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Monday, April 18, 2016

Kei + Colin LXXV: Aus der Hölle


Sie fuhren langsam, und ziemlich offensichtlich einige weite Umwege, auf denen sie erst Delilah und dann Jane verloren. Es dauerte wieder Stunden, bis sie nach Camden kamen. Erst um kurz vor elf fuhr Dennis auf den Parkplatz eines pakistanischen Supermarktes und parkte dort.
Kei sah auf. "Sind wir da?"
"Fast. Der Club ist auf der anderen Seite." Dennis stieg aus und schloss die Tür, dann ging er zum Kofferraum. "Wir können da hinten über die Mauer, wo die Europaletten und die Getränkekisten stehen."
"Dieser Aufzug für die Hintertür?" Kei steig ebenfalls aus und folgte zum Kofferraum, wo er sich zwei Waffen aus der Reisetasche nahm. Dennis zog sich das Jackett aus. Er nahm sich auch ein paar Pistolen samt Gurt und ein paar Magazine.
"Drinnen müssen wir immer noch einen passenden Eindruck machen. Wir können das Auto nur nicht vor der Tür stehen lassen, wenn wir hier auch wegwollen." Er schnallte sich den Gurt um, lud die beiden Glocks und steckte sich vier Ersatzmagazine ein. "Nenn mich Suzuki."
"Was für ein Allerweltsname. Aber gut, du bist der Boss." Kei war sich ziemlich sicher, dass die Typen mittlerweile wussten, unter welchem Namen er unterwegs war. "Matsumoto. Dein Untergebener für die nächste Stunde."
"Für die nächste Stunde?" Dennis zog sich wieder das Jackett über und schloss mit einem süffisanten Lächeln den Kofferraum. "Das bist du schon seit einer Woche."
"Nein, ihr lasst mich nicht tun, was ich will. Das ist ein Unterschied zu freiwilliger Bereitschaft das zu tun, was du willst." Die letzten Tage war Kei dazu gezwungen worden, sich zu benehmen.
"Untergebene erklären sich nicht jedesmal dazu bereit, eine Anweisung auszuführen." Gemächlich schlenderte Dennis auf den Seitenhof zu, auf dem Müllcontainer und besagte Europaletten zwischen vermülltem Gestrüpp untergebracht waren. "Sie müssen nicht immer neu überzeugt werden. Sie führen ihre Anweisungen aus und vertrauen darauf, dass ihr Boss weiß was er tut."
Kei sparte sich die Antwort und ging neben ihm her. Ich vertraue nicht darauf, dass du weißt, was du tust, aber ich hoffe für dich, dass du weißt worauf ihr euch eingelassen habt.
Als sie außer Sicht jeglicher Passanten und Einkäufer waren, sprang Dennis bequem über die etwa zwei Meter hohe Ziegelmauer, von der bereits der weiße Putz abbröckelte. Auf der anderen Seite sah er sich nonchalant um und schob sich die schwarze Brille höher auf die Nase. Hier war noch mehr trockenes Gesträuch mit Papierfetzen und Bierdosen, und in einer Ecke des Hofes stand ein Haufen Sperrmüll herum. Auf eine Tür in der dünnen Holzwand hinter diesem steuerte Dennis gelassen zu.
Kei tat es ihm gleich und sah sich um. Das war der marodeste Hinterhof, den er je gesehen hatte. Hier mit Colin und Verfolgern durchzukommen könnte schwierig werden, wenn das der einzige Ausgang war, wirklich groß war die Tür nicht gerade. Er folgte Dennis in kleinem Abstand.
Im nächsten Hinterhof, der etwas größer und frei von Abfall war, nickte Dennis zu einer Kellertreppe mit grünlackiertem Eisengeländer.
Als sie darauf zugingen, öffnete sich eine schwarze Erdgeschosstür neben dem Treppenaufgang und ein bulliger, glatzköpfiger Schwarzer trat heraus. Er musterte die beiden mit strengem Blick und trat dann stumm zur Seite, um für seine Begleiter Platz zu machen. Es waren zwei Frauen in mittlerem Alter, mit scheinbar sehr teuren, edlen Kostümen und Schmuckstücken am Leib. Dennis blieb stehen, lächelte freundlich und verbeugte sich. Die Damen nickten und gingen geziert die Treppe hinunter. Der Leibwächter behielt alle vier wachsam im Blick und ließ Dennis und Kei scheinbar den Vortritt.
Kei spielte den anständigen Japaner und verbeugte sich ebenfalls zur Begrüßung, ehe er hineinging. Lächeln tat er jedoch nicht.
Im sehr dunklen Vorraum, der wie die Miniaturversion eines alten Kinofoyers aussah, galt alle Aufmerksamkeit den beiden Damen und der Leibwächter beobachtete nun mehr die Kassiererin und die jungen Frauen, die den Damen ihre Jacken abnahmen, als die beiden Japaner. Ein Mädchen in roter Bluse und schwarzer Weste kam auch zu ihnen und grüßte sie lächelnd. Sie streckte ihre Hände aus, um Dennis aus dem Jackett zu helfen, doch er schüttelte nur den Kopf und winkte lächelnd ab. Kei wollte sein Jackett auch lieber anbehalten und sah sich im Raum um.
Dennis ging zur Kassiererin und zählte ihr umständlich einige Pfundnoten auf die Theke. Es sah sehr überzeugend aus, wie er die Zahlen auf den Scheinen studierte und die Frau scheinbar ahnungslos anlachte. Sie lächelte freundlich zurück und sortierte die Scheine weg. Dann gab sie ihm ein paar goldgemusterte blaue Plastikchips und zeigte nickend auf die große Doppeltür neben ihrer Theke.
Kei wartete bis Dennis wieder da war, sich fragend, wozu diese Plastikchips bestimmt waren. Sein werter Herr Verwandter würde ihm das sicher gleich berichten. In der Tat zeigte Dennis sie ihm, sobald er zu Kei zurückgekehrt war. Seine Maske aus freudiger Erregung aufrechterhaltend, erklärte er: "Die hier sind zum Wetten. Du kannst auf die Kämpfer setzen. Muss man nicht, aber die ersten zwei Chips sind im Eintrittspreis inbegriffen." Er hielt Kei zwei der vier Chips hin und lachte die beiden Damen an, die nun etwas freundlicher lächelnd an ihnen vorbeistolzierten und mit ihrem Leibwächter durch die edle Doppeltür schritten.
"Meinen Wetteinsatz behalte ich lieber für mich." Er nahm die Chips trotzdem an sich und steckte sie weg. "Du wirst mir sicher nicht erzählen, was wir genau vorhaben, oder?"
Dennis ging auf die Doppeltür zu und winkte Kei hinter sich her. "Wir warten, bis er rausgeschickt wird. Vorher bekommen wir ihn nicht zu Gesicht. Dann müssen wir sehen, wie viele Zuschauer es bei dem Kampf gibt und ob wir ihn unterbrechen können. Vielleicht können wir einen Zwischenfall verursachen, um ihn aus der Grube zu holen. Vielleicht können wir beobachten, wohin er hinterher weggesperrt wird und so herausfinden, wo sie ihn halten..." Dennis sah skeptisch aus. "Allerdings ist das... unwahrscheinlich. Er soll ja angeblich gegen das Konstrukt antreten."
Dass dabei die Wahrscheinlichkeit eines Hinterher-weggesperrtwerdens ziemlich gering ausfallen würde, musste er nicht aussprechen.
"Wir stellen wir das an? Reinspringen und um uns ballern ist wohl keine Option."
Dennis schüttelte den Kopf. Hinter der Doppeltür gab es noch einen Vorraum, weniger edel und ohne Teppichboden, aber größer und mit einer dunklen Spiegelbar, Sofas, Sesseln und Tischen, und mit einer großen Tafel auf der einen Wand und großen Flachbildschirmen an den drei anderen. Auf ihnen waren zwei verschiedene kleine Hallen zu sehen, die beide tiefe runde Becken in der Mitte des Fußbodens hatten. Um sie herum gab es metallene Geländer und viel Platz zum Gehen, dann tribünenartig an den hohen Wänden hochgebaute Zuschauerbänke, sogar mit Balkons, auf denen Sessel standen.
Eine der Gruben war wie ein Schwimmbecken gekachelt und braungefleckt, die andere sah einfach nur schwarz aus. Sie waren beide mit Kuppeln aus Eurodraht überzogen, der allerdings so grobmaschig darübergenetzt war, dass er die Sicht auf das Geschehen darunter nicht behinderte und ein normal großer Mensch mit angelegten Armen bequem hindurchpassen würde.
Auf den Monitoren war auch zu sehen, dass bereits einige Zuschauer auf den Bänken um die dunkle Grube herum platzgenommen hatten. Scheinbar wurden dort gerade verschiedene Scheinwerfer ausprobiert, und ab und zu drangen metallene Geräusche in diesen Barraum, wo sich die Gäste laut unterhielten und diskutierten. Vor der Tafel standen zwei Männer, die sie beschrifteten. In einer Zeile stand:
'Construct VS Ghoul'
Was haben sie mit dir angestellt? Kei sah sich um und verbarg seine Verachtung hinter einem Gesicht aus toter Gleichgültigkeit. Seit Colin gefangengenommen worden war, hatte er kein Bisschen Farbe mehr im Gesicht. Mit der dunklen Sonnenbrille und den schwarzen Haaren sah er aus, als wäre er entweder tot oder seit fünf Jahren nicht mehr in der Sonne gewesen.
Dennis' fröhliche Touristenmaske erstarrte für ein paar Sekunden, als er sah, wie die Einsätze auf das Konstrukt notiert wurden, und ging gemächlich auf eine Tür zu, in der eine Art Bullauge saß. Sie führte in die Halle mit der dunklen Grube.
Just in den Moment drang die Ansage durch alle Räume, dass es nun halb zwölf sei und die Kämpfe bald beginnen würden. Hinter Kei und Dennis drängten sich nun relativ gesittet mehr Gäste und strömten in die Bankreihen.
"Lass dir was einfallen, Meister der Pläne. Lange warte ich nicht." Kei ließ sich in der vorderen Bankreihe auf einen Sitzplatz fallen. Dennis setzte sich neben ihn und rieb sich angespannt über die Knie, während er sich umsah.
"Ich bin für jeden Vorschlag dankbar."
"Kriegen wir die Leute hier raus? Mit 'nem Feueralarm oder so? Ich schlag derweil Colin und den Gegner K.O. und bring ihn raus."
Das Licht wechselte und klassische Musik begann zu spielen. Unter der Decke über der Kuppel strahlten zwei Beamer zwei gegenüberliegende Wände über den Tribünen an, die beiden, über denen keine Catwalks mit Balkons angebracht waren.
"Welcome, Ladies and Gentlemen, welcome! The match will begin in a short while, but until then, let us reprise and enjoy the previous fights of today's esteemed contestants!" tönte es aus Lautsprechern, während Bilder von einer riesigen, metallbewehrten Figur, die unter Kreischen und Knacken irgendwelche armen Teufel in ebendieser Grube zerfetzte, über die beiden Wände flackerten.
"Gute Idee... das mit dem K.O.-Schlagen kannst du vergessen. Die Ablenkung ist aber gut..." sagte Dennis.
"Wenn mir jemand das Konstrukt vom Hals hält, kann ich auch versuchen ihn zu überreden..." Denken tat Kei an etwas anderes.
"The Construct, undisputed champion for almost a year now, an immortal tank, it would seem, with sixty-four wins and only two losses under its steely belt -"
"Ich weiß nicht, ob sich das da -" Dennis nickte zu den Bildern an der Wand, die nun zeigten, wie unmenschlich riesige Pranken einen Mann in der Mitte durchrissen - "ablenken lässt. Aber ich kanns versuchen."
"Umbringen geht auch."
"Today facing a surprising newcomer, a human -" Nun war die gekachelte Grube zu sehen, in der sich zwei menschlich aussehende Kontrahenten gegenüberstanden. Ein sehr muskulöser Mann in Arbeitsstiefeln und Overall schwang eine dicke Kette, die sich um das Bein eines blassen blonden Jungen wickelte. Er war von Blutergüssen in Form der Kettenglieder bedeckt, was dadurch gut zu sehen war, dass er außer einer zerrissenen Jeans überhaupt keine Kleider trug.
"Das haben schon viele versucht. Ich weiß nicht, ob man das Konstrukt töten kann."
Von Colins Anblick auf dem Bildschirm war Kei entsetzt und auf eine merkwürdige Weise fasziniert, was vor allem der relativ kleiderlosen Brutalität geschuldet war. "Okay, irgendwie kampfunfähig für ein paar Minuten."
Der Mann riss den Jungen zu Boden und zog ihn zu sich. Als er vor ihm lag, schnappte etwas, das um die rechte Hand des Jungen geschnallt war, hervor und wurde unter das Kinn des Mannes gestoßen. Colin zog seine Klingen wieder herunter und blieb liegen, während der Mann über ihm wankte und einen Blutregen losließ.
"Das kriege ich hin. Einen Feueralarm gibt es sogar. Ich werde unseren Leuten draußen bescheid sagen. Die kümmern sich darum. Ich um das Konstrukt, und du schaffst ihn raus."
"Alles klar." Ein blutiger Colin. Welch herrlicher Anblick. Amok laufen konnte er danach. Würde er auch. Wenn auch nicht an diesem Tag. Colin war wichtiger. Er sah wieder kurz auf den Bildschirm mit dieser Mischung aus Verachtung und Faszination.
"Three wins and no losses so far, and this boy has bested even our seasoned favourite, James Phelps' Big Brother."
Nun zeigten die Bilder, wie Colin auf dem zusammengesackten Fleischberg kniete und ihm mit seiner Messerhand eilig den Rücken aufriss, um mit seiner freien Hand Rippenstücke herauszunehmen und dann einen großen Lungenfetzen hervorzuholen, den er sofort gierig zu fressen begann.
"You can see why we think it's time he met the Construct - we have only so many other opponents, after all." Einige Zuschauer lachten.
Kei wartete. "Gib mir ein Zeichen, wenn's losgeht." sagte er ruhig.
Dennis nickte und sah sich weiter die Montage an. Es wurden noch mehr Szenen gezeigt und dabei Musik gespielt, die nun vom klassischen Orchester abgerückt und zu finsterem Industrial übergegangen war.
Es kamen noch mehr Zuschauer dazu, bis es fast zwölf Uhr war. Die Musik schwoll weiter an und der Film hörte auf. Nun wurden dafür Scheinwerfer auf die Grube gerichtet.
Keis Gesicht war versteinert auf die Grube gerichtet. Er wartete. Die blauen Augen hinter der Sonnenbrille verborgen.
In der schwarzen Wand der Grube öffnete sich knarrend eine schwere Stahltür. Der Gang oder Raum hinter ihr war finster.
"The challenger, the human! Who devours his opponents - but will he choke on the hard steel of the Construct? I give you - The Ghoul!"
Die Zuschauer jubelten und klatschten, während aus der Schwärze hinter der geöffneten Tür Colin hevortrat - oder mehr, geschubst wurde. Seine Arme waren mit dicken Eisenriegeln hinter seinen Rücken gefesselt, seine Fußknöchel mit einer kurzen Kette, und um den Kopf trug er ein Eisengestell, das etwas an ein mittelalterliches Folterinstrument erinnerte.
Kei blieb sitzen, ließ sich nichts anmerken. Wäre er ein Mensch mit funktionierenden Emotionen hätte er sich jetzt übergeben. Aber er war kein Mensch und funktionierende Emotionen kannte er nicht. Das Entfesseln seines Freundes durften diese Wichser gerne übernehmen, für den Rest würde er sorgen.
Gegenüber von Colin, in der Wand, die Kei und Dennis nicht direkt sehen konnten, öffnete sich ebenfalls eine Tür. Die hinter Colin war noch offen. Von den Eisenbändern um seine Unterarme aus führten ein paar dünne Stangen in das Dunkel hinter ihm hinein. Er bewegte minimal den Kopf, als sich die zweite Tür öffnete, und riss die Augen auf, während er weiter nach vorn geschubst wurde. Gleichzeitig klickte und knackte es um ihn herum und seine Fesseln öffneten sich. Er riss sich den Käfig vom Kopf und warf ihn auf den festgetretenen Erdboden, wo er rasselnd liegenblieb. Ein kleineres Eisengerät wurde neben Colins Füße geworfen, bevor die Tür hinter ihm zufiel. Ihr Krachen schien nicht aufzuhören sondern nahtlos in ein lautes, kreischendes Rasseln überzugehen, das lauter wurde, als das Konstrukt in die Grube trat. Das Publikum johlte.
Colin war in die Knie gegangen, um seinen Klingenhandschuh aufzuheben und umzuschnallen, während er mit konzentriertem, hungrigem Blick das nicht mehr ganz menschliche Wesen aus Muskelbergen und Eisenplanken vor sich in Augenschein nahm.
"Jetzt," flüsterte Dennis und stand auf.
Kei wartete auf den Feueralarm, der die Menschen ablenken sollte. Er blieb sitzen, war aber dazu bereit sofort auf Colin zu springen - oder neben ihn.
Ein rotes Blinken, begleitet von einem durchdringenden Brummton, erfüllte die Halle.
"Fire!" rief einer der Buchmacher, der in die Halle gestürzt kam.
Die Zuschauer drehten sich verwirrt auf ihren Sitzen, einige standen auf und gingen eilig zum Ausgang.
Derweil schritt das Konstrukt mit erhobenem Arm auf Colin zu, der überrascht aufblickte. Kei sprang dazwischen. Den klingenbestückten Drähten über der Grube wich er dabei mit Leichtigkeit aus.
"Time to go! Kommst du freiwillig oder muss ich dich zwingen?"
Die meisten Zuschauer waren nun etwas hastiger unterwegs, während Rauch aus dem Vorraum in die Halle drang. Unpraktischerweise schien dies aber der einzige Ein- und Ausgang zu sein.
Dennis stand hinter dem Konstrukt am Geländer, das er krampfhaft umklammerte, während er angestrengt auf den Fleischbatzen starrte, der der Kopf des Konstrukts sein musste. Es schwang seinen stachelbewehrten Arm und rammte ihn desorientiert neben Kei in den Boden. Es krachte und kreischte, schwarze Krustenflocken stoben auf und Colin riss seine Arme vor das Gesicht. Er starrte Kei erstaunt an.
Das Konstrukt blieb so stehen und begann zu zittern.
Dennis ächzte angestrengt.
Kei warf sich Colin über die Schulter. "Wir reden später. Suzuki-kun! Wir gehen." Er machte mit Colin einen Satz aus der Grube. "Erkennst du mich?" Er mischte sich mit Colin unter dem Arm, dem er schnell sein Jackett übergeworfen hatte, zwischen die hinausdrängenden Besucher. Dies war der einzige Weg nach draußen.
Mit einem saftigen Knirschen und Erschaudern all seiner Metallteile platzte dem Konstrukt der Kopf und Dennis stöhnte erleichtert auf, während er schon zu laufen begann.
Colin ließ Kei ihn festhalten, sagte aber nichts und schien ihn auch gar nicht zu hören, er sah ihn nur zwischendurch mit großen Augen an. Ihn und die Nachzügler des Publikums, die vor ihnen in den verrauchten Vorraum eilten, wo man nichts mehr sehen und ganz sicher nicht mehr atmen konnte. Colins Füße waren von dem Klingendraht über der Grube aufgerissen worden, als Kei ihn herausgezogen hatte, aber das schien ihm überhaupt nicht aufzufallen. Er hinterließ nur humpelnd eine fleckige Blutspur.
Dennis flankierte ihn und versperrte so effektiv die Sicht auf seinen rechten Arm mit der Klingenhand.
Kei führte ihn nach draußen und rannte los sobald sie aus Gebäude und Rauch raus waren. Sehr schnell war er mit Colin in den Hinterhöfen verschwunden. "Das Auto. Schnell," teilte er Dennis mit.
Colin ging mit, versuchte aber unterdessen, das Jackett und Keis Griff abzustreifen. Scheinbar störten sie ihn.
Dennis nahm den direkteren Weg und sprang blitzschnell über die Zäune und Mauern auf den Parkplatz. Innerhalb von Sekunden saß er im Wagen, hatte ihn gestartet und war damit vor die Mauer gefahren, wo er per Knopfdruck die Rücksitztür öffnete.
Kei beförderte Colin ins Auto und setzte sich dazu. Sobald die Tür zu war ließ er ihn los. "Tut mir Leid, dass das so lange gedauert hat."
Dennis raste sofort los.
Colin rappelte sich auf und setzte sich hin. Staunend betrachtete er das Innere des Autos, hielt sich am Sitz vor sich fest, wenn es in Kurven und beim Bremsen und Beschleunigen heftig wackelte, und schließlich sah er Kei genau an.
"... Macht nichts," sagte er.
Auf einmal lachte er kurz, was genausogut ein Schluchzen sein konnte, und hielt sich dann mit einem ungläubigen Starren den Mund zu. Seine Augen wurden nass.
Kei nahm ihn in den Arm und hielt ihn leicht fest. Macht doch was... Ich hätte früher da sein müssen...
Colin umklammerte ihn seinerseits, richtig fest.
Das ist ein Puls. Ich habe einen Puls. An Keis Hals holte er tief und schaudernd Luft.
"Festhalten," warnte Dennis, bevor er viel zu schnell in eine Neunziggradkurve ging und sich die linke Seite des Autos von der Straße hob.
Kei drückte ihn ein wenig dichter an sich. Blut durch seinen Körper fließen zu spüren war ein angenehmes Gefühl. Er mochte es sehr. Kei hielt Colin fest, als sich der Wagen hob.
Dennis fuhr stumm weiter und während die Gebäudekulisse draußen abnahm, wurde er langsamer und hielt sich irgendwann an die Verkehrsregeln.
Colin hielt Kei weiter fest.
Das ist mein H- SEIN HERZ! Ich kann sein Blut hören. Das riecht so gut. Sein Gesicht behielt er an seinem Hals vergraben, im weißen Hemdskragen, der nun allmählich feucht wurde.
Kei störte es nicht, dass sein Hemd - es war nicht einmal seins - nassgeweint wurde. Dem Vampir wurde allmählich warm und es kehrte etwas mehr Farbe in sein Gesicht zurück - er sah nicht mehr ganz tot aus.
"Wir sind 'ne Weile unterwegs. Du kannst schlafen, wenn du willst."
"Nein," flüsterte Colin.
Er wollte nicht schlafen. Er war nicht müde. Wenn er jetzt schlafen würde, wäre das hier vorbei. Vielleicht würde er nicht aufwachen. Vielleicht würde er da aufwachen, wo er hingehörte.
Nein. Diese Autofahrt konnte seinetwegen ewig dauern.
Er lockerte seinen Griff um Kei.
Der lehnte sich leicht an Colin. "Okay." Die Fahrt würde noch eine Weile dauern. Eine ganze Weile. Schlafen ist gar keine schlechte Idee... Er wollte nicht einschlafen, auch wenn neben Colin einschlafen eine herrliche Aussicht war.
Colin behielt Kei im Arm und sein Gesicht auf dessen Schulter, bis Dennis den Mercedes Stunden später schließlich anhielt. Er hatte zwischendurch die Augen geschlossen, aber sehr genau darauf geachtet, dass er nicht einschlief.
"Wir bleiben erstmal hier. Morgen können wir vielleicht ins Schloss zurück," erklärte Dennis, als er den Motor ausschaltete. Draußen dämmerte es.
"Alles klar. Sind sie uns gefolgt?" Kei erhob sich vorsichtig. "Komm mit. Wenn du müde wirst, dann schlaf. Ich pass auf."
Vorsichtig und langsam stieg er aus dem Wagen.
"Sehr wahrscheinlich. Ob wir sie abgeschüttelt haben, wird sich jetzt bald herausstellen." Dennis sah sich um, während die beiden ausstiegen. Sie waren wieder beim Safehouse vom Vormittag. Weder Delilah und Jane noch ihre Motorräder waren zu sehen.
Colin folgte Kei. Er humpelte nicht mehr und die Schnitte an seinen Füßen waren verheilt. Er nahm Keis Hand mit seiner freien (an der rechten trug er immer noch den Klingenhandschuh) und sah sich auch um. Es war niemand auf der Straße zu sehen. Gerade gingen die Straßenlaternen an.
Kei hielt Colins Hand fest. "Haben Delilah und Jane einen Umweg genommen?" erkundigte er sich, sein Interesse galt jedoch seinem Freund. Den führte er in das Gebäude. Sicher war sicher. Colin und er sollten vielleicht nicht gesehen werden.
Die quakende Dame schien nicht anwesend zu sein. Das Haus war dunkel. Dennis folgte ihnen hinein und schloss die Tür ab.
"Sie kommen nicht her. Sie waren mit dafür zuständig, von uns abzulenken... Ich sage besser nicht, wo sie hin sind... wenn man verfolgt wird, ist es am besten, sich zu trennen, und nicht zu wissen, wo die anderen hingehen." Er warf seine Mütze auf einen Hutständer und deutete auf die Treppe. "Da oben sind Schlafzimmer. Und ein Badezimmer."
Er drehte sich um. "Ach ja, ich muss mich noch ums Auto kümmern. Ich bin gleich zurück." Er gab Kei den Hausschlüssel und ging wieder hinaus.
Kei nahm den Schlüssel entgegen und führte Colin ins Haus nach oben, wo seine erste Tat war, den Anzug loszuwerden.
Colin blieb bei der Tür des Schlafzimmers stehen und sah unschlüssig aus. Er sah Kei beim Ausziehen zu. Währenddessen begann er, etwas auf und ab zu gehen. Die Messer an seiner Hand schnappten vor und zurück.
Kei zog seine Hose vom Morgen wieder an. "Meinst du, dass du die Messer brauchst?" fragte der Vampir leise. Dass seine eigenen Kleidungsstücke von Waffen nur so wimmelten, ließ er unbeachtet. Colin offen bewaffnet zu sehen war er nicht gewohnt.
"Ich weiß nicht," erwiderte Colin sachte. Wahrscheinlich nicht. Aber das hatte er zwischendurch immer wieder geglaubt, und dann - "Ich weiß nicht," sagte er noch einmal, etwas nachdrücklicher.
Er starrte fasziniert auf die bunte Geisha auf Keis Rücken.
Sollte er sie haben. Kei machte das nichts aus. "Dann behalt sie bei dir. Vielleicht brauchst du sie noch." Er war nicht davon überzeugt, aber wenn die Kerle noch mal auftauchten, konnten Waffen nützlich sein. Kei schaute ihn leicht lächelnd an. "Das kennst du doch schon," kommentierte er Colins Blick.
Colin nickte langsam. Sein Blick war nun ein wenig misstrauisch und er schien Kei vorsichtig zu mustern.
"Nicht für mich. Die anderen tun dir auch nichts. Aber wenn wir unangenehmen Besuch kriegen, dann kannst du deine Messer brauchen," erklärte Kei mit leicht fragendem Gesicht.
"Kriegen wir den?" fragte Colin in einem Ton, der Kei unterstellte, darauf die Antwort zu wissen. Er machte einen Schritt auf Kei zu.
"Ich gehe nicht davon aus, dass wir ihn sehr bald kriegen, aber kriegen werden wir ihn."
Colin machte noch einen Seitwärtsschritt auf Kei zu.
"Wie heißen meine Freunde?" fragte er.
"Welche meinst du?"
"Von zuhause. Wie heißen sie... wie heißt mein bester Freund?" Er kam noch ein Stück näher und streckte die freie Hand vorsichtig nach Keis Schulter aus, wo die Tätowierung etwas heraufkroch.
"Shingo. Er war in unserer Klasse."
Colins Finger strichen über die filigranen Ausläufer der großen Tätowierung und seine Augen wurden groß.
Kei lächelte ein wenig und musterte Colin. "Was is?"
Mit plötzlich wieder feuchten Augen sah er Kei ungläubig an, mit einer Mischung aus Schrecken und Freude in seinem Blick.
Kei schaute ihn fragend an. "Ich kann immer noch keine Gedanken lesen," verkündete er lächelnd.
Colin nahm seine Hand zurück und begann zu weinen. Ungeduldig und ungeschickt rupfte er an seinem Messerhandschuh herum, um ihn sich von der Hand zu reißen. Das funktionierte nicht gleich, weil er die Schnallen nicht zu fassen bekam, und so beugte er sich hinunter und klemmte ihn sich zwischen die Knie, um ihn abzuziehen. Als das auch nicht ging, knurrte er ein frustriertes Schluchzen und schlug mit dem Eisengestell auf den Bettpfosten.
Kei nahm seinen Arm, nachdem er sich neben Colin auf den Boden fallen gelassen hatte, hielt ihn fest und war beim Schnallenöffnen behilflich.
Colin schniefte und atmete schaudernd aus. Kaum dass der Handschuh gelöst war, drehte er sich zu Kei um und drückte sich an ihn. HOLY SHIT, THIS IS REALLY REAL. IT'S REAL THIS TIME.
Kei umarmte ihn. Er wusste nicht so ganz, wie er mit dem gerade aus der Hölle befreiten Colin umgehen sollte. Er war einfach froh, ihn wieder bei sich zu haben. Keis Gedanken liefen in viele Richtungen auf einmal.
Colins dagegen rannten im Kreis um eine winzige, wichtige Tatsache herum: Kei war echt.
Er hielt Kei fest und weinte weiter. Das konnte er nicht abstellen, und es machte ihm auch überhaupt nichts aus, dass er gerade Rotz und Wasser heulte und wimmerte wie ein Hund, er merkte es nicht einmal wirklich. Kei war wirklich echt.


Monday, October 5, 2015

Kei + Colin XLIII: Akira




"Er hat es bestimmt mit Holznadeln gemacht, oder? Hat es wehgetan?" Er strich vorsichtig über einen Teil der Zeichnung.
"Ja. Es tat weh, ja. Hat Stunden gedauert."
"Tut sie jetzt immer noch weh?"
"Nicht wirklich."
Colin beugte sich hinunter und biss Kei sanft in den Nacken. Er war hungrig. Kei gab ein seufzendes Geräusch des Gutfindens von sich und bewegte sich nicht weiter. Colin biss fester zu und saugte etwas, versuchte es dann nochmal. Kei grinste ein bisschen.
"Wenn du Blut sehen willst, musst du fester zubeißen,"neckte er den Kleineren und blieb liegen. Brummend richtete Colin sich wieder auf und kletterte herunter. Kei lachte ein bisschen und angelte nach seinen Zigaretten, von denen eine Schachtel auf dem Boden lag.
Colin ging in die Küche und starrte in den Kühlschrank. Ohne nachzudenken nahm er eine Plastiktüte heraus, zog ein rohes Steak heraus und legte es auf einen Teller. Die Tüte legte er zurück in den Kühlschrank, dann nahm er eine Bratpfanne, stellte sie auf und sah dabei das Fleisch an. Guter Kei. Sorgte immer für die Verpflegung seines Menschen.
Kei hatte seine Kippen gefunden und rauchte gemütlich, auf dem Bett liegend.
Colin legte es in die Pfanne, als sie heiß war. Während es briet, starrte er es an. Als er meinte, dass es fertig war, legte er es wieder auf den Teller, streute Salz darauf und stellte es sich auf den Tisch, setzte sich davor, betrachtete es...
Kei lag weiter auf dem Bett herum. Was Colin in der Küche trieb, war ihm herzlich egal, solange er sie nicht abfackelte. Er zupfte ein wenig auf seiner Gitarre herum.
Langsam säbelte Colin sich ein Stück ab und sah es eine Weile an. Es war gut gebraten, außen gebräunt und innen zart und rosa. Er steckte es sich in den Mund, biss drauf und verzog das Gesicht. Er spuckte es aus.
In dem Moment kam Kei in die Küche. "Versalzen?" fragte er Colin als er sah, was er da machte.
"Mbah." Mit den Fingern putzte Colin sich die Zunge ab. "Ist es kaputt?" fragte er Kei mit noch leicht angewidertem Gesicht, während er den Teller in dessen Richtung schob.
"Nicht, dass ich wüsste. Es war heute morgen auch nicht verdorben." Kei schmunzelte.
"Probier doch," verlangte Colin mit Nachdruck. Ungeduldig wackelte er mit einem Bein.
Das tat Kei dann auch. "Fleisch, gebraten," sagte er, nachdem er es probiert hatte. "Ich weiß nicht, wo genau dein Problem ist."
Colin runzelte genervt die Stirn und stand geräuschvoll auf.
"Was?"
Colin marschierte an ihm vorbei aus der Küche. Kei schüttelte nur mit dem Kopf und räumte Colins verschmähtes Essen erstmal in den Kühlschrank, während er sich fragte, was der für ein Problem hatte.
Nachdem er im Flur ein bisschen hin- und hergegangen war, kam er zurück. Kei schaute ihn nur fragend an. Forsch ging Colin auf ihn zu und küsste ihn ein bisschen aggressiv. Der Vampir grinste leicht und erwiderte den Kuss. Colin biss ihm hart auf die Unterlippe und zerrte an seinem T-shirt. Kei fing ein bisschen zu bluten an. Er drückte den Kleineren an die nächstbeste Wand. Colin hmfte und zog Kei das T-shirt aus. Er biss weiter auf seiner Lippe herum und saugte gierig daran. Kei ließ das ausgezogene T-shirt fallen und war so frei, dem Kleineren ebenfalls die Lippe ein bisschen blutig zu beißen, während er ihn fester an die Wand drückte.
Mit einem leisen Stöhnen riss und zog er an Keis Hosenbund und küsste dessen Kinn und Hals. Keis Grinsen wurde etwas breiter, während er Colin mit seiner Hose behilflich war. Danach zog er Colin das Shirt aus. Bereitwillig ließ er sich ausziehen, bevor er sich wieder auf Keis Hals stürzte, ihn biss und saugte, und eifrig in dessen Hose griff. Er schlang ein Bein um Keis, um ihn unnötigerweise dicht bei sich festzuhalten und hielt mit der anderen Hand Keis Nacken fest. Er biss ihn so fest in die Halsbeuge, wie er konnte. Kei hob Colin ein kleines Stückchen hoch und merkte, wie er tatsächlich leicht anfing zu bluten. Sich darüber Gedanken zu machen hatte er beschlossen, auf später zu verschieben. Colins Boxershorts schob er ein Stück herunter, wie ihm das gerade möglich war. Mit einer Hand machte er sich an seines Freundes Körpermitte zu schaffen. Akira schlang beide Beine um Kei und drückte ihn fest an sich. Er spürte Keis Hand sich neben seiner bewegen. Als er das warme Blut schmeckte, stöhnte er ein bisschen und biss nochmal auf dieselbe Stelle, zog und nagte gierig, und er krallte seine Finger fester in Keis Nacken. Kei spürte sich tiefe Kratzer bilden, wo der Kleinere seine Finger in seine Haut bohrte. Ganz zu schweigen von der blutenden und schmerzenden Wunde, die er gerade in seine Halsbeuge riss.
Er hatte Recht gehabt. Colin war tot.
Er war nicht mehr der Junge, den er kennengelernt hatte, nicht ganz. Aber das änderte nichts für Kei. Er zog seinen Freund dichter an sich, was kaum noch möglich war, und drückte ihn gleichzeitig weiter an das schmale Stück Wand.
Er versuchte weiter, dieses eine Stück aus dem Vampir herauszubeißen und saugte gierig. Währenddessen stieß und rieb er sich an ihm und stöhnte und knurrte gleichzeitig. Sein einziger Gedanke war Fleisch. Kei hatte ein bisschen andere Gedanken als sein Freund und war etwas erfolgreicher als er, was die Umsetzung betraf. Viel mehr als Blut und Hautfetzen bekam Akira nicht ab.
Als er ein kleines Stück Haut losreißen konnte, gab er ein leises, ekstatisches Seufzen von sich und sein Bewusstsein wandte sich allmählich dem zu, was Keis und seine Hände taten. Mit geschlossenen Augen lehnte er den Kopf zurück und saugte und kaute auf dem winzigen Fetzen herum. Mit den Schultern gegen die Wand gestemmt und den Beinen fest um Kei gehakt, nutzte er das kaum vorhandene bisschen Spielraum, das ihm geblieben war, um sich mit und gegen Keis Hand zu bewegen.
Kei blutete gar nicht mal wenig, aber die Verletzung war nicht tief. Er bewegte seine Hand ein wenig schneller, drückte ihn weiterhin gegen die Wand. Akira stöhnte auf. Er imitierte Keis Handbewegungen, obwohl er dafür kaum Platz übrig hatte. Bald hörte er auch damit auf und krallte sich nur in Keis Seite fest, als er mit einem erstickten Laut kam. Kei grinste ein bisschen. Dass Akira noch mehr blutige Kratzer auf ihm hinterlassen hatte, bemerkte er nicht.
Er hielt sich weiter an ihm fest und atmete flach und schnell. Er leckte sich über die blutigen Lippen. Kei hielt ihn fest, küsste ihn. Akira erwiderte den Kuss mit halbgeöffneten Augen. Er hielt Kei weiter fest, wenn auch nicht mehr mit seinen Fingernägeln.
Kei nahm den Kleineren mit ins Schlafzimmer.
"Ein Mensch bist du definitiv nicht mehr. Und nur halb tot," sagte er. "Ich wüsste gern, was das Sterben mit dir gemacht hat."
Auf dem Weg wischte Akira sich mit dem Handrücken über den Mund, dann leckte er seine Hand ab. Er hatte gerade kein besonderes Interesse daran, zu analysieren, was das Beinahe-Sterben mit ihm gemacht hatte.
"Du bist noch nicht fertig," sagte er leise mit rauher Stimme.
Kei stimmte ihm zu. "Änder das," sagte er leise.
Akira hielt an wo er stand, und hielt Kei an dessen Hosenbund fest. Langsam ging er auf die Knie und leckte unterwegs die Sauerei ab, die er blutig und schmierig auf Kei angerichtet hatte.
Kei blieb vor ihm stehen, ein leises, leicht dreckiges Lächeln zierte sein Gesicht.
Unsanft rupfte Akira Keis Hosen noch ein Stück herunter, küsste und leckte dann weiter, bevor er ihn mit immer noch blutverschmierten Lippen in den Mund nahm.
Fleisch schoss ihm wieder leise durch den Kopf, bevor er sich zusammenriss. Nicht dieses Fleisch. Er fuhr mit der Zunge und den Lippen über Keis Eichel und rieb ihn trocken und unsanft mit der Hand. Einerseits gefiel dem Vampir, was Akira da tat, andererseits sagten ihm die rauhen, ruppigen Handbewegungen des Kleineren nicht unbedingt zu. Es war eine interessante Mischung aus Ja und Nein zu etwa gleichen Teilen. Keis Gedanken drifteten ab.
Nicht beißen, nicht dieses Fleisch...
Akira machte so weiter und war sich nicht bewusst, was er so falsch machte. Nicht wieder zu Beißen anzufangen, war wirklich das einzige, woran er bewusst dachte. Appetit und Hunger nagten aber natürlich weiter an ihm und so krallte er sich mit einer Hand an Keis Hüfte knapp über dem Hosenbund fest.
Als ihm das nicht reichte, hielt er ihn mit beiden Händen fest und kratzte gierig die Haut, während er es schaffte, mit seinem Mund nichts weiter zu machen als zu lecken und zu küssen und sehr, sehr sanft zu nagen.
Kei gefiel dies deutlich besser, Colins Hände und Fingernägel, die ihm die Haut aufrissen störten ihn nicht wirklich. Er würde das erst bemerken, wenn er irgendwann zur Ruhe kommen würde. Davon war er aber weit entfernt. Er kam ein paar wenige Minuten nachdem Akira angefangen hatte, ihm die Haut zu zerkratzen.
Akira leckte jedes bisschen Sperma hastig auf, saugte gierig und ließ das Mantra in seinem Kopf fieberhaft weiterlaufen: Nicht dieses Fleisch, nicht beißen, nicht dieses Fleisch...
Als nichts mehr kam, zog er eilig den Kopf zurück, blieb aber auf den Knien und hielt Kei weiter fest.
Kei ließ sich festhalten und blieb ein Weilchen so stehen, betrachtete den Kleineren. Was denkst du gerade? fragte er in Gedanken, bezweifelnd, dass Akira ihm eine Antwort geben würde. Fragen würde er, später. Nicht jetzt.
Ihm fiel das Blut auf, das ihm am Körper in kleinen Rinnsalen herunterlief. Er richtete seine Hose, weil er nicht mit halb angezogener Hose herumstehen wollte.
Akira sah zu ihm hoch und ließ ihn plötzlich los.
Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.
Was er mit Kei gemacht hatte, erschreckte ihn ein wenig, was sich auf seinem Gesicht zeigte. Aber es tat ihm nicht leid.
Kei ließ ein leichtes Lächeln sein Gesicht zieren als er sich mit der Hand über die Wunden wischte. "Davon hab ich morgen noch was.", sagte er zu dem Blut, das an ihm klebte. Er studierte Akiras Ausdruck. Hmm, erschrocken...
Er wusste, dass sich etwas in dem Kleineren verändert hatte, radikal verändert, nur nicht was. Die Abwesenheit von jeglicher Reue verwunderte ihn ein wenig, stützte aber seine Vermutung, dass der Junge nicht mehr menschlich war. Ein Geist war er aber auch nicht, oder etwas anderes, das ihm bekannt war.
Langsam stand er auf, wischte wie Kei mit einem Finger durch das Blut und sah es mit so etwas wie milder Traurigkeit an, ehe er es ableckte.
"Entschuldige," sagte Colin matt. Er wusste, dass Kei ihm das nicht übelnahm, aber... es war irgendwie nicht richtig, ihn so zu verletzen.
"Nicht schlimm, solange du mich ganz lässt." Jetzt lächelte Kei richtig, während er ihn ansah.
Colins Augen weiteten sich etwas. Aber ich habe dich nicht ganz gelassen! Guck mich nicht so an!
Er drehte sich um und schloss seine Hose, damit er Kei nicht mehr ins Gesicht sehen musste. Was musste der ausgerechnet jetzt so nett sein? Ich heul gleich, scheiße.
Kei ging ins Schlafzimmer, entledigte sich seiner Hose und warf sich aufs Bett. Nachdenkend.
Colin ließ erleichtert die Schultern fallen, als Kei ging. Nein, nicht erleichtert. Mit dem Handballen rieb er sich über die Augen. Er hob die beiden weggeworfenen T-shirts auf und trug sie ins Schlafzimmer. Noch in der Tür machte er Halt, ehe er sich zusammenriss und zu Kei aufs Bett kletterte. Ohne sich weiter auszuziehen. Kei zog ihn an sich, ließ einen Arm um ihn gewickelt und schien zu schlafen.
Nun war es wirklich Erleichterung, mit der er aufatmete. Er schloss die Augen und brauchte nicht lang, bis er eingeschlafen war. Kei war wach und hörte dem Kleineren beim Schlafen zu, während er seinen Gedanken nachhing.

Später in der Nacht, während der Colins Herz zwischendurch pausiert hatte, wachte Colin auf. Er war sofort hellwach. Vorsichtig hob er den Kopf, um festzustellen, dass Kei schlief. Noch vorsichtiger wand er sich aus Keis Umarmung und kletterte aus dem Bett. Weniger vorsichtig, aber dennoch leise, ging er ins Wohnzimmer, wo er das Fenster zur Feuerleiter öffnete. Er kletterte über den Sims nach draußen, lehnte sich über das Geländer und traute sich nun, zu atmen. Er keuchte mehr, als dass er nur Luft austauschte, weil er nicht laut schluchzen wollte.

Kei drehte sich um, während er schlief, und trat die Decke aus dem Bett.

Es reichte nicht. Er kletterte hinunter und stolperte achtlos über den Hof, auf dem es ein paar Parkplätze gab und an den ein Müllsammelplatz grenzte. Irgendwo konnte er ein Stückchen Rasen mit einem Zaun sehen, hinter dem irgendein Gesträuch hervorragte. Das sah sehr einsam und beruhigend aus. Als er auf dem Gras angekommen war, ließ er sich fallen und rollte sich zusammen. Es fühlte sich kalt an, aber er fror nicht. Er wischte sich die Tränen immer wieder ab, aber das brachte nicht viel, weil seine Unterarme bald genauso nass wie seine Wangen waren, also hörte er damit auf.

Kei schlief weiter. Irgendwann wachte er auf und stellte fest, dass Colin nicht mehr da war, wo er gelegen hatte als er eingeschlafen war. Wo steckst du? Er sammelte die Decke vom Boden und legte sich darunter.
Bald ist Neujahr... fiel ihm irgendwann auf.

Sein Schluchzen war nicht so laut, wie er befürchtet hatte, stellte Colin gleichgültig fest. Es hörte auch irgendwann auf, als er wieder einschlief.

Kei stand auf, zog sich an und ging nach draußen, mit nicht viel mehr an als T-shirt, Schuhen und Hose.
Den Schlüssel hatte er dabei, als er rausging. Sein Weg führte ihn in noch weniger beliebte Gegenden der Stadt.
Den blutleeren Toten ließ er auf einem Industriegebäudedach liegen. Dann ging er wieder nach Hause, zog sich aus und warf sich aufs Bett. Es waren keine zwei Stunden vergangen.

Am nächsten Morgen wachte Colin in einem fremden Bett auf. Es roch gut und war weich. Er blickte in die erstaunten und neugierigen Gesichter von zwei jungen Frauen, die an einem niedrigen Tisch unter einer Wärmedecke saßen und Mandarinen aßen. Dass sie sich leise unterhalten hatten, fiel ihm auf, als sie plötzlich damit aufhörten, sobald er wach war.

Als Kei wieder wach war, fiel ihm auf, dass Colin noch immer nicht zurück war. Er schaute im Wohnzimmer nach, wo er auch nicht war. Nur das Fenster war offen. Kei sah nach draußen. Nichts. Wo bist du?

Zögernd setzte Colin sich auf und sah sich um. Er fühlte sich ziemlich leer. Und hungrig. Aber ausgesprochen appetitlos.
"Guten Morgen," sagte eine der Frauen.
Die andere sagte "Good morning." Sie lächelten beide freundlich. Colin sah sie an. Er konnte nichts sagen. Er schaffte es auch nicht, das Lächeln zu erwidern. Das war so anstrengend.
"My name is Fumie," sagte die eine langsam.
"Ich kann Japanisch," sagte Colin heiser. "Ich bin Akira."
Sie tauschten überraschte Blicke aus.
"Du hast hinten auf dem Hof gelegen. Was ist passiert?" fragte die andere. "Bist du überfallen worden?"
"Sollen wir die Polizei rufen?"
Colin guckte nur etwas hilflos herum, ehe er mühsam aus dem Bett kroch. Fumie und die andere standen sofort auf und halfen ihm.
"Nein, ich... schlafwandeln," erfand Colin spontan.

Kei befand es für sinnlos jetzt rauszugehen und zu suchen, wenn er keine Idee hatte, wo sein Freund sein konnte. Er ging Duschen und zog sich danach an. Dann setzte er sich wieder ins Wohnzimmer und betrachtete das Fenster, als würde es ihm sagen, wo Colin war.
Kei fand es gerade suboptimal, dass Akira kein Handy (mehr) besaß und stellte sich auf die Feuerleiter, blickte nach draußen. Rauchte und spielte mit seiner Münze herum.


Thursday, August 23, 2012

Die Reinigung (Kurzgeschichte)


[Kritiken und Anmerkungen sind erwünscht. Viel Spaß beim Lesen.]


Die Wolken waren so dünn, dass es blau durch sie hindurchschimmerte. Die ganze Luft schien blau und grau zu sein. Gleichzeitig war es kalt und windig, der Boden war feucht, und es fielen gelegentlich einzelne, dicke Wassertropfen vom Himmel.
Bei diesem Wetter, in der Dämmerung, kam mir die Atemluft zwischen anderen Menschen, mit ihren verbrauchten Gerüchen und gewärmten Ausdünstungen so dreckig, stinkend und verseucht vor, dass ich am liebsten gekotzt hätte. Ich wollte den ganzen Schmutz loswerden, der mich durchsickerte, ohne dass ich etwas dagegen hätte tun können. Mit dem spärlichen Sauerstoff gelangten Kaffee-Atem, Räusperpartikel und Schweiß- und Schniefluft in meine Lunge und drangen in meinen Körper ein.
Ich wollte kotzen, weinen, spucken und bluten, um mich von diesem Dreck auszuleeren.
Mitten in dieser Unerträglichkeit wurden mir, als ich sie beim Aussteigen aus dem Regionalexpress wieder bewegen musste, die Knie weich. Meine Gliedmaßen fühlten sich wabbelig an, zitterten, wenn ich versuchte, sie zu kontrollieren, und machten mich zu einem Schwächling.
Vielleicht hatte ich versäumt, zu atmen, dachte ich, und überwand mich, diese ekelhaft stinkende, menschgewärmte Perversion von Luft einzusaugen. Aber alles, was mir das einbrachte, war ein Schwindelgefühl, das in meinem Hirn hin- und herzurollen begann. Beim Gehen, das heißt, beim Voreinandersetzen meiner zitternden Füße, wankte ich etwas und befürchtete, irgendetwas oder jemanden in der Fußgängerzone anzurempeln. Meine Muskeln waren so jämmerlich schlaff, dass ich mir noch nicht einmal auf den Lippen herumbeißen konnte.
In der Buchhandlung, in der es richtig anständig roch, sodass ich bedenkenlos durchatmete, wollte ich ein bestelltes und bereits bezahltes Lexikon für englische literarische Ausdrücke abholen. Weil ich das immer so machte, benutzte ich auch dieses Mal die Treppe, obwohl ich dafür offensichtlich zu lasch war.
An der Abholtheke gelang mir ein ganz guter Witz und die Angestellte ging darauf ein. Es war lustig und sehr angenehm, das mit so zerstreutem und wattigem Kopf zu machen, dass alles ganz von alleine ging. Ich dachte nicht darüber nach und war etwas von der Szene entrückt.

Ich hatte mir ein Spanischwörterbuch gekauft und es mir unter den Arm geklemmt. Danach sah ich mir noch ein paar der Auslagen an. Nicht zu fassen, dass in der Fremdsprachen- und Lehrbuchabteilung einer renommierten Buchhandlung wie dieser Esoterikschinken mit Titeln wie Die Medizin der Engel angepriesen wurden.
Hinter mir auf der Treppe fiel etwas zu Boden und ich drehte mich danach um.
Da lag eine junge Frau auf den Stufen, die gerade eben mit einem eigenartig benebelten Blick an mir vorbeigewandert war.
Ich lief zu ihr und räumte ihre Haare aus dem Weg, um ihr aufzuhelfen, aber ihre Augen waren geschlossen. Sie schien bewusstlos zu sein. Ich zog sie an ihren Schultern in eine sitzende Position, während eine Angestellte angelaufen kam und mich fragte, was passiert sei. Wir schafften es, die junge Frau zu wecken und waren ganz schön erleichtert, als sie die Augen öffnete und "Hö?" sagte.
Aber das war auch schon das einzige, was sie herausbekam, bevor sie wieder ohnmächtig wurde.
Die arme Verkäuferin war ganz aufgekratzt. Ich bat sie, Sanitäter oder einen Arzt aufzutreiben, während ich das Mädchen festhielt. Sie nickte und dampfte zügig ab, um zu telefonieren.

Mir war schwarz vor Augen geworden und ich war auf der Treppe eingeschlafen. So hatte es sich jedenfalls angefühlt. Gleichzeitig hatte ich aber einem fremden Mann ins Gesicht gesehen und mich gefragt, wieso der mich so ernst anstarrte, und dann noch so nah vor meinem Gesicht. Dann war ich wieder eingeschlafen und es war mir egal gewesen.

Ich lehnte das Mädchen an einen meiner Arme, um mit dem anderen ihre Sachen beiseite räumen zu können, die auf der Treppe herumlagen: ihren großen Rucksack, zwei Bücher und einen Kassenzettel.
Ein Kunde bot mir dabei Hilfe an, sie zu einem der Sessel zu tragen, die auf allen Stockwerken zwischen den Regalen standen. Das taten wir ächzend, und als die junge Verkäuferin zurückkam, brachte sie den Rucksack und die Bücher mit und legte sie neben den Sessel.

Als ich dann richtig aufwachte, sah ich zuallererst einen Schlauch vor meinem Gesicht, durch den sich eine Unmenge Blut bewegte. Er begann da, wo mein Solarplexus sein sollte. Aber als ich dorthin sah, zeichneten sich weder Brüste noch Rippen auf meinem Torso ab. Ob ich noch einen Bauchnabel hatte, konnte ich nicht sehen, hinter dem Blutschlauch verschwamm meine Sicht zu sehr. Davor erkannte ich deutlich meine Haut, die genauso gewöhnlich aussah wie immer, und den fingerdicken, durchsichtigen Blutschlauch, der von mir aus aufwärts führte. Ich wollte sehen, wohin, aber er verschwand nach oben hin in weiße Luft und zerfaserte in Undeutlichkeit.
Ich senkte den Blick wieder und betrachtete die Stelle, aus der mein Blut gezogen wurde. Die Haut schloss sich sauber um den Schlauch und machte einen vollkommen unverletzten Eindruck, so als sei der Schlauch eine Art Horn, oder ein Haar.
Und es tat auch kein bisschen weh. Genaugenommen fühlte ich gar nichts.

Das Mädchen blieb weggetreten, bis zwei Sanitäter kamen. Einer maß den Puls, was ihm schwerzufallen schien, denn er runzelte die Stirn und tastete mehrere Male auf dem Handgelenk der jungen Frau herum. Der andere leuchtete mit einer kleinen Lampe in ihre Augen. Er machte das so zügig und routiniert, dass er nicht bemerkte, dass sie ihre Augen offen behielt.
Ich jedenfalls bekam einen Mordsschreck.
Der Herr, der mir beim Tragen behilflich gewesen war, entschuldigte sich, er habe keine Zeit mehr, und ging. Die Verkäuferin blieb neben mir stehen.
"Können Sie mich hören?" Das Mädchen nickte langsam.
Der andere Sanitäter hielt immer noch verzweifelt seine Finger auf ihr Handgelenk.
"Kannst du das mal bitte probieren, ich kann hier nichts fühlen."
Der erste nahm die andere Hand und blickte auf seine Uhr. Die Frau sah ihm seelenruhig zu, bis sie der andere Sanitäter ablenkte: "Wie heißen Sie?"
Sie sah ihn an und sagte nichts. Er wiederholte seine Frage. Aber die Frau sah nur zurück zu dem Mann, der immer noch versuchte, ihren Puls zu finden, und sah dann abwechselnd mich und die Verkäuferin an.
Mit einer heiseren, dunklen Stimme sagte sie: "Danke, Mann."
"Sagen Sie mir Ihren Namen."
Sie sah den Mann an.
"Nein," sagte sie schlicht.
Der andere gab es auf, ihren Herzschlag zu erfühlen, und sagte sichtlich genervt: "Bitte, wenn Sie nicht wollen. Haben Sie denn irgendwelche Schmerzen?"
"Nein," sagte sie wieder völlig ungerührt.
"Können Sie aufstehen?"
"Ja." Sie richtete sich im Sessel gerade auf und stand auf, ohne sich auf ihre Hände zu stützen. Ihre Arme hingen an den Seiten herunter.
"Ich danke Ihnen für Ihre Mühe." Dann ging sie einfach zwischen den beiden Sanitätern hindurch, an uns vorbei, und die Treppe hinunter.
"Ihre Sachen," sagte die Verkäuferin irritiert.
"Was soll denn das?" beschwerte sich einer der Männer.

Bei genauerem Hinsehen stellte ich ohne jede Überraschung fest, dass der Schlauch nicht nur Blut aus mir heraustransportierte. Es war mit hellen Klumpen und Fetzen und faserigen schwarzen Flecken versetzt. Sie bewegten sich mit dem Blut lautlos durch den Schlauch nach oben.
Aus irgendeinem Grund beruhigte mich das sehr. Ich fühlte mich unglaublich erleichtert.
Die Erleichterung wurde langsam zu einem freudigen Glücksgefühl, das meinen Körper, zumindest meinen Torso, den ich sehen konnte, zum Glühen brachte. Das warme Licht anzusehen, war sehr angenehm und beruhigend. Diese Prozedur fühlte sich an wie eine Heilung, als ob ein giftiges Geschwür, das meinem natürlichen Mechanismus den Weg versperrt hatte, behutsam entfernt würde.
Eine weiße Wand brannte sich schmerzhaft in meine Sicht. Sie rammte sich so plötzlich in meinen Schädel, dass ich von der Wucht rückwärts gedrückt und der Schlauch unter grauenhaften Schmerzen brutal aus mir herausgerissen wurde. Das Loch in mir kreischte auf und wand sich krampfhaft, bis ich plötzlich gar nichts mehr spürte und mich wieder im Buchgeschäft befand.
"Können Sie mich hören?"
Ich bestätigte.
"Kannst du das mal bitte probieren, ich kann hier nichts fühlen," sagte ein Mann, der mein rechtes Handgelenk befingerte. Daraufhin grabschte sich ein anderer Mann meine andere Hand und tat es ihm gleich.
Er hatte eine kleine Lampe in der Hand. Damit hatte er mich zurückgerissen. Seinetwegen war ich zurück in der verdorbenen wirklichen Welt, wieder der Verseuchung und Verschmutzung ausgeliefert.
Der andere Mann sagte etwas, das ich nicht richtig hörte. Als er die Frage wiederholte, die er mir offenbar gestellt hatte, verstand ich sie und befand sie für irrelevant.
Zwei weitere Personen waren in der Nähe. Eine von ihnen war der Mann, der mich zuvor angestarrt hatte. Ich erinnerte mich daran, dass er mich festgehalten und damit verhindert hatte, dass ich die Treppe hinunterfalle. Mein Rachen fühlte sich alt und verbraucht an, aber ich musste das sagen.
"Danke, Mann."
"Sagen Sie mir Ihren Namen." Der gab einfach keine Ruhe.
"Nein."
Endlich ließ der andere Mann davon ab, mich anzufassen. Aber dafür nahm er sich etwas anderes heraus:
"Bitte, wenn Sie nicht wollen. Haben Sie denn irgendwelche Schmerzen?"
"Nein," ich hatte keine. Mehr. Aber vielleicht hätte ihm das gefallen, er hatte sie mir schließlich zugefügt.
"Können Sie aufstehen?"
"Ja," ich war mir sicher, dass ich das konnte. Ich fühlte mich nicht mehr so lasch und kraftlos. Wenn ich damit Recht hatte, konnte ich eigentlich auch gleich gehen und dann versuchen, meine Ruhe zu haben, soweit das nach dieser Erfahrung eben möglich sein konnte.
Also bereitete ich der Begegnung noch einen höflichen Abschluss, der Vollständigkeit halber. Dann ging ich.
Auf dem Weg zum Ausgang fiel mir auf, dass ich den Geruch der Bücher und des Holzes nicht mehr als angenehm empfand. Allerdings auch nicht als unangenehm, ich nahm einfach nur nicht mehr als seine Existenz und Beschaffenheit wahr.
Die vielen Menschen störten mich auch nicht mehr. Sie waren da, sie produzierten Gerüche, viele Geräusche und Temperaturen, aber nichts davon störte mich, obwohl ich alles wahrnahm.
Es war, als ob ein Kanal zwischen meiner Wahrnehmung und meiner Reflexion versiegelt worden wäre und nichts mehr aus ihr in mein beurteilendes Denken gelangen könnte.