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Friday, July 14, 2017

Kei + Colin LXXXIX: Kein Gentleman


Kei nahm einen langen Weg aus dem Irrgarten heraus und den langen Weg zur Tür. Er entschied sich dagegen, in seinem Zimmer herumzusitzen und ging stattdessen in dem Gebiet um das Schlossgelände herum spazieren.
Ähnlich hielt es Colin, indem er erst das Labyrinth verließ, wenn auch auf direkterem Weg als Kei, und dann über die dunklen, diesigen Wiesen wanderte, die zum riesigen Anwesen gehörten. Als er die künstliche Höhle fand, zündete er dort die Kerze in der Laterne an und wunderte sich beim Einstecken des Feuerzeugs zum ersten Mal darüber, dass ihm gar nicht kalt war. Es war Jahresende, morgens lag oft Rauhreif auf dem Gras und alle trugen Schals und Mützen - aber er fror nicht, obwohl er die Kälte wahrnahm.
Vielleicht war es in Keis Gegenwart einfach noch viel kälter. Oder sein Frösteln während Keis Kampf mit Delilah und nun im dunklen Labyrinth hatte eine ganz andere Ursache gehabt.
Noch bevor sich der Nebel lichtete, ging er ins Schloss zurück.

Kei blieb die ganze Nacht verschwunden und war auch am nächsten Morgen nicht im Schloss zu finden. Da es nachts geregnet hatte, war Kei, mit Jeans und T-shirt bekleidet, die Nacht im Regen umhergegangen und hatte sich prompt verlaufen. Nicht, dass ihn das störte. Klatschnass ging er durch Felder und Waldstücke.
Seine Abwesenheit fiel zwar natürlich auf, sorgte aber nicht für besonderes Aufsehen. Die unsichtbaren Wachposten unter Delilahs Führung wussten von seinen Ausflügen und kümmerten sich längst nicht mehr darum. Mit Colin war das anders. Er wusste auch, dass Kei kam und ging, wie es ihm beliebte, obwohl er genauso versteckt bleiben musste wie er selbst, aber scheinbar schienen alle, die etwas zu sagen hatten, Kei zu vertrauen. Oder ihm zumindest zuzutrauen, sich effektiv versteckt zu halten und nicht die Geheimhaltung der Basis zu gefährden. Darum ging es Colin aber nicht. Diese Vampirsache war nur eine dieser vielen Geschichten, die er glauben musste aber nicht nachweisen konnte. Es wurmte ihn einfach nur, dass Kei sich nicht blicken ließ. Er hatte keine Ahnung, wo der Kerl steckte, und das nervte ihn, aber er wusste nicht genau, warum. Nicht, dass er an diesem Tag viel mit ihm - oder mit sich selbst - angefangen hätte. Er wäre beinahe überhaupt nicht aufgestanden. Als er es aber doch getan hatte und Kei nirgends auftauchte, fand er sich irgendwann unerklärlicherweise in Keis Bett wieder, wo er sein deprimiertes Dösen/Weinen/Schlafen fortsetzte.
Erst am späten Nachmittag hatte Kei den Weg wiedergefunden. Es regnete in Strömen, als er leise und klatschnass im Schloss ankam. Auf dem Weg in sein Zimmer hinterließ er eine Spur aus Regenwasser auf den teuren, antiken Teppichen und Holzdielen. An seinem Ziel angekommen stellte er beim Abpellen der nassen Kleidung fest, dass sein Bett belegt war. Er musterte Colin eine Weile, der fest zu schlafen schien. Zumindest seinem ruhigen Atmen und der halb unter der Bettdecke zusammengerollten Körperhaltung nach zu urteilen. Die Türen zum gemeinsamen Badezimmer standen beide weit offen und es brannte kein Licht in den Räumen. Die Winterdämmerung und der dichte Regen ließen sie nächtlich erscheinen.
Kei nahm sich ein Handtuch und trocknete sich ab, ehe er sich, in frischen trockenen Boxershorts, vorsichtig unter seine Decke legte. Er wollte Colin nicht aufwecken. Der gab auch kein Zeichen des Aufwachens von sich, sondern rollte sich nur etwas auf den Bauch und vergrub das Gesicht im Kissen, als sich die Matratze leicht bewegte. So wie Kei es von ihm kannte, bestand sein Schlafanzug aus einem T-shirt und einer richtigen Pyjamahose. Letztere war ihm in die Kniekehlen hochgerutscht. Kei lächelte ein bisschen und legte vorsichtig einen Arm mehr auf als um Colin, bevor er selbst die Augen zumachte.
Das reichte ihm. Er brauchte nicht zu schlafen.
Der Regen ließ über die Stunden nach und reduzierte sich auf ein stetiges weiches Nieseln mit gelegentlich etwas dickeren Tropfen, die ab und zu lauter gegen die Fensterscheiben schlugen. Kei lag die ganze Zeit mehr oder weniger wach neben Colin und ließ sich von dessen Körpertemperatur aufwärmen. Der Junge schlief noch lange ruhig weiter, und drehte sich nur ein bisschen, bis er schließlich so an Kei gelehnt dalag, dass er dessen Oberarm und Schulter wie ein Kopfkissen benutzte und das Gesicht beinahe an seine Brust drückte. Als der Regen etwas schwächer wurde, schlief Kei schließlich doch ein. Da war es schon fast wieder Abend.

Irgendwann in den lächerlich frühen Morgenstunden wachte Kei wieder auf. Sein Zimmer war dunkel. Draußen war es auch dunkel und im ganzen Schloss herrschte Stille. Colin lag nun nicht mehr auf ihm, sondern neben ihm, und sah ihn mit dem Kopf auf eine Hand gestützt an. In möglichst unpeinlicher Entfernung.
Kei sah Colin müde an. „Guten Morgen.“
„Morgen,“ murmelte Colin, nachdem er den Mund erst ein paarmal erfolglos geöffnet und wieder geschlossen hatte.
„Ich wollte dich nicht wecken,“ erklärte Kei lächelnd. Nun lächelte auch Colin sachte. Bisher hatte er ernst dreingeblickt.
„Tut mir leid. Was ich gestern gesagt habe,“ sagte er leise.
„Ich war auch kein Gentleman.“ Kei blickte Colin leicht von unten an, da er sich nicht die Mühe gemacht hatte, seine Position groß zu ändern. Das brachte Colin zum Schmunzeln. „Ich werde aber auch nie einer sein,“ fügte Kei an. „Du bist übrigens schön warm.“
„Sag das nicht.“ Colins Mundwinkel zuckte.
„Was davon?“
„Dass du nie ein Gentleman wirst. Immerhin...“ Er zuckte langsam die Schultern und ließ den Blick um das Bett schweifen, bevor er Kei weiter ansah.
„Bisher war ich keiner.“
„Suit yourself. Aber du hast mich nicht aufgeweckt und rausgeworfen. Du hast dich scheinbar an mir gewärmt und ich habe meine Hose noch an.“ Sein Grinsen deutete an, dass er das alles nicht so besonders ernst meinte.
„Nicht, dass das nicht zu ändern wäre...“ Keis Blick war spaßig-herausfordernd.
„Sag ich doch. Aus dir wird noch ein Gentleman.“ Das brachte Kei zum Lachen. Colin grinste. „Ich könnte das nicht, glaube ich.“
„Was könntest du nicht?“
„Wenn ich in jemanden - also wenn ich - also, einfach nichts tun. Abwarten und Tee trinken. Das könnte ich nicht. Ich bin wohl ein Hinterherrenntyp.“
„Ich bin auch nicht gut darin.“
„Doch, bist du. Extrem gut.“ Mit diesen Worten setzte Colin sich auf und kroch zur Bettkante.
„Bleib doch hier. Es ist mitten in der Nacht.“
Colin hielt inne und sah ihn an. „Hast du nicht eben ‚Guten Morgen‘ gesagt? Außerdem bin ich jetzt wach.“
„Das heißt nicht, dass du verschwinden musst.“
Colins Blick weitete sich fast unmerklich.
Herzklopfen.
Er kam ein paar Zentimeter zurück und zog sich die Decke wieder über die Beine.
Kei lächelte leicht. Er nahm sich Colins erreichbarere Hand und hielt sie locker fest. Colin sah dorthin und musste sich daran erinnern zu atmen. Und das weiterhin leise zu tun, was dann dazu führte, dass er zumindest optisch den Eindruck erweckte, als sei er ein wenig außer Atem. Er sah Kei an. Es war dunkel, also konnte er vielleicht nicht sehen, wie Colins Augen und Wangen gerade aussahen. Der Anblick von Keis tätowiertem, nacktem Oberkörper, selbst in diesem schwachen Licht, half ihm jedenfalls nicht dabei, seine Fassung zu bewahren.
Was Kei nicht sehen konnte, war die Farbe in Colins Gesicht. Den Rest sah er klar wie am Tag. Sein Gesichtsausdruck war fast unschuldig, als wollte er sagen: ‚Ich hab doch gar nichts gemacht.‘
Colin drehte seine Hand in Keis und schloss die Finger um sie. Kei setzte sich leicht auf und musterte Colin. Der versuchte, Kei nicht zu sehr anzustarren, konnte sich aber nicht ganz davon abhalten. Er sah irgendwie peinlich berührt aus. Oder auf eine verwirrte Weise besorgt. Wie man eben so aussah, wenn der schöne Typ, auf den man stand, halbnackt neben einem im Bett saß, händchenhaltend, und einen anstarrte. Mit der freien Hand schob Colin seine Haare hinter ein Ohr. Dafür waren sie nun gerade wieder lang genug. Kei beobachtete Colin noch eine kleine Weile, ehe er leicht an dessen Arm zog um ihn zu sich zu ziehen. Das ließ Colin auch zu, auch wenn er darüber selbst überrascht war. Um sich aufzustützen, hätte Kei seine Hand loslassen müssen. Was er nicht tat, sodass Colin halb auf ihm landete. Und seine freie Hand langte zuallererst versehentlich auf Keis nackten Oberschenkel.
Argh. Er kam sich so peinlich vor. Kei grinste ein bisschen.
Colins Gesicht in Farbe wäre jetzt sehenswert gewesen, aber er wusste wie es aussehen musste. Rot.
Das wusste Colin auch, oder er vermutete es stark. Seine Wangen und Ohren brannten noch, nachdem er sich wieder aufgesetzt hatte, nun sehr dicht vor Kei, und beinahe an ihn geschmiegt. So dicht bei sich hatte Kei Colin das letzte Mal gehabt, als sie Motorrad gefahren waren. Das sollte öfter so sein, fand Kei. Er hielt Colins Hand weiter fest und küsste den Kleineren einfach.
Verblüfft atmete Colin erst aus, aber schloss schnell die Augen und erwiderte den Kuss, keusch aber sehr bereitwillig. Seine Hand in Keis zuckte leicht. Kei lockerte den Griff um Colins Hand so, dass der Kleinere damit tun konnte was er wollte, und erhielt den Kuss aufrecht. Und der machte mit. Sogar mit allmählichem Lächeln. Seine Finger strichen über Keis Hand und dann seinen Arm hinauf. Und mit Lippen und Zunge probierte er gemütlich aus, was man so mit Keis Lippenring anstellen konnte. Der Vampir nahm die nun wieder freie Hand dazu, Colin ein kleines Stück dichter zu sich zu ziehen. Während er nun wieder so ziemlich an Kei lehnte, zog Colin den Kopf etwas zurück.
„Ich nehme alles zurück,“ sagte er leise.
„Das sagst du jetzt. Morgen bin ich wieder ein Arschloch,“ scherzte Kei. Colin schmunzelte.
„Das sehen wir dann morgen,“ sagte er und küsste ihn wieder, mit den Armen auf Keis Schultern. Kei grinste und erwiderte den Kuss. Bis morgen war nicht mehr so viel Zeit.
Während sie so weitermachten, Colin langsam und unermüdlich und zwischendurch mit glücklichem Schmunzeln, kniete er irgendwann rittlings auf Keis Oberschenkel und stellte viel später fest, dass er deutlicher sehen konnte. Er sah zum nächsten Fenster, wo der dunkelgraue Himmel den Morgen ankündigte.
„Jetzt ist es wirklich morgens,“ bemerkte Kei, ohne wirklich von Colin abzulassen. Eine Hand war irgendwo in Colins, wieder lang genug dafür gewordenen, Haaren verschwunden und mit der anderen hielt er den Kleineren fest. Colin nickte.
„Schade.“
„Du musst immer noch nicht aufstehen.“
Colin schüttelte langsam den Kopf. „Nein. Aber ich mag die Nacht.“
„Gut, dass der Tag nicht lange dauert.“
Colins Augen weiteten sich plötzlich etwas, als fiele ihm etwas ein.
„Hm?“ Kei schaute ihn fragend an.
„Ich glaube, Rupert kommt heute zurück.“
„Wo war der eigentlich?“
„Bei der Meditec in Liverpool.“ Er ließ Kei nicht los und stieg auch nicht von ihm herunter. Das hier war viel zu... schön.
„Dann kommt er bestimmt nicht um diese Uhrzeit zurück.“ Kei wollte Colin noch eine Weile für sich beanspruchen.
„Nein,“ sagte Colin leise. Wie er Kei so ansah, musste er plötzlich beschämt lächeln. „Ist das hier w-“ Keis Lippen schnitten ihm das Wort ab. Das war auch ganz gut. Er hätte nämlich sonst beinahe den Umstand angesprochen, der ihn nun dazu brachte, sich etwas aufzusetzen, damit Kei nicht auch spürte, was gerade in seiner Hose los war, und sich darüber lustig machen konnte.
Darüber lustig gemacht hätte Kei sich keineswegs. Was Colin sagen wollte, schien nicht allzu wichtig zu sein, denn er machte keine besonderen Anstalten es fortzusetzen. Er küsste Kei bloß langsam und genüsslich weiter und stützte sich dabei auf Keis Schultern, um sich nicht wieder auf ihn setzen zu müssen.
Um sie herum wurde das Schloss so langsam wieder wach.
Nicht, dass Colin das interessierte. Keis Haare, die Farben und Formen auf seinen Schultern, die gewichtige Tatsache seiner Nacktheit und vor allem sein Mund beschäftigten ihn zu sehr.
Kei bekam das beginnende Treiben um sie herum mit, kümmerte sich aber auch nicht darum. Es war nicht schwer, die Geräusche um sich herum auszublenden, wenn Colin fast auf ihm saß.

Sie schafften es irgendwann aus dem Bett, in andere Kleider und sogar andere Räume. Kei war es nicht ganz recht, dass Colin es sich in der Bibliothek gemütlich machen wollte, also brachte Colin sich zwei Bücher in Keis Zimmer mit, wo er gegen Kei gelehnt versuchte, Gedichte zu lesen, während Kei auf seiner Gitarre herumzupfte. Beides wurde von beiden häufig unterbrochen, um ihr neues Hobby von den frühen Morgenstunden wieder aufzunehmen.
Niemand störte sie, bis am Nachmittag Rupert zurückkam.
Delilah klopfte an Keis Zimmertür und holte Colin heraus, um ihn zu Rupert zu bringen. Dafür erntete sie einen Mittelfinger von Kei, der die folgende Zeit mit der Gitarre, Warten und Herumlaufen herumbringen musste. Als Colin nach über zwei Stunden aus Ruperts Privatapartment kam und Kei nicht in seinem Zimmer vorfand, wanderte er ziellos durch das Schloss, um ihn zu suchen. Er fand ihn schließlich im Spielzimmer. Der Vampir lag auf dem Billiardtisch und versuchte, die Dartscheibe im Liegen zu treffen.
Ein prüfender Blick auf die Zielscheibe ließ Colin wissen, dass die liegende Position für Kei kein großes Hindernis darstellte und mehr ein Ausdruck der Langeweile als ein herausforderndes Handicap war. Er schloss die Tür und ging zum Sofaende, das dem Billiardtisch am nächsten stand, um sich daran zu lehnen.
„Das war wohl ein sehr ausführlicher Reisebericht, was?“ fragte Kei, der einen Smiley in die Dartscheibe geworfen hatte.
„Eigentlich nicht. Er hat kaum von der Messe gesprochen.“ Colin legte etwas den Kopf schief, um die Darts kurz nachdenklich zu betrachten.
„Erzählst du mir die Neuigkeiten?“ Der Smiley hatte ein ziemlich verzerrtes Gesicht, weil Kei beim Werfen nicht genau hingesehen hatte.
„... Ich kann wieder zur Schule gehen...“
„Aber?“
„... Es ist ein Internat in Schottland.“
„Aber dann sehe ich dich kaum noch.“
Colin blickte zu Boden und errötete leicht.
„Kannst du nicht auf ‘ne normale Schule gehen? Die Internatsidee finde ich scheiße.“ Dass Colin seinen Schulabschluss machen sollte, fand Kei allerdings gut.
„Das habe ich auch gefragt,“ sagte Colin, nachdem er sich verlegen geräuspert hatte. „Aber wenn ich in Lancaster zur Schule gehe, bringe ich uns alle in Gefahr. Das Internat bei Inverness ist laut Dennis und Rupert richtig sicher und unbeobachtet. Da kann ich mit nur leicht verändertem Namen als ich selbst sein. Hat er gesagt.“
„Das ist ja gut. Aber dann bist du trotzdem weit weg.“
Colin nickte.
Es war schwierig... aber fühlte sich auch richtig gut an. Noch einen Tag zuvor wäre er von Ruperts Vorschlag hellauf begeistert gewesen und hätte auf der Stelle seinen Koffer gepackt. Er wollte das auch jetzt tun. Aber jetzt gab es noch Kei.
Er verschränkte betreten die Arme.
„... nur bis Weihnachten,“ sagte er schließlich.
„Und dann bis zum Sommer und Weihnachten ist kurz.“
„Es ist aber eine gute - Was soll ich denn sonst machen?“
„Dichter hier zur Schule gehen.“ Kei kam der Gedanke, dass er sich einfach, jetzt wo er legal volljährig war, eine Wohnung nehmen könnte, aber er bezweifelte, dass Dennis damit einfach so einverstanden wäre.
„Hast du nicht zugehört? Das lässt uns auffliegen,“ sagte Colin sanft.
„Lässt uns auch auffliegen, wenn ich ne eigene Wohnung irgendwo da hätte?“
Überrascht sah Colin auf. „Du w-“ Du würdest mir hinterherziehen?
„Da wäre jedenfalls mehr los als hier,“ kommentierte Kei Colins Gedanken.
„Das glaube ich nicht. Inverness ist jetzt nicht die aufregendste Metropole, und das Internat liegt auch noch ein Stück außerhalb.“
„Das Stück außerhalb ist immer noch kürzer als der Weg von hier aus.“
Colin musterte ihn und sah dabei ein wenig überwältigt aus, gelinde gesagt. Kei lächelte leicht. „Ich will nicht drei Stunden brauchen, nur um dich zu besuchen. Dafür bin ich zu verwöhnt.“
Colin machte die drei Schritte zum Billiardtisch und stützte sich mit den Händen auf die breite Kante. „Warum willst du das machen?“ fragte er leise.
„Ich will nicht, dass du so weit weg bist.“
Colin beugte sich etwas über ihn und schmunzelte liebevoll. „... Hinterherrenntyp.“
„Purer Egoismus.“ Kei zog ihn zu sich und küsste ihn. Grinsend versuchte Colin, den Kuss zu erwidern, und trotz Keis Griff mit auf den Tisch zu klettern. Kei ließ ihm auch die Möglichkeit dazu, da er ihn nicht besonders festhielt. Colin kniete sich so hin, dass er beinahe auf Keis Bauch saß, ohne den Kuss zu unterbrechen. Kei grinste in den Kuss und schob eine Hand unter Colins Shirt. Der versteifte sich daraufhin etwas und hob den Kopf, um Kei anzusehen. Kei erwiderte Colins Blick immer noch grinsend. Colin musste zwar schmunzeln, legte aber eine Hand auf Keis Unterarm und schob ihn hinunter. Kei verhakte einfach die Finger in der Gürtelschlaufe von Colins Hose, weil er ihn nicht ganz loslassen wollte.
„Was, wenn das eine Enttäuschung wird?“ fragte Colin und setzte sich auf.
„Du denkst zu viel,“ erwiderte Kei.
„Denkst du genug?“
„Selten.“
Colin musste grinsen. „Was willst du?“
„Sex, Blut, dich und 'nen Drogenrausch.“
Darauf wusste Colin nichts zu entgegnen und glotzte nur doof, bis er leise lachen musste. Kei musterte ihn grinsend. Er sah belustigt, verlegen und etwas ungläubig aus. Und jetzt schob er sich wieder die Haare hinter die Ohren.
„Was ist denn, wenn du mich nicht kriegst? S- alles andere kannst du dir ja erfüllen, aber dafür wanderst du ja nicht nach Inverness aus.“
„Ich kann mich ja als Minnesänger versuchen. Oder ich versuche mich zu betrinken und tue Dinge, die ich nüchtern bereuen könnte.“
„Was denn zum Beispiel?“ fragte Colin gutgelaunt.
„Das weiß ich noch nicht. Ich war noch nie so betrunken, dass ich den Scheiß, den ich gebaut habe, bereut habe.“
„Warst du noch nie betrunken genug? Oder bereust du einfach gar nichts?“
„Ich war noch nie betrunken genug um etwas zu tun, dass ich bereuen würde. Da gibt es auch nicht viel.“
„Hast du überhaupt nie etwas getan, das du danach bereut hast?“ Mit den Fingern strich Colin ein paar Falten in Keis T-shirt entlang, um sie zu glätten. Das war natürlich nur ein Vorwand. Er saß dem Jungen sehr bequem auf den Hüften.
„Nichts, das nicht doch irgendwie so ausgegangen ist, dass es am Ende gut war.“ Kei befand Colins Position durchaus für bequem. Nicht nur bequem. Der Kleinere saß da gut.
Kei überlegte ein bisschen. Klar gab es Dinge, die im Nachhinein keine so sonderlich gute Idee gewesen waren, aber ihm wollte nichts einfallen, dass er so richtig bereute. Kei wusste gar nicht, wie es sich anfühlte, etwas wirklich zu bereuen.
„Was denn so? Was hast du bereut und war am Ende gut?“
„Seit ich dich kenne... In Südamerika einfach abzuhauen war eine dumme Idee. Zum Beispiel. Aber das ging gut aus.“
„Abzuhauen? Du meinst in Chile? Als du weitergefahren bist?“ Colins unbedarfte Neugier verdeutlichte, wie unbeteiligt er an dieser Geschichte war, und dass er sie nur von Keis Erzählungen kannte.
„Ja. Das hätte auch nach hinten losgehen können.“
Colin blickte auf und schaute nachdenklich auf einen Vorhang.
„Ansonsten hab ich als Kind ein paar sehr, sehr dumme Sachen angestellt.“
„Was denn?“ Colins Blick schnappte zurück und musterte Kei aufmerksam.
„Ich hatte... Stress mit ein paar Gangstern.“ Kei fiel wieder ein, dass diese Keis Kinderfoto-Geschichte in Colins Welt nie passiert war, was er ganz gut fand. „Und ihre Leichen und lauter Spuren einfach liegenzulassen hätte mich den Kopf kosten können, ich hätte das besser machen sollen...“
„Du hast ein paar Gangster umgebracht? Als Kind?“
„Ja. Ging nicht anders.“
„Warum?“ Das ‚Wie‘ sparte Colin sich, nachdem ihm eingefallen war, wozu Kei als Vampir imstande war.
„Sie waren nicht gerade nette Gangster.“
Colin musste lachen. „Schon klar, aber warum musstest du sie umbringen?“
„Damit sie mich in Ruhe lassen. Einer von denen stand immer in der Tür. Ich wollte gehen. Er hat Nein gesagt. Irgendwann hat einer von denen sein Messer vergessen.“
Mit ernstem Blick stieg Colin von ihm herunter und setzte sich im Schneidersitz neben ihn. „Fang von vorne an,“ sagte er leise und stützte sein Kinn auf eine Hand.
„Das ist keine schöne Geschichte.“
Colin sah ihn nur schweigend an.
„... Ich hab ne Weile auf der Straße gelebt, nachdem meine Mutter getötet wurde. Bin an die nicht netten Gangster geraten und ne ganze Weile später da wieder abgehauen. Waren um und bei insgesamt sieben Jahre.“
„Du wurdest da sieben Jahre lang gefangengehalten?“ Colin flüsterte beinahe.
„Nein. Ich war erst eine Weile Straßenkind. Das klappt ganz gut, wenn du kein Essen brauchst. Dann hab ich mit neun oder so Dummheiten gemacht, die mir diese Bekanntschaft eingebracht haben und mit zwölf bin ich da abgehauen.“
Colin schluckte und starrte.
Kei musterte ihn. Der Kleinere sah leicht schockiert aus und das obwohl er die wirklich miesen Teile weggelassen hatte.
Ich kenne dich gar nicht, schoss Colin durch den Kopf. Das wurde ihm jetzt richtig bewusst. Er hatte bisher kein bestimmtes Bild von Keisuke Sakai gehabt, aber das, was er von ihm kennengelernt hatte, in den paar Wochen, die er bewusst mit ihm zu tun gehabt hatte, ließ ihn hauptsächlich wie einen selbstbewussten Rebell aussehen, wie einen typischen, schlechtgelaunten Teenager - Colin hatte nicht einmal über Keis Familienverhältnisse nachgedacht. Er wusste, dass Delilah und Dennis seine Geschwister waren, aber das war auch alles.
Kei wartete eine kleine Weile. „Ich bin mit vierzehn bei einem Bekannten untergekommen. Bald darauf hatte ich Arbeit, Schule und eine Wohnung. Bis auf die Schule alles illegal.“
„Wow,“ sagte Colin leise. Sakai war die ganze Zeit nicht auf Abwegen gewesen, sondern hatte sich bemüht, von den Abwegen wegzukommen, auf denen er aufgewachsen war.
Und die Instanz machte alles wieder kaputt.
„Naja, eigentlich ist das egal. Ich werde niemals ein geregeltes Leben haben, so who cares?“ Kei schien das tatsächlich egal zu sein.
„Komm her.“ Colin öffnete die Arme.
Kei setzte sich auf. „Wird das eine total kitschige Umarmung?“ fragte er, als er zu Colin hinüberrutschte.
„Ja.“ Colin schlang die Arme um Kei, bevor der es sich anders überlegen konnte. Kei musste lachen, erwiderte die Umarmung aber. „Jetzt kann ich dich ja nicht mehr allein lassen. Wie gerissen von dir,“ sagte Colin in Keis Schulter.
„Kannst du nicht oder willst du nicht?“
Colin ließ ihn los. „Das ist doch dasselbe. Willst du auch wieder zur Schule gehen? Oder bist du in den verlorenen Jahren damit fertig geworden?“
„Ich bin nie fertig geworden.“
„Willst du dann auch?“
„Schule? Ich bin ein grausiger Schüler.“
Colin lachte. „Ich weiß. Willst du oder nicht? Wenn die Schule in Inverness so sicher ist, können wir bestimmt beide dahin. Ich kann dir mit Englisch helfen und würde noch mehr Gossenjapanisch von dir lernen.“ Er grinste.
„Ich kann auch anständiges Japanisch,“ grinste Kei und fügte noch „Einen Schulabschluss kann ich sicher gebrauchen,“ hinzu.
„Habe ich von dir noch nicht gehört,“ stichelte Colin feist grinsend.
„Ich brauche ihn auch nicht zum Leben. Aber es ist sicher nützlich.“
„Ich meinte dein Japanisch. Ich wette, du kannst noch nicht mal die Kanji für ‚Bildungsministerium‘.“ Das dreckige Schmunzeln wollte nicht verschwinden.
„Du bist ein kleines Arschloch, weißt du das?“ Kei wünschte sich gerade einen Filzstift, um Colin das Gegenteil zu beweisen. Er grinste. Colin lachte und nickte fröhlich. Kei küsste ihn. Einen Stift hatte er gerade nicht zur Hand, also ließ er seinen Streich erstmal bleiben. Begeistert erwiderte Colin den Kuss, aber nur kurz.
„Aber die Umarmung war kitschig, ja?“ Er musste beinahe wieder lachen.
„Ja.“ Kei grinste.
„Ja, war sie. Aber das hier auch.“ Colin küsste Kei, eilig aber sanft.
„Ich hab nichts anderes behauptet.“
„Komm mit nach Inverness,“ sagte Colin, während er mit den Zähnen an Keis Lippenring zog - als sei ihm das gerade selbst eingefallen. Seine Hände lagen auf Keis Nacken.
„Du klaust meine Ideen,“ entgegnete Kei und küsste den Kleineren wieder.
„Leg doch Beschwerde ein.“ Colins Hände wanderten über Keis Schultern hinunter, tastend.
„Ich fürchte das wird nicht fruchten.“
„Vielleicht doch. Wenn du den richtigen Antrag ausfüllst...“ Colins Hände machten nun das, was er Keis vorhin noch verboten hatte, und rutschten gemächlich seinen Bauch hinunter und unter Keis T-shirt. Kei ließ das Antworten bleiben und schob stattdessen eine Hand unter Colins Shirt.
Unter seinen Händen spürte Colin Keis Haut wärmer werden, oder es kam ihm nur so vor. Er selbst kam sich nun auch wärmer vor als sonst, und dort, wo Kei ihn berührte, wurde er zu Wasser, das mit jedem Fingerstrich in sanften Wellen vibrierte. Er sog zitternd Luft ein. Anders ging Atmen nicht mehr. Kei erkundete Colins Körper seinerseits. Auch, wenn er ihn schon in- und auswendig kannte. Das war egal. Das hier konnte man häufiger machen. Er küsste den Kleineren weiter, der nun gieriger geworden war und seine Zähne zur Hilfe nahm. Er ließ von Keis drahtigen Muskeln ab und stützte sich dafür auf seine Oberschenkel, um sich ihm entgegenzulehnen. Er musste etwas Druck von seinem Schritt nehmen.
Kei schob Colins Shirt etwas nach oben um mehr Platz zu haben.Zieh mich doch gleich ganz aus, schlug Colin in Gedanken vor und zog den Kopf zurück.
„Eine gute Idee.“ Kei entgegnete Colins Gedanken gerne laut. Nur um zu sehen, wie der Kleinere darauf reagierte.
Mit leichtem Schrecken, so reagierte er darauf.
„... Telepathie ist unfair,“ murmelte Colin und nahm schnell die Hände von Keis Beinen.
„Ich hab mir nicht ausgesucht, deine Gedanken im Kopf zu haben.“ Obwohl es schön ist, zu wissen, was du denkst.
„Kannst du das nicht abschalten?“ fragte Colin und kratzte sich am Arm, den er mit Absicht so vor sich hielt, dass er damit hoffentlich die Wölbung in seiner Hose verdeckte.
„Nein.“ Konnte er wirklich nicht. Colins Gedanken tauchten meist ohne, dass er es wollte, in seinem Kopf auf. Nicht, dass er ernsthaft etwas dagegen hätte.
„Kriegst du alles mit, was um dich herum so gedacht wird?“
„Nein.“
„Warum dann die Sachen, die ich denke?“
„Das passiert ja nicht immer. Das klappt nur aus Versehen, wenn ich nicht abgelenkt bin.“
„... das ist gruselig.“
„Ein bisschen.“
Colin schaute ein bisschen um sich, rieb sich auf den Knien herum und rutschte dann zur Seite, um die Beine vom Tisch zu schwingen. Kei musterte ihn ein wenig. „Delilah kann was viel gruseligeres,“ erwähnte er nebenbei.
Colin sah ihn wieder an. „Was denn?“
„Sie kann per Telepathie kommunizieren. Stell dir vor, du hörst plötzlich jemandes Stimme in deinem Kopf, die ganz normal mit dir spricht.“
Seine Verlegenheit vergessen, staunte Colin ihn unverhohlen an. „Wie klingt sie?“
Kei versuchte, Delilahs Stimme zu erklären. „Ich weiß nicht, wie viele Sprachen sie kann. Sie klingt total unmenschlich, also eher roboterhaft.“
„Und ich?“ Interessiert drehte Colin sich wieder zu Kei um.
„Du gar nicht. Du klingst immer noch nach Stimmbruch.“
„Ey,“ sagte Colin im Beschwerdeton, mit beleidigtem Gesicht und absichtlich quietschender Stimme.
Kei lachte. „Isso.“
„Der Stimmbruch war mal Popstar, dass das klar ist.“
„Ich weiß, dass du gut klingst, Angeber.“
„Angeber, ich?!“
„Ja, manchmal.“ Kei grinste.
„Und was ist mit dir?!“
„Ich bin ein großer Angeber.“
„Ah...“ Colin musste grinsen und errötete ein bisschen, als er an das falsche dachte, und schüttelte leise lachend den Kopf. „Stimmt. Du gibst schon an, bevor du überhaupt den Mund aufmachst.“
„Ich kann nichts für mein Aussehen,“ lachte Kei.
„Schnauze,“ sagte Colin verlegen grinsend.
„Na gut.“ Kei zog sich Colin wieder dichter heran und küsste ihn. Diesmal drückte Colin ihn weg, oder versuchte es zumindest.
„Hast du keine Angst, dass ich nur darum auf dich stehe?“ Er schmunzelte.
„Nein.“ Und da war sich Kei sogar sicher. Colin zuckte mit den Schultern und drehte sich wieder weg, um vom Tisch zu klettern. „Für wann ist der Internatsausflug eigentlich geplant?“ fragte Kei.
„Sobald ich zustimme,“ sagte Colin, indem er vom Tisch stieg und sich das T-shirt wieder hinunterzog.
„Wenn ich wieder zur Schule gehe, musst du mir helfen. Zumindest ein bisschen.“
„Klar. Mach dir da keine Sorgen. Ich werde dich Shakespeare rezitieren lassen,“ sagte Colin mit einem gemeinen Lächeln. „Und du wirst eine komplette Uniform tragen.“ Er ging um den Tisch herum auf die Tür zu.
„Hast du Uniform gesagt?“ Kei stand auf und folgte Colin. Der nickte langsam.
„Mit Krawatte... und Jackett... und schwarzen Schuhen...“ Er wartete auf Kei, ehe er die Tür öffnete und hinausging.
„Rate mal, wie lange die ordentlich aussehen wird.“ Wenn es irgendetwas gab, das Kei nicht gerne trug, dann waren es Uniformen. Er folgte dem Kleineren und schloss die Tür hinter sich.
„So lange, bis du rausgeschmissen wirst? Jedenfalls wirst du peinlich genau darauf achtgeben, solange du unentdeckt bleiben möchtest.“ In gemächlichem Tempo schlenderte Colin auf ihre Zimmer zu, bis zu Keis Tür.
„Ich hatte nicht vor, sie zu zerfetzen.“ Kei öffnete seine Tür.
„Sie überhaupt erst vollständig anzuziehen wird für dich die größere Herausforderung,“ sagte Colin grinsend und trat ein.
„Hemd und Jackett sollten eigentlich auch reichen.“ Kei ließ sich auf sein Bett fallen nachdem er das Fenster geöffnet hatte.
„An einer britischen Privatschule? Du bist süß.“ Er trat ans Bett und lehnte sich an einen der Pfosten am Fußende.
„Ich komm damit durch.“ Kei schien sich dessen ziemlich sicher zu sein. Klar, er konnte hypnotisieren. Natürlich kam er damit durch. Zumindest war er sich ziemlich sicher, dass das funktionieren würde. Colin zuckte nur mit den Schultern und sah sich betont gelassen um. Er hatte die Arme locker verschränkt und einen Fuß über den anderen gestellt. „Man sollte meinen, du kennst dich hier schon aus,“ kommentierte Kei Colins Umseherei grinsend.
„Willst du mit mir schlafen?“ fragte Colin unverblümt.
Kei blinzelte.
„Ja.“
Als er und Colin das erste Mal aufeinander getroffen waren, war das ganz anders verlaufen. Schade, dass Colin das nicht mehr wusste. Dass das eigentlich eine ziemlich überflüssige Frage gewesen war, wusste Colin natürlich auch nicht mehr. Colin schluckte und biss sich entschlossen auf die Zunge.
„Hast du ein Gummi?“ murmelte er heiser.
„Eh, nope.“
Mit einem ‚Oh, Mist‘-Gesicht blickte Colin zu Boden.
„Tja...“ Er stieß sich vom Pfosten ab.
„Das hat dich sonst auch nicht interessiert,“ informierte Kei seinen Freund grinsend. Colins vorsichtiger Blick war schwer zu lesen. Nur Verlegenheit war darin deutlich zu sehen. Als ihm keine Entgegnung einfiel, kratzte er sich am Kopf. Kei musterte ihn leicht grinsend. „Wenn du noch ‘n paar Minuten Zeit hast, könnte ich mich nach draußen begeben und welche holen.“ Oder es ist dir egal.
„... Ich habe Zeit,“ sagte Colin leise, ohne Kei direkt anzusehen. Er widerstand dem Drang, sich die Hände vors Gesicht zu halten. Das hier wurde mit jeder Minute peinlicher.
„Bin gleich wieder da.“ Kei zog sich nur seine Stiefel über, ohne sie zuzumachen, auf eine Jacke verzichtete er auch und verschwand dann nach draußen, um mit dem Motorrad in den nächsten Ort zu fahren.
„Und Gleit-!“ sagte Colin noch, während Kei aus dem Fenster kletterte, doch machte den Mund verlegen wieder zu, als Kei ihn ansah, bevor er hinuntersprang. So peinlich, brummte er in Gedanken. Dann fiel ihm etwas ein, siedendheiß, und er rannte schnell ins Badezimmer, um gründlicher zu duschen als jemals zuvor.

Tuesday, August 23, 2016

Kei + Colin LXXXV: Reset

|Goethes Erben - Vermisster Traum (Youtube)|


 Kei stand auf, nahm Colin dabei etwas grob mit hoch und drehte ihn um, sodass der Kleinere mit dem Rücken zu ihm stand und folgte Delilah. Colin zog er dabei einfach mit sich. Widerwillig stolperte dieser mit. Unterwegs knurrte er leise weiter, während Delilah sie zwischen Beeten und Rasenstücken in einem weiten Bogen um das Schloss herumführte, um sich ihm von der Küchen- und Garagenseite aus zu nähern, wohin sich kein Gast begeben konnte. Dabei flankierte sie Colin und musterte ihn skeptisch, wenn sie nicht gerade nach Beobachtern Ausschau hielt.
Durch eine Bedienstetentür gelangten sie hinein und mit Delilahs Hilfe unbemerkt in Colins Zimmer, wo Dennis schon auf sie wartete. Er verschloss sofort die Tür, nachdem sie ihn hineinmanövriert hatten. Den Schlüssel ließ er aber in der Tür stecken. Delilah war draußen geblieben und ging wieder auf ihren Wachposten im Park.
Mit besorgtem Blick zeigte Dennis auf einen Stuhl, den er in die Zimmermitte gestellt hatte. Kei verfrachtete Colin mit Leichtigkeit darauf. Es war zwar störend, aber nicht hinderlich, dass Colin nicht besonders kooperativ war.
„Erklär‘ mir das,“ forderte Kei von Dennis.
Weil Colin natürlich nicht sitzenbleiben wollte, schlang Dennis die Kordeln der Vorhänge, die er auch in Vorbereitung bereits abgenommen hatte, um seine Beine und den Oberkörper und fesselte ihn so an Stuhlbeinen und Lehne fest. Als er damit fertig war und Kei ihn auch loslassen konnte, trat er etwas zurück und betrachtete Colin. Er sah eigentlich nicht mehr nur besorgt aus. Sondern bedauernd. Als würde er jemandem beim Sterben zusehen. Kei musterte Colin und Dennis.
„Was ist mit ihm los?“
Dennis blinzelte. Sein Gesichtsausdruck war entweder endlos traurig und verzweifelt oder ein wenig angewidert. Vielleicht beides.
„Ich weiß nicht genau. Es ist merkwürdig... Sein Kopf ist... Ich kann nichts hören. Ich finde keine Gedanken.“
„Er hat versucht, mich anzugreifen.“ Kei stand relativ dicht bei Colin. Der reckte den Kopf in seine Richtung, legte ihn auf seine eigene Schulter und sah Kei treuherzig an, auf seiner Zunge und seinen Lippen kauend.
„Er will fressen,“ sagte Dennis. Während er Colin zusah, wurde sein eigenes Gesicht niedergeschlagener.
„Das hab ich auch schon festgestellt. Aber er ist weder er selbst, noch die skrupellose Version von sich selbst...“
„Nein, er ist noch eine Stufe weiter...“ sagte Dennis, Colin nachdenklich weiter musternd. „Erinnerst du dich an die Videomontage in den Gruben?“
„Ja, wieso?“
Dennis zeigte auf Colin, der sofort den Finger fixierte.
„Das ist der Ghul, glaube ich.“ Als Dennis' Finger sich wieder krümmte, begann Colin, kehlig und rauh zu lachen, was schnell wieder abebbte und in einen langen, dünnen Quietschlaut überging, als er den Kopf auf der Lehne zurücklegte. Kei sah ihn an.
Colin? Steckst du da noch drin? Vergiss nicht, du darfst nicht draufgehen.
„Kannst du ihm was zu fressen besorgen?“
Dennis nickte, den ernsten Blick nie von Colin abgewandt.
„Natürlich.“ Gerade als er sich abwandte und zur Tür ging, schwoll Colins leises Winseln schmerzerfüllt an und sein Gesicht verzog sich wie zuvor im Garten. Er sah aus, als würde er schreien, doch der Laut aus seinem Mund war hoch und leise.
„Maaahm...“ wimmerte er und fing an zu weinen. Kei wischte ihm die Tränen aus dem Gesicht. „Mum, mum... muuum...“ winselte er weiter, während Dennis sich wieder langsam umwandte, um ihn weiter zu beobachten. „Go on, go on, more, please, more,“ flüsterte er hechelnd, während seine Augen blind auf die Decke starrten. Stöhnend wand er sich in den Fesseln. „One, two, three, four, five, five, five, five, fiiive... much five, Kei...“ Er drehte den Kopf in jede Richtung, bis er Kei in die Augen sehen konnte, und das tat er auch. Weinend und schluchzend und mit fassungslosem Blick. „Ich... kann... nicht... mehr zählen... zu viele... Kei... Kei... au...“
Dennis hatte einen starren, schockierten Gesichtsausdruck. Verstohlen wischte er sich mit dem Ärmel über die Augen. Kei stand ganz ruhig da. Etwas - ziemlich - überfordert. Er wusste weder, was er sagen noch was er tun sollte.
„Er hat Schmerzen,“ sagte Dennis schließlich. „Oder er glaubt, welche zu haben.“ Er trat neben Colin, gegenüber von Kei, und legte die Hände auf Colins Hinterkopf und die feuchte Stirn, nachdem er ihm die Perücke abgenommen und sie hinter sich auf das Bett geworfen hatte. Colin blinzelte Kei immer noch hilflos an und wand sich in den Kordeln. Kei machte ihm die Hände los.
„Was passiert mit ihm?“
„Lass ihn gefesselt!“ warnte Dennis.
„Meinst du, er geht wieder auf uns los?“ Kei befestigte Colin so, dass es bequemer war, er da aber nicht rauskam. Er wand sich nur noch mehr und sein Stöhnen und Wimmern hörten auch nicht auf.
„Ja.“ Etwa eine Minute lang hatte Dennis stumm die Augen geschlossen und hielt Colins Kopf fest. Während dieser Minute wurde Colin erst ruhiger und leiser, ehe er sich wie draußen im Garten zusammenkrampfte und zu zucken begann, wieder mit diesem kehligen Knurren, das nun auch genausogut ein nicht ausgestoßener Schrei sein konnte. Nur sein Kopf blieb still, weil Dennis ihn ungerührt weiter festhielt.
Kei setzte sich vor Colin auf den Boden und sah ihn einfach an. Man konnte nicht erkennen, was in Keis Kopf vorging. Er machte sich Sorgen. Das hieß aber nicht, dass man das auch sehen sollte. Dennis hingegen konnte man seine Sorge deutlich ansehen. Oder vielmehr wie resigniert er sein musste, als er die Hände von Colin nahm und der Junge sich sofort wieder beruhigte, ohne jedoch ganz stillzuhalten.
„Ich kann das nicht ganz verstehen,“ sagte Dennis vorsichtig. „Ich kann nur spekulieren.“ Er sah Kei nachdenklich an. „Diese Prozedur ist nicht für Menschen gedacht, sondern für Vampire. Und die Dinge, die er erlebt hat, haben auf ihn einen anderen Effekt als sie auf uns gehabt hätten.“ Er legte den Kopf schief, während er laut nachdachte. „Wir sind darauf ausgelegt, Menschen zu jagen und zu töten, er nicht. Wir werden viel älter als Menschen, nicht nur körperlich. Wir haben von allem mehr als sie - Alter, Kraft, Geschicklichkeit, Konstitution... Erinnerung... unsere Psyche hält viel mehr aus als eine menschliche.“
Colin war dazu übergegangen, auf seiner Zunge und den Innenseiten seiner Wangen herumzukauen und richtete dabei deutlich hörbar Schaden an, während er dumpf an die Decke starrte. Dennis zog ein Taschenmesser aus seiner Hosentasche und riss damit einen breiten Fetzen aus der schönen Bettwäsche, um ihn damit zu knebeln. Er wehrte sich nicht, sondern kaute nun nur auf dem Stück Stoff herum.
„Wenn die Instanz das weiß...“ Davon ging Kei einfach aus. „Warum machen sie das dann?“ Das war doch mehr als dumm. Gut, Colin starb nicht mehr - oder war vielmehr einer permanenten Verwandlung unterzogen, die anscheinend mehrere Tode brauchte, aber davon hatte die Instanz gar nichts. Und ob Kei wirklich nicht zu töten war, war noch nicht bewiesen.
Der Vampir sah Colin an und hoffte für sich, dass sein Freund nicht ganz tot war, nicht ganz weg. Er fixierte Colins Augen mit seinen. Irgendwann starrte Colin sogar zurück. Blind und leer.
„Ich glaube nicht, dass die Instanz das wusste, bevor sie ihn hier in England entführt hat. Das Experiment wird sonst nur an Vampiren durchgeführt. Es ist auch nur für Vampire gedacht. Darum bist du für sie wichtiger als er. Aber auch solche... Kreaturen kann man sich zunutze machen. Guck ihn dir an. Er ist eine hirnlose Fressmaschine, die man nicht endgültig umbringen kann, solange der Partner noch lebt. Ist doch echt nützlich,“ sagte Dennis bitter. „Du kannst ihn mit Maulkorb im Zwinger halten.“
„Bleibt er die ganze Zeit so oder steckt Colin da noch drin?“ Praktisch denkend würde Kei seinem unbrüderlichen Halbbruder sogar zustimmen, aber praktisch denken war im Bezug auf Colin nicht seine Stärke.
„Beides. Er ist noch da drin. Zusammen mit ein paar alternativen Persönlichkeiten und Erfahrungen, die wahrscheinlich kein Mensch überleben würde, ohne wahnsinnig zu werden. Wenn er nicht ständig so bleibt, wird er mit Sicherheit immer wieder in diesen Zustand fallen, und wenn er wieder rauskommt, ist er noch ein bisschen kaputter, jedesmal.“
Und er hat mich Bluthund genannt... Kei seufzte.
Colin war wieder dazu übergangen, zu knurren und zu zappeln, und reckte sich Kei mit wütendem, hungrigem Blick entgegen. Sein Mund bearbeitete das nun von Speichel und Blut triefende Stück Stoff weiter. Kei saß außerhalb jeglicher Gefahrenzone, also blieb er sitzen und sah ihm weiter in die Augen. Dennis setzte sich auf die Bettkante und rieb sich über das Gesicht. Als Colin es schaffte, den Stuhl nach vorn kippen zu lassen, packte er die Rückenlehne und zog ihn wieder aufrecht.
„Also... es gibt da...“
„Hm?“ Kei bewegte sich nicht, hörte aber zu.
„Entweder sperren wir ihn so weg oder wir bringen ihn um. Oder...“
„Oder was? Ich will ihn weder einsperren noch umbringen.“
Stöhnend und durch den nassen Lappen schreiend stemmte Colin sich wie unter Schmerzen gegen die Stuhllehne.
„Ich auch nicht. Ich weiß aber nicht, ob - ich habe sowas noch nie gemacht, aber ich würde es lieber versuchen, als Colin sich so zu überlassen oder zu riskieren, dass du bei seiner Erlösung mit draufgehst.“ Dennis stand wieder auf und strich sich nervös über das Kinn. „Wenn ich mit meiner Spekulation Recht habe, dann könnte es helfen, wenn ich Teile seiner Erinnerung lösche.“
„Versuch's.“ Egal, wie er draufgeht. Ich geh mit drauf.
„Gut. Es wird länger dauern und ich brauche wahrscheinlich mehrere Anläufe. Und es wird wehtun, glaube ich. Wenn es schiefgeht, bekommt er noch ein Trauma dazu.“
„Dann lass es nicht schiefgehen.“ Schmerzen hat er so auch...
Nun hielt Colin still und weinte wieder. Er summte irgendeine Melodie. Dennis stellte sich hinter ihn und packte wieder seinen Schädel, nun weniger vorsichtig als zuvor. Colin zuckte zusammen und stemmte sich wieder gegen die Seile, während Dennis die Augen zusammenkniff.
„Sorg dafür, dass er still bleibt. Wir können hier keine Gesellschaft gebrauchen.“
Kei hörte genauer hin. Behalte die guten Erinnerungen. Sonst muss ich dir so viel erzählen... Er knebelte Colin vernünftig mit dem Stoffstück. „Gomen ne.“
Nach kurzer Zeit begann Colin wieder zu schreien, von den Knebeln unterdrückt und durchsetzt von Knurren und Schluchzen. Er zuckte, bis er den Stuhl zum Wackeln brachte.
Nach einigen Minuten atmete Dennis durch und lockerte seinen Griff. Colin sackte zusammen und blieb so scheinbar bewusstlos liegen, als Dennis weitermachte, mit was immer er da in seinem Kopf tat. Kei saß vor ihm und hatte seinen Kopf einfach ungefragt auf Colins Schoß gelegt. Er konnte ihm gerade nicht helfen, aber er konnte wenigstens da sein.
Es dauerte lang.
Im Laufe der folgenden Stunde pausierte Dennis ein paarmal, jedesmal ein bisschen länger, bis er sich schließlich auf die Bettkante setzte und sich mit einer Ecke der Bettdecke das Gesicht abwischte. Colin lag reglos im Stuhl und atmete flach und langsam. Keis Kopf lag still auf Colins Knien, während er die Augen aufmachte und lauschte. Am deutlichsten konnte er Dennis' schweren Atem hören, und das Rascheln seiner Kleider und der Bettwäsche, während er sich auf die Knie stützte und sich die Handballen auf die Augen drückte. Kei setzte sich leicht auf und sah Colin an.
Er sah aus, als würde er schlafen. Kei schaute kurz hinüber zu Dennis, dann zu Colin.
„Schläfst du?“ fragte er ihn überflüssigerweise. Der reagierte überhaupt nicht. Nur Dennis richtete sich auf und stand vorsichtig auf, so als ob er erwartete, dass seine Knie nachgeben würden. Kei drehte sich leicht in Richtung Dennis, irgendwie erleichtert, dass Colin nicht mehr sterbend aussah. Dennis machte den Mund auf um etwas zu sagen, aber winkte dann nur schwach ab und wankte an Kei vorbei zur Tür. Kei drehte sich so, dass er an den Stuhl gelehnt sitzen konnte. Das tat er nicht lange. Er machte Colin los und legte ihn aufs Bett, dann legte er sich daneben.
Colin schlief friedlich durch die Nacht, rollte sich zwischendurch sogar ein bisschen in die Decke und trat dabei die Perücke auf den Boden, die Dennis ihm abgenommen hatte. Irgendwann waren auf dem Flur aufgeregte Stimmen zu hören und ein leichtes Rumpeln an der Tür, doch es kam niemand herein.
Kei blieb die meiste Zeit bei ihm. Er schlief kaum, aber das störte ihn nicht. Schlaf war purer Luxus. Er lauschte auf die Geräusche um sich herum, Colin, das was draußen vor der Tür stattfand, was draußen im Garten passierte.
In der Zeit, in der Colin dalag, ging Kei in sein Zimmer um sich umzuziehen und die Kontaktlinsen herauszunehmen. Er ließ Colin für eine Weile alleine um seinen Hunger zu stillen und kam dann wieder zurück. In Jogginghose und Tanktop legte er sich neben ihn.
Rupert verlangte noch ein paarmal Einlass, der ihm jedoch jedesmal von irgendjemandem vor der Tür verwehrt wurde.
Erst als das Tageslicht den Raum merklich aufgewärmt und Colin die flauschige Bettdecke wieder weggetreten hatte, bohrte er langsam den Kopf etwas in das Kissen und blinzelte. Kei lag dicht bei ihm. Colin sah ihn an, gähnte, drehte sich auf den Rücken und setzte sich langsam auf.
„Alles okay?“
„Huh?“ Colin sah schläfrig zu Kei und dann an sich herunter. Stirnrunzelnd. „What the hell?“
Kei musterte ihn und fragte sich, wie viel Colin noch wusste.
„What the-“ Colin nahm eine Falte seines Rockes und hob sie hoch, so als ob er mit den Fingern nachprüfen musste, dass sein Aufzug real war. Das lenkte seinen verdutzten Blick auf das Bett und den Rest dieses Schlosszimmers, und zurück zu Kei.
„Was ist das letzte, an das du dich erinnerst?“
„Was soll die bescheuerte Frage? Was soll das hier bitte?“ Er gestikulierte in der Luft herum, meinte scheinbar den ganzen Raum und seine Kostümierung.
„Ist ‘ne längere Geschichte und wenn du mir sagst, was gestern passiert ist, weiß ich wie lang sie ist.“
„Was soll passiert sein? Schule, du hast mich angezeckt, das Übliche halt.“ Colin wandte sich zur Seite um aufzustehen. „Wo sind wir hier?“
„In England.“ FUCK.
„Ja, klar!“ Colin prustete los, kriegte sich aber gleich wieder ein, als die Absätze der Stiefel unter ihm wackelten und er sich erst einmal ausbalancieren musste. „Fuck this,“ brummte er daraufhin und kniete sich hin, um sich die Stiefel auszuziehen. „Ernsthaft jetzt, was ist das hier?“
Wenn das letzte, woran er sich erinnert, Schule ist... dann weiß er ja fast gar nichts mehr.
„Das könnte eine sehr lange Geschichte werden....“ dachte Kei laut. Sie waren, seit Colin bei ihm untergetaucht war, nicht mehr gemeinsam in der Schule gewesen. Das war mehr als zwei Jahre her.
Als Colin es geschafft hatte, sich beide Stiefel runterzureißen und sich wieder aufrichtete, sah er sich mit in die Hüften gestemmten Händen noch einmal um und sein Gesichtsausdruck wandelte sich merklich zu etwas, das wie mildes Staunen aussah.
„Willst du die ganze Geschichte oder eine Kurzversion?“ Kei setzte sich auf.
„Sht, warte,“ sagte Colin und winkte hastig ab. „Das hier ist mein Zimmer. Wir sind bei Rupert zuhause.“
„Ja.“
Er stinrunzelte Kei misstrauisch an. „Was machst du dann hier?“
„Ich bin länger hier als du.“
Colins trockener Blick sagte genug. Nämlich, dass er diese Behauptung für dreisten Unsinn hielt und lieber die richtige Antwort hören wollte.
„Wir wurden angegriffen, relativ kurz nachdem wir in England ankamen. Du wurdest entführt und ich bin hier gelandet.“ Kei erzählte die Geschichtsfetzen ruhig und absolut glaubwürdig.
Colin atmete durch. Er wirkte genervt und glaubte offensichtlich nichts davon.
„Gut. Ich regel das.“ Forsch marschierte er zur Tür, machte aber gleich darauf halt, weil sie sich plötzlich öffnete. Rupert glotzte ihn wie ein Gespenst an.
„Dennis took his memory. Well, everything after school in Japan,“ warnte Kei.
„What?“ Irritiert schüttelte Colin den Kopf und wandte sich wieder Rupert zu. „What's this twat doing here, pray tell?“ forderte er mit anklagendem Fingerzeig auf Kei auf dem Bett hinter sich. „... In my bed?“ spezifizierte er mit Nachdruck und einem genervten Blick, als Rupert sich außer Stande sah, sofort zu antworten und nur weiter glotzte. Kei seufzte genervt.
„Could you tell him what happened so far? I need to find Dennis to thank and kill him. Colin? Wie alt bist du?“ Kei wollte wissen, welcher Tag der letzte war, an den Colin sich erinnern konnte.
„Vierzehn, immer noch. Und du meinst, mein Gedächtnis wäre nicht in Ordnung,“ schnaufte Colin augenrollend.
Rupert hatte sich etwas gefangen und deutete mit Blick auf Kei über seine Schulter um anzuzeigen, dass Dennis gleich draußen sein müsste.
„Look, Colin, there‘s something I need to explain to you,“ begann er.
„Yeah. Like this here,“ schnappte Colin, indem er wild an sich herunterzeigte. Das Kleid.

Nicht mal sein Geburtstag im Park?... Kei suchte Dennis, fand ihn sehr schnell und blieb neben ihm stehen. „Er weiß nichts mehr. Gar nichts. Das letzte, woran er sich erinnert ist irgendein Schultag in Japan relativ kurz nachdem wir uns begegnet sind.“
Dennis, irgendwo im Flur an die Wand gelehnt, schien sich in der Zwischenzeit nicht ausgeruht zu haben. Er trug immer noch die Kleider vom vorigen Abend und dazu einen müden Blick. Er nickte langsam.
„Ich habe alles schädliche gelöscht, das ich finden konnte. Und ich habe ihm etwas neues gegeben,“ sagte er matt.
„Was ist das Neue?“
„Er glaubt jetzt, dass seine Mutter und ihr Lebensgefährte bei einem Verkehrsunfall gestorben sind. Dass Rupert sein Pate ist und er darum jetzt hier bei ihm lebt. Er weiß nichts von der Instanz, von Vampiren... nichts mehr davon.“
Er weiß wenigstens noch, wer ich bin... So halbwegs... Kei seufzte und lehnte sich an die Wand.
„... well, he's not!“ tönte Colins aufgebrachte Stimme durch die Tür. „All right, thank you!“ rief er danach patzig. Und: „Jesus Christ!“
Eine Tür wurde lautstark zugeworfen und Rupert kam wie ein begossener Pudel auf den Flur.
„He did not believe you one word. I heard him.“ Kei starrte die Wand an. Das konnte ja heiter werden.
„He did. He just doesn‘t like the story I told him.“ Rupert seufzte und lehnte sich ihnen gegenüber an die Wand, die Kei gerade mit seinem Blick durchlöcherte.
„The story being,“ erklärte Dennis, „that out of sheer coincidence, your half brother and sister happen to be friends with Rupert, and that we brought you along as his school friend, to make things easier for him here, what with his mother dead and him in a new place again.“
„He says you‘re not friends, though,“ fügte Rupert hilfreich hinzu.
„You must know, we weren‘t really friends back at this time.“
Rupert nickte ratlos.
„Still, you‘re my brother, it‘s still a good excuse,“ sagte Dennis.
Dass Keis und Colins Beziehung zu jenem Zeitpunkt daraus bestanden hatte, dass Kei sich an Colins Blut gütlich getan hatte und sie sich ansonsten eigentlich immer angezickt hatten, obwohl Kei damals schon andere Gedanken bezüglich Colin hatte, musste er Rupert und Dennis ja nicht auf die Nase binden.
Er nickte.

Die Spuren der Gala vom Vorabend waren längst sämtlichst beseitigt und alles war wieder an seinem gewohnten Platz. So auch das Mobiliar im Salon, wo es nun Abendessen geben sollte. Colin hatte sich mürrisch in seinem Zimmer eingeschlossen und wurde nur durch den Hunger hinuntergetrieben. Er hatte wieder seine eigenen Kleider an und dazu die Mütze, um seine immer noch Fast-Glatze stylisch zu verdecken, als er in den Salon trat, wo schon alles eingedeckt war.
Das Abendessen mit Rupert und Jane begann in betretener Stille, doch zog sich schlussendlich durch ein ausgedehntes Gespräch in die Länge, das Colin dann lange nach Sonnenuntergang etwas nachdenklicher wieder in sein Zimmer hinaufgehen ließ.
Kei spielte immer noch auf seiner neuen Gitarre, was Colin leise in seinem Zimmer hören musste. Der Vampir würde an diesem Tag nicht unbedingt das Gespräch mit dem Kleineren suchen. Er war in erster Linie froh, dass er noch lebte.
Colin hörte in der Tat durch die Tür den Gitarrenklängen zu. Zumindest für eine Weile. Irgendwann klopfte er an Keis Badezimmertür.
Für dich ist all das nie passiert... Kei legte die Gitarre beiseite.
„Ja?“
Langsam kam Colin herein, mit einem friedlichen Halblächeln auf dem Gesicht und den Händen in den Hosentaschen.
„Ich wusste nicht, dass du Gitarre spielst. Das war gut,“ bot er an. Kei seufzte. Man konnte meinen, er sei traurig, dass Colin alles vergessen musste, aber das ließ er den Kleineren nicht sehen.
„Danke.“
„Pass auf, uhm, es tut mir Leid, dass du meinetwegen hier sein - nein, warte, anders...“ Er spazierte zur nächstgelegenen Kommode und fummelte da an einer Glasschale herum. „Also, wenn du‘s hinkriegst, kein Arschloch zu sein, werde ich auch keins sein, in Ordnung?“
„Ich werd‘ mir Mühe geben.“ Kei war der Meinung, dass sein Versprechen auch galt, wenn Colin es nicht wusste. Ob dem Kleineren wohl auffiel, dass Kei bunter war als zu diesem Zeitpunkt vor drei Jahren, der für Colin gestern war?
„Ich kann dir auch helfen, dich hier zurechtzufinden,“ bot Colin nach einem etwas forcierten Luftholen an, indem er unschlüssig mit den Armen ruderte. „... Wenn du willst.“ Dann fiel sein wandernder Blick auf Keis Schultern, über die sich die farbenfrohen Ausläufer seiner großen Rückentätowierung rankten, und wurde etwas ernster. „Ach nein, komm...“ sagte er wie ein resignierter Nachhilfelehrer. Er ging etwas auf Kei zu und in einem weiten Bogen um ihn herum, um mehr von seinem Rücken zu sehen, der durch das Tanktop nicht ganz verdeckt war.
Kei fand es irgendwie bemerkenswert, wie Colin sich von Colin unterschied.
„Ich kenn mich hier ganz gut aus, aber danke,“ sagte er ruhig und ließ sein Tattoo von dem Kleineren betrachten.
„Hast du darum ständig Probleme? Weil du was mit der Yakuza zu tun hast?“ sagte Colin fordernd und beugte sich in noch ziemlich großem Abstand etwas vor, um die sichtbaren Teile der Geisha und ihrer bunten Umrahmung anzusehen.
„Kommt drauf an, von welchen Problemen du redest,“ entgegnete Kei.
„Dein mieses Benehmen zum Beispiel, wie der letzte Penner in der Schule aufzutauchen zum Beispiel, mich vom Konzerthausdach mit Geld zu bewerfen zum Beispiel, mich dafür dann noch zu bedrohen zum Beispiel... Ooh, bist du darum hier? Nicht um mir Gesellschaft zu leisten, sondern weil du untertauchen musst?“
„Wenn du das Probleme nennst, nein. Das hat...“ Hatte „nichts mit der Yakuza oder der Verfolgung durch die Polizei in Japan zu tun.“ Das ist dafür schon zu lange her.
Mit hochgezogener Augenbraue sah Colin ihn trocken an. „Yakuza ist aber richtig?“
„Ist ‘ne Weile her, aber ja.“
„Eine Weile? Bist du als Kind in den Ruhestand gegangen, ja?“ Colin lachte.
„Ich hab‘ nicht gesagt, wie lang diese Weile ist.“ Kei zog seine Beine so an seinen Körper, dass er halbwegs gerade im Schneidersitz saß.
„Okay, du versteckst dich also nicht hier. Du bist nur hier, um deine Geschwister zu besuchen und dann gehst du zurück?“ Colin zuckte mit den Schultern und wanderte weiter langsam durch den Raum.
„Nein, ich bleibe hier.“
„Wieso? Zum Englischlernen?“
„Es gab andere Probleme.“ Englisch kann ich mittlerweile... You were my teacher, Mister.
Colin kaute ein bisschen auf seiner Unterlippe und zuckte dann wieder mit den Schultern. Er würde nicht fragen. Das könnte zu persönlich sein.
„Tja... also dann... wir sind friedlich, ja?“ Er bewegte sich wieder auf das Badezimmer zu. Kei gab ein zustimmendes Geräusch von sich. Das hier überforderte ihn mehr als nur ein wenig.

Im Laufe der folgenden Woche suchte und fand Kei seine dringend benötigte Ablenkung in Form von Gitarrespielen, Gewalttrainings mit Delilah und privaten Sitzungen mit Dennis. Sein Halbbruder brachte für ihn eine Menge Licht in das Dunkel seiner Verständnislosigkeit, was diese rätselhafte Telepathie anging. Er zeigte ihm Übungen und beantwortete geduldig jede seiner Fragen. Scheinbar ging diese Fähigkeit auch mit einem kleinen Hypnosetalent einher, was ihm viel Erlebtes im Nachhinein plausibler machte. Endlich verstand er, was an der chilenischen Grenze passiert war, warum die Beamten sie einfach durchgelassen hatten, als er danach verlangt hatte. Nun ergab jedes Mal Sinn, an dem ihm seine Mahlzeiten willig und blauäugig geradezu in die Arme gelaufen waren.
Dass er einige von Colins Gedanken wahrnahm, als wären sie ausgesprochen worden, erklärte Dennis sich mit ihrer engen Verbindung, und er bat Kei darum, darauf zu achten, ob dieses Phänomen nun immer noch auftrat.
Doch das tat er nicht.
Colin ging ihm aus dem Weg, und das war ihm auch ganz recht. Sagte er sich selbst.
Delilah half ihm dabei, nicht an ihn zu denken, indem sie ihn mehrmals täglich fachgerecht verprügelte. Er gab ihr den Gefallen zurück. Sie war zwar spürbar erfahrener und geschickter als er, auch stärker und schneller, doch sie hatte keinen Yukio als Lehrmeister gehabt. Kei und seine Schwester hatten sich viel beizubringen. Das beste an ihr war jedoch, dass sie nicht mit ihm zu reden versuchte. Sie schaffte es, ihm nicht auf den Sack zu gehen.
Nach einer dieser fachgerechten und äußerst brutal anmutenden Prügeleien mit Delilah und dem neuerlichen Beinahezerlegen des Irrgartens machte Kei sich blutend auf den Weg in sein Zimmer um zu duschen. Er trug nicht mehr als eine kurze Hose, da er sonst ständig neue Kleider bräuchte. Kei sah übel zugerichtet aus, lief aber herum als käme er gerade von einer Runde Joggen. Dennoch fiel ihm auf, dass seine Blessuren der letzten paar Tage nicht in gewohnter Geschwindigkeit verheilten. Das gab ihm gegenüber Delilah keinen unfairen Vorteil und im Grunde machte es ihm auch nicht sonderlich viel aus, doch es gab ihm schon zu denken. Dennis hatte dafür auch keine Erklärung gehabt.
Als er sich schließlich in sein Zimmer zurückgezogen hatte und es schon lange dunkel und still geworden war, öffnete sich vorsichtig seine Badezimmertür.
Auf dem Bett sitzend und die noch immer blutenden größeren Wunden mit Pflastern beklebend - das war ungewohnt - schaute er in Richtung der sich öffnenden Tür. Durch sie reckte sich Colins bemützter Kopf. Als er sah, dass Kei anwesend und wach war, schlüpfte er hinein und schloss vorsichtig und leise hinter sich die Tür. Er trug Mantel, Schal und Schuhe.
„Wo willst du denn noch hin?“ fragte Kei und legte das Verbandszeug beiseite. Eilig huschte Colin zum Bett und hielt sich dabei einen Finger auf die Lippen.
„In die Stadt, du musst mich decken,“ flüsterte er.
„Muss ich? Warum?“
„Vielleicht nicht, aber wenn jemand nachfragen sollte - ich muss außerdem kurz dein Handy sehen. Du hast doch eins?“
„Wenn du mir sagst, weshalb.“
Colin war noch näher gekommen und starrte Kei nun in der Dunkelheit an, als ob er dadurch irgendetwas wichtiges herausfinden wollte, bevor er noch etwas sagte. Schließlich flüsterte er: „Ich will nur kurz draufgucken.“
Kei erwiderte den Blick bis Colin fast bei ihm war und stand schließlich auf um dem Kleineren das Handy zu holen. Er suchte es aus seiner Jackentasche und hielt es ihm hin.
„Du willst nicht wissen wie spät es ist, oder?“
Doch, wollte er. Genau das wollte er wissen. Und was das Display ihm strahlend mitteilte, ließ ihn versteinert draufstarren. Kei musterte ihn.
Weiß er etwa nicht, welches Jahr wir haben?... Dann fiel ihm ein, dass der Kleinere glaubte, immer noch vierzehn zu sein.
Colins Schultern bewegten sich. Scheinbar atmete er schwerer. Sein Gesichtsausdruck war nachdenklich und schwer, als er Kei langsam sein Telefon zurückreichte. Kei nahm das Gerät an sich und legte es weg, Colin weiter musternd. Irgendwann musste das ja passieren.
Colin sah dem Handy nach, dann blickte er ratlos auf dem Fußboden herum.
„... Wir sind von Irren entführt worden, oder?“ flüsterte er. „... und dich foltern sie sogar,“ fügte er mit Blick auf Kei und seinen Zustand hinzu.
Von welchem Mal sprichst du? Kei wusste nichts darauf zu antworten. Dass Colin sein Gedächtnis ‚verloren‘ hatte war schon scheiße genug, aber dass er, verständlicherweise, anfing Fragen zu stellen, die Kei nicht wahrheitsgemäß beantworten sollte - schließlich war das Verrückte Colin offiziell nicht passiert - war fast noch schlimmer.
„Du müsstest besser wissen als ich, ob Rupert ein Irrer ist. ... Ich bin nicht gefoltert worden.“
Colins Blick war typisch skeptisch, als er Kei stirnrunzelnd weiter musterte.
„... Zweitausendvierzehn,“ sagte er schließlich. Kei schaute ihn fragend an. „Das ist das Jahr,“ erklärte Colin und zeigte auf das Telefon auf dem Nachttisch. „Das sagt sechzehn. Die Zeitung auch. Und das Fernsehen. Und Ruperts Kalender. Warum werde ich hier festgehalten und belogen?“
„Wir haben 2016,“ sagte Kei ruhig und verbarg seine Überforderung gekonnt. Du hast seine Erinnerungen nicht VERVOLLSTÄNDIGT? Du bist tot.
„Ja. Was ist mit den letzten zwei Jahren? Wo sind die?“ fragte Colin ruhig und streckte die Arme aus.
Das willst du nicht wissen... „Warte hier, okay?“
„Was, wo willst du – halt, warte!“ Er gab sich nun keine Mühe mehr, leise zu sprechen und beeilte sich, Kei den Weg zur Tür zu versperren. Kei hätte einen Satz über Colin gemacht, wenn das nötig gewesen wäre, aber stattdessen blieb er kurz stehen.
„Ich bringe kurz meinen werten Halbbruder um und komme dann mit Antworten zurück.“
„Deinen Halb- warte, bleib hier.“ Colin stellte sich vor die Türklinke und lehnte sich dagegen. „Was war die letzten zwei Jahre, was weißt du?!“
Fuck! „Es ist viel passiert, kann ich jetzt Dennis umbringen?“
Colin wusste nicht, was er von diesem Gedanken halten und wie ernst er diesen Ausspruch nehmen sollte, doch Keis augenblicklicher Zustand schien ihn realistisch wirken zu lassen.
„Er gehört doch dazu,“ flüsterte er eindringlich. „Wenn du irgendwas weißt, sag‘s mir! Bitte!“
Ich weiß mehr als ich wissen will und du mir jemals glauben wirst. „Ich muss trotzdem mit ihm reden.“
„Rede zuerst mit mir, bitte!“ flehte Colin und so sah er auch aus, verzweifelt und hilfesuchend. Er stemmte sich weiter gegen die Tür.
Ich will dir nicht wehtun, zwing mich nicht. Kei nahm Colin einfach hoch und setzte ihn neben die Tür, wobei er Blut auf Colins Jacke hinterließ. „Gleich.“ Er sprach ruhig und öffnete die Tür.
„Nein, bitte!“ Colin hatte keine Zeit, sich über Keis Kraft zu wundern und langte nur zwischen ihn und die Tür um zu versuchen, sie wieder zuzudrücken. „Ich weiß nicht, was er vorhat, bitte sag mir was du weißt!“ Er weinte fast. „Ich weiß dass wir keine Freunde sind und du mich nicht mal leiden kannst, aber du bist der einzige, der mit dem Laden hier vielleicht nichts zu tun hat.“
„Dennis will dir nichts, wenn du ihm nicht glaubst, glaub wenigstens mir.“ Ich hätte das auch gerne anders... „Ich komm wieder, nachdem ich ihn einen Kopf kürzer gemacht habe.“ Ich kann dich sogar sehr gut leiden. Das weißt du nur nicht...
Colin versuchte ihn beim Arm festzuhalten und wäre dabei noch nicht einmal sehr erfolglos gewesen, doch als er damit beinahe ein Pflaster abriss, zuckte seine Hand zurück und er vertat seine letzte winzige Chance, Kei zurückzuhalten.
Kei juckte es nicht, wenn Colin ihm die Pflaster abreißen würde. Sein Körper wurde etwas wärmer, während Colin bei ihm stand. Darauf vertrauend, dass der Kleinere gleich noch auffindbar sein würde, ging Kei zu Dennis.

„Wach auf. Es gibt ein Problem.“
Dennis hatte im Schneidersitz im geöffneten Fenster gesessen und begab sich nun von dort herunter. Außer seiner schwarzen Armeehose trug er keine Kleider.
„Ich hab‘s mitgekriegt,“ sagte er ruhig und ernst.
„Gut. Was mach ich jetzt? Ich kann ihm schlecht erzählen, was passiert ist und erwähnen, dass er so hart auf den Kopf gefallen ist, dass er Amnesie hat. Das glaubt er mir niemals.“
Dennis winkte ab, während er sich sein schwarzes Knöpfhemd von der Stuhllehne nahm. „Ich mach das schon. Du musst nur dabeisein und mir glaubwürdig beipflichten.“ In aller Ruhe zog er sich das Hemd über, während er zu Kei auf den Flur schlenderte. „Er muss nur zuhören, und dazu musst du ihn bringen. Er steigt übrigens gerade aus dem Fenster.“
Kei war schneller bei Colin als dem lieb sein konnte und hielt ihn fest. „Ich hab deine Antworten. Hör zu.“
Colin hing gerade unbequem mit den Armen auf dem Fensterbrett und dem Körper herunterbaumelnd aus dem Fenster und guckte Kei betrogen an.
„Musstest du erstmal nachfragen, was du mir auftischen sollst, ja?“ fragte er patzig und etwas atemlos. Kei zog ihn mühelos an einem Arm wieder in den Raum.
„Gegenteil,“ sagte er. „Ich wollte wissen, welche Details ich dir ersparen sollte, weil es besser ist, dass du dich nicht dran erinnerst.“ Kei klang so, als würde ihn das alles nicht weiter interessieren. Er wusste, dass Colin das einfach durchschauen konnte, wenn er denn wollte. Er vermutete, dass das aber gerade nicht der Fall war.
In dem Moment schloss sich die Tür hinter Dennis, der ihnen am Fenster Gesellschaft leistete, um sich auf die Fensterbank zu setzen. Colin musterte ihn misstrauisch. Die Tatsache, dass der Mann kaum angezogen war, ließ ihn irgendwie kaum harmlos wirken, denn sein Körperbau war dem von Sakai ziemlich ähnlich und seine Augen leuchteten in diesem Halbdunkel genauso seltsam wie Keisukes. Colin kam sich gerade vage so vor, als werde er von zwei Panthern in die Zange genommen. Mit einem Ruck nahm er seinen Arm zurück.
„Was war in den letzten zwei Jahren, warum soll ich mich nicht erinnern?“ forderte er. „Und warum kann ich mich nicht erinnern?“
„Weil ich einen Teil deiner Erinnerung gelöscht habe,“ sagte Dennis simpel mit einem dezenten wegschiebenden Fingerzeig.
„Du wärst sonst gestorben,“ sagte Kei ruhig. Ich hätte dich sonst umbringen müssen. Kei stand neben dem Fenster, ließ Colin los und passte auf, dass der Kleinere nicht wieder versuchte, aus dem Fenster zu springen. Er sah kurz zwischen Dennis und Colin hin und her. Colin tat das gleiche mit den beiden Brüdern vor sich und musterte sie abwechselnd misstrauisch.
„Wir beantworten alle deine Fragen, also schieß los,“ bot Dennis mit entwaffnend ausgebreiteten Händen an.
„... Wie löscht man Erinnerungen?“ Colin legte den Kopf schief. Sein Ton verriet deutlich, dass er nicht glaubte, dass das möglich war. Dennis schmunzelte leicht.
Nach ein paar stillen Überlegesekunden zog er einen seiner aufgeknöpften Hemdsärmel hoch und hielt Kei seinen nackten Unterarm hin.
„Schau gut hin.“ ‚Ich brauche einen gut sichtbaren Schnitt,‘ ertönte seine Stimme gleichzeitig in Keis Kopf.
‚Kannst du haben.‘ Kei nahm ein auf dem Nachttisch herumliegendes, eindeutig illegal großes Messer und schnitt damit Dennis‘ Unterarm auf. Nicht allzu tief und lang, aber gut sichtbar. Colin glotzte entgeistert, wie sich Dennis‘ weiße Haut und der Muskel darunter mit einem leisen Glitschen öffneten und daraufhin ein dunkler Blutschwall daraus hervorquoll, an ihm herunterlief und auf den edlen Teppich tropfte. Dennis sah bloß ruhig zu, machte kein Geräusch und zuckte nicht einmal. Er hob nur gelassen den Arm an seinen Mund und leckte der Länge nach langsam darüber. Dann streckte er seinen Arm wieder aus. Die Wunde verschwand.
„Wir sind Vampire,“ sagte er.
Kei beobachtete Colins Reaktion, während er das Messer wieder weglegte. Der starrte weiter auf Dennis‘ nun wieder heilen Arm. „Ein paar von uns haben telepathische Kräfte. Damit habe ich deine Erinnerungen gelöscht.“ Colins Blick schnappte zu Kei, dann wieder zu Dennis. „Kei und ich, Delilah und ein paar andere. Rupert nicht.“ Dennis schien auf ungeäußerte Fragen zu antworten.
„Und Delilah hat mich nicht gefoltert. Wir haben trainiert,“ erklärte Kei die amüsante Foltervermutung, die Colin zuvor geäußert hatte.
„... Okay...“ Noch immer konnte Colin sich nicht bewegen. „Warum hätte ich sterben müssen? Wusste ich etwas, das ich nicht wissen sollte?“ probierte er vorsichtig.
„Nein. Ich weiß nicht genau weshalb und, wenn du mir nicht glaubst, ist das auch okay, aber du warst dabei dich in einen Ghul oder sowas zu verwandeln,“ erklärte Kei ruhig. Er erwartete nicht, dass ihm geglaubt wurde. Er zog eines der blutigen Pflaster von seinem Arm. Das ist ja immer noch nicht ganz weg, was soll das? Es heilte zwar weitaus schneller als bei einem Menschen, aber die Wunde war schon einige Stunden da und immer noch gut sichtbar. Dennis blickte kurz zur Seite auf Keis freigelegte Wunde und wandte sich dann wieder Colin zu.
„Du hast in den zwei Jahren Erfahrungen gemacht, die kein Mensch geistig überstehen würde. Du hast dich selbst und andere verletzt. Du hast die Kontrolle über dich verloren und mehrmals versucht, dich umzubringen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Du hattest sogar mehrere alternative Persönlichkeiten. Darüber weiß Kei mehr als ich, er war die ganze Zeit mit dir zusammen. Es wurde so schlimm, dass wir dich hätten wegsperren müssen, mit Maulkorb und Zwangsjacke... oder wir hätten dich umbringen müssen. Ich habe Kei die Entscheidung überlassen.“ Er nickte seitwärts zu ihm. Coins Blick folgte ihm.
„Warum ihm?“ fragte er. Er war leise und vorsichtig.
„Weil er eine enge Beziehung zu dir hat.“
„Hat er nicht.“
Dennis zuckte wieder mit den Schultern. „Er war die zwei Jahre lang mit dir zusammen, aber dazu kann er dir mehr sagen. Er wollte jedenfalls nicht, dass du stirbst.“
Kei stand relativ unbeteiligt daneben. Colin wegzusperren wäre auch keine Option gewesen. Das hätte zwar auch bedeutet, dass er weitergelebt hätte, für Colin hätte es aber eine Art Tod bedeutet.
‚Erzähl ihm ruhig alles. Lass nur die Einzelheiten aus, die ihn wahnsinnig gemacht haben,‘ forderte Dennis ihn auf.
‚Das wären viele und sehr viel wird er verneinen.‘ Da war sich Kei sicher. Colin würde ihm den ganzen Beziehungskram nicht glauben, nicht bei dem, was er momentan von ihm wusste.
„Bin ich auch ein Vampir?“ fragte Colin plötzlich.
Dennis legte den Kopf schief. „Nein. Wie kommst du darauf?“
Kei schmunzelte ganz leicht. Wie kam Colin denn auf sowas?
Colin hielt eine Hand hoch. „Ich habe mich gestern geschnitten. Hier.“ Er zeigte auf eine makellose Stelle über seinem Handballen. „Das ist sofort wieder zugewachsen.“
„Nein. Du bist irgendwie untot.“
„Ich bin untot?“ quietschte Colin hilflos. Er glaubte zwar immer noch nichts, aber diese Behauptung traf ihn doch irgendwie.
„Vielleicht auch halb lebendig. Ich weiß es nicht genau.“
Dennis winkte irritiert ab, um Kei zu bedeuten, still zu sein.
„Das kann er ruhig wissen,“ protestierte Kei. „Immerhin erklärt das zum Beispiel sowas.“
„Sei still, ich glaube, ich hab‘s jetzt verstanden,“ unterbrach Dennis ihn stirnrunzelnd. Kei hielt die Klappe und musterte Dennis und Colin. „Diese Lebenslinie zwischen euch hängt von euch ab. Von Colins Seite aus ist die Verbindung unterbrochen, darum regeneriert sich dein Körper nicht mehr so schnell. Aber du hast immer noch dieselbe Bindung zu ihm, die ihn heilt und am Leben erhält,“ erklärte Dennis mit konzentriertem Blick zwischen Colins Hand und Keis Pflaster. Colin schaute nur weiter verwirrt drein.
„Was für eine Bindung bitte?“ fragte er.
Das glaubst du mir nicht... Na super. Er wusste, dass es irgendwie an ihm lag, ihre Beziehung wieder aufzubauen.
„Dann hasst er mich wenigstens nicht,“ kommentierte Kei seinen eigenen Zustand. Sonst würde er immer noch stark bluten.
„Wer? Was für eine Bindung soll das sein? Den eingebildeten Penner kenne ich doch kaum,“ protestierte Colin. Endlich nahm er seine Hand wieder herunter. Dennis senkte etwas den Kopf.
„Das tut mir Leid, Kei,“ sagte er.
„Was tut dir Leid?“ verlangte Colin.
„Das ist dein Job,“ sagte Dennis und erhob sich vom Fensterbrett.
Kei seufzte stumm. Ich weiß.
„Bis letzte Woche kanntest du mich. Sehr gut sogar. Wir waren über zwei Jahre zusammen unterwegs.“
„Okay, und warum? Warte doch - Bleib gefälligst sitzen!“ befahl Colin Dennis, der ihm aus purer Überraschung über seinen Ton sogar brav Folge leistete und sich wieder an das Fensterbrett lehnte. „Ich bin also zu einem wilden Irren geworden, wegen ‚Erfaaahrungen‘, und was soll das bitte gewesen sein? Als ich mit dem da unterwegs war?!“ Hierbei deutete Colin mit den Fingern Anführungszeichen an und zeigte salopp auf Kei, ohne ihn anzusehen, sondern starrte nur Dennis fordernd an. Der nickte.
„Naja, du bist mehrmals entführt worden...“
„Entführt?!“
„Ja.“
„Ist das alles, davon wird man doch nicht wahnsinnig.“
„Naja... Wofür werden hübsche Kinder und Jugendliche wohl entführt?“ Dennis verschränkte die Arme und sah Colin ausdruckslos an.
„Ich werde die Zusammenfassung nicht wiederholen. Das erste Mal warst du sauer,“ sagte Kei. Colins Blick schnappte zu ihm.
„Ich bin jetzt sauer,“ sagte er leise. Das klang wirklich eisig.
„Da wäre ich nie drauf gekommen,“ entgegnete Kei patzig. „Drogenkartell. Entführung. Spinn das weiter.“
„Drog- was?!“
„Du hast mich schon verstanden.“
Nun schien Colin wirklich nachzudenken.
„Das ist auch nicht alles,“ bot Dennis an. „Aber das allein hätte schon gereicht. Es hat bei dir jedenfalls viel Schaden angerichtet. Der Tod deiner Eltern, alles was mit dir gemacht wurde... Kei ist jedenfalls nicht dein Feind, es bringt also nichts, sich gegen ihn aufzulehnen. Seinetwegen hast du überhaupt so lange durchgehalten.“
„Irgendwann, nach noch mehr Scheiße, sind wir hier gelandet. Ich werde dir jetzt nicht alles erzählen, was passiert ist,“ sagte Kei.
„Warum nicht? Er will‘s doch wissen,“ sagte Dennis mit einem Kopfnicken in Colins Richtung. Der Junge zog sich gerade stirnrunzelnd den Schal ab. ‚Solange du ihm nicht haarklein beschreibst, wie und wie oft er vergewaltigt wurde und wie viele Menschen er gefressen hat. Lass den Kannibalismus am besten ganz weg.‘
„Weil‘s lange dauert. Ich muss ihm nicht in fünf Minuten erzählen, wie oft er von wem entführt wurde.“
„Vielleicht könntest du mit ihm das Spielzimmer besuchen,“ schlug Dennis schließlich vor und stieß sich wieder vom Fensterbrett ab, um zu gehen.
Das Spielzimmer war eine gute Idee. „Willst du Darts spielen?“ fragte Kei. Colins Gesicht verzog sich zu einer verwirrten Grimasse.
„... Was?“
„Du fragst doch. Dann musst du mit den Antworten leben,“ sagte Kei.
„Was hat das mit Darts zu tun?“ Doch er ließ nur den Mantel, den er sich gerade gedankenverloren ausgezogen hatte, mit dem Schal auf Keis Bett fallen.
„Nicht mit Darts. Nur mit Musik,“ sagte Dennis und schlenderte zur Tür.
„Ich kann dir auch da deine Fragen beantworten. Das ist besser als hier herumzustehen. Und da gibt‘s Musik. Kommst du mit?“

Verwirrt blinzelnd zuckte Colin mit den Schultern. Warum nicht. Diese Nacht war schon seltsam genug, warum also nicht Darts spielen? Er nickte und zuckte schon wieder mit den Schultern, während Dennis verschwand. Kei ging ebenfalls hinaus und zeigte Colin den ihm nun unbekannten Weg zum Spielzimmer.