Thursday, August 10, 2017

Kei + Colin XCII: Betretener Abschied


Kei schlief eine Weile, aber nicht sehr lange, und wachte wieder auf, bevor es draußen hell wurde. Vorsichtig stand er auf, um Colin nicht zu wecken und schlich in sein Zimmer. Dort zog er sich Hose, Jacke und Schuhe an, nahm seine Zigaretten und ging leise nach draußen, eine rauchen.
Colin schlief ruhig weiter, so flach atmend dass es fast nicht mehr wahrnehmbar war und mit einem sehr schwachen und langsamen Puls. So blieb er bis zum Morgen reglos und nackt auf dem Bett liegen.
Kei kam eine Viertelstunde später wieder zurück und sah nach, ob Colin noch schlief. Tat er. Er musterte den Kleineren eine Weile und deckte ihn zu. Dass Colins Puls so schwach war, besorgte ihn nicht großartig. Colin müsste theoretisch noch untot sein, da nur sein Gedächtnis gelöscht worden war. Der Vampir entledigte sich seiner Kleidung und ging duschen.

In den frühen Morgenstunden fing es an zu regnen und einige Stunden vor Sonnenaufgang kam das kleine Auto der Köchin auf das Gelände gezuckelt, die sich wie üblich in der Küche zu schaffen machte. Kurz darauf begann Delilah, ebenfalls wie immer, in dem großen Trainingsraum unter dem Dach mit ihren täglichen Übungen. Das war alles, was passierte.
Kei ging sauber und in Hose und Jacke gehüllt durch das Schloss. Nicht zu wissen, was er mit dem Morgen anstellen sollte, war scheiße. Colin würde bald wegfahren und dann würde er ihn erst einmal nur beobachten können, bis er einen Weg gefunden hatte, Dennis' Vorgaben zu umgehen. Er nahm seine Gitarre und setzte sich damit ins Spielzimmer.
Als der Morgen schließlich graute, hatte Colin auch geduscht und sich angezogen und frühstückte mit Rupert, der sich über Colins Entschluss, das Internat zu besuchen, freute. Nach seinem üblichen Stück Toast mit Marmelade und der einen Tasse Tee holte Colin Mantel, Mütze und Schuhe, um mit ihm loszufahren, seine Schulausrüstung zu besorgen.
Kei hatte in der Zwischenzeit den Weg in sein Zimmer gefunden und saß auf seinem Bett herum. Als er bemerkte, wie Colin jenseits des Badezimmers in sein eigenes Zimmer ging, rief er: “Guten Morgen!“
Vor dem Kleiderschrank hielt Colin inne und überlegte sich viel zu lang, was er antworten sollte. Schließlich brummte er “Morgen,“ während er den Schrank öffnete und seine Jacke herausholte. Kei fragte sich, ob Colin noch beleidigt war, fragte aber nicht weiter nach. Colin zog sich an und ging wieder zur Tür. Er zögerte etwas, bevor er sie öffnete. Kei steckte den Kopf durch die Badezimmertür, als Colin zum Verschwinden ungewöhnlich lange brauchte.
“Bist du immer noch sauer auf mich?“ fragte er freundlich und musterte Colin, der offenbar irgendetwas vorhatte. Colin musterte Kei genau. Er wollte patzig 'Ja!' sagen, brachte es aber nicht übers Herz. Verschämt rutschte sein Blick auf den Kleiderschrank. 'Ja' sagte auch nicht alles aus. Er wollte jetzt kein tiefschürfendes Gespräch darüber führen. Es war alles schon peinlich genug...
“Nein,“ log er.
Du bist kein guter Lügner. Kei beließ es dabei. “Okay. Viel Spaß.“ Colin würde entweder bei ihm ankommen, wenn er mit ihm reden wollte, oder es würde sich eine Gelegenheit dazu ergeben. Der Vampir verschwand wieder in seinem Zimmer.
'Okay, viel Spaß'? Ernsthaft?! Colin errötete und verschwand eilig aus dem Raum. Er schloss die Tür etwas zu feste. Was für ein Wichser.

Kei ging nach draußen. Es regnete noch immer. Diesmal zog er die Kapuze seiner Jacke ins Gesicht. Er konnte die Rücklichter von Ruperts Audi sehen, die im grauen Geniesel unter Rauschen und Knirschen den langen, breiten Kiesweg zur Landstraße hinunterfuhren. Er entschloss sich dazu, eines der Motorräder zu nehmen und fuhr langsam die Einfahrt hinunter und einige Straßen entlang, bis er nach ein paar Stunden Landstraße in einer kleinen Stadt ankam, die er noch nicht kannte. Er hatte einen anderen Weg genommen als sonst.

Rupert und Colin fuhren etwa eine Stunde lang die Küste entlang bis nach Blackpool. Dort war das Wetter unwesentlich annehmlicher, aber darum ging es ja nicht. Rupert brachte Colin zu einer Schneiderei, um Maß nehmen zu lassen und die Internatskleider zu bestellen und in ein kleines Verlagsgeschäft, das auf Colin wie ein Reisebüro für Schulangelegenheiten wirkte, wo Rupert ihm einen Stapel Schulbücher kaufte und die Lieferung des Rests in Auftrag gab. Das Paket sollte gleich in die Schule geliefert werden. Colin bekam von der Frau noch gratis ein paar Hefter, einen Notizblock, Bleistifte, Kugelschreiber und andere nützliche Kleinigkeiten, um die große Tüte zu füllen.
Nach einem blackpooltypischen Imbissmittagessen ließ Rupert sich ohne viel Widerstand zu einem Spielhallenbesuch breitschlagen, sodass sie sich erst bei Sonnenuntergang wieder auf den Heimweg machten.

Kei war den ganzen Tag unterwegs gewesen und hatte spontan ein kleines Konzert besucht, weshalb er erst mitten in der Nacht zurückfuhr. Nachdem er es geschafft hatte die Leute, die mit ihm draußen zum Rauchen herumstanden, davon zu überzeugen, dass er trotz Unmengen Alkohols nicht zu betrunken zum Motorradfahren war.
Irgendwo zwischen der Landstraße und dem Schloss, vor dem Ruperts Auto wieder herumstand, fing Delilah ihn ab. Ohne ihn zum Anhalten zu zwingen, erschien sie wie aus dem Nichts etwas abseits seiner Strecke am Rand der Auffahrt und gab ihm mit der Hand ein kurzes Signal, dessen Bedeutung Kei mittlerweile als 'Dennis' kannte. Danach beugte sie sich wieder zur Seite und verschwand sofort, als würde der sachte Wind sie irgendwie verschlucken. Kei fuhr etwas langsamer weiter. War Dennis mit seinem Ausflug nicht einverstanden? Aufgefallen sein müsste es ihm aber so oder so, wenn er ihn gesucht haben sollte. Er stellte das Motorrad in der Nähe von Ruperts Auto ab und legte den Helm in die Garage.
Dennis saß inmitten eines Kabel- und Elektrosalats am Schreibtisch in seinem dunklen Zimmer und blickte nicht einmal auf, während sich die Tür scheinbar von selbst öffnete, als Kei auf dem dunklen Flur in ihre Nähe kam. Kei ging in Dennis' Zimmer und sah den Älteren fragend an.
Die Tür schloss sich hinter ihm, scheinbar wieder von selbst, bevor Dennis aufblickte. Er legte einen kleinen schwarzen Plastikkasten, aus dem einige Kabel heraushingen, auf den Tisch und kramte in einem Stapel nach einem großen braunen Briefumschlag, den er grob in Keis Richtung auf eine Ecke des Tisches warf. Kei hob ihn auf und öffnete ihn um den Inhalt zu begutachten.
“Wie machst du das mit der Tür?“
Dennis sah ihn abwesend an. “Hm? Oh. Telekinese,“ sagte er nebenbei, als sei das das normalste von der Welt. “Das ist dein neuer Job,“ sagte er mit einem Nicken auf den Umschlag. “Deine Identität, Geld und die Postfachadresse für die Kommunikation.“
Es waren mehrere tausend Pfund in gebrauchten Banknoten, in Plastik verpackt, ein japanischer Pass mit Dauervisum und Arbeitserlaubnis für Großbritannien, ein japanischer Führerschein, britischer Waffenschein für Handfeuerwaffen und ein kleiner Zettel mit einem Code.
Kei betrachtete den Inhalt. Hideo Katsuragi aus Nagasaki. Er wollte gar nicht wissen, wie Dennis in nur einem Tag für das alles sorgen konnte.
“Weißt du, wann's losgeht?“ fragte er und steckte den Inhalt des Umschlags in seine Jackentasche.
“Sofort. Oder morgen, wenn der große Held sich noch verabschieden will. Colin selbst fährt erst in zwei, drei Tagen los.“ Der Heldenkommentar war möglicherweise auf Keis neuen Decknamen gemünzt, der mit dem Kanji für 'Held' geschrieben wurde.
“Gut. Dann nehme ich morgen.“ Mit diesen Worten verschwand Kei aus Dennis' Zimmer und ging nachsehen, ob Colin noch wach war.
War er. In guter Absicht hatte er seine Schlafanzughose und ein Schlaf-T-shirt angezogen, doch er war überhaupt nicht müde. Beim goldenen Licht seiner Schreibtischlampe saß er mit hochgezogenen Beinen am Schreibtisch und las gebannt in einem Schulbuch. Daneben lag ein brandneuer aufgeschlagener Collegeblock, auf dem er scheinbar ein paar Aufgaben gelöst und Notizen gemacht hatte.
“Darf ich reinkommen?“ fragte Kei durch die halb geöffnete Badezimmertür. Colin blickte auf und nickte. Kei war so frei, sich auf Colins Bett zu setzen. “Ich muss morgen weg. Dennis hat mir einen längeren Job aufgebrummt.“
Colin sah ihn an. Sein Gesicht verriet nicht viel, oder eher zu viel auf einmal. Er sah vorsichtig, neugierig, ernst, verwirrt, aufgeregt und ein bisschen verlegen aus. “Da ich früher weg muss als du, wollte ich mich anständig verabschieden.“
“...“ Okay. Verabschiede dich.
Er kaute auf der Innenseite seiner Unterlippe.
Kei musterte ihn. “Wenn du mich wegen gestern noch anschreien willst, nur zu.“ Irgendwas saß Colin anscheinend gehörig quer. Bevor Kei ging, wollte er noch wissen, was das war.
Colin wandte den Blick auf den Boden. “Ich will dich nicht anschreien,“ sagte er leise.
“Du hast aber irgendwas.“ Kei sprach ruhig und sah zu Colin.
“Ja.“ Colin rutschte auf dem Stuhl weiter zurück, um seine nackten Füße auf der Kante der Sitzfläche fester aufzusetzen.
“Darf ich wissen was?“
“Das gestern war... ist scheiße gelaufen, aber ich will dich deswegen nicht nochmal rundmachen.“ Er zuckte mit den Schultern. “So scheinst du eben zu sein, es ist ja nicht deine Schuld, dass ich das nicht mehr weiß. Es ist nur schade. Ich finds einfach traurig, weil-“
Kei wartete, dass Colin den Satz beenden würde.
Er kaute ein bisschen auf seiner Zunge, ehe er weitersprach, immer noch ohne Kei direkt anzusehen. Das tat er nur zwischendurch, um dessen Gesichtsausdruck zu prüfen. “... Weil ich dich echt mag. Irgendwie.“
“Du hast mich öfter dafür rundgemacht, dass ich Scheiße gebaut habe. Tut mir Leid.“
Colin sah ihn an. Er wirkte ein winzigkleines bisschen überrascht. Jedenfalls sah sein Gesichtsausdruck nun offener aus. “Du findest - und meinst - du weißt also was ich meine?“
Kei nickte.
“Dann...“ Colin dachte nach. Das konnte man sehen. 'Dann geht das auch anders?' wollte er fragen, kam sich dabei aber etwas zu blöd vor. Irgendwie war er froh, dass er Kei eine Weile nicht sehen würde. Vielleicht war ihm die Nähe, das isolierte Aufeinanderhocken mit diesem viel zu appetitlichen Alien einfach nur zu Kopf gestiegen.
“Ich geb' mir Mühe.“ Kei musterte Colin. Der musterte ihn ebenfalls gebannt. Er schien nicht zu merken, wie er starrte. Kei sah ihn an und lächelte leicht. “Hab ich was im Gesicht?“
Ertappt blinzelte Colin und sah zur Seite. Kei schmunzelte nur ein bisschen.
“... Wo musst du denn hin?“ fragte Colin, damit es nicht zu still wurde.
“Ich muss Dennis bei was helfen.“
“Was denn?“
“Er sagt, dass das keiner wissen darf. Du auch nicht, damit deine Schulkameraden nichts erfahren.“
“Als könnte ich nicht dichthalten,“ sagte Colin augenrollend.
Du erfährst es doch eh. Geduld. “Ich verrate es dir, wenn du wieder hier bist.“
“Also in drei Wochen oder so. Ich muss doch sowieso schon genug geheimhalten, da könnt ihr mir das auch verraten.“
“Ich muss außerhalb etwas erledigen und es soll niemand wissen, wo ich bin.“
“Ja ja, schon gut. Du bist James Bond, hab's kapiert.“
Kei lachte. “Ein James Bond-Abenteuer wäre sicher von mehr Explosionen begleitet.“
“Und besserem Sex.“ Colin schmunzelte böse.
“Ich war noch nie auf einem, das kann ich nicht beurteilen. Sollte mir mal eins unterkommen, kann ich's dir ja erzählen.“
“Heißt das, dass du üben willst?“ Colin grinste.
Kei schmunzelte. “Du bist ja nicht da. Aber vielleicht gibt es was anderes jamesbondmäßiges da.“
“Martini.“
“Der schmeckt nicht.“
Colins Augen wurden groß. “Ich dachte du kippst einfach alles, das hart ist.“
“Ich habe Geschmacksnerven, die sogar funktionieren - und Martini ist eklig.“
Colin grinste.
“Dennis hat mir einen Führerschein besorgt. Einen echten. Ich kann mich nicht erinnern je einen gemacht zu haben.“
Colin lachte. “Du fährst doch dauernd.“
“Aber jetzt kann mir die Polizei nichts mehr.“
“Kommt drauf an wie du fährst,“ gab Colin mit einem Schulterzucken zu Bedenken.
“Manchmal kontrollieren die auch einfach so.“
Colins Blick wurde etwas ernster. “Die Instanz hat uns beide konditioniert, richtig? Damit wir... uns anfreunden.“ Er musterte Kei nachdenklich.
“Ja, haben sie.“
“Das haben sie nicht besonders gut gemacht,“ sagte Colin schmunzelnd.
“Nein. Die haben überhaupt noch nichts wirklich gut hinbekommen.“
Colin lachte leise. “Es hat funktioniert, aber ich frage mich wie.“
“Das weiß ich auch nicht. Aber was danach passiert ist, war wirklich verrückt.“
“So verrückt, dass ich den Verstand verloren habe,“ sagte Colin unernst. “Du machst mein Bett nass.“
“Ich glaube, das liegt daran, dass ihr Unsterblichkeitsexperiment nicht für Menschen gedacht war.“ Kei stand auf, zog die nasse Jacke aus und ging damit zur Tür.
Wo gehst du hin?
“Nasse Klamotten loswerden.“
“... Alle?“
“Soll ich in nassen Boxershorts herumsitzen?“
Colin wandte seinen schmunzelnden Blick errötend auf seine Knie. Kei schmunzelte und beförderte die nasse Jacke ins Bad, um sie aufzuhängen. Dasselbe tat er mit der Hose und dem Rest seiner Kleidung. Dann ging er in sein eigenes Zimmer und zog sich eine Jogginghose und eine etwas zu große Sweatshirtjacke an, bevor er wieder zu Colin ging.
Der hatte die kleine Lampe auf seinem Tisch ausgemacht und saß nun im Dunkeln auf dem Bett. Keis legerer Anblick machte ihn unerklärlich verlegen, darum war er für das sehr fahle Licht von draußen dankbar. Kei setzte sich zu ihm aufs Bett. Er schmunzelte ein bisschen. Colin rutschte vor ihn. Kei musterte ihn. Colin sah ihn ernst und mutig an, bevor er sich vorbeugte, um ihn zu küssen. Lächelnd erwiderte der Vampir mit den leuchtenden blauen Augen ihn. Colin hielt ihn zart und langsam, so wie es dieser Tage seine Art zu sein schien. Kei störte das nicht. Er fand es gut, dass Colin nicht mehr sehr wütend zu sein schien. Das war gut, immerhin musste Kei schon am nächsten Tag los.
“Darin bist du gut,“ flüsterte Colin schließlich und setzte sich wieder zurück. Kei lächelte. “You're an excellent kisser,“ raunte er genüsslich mit einem Lächeln.
“Übung.“
“Die darf man nicht vernachlässigen,“ sagte Colin nickend.
“Stimmt.“


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