[Kritiken und Anmerkungen sind erwünscht. Viel Spaß beim Lesen.]
Die Wolken waren so dünn, dass es blau durch sie hindurchschimmerte.
Die ganze Luft schien blau und grau zu sein. Gleichzeitig war es kalt
und windig, der Boden war feucht, und es fielen gelegentlich einzelne,
dicke Wassertropfen vom Himmel.
Bei diesem Wetter, in der Dämmerung, kam mir die Atemluft zwischen
anderen Menschen, mit ihren verbrauchten Gerüchen und gewärmten
Ausdünstungen so dreckig, stinkend und verseucht vor, dass ich am
liebsten gekotzt hätte. Ich wollte den ganzen Schmutz loswerden, der
mich durchsickerte, ohne dass ich etwas dagegen hätte tun können. Mit
dem spärlichen Sauerstoff gelangten Kaffee-Atem, Räusperpartikel und
Schweiß- und Schniefluft in meine Lunge und drangen in meinen Körper
ein.
Ich wollte kotzen, weinen, spucken und bluten, um mich von diesem Dreck auszuleeren.
Mitten in dieser Unerträglichkeit wurden mir, als ich sie beim
Aussteigen aus dem Regionalexpress wieder bewegen musste, die Knie
weich. Meine Gliedmaßen fühlten sich wabbelig an, zitterten, wenn ich
versuchte, sie zu kontrollieren, und machten mich zu einem Schwächling.
Vielleicht hatte ich versäumt, zu atmen, dachte ich, und überwand mich,
diese ekelhaft stinkende, menschgewärmte Perversion von Luft
einzusaugen. Aber alles, was mir das einbrachte, war ein
Schwindelgefühl, das in meinem Hirn hin- und herzurollen begann. Beim
Gehen, das heißt, beim Voreinandersetzen meiner zitternden Füße, wankte
ich etwas und befürchtete, irgendetwas oder jemanden in der
Fußgängerzone anzurempeln. Meine Muskeln waren so jämmerlich schlaff,
dass ich mir noch nicht einmal auf den Lippen herumbeißen konnte.
In der Buchhandlung, in der es richtig anständig roch, sodass ich
bedenkenlos durchatmete, wollte ich ein bestelltes und bereits bezahltes
Lexikon für englische literarische Ausdrücke abholen. Weil ich das
immer so machte, benutzte ich auch dieses Mal die Treppe, obwohl ich
dafür offensichtlich zu lasch war.
An der Abholtheke gelang mir ein ganz guter Witz und die Angestellte
ging darauf ein. Es war lustig und sehr angenehm, das mit so zerstreutem
und wattigem Kopf zu machen, dass alles ganz von alleine ging. Ich
dachte nicht darüber nach und war etwas von der Szene entrückt.
Ich hatte mir ein Spanischwörterbuch gekauft und es mir unter den Arm
geklemmt. Danach sah ich mir noch ein paar der Auslagen an. Nicht zu
fassen, dass in der Fremdsprachen- und Lehrbuchabteilung einer
renommierten Buchhandlung wie dieser Esoterikschinken mit Titeln wie Die
Medizin der Engel angepriesen wurden.
Hinter mir auf der Treppe fiel etwas zu Boden und ich drehte mich danach um.
Da lag eine junge Frau auf den Stufen, die gerade eben mit einem eigenartig benebelten Blick an mir vorbeigewandert war.
Ich lief zu ihr und räumte ihre Haare aus dem Weg, um ihr aufzuhelfen,
aber ihre Augen waren geschlossen. Sie schien bewusstlos zu sein. Ich
zog sie an ihren Schultern in eine sitzende Position, während eine
Angestellte angelaufen kam und mich fragte, was passiert sei. Wir
schafften es, die junge Frau zu wecken und waren ganz schön erleichtert,
als sie die Augen öffnete und "Hö?" sagte.
Aber das war auch schon das einzige, was sie herausbekam, bevor sie wieder ohnmächtig wurde.
Die arme Verkäuferin war ganz aufgekratzt. Ich bat sie, Sanitäter oder
einen Arzt aufzutreiben, während ich das Mädchen festhielt. Sie nickte
und dampfte zügig ab, um zu telefonieren.
Mir war schwarz vor Augen geworden und ich war auf der Treppe
eingeschlafen. So hatte es sich jedenfalls angefühlt. Gleichzeitig hatte
ich aber einem fremden Mann ins Gesicht gesehen und mich gefragt, wieso
der mich so ernst anstarrte, und dann noch so nah vor meinem Gesicht.
Dann war ich wieder eingeschlafen und es war mir egal gewesen.
Ich lehnte das Mädchen an einen meiner Arme, um mit dem anderen ihre
Sachen beiseite räumen zu können, die auf der Treppe herumlagen: ihren
großen Rucksack, zwei Bücher und einen Kassenzettel.
Ein Kunde bot mir dabei Hilfe an, sie zu einem der Sessel zu tragen, die
auf allen Stockwerken zwischen den Regalen standen. Das taten wir
ächzend, und als die junge Verkäuferin zurückkam, brachte sie den
Rucksack und die Bücher mit und legte sie neben den Sessel.
Als ich dann richtig aufwachte, sah ich zuallererst einen Schlauch vor
meinem Gesicht, durch den sich eine Unmenge Blut bewegte. Er begann da,
wo mein Solarplexus sein sollte. Aber als ich dorthin sah, zeichneten
sich weder Brüste noch Rippen auf meinem Torso ab. Ob ich noch einen
Bauchnabel hatte, konnte ich nicht sehen, hinter dem Blutschlauch
verschwamm meine Sicht zu sehr. Davor erkannte ich deutlich meine Haut,
die genauso gewöhnlich aussah wie immer, und den fingerdicken,
durchsichtigen Blutschlauch, der von mir aus aufwärts führte. Ich wollte
sehen, wohin, aber er verschwand nach oben hin in weiße Luft und
zerfaserte in Undeutlichkeit.
Ich senkte den Blick wieder und betrachtete die Stelle, aus der mein
Blut gezogen wurde. Die Haut schloss sich sauber um den Schlauch und
machte einen vollkommen unverletzten Eindruck, so als sei der Schlauch
eine Art Horn, oder ein Haar.
Und es tat auch kein bisschen weh. Genaugenommen fühlte ich gar nichts.
Das Mädchen blieb weggetreten, bis zwei Sanitäter kamen. Einer maß den
Puls, was ihm schwerzufallen schien, denn er runzelte die Stirn und
tastete mehrere Male auf dem Handgelenk der jungen Frau herum. Der
andere leuchtete mit einer kleinen Lampe in ihre Augen. Er machte das so
zügig und routiniert, dass er nicht bemerkte, dass sie ihre Augen offen
behielt.
Ich jedenfalls bekam einen Mordsschreck.
Der Herr, der mir beim Tragen behilflich gewesen war, entschuldigte
sich, er habe keine Zeit mehr, und ging. Die Verkäuferin blieb neben mir
stehen.
"Können Sie mich hören?" Das Mädchen nickte langsam.
Der andere Sanitäter hielt immer noch verzweifelt seine Finger auf ihr Handgelenk.
"Kannst du das mal bitte probieren, ich kann hier nichts fühlen."
Der erste nahm die andere Hand und blickte auf seine Uhr. Die Frau sah
ihm seelenruhig zu, bis sie der andere Sanitäter ablenkte: "Wie heißen
Sie?"
Sie sah ihn an und sagte nichts. Er wiederholte seine Frage. Aber die
Frau sah nur zurück zu dem Mann, der immer noch versuchte, ihren Puls zu
finden, und sah dann abwechselnd mich und die Verkäuferin an.
Mit einer heiseren, dunklen Stimme sagte sie: "Danke, Mann."
"Sagen Sie mir Ihren Namen."
Sie sah den Mann an.
"Nein," sagte sie schlicht.
Der andere gab es auf, ihren Herzschlag zu erfühlen, und sagte sichtlich
genervt: "Bitte, wenn Sie nicht wollen. Haben Sie denn irgendwelche
Schmerzen?"
"Nein," sagte sie wieder völlig ungerührt.
"Können Sie aufstehen?"
"Ja." Sie richtete sich im Sessel gerade auf und stand auf, ohne sich
auf ihre Hände zu stützen. Ihre Arme hingen an den Seiten herunter.
"Ich danke Ihnen für Ihre Mühe." Dann ging sie einfach zwischen den
beiden Sanitätern hindurch, an uns vorbei, und die Treppe hinunter.
"Ihre Sachen," sagte die Verkäuferin irritiert.
"Was soll denn das?" beschwerte sich einer der Männer.
Bei genauerem Hinsehen stellte ich ohne jede Überraschung fest, dass der
Schlauch nicht nur Blut aus mir heraustransportierte. Es war mit hellen
Klumpen und Fetzen und faserigen schwarzen Flecken versetzt. Sie
bewegten sich mit dem Blut lautlos durch den Schlauch nach oben.
Aus irgendeinem Grund beruhigte mich das sehr. Ich fühlte mich unglaublich erleichtert.
Die Erleichterung wurde langsam zu einem freudigen Glücksgefühl, das
meinen Körper, zumindest meinen Torso, den ich sehen konnte, zum Glühen
brachte. Das warme Licht anzusehen, war sehr angenehm und beruhigend.
Diese Prozedur fühlte sich an wie eine Heilung, als ob ein giftiges
Geschwür, das meinem natürlichen Mechanismus den Weg versperrt hatte,
behutsam entfernt würde.
Eine weiße Wand brannte sich schmerzhaft in meine Sicht. Sie rammte sich
so plötzlich in meinen Schädel, dass ich von der Wucht rückwärts
gedrückt und der Schlauch unter grauenhaften Schmerzen brutal aus mir
herausgerissen wurde. Das Loch in mir kreischte auf und wand sich
krampfhaft, bis ich plötzlich gar nichts mehr spürte und mich wieder im
Buchgeschäft befand.
"Können Sie mich hören?"
Ich bestätigte.
"Kannst du das mal bitte probieren, ich kann hier nichts fühlen," sagte
ein Mann, der mein rechtes Handgelenk befingerte. Daraufhin grabschte
sich ein anderer Mann meine andere Hand und tat es ihm gleich.
Er hatte eine kleine Lampe in der Hand. Damit hatte er mich
zurückgerissen. Seinetwegen war ich zurück in der verdorbenen wirklichen
Welt, wieder der Verseuchung und Verschmutzung ausgeliefert.
Der andere Mann sagte etwas, das ich nicht richtig hörte. Als er die
Frage wiederholte, die er mir offenbar gestellt hatte, verstand ich sie
und befand sie für irrelevant.
Zwei weitere Personen waren in der Nähe. Eine von ihnen war der Mann,
der mich zuvor angestarrt hatte. Ich erinnerte mich daran, dass er mich
festgehalten und damit verhindert hatte, dass ich die Treppe
hinunterfalle. Mein Rachen fühlte sich alt und verbraucht an, aber ich
musste das sagen.
"Danke, Mann."
"Sagen Sie mir Ihren Namen." Der gab einfach keine Ruhe.
"Nein."
Endlich ließ der andere Mann davon ab, mich anzufassen. Aber dafür nahm er sich etwas anderes heraus:
"Bitte, wenn Sie nicht wollen. Haben Sie denn irgendwelche Schmerzen?"
"Nein," ich hatte keine. Mehr. Aber vielleicht hätte ihm das gefallen, er hatte sie mir schließlich zugefügt.
"Können Sie aufstehen?"
"Ja," ich war mir sicher, dass ich das konnte. Ich fühlte mich nicht
mehr so lasch und kraftlos. Wenn ich damit Recht hatte, konnte ich
eigentlich auch gleich gehen und dann versuchen, meine Ruhe zu haben,
soweit das nach dieser Erfahrung eben möglich sein konnte.
Also bereitete ich der Begegnung noch einen höflichen Abschluss, der Vollständigkeit halber. Dann ging ich.
Auf dem Weg zum Ausgang fiel mir auf, dass ich den Geruch der Bücher und
des Holzes nicht mehr als angenehm empfand. Allerdings auch nicht als
unangenehm, ich nahm einfach nur nicht mehr als seine Existenz und
Beschaffenheit wahr.
Die vielen Menschen störten mich auch nicht mehr. Sie waren da, sie
produzierten Gerüche, viele Geräusche und Temperaturen, aber nichts
davon störte mich, obwohl ich alles wahrnahm.
Es war, als ob ein Kanal zwischen meiner Wahrnehmung und meiner
Reflexion versiegelt worden wäre und nichts mehr aus ihr in mein
beurteilendes Denken gelangen könnte.