Hand aus Colins Hose, da sein Arm nicht unendlich lang war, behielt aber die andere in seinen Haaren. Über dem Hosenbund änderte Colin die Richtung und biss ihn ganz sachte in die Hüfte.
"Lecker," sagte er leise mit einem Grinsen.
Kei hatte die Augen wieder geschlossen, grinste bei Colins Kommentar.
"Wehe dir du beißt mir da'n Stück raus," sagte er scherzend.
"Was machst du dann?" fragte Colin herausfordernd.
"Ich fürchte, dann musst auf dein Blut verzichten. Gleiches Recht für alle."
"Das heißt Fleischschuld. Ein überholtes Prinzip." Er setzte sich auf, auf Keis Beine, und sah stirnrunzelnd zur Seite. "Nein, warte. Das war andersrum."
"Überholt oder nicht, es ist fair," sagte Kei grinsend und schaute Colin fragend an. "Was wird das?"
"Das stimmt nicht ganz. Fleischschuld bedeutet-" Er tippte überlegend mit einem Finger auf seiner anderen Hand herum. "- für seine Schuld oder seine Schulden mit seinem eigenen Fleisch zu bezahlen. Dafür-"
"Hieße dann, du schuldest mir'n Stück Hüfte und zahlst mit Blut." Kei grinste.
"Nein, das hieße, ich müsste mit einem Stück aus meiner eigenen Hüfte dafür bezahlen. Wahrscheinlich sogar mehr, weil es kein fairer Handel wäre, sondern ich dich sozusagen beraubt hätte. Diese Schuld muss auch noch-"
Kei nickte. "Ahh. Schade. Blut gefiele mir besser." Er grinste.
"Wenn du mir unerlaubt Blut abnimmst, musst du in Fleisch bezahlen, wenn wir dieses abartige Recht anwenden."
"Wann gab es dieses Recht? Klingt nach ziemlich alt."
"Keine Ahnung. Vielleicht gab es das nie. Es ist nur ein Konzept, soweit ich weiß. Vielleicht gibt es das nur theoretisch." Colin kletterte von Kei herunter, um sich neben ihn zu setzen.
Kei nickte. Etwas umständlich legte er einen Arm um Colin. Der knöpfte sich die Hose wieder zu und legte dann die Hände in den Schoß.
"Es wäre wohl gut, zu verschwinden, was? Ich meine aus Tokyo."
"Vielleicht, ja. Aber ich bin mir noch nicht ganz sicher. Mal davon abgesehen, dass Polizei und Nachbarn mich hassen, würde ich wirklich gern mal hier weg... und irgendwann komme ich wieder."
"Jetzt sagst du wieder, dass du unendlich lang Zeit hast."
"Hab ich auch. Die kann man gut zum Reisen nutzen. Wo willst du hin?"
"Äh."
"Wo liegt denn 'Äh'?"
Colin guckte nur verdutzt. "Du meinst, nachdem du deinen Abschluss gemacht hast und so... oder?"
"Das wäre dann in anderthalb Jahren. Meinetwegen können wir auch jetzt gehen. Ist nur die Frage, wohin. Und wie wir das anstellen wollen."
Darüber hatte Colin nicht nachgedacht. Er war noch nicht dazu bereit, über so etwas nachzudenken. Er war noch nicht dazu bereit, zu akzeptieren, dass - alles. Er sah Kei mit einer Mischung aus Entrüstung und Hilflosigkeit an.
"Ich hab 'ne Idee. Wir hauen einfach ab, wenn der Zeitpunkt gut ist. Das entscheiden wir spontan."
Das überforderte Colin sichtlich. Er glotzte weiter. Kei lachte.
"Ach egal."
"Für dich ist immer alles ganz einfach, was?" Colin klang teils erstaunt, teils vorwurfsvoll.
"Nicht alles. Aber das meiste."
Colin hörte auf, Kei zu mustern und blickte nach vorn. "Ich muss Geld verdienen."
Kei dachte kurz nach, was es da für Möglichkeiten gab. Nicht viele.
"Ich kann nicht viel machen, weil ich keine Identität habe," sprach Colin den Gedanken laut aus, "und in die Öffentlichkeit kann ich mich auch nicht stellen. Ich könnte vielleicht für deinen Boss putzen oder sowas."
"Ich frag ihn mal, ob er Arbeit hat. Da lässt sich sicher was machen."
"Ich kann auch so tun, als könnte ich kein Japanisch," schlug Colin wahnsinnig hilfreich vor.
"Ich glaub kaum, dass das was hilft. Aber wenn du's musst ist das sicher hilfreich um Menschen loszuwerden."
"Oh, ja." Colins Ton deutete an, dass er damit schon Erfahrung gemacht hatte.
"Ich könnte das gut überall machen. Nur hier nicht."
"Nur dass du 'überall' wirklich nicht verstehst," warf Colin mit einem gemeinen Lächeln ein.
Kei lachte. "Ja, umso authentischer, und ich hab ja einen Übersetzer."
"Ich koste fünftausend die Stunde."
"Fünftausend was?"
"Yen, du Vogel. An Feiertagen und wenn ich keine Lust habe, siebentausend."
"Wer is hier der Vogel. Deine Preisvorstellungen von Stundenlohn sind utopisch." Er grinste.
"Falsch. Ich habe das recherchiert." Er verschränkte die Arme. "Noch bessere Dolmetscher können noch teurer sein." Dass diese dann meistens gleich vier oder fünf Sprachen fließend beherrschten, verschwieg er geflissentlich.
"Hey, das wäre auch ne Idee Geld zu verdienen, als Dolmetscher. Die braucht man doch immer... für Geschäftsbeziehungen ins Ausland und so."
"Ja..." Als Toter mit nur zwei Sprachen und ohne professionelle Ausbildung sollte das aber schwierig sein.
"Warum musste erst das alles passieren, damit wir so reden können?" überlegte Colin leise. Er sah auf seine Hände, mit denen er auf seiner Hose herumkratzte.
"Erwartest du darauf wirklich eine Antwort?"
Ja. Colin sagte nichts. Da war ein trockener Blutstreifen auf seinem Oberschenkel. Mein Geburtstag wäre vielleicht nicht so passiert, der Perverse hätte uns nicht gefilmt, du hättest ihn nicht umgebracht, die wären nicht zu mir nach Hause gekommen...
Kei dachte auch nach. Es war sehr viel passiert, das er nicht so gewollt hatte. Ändern konnte man nichts davon mehr. Er überlegte, wie alles angefangen hatte. Colins Geburtstag, auf dem Teich im Park...
Kei setzte sich auf.
Colin lehnte sich zur Seite, von Kei weg, um nach seinem T-shirt zu fischen. Er zog sich das T-shirt wieder an und wischte etwas darauf herum, aber es hatte weder Blut noch irgendetwas anderes abbekommen. Kei hatte sein Shirt in der Hand, zog es aber noch nicht an.
"Wie hast du's geschafft, dass das sauber bleibt?"
"Die Jacke hat wohl alles abgekriegt." Er begutachtete dieselbe und stellte fest, dass er Recht hatte.
Kei schmunzelte. "Nächstes Mal aufpassen, sonst wirst du verhaftet."
Mit den Fingern fuhr er sich durch die blutroten Haare, um sie notdürftig zur Ordnung aufzurufen.
"Ich existiere nicht. Wie soll man mich da verhaften? Irgendjemand wird aber verhaftet, denn Hashibahara liegt immer noch ausgeweidet da rum. Und er hat Pep und Gras dabei. Das wird die Suche noch anheizen."
"Man kann dich festnehmen, nur um festzustellen, dass du nicht existierst, aber wenn man dich erwischt nehmen sie dich mit."
Plötzlich sah Colin erschrocken auf. "Das Messer."
Kei zog es aus seinem Stiefel. "das hier?"
Erleichtert sog Colin Luft ein und griff danach.
"Das zweite steckt im andern, willst du's wiederhaben?"
"Nur meins."
Kei gab es zurück.
"Danke." Colin klappte es auf und rubbelte es an seiner Hose ab. Dadurch riss er sie mit der gezähnten Klinge etwas auf. "Scheiße." Er klappte es zusammen und steckte es in die Hosentasche.
"Was?"
Akira fummelte das Loch in der Hose etwas größer und wischte sich über den blutenden Kratzer darunter.
Kei grinste. "Aufpassen."
"Sagst du, nachdem es passiert ist," knurrte Akira.
"Ja." Kei grinste.
Akira nahm seine verschmierte Jacke noch einmal in Augenschein und stand dann auf, um sie sich um die Hüfte zu knoten. Auf diese Weise konnte man das Blut auf ihr nicht gleich sehen und er musste sie nicht im Arm tragen. Kei blieb sitzen, zog aber sein T-shirt über und wandte den Blick nach oben. Akira folgte seinem Blick, nachdem er sich wieder hingesetzt hatte, in einen Schneidersitz.
"Ich kann... vier Stück sehen. Fünf. Sechs."
"Sieben. Das sind zu wenige. Ein schwarzer Himmel voll mit Sternen - Hab ich noch nie gesehen..."
"Ich schon. In Gairlock. Da wohnt mein Opa. Als wir ihn mal besucht haben und zu mehreren waren, haben wir in einem Cottage an der Küste gewohnt, das war außerhalb der Stadt. Da konnte man sehr viele Sterne sehen. Gairlock selbst ist aber auch ganz klein. Da gibt es keine Lichtverschmutzung."
"Zeig mir das mal."
Akira lächelte. "Stimmt, du wolltest mal nach Schottland."
"Ja. Ich will überall mal hin."
"Warum?"
"Na damit ich sagen kann: Ich war schonmal da. ... Ich will einfach die viele Zeit irgendwie nutzen und mir die Welt ansehen. Die ist immerhin groß."
"Nur damit du angeben kannst?" Akira schmunzelte. Das klang nach einem Kei, den er in der Schule kennengelernt hatte.
"Na klar. Und, weil ich's sehen will. Das ist der einzige Grund."
"Do you know what a Scots' queer is?" fragte Akira mit schwurbeligem Akzent.
"No." Kei musste beinahe losprusten, schaffte es aber gerade so, das bleiben zu lassen.
"It's a man who prefers women to whisky," antwortete Akira mit derselben breiten, R-rollenden Aussprache. "That's something you should know when in Scotland, love."
Jetzt lachte Kei.
"It's true! So you're alright, you're not queer."
"What if I prefer blood to whisky?"
"Then you're English. That's the worst sin in the world."
"All right. I'll take both."
"On the rocks." Akira grinste. Er lehnte sich zu Kei vor. Kei küsste ihn.
"Träumst du manchmal von dem, was mit deiner Mutter passiert ist?"
"Manchmal, ja."
"Kommst du damit klar?"
"Irgendwie ja."
"Aber es geht nicht weg."
"Nein. Und es wird nie weggehen, das Bild wird mich verfolgen, egal, wie lange ich lebe."
Langsam fuhr sich Akira durch die Haare und sah zu Boden. Kei stand daneben und betrachtete ihn. Er behielt die Hand in seinem Nacken und sah mit ernstem Gesicht auf seine Füße. Der Vampir schaute ihn an.
"Was ist?"
"Ich habe mich letzte Nacht erinnert," sagte Akira leise. "Später dachte ich, das wäre nur ein Alptraum gewesen, aber das wars nicht."
"Nein, war's nicht. Und ich bin indirekt mitveratwortlich dafür... So zumindest stellten sie's dar, bevor sie straben..."
"Wer?" Akira sah verwirrt auf.
"Die, die das Massaker angerichtet haben..."
"Das stimmt ja auch. Sie wollten dich." Das ist nicht richtig. "Aber du hast sie nicht umgebracht."
"Ich bin nicht ganz sicher, ob es wirklich die waren, die ich umgebracht habe. Sicherlich sind nicht alle tot."
"Wenn nicht, dann will ich den Rest haben," kündigte Akira finster an.
"Dann finden wir raus, wo und wer sie sind... Dann kannst du sie haben."



Wednesday, October 7, 2015

Kei + Colin XLV: Fleisch



Als es klingelte, ging Kei artig zur Tür, imerhin wusste er, wer davorstand. Relativ schnell hatte er die Polizisten mit der Geschichte, die er Colin zuvor angedeutet hatte, abgespeist und abgefertigt und zum Nachbarn geschickt.
Währenddessen blieb Colin lange im Badezimmer, um sich langsam, sorgfältig und vorsichtig zu waschen, all seine Verletzungen zu inspizieren, die er sehen und erreichen konnte, und sicherzugehen, dass seine Nase auch diesmal nicht gebrochen war und auch nicht wieder zu bluten begann. Er kämmte sich auch sorgsam die Haare und wusch sich gründlich die schwarzen Füße weiß.
Erst als er sich sauber und ordentlich vorkam und sich merklich beruhigt hatte, kam er wieder heraus. Keis Gespräch mit der Polizei hatte zwischen Tür und Angel stattgefunden und sich kaum halb so bedrohlich angehört, wie Colin befürchtet hatte. Als die Polizisten wieder weg waren, tauchte er wieder im Flur auf, weiß und rot und sauber und viel gelassener. Seine Hosen hatte er im Wäschekorb gelassen.
"Die sind wir los," verkündete Kei, während er Colin betrachtete. Keine Klamotten standen ihm auch, befand er, schmunzelnd.
Colin hatte stumm zur Tür gesehen und musterte nun Kei. Es war eigentlich kein gutes Zeichen, aber dennoch sehr praktisch und beruhigend, dass Kei so viel Erfahrung in Kriminalität hatte.
Er leckte sich nachdenklich über den Riss in seiner Lippe, den ihm Kei gestern zugefügt hatte. Er war hungrig.
Er streckte eine Hand nach Kei aus.
Kei gab ihm eine Hand und zog ihn zu sich, küsste ihn. Colin erwiderte den Kuss langsam und sanft.
Nach einer Weile brach Kei den Kuss ab. Es war spät geworden. Annähernd Abend.
"Ich muss mich langsam anziehen," sagte er. Seinen Körper zierten nur Tanktop und Jogginghose.
Colin nickte. Er ging zum Kleiderschrank, wo er seine kleine, frisch erstandene Sammlung in einer Ecke aufbewahrte, und nahm sich einen Satz von allem heraus, um sich auch anzuziehen.
Kei schlenderte mit ihm ins Schlafzimmer, wo er sich erst auszog und dann eine schwarze Hose, ein sauberes dunkelgraues T-shirt und Boxershorts auf das Bett warf und dann anzog.
Als er fertig war, lehnte Colin sich in den Türrahmen und sah zu, mit ernstem und interessiertem Ausdruck im Gesicht. Der Vampir brauchte zum Anziehen nicht lange. Seine Münze baumelte wie immer schon um seinen Hals. Er richtete noch schnell die Haare, kämmte sie durch und war schnell zufrieden.
Mit den Händen in den Hosentaschen beobachtete Colin ihn stumm.
Als er fertig war schaute er zu Colin.
"Ich fahr eben los. In zwei Stunden am Bahnhof in Shinjuku?"
Colin schien kurz zu überlegen, dann nickte er und lächelte.
"Alles klar. Dann sehen wir uns gleich da." Er nahm seinen Helm, zog sich Stiefel an und küsste Colin, bevor er durch die Tür verschwand.
Colin atmete kurz durch und zog sich dann hastig die eigenen Schuhe und seinen Mantel an, setzte sich eine Mütze und die Sonnenbrille auf und horchte auf das Klicken des Haustürschlosses, ehe er hinunterrannte. Als er das Motorrad wegfahren hörte, ging er hinaus und rannte zum U-Bahnhof.

Zwei Stunden später stand er am Shinjukubahnhof. Er hatte sich sehr beeilt, war aber nicht außer Atem. Er hatte Atmen insgesamt nicht nötig, bemerkte er zum wiederholten Mal. Er tat also völlig gelassen, während er andere Wartende vor dem Eingang durch seine schwarze Sonnenbrille beobachtete.
Kei kam einige Minuten nach Colin angelaufen. Das Motorrad hatte er im Hinterhof eines Clubs abgestellt, der seinem Boss gehörte. Er kam aus einer Seitenstraße zum Bahnhof geschlendert.
"Hey," grüßte er knapp und küsste Colin.
Vor Verlegenheit wusste Colin nicht, wie er reagieren sollte. Sein Körper machte das von allein, indem er sich Kei ganz ohne bewusste Absicht zuwandte, den Kuss freudig erregt erwiderte und dann die Sonnenbrille abnahm.
"Du erregst mit Sonnenbrille nachts übrigens mehr Aufsehen, als du brauchen kannst," grinste Kei. "Sie sieht aber gut aus."
"I wear my sunglasses at night," deutete Colin leise das Lied an und steckte die Sonnenbrille ein. "Man darf in mir nicht die Leiche erkennen, nach der gefahndet wird," entschuldigte er sich.
Kei grinste leicht. "So, wo woll'n wir lang?"
"Das solltest du bestimmen. Ich habe in sowas keine Erfahrung."
Colin kam der flüchtige Gedanke, dass Kei unter 'Rausgehen' etwas anderes verstanden hatte, als es bedeuten sollte.
Kei grinste. "Wir sind mitten in Shinjuku. Da findest du überall ein einfaches Abendessen."
Colin schnaubte ungeduldig.
"Da lang." Kei deutete in eine wenig frequentierte Richtung. Sofort marschierte Colin los, mit fest entschlossenem Blick. Kei schlenderte neben ihm her.
Colin sah sich um, musste sich darauf konzentrieren, sich die Menschen anzusehen und sich nicht von den Lichtern und Angeboten der Geschäfte ablenken zu lassen. Ziemlich bald blieb er plötzlich stehen und sagte: "Die da." Er nickte in Richtung einer jungen hübschen Frau, die am Schaufenster eines Buchgeschäfts stand und frierend auf etwas zu warten schien.
"Sie wird vermisst werden, du darfst keine Spuren hinterlassen," sagte Kei und sah sich ebenfalls ein bisschen um.
"Gut, dann der da." Er zeigte unverhohlen auf einen jungen Mann im Jogginganzug, der mit seinen blondierten Haaren und den Ketten um den Hals ziemlich proletenhaft wirkte. Seine Nase war mindestens einmal gebrochen worden und er hatte unregelmäßige Bartstoppeln im Gesicht. Er saß sehr breitbeinig auf einer Bank zwischen zwei Pflanzenkübeln, mit seinem Smartphone in der einen und der Plastiktüte eines Kleidergeschäfts in der anderen Hand. Er hatte die Arme auf der Lehne ausgebreitet, sodass er kaum Platz für andere ließ und die Bank ganz für sich hatte, und hörte mit Ohrstöpseln Musik mit seinem Handy. Dabei rauchte er.
"Okay. Er gehört dir," sagte Kei, der seinerseits ein bisschen Aufmerksamkeit auf sich zog. Er hatte nur eine enge Hose, Stiefel und das T-shirt an. Eine Jacke trug er nicht. Alles wichtige hatte er in den Hosentaschen und den Helm hatte er bei seinem Bekannten an der Bar gelassen.
"Mir?" Er sah Kei überrascht an. Soll ich das jetzt alleine machen?
"Ja, dir. Ich bin gar nicht da, nur wenn's brennt." Kei steckte seine Hände in die Hosentaschen und schaute zu dem Typen hinüber.
Bitte, wie du willst. Colin nickte und marschierte auf die Bank zu. Er setzte sich unverschämt neben den Typen, so dicht, dass der entweder seine Breitbeinigkeit aufgeben oder damit klarkommen musste, dass Colins Bein sich an seines schmiegte. Letzteres schien ihm nichts auszumachen. Er musterte Colin nur überrascht, der ihn direkt ansah und lächelte.
"Hallo. Kann ich eine schnorren?" Er nickte zur Zigarette.
Der Kerl nahm sich einen Stöpsel aus dem Colin zugewandten Ohr und fragte überrascht, was er wolle. Colin lächelte freundlicher und wiederholte seine Frage. Der Typ sah ihn verblüfft an. Vielleicht wunderte er sich darüber, dass dieser Ausländer fließend Japanisch sprach. Oder darüber, wie vertraut er ihn angesprochen hatte. Er sagte nichts, sondern holte nur seine Zigarettenschachtel hervor und ließ Colin eine herausziehen. Ungefragt hielt er ihm noch ein Feuerzeug hin und zündete ihm die Zigarette an. Dabei musterte Colin sein Gesicht interessiert. Der Kerl sah immer noch verwirrt aus. Er musste denken, dass Colin versuchte, ihn anzugraben. Gut, wenn er das tat, denn das war Colins armselige Strategie. Körperlich hatte er gegen kaum jemanden eine Chance, also konnte er niemanden überwältigen, also musste er listig sein.
Kei beobachtete die Szene aus einiger Entfernung aus dem Augenwinkel, als er von einem Strichjungen angesprochen wurde, ob ihm nicht ein wenig zu kalt sei.
Nein... aber wenn du das gerne glauben willst... Er nickte leicht, erklärte dem Jungen, dass er sich verlaufen habe und seit etwa zwei Stunden in Shinjuku umherirre.
Colins Strategie fand er nicht schlecht, nur musste man immer aufpassen, wem man sich so näherte.
Der Kerl fragte Colin, 'welches' er wolle. Als Colin ihn nur verwirrt anglotzte, schnaubte er genervt und steckte sich wieder den zweiten Stöpsel ins Ohr.
Ein Dealer.
"Nichts davon," sagte Colins Mund von selbst. Er lehnte sich zu dem Kerl und zog ihm den Kopfhörer heraus. "Dich," sagte er leise. "Ich habe Hunger."
Der Kerl sah ihn halb schockiert an, doch der Zufall wollte es, dass Colin ihn gerade von oben bis unten musterte und dieser Blick leicht missverstanden werden konnte. Der Kerl schmunzelte dreckig und musterte Colin seinerseits gründlich.
"Ich bezahl dich nicht dafür, dass das klar ist," sagte er und schnippste seine Kippe weg.
Kei bekam die kaum hörbare Konversation mit, während er tat, als wäre ihm etwas kalt.
Gar nicht mal schlecht. Er wendete sich an den jungen Mann neben sich und fragte ihn, ob er ihm den Weg 'zurück' zu einem nahegelegenen Hotel zeigen könne, von dem er gekommen sei.
"Ich will auch nicht dein Geld, nur dein Fleisch," flüsterte Colin und hauchte dem Proleten dabei Rauch ins Gesicht. Das brachte den Kerl zum Grinsen. Er leckte sich die Lippen und wackelte mit einem Fuß. Er legte einen Arm um Colin und raunte ihm etwas ins Ohr.
Kei musterte die beiden. Fass meinen Freund nicht zuviel an... Er erinnerte sich daran, dass der Typ so oder so ein Abendessen war und wandte sich seinem eigenen zu. Das hatte gerade eingewilligt, ihm den Weg zu zeigen, damit er nicht wieder verloren gehe, und grinste zweideutig. Kei nahm das Angebot an. Er hatte nicht vor, dem Hotel auch nur nahe zu kommen.
Colin murmelte eine Entgegnung und legte ein Bein über das des Breitbeinigen. Der legte gleich eine Hand auf Colins Oberschenkel. Colin schmunzelte und musste etwas zwinkern, als ihm der Rauch seines Zigarettenstummels in die Augen stieg.

Kei hatte sich eine Kippe angezündet, während er neben seinem Stadtführer herging, der ihm eine Abkürzung zeigte.
Ein Fehler.
Keine zehn Minuten später war der junge Mann tot und seine Leiche entsorgt.
Gelassen und gesättigt ging Kei zurück zu dem Ort, wo er Colin gelassen und ihn beobachtet hatte.
Der Prolet handelte gerade diskret mit zwei Schülern, während Colin gelangweilt daneben saß und wieder rauchte. Als die beiden Jungen gingen, stand er auf. Dabei ging er sicher, dass er den Oberschenkel des Dealers streifte.
Der stand auch zuverlässig mit auf und legte wieder den Arm um Colin, diesmal aber tiefer, und schob seine Hand in eine von Colins hinteren Hosentaschen. Colin runzelte kurz die Stirn und ging mit ihm die Straße hinunter.
Sie kamen an Kei vorbei, der die beiden vorsichtig musterte und weiter rauchend an der Rückwand eines Lokals lehnte.
Colin warf ihm einen Blick zu, er alles mögliche bedeuten konnte.
Sie bogen in eine Seitenstraße ein.
Kei blieb in Hörweite, aber unsichtbar.
Als Colin sie auf eine lange Reihe Stundenhotels zugehen sah, hielt er an und packte den Kerl beim Arm. Er zog ihn in eine enge Einfahrt zwischen zwei Häusern, wo außer einem hohen Lattenzaun und einem finsteren Hauseingang nichts war.
Es war alles andere als sicher und ideal, aber es war besser als ein Stundenhotel. Der Kerl ging mit und ließ dreckig lachend einen Kommentar über Colins Eile ab. Bei dem Zaun in der unbeleuchteten Gasse ließ er sich von Colin an die Hauswand drücken. Colin öffnete den Reißverschluss seiner Trainingsjacke und schob das Sweatshirt und das T-Shirt darunter hoch, während der Kerl seine Hose öffnete. Colin fischte in seiner Hosentasche nach dem Klappmesser, doch noch ehe er es überhaupt fassen konnte, hatte ihn der Kerl beim Schopf gepackt und drückte sein Gesicht in seinen Schritt.
Kei lauschte vom Dach des Gebäudes aus, neben dem sich die beiden befanden. Zusehen tat er nicht. Noch wartete er ab, ob Colin das Messer doch noch zum Einsatz bringen würde.
Während Colin das Messer herausholte und mühsam blind aufklappte, hatte ihm der Kerl längst seinen Schwanz ins Gesicht geschoben.
"Friss schon, Schwuchtel," schnaufte der Typ.
Colin hob das Messer über seinen Kopf und wollte sofort zustechen, doch der Typ packte sein Handgelenk und drehte es schmerzhaft herum. Colin hmfte nur gedämpft. Den Mund wollte er mit dem Ding, das ihm gerade über die Lippen rieb, nicht öffnen.
Kei zählte langsam von drei herunter, ehe er sich vom Dach fallenließ und geräuschvoll hinter den beiden landete.
"Ich störe wirklich nur ungern, aber ich glaube mein Freund wollte dir ein Geschenk machen." Er hob das Messer auf und rammte es dem Typen in die Schulter.
"Argh!" Er ließ Colin los und packte das Messer. Colin stand eilig rückwärtsstolpernd auf und rieb sich angewidert mit dem Jackenärmel über den Mund. Kei sah den Typen an, hatte schon das nächste Messer in der Hand, und warf es so, dass es im Hals in seiner Aorta steckenblieb.
"Nächstes Mal brauchst du einen Plan B. Er gehört dir," sagte er zu Colin und ging beiseite.
Colin zog sein Messer aus der Schulter des blondierten Dealers und riss mit ihm Sweatshirt und T-shirt sowie die Haut darunter vom Schlüsselbein bis zum Bauchnabel auf. Die zog er mit den Händen auseinander, dann rammte er die Klinge in die Rippen und sägte eine tiefere, weitere Öffnung in den Brustkorb.
Fasziniert sah Akira dem zu, was er da selbst tat, und kniete sich rittlings auf die Beine der Leiche, die vor ihm an der Wand herunter in eine sitzende Position gerutscht war. Ohne auf die Blutspritzer zu achten, die ihn von oben bis unten einsauten oder sich auch nur die Ärmel hochzukrempeln, griff er dem Typen in den Brustkorb und rupfte Stücke heraus, die er sich sofort in den Mund steckte.
Kei betrachtete das Treiben nur. Er selbst war völlig frei von Blut geblieben. Obwohl er sah, wie Akira die Leiche auseinandernahm, hatte er keine Ahnung, wie er das einordnen sollte. Ab und an sah er um die Ecke um zu sehen, ob jemand in ihre Nähe kam und wenn ja, wie er ihnen eventuell den Abend ruinieren konnte. Es kam kaum jemand. Die einzigen potenziellen Zeugen waren zwei, drei Betrunkene, die anscheinend so voll waren, dass sie eh nichts mehr mitbekamen, das von Bedeutung gewesen wäre.
Fasziniert sah er in Abständen zu seinem Akira.
Der hatte das Messer fallen lassen und fraß gierig, mal sogar indem er mit den Zähnen in der riesigen Wunde grub, meistens aber mit den Fingern, und zwischendurch schloss er oft die Augen. Seine Hände zitterten etwas und ab und zu gab er ein kleines ekstatisches Seufzen von sich. Allmählich wurde er langsamer, nachdem er mehrere Hände voll Muskelfleisch und Lunge verschlungen hatte, und biss und saugte nun genüsslich und langsam am Herzen.
Kei sah ihm dabei zu und sammelte die Messer auf. An einem Stück noch nicht besudelten Hemds wischte er die Klingen ab, dann ließ er sie in einem seiner Stiefel verschwinden. Er ließ dem Kleineren alle Zeit die er brauchte und begann einige Meter entfernt, sich mit einer jungen Frau zu unterhalten, die eigentlich in just diese Gasse gehen wollte. Sie ließ es aber bleiben, nachdem Kei ihr eine Geistergeschichte über diesen Ort erzählt hatte.
Irgendwann war Akira auch fertig und stand gelassen auf, immer noch das halbe Herz in der Hand. Er sah sich nach Kei um. Der bog gerade wieder um die Ecke. Blutverschmiert und glücklich lächelte Akira ihn an. Kei erwiderte das Lächeln, während er auf ihn zuging.
"Du siehst aus," sagte er, amüsiert.
"Haha! Wie komme ich jetzt wieder hier weg?" Er lachte berauscht und hielt das Herz hoch, als hätte es etwas damit zu tun. "So kann ich nicht rumlaufen."
"Stimmt. Mit dem Herz in der Hand auch nicht. Plan A, ich hole das Motorrad, Plan B, ich hole dir Klamotten."
"Plan C, ich fliege einfach - oh nein, warte." Er warf das Herz auf die Leiche. "Plan A ist super. Plan A."
"Okay, bis gleich," sagte Kei und war mit einem Satz verschwunden, nur um Minuten später auf dem Motorrad wiederzukommen und neben Colin zu halten. Seinen Helm hielt er dem Kleineren hin. "Wir fahren nicht lange. Ich nehm ne Abkürzung."
Colin nahm den Helm an. Mittlerweile hatte er sich etwas das Gesicht und die Hände abgewischt.
"Fahr nicht nach Hause," bat er.
"Wo willst du denn hin?" wollte Kei wissen.
"Zur Konzerthalle. Auf das Dach." Er stieg hinter Kei auf.
"Okay." Kei startete die Maschine und fuhr in die gewünschte Richtung, wobei er Strecken nahm, die niemals für Motorräder gedacht waren. Diesmal ohne Scham, Verlegenheit oder irgendwelche Bedenken, hielt Colin sich an Kei fest.
Nach etwa einer halben Stunde Fahrt kam Kei an der Halle an und stellte das Motorrad abseits der Straße ab.
"Wir sind da."
Colin nahm den Helm ab und sah hinauf.
"Wie kommst du da rauf? Das ist etwas höher als die Schule."
"Aber nur etwas. Gut festhalten," sagte Kei, als er vom Motorrad abstieg. Colin tat, wie ihm geheißen. Er behielt auch den Helm in der Hand, als er die Arme um Kei legte. Kei sprang aus dem Stand an die Regenrinne des Daches und machte von da aus noch einen Satz nach oben, auf das Dach.
"So komm ich hier hoch." Er lächelte. Die Halle hätte er auch in einem Satz nehmen können, doch Colin schien sich nicht mehr an ihren Besuch des Tokyo Tower zu erinnern und er behielt sich nun vor, seine Stärke etwas für sich zu behalten. Oben ließ Colin ihn los und ging ein paar Schritte. Er sah sich um.
"Wo warst du, als du mich mit der Münze beworfen hast?"
"Ich hab dich nicht beworfen. Ich lag da drüben, das eine Fenster war offen." Er deutete auf die Stelle, an der er gelegen hatte, als er die Münze verloren hatte.
Colin ging gemächlich zur angedeuteten Stelle und setzte sich. Den Helm legte er neben sich ab. Kei setzte sich dazu und ließ sich auf den Rücken fallen. Er betrachtete Colin. Der zog sich die Jacke und die Mütze aus, legte sie auf den Helm und legte sich neben Kei auf die Seite. Mit dem Kopf auf eine Hand gestützt lächelte er Kei friedlich an.
Kei nahm sich Colins andere Hand und drehte den Kopf leicht in dessen Richtung. Eine solche Situation wäre noch vor einem Jahr undenkbar gewesen. Vor einem halben sogar. So lange kannte er Colin noch gar nicht. Der Vampir lächelte ebenfalls, als ihm durch den Kopf schoss, dass einzig sein Unvermögen, eine Münze zu fangen, alles ausgelöst hatte.
Colin stützte sich auf Kei und küsste ihn langsam. Der erwiderte den Kuss lächelnd.
Damit versuchte Colin alles auszudrücken, was er fühlte und in diese Situation gehörte, wie in Liedern und Büchern. Um zu überprüfen, ob es funktionierte, öffnete er die Augen und musterte Keis Gesicht genau. Keis Gesicht zierte ein glücklich-zufriedenes Lächeln. Seine Augen waren geschlossen, nicht mal ansatzweise gefährlich sah er in diesem Moment aus.
Langsam setzte Colin sich auf und zog sein beschmiertes T-Shirt aus. Kei grinste ganz leicht, als er den Kleineren beobachtete. Sein Blick wandte sich kurz gen Himmel, an dem keine Sterne zu sehen waren. Dafür war Tokyo einfach zu hell.
Als Colin sich seines Hemdes entledigt hatte, war Keis dran. Er kletterte auf ihn und schob ihm das Shirt hoch. Das machte er gemächlich und mit viel nicht unbedingt notwendigem Hautkontakt. Er strich sanft über die Schussnarbe.
Kei setzte sich leicht auf, um Colin das Ausziehen seines Shirts etwas leichter zu machen. Er zog ihn ohne sonderlichen Kraftaufwand zu sich und küsste ihn.
Die Schusswunde war gut verheilt, genau wie die anderen Verletzungen, die er abbekommen hatte. Seine freie Hand fingerte gemütlich an Colins Hose herum und öffnete sie schließlich.
Colin zog Kei das Hemd über den Kopf und legte es irgendwohin zur Seite. Er erwiderte den Kuss zärtlich während seine Hände leicht über Keis Wangen, Hals, Schultern und alle anderen freien Stellen fuhren. Von den Ketten ließ er sich auch nicht beirren, und das Piercing benutzte er, um mit den Lippen etwas daran zu ziehen.
"-be dich," flüsterte er mittendrin.
Kei hielt den Kleineren fest. Seine Augen waren immer noch geschlossen, als er etwas unverständliches gegen Colins Lippen nuschelte, das als Erwiderung des Halbsatzes gedacht war. Eine Hand fuhr die Konturen seines Oberkörpers nach. Die andere steckte halb in Colins Hosenbund. Der Vampir küsste ihn einfach weiter.
Leicht und langsam küsste Colin Keis Kinn, Hals, Ohr, Schultern, und was sonst noch so in der Nähe war. Dabei strich er Keis Haare vorsichtig zur Seite. Auf Keis Hand in seiner Hose reagierte er nur unbewusst.
Kei war auf eine ihm bis dato mehr oder minder unbekannte Weise fasziniert. Von Colin, von dem Ort. Von beidem. Er hatte nie gedacht, dass dieses Dach einmal ein schöner Ort sein würde. Es war immer nur ein ruhiger Ort gewesen, an dem ab und an mal Musik lief.
Noch immer hatte er die Augen zu und vergrub eine Hand in Colins Haaren, spielte damit herum.
"Es ist zwar richtig großer Mist passiert-" begann Colin leise.
"Aber?" fragte Kei beinahe ebenso leise.
"Aber... es ist gut, dass du mich mit der Münze beworfen hast." Er küsste Kei weiter auf dem Unterkiefer entlang. Kei lachte ein bisschen.
"Ja, auch wenn ich dich nicht beworfen habe."
"Natürlich hast du. Wie ist die Münze denn durch das Fenster gefallen?" Colin sprach sehr leise.
"Es war offen. Ich hab sie hochgeworfen und sie ist runtergefallen, durch das Fenster," erklärte Kei, grinsend.
Colin schmunzelte ihn triumphierend an. "Da hast dus. Du hast sie geworfen."
"Nach oben," Kei schmunzelte.
"Mit Physik hast dus nicht, was?" Colin grinste.
"Nein. Sie ist nach unten gefallen, weil ich sie nicht gefangen habe. Nicht weil ich dich beworfen hatte. Es ist aber gut, dass sie dir vor die Füße gefallen ist."
"Deine Haarspalterei nervt," beschloss Colin und küsste Kei.
Kei ließ es bleiben, irgendwas dazu zu sagen, und erwiderte den Kuss, zog den Kleineren ein Stück mehr zu sich nach unten. Colin setzte dem nichts entgegen, rutschte aber auf Keis Bauch hinauf, sodass er auf jeden Fall noch auf Kei hinuntersah. Als sein Blick auf seine Hand fiel, die er auf Keis Wange gelegt hatte, stutzte er und hielt inne. Kei öffnete die Augen und schaute Colin fragend an. Der inspizierte seine Handgelenke, indem er sie verwirrt anstarrte und nacheinander befühlte. Die Narben der Drahtfesseln waren verschwunden. Kei tat es ihm gleich.
"Deine Narben sind weg," sagte er, und sprach damit aus, was Colin gerade selbst durch den Kopf ging. Die Brandnarben und Blutergüsse um seinen Hals und in seinem Gesicht waren ebenfalls weg. Colin rieb sich prüfend über die Unterlippe.
"Alles weg," sagte Kei.