Saturday, July 23, 2016

Kei + Colin LXXX: Hirngespinst

| Ramin Djawadi - Light of the Seven (Game of Thrones) (Youtube) |

FREITAG
Ungefähr die zweite Nachthälfte verbrachte Colin damit, sich erst ausgiebig zu waschen und wieder anzuziehen, dann neben Kei zu sitzen und zu liegen und ihn stumm anzuschauen und dabei zwischendurch durch seine Haare und über seinen Rücken zu streichen. Als es der Uhr nach zu urteilen schon Morgen aber draußen noch nachtdunkel war, verließ er den Raum und trug seine neue alte Geige leise durch das stille Schloss, um einen Raum oder eine Nische zu finden, wo er spielen konnte, ohne ein Störenfried zu sein. Als sicherste Alternative fiel ihm die künstliche Höhle im Park ein, also machte er sich bald auf den Weg dorthin, gerade als der Himmel im Osten etwas blasser wurde. Kei schlief tief und friedlich wie tot.
Im Laufe des Morgens klopfte es an Keis Zimmertür. Kei gab darauf nur ein leises Grummeln von sich als Zeichen, dass er das Geräusch wahrgenommen hatte. Nach einigen Minuten wiederholte sich das Klopfen.
"Hello? Anybody alive in there?" erklang Ruperts Stimme aus dem Flur.
"Yeah... Come in..." gab Kei zurück. Inzwischen trug er Boxershorts, lag aber immernoch auf der Decke.
Zögerlich und mit einem vorsichtigen Rundumblick öffnete Rupert die Tür und betrat den Raum. Sein Blick blieb auf dem halbnackten Kei auf der misshandelten Bettdecke liegen.
"Good morning. Where's Colin? He isn't answering." Er zeigte mit einem Daumen in Richtung des gemeinsamen Badezimmers.
"Don't know exactly... Listen for his music, maybe he's taking a walk." Kei sah Rupert verschlafen an. Colin war nicht schwer zu finden, wenn Kei sich konzentrierte, konnte er ihn spielen hören.
"So you didn't kill him last night, that's a relief." Rupert nickte, scheinbar zufrieden mit der Antwort. "Tomorrow night there's going to be a gala - a ball of sorts, here in the castle. It's a local thing. You can attend if you like, but if not, then I'd appreciate it if you didn't wander around the castle for its duration."
Kei schmunzelte. "I wouldn't kill him... I couldn't do this again if he was dead... Would I scare your guests if I wandered around?" Kei war nicht der Typ für solche Feierlichkeiten - was am ehesten daran lag, dass er nie zugegen war, wenn sie stattfanden.
Rupert schmunzelte dreckig. Er schob die Hände lässig in die Hosentaschen.
"No, but you live here. So when there are guests around this is a public place, and it would be inappropriate. As I said, you can come down as a guest if you like, or stay up here in the... living quarters." Er sah kurz aus dem Fenster. "Or you could help Dennis. He and his people are providing additional security. Of the invisible kind." Hierbei wedelte Rupert geheimnisvoll mit einer Hand und wackelte konspirativ mit den Augenbrauen.
"So they are basically not to be seen. Sounds like a funny day. I'll find me a guitar if that's appropriate." Das wollte er eh schon eine Weile machen. Vielleicht war es ausnahmsweise mal kein Problem, wenn er in die nächste Stadt fuhr.
Rupert nickte. "I'll drive into town today anyway. I'll take you." Er sah auf seine Armbanduhr. "At two."
"Thanks. I'll be ready then. If you are still going to look for Colin, he's outside in the garden - this direction." Er deutete in die Richtung, aus der Colins Musik zu leise hören war. Rupert winkte nur friedlich ab, verabschiedete sich mit einem freundlichen Nicken und verließ den Raum. Kei stand bald darauf auf und ging duschen.

Die leicht verwilderte Wiese mit den Birken und Weiden, die die kleine künstliche Grotte umgaben, bot den perfekten Hintergrund für Colins Stimmung. Bis die Sonne vollständig aufgegangen war, improvisierte er irgendwas zusammen, das zu dieser Landschaft zu passen schien, und danach noch eine Weile. Er hätte noch den halben Tag da stehen können, wenn ihn nicht die Gedanken an Kei und an Essen zurücktrieben. Also ging er gemächlich zurück, diesmal zwischen den Beeten entlang.
Wie am Tag zuvor gab es Frühstück in diesem Salon. Der Tisch war nicht wieder so festlich gedeckt, aber dennoch ein Füllhorn an Appetitlichkeiten, das einem das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.

Nach ausgiebiger Dusche zog Kei sich an und trocknete seine Haare. Seine Stiefel waren von der langen Reise ziemlich malträtiert und seine Hose war zwar sauber, aber an den Knien völlig zerrissen. Kei störte das nicht. Das silberne Plektrum, das Colin ihm vor Jahren in Tokyo gegeben hatte und die Yenmünze nahm er eigentlich nie ab. Ein schwarzes Tanktop und seine - ebenfalls schon lange mitgereiste - Lederjacke vervollständigten sein Outfit - kurzum, er sah eigentlich aus wie immer.
Langsam schlenderte er nach unten, nicht des Frühstücks wegen, er wollte eigentlich nur rauchen. Er passierte die offene Tür, während Colin gerade auf dem reich gedeckten Tisch herumschaute und sich hinsetzte. In einer abgedeckten Schüssel hatte er rohes Fleisch und Innereien entdeckt. Diese nassglänzenden Batzen hatten ihn etwas schockiert, aber er war sich sicher, dass das nur daran liegen konnte, dass er nicht damit gerechnet hatte, auf diese Weise berücksichtigt zu werden. Oder dass hier überhaupt jemand so genau über seine Essgewohnheiten bescheid wusste.
Von der Schüssel, die er dreist auf den Teller vor sich gestellt hatte, blickte er zur Tür auf, als Kei vorbeispazierte. Kei blickte kurz durch die Tür, sah zu Colin und lächelte leicht. Mit der Zigarettenschachtel in seiner Hand machte er deutlich, dass er nach draußen wollte. Colin nickte ihm zu und krempelte sich die Ärmel hoch. Das hier würde eine blutige, schleimige Angelegenheit werden.
Kei ging weiter. nach draußen vor die Tür. Ganz zivilisiert. Er zündete sich eine Zigarette an und sah sich auf dem Grundstück um, soweit er es zusehen bekam.
Nach wenigen Minuten folgte Colin ihm. Als die große Tür zur Eingangshalle zufiel und er draußen die Treppe hinunterwanderte, war er noch damit beschäftigt, sich die blutigen Finger abzulecken. Sein Sweatshirt war sauber, doch seine Hände waren bis zu den Unterarmen und sein Mund über die Wangen bis zum Kinn voller Blutflecken. Kei stand ein wenig abseits der Treppe als er Colins Schritte hörte. Der Geruch von Blut war schon oben wahrnehmbar gewesen, bevor er sein Zimmer überhaupt verlassen hatte. Kei wandte seinen Blick Richtung Tür. Colin betrachtete seine Hände, während er auf ihn zuging und sich neben ihn stellte. Kei hielt ihm die Schachtel hin und begutachtete die Sauerei auf Colins Gesicht. Leicht amüsiert. Colin zog sich eine Zigarette heraus. Kaum dass er sie im Mund hatte, war sie auch schon rotbeschmiert. Kei grinste leicht und musterte Colins Gesicht weiter.
"Du kannst doch nicht das ganze Blut verschwenden und dir das Gesicht beschmieren," merkte er an.
"Das meiste habe ich getrunken." Mit erhobenen Händen deutete er an, dass er es direkt aus der Schüssel getrunken hatte. "Zünd ma an hier." Er winkte mit der Zigarette. Kei grinste weiter, während er Colins Zigarette anzündete. Dann fing er an zu lachen. Colin blinzelte schmunzelnd durch den Rauch, der ihm in die Augen kroch. "Du siehst so echt gut aus, weißt du?"
Kei schaute ihn fragend an. Nicht wissend, ob Colin das Lachen oder die merkwürdige Normalität dieses Morgens meinte. Dass Kei als dastehendes gutaussehendes Wesen gemeint sein könnte, kam ihm nicht in den Sinn, da er nicht anders aussah als sonst.
Colin deutete vage auf ihn. "So... fröhlich."
Kei wusste nicht mehr, wann er das letzte Mal so drauf gewesen war. Musste eine Weile her sein. Ihm fiel auf, dass er zum ersten Mal seit Langem nichts an einem Tag auszusetzen hatte. Das war gut. Lange würde das sowieso nicht anhalten.
"Ich geh mich wieder waschen," kündigte Colin an und hockte sich hin, um den Stummel an der Treppenstufe auszukratzen. Kei stimmte ihm bei dieser Idee zu kopfnickend zu. Er kniete sich relativ elegant neben seinen Freund und küsste ihn. Colins Überraschung und das darauffolgende Grinsen dauerten ungefähr anderthalb Sekunden, bis er den Kuss erwiderte. "Nicht zu nah," murmelte er.
"Warum?" Wirklich viel Gelegenheit zum Antworten ließ er dem Kleineren nicht.
"Hmblut..." Dessen Rausch setzte nun auch richtig ein. Oder es war Kei. Egal.
Kei grinste daraufhin nur. Das war der Grund Colin eben nicht nicht zu nahe zu kommen. Er biss dem Kleineren auf die Lippe, nicht allzu fest, aber so, dass es blutete. Mit einem kleinen Brummen beschwerte Colin sich und wedelte etwas mit den Armen. "Du misshandelst mich," murmelte er schmunzelnd.
"Niemals," kam von Kei zurück, dem man das Schmunzeln anhören konnte.
"Wenn du deinen Freund auffressen möchtest, kannst du das bitte drinnen tun? Ihr seht gerade sehr nach Gewaltverbrechen aus." Dennis war scheinbar aus dem Nichts neben ihnen vor der Tür erschienen. Er trug einen schwarzen Anzug, einen Mantel und eine Sonnenbrille. Kei präsentierte ihm seinen Mittelfinger. Er war nicht wirklich daran interessiert, Colin in Ruhe zu lassen. Ihn aufzufressen war allerdings auch keine ganz optimale Lösung. Irgendetwas dazwischen war gut. Trotzdem ließ er kurz von seinem Freund ab und musterte Dennis. Zuhälter, war das erste, das ihm einfiel.
Diese Gelegenheit nahm Colin wahr, um hastig aufzustehen. Verlegen und ohne ihn anzusehen, ging er auf Dennis zu, der gerade die Tür aufstieß und Keis Finger mit einem kleinen Kuss in die Luft beantwortete. Kei erhob sich ebenfalls und drückte den Rest seiner Zigarette aus, die nicht mehr als solche bezeichnet werden konnte.
Hinter Dennis, der etwa zehn Sekunden brauchte, um die Treppe zu erklimmen und von der Galerie zu verschwinden, schlüpfte Colin in die Eingangshalle. Er brauchte für seinen ähnlichen Weg etwas länger.
Kei ging, ein paar Minuten und noch eine Zigarette später, ebenfalls wieder hinein. Bis zwei Uhr hatte er noch einiges an Zeit.

Ganz leicht verlegen begab Colin sich still in sein Zimmer und von dort aus in das gemeinsame Badezimmer, wo er sich mit hochgekrempelten Ärmeln das Gesicht und die Hände mit einem Waschlappen gründlich sauberrubbelte. Seine Mütze lag derweil auf dem Bett herum.
Der Vampir ging auch langsam in sein Zimmer zurück. Das tat er jedoch nur, weil er Zeit totschlagen und ein neues Feuerzeug holen wollte – das alte war ziemlich leer, wie er festgestellt hatte. Danach ging er wieder nach draußen. Er setzte sich auf das Vordach des Haupteingangs und beobachtete die Leute, die kamen und gingen, wenn sie das denn taten. Derer gab es wenige. Um genau zu sein, nur zwei. Die erste Person war Jane, die einmal die Stufen hinaufjoggte und schon nach sehr kurzem Aufenthalt in der Eingangshalle wieder hinunterging, nur etwas langsamer. Sie bog zügig zu dem Gebäudeteil ab, in dem sich die Garagen und der Seiteneingang befanden.
Die zweite Person war Colin. Er trug nun zu seiner Mütze noch eine Jacke. Nachdem er zuerst oben auf der Treppe angehalten hatte um sich umzusehen, tat er nun noch das gleiche auf dem Platz vor ihr. Er schien nach etwas Ausschau zu halten. Und schien es nicht zu finden. Mit den Händen in den Jackentaschen wandte er sich wie Jane nach links und ging gemächlich los. Er schien es eilig zu haben, sich aber zu etwas ruhigerem Schritt zu zwingen.
„Wohin des Weges?“ rief Kei vom Dach seinem Freund hinterher. Der hielt plötzlich an und blickte sich ruckartig um, bis er Kei auf dem Vordach erspähte. Anstatt verbal zu antworten, zog er nur mit einem Lächeln eine Hand aus der Jackentasche und zeigte mit einem Finger auf Kei.
„Dann komm hier hoch,“ entgegnete Kei grinsend und beugte sich vornüber, Richtung Colin. Der legte nur mit trockenem Blick den Kopf etwas schief und zog eine Augenbraue hoch.
„Klar, ich nehm nur schnell noch Flugstunden,“ sagte er in moderater Redelautstärke, zuversichtlich dass der Vampir ihn gut genug hören konnte. Noch immer grinsend sprang Kei, sich mit einem Handstand vom Vordach rollend, hinunter und landete vor Colins Füßen.
„Die brauchst du nicht für die drei Meter.“
„Meinst du, das kann ich springen?“ fragte Colin mit zweifelndem Blick nach oben. „Leichtathletik ist nicht so mein Ding. Oder überhaupt Athletik.“ Er war innerhalb der letzten Wochen durch seine Flucht- und Grubenkampfsituation etwas wehrhafter, etwas stärker und beweglicher geworden, aber Fassadenklettern und Hochsprünge von mehreren Metern waren natürlich ausgesprochene Fantasterei.
„Springen nicht, okay, aber du kommst da hoch. Die Wand ist alt und bietet viele Haltemöglichkeiten.“ Für Kei war das einfach, er hatte keine Probleme mit Klettern, Springen, oder dem Erreichen von Festhaltemöglichkeiten. Die Wand wenige Meter hochzulaufen ginge auch noch. Nur Fliegen konnte er nicht.
Colin trat neben der Treppe an die Wand heran und blickte an ihr hoch. Kei folgte ihm dahin und blieb etwa einen Meter entfernt stehen. Colin hatte durchaus Lust, einen ernsthaften Kletterversuch zu starten. Die Fassade war alt und hatte viele kleine Vorsprünge und Haltemöglichkeiten in Form von Fensterbänken, Abflussrohren, verschiedene Nischen und Kanten im alten Mauerwerk und sogar Efeu. Doch sie waren hier Gäste, wenn er das richtig verstanden hatte, und wurden von Rupert aus reinem guten Willen ausgehalten. Er bot ihnen nicht nur diese Zuflucht, sondern fütterte sie auch durch und kleidete sie ein. Es wäre sehr respektlos, an seinem Haus herumzuklettern, besonders, wenn man es noch gar nicht konnte. Nach etwa einer Minute der Nachdenklichkeit sah Colin ihn mit neutralem Blick an.
„Du siehst aus, als wäre dir gerade ein sinnvoller Grund eingefallen, nicht an diesem Haus hochzuklettern,“ merkte Kei an, nachdem er Colins nicht viel sagendes Gesicht studiert hatte und steckte die Hände in die Hosentaschen. „Es gibt hier sicher noch andere Möglichkeiten, wo du üben kannst.“
„Viele Bäume.“ Colin zuckte mit den Schultern. „Du kennst dich doch hier aus, oder? Was hat es mit dieser Höhle auf sich? Ist das ein Schrein oder sowas?“
„Weiß ich nicht, ich bin vielleicht einmal dort gewesen.“
„Sie ist interessant.“ Er hätte beinahe ‚schön‘ gesagt, wollte aber nicht sentimental wirken.
„Ich weiß nur, dass niemand oft dort hingeht. Du bist der Einzige, der sich öfters dahin verirrt.“
Colin legte den Kopf etwas schief. Er war zweimal bei der künstlichen Grotte gewesen, und nie war Kei dabeigewesen. Er hatte sie auch nie erwähnt. „Stalkst du mich wieder?“
„Nein, warum?“ Kei wunderte sich, wie Colin auf diese Idee kam. Er wusste einfach, dass sein Freund schon mehr als einmal dort gewesen war.
„Verarschst du mich jetzt? Woher weißt du, dass ich ‚öfter‘ da war?“ Colin sah skeptisch aus, aber ruhig.
Gute Frage. Kei dachte nach. Tatsächlich hatte ihm niemand erzählt, dass Colin dortgewesen war. Er war ihm auch nicht nachgelaufen oder zufällig dort vorbeigekommen.
„Keine Ahnung.“
Colins sardonischer Blick machte deutlich, dass er Kei nicht glaubte. Er wandte sich um und ging los.
„Wohin gehst du?“ erkundigte sich Kei ruhig. Er wusste es wirklich nicht. Wenn Colin ihm nicht glaubte, war das nicht sein Problem, auch wenn das, was er erzählte nicht wirklich glaubwürdig war. Das wusste er ja selbst, aber eine Beweispflicht hatte er nicht.
„Stalker!“ rief Colin in die Luft vor sich und marschierte weiter auf die Wiese zu, die die Blumenbeete säumte, hinter denen zwischen Gesträuch und Nadelbäumen die Birken und Weiden um die kleine Höhle herumstanden. Kei seufzte. Jetzt zu schreien: ‚Nein!‘ hätte keinen Zweck, also ließ er es, ging dem Kleineren aber nach.
Gemächlich, und Keis Anwesenheit bewusst, wanderte Colin zwischen den Beeten hindurch. Er fragte sich, ob er zu ihm aufholen oder ihn einfach nur verfolgen würde. Kei ging einen Schritt schneller, sodass er nach einer Weile zu ihm aufgeholt hatte. Wohl wissend, dass Colin ihn sowieso bemerkt hatte. Allerdings wollte er auch gar nicht unbemerkt sein. Stumm gingen sie langsam durch die wuchernden Pflanzen. Colin sah nachdenklich aus. Kei betrachtete ihn von der Seite.
Trotz des aufgeschlagenen Kragens und der Strickmütze, die Colin tief in der Stirn und über den Ohren saß, konnte man sehen, dass seine Haare immer noch kurze Stoppeln waren. Er behielt die Hände in den Jackentaschen und sah hauptsächlich vor seine Füße. Nur, wenn er nachschauen wollte, ob sie sich noch auf dem richtigen Weg befanden, schien er aus seinen Gedanken aufzuwachen und blickte kurz auf. Kei ging stumm neben ihm her und achtete nicht groß darauf, wo sie überhaupt hingingen. Nach nicht mehr als einer Viertelstunde traten sie zwischen die ersten Birken.
„Hier sind Blumen und Grabkerzen,“ sagte Colin leise. Wahrscheinlich wusste Kei das längst.
„Ob hier jemand beerdigt wurde?“ Kei kannte sich auf dem Gelände gut aus, sprach aber eigentlich nie über das, was er zu sehen bekam. Das Grab – wenn es denn eins war – kannte er tatsächlich schon, wem es gedacht war, wusste er nicht. Er war nicht besonders scharf darauf, in den Angelegenheiten von Toten herumzuwühlen, die Lebenden interessierten ihn mehr.
„Ich habe keine Gräber gesehen,“ sagte Colin. Die vertrockneten Blumen und die Lichter lagen, standen und hingen allesamt im Inneren der Grotte mit den als natürliche Felsform getarnten Reliefs. Er setzte sich auf die leere Steinbank in der Mitte. Neben dem Eingang stand ein Wasserschälchen, in dem ein paar frische weiße Blüten lagen.
„Irgendwer kümmert sich jedenfalls um diesen Ort, warum auch immer,“ sagte Kei, während er sich genauer umsah. Das war ein schöner Platz, kein Wunder, dass Colin ihn mochte. Der drehte sich gerade so auf der Bank herum, dass er sich bequem auf ihr auf den Rücken legen konnte. Die Hände faltete er auf dem Bauch und seine Füße standen auf beiden Seiten auf dem Boden. Kei trat an ihn heran und musterte ihn, ehe er sich auf das Stück Bank setzte, das Colins Beine zum Sitzen freigaben. Colins Blick schweifte von der Decke auf Keis Gesicht. Er lächelte ein bisschen. Auf Keis Gesicht war der Anflug eines Ausdrucks, der mal ein Lächeln werden wollte, zu sehen, wenn man genau hinsah. Kei saß etwas schräg auf der Bank um einigermaßen vernünftig sitzen zu können, weshalb Colin nur ein halbes Gesicht zu sehen bekam.
„Wohnen wir jetzt hier?“ fragte Colin nach einer Weile und ohrfeigte sich innerlich dafür, dass er eigentlich etwas ganz anderes hätte sagen sollen. Wollen. Oder vielleicht auch besser nicht. Er wollte nicht sentimental wirken. Er begnügte sich damit, Kei weiter zu mustern und seine Gedanken und Gefühle dabei hinter einer Maske aus neutralem Interesse und freundlicher Aufmerksamkeit zu verstecken.
„Dann müssen wir zum Duschen aber immer rein gehen,“ erwiderte Kei leise lachend. Sein Blick wanderte von Colin durch die ganze Grotte, soweit er sie einsehen konnte. Colin grinste.
„Ich meine das Schloss, du Genie.“
„Ach so. Ich denke schon. Ich finde zwar, es hat mehr von Hotel als von Zuhause, aber vielleicht ändert sich das ja noch.“ Kei kannte nur ein richtiges Zuhause, aber das hatte er ewig nicht gesehen und es existierte auch nicht mehr.
„Du willst also mitmachen? Mit Dennis gegen die Instanz kämpfen?“ Colin stützte sich auf die Ellbogen, um Kei genauer anzusehen. Ich will darüber gar nicht reden. Vielleicht ist das hier das beste, das uns passieren konnte. Doch Colin wollte immer noch weglaufen und mit Kei irgendwo seine Ruhe haben. Wie in Brasilien. Die Highlands waren sehr einsam, und Kei wollte sowieso mal nach Schottland... Colin runzelte die Stirn und zwang den Gedanken weg. Zumindest versuchte er es halbherzig, malte sich aber immer noch aus, wie sie abgeschieden in einer Hütte auf einem grünen Hügel lebten, Schafe hüteten und am Abend auf einer Bank im Garten Pfeife rauchten und Whisky tranken. Wenn sie beide nun wirklich unsterblich waren, konnten sie so die Instanz überleben und vielleicht schon in ein paar Jahrzehnten als Fremde in die Zivilisation zurückkehren. Dann würden sie beide mit Musik ihr Geld verdienen, vielleicht mal wieder Freunde haben und Kei könnte endlich Rockstar werden.
Colin blinzelte und fokussierte Kei wieder. Er hoffte, dass er seine Antwort nicht vor lauter Träumen überhört hatte.
„Ich will nicht ständig wegrennen müssen und irgendwelchen Irren begegnen, die versuchen uns umzubringen. Und auf Einsiedlerdasein hab ich auch keine Lust.“ Kei sah an die Wand.
Colin musterte ihn stirnrunzelnd. Er hatte doch nichts laut ausgesprochen? Du Wichser kannst hypnotisieren und Gedanken lesen? versuchte er Kei auf einen idiotischen Impuls hin telepathisch mitzuteilen.
Kei, der immer noch Richtung Wand sah, spürte Colins Blick auf sich. Was auch immer der Kleinere jetzt für ein Problem hatte, Kei hatte keine Ahnung. „Was ist?“ fragte er ruhig.
„Was soll ich machen? Bloß hier versteckt bleiben? Mich wollen sie nicht dabeihaben.“
„Haben sie dir das gesagt?“ Kei würde nicht alleine dort bleiben und Colin allein gehen lassen. Ihm hatte das in Südamerika gereicht.
„Ja. Sie verstecken uns beide, aber mithelfen sollst nur du. Als ich Dennis gefragt habe, was ich tun kann, hat er nur gesagt, dass Rupert meine Gesellschaft sehr freuen würde und ich ja einfach ganz viel Geige spielen könnte.“ Colin richtete sich auf, bis er rittlings auf der Bank saß.
„Sie glauben, dass du ihnen entweder nicht nützlich bist, oder sie haben einen Beschützerinstinkt entwickelt und wollen nicht, dass dir was passiert.“ Das will ich auch nicht. „Wenn du helfen willst, dann musst du mit ihnen reden... Ich werde dich nicht davon abhalten.“ Kei lehnte sich zurück, sodass er mit dem Kopf auf Colins Schoß lag.
„Das habe ich doch versucht. Ich glaube, dass sie mir nicht vertrauen wollen, nachdem... danach. Nach dem...“ Er winkte und wackelte etwas mit der Hand, an der er in seinen Kämpfen die Eisenklauen getragen hatte, dann ließ er sie sinken und streichelte Kei damit sachte durch die Haare. „Und weil ich mich im Schlaf selbst umbringen will... Ich bin nicht vertrauenswürdig. Das ist wahrscheinlich das Problem. Um ehrlich zu sein, habe ich auch gar keine Lust, an einem Krieg teilzunehmen. Aber wenn dus machst, lasse ich dich nicht allein.“
Für Kei war Colin die einzige vertrauenswürdige Person, die er kannte – und er kannte sehr viele Personen. Da war das suizidale Schlafwandeln egal. „Ich will keinen Krieg. Ich will ein Leben, aber das kriege ich nur, wenn die Wichser tot sind, denn vorher lassen sie uns nicht in Ruhe.“ Colins Zeigefinger strich über seine Lippen. Kei lächelte leicht.
„Wer weiß, wie lange das dauern wird... Das überleben wir wahrscheinlich nicht, weißt du? Wir können zwar nicht mehr konventionell sterben, aber ich glaube nicht, dass wir unzerstörbar sind.“ Mit den Fingerspitzen zeichnete Colin langsam und sachte Keis Augenbrauen und die Konturen seiner Wangenknochen nach.
„Ich pass auf, dass du nicht draufgehst.“ Aufpassen, dass ihm nichts passierte konnte er zwar versuchen, aber das funktionierte ja nicht immer. Dass Colin starb, würde er schon verhindern – wenn sein Freund sich nicht in seiner Abwesenheit selbst äußerst effektiv umbrachte. „Wir können aber auch nicht weglaufen, nicht ewig. Die finden uns doch überall.“
Colin blickte bedauernd zur Seite und auf den Boden. Er wollte das nicht ganz glauben. In Südamerika waren sie der Instanz scheinbar über ein Jahr lang aus dem Weg gegangen, ohne überhaupt von ihr zu wissen. Vielleicht waren sie auch mit Absicht in Ruhe gelassen worden, aber das kam ihm unwahrscheinlich vor. Kei wollte abrechnen und Colin konnte ihm das nicht verübeln. Er hielt seine Knie und starrte nachdenklich auf die Wand, wo ein Ritter und eine in ein flatterndes Laken gehüllte Frau gegen einen verschnörkelten Lindwurm kämpften.
Kei sah an die Decke, die sich auch als verziert entpuppte. Wer auch immer diese Höhle geschaffen hatte, hatte sich sehr viel Mühe gegeben.
„Wenn wir sie soweit haben, dass sie uns nicht mehr nachrennen und uns suchen, gehen wir irgendwohin, wo wir Ruhe haben. Die Welt anzusehen macht keinen Spaß mit einem Gewehr im Rücken,“ sagte er leise. Lange an einem Ort bleiben konnte und wollte Kei nicht. Dafür war die Welt zu groß.
Colin schwieg noch ein paar Minuten.
„Glaubst du nicht, dass wir vielleicht nicht... echt sind?“ fragte er schließlich leise. „Also... wir beide. Dass das, was wir haben, künstlich ist?“ Er starrte immer noch die Frau und den Lindwurm an.
„Wenn dem so wäre, würde ich dich nicht ständig vom unfreiwilligen Selbstmord abhalten... Der scheint dir ja irgendwie programmiert zu sein... Weißt du, wie spät es ist?“
„Keine Ahnung – was, wenn du das nur tust, weil du dazu programmiert wurdest, auf mich aufzupassen? Vielleicht muss bei denen nur einer mit den Fingern schnipsen oder ein Wort sagen und du vergisst das hier sofort alles? Was wenn -“
„Das wissen wir, wenn‘s soweit ist. Ich kann nicht hellsehen und ich hab keine Ahnung, was die mit mit uns gemacht haben – ich will einiges auch gar nicht wissen.“
„Aber wenn – wenn wir nur so eine Spielerei sind und alles was wir tun so vorgesehen war, dann ist das alles hier nur so eine Art Simulation und ich liebe dich gar nicht wirklich, und du liebst mich nicht -“
„Fresse, Colin! Du denkst zuviel.“
„Und du zuwenig!“ Colin rutschte auf der Bank zurück, sodass Keis Kopf von seinem Schoß herunterrutschte. Kei setzte sich auf.
„Was bringt es dir, all das wissen zu wollen, als schlechte Laune? Ich hab keine Antworten, niemand hier hat Antworten. Die kriegen wir nur, wenn die Instanz tot ist, also hör auf, dich jetzt damit verrückt zu machen.“
„Ich bin schon verrückt! Das alles hier ist wahrscheinlich nur Einbildung und ich bin in Wirklichkeit immer noch in der Grube -“ Colins weit aufgerissene Augen waren nun nass und sein Blick flackerte gehetzt durch die Höhle. „Ich habe jedesmal geglaubt, ich hätte das schwarze Loch nur geträumt und der Traum wäre Wirklichkeit -“ Kei drehte sich um und nahm Colin in den Arm.
„Du bist vielleicht verrückt, aber das hier ist die Realität.“ Er war kurz davor, seinem Freund eine zu scheuern, damit er wach wurde. Colin vergrub sein Gesicht in Keis Halsbeuge.
„Ich weiß! Solange, bis ein kleines Detail... nicht stimmt... und ich wieder aufwache. Wenn ich hier einschlafe, wache ich da auf, wenn ich da die Augen zumache, wache ich hier auf,“ murmelte er in Keis Kragen. Kei erwiderte nichts darauf. Sie wussten beide, dass Colin beschissen schlief und Alpträume hatte, das mussten sie nicht breittreten. „Eins davon ist real. Jetzt das hier, und du. Und heute nacht die Zelle. Was passiert, wenn ihr die Instanz nicht besiegt? Dann versaut ihr mir noch das hier und ich habe gar nichts mehr.“ Er umklammerte Kei fest und krallte seine Finger auf dem Rücken in dessen Jacke. „Dann ist diese Einbildung vielleicht für immer weg,“ flüsterte er eindringlich.
„Das ist keine Einbildung, aber es wird nicht lange dauern, wenn die Instanz uns nicht in Ruhe lässt,“ sagte Kei ruhig. „Ich will das nicht kaputtmachen, aber es soll länger sein als ein paar Tage.“ Ein paar Tage waren für Kei nicht lang. Sie waren für ihn wie längere Stunden und er hätte sehr gern länger Ruhe vor der Instanz als einen gefühlten Tag.
Colin wich etwas zurück, um Kei anzusehen. „Das hier ist Einbildung,“ erklärte er ihm mit nassen Augen. Dabei wirkte er so ruhig, dass er es nur ernst meinen konnte. Nun lächelte er traurig. „Bald wache ich wieder auf.“
„Nein. Es ist real, aber du wirst bald einschlafen und Alpträume haben.“ Kei sprach ebenfalls ruhig. Colins Zustand war bedenklich, aber ändern konnte er ihn auch nicht. Das musste Colin zu einem sehr großen Teil selbst machen – wenn er konnte. Kei konnte nur da sein und Colin erzählen, was echt war und was nicht. Glauben musste der Kleinere es selbst.
Das schien just in diesem Moment nicht der Fall zu sein, denn er lächelte Kei nur etwas mitleidig an, als er sagte: „Wir wohnen in einem Schloss, komm schon. Wie realistisch ist das? Rupert beschenkt mich mit Antiquitäten und Maßanzügen. Da drüben neben dem Eingang steht ein Foto von meiner Mutter auf dem Boden. Und du bist heute viel zu fürsorglich und gut gelaunt. Das kann nicht die Realität sein.“ Colin sah ihn an, als wolle er seine Reaktion beobachten.
„Ich kann auch gerne mies gelaunt sein, wenn dir das besser gefällt,“ entgegnete Kei. Das Schloss und die Geschenke ließ er unkommentiert. Reiche Leute gehörten in die Realität. Zugegeben, das alles war merkwürdig. Es wunderte ihn, dass ihm ausgerechnet seine bis vor Kurzem noch völlig unbekannten Halbgeschwister über den Weg liefen und ihm erklärt hatten, sie kämpften gegen die Typen, die für alles verantwortlich sind. Das war alles merkwürdig und eher Stoff für Filme, aber es war real. Kei wunderte nichts mehr. Er würde auch an die Existenz von Jedi oder Elfen glauben, wenn man ihm das beweisen konnte. Ein Mann, der zwei umherstreunende Jungs bei sich aufnahm, damit sie nicht getötet wurden, war wirklich nicht unnormal.
„Rupert mag dich einfach und er hat viel Geld, ich glaube, er kann es sich leisten, nett zu dir zu sein ohne böse Hintergedanken.“
„Ich unterstelle ihm keine Hintergedanken.“ Colin ließ Kei los. „Ich unterstelle ihm, ein Hirngespinst zu sein. Und dir auch.“ Er legte sich zurück und faltete wieder die Hände auf der Brust. Mit den Knien wackelte er ein bisschen, sodass sie ein paarmal gegen die Sitzflächenkante der Bank stießen. „Das ist aber okay. Ich schätze, es kann mir auch egal sein, ob du echt bist. Ich kann sowieso nichts ändern. Der echte Kei ist vielleicht längst tot oder froh dass ich nicht mehr da bin.“ Er zuckte mit den Schultern. „Und wenn nicht, dann kommt er schon über mich hinweg, schätze ich. Und ich habe dich, also komme ich wohl klar.“ Colin klang sanft und betont gleichgültig.
Und er brauchte einen Psychologen. Kei wollte nicht, dass Colin glaubte, die Realität, die ausnahmsweise mal nicht aus äußerster Lebensgefahr bestand, sei unecht, weil sie eben nicht furchtbar gruselig und tödlich war. Die Vorstellung, ein Hirngespinst zu sein behagte ihm nicht – vor allem, weil er wusste, dass er keins war.
Kei stand auf. Er wollte immer noch wissen, wie spät es war und mit Rupert in den Ort fahren um eine Gitarre zu kaufen. Ablenkung würde ihm sehr gut tun. Ein Anflug von Normalität vielleicht auch. Kei machte sich Sorgen um Colin, aber bei dem, was der durchgemacht hatte, würde es noch eine ganze Weile dauern bis er wieder normal denken konnte.
„Ich muss los.“
„Cheerio,“ ließ Colin mit einem lässigen Winken verlauten und betrachtete weiter die graue Decke.


Friday, July 22, 2016

Kei + Colin LXXIX: Vergebung


Kei verließ den Raum eine Weile später und machte es sich auf dem Dach des Schlosses bequem, wo er oft gesessen hatte, bevor die Rettungsaktion für Colin begonnen hatte. Er legte sich hin. In T-shirt, Jeans und Stiefeln lag er auf dem Dach herum und hing seinen Gedanken nach. Er würde definitiv nicht auf Knien um Vergebung betteln.

Derweil hatte Colin kurz auf einem Fensterbrett in seinem Zimmer gelegen und in den grauen, windigen Nachmittag gestarrt. Aber nur ein paar Minuten lang. Dann beschloss er, das luxuriöse Badezimmer zu nutzen und begab sich hinein. Eine Viertelstunde später lag er in der großen Badewanne und betrachtete die dicke, duftige Schaumdecke von unten. Er versuchte, einzuatmen und seine Lungen mit Wasser zu füllen. Das würde ihn nicht umbringen. Er wollte nur wissen, wie es sich anfühlte.
Nicht angenehm. Er erstickte nicht, aber es fühlte sich dennoch so an. Er bekam plötzlich das dringende Bedürfnis, Luft zu holen und das warme Wasser wieder aus sich herauszuzwingen, und das tat weh. Eilig tauchte er wieder auf und spuckte das Wasser zuckend wieder aus.
Was soll ich hier eigentlich machen? Wir kämpfen gegen die Instanz, aber wie kann ich da helfen? Ich bin als Keis Anhängsel hier. Weil er ohne mich nicht mitmachen würde. Ich bin seine Batterie. Colins Gedanken schweiften nach Bolivien ab. Ohne Kei war er fantastisch klargekommen. Er war unglücklich gewesen, aber erfolgreich. Er war vor Allem seine eigene Person gewesen.
Das Wasser war längst kalt und schaumlos, als er es endlich ablaufen ließ und sich abduschte. Er fand einen großen, weichen blauen Bademantel, mit dem er in sein Zimmer zurückging, um darin herumzustöbern. Es langweilte ihn nur sehr schnell, und so zog er sich Dennis' Kleider wieder an – auch den Mantel und die Mütze – und machte sich auf, das Gelände um das Schloss herum zu erkunden.

Kei lag noch immer auf dem Dach. Dass es mittlerweile später geworden und dunkel war, störte ihn nicht im Geringsten.

Die Stunden bis zum Sonnenuntergang hatte Colin damit verbracht, durch den halbverwilderten Park und einen Teil des angrenzenden Waldes zu streifen. Dabei hatte er zwischen einer kleinen Gruppe von Birken und Weiden eine künstliche Grotte entdeckt, in deren Wände und Decke verwundene Figuren gemeißelt waren. Hinter dem Eingang hing knapp über Kopfhöhe eine kleine Laterne, in der ein trauriger alter Wachsklumpen lag, aber auf dem Boden waren vertrocknete Blumen und einige Grabkerzen verteilt, die zum Teil noch brannten. In der Mitte der kleinen Höhle stand eine breite Marmorbank. Colin nahm sich die leuchtenden Grabkerzen und stellte auf die Bank. Dann setzte er sich daneben und sah sich die merkwürdigen Formen an den Wänden an.

Kei blieb die ganze Nacht auf dem Dach sitzen, auch der einsetzende Regen vertrieb ihn nicht von dort. Auch nicht, als er klatschnass wurde und das Wetter sich nach einer Stunde Regen nicht zu bessern schien.

In der Tat wurde der Regen nur noch stärker – das Rauschen des Schauers auf den Blättern weckte Colin auf, der in der Höhle eingenickt war. Der Blick nach draußen verriet ihm nicht, wie spät es war, und Zeitgefühl besaß er sowieso nicht mehr, also beschloss er ganz willkürlich, dass es bestimmt längst Zeit zur Rückkehr war und ging zum Schloss zurück.
Er brauchte ein bisschen, um sich durch den grauen Regenschleier zu orientieren, fand den Weg aber leicht wieder und ging gemächlich durch den dunklen Park. Zwischendurch beschlich ihn der starke Verdacht, vom Weg abgekommen und in einem Blumenbeet gelandet zu sein, denn der Untergrund wurde zeitweise struppiger und matschiger, während er auf das große Gebäude zuging. In Gedanken entschuldigte er sich bei Dennis für das, was er seiner Hose und seinen Schuhen antat, als er sich gerade von etwas stacheligem, das er in der Finsternis nicht sehen konnte, losriss.
Es sind DocMartens. Die können das ab. Hoffte er.

Irgendwann war Kei in dem Regenschauer eingeschlafen, mit der Frage im Kopf, ob er sich eigentlich erkälten würde, wenn er da blieb. Egal...

Nach dem Abspülen der Schuhe und der Hose und anschließendem Aufhängen seiner Kleider im Badezimmer – Handtuchtrockner sind so praktisch – sah Colin nach, ob Kei nebenan angekommen war und nahm schulterzuckend zur Kenntnis, dass dies nicht der Fall war. Also legte er sich in seinem dicken Bademantel auf das Bett und sah aus dem Fenster, wo sich der dichte Regen langsam zu einem waschechten Herbststurm auswuchs.

Der nächste Morgen ließ viel zu lange auf sich warten, doch irgendwann kam er. Der Regen hatte aufgehört, doch der Himmel wurde schon wieder grau, sobald die Sonne aufgegangen war. Rupert hatte Colin abgeholt und zum Salon gebracht, wo die Nichtvampire üblicherweise ihre Mahlzeiten einnahmen. Nun saß Colin allein mit Rupert an einem sehr großzügig ausstaffierten Frühstückstisch, mit antikem Teeservice und silbernem Toastständer...
„Is it like this every morning or is this an exception?“ fragte Colin überrascht, während er vorsichtig mit einer silbernen Zange ein Stück Zucker aus einem Kristallschälchen in seine Meissener Teetasse beförderte.
„It's an exception,“ gab Rupert schmunzelnd zu. „All to impress you.“ Er grinste auf seine zusammengefaltete Zeitung, aber beobachtete Colin weiter aus dem Augenwinkel. „Didn't Dennis give you more clothes?“
Colin sah an sich herunter. Die Kleider waren noch etwas feucht und rochen auch so.
„No. It's not his job to clothe me, is it?“ Er zuckte mit den Schultern. Rupert grinste.
„No. If you want, I can take you into town today and we'll get you something.“

Als Kei aufwachte stellte er fest, dass er vollkommen durchnässt war. Er stand auf und machte sich auf den Weg in sein Zimmer, tropfte dabei den Boden voll und hinterließ eine nasse Spur, wo er entlangging.
Es klopfte an der Tür.
Kei, noch immer klatschnass, öffnete.
„Äh. Ist alles in Ordnung?“ Colin sah ihn ein bisschen überrascht an.
„Bin draußen eingeschlafen,“ antwortete Kei sein Aussehen erklärend und trat von der Tür weg um sich die nassen Kleider auszuziehen. Seine Haut war noch kälter als sonst.
Da er die Tür nicht geschlossen hatte, tat Colin das einfach mal, nachdem er eingetreten war. Er sah Kei beim Ausziehen zu, wobei er mit jedem bisschen Haut, das zum Vorschein kam, verlegener wurde. Ihm war nicht bewusst, wie er starrte, während er betont lässig aussehen wollte, mit den Händen in den Hosentaschen und auf seinen Lippen kauend.
Kei machte es nichts, von Colin angestarrt zu werden. Vollständig unbekleidet ging er ins Bad und nahm sich ein Handtuch um sich abzutrocknen.
„Du bist nicht nur hier um mich zu fragen, weshalb ich klatschnass durch den Flur laufe, oder?“
„Nein. Ich wollte wissen, wies dir geht,“ sagte Colin schulterzuckend. Er war ihm nachgegangen und stand nun in der Tür des Badezimmers. Augenblicklich kratzte er sich verlegen den Kopf, auf dem mittlerweile wieder Stoppeln sichtbar waren. Scheinbar juckten die etwas.
„Nass und kalt,“ sagte Kei leise, während er sich in ein großes Handtuch wickelte um wenigstens nicht mehr nass zu sein. Er hatte es tatsächlich geschafft – er fühlte sich unterkühlt! Das war neu.
Und ganz sicher nur möglich, weil er draußen eingeschlafen war. Nicht unbedingt wiederholungsbedürftig.
„Hmf,“ gab Colin von sich, der für das Handtuch dankbar war, denn er hatte große Mühe gehabt, seinen Blick nicht unter Keis Bauchnabel schweifen zu lassen. Aber etwas enttäuscht war er trotzdem. „... Und sonst?“ Er stand noch immer in der Tür.
Du willst die Entschuldigung immer noch, oder? Kei schob sich an ihm vorbei, aber nur, um sich trockene und sogar wärmende Sachen anzuziehen – eine Jogginghose, die er im Schrank gefunden hatte und eine Sweatshirtjacke. Unterwäsche hielt er nicht für notwendig. „Aushaltbar.“
Colin sah sich nach etwas stabilem um, mit dem er Kei bewerfen konnte. Dazu hatte er gerade Lust. Die Kristallflasche mit dem Rasierwasser schien ihm ungeeignet.
„Wunderbar,“ sagte er also nur und ging langsam durchs Badezimmer zu seiner Tür. „Ich bin mit Rupert weg.“
„Viel Spaß.“ Kei legte sich auf sein Bett und tat etwas, das er noch nie getan hatte. Sich aufwärmen. Zusammengerollt lag er da und wartete, bis unter der Decke die Kälte aus seinem Körper wieder verschwinden würde.
Nach einem fast neutralen Blick zurück schloss Colin seine Badezimmertür und holte sich Mantel und Mütze.

Rupert brachte ihn nach Lancaster hinein. Colin kam die Stadt größer und schicker vor, als er erwartet hatte. Rupert sagte, das liege an der Universität und dem Tourismus. Immerhin gebe es hier viele historische Bauten und eine direkte Verbindung zur Königin.
„She's the Duke of Lancaster, you know.“
Colin grinste. „I didn't. The queen's a duke, fancy that.“
Direkt am Fluss, wo selbst bei diesem bedeckten Himmel an einem Wochentag – Rupert sagte, es sei Donnerstag – auf einer Promenade vor den Geschäften viel los war, führte Rupert ihn lässig spazierend zu einer Boutique, die ziemlich teuer und exklusiv aussah. Als Colin bemerkte, worauf sie zusteuerten, hielt er kurz vor dem Eingang an.
„Just so we're clear on this: We're shopping for clothes – for you?“ Er sah belustigt aus. Rupert grinste und schüttelte den Kopf.
„We're getting you a fancy frock,“ korrigierte er. „I've got enough.“
„I know you're rich, but I'm not, and frankly, I'm not that into tailored tails,“ erklärte Colin abwinkend. „I'm not your age,“ fügte er hinzu, woraufhin Rupert sich mit gequältem Blick an die Brust packte.
„Not my age, ouch. How old are you then?“ Er schlenderte weiter die Schaufenster entlang, von dem feinen Zwirnladen weg. Colin musste etwas nachdenken. Seinen letzten Geburtstag hatte er als Angel in Bolivien verbracht. Da hatte er sechzehn werden sollen und nun war es wieder Herbst.
„About seventeen?“
„Hm, how old do you think I am?“
„About forty?“
„Shockingly accurate,“ gab Rupert nickend zu. Er nickte zu einem Schaufenster, in dem vage humanoid gestaltete Plastikröhren jugendlichere Kleidung zur Schau trugen.

Endlich aufgewärmt ging Kei durch das Haus. Auf der Suche nach Dennis, der ihm hoffentlich sagen konnte, wie man hier Langeweile loswerden konnte. Da er nicht wusste, wo hier wer war, rief er einfach durch die Gänge. „Dennis?“
Colin schien wirklich von ihm zu erwarten, dass er wusste, was er hören wollte. Kei schob den Gedanken für eine Weile beiseite.
Es antwortete ihm niemand.

Am Nachmittag fuhr der silberne Audi vor, hielt neben dem trockenen Springbrunnen und spuckte Rupert und einen neu eingekleideten Colin aus. Seine zwei großen Tüten mit den alten und neuen Kleidern trug er beschwingt in sein Zimmer, wo er alles verstaute, bevor er nach Kei zu suchen begann. Der saß mittlerweile wieder in seinem Zimmer und langweilte sich. Das war grausam! Wie konnten die es hier nur den ganzen Tag aushalten... Bei der nächsten Gelegenheit würde er sich eine Gitarre besorgen.
Vom Badezimmer aus klopfte es an seiner Tür.
„Komm rein.“ Er wusste, dass das Colin war – jeder andere würde die Tür zum Korridor benutzen. Die zum Badezimmer öffnete sich nun und Colin trat hindurch und schloss sie sorgfältig hinter sich. Er trug eine schwarze Strickmütze, ein dünnes, enges schwarz-rotgestreiftes Hemd mit langen Ärmeln und Kapuze, enge schwarze Jeans mit Ledergürtel und ebenfalls neue Socken. Ohne großen Auftakt oder eine richtige Begrüßung ging er auf Keis Bett zu und kletterte darauf, um sich im Schneidersitz zu ihm zu setzen.
„Neu eingekleidet? Hast du auch was von dem Ort gesehen?“
„Ja, wir sind an der Lune entlanggegangen und waren zum Mittagessen beim Bahnhof. Der sieht von außen wie eine Kirche aus. Hier ist das meiste ziemlich alt. Und das Alte sieht hier sehr cool aus.“ Colin lächelte und zog sich die Ärmel über die Hände. „Was hast du gemacht?“
„Mich umgesehen und mich gelangweilt.“ Das tat er immer noch.
„Langeweile ist ein Symptom von Fantasielosigkeit.“ Hat meine Mutter immer gesagt. Und dann hat sie dafür gesorgt, dass ich keine Zeit mehr für Langeweile hatte.
Auf allen Vieren krabbelte er dichter an Kei heran, um eine Hand auf seine Wange zu legen und ihn zu küssen. Kei wollte protestieren und sagen, dass er keine fünf Jahre alt war und sich Spielchen ausdachte, weil er nichts zu tun hatte, kam aber nicht mehr dazu. Er erwiderte den Kuss von Colin gierig.
Damit hatte Colin nicht so richtig gerechnet. Er hatte den Kuss kurz und keusch halten wollen. Nun musste er eine Sekunde lang belustigt schmunzeln, bis ein beinahe schmerzhaftes, schäumendes Kribbeln über seine Haut und ihm durch die Brust geradewegs in den Schritt raste.
„Hm,“ sagte er fast stimmlos.
Kei warf Colins Plan über den Haufen ohne davon gewusst zu haben und zog den Kleineren noch ein Stück dichter zu sich. Das führte dazu, dass er entweder auf ihn fallen oder über ihn klettern musste, und er entschied sich für letzteres. Ohne den mittlerweile gar nicht mehr unschuldigen Kuss zu unterbrechen, setzte er sich rittlings auf Keis Schoß. Der fand das eine sehr gute Idee und erhielt den Kuss aufrecht während er Colins neues Shirt nach oben schob. Colins Arme lagen derweil auf Keis Schultern und bewegten sich kurz hinunter, als er den Kopf ein bisschen zurückzog, um sein Shirt wieder hinunterzuziehen.
„Entschuldige dich,“ flüsterte er.
„Entschuldigung. Ich bin ein Idiot,“ entgegnete Kei nicht lauter, während sich in seinem Kopf die Frage formte, ob Colin auch einen Entschuldigungsblowjob akzeptierte, wenn ihm eine verbale Entschuldigung nicht ausreichen sollte.
Tat sie aber anscheinend. Colin zögerte etwas, war aber von dieser simplen, winzigen, späten, oberflächlichen Einsichtigkeit so bezaubert, dass er Kei nur wieder küssen konnte. Er kannte diesen Irren jetzt seit zwei Jahren, da wusste er in etwa, was er von ihm erwarten konnte.
„Stimmt,“ sagte er noch Keis warmem Mund, bevor er den Kopf wieder zurückzog, um sich das Shirt selbst auszuziehen. Wundersamerweise rutschte seine Mütze dabei nicht mit herunter.
Kei hätte nicht damit gerechnet, schob das aber schnell beseite. Grinsend erwiderte er den Kuss und hielt Colin am Nacken fest, nachdem der sein Shirt ausgezogen hatte. Diese leichte Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit bewirkte bei Colin dasselbe wie etliche Male zuvor: Er bekam das dringende Bedürfnis, auch den Rest seiner Kleidung loszuwerden, und Keis noch dazu. Also rupfte er Keis Shirt an seinem Rücken hoch, während er sich ungeduldig an ihn drückte und dabei ausnutzte, wie nah die Beule, die sich deutlich in Keis Hose abzeichnete, seinem Schritt war.
„Idiot,“ murmelte er abwesend mit Keis Zunge zwischen seinen Lippen, „denk nach bevor du den Mund aufmachst...“
Kei ließ Colin los, sodass dieser ihm das T-shirt ausziehen konnte. Als Antwort bekam er ein zustimmendes „Hm...“ das soviel hieß wie 'Okay... nächstes Mal...'
Als Keis T-shirt irgendwo hinter Colin auf dem Bett landete, stieg er von Kei herunter, um hinter ihn zu kriechen. Das nutzte Kei dazu aus, seine Hose loszuwerden. Colins Hose konnte er schlecht loswerden, wenn der Kleinere hinter ihm saß, aber der konnte selbst dafür sorgen.
Seine Beine rechts und links von Kei sortierend, saß Colin hinter ihm und strich mit den Fingern und den Lippen sachte über seinen buntbestochenen Rücken. Dieses Kunstwerk war etwa anderthalb Jahre lang stetig gewachsen. Er wusste gar nicht mehr, wie viele verschiedene Tätowierer daran gearbeitet hatten. Und jeder hatte seinen eigenen Stil hinterlassen und die zarte Geisha bunter, plastischer und lebhafter gemacht. Dieses Bild hatten sie ihm in der Grube nicht vorgaukeln können, daran hatte Colin seine Halluzinationen immer entlarven können. Mit der Stirn auf Keis Schulter fuhr er mit ein paar Fingern die zierlichen Konturen der Geisha entlang. Kei lächelte leicht und lehnte sich einfach zurück. Gerade, als Colins Hand um ihn herum auf Keis Schritt gewandert war und in seine Boxershorts griff, klopfte es an der Tür. Colin ignorierte das Klopfen und machte gemütlich weiter, massierte ihn und küsste seinen Nacken. Kei tat es ihm gleich und ließ den Klopfer, wer auch immer das war, vor der Tür stehen. Eine kurze Weile genoss er, was Colin tat ehe er sich umdrehte, sodass er über seinem Freund kniete und küsste ihn fordernd.
Das Klopfen wurde auch nur einmal wiederholt und verstummte dann. Gierig erwiderte Colin den Kuss, nagte an Keis Unterlippe und zog an seinem Lippenring. Er zog seine Hand, die gerade noch über Keis Haut strich zurück, um sich aufstützen zu können. Der Vampir drückte Colin leicht in Richtung Matratze. Wenn der Klopfer was wichtiges wollte, würde er später wiederkommen. Grinsend machte Kei sich daran, mit einer Hand Colins Hose zu öffnen.
Colin legte sich zurück, in den weichen Kissenberg an seinem Rücken, und hob das Becken an um Kei zu helfen. Als seine Hosen und Socken sich schließlich zum Rest ihrer Kleidung gesellten, schmunzelte er und versuchte, zur Seite wegzukriechen. Kei hielt ihn leicht grinsend auf. Er gab sich dabei nicht wirklich Mühe, sondern wollte nur sehen, wie Colin reagierte. Der hielt inne und drehte sich dann um, um mit ausgebreiteten Armen sein Gesicht in den dicken Kissen zu vergraben. Das diente hauptsächlich dazu, sein etwas rotwerdendes Grinsen zu verbergen, und die Kissenbezüge waren angenehm kühl. Kei lachte.
„Das war nicht das, was du vorhattest.“
Colin begab sich auf alle Viere, damit er über seine Schulter Kei ansehen konnte.
„Naja, aber fast.“ Peinlich, peinlich, peinlich. Er kniete sich vor Kei hin, nahm ein kleines Kissen und drückte es sich aufs Gesicht. Kei schmunzelte belustigt und legte sich fast auf Colin, sodass er dessen Gesicht dicht an seinem hatte, während er ihn mit seinem Gewicht sanft vornüberbeugte.
„Und was hattest du vor?“
Verschämt schloss Colin die Augen. Keis dreiste Stimme kroch ihm kitzelnd ins Ohr. Und er lag fast nackt auf ihm. So ein Gefühl... Er wusste nicht, ob er jetzt sprechen konnte.
„So ungefähr... das hier...“ flüsterte er. Keis Gewicht war nicht hoch, aber es drückte ihn sicher und angenehm in den weichen Untergrund. Was genau er diesmal von Kei wollte, würde er nicht im Detail ausformulieren. Niemals. Aber das sollte auch nicht notwendig sein. Wenn er nun schon praktischerweise so splitterfasernackt auf dem Bauch unter ihm lag, würde Kei sehr bald von selbst auf die richtige Idee kommen.
Tatsächlich verging nicht wirklich viel Zeit bis Kei seine Boxershorts loswurde und zu den restlichen Kleidungsstücken auf den Boden verbannte. Das gestaltete sich als ein klein wenig umständlich, weil er seine Position über Colin nur minimal veränderte.
Grinsend biss er seinem Freund in die Schulter als er in ihn eindrang. Besonders vorsichtig war er dabei nicht.
Vorsicht wurde überbewertet.
Schmerz. Au... Colins Gesicht war praktischerweise bereits halb im Kissen vergraben, und so biss er hinein und dämpfte damit sein rauhes Stöhnen. Er versuchte, sich etwas zu entspannen und nicht von Kei weggedrückt zu werden. Heiß...
„Hh... ja, genau...“
Kei benötigte eigentlich gar keine ausformulierte Antwort seitens des Kleineren, dessen Stöhnen war eindeutig genug, aber er hatte nichts dagegen, verbalisiert zu kriegen, dass seine Tat gefiel. Mit einer Hand stützte er sich auf der Matratze ab und mit der Rechten hielt er Colins Hüfte fest, während seine Stöße bald schneller und härter wurden.
Der rauhe, drückende Schmerz war bekannt aber jetzt nach... Wochen? Nach der Reise, der Gefangenschaft und den Kämpfen und dem verbitterten Schweigen der letzten Tage sehr frisch und neu und das beste Gefühl, das Kei ihm geben konnte. Er stützte sich so gut er konnte auf, um Keis Stößen zu begegnen und nicht einfach in die weiche Matratze gerammt zu werden. Die Kissen behielt er mit den Armen fest umklammert, um damit sein Stöhnen und nun auch die Schreie zu dämpfen. Dass die Kissen dabei nass wurden und er auch weiter unten auf die Decke tropfte, nahm er nicht wahr.
Kei bemerkte nicht, dass auch seine Finger in Colins Haut blutige Spuren hinterließen - es war ihm auch schlichtweg egal, er war anderweitig beschäftigt, als damit, zu merken, dass er das Laken ruinierte. Kei war vermutlich unten noch zu hören, aber das war nur in sofern noch zu hören, dass niemand auch nur versuchen würde, an die Tür zu klopfen.

Draußen auf der Galerie über der Eingangshalle blinzelte die Köchin und blickte verwundert und halb amüsiert in den Gang zu den Schlafzimmern, während Rupert und der Butler durch konzentriertes Stirnrunzeln und häufiges Räuspern über ihre eigene Verlegenheit hinwegzutäuschen versuchten. Sie hatte längst verstanden, was sie von ihr wollten, aber tat aus bloßer Boshaftigkeit so, als bedürfe der Plan noch weiterer Erläuterung. Es machte einfach zu großen Spaß, dabei zuzusehen, wie die beiden sich wanden.

Mittlerweile zum zweiten Mal begann Colin zu zittern, und diesmal sackte er beinahe zusammen. Keis Krallen und, gelinde gesagt, der verdammte BAUMSTAMM in ihm hielten ihn davon ab.
"HELL YES..."
Keis Gesicht, das Colin nicht sehen konnte - glücklicherweise, wenn man Kei gefragt hätte - war eine Mischung aus Anstrengung, Erregung und Drogenvollrausch. Ungefähr zeitgleich mit dem Beinahezusammensacken seines Freundes, das er nur bedingt wahrnahm, kam Kei mit leicht heiserem Stöhnen. Mit einer durch die Kissen gedämpften Mischung aus Wimmern und Schluchzen verkrampfte Colin sich noch einmal zitternd und hielt dann still, als er versuchte, seinen rasenden Atem unter Kontrolle zu bringen. Gegen seinen donnernden Puls konnte er nichts machen. Er rollte den Kopf etwas zur Seite, auf eine kühlere, trockenere Stelle, und atmete zitternd durch. Kei ließ sich auf ihn fallen. Das machte nichts, denn der Vampir war viel leichter als er aussah. Colin konnte ihn problemlos hochheben, wenn er wollte. Er beruhigte seinen Atem etwas und lauschte dem Herzschlag des Kleineren.
Das angenehme Gewicht hinderte ihn am Zittern, das war Colin sehr recht. Die Nähe auch. Er wollte nach Kei greifen, einem Arm oder einer Hand, aber fand, dass er sich nicht so richtig bewegen konnte.
"Ich bin aus Pudding. Schaum," flüsterte er schließlich.
Er bekam "Gern geschehen," als Antwort. Kei legte seine blutige Hand neben die von Colin, das Blut daran realisierte er langsam aber auch nur, weil es klebrig wurde. Colins Finger krochen langsam zwischen seine blutigen.
"Make up sex is brilliant," nuschelte Colin.
Kei erwiderte leise grinsend: "Sex is always brilliant." Er blieb auf Colin liegen und legte sein Gesicht in Colins Halsbeuge ab. 

Saturday, July 16, 2016

Kei + Colin LXXVIII: Aussitzen



Kei zog sich vollständig an und ging nach draußen. Ihm war egal, dass er das nicht sollte. Drinnen den ganzen Tag lang herumzusitzen war nunmal scheiße. Zeitsparenderweise benutzte er dafür das Fenster, was zusätzlich noch den netten Nebeneffekt hatte, dass sein Verschwinden nicht sofort bemerkt werden würde. Eher ziellos wanderte er durch diese Gegend, die er noch gar nicht kannte. Das Wohngebiet, in dem sie waren, erschien ihm friedlich und ruhig, obwohl hier wohl viele Menschen lebten.
Gute drei Stunden später kam er wieder zurück.
Als er die Tür des hohen, geschlossenen Lattenzauns im Garten hinter sich schloss, fiel sein Blick auf Dennis und Colin, die auf der kleinen Terrasse an einem runden Gartentisch saßen. Hinter ihnen auf dem Sims des Küchenfensters stand ein kleines Taschenradio, aus dem blechern und dünn Musik erklang.
Sie sahen zu ihm auf. Kei erwiderte den Blick und ging ins Haus. Als er die beiden passierte, wurde ein freier Gartenstuhl kratzend zur Seite getreten.
„Hat die letzte Aktion so großen Spaß gemacht, dass du sie wiederholen willst?“ fragte Dennis fordernd und laut genug, dass Kei ihn noch durch die Terrassentür deutlich hören musste.
„Ja, jederzeit wieder,“ entgegnete Kei sarkastisch und blieb stehen.„Setz dich,“ sagte Dennis ebenso fordernd.
Kei kam zurück nach draußen und setzte sich. Eigentlich wollte er nicht, aber besser er ließ sich das jetzt gefallen, als sich später damit beschäftigen zu müssen. Colin lehnte auf seinen Armen auf dem Tisch und sah von Kei wieder matt auf die Zigarette zwischen seinen Fingern hinunter. Vor ihm stand eine Coladose.
Dennis lehnte sich zurück und sah beide an.
„Irgendwas spannendes passiert auf deinem Spaziergang?“ fragte er.
„Nein. Niemand da. Nichts passiert. Nur Menschen, die hier wohnen,“ sagte Kei und zündete sich ebenfalls eine Zigarette an.
„Immerhin,“ sagte Dennis. In etwas milderem Ton. Eine ganze Weile sagte niemand mehr etwas. Colin drückte irgendwann seinen glimmenden Stummel im Aschenbecher aus und nahm sich eine weitere Zigarette aus Keis Schachtel und zündete sie sich an, obwohl er an der alten kaum gezogen hatte.
Dennis leerte seine Bierflasche und stand damit auf.
Kei – im Gegensatz zu Colin – rauchte, was er sich angezündet hatte, und blieb eine Weile auf dem Stuhl sitzen. Sollte er sich nur hier hersetzen, damit man ihn fragte, ob irgendetwas passiert war? Mit einer winkenden Geste gen Colin ging Dennis zur Tür.
„Redet,“ sagte er und ging hinein.
Sein Ernst?! Der Vampir wusste nicht, worüber, sollte er sich jetzt entschuldigen, weil er was anscheinend unpassendes gesagt hatte?
Colin sah ihn vorsichtig an, dann wieder auf seine Hand.
Kei sah in seine Richtung, zog ruhig an seiner Zigarette und wartete. Er hasste Dennis' Pseudopaartherapeutenversuch jetzt schon.
„Er hat mir Zeug erzählt,“ sagte Colin, nachdem er sich umständlich geräuspert hatte. „Und er will, dass wir bei ihm mitmachen.“
„Was für Zeug?“ fragte Kei.
„Über die Instanz und uns.“ Colin schwenkte seine fast leere Coladose und drehte sie um, um die letzten vier Tropfen auf die Tischplatte platschen zu lassen.
„Erzähl.“
„... Unsere Väter sind sich sehr ähnlich.“ Mehr schaffte Colin gerade nicht. Laut stellte er die Dose wieder hin und zog an der Zigarette.
„Hm, war das die relevante Information?“ Kei bezweifelte das. Colin sah ihn an.
„Bevor ich geboren wurde, hat mein Vater mich an die Vampire verkauft, damit sie an mir herumexperimentieren können. Ich finde das ziemlich relevant,“ sagte er trocken.
Kei nickte. Colin musste ihm schon sagen, was er meinte. Mit der einfachen Info, dass sich ihre Väter ähnlich waren konnte Kei nicht sehr viel anfangen, denn das konnte alles mögliche heißen – immerhin war Kira ein Arschloch wie es im Buche stand. Colin zog noch einmal an der Zigarette.
„Mein Vater hat meine Mutter sitzen lassen, als sie schwanger wurde. Sie war noch im Studium und hätte mich abgetrieben, aber dann kam er zurück und hat sie überredet... das hat er wegen der Instanz gemacht. Reuel war hypnotisiert und hat seine Ehe kaputtgemacht, um mich auf Männer zu prägen. Als ich dann weg war, in Japan, hat er sich umgebracht. Meine Mutter hat ihre Stelle in Tokyo bekommen, weil ihre Vorgängerin dort von der Instanz umgebracht wurde. Dann ist sie mit Hiroki und Nobunaga und Humphrey... auch von der Instanz ermordet worden. Ich existiere nur, damit jahrhundertealte Vampire herausfinden können, wie sie den Tod austricksen können. Ich lasse mich von dir ficken damit alte Säcke ewig leben können. Darum ist deine Mutter ermordet worden. Darum sind unsere Familien tot und Reuel und wir. Jeder Therapeut den ich in meinem Leben hatte war die Instanz. Ich existiere nur um von dir gefickt zu werden.“ Colin sprach ruhig und monoton, indem er auf die Tischplatte blickte, und nun stand er auf. Kei blieb sitzen.
„Wir existieren nur, damit andere ewig leben. Experiment geglückt würde ich sagen.“ Kei war das ganze Drumherum egal, ändern konnte er das nicht, also dachte er darüber gar nicht erst nach. „Oh, du existierst nicht, um von mir gefickt zu werden. Dass du ewig lebst, reicht denen. Für den Rest bist du selbst verantwortlich, oder ich - weil ich mich weigere, gefangengenommen zu werden.“
Colin hörte sich das an, ohne Kei anzusehen. Als er geendet hatte, drückte er die Zigarette aus. Irgendwas fand Kei an ihm, aber mit dieser neuen Information von Dennis hatte er auch endlich eine plausible Antwort auf seine Frage, warum Kei an ihm interessiert gewesen war und nun so an ihm hing. In Südamerika hatte es für eine Weile aufgehört. Scheinbar grundlos. Sie waren beide hierfür konditioniert worden.
„Wie kannst du so gelassen sein?“ fragte er leise.
„Ich kann nicht ändern, was unsere Eltern verkackt haben oder wofür sie uns missbraucht haben, also wieso sollte ich mich darüber aufregen? Außerdem ist der Grund, warum dieses oder jenes so ist wie es ist doch fast egal. Ich hab andere Gründe diese Leute ausradieren zu wollen,“ sagte der Vampir ruhig und zündete sich eine neue Zigarette an, nachdem er die andere ausgedrückt hatte.
„Und welche?“
„Das weißt du.“ Kei stand auf.
„Du bist beleidigt und willst dich rächen, weil du genervt bist?“ Colin zuckte mit den Schultern.
„Sehr kreativ, aber nein.“ Kei wandte sich zum Reingehen, wie er es vorhin schon vorgehabt hatte.
„Sondern?“ fragte Colin etwas lauter und folgte ihm.
„Frag Dennis, wenn du nicht drauf kommst. Der weiß doch sonst auch alles,“ sagte Kei und winkte ab. Colin folgte ihm hinein und stellte seine Getränkedose in der Küche irgendwo ab. Dennis stand mit Delilah im Wohnzimmer, das man von hier aus einsehen konnte.
Kei ging nach oben. Colin sah ihm nach und gesellte sich dann zu Dennis und Delilah vor den Kamin.
Nach wenigen Minuten betrat er ebenfalls das Zimmer, das er sich mit Kei teilte.
„Dennis freut sich, dass du mitmachen willst. Aber er weiß nicht, was du außer dem Scheiß, den sie mit uns gemacht haben, für einen Grund haben könntest, die Instanz vernichten zu wollen,“ sagte er schlicht, während er die Tür schloss.
„Oh, dann musst du selber nachdenken,“ entgegnete Kei auf dem Bett liegend. Colins Haare waren nicht mehr darauf verteilt. Anscheinend hatte Colin inzwischen saubergemacht.
Nun sah er Kei trocken an. Er musterte ihn mit seinem typischen trotzigen, aber ansonsten neutralen Blick und lehnte sich an die Tür.
Kei hatte nur eine Hose und ein Tanktop an und wartete, ob noch etwas von dem Kleineren kam. Tat es nicht. Er wandte nur irgendwann den Blick von Kei ab, etwas beschämt, und blickte stumm im Raum herum. Kei hing seinen Gedanken nach.
„Wir müssen noch ein paar Tage hierbleiben,“ bot Colin verlegen an. Seine Hand wanderte hinauf zu seinem Ohr aber fand keine Haare, die er sich dahinterstecken konnte, und mit leicht erschrecktem Blick kratzte er sich nur an der Glatze.
„Ich weiß.“
Colin nickte. „Dir ist echt alles scheißegal, was?“ fragte er gelassen, ohne Anklage oder Aggression in der Stimme.
„Nein. Nicht alles,“ entgegnete Kei.
„Ach ja, klar,“ sagte Colin lächelnd. „Ich vergaß... Zigaretten, Alkohol, Blut, Töten, Motorräder und E-Gitarren.“
„Guck noch mal nach, du hast was vergessen.“
Colin sah auf seine Hände und zählte ab: „Zigaretten, Alkohol, Blut, Töten, Motorrad, E-Gitarre... nein, ist alles – ach ja. Mein Arsch. Das sind die sieben Dinge auf die du nicht verzichten willst.“
Kei ließ das Antworten bleiben und schaute aus dem Fenster.
Colin schmunzelte halb und stieß sich von der Tür ab um zum Bett zu gehen. Kei beachtete das nicht weiter. Colin kletterte zu ihm und über ihn, bis er rittlings auf ihm saß.
„Ich habe Recht, oder?“ Er lächelte.
„Nein, du hast immer noch was vergessen,“ entgegnete Kei nüchtern. Colin beugte sich zu ihm hinunter, wobei er sich auf seinem Rücken abstützte, und küsste seinen Nacken, nachdem er die Haare etwas zur Seite gestrichen hatte.
„Nummer Acht: Blowjobs,“ sagte er leise.
„Fehlt noch was,“ sagte Kei und sah weiter aus dem Fenster, wobei es mit Colin auf ihm nicht sehr bequem war, geradeaus zu gucken.
„Was?“ Colin biss sanft in ein Ohr.
„Rate weiter. Es fällt dir noch ein.“ Auf Keis Gesicht zeichnete sich ein leichtes Grinsen ab – für Colin aufgrund von Keis Position unsichtbar.
„Keine Lust,“ sagte Colin plötzlich ungerührt und stand auf.
„Dann nicht.“ Kei blieb liegen und sah weiter auf die Landschaft draußen, welche man eigentlich nicht als solche bezeichnen konnte, weil sie aus Dächern und Wänden bestand.
Die Zimmertür wurde unsanft von außen geschlossen.
Kei veränderte seine Position nicht und besah sich weiter die Häuser draußen.

Bald drang wie am Morgen wieder Musik aus dem Wohnzimmer nach oben. Wieder war es Rock'n'Roll, scheinbar von Schallplatten oder Tonbändern. Kei hörte zu, dachte nach und legte irgendwann den Kopf auf die Matratze. Nach einer Weile drehte er sich um, sodass sein Blick in Richtung Zimmerdecke ging. Seine Augen fanden dort nur einen Leuchter. Den betrachtete er eine ganze Weile lang.
Stundenlang ging die Musik noch weiter, und es kam niemand herauf, bis es draußen allmählich dunkler wurde. Die Schritte gehörten nicht Colin und sie bewegten sich nur schlurfend an der Zimmertür vorbei und in das schräg gegenüberliegende Badezimmer. Kei schenkte den Schritten keinerlei Beachtung, da sie weder Colins waren, noch sein Zimmer zum Ziel hatten. Stattdessen lauschte er weiter auf die Musik, als deren Urheber er Colin vermutete. Tatsächlich ertönte sie mittlerweile nicht nur aus alten Lautsprechern, sondern war gelegentlich von klareren Klavierpartien begleitet und von Gesang und Gelächter in mehreren Stimmen durchsetzt. Der Vampir ließ es bleiben, sich der unten herrschenden guten Stimmung anzuschließen, er hörte dem Treiben lieber aus der Ferne zu.
Nach einigen Minuten stand er auf und machte – samt Zigarettenschachtel – einen Satz aus dem Fenster. Er landete so in der Abstellgasse zwischen den Häusern, dass man ihn von den Fenstern und der Straße aus nicht sehen konnte.
Während er seine Zigarette anzündete, gingen auch die Straßenlaternen nacheinander an. Noch war es nur grau und dämmerig, aber nicht richtig dunkel. Hier draußen konnte man die Musik nur noch sehr schwach vernehmen, wenn man genau horchte und ein sehr gutes Gehör hatte. Kei hörte die leise Musik zwar, achtete aber nicht mehr richtig darauf. Er widmete sich seiner Zigarette und sah dem Himmel beim Dunkelwerden zu.

In den folgenden Tagen und Nächten sprach Colin kaum mit ihm, obwohl er weiterhin bei ihm im Bett schlief. Einmal stand er in den frühen Morgenstunden auf und schlug ein paarmal seinen Kopf laut gegen den Holzschrank.
Kei öffnete müde die Augen und sah angesichts des nervenden Lärms in Richtung Schrank und Colin. Der stand in sehr angespannter Haltung da und trug nichts als seine Schlafboxershorts und die Eisenklaue, die er aufgeklappt in beiden Händen hielt und deren Klingen sich noch wenige Zentimeter von seiner Kehle entfernt befanden. Sein Gesicht war verkrampft und seine weit aufgerissenen Augen starrten auf den Metallhandschuh vor seinem Gesicht, während er den Kopf noch einmal nach hinten riss und gegen die Tür des Kleiderschranks schlug.
„Du sollst dich nicht umbringen...“ Kei stand etwas müde auf, nahm Colin den Handschuh weg und stellte sich zwischen ihn und den Schrank. Dabei stolperte Colin ungelenk dem Eisenhandschuh nach, bekam ihn aber nicht zu fassen und drehte sich stattdessen schwerfällig zu Kei um und sah ihn mit zusammengebissenen Zähnen verzweifelt an. Kei erwiderte den Blick ruhig und blieb stehen, wo er war. Den Eisenhandschuh warf er außer Reichweite seines Freundes auf den Boden. Dem schweren Scheppern auf dem Boden wandte Colins Körper sich mit einem Ruck zu. Dann zuckten seine Beine und rannten ohne Mitarbeit des restlichen Körpers auf die freie Wand zwischen Tür und Kleiderschrank zu. Kei war schneller und stand wieder vor Colin, bevor der sich einen ganzen Meter bewegt hatte. Colins gesenkter Kopf krachte mit der Stirn voran in Keis Brust. Er hielt den Kleineren an den Schultern fest und hinderte ihn so daran, seinen Rammversuch zu wiederholen.
Schlag mich doch einfach! Davon muss ich aufwachen!
Colin zog und und drückte noch eine Weile und versuchte, sich aus Keis Griff zu winden, ohne dabei die Arme zu heben.
Kei stieß ihm tatsächlich die Faust in den Magen, um ihn zurückzuholen. Das war die beste Methode, Colin schnell wieder zur Besinnung kommen zu lassen. Angesichts der Selbstheilungskräfte des Kleineren war das nicht einmal wirklich schädlich.
„Hng!“ Colins Körper wurde durch den Stoß etwas rückwärts geworfen und krümmte sich leicht, als Kei ihn losließ und er zurückstolperte. Er hielt sich ächzend den Bauch.
„Wieder da?“
Colin nickte nur eilig. Sprechen war noch nicht drin. Mühsam richtete er sich auf und tastete nach dem Bett, auf das er sich setzte.
„Danke... aber musste das so fest sein?“ beschwerte er sich schließlich und rubbelte sich über das Gesicht, das er nun auch endlich wieder bewegen konnte.
„Vom Streicheln wirst du nicht wach,“ kommentierte Kei und ließ sich wieder aufs Bett fallen. Von der Tür entfernten sich langsame Schritte. Colin sah kurz zur Tür.
„Man könnte meinen, du hättest Spaß dran, mich zu verprügeln,“ sagte er schlicht und legte sich auch wieder hin, neben Kei.
„Dann würde ich das nicht machen, wenn du versuchst dich umzubringen,“ sagte Kei schlicht und schloss die Augen. Es war noch tiefste Nacht, da war noch ein bisschen Schlaf zu holen.
Nachdenklich betrachtete Colin ihn noch ein paar Minuten lang, bevor er sich wegdrehte und den Schrank anstarrte. Kei brauchte nicht lang, um tief und fest einzuschlafen.

Als er aufwachte, war Colin schon aufgestanden, wie die Tage zuvor auch. Was diesmal anders war, war die Versammlung im Wohnzimmer. Neben Frau Quan und Dennis waren Delilah, Rupert, der Japaner aus Brasilien und noch vier Unbekannte dort. Colin saß auf dem Klavierhocker und aß langsam einen Muffin. Die anderen hielten alle Becher und Tassen mit Kaffee oder Tee in den Händen und waren auf dem Sofa, den Sesseln oder stehend um den Kamin herum verteilt.
Kei ging, nur mit einer schwarzen Jeans bekleidet, nach unten und leise ins Wohnzimmer. „Was is'n hier los?“ fragte er schließlich.
„Wir können ins Schloss zurück,“ sagte Dennis. Die Anwesenden musterten Kei teilweise neugierig und sahen Dennis interessiert an. Außer Delilah, Colin und dem Japaner verstand wohl niemand, was Dennis und Kei von sich gaben. „Hast du dich entschieden?“ fragte er Kei mit seinem typischen gelassenen Lächeln. Colin sah Kei gespannt an.
Der Instanz die Stirn zu bieten ist besser als vor ihnen davonzulaufen und zu hoffen, dass sie uns in Ruhe lassen. Aber das bedeutet auch, nach ihren Regeln spielen zu müssen. Alleine schaffe ich das niemals... Kei wollte sich nicht unterordnen müssen, aber er hatte noch weniger Lust auf ein Leben auf der Flucht. Er überlegte eine ganze Weile, bis er er schließlich eine Antwort verlauten ließ: „Ich bleibe – zumindest vorerst.“
Colin lächelte und sah Delilah mit einem Blick an, der zumindest für sie und Kei eindeutig Triumph ausdrückte. Sie bedachte ihn mit einem schmunzelnden Seitenblick, während Dennis offen grinste.
„Then we'll be off. Rupert, you're taking Colin, Kei, du fährst mit Delilah, and the others know where and how to go,“ verkündete er.
Es folgte allgemeines Rascheln, als alle langsam aufstanden und ihre teilweise nicht ganz geleerten Tassen auf einem Tablett abstellten, das hinter Colin auf dem Klavier stand. Er stand auch auf, damit er sich nicht für jeden Arm ducken musste, der hinter ihn langte. Kei nickte und machte kehrt, Sachen packen. Das waren zwar nicht viele, aber zurücklassen wollte er nichts.

Als er wieder unten ankam, zuppelte Frau Quan gerade an einer Mütze herum, die sie Colin aufgesetzt hatte. Sie schien zu glauben, dass er sich verkühlen konnte. Da es tatsächlich sinnvoll war, seine nun recht auffällige, da beinahe haarlose, Erscheinung unauffälliger zu machen, bemühte Colin sich nicht, dieser netten Frau, deren Gast er nun tagelang gewesen war, zu erklären, dass ihm Kälte nichts ausmachte. Er ließ sie machen und nahm es auch hin, dass sie ihn noch in einen Schal einpackte, was Dennis, der schon in der Tür stand, mit etwas mitleidigem Blick mitansah.
„Schön, dass meine alte Garderobe noch einen Nutzen hat,“ sagte er. Außer ihm, Colin und Frau Quan schienen alle bereits das Haus verlassen zu haben. „Delilah ist bei den Motorrädern neben dem Haus,“ sagte er Kei, als er ihn sah.
Kei, dessen Habseligkeiten auf den Rucksack und die Taschen seiner Jacke, die er seit der Flucht aus Japan besaß, verteilt waren, nickte und schaute kurz leicht belustigt zu Colin hinüber. Dass sein Freund, mit dem er schon so einiges erlebt hatte, in jemandem einen Beschützerinstinkt wecken konnte, wie man ihn einem Kind gegenüber hat, fand er sehr amüsant. Er wäre niemals auf die Idee gekommen auch nur zu versuchen Colin warm einzupacken. Zu guter Letzt und allem Überfluss umarmte und küsste sie Colin auch noch zum Abschied, der sich das verlegen gefallen ließ und sich nett für die Gastfreundschaft bedankte und jegliche Umstände entschuldigte.
„Let him go, mum, we've got to go now,“ steuerte Dennis bei und bekam zur Strafe auch noch eine feste Umarmung mit einer schimpfend klingenden Verabschiedung. Kei lachte und ging an den sich Verabschiedenden vorbei.
„Thanks for having us here,“ steuerte er dazu bei.
„Oh no no there,“ schimpfte Frau Quan streng und packte Kei am Ärmel, um ihn auch noch in eine erdrückende Umarmung zu zwingen. Dessen Reaktion war große Verwirrung und ein Anflug von Überforderung, trotzdem ergab er sich einen kurzen Moment und erwiderte die Umarmung kurz. Dennis' Mutter war die dritte Person, die ihn jemals in seinem Leben umarmt hatte. Nun war Colin mit Grinsen an der Reihe, doch es sah überhaupt nicht hämisch aus. Er schob sich an Kei vorbei und ging mit Dennis hinaus, wo ein rothaariger Mann in einem silbernen Audi wartete.
Nachdem Kei die ältere Dame wieder losgelassen und sich noch einmal wie ein anständiger Japaner verabschiedet hatte, ging auch er hinaus und begab sich mit zügigen Schritten zu Delilah und den Motorrädern. Sie saß bereits auf ihrem und wartete darauf, dass er sich seinen Helm aufsetzte, ehe sie ihm drei behandschuhte Finger zeigte. Der Audi fuhr inzwischen los.
Kei stieg auf das Motorrad und sah sie fragend an. Zeichensprache konnte er nicht. Sie tippte auf ihr linkes Handgelenk und zeigte dann wieder ihre drei Finger.
„Wir fahr'n in drei Minuten?“ versuchte Kei sich an einer Interpretation des Gezeigten. Delilah rollte genervt die Augen und machte eine wegwerfende Handbewegung, ehe sie einfach losfuhr. Kei fuhr hinterher. Sollte sie doch aufschreiben, was sie wollte. Das wäre viel einfacher!

Nach etwa drei Stunden näherten sie sich dem Schloss, diesmal von einer anderen Seite als das erste Mal. Unterwegs hatten sie einmal getankt, und Delilah hatte keinen weiteren Kommunikationsversuch unternommen. Kei war die Ruhe auf der Fahrt willkommen. Nicht, dass Delilah eine wirklich laute Person war, aber auch die Abwesenheit von Kommunikationsversuchen war gut.
Als sie ankamen, parkte Kei sein Motorrad unweit des Autos mit dem Colin und Rupert gefahren waren. In diesem Unterstand waren noch die schwarze Limousine, ein Geländewagen und zwei weitere Motorräder abgestellt. Delilah verstaute ihre Helme in einem Spind, der nebenan in der Garage stand, und begleitete Kei durch den Seiteneingang hinein.
Nachdem Kei erfahren hatte, dass er das gleiche Zimmer wie vor dem Zwischenstopp in dem Haus nach Colins Rettung beziehen würde, brachte er sein Zeug dorthin und warf es einfach aufs Bett. Die Badezimmertür stand offen. Kei ging nachsehen, wer sie göffnet haben könnte und stieß am anderen Ende des Badezimmers auf einen weiteren Schlafraum, der – wie sich bei genauerem Hinsehen herausstellte – Colin gehören musste. Die Jacke, die Mütze und der Schal, die er von Frau Quan bekommen hatte, lagen auf dem Himmelbett, das dem Keis sehr ähnelte. Überhaupt sah das ganze Zimmer fast genauso aus wie seins. Colin selbst war nicht da.
Kei ging zurück in sein Zimmer und packte seine Sachen aus, sortierte sie weg. Da er eine Weile hier bleiben würde, musste er nicht immer aus seinem Rucksack leben. Das hatte Vorteile. Er ging durch das Haus und erkundete es. Bisher hatte er das eher draußen getan.
Die unverschlossenen Türen auf seinem Flur führten fast alle zu weiteren großzügigen Zimmern, die allesamt zum Wohnen eingerichtet waren. Eine einzige am Ende des Ganges, der an einer Wand mit Fenster endete, führte zu einem einfachen, recht engen Treppenhaus mit winzigen Fenstern. Am anderen Ende mündete der Flur in die Galerie über der Eingangshalle. Ging man das Geländer entlang, kam man zu einem weiteren Flur, der fast wie das Spiegelbild des ersten wirkte. Hier waren die Räume nur etwas anders eingerichtet. Unter anderem gab es hier das Büro, in dem die Gruppe Kei empfangen hatte und Kriegsrat hielt und einen Raum mit Billardtisch, Dartscheibe, einer schwarzen Tafel auf die eine Strichliste gezeichnet war, einem großen Sofa, Flachbildschirm, mehreren Spielkonsolen, Kartentisch und anderen deutlichen Anhaltspunkten, die auf ein Spielzimmer hindeuteten.
Im Erdgeschoss gab es neben der Eingangshalle einen Saal mit Kronleuchtern, Wandteppichen, alten Waffen und Fresken an den hohen Wänden, in dem ein langer Tisch mit über zwanzig Stühlen und verschiedenen Beistelltischen stand, die allesamt mit Laken abgedeckt waren. Den hatte Kei schon einmal gesehen, denn die zweite Tür führte zu einem Salon, in dem sie schon gegessen und getrunken hatten. Er war wie ein reiches, sehr altmodisches Wohnzimmer mit Esstisch eingerichtet - oder so, wie Japaner es sich vielleicht vorstellten. Die beiden anderen Türen in diesem Zimmer führten zum einen zurück in die Eingangshalle und zum anderen an der Fensterwand entlang zur Bibliothek. Just aus dieser schwang Kei nun beschwingte, fröhliche Geigenmusik entgegen. Er wusste, dass diese von Colin stammen musste, ging aber nicht nachsehen. Stattdessen sah er sich weiter um. Vielleicht gab es einen Keller in dem auch noch etwas zu entdecken war. Colin zuhören konnte er später.
Er fand eine einfache Tür zum Treppenhaus und fand das Reich der Bediensteten. Es schien im Moment nicht bevölkert zu sein, sah allerdings benutzt aus. Ein großer, offener Raum mit langem Holztisch und einer Holztafel voller Glocken war von der Treppe aus als erstes ersichtlich. Direkt daneben gab es eine Küche, die recht modern eingerichtet war. Hier war nichts abgedeckt oder auf Dauer verstaut, wie es Kei schien, und es standen Kräutertöpfe und Kochgeschirr offen herum. Zwei große Kühlschränke summten an einer Wand.
Einen dunklen Flur entlang gab es noch ein paar verschlossene Türen und einen Raum mit Lebensmittelkonserven, Gemüse, Reis, Nudeln und dergleichen. Beinahe am Ende des Ganges, wo eine Tür nach draußen führte, gab es noch einen offenen Raum, in dem Schuhe, Stiefel, Mäntel und Werkzeuge verstaut waren. Einer der Schränke bot eine Auswahl verschiedener Waffen, und zwei weitere Schränke mit vergitterten Türen lockten mit ähnlichem Inhalt, waren allerdings verschlossen.
„Hello? Can I help you?“ fragte eine weibliche Stimme durch die offene Tür.
„Nah, I'm just taking an inside walk,“ entgegnete Kei leise und machte auch wieder kehrt. Im Schloss – es war ein wirklich großes Schloss – hatte er alles gesehen. So viel Raum für so wenige Leute. Er hatte immer geglaubt, seine Wohnung in Tokyo sei riesig, aber das hier übertraf alles.
Die Frau trat zur Seite, um ihn vorbeigehen zu lassen und sah ihm nach. Sie folgte ihm eine Weile den Gang entlang, bis sie zur Küche kamen, wo sie haltmachte und ihre Schultertasche auf einem Tisch ablegte.
Als Kei aus dem Treppenhaus kam, schloss sich ihm schräg gegenüber gerade die Tür zur Bibliothek, aus der immer noch Colins Musik drang.

Freudestrahlend probierte Colin die Geige aus, die Rupert ihm gerade in die Hand gedrückt hatte. Er hatte sie sofort gestimmt und stellte nun fest, dass sie nicht nur wunderschön und alt war, sondern auch klang, als hätte Antonio Stradivari sie persönlich in die Welt gehext. Rupert saß vor ihm im hohen grünen Ledersessel und lehnte sich gelassen zurück. Er sah und hörte Colin zu, der gleich begann, so gut er konnte, aus der Erinnerung Jesu Joy of Man's Desiring zum besten zu geben. Genüsslich und in aller Ruhe bespielte er die Bibliothek mit den zarten Klängen.
„Bach,“ murmelte Rupert lächelnd.
Kei betrat den Raum leise und setzte sich dort auf den nächstbesten Stuhl, den er finden konnte. Einen lederbezogenen, der neben einem antiken Schreibtisch nahe der Tür stand. Am Schreibtisch selbst lehnte Delilah, die Kei zur Begrüßung anlächelte, ehe sie wieder zu Colin sah. Er stand vor Ruperts Sessel, der friedlich lächelnd zuhörte, und jagte fröhlich durch verschiedene, bekannte klassische Melodien, die er mit ein bisschen Improvisation versetzte wie es ihm gerade einfiel. Auf den beiden Sofas rechts und links des Kamins saßen Jane, die kurzhaarige Frau, die mit ihnen nach London gefahren war, Motoki und ein weiterer Mann, den Kei bereits gesehen hatte aber noch nicht mit Namen kannte. Teils gebannt, teils gespannt sahen und hörten sie Colin still zu.
Colin selbst wirkte etwas surreal, wie er mit seinem Sex Pistols-T-shirt und den zerrissenen Jeans wie ein Skinhead hier in dieser hochherrschaftlichen Umgebung stand und auf einer antiken Violine spielte. Er schien sein Publikum nicht zu beachten und spielte nur vor Rupert. Allerdings sah er auch ihn nicht an, sondern nur die Geige und seine Finger, wenn er die Augen für eine Weile öffnete.
Kei legte sich halb hin, ließ die Beine über die Lehne des Sessels baumeln und schloss die Augen. Das war fast wie zuhause in Tokyo. Er hörte einfach nur zu, während er selbst sich eine neue Gitarre wünschte.
Colins Gesicht und Haltung strahlten die mal friedliche, mal übermütige Stimmung aus, die er augenblicklich mit der Musik ausdrückte. Das schien sich auf die Zuhörer zu übertragen, sodass selbst Delilah und die spröde Jane zwischendurch etwas benebelt grinsen mussten. Als er schließlich, nach langen melodiösen Minuten, endete, klatschten sie, Motoki und der Fremde, und Motoki ließ ein sachtes „Wuhu!“ ertönen.
Kei lag einfach da und gab keine Gefallensbekundungen zum Besten – musste er auch nicht. Colin wusste ohnehin, ob es ihm gefiel oder nicht. Wenn nicht, verschwand der Vampir in der Regel einfach wieder.
Colin grinste verlegen und kratzte sich den stoppeligen Skalp. Als er sich theatralisch verbeugte, bemerkte er Kei und zwinkerte ihm zu.
„Thank you. I needed that,“ sagte er zu Rupert.
„I think we all did. Keep it,“ sagte Rupert leise. Colins Blick wurde ernster und er schluckte, als er sich noch einmal die alte Violine ansah.
Kei, von dem jemand, der ihn nicht kannte, annehmen musste, dass er schlief, bemerkte lediglich, dass Colin ihn bemerkt hatte und hob die Hand zu einem müden Gruß. Ansonsten veränderte er seine Position nicht weiter. Jane und die beiden Männer standen gemächlich auf und verabschiedeten sich. Delilah stieß sich vom Schreibtisch ab und folgte ihnen.
'Wir gehen alle schlafen. Für die meisten von uns war es eine lange Nacht,' erklang die monotone Stimme in Keis Kopf, während sie hinter den anderen hinausging. Kei nahm das zur Kenntnis.
„Colin?“
Colin sah zu Kei, antwortete aber nicht. Er packte die Geige sorgfältig in ihren Kasten, der eindeutig neuerer Machart war als sie selbst. Rupert saß immer noch gelassen in seinem Sessel und sah ihm zu.
„Bist du immer noch sauer?“
Mit dem Geigenkasten im Arm, wie eine Puppe, sah Colin zu Kei, und dann vorsichtig zu Rupert. Der blickte gekonnt desinteressiert aus dem Fenster. Er verstand sowieso nicht, was sie sagten.
„Nein,“ antwortete Colin, während er an Ruperts Sessel vorbeiging. „Aber irgendwie schon. Weißt du überhaupt, warum?“ Er klang nur ein wenig schnippisch.
„Nein, außer – du bist nicht wirklich deshalb sauer, weil ich was unpassendes gesagt habe?“ Das konnte Kei sich kaum vorstellen, aber bei Colin war das durchaus denkbar. Dass er deshalb und nur deshalb so lange angepisst sein konnte...
Colins Augen weiteten sich überrascht, dann ging er weiter auf Kei zu. „Du weißt also immerhin, dass es 'unpassend' war. Herzlichen Glückwunsch. Das war nicht 'unpassend'. Es war ekelhaft.“ Colins Mund verzog sich etwas und er musste sich sichtlich zusammenreißen. Er ging auf die Tür zu.
Kei blieb, wo er war. „Meinetwegen auch das. Soll ich jetzt auf die Knie fallen und um Vergebung flehen?“
„Wär ein Anfang,“ gab Colin kühl zurück und versuchte, eindrucksvoll die Tür zu knallen, was aber ruhmlos misslang, da der Teppich dick und die Tür scheinbar irgendwie gepolstert war. Draußen schnaubte er bloß unzufrieden und marschierte zur großen Treppe. Er hätte Kei gern noch so einiges an den Kopf geworfen, bei dieser seltenen Gelegenheit, zu der der Vampirklotz mal von selber reden konnte, aber mit Rupert im Raum wäre ihm das zu melodramatisch und billig gewesen.