Showing posts with label Gewalt. Show all posts
Showing posts with label Gewalt. Show all posts

Sunday, August 7, 2016

Kei + Colin LXXXII: Gute Vorsätze


Was sich drinnen und im angeschlossenen Badezimmer abspielte, war ebenfalls ruhig und gemächlich. Rupert tat, was er angekündigt hatte, ließ Badewasser einlaufen und nahm die vollgebluteten Kleider an sich, die Colin sich vorsichtig auszog. Als er das Oberteil und den kurzen Mantel wegwerfen wollte, bat Colin darum, sie behalten zu dürfen, weil sie doch neu seien und Rupert sie ihm gerade erst gekauft habe. Er werde versuchen, sie irgendwie sauberzukriegen.
Er war etwas wackelig auf den Beinen, weil sein Körper momentan kaum Blut enthielt, also ließ er sich beim Aufstehen, Ausziehen und in die Wanne steigen von Rupert stützen. Dabei war er nicht nur vorsichtig sondern auch besonders leise, um auf Keis Gitarre zu horchen. Mit friedlicher Bedächtigkeit wischte er auf dem Schaum herum, der wie das Wasser sofort stellenweise dunkler wurde, während das Blut auf seiner Haut aufweichte. Langsam und vorsichtig wischte er sich mit warmem Wasser über das Gesicht. Rupert saß zwei Schritte entfernt daneben, mit gefalteten Händen und auf seine Knie gestützt auf dem Klodeckel, und beobachtete Colin ernst.
Als Colin das Lied zu erkennen meinte, dessen Gitarrenbegleitung Kei draußen auf dem Flur spielte, lächelte er leise. Kei wurde irgendwann etwas lauter mit der Gitarre, weil ihm eigentlich egal war, ob er jemanden damit stören könnte.
Sachte begann Colin, Teile des Textes in sein warmes rosa Badewasser zu flüstern. Es war das Lied, das er an Neujahr für Kei in der Karaokebar in Tokyo gesungen hatte.
Bis Rupert ihn unterbrach.
„Tell me about Kei.“ Die Aufforderung war leise, aber bestimmt und von einem besorgten Stirnrunzeln begleitet. Colins Lächeln flachte ab und er wischte erst noch nachdenklich in seinem Schaum herum, bevor er leise zu erzählen begann. Zuerst fiel Colin ein, dass er vielleicht fragen sollte, was Rupert über ihn wissen wollte. Doch dann entschied er sich dafür, Ruperts Wohlwollen und Geduld auszunutzen, und ihm genauso von Kei zu erzählen, wie Rupert ihm gerade vor wenigen Minuten von seiner Mutter erzählt hatte. Colin hatte kaum Fragen gestellt und hatte nichts bestimmtes wissen wollen. Er hatte Rupert einfach erzählen lassen und friedlich zugehört. Und Rupert fragte ihn nun auch nichts, sondern saß bloß stumm da.

Derweil begann Kei auf dem Flur damit, verschiedene Lieder zu spielen, die er mit irgendeinem Tag verband, den er mit Colin erlebt hatte. Suna no Shiro von Mucc, das er selbst an Neujahr gesungen hatte, war das nächste.

„He's strange. And very dangerous and interesting. And cold. And talented. And serious. ... When I met him... I mean, really met him, not just in class... but even then... he was terrifying.“ Colin sprach leise und langsam. Eigentlich murmelte er nur verwirrt vor sich hin. Einiges flüsterte er beinahe andächtig. „When you look at his eyes, and they look back at you... you freeze or you melt. It makes you dizzy. ... You know he's actually in love with me? Me. I know that. I know. I do. ... Most of the things that happened weren't his fault. ... I know that...“ Er sprach hauptsächlich mit dem duftenden Badeschaum vor seinem Gesicht. „You know... No. ... I should be scared of him, do you think... You know... there was this one bloke who filmed us when we... the guy tried to blackmail me and Kei had him beaten up. And then he killed him a couple of days later.“
Nun wandte Colin ein wenig den Kopf zu Rupert, um ihn aus dem Augenwinkel anzusehen. Sein böses Schmunzeln lag etwas unter Wasser. „He'll snap the neck of anyone who touches me.“ Dann wurde sein Lächeln dünn. „He'll snap mine, too. Eventually. He might as well.“ Er tauchte sein Gesicht kurz unter und wischte sich dann darüber. „He doesn't give two flying fucks about me, really. I belong to him, that's all. He's selfish.“

Kei spielte draußen munter weiter und bewies, dass er auch lebhafte Lieder beherrschte. Colin wusste das allerdings. Naja, vielleicht hatte er es ja vergessen... Jedenfalls war Kei laut genug, drinnen im Badezimmer sehr gut gehört werden zu können.

Colin musste etwas blinzeln. Aber er wusste nicht, ob es die Seife war, die ihm in den Augen stach, oder etwas das nichts mit dem Badewasser zu tun hatte. Mittlerweile hatte er seine Stimme wiedergefunden. Er sprach immer noch ruhig und langsam und mit vielen Denkpausen, doch er war weniger entrückt und hatte normale Redelautstärke erreicht. Außerdem musste er nun nicht mehr darauf achten, Keis Musik nicht zu übertönen, denn die war nun ein wenig lauter geworden.
„You know... If I could... If I could... I keep dreaming of him. Since the pits. Before, as well. But now it's... almost like an alternate reality. ... I keep imagining him as someone with actual feelings... in another world... Who doesn't save me from kidnappers, torturers and rapists... Who takes me for a stroll in a park, holds my hand and smiles at me... who's soft when he does things. And nice. And happy...“ Er klang wieder nachdenklicher. Nach einem weiteren verschämten Tauchgang fuhr er fort: „One time, he took me hiking. And we sat down on a cliff in the heather. And he came really close... and recited Shakespeare... But that never happened. Because it was near where my granddad lives... and I remembered we never got to Scotland after all.
„And one time, we were in a pub and he played to me. And he smiled the whole time. Another... he... when he does things...“ Mit geschlossenen Augen rutschte Colin langsam unter Wasser und blieb dort. Ihm war gerade bewusst geworden, dass er Rupert beinahe von Sex mit Kei erzählt hätte. Er musste davon erzählen, aber Rupert? Der war nun praktisch ein Elternteil. Und... das war viel zu privat.
Beinahe weinte er unter Wasser, oder es war tatsächlich die Badeseife, die ihm in den Augen brannte, und er tauchte wieder auf, kurz bevor Rupert aufstehen wollte um ihn herauszuziehen.

Kei spielte draußen weiter. Fröhlichere Lieder. Diesmal spielte er World is Mine von Plunkrock.

„I can't-! I don't know how-! I don't-!“ Frustriert patschte Colin mit der Faust auf die Wasseroberfläche. Aber nur sehr halbherzig. Rupert neigte nur etwas den Kopf und hörte und sah weiter genau zu. „I can't keep going-! This is...“ Colin wischte sich über das Gesicht. Nun wusste er sicher, dass er weinte. „It's not even his fault. He doesn't understand anything. I... He doesn't know how... He doesn't see it. Or he doesn't know how to...“ Er gab ein frustriertes Ächzen von sich. Rupert kaute mit besorgtem Blick auf seiner Zunge herum.
„Is that why you want to die?“ wagte er. „Because of him?“
„I don't want to die, for fuck's sake...“ Colin schnaubte etwas genervt, aber sprach ruhig weiter. „I can't die. I just don't want to go on living.“

Kei, sehr gut darin höflich und unhöflich zur gleichen Zeit zu sein, machte mit der akustischen Belästigung seiner Umgebung weiter um sich davon abzuhalten, den beiden zuzuhören.

„Why?“ fragte Rupert weiter.
Colin lehnte sich zurück und sah an die Decke. Sogar die sah edel aus. Er schloss die Augen, um über seine Antwort nachdenken zu können. Keis Musik war nicht mehr auszublenden. Und sie veranschaulichte so wunderbar, was ihn kaputtmachte. Es passierte genau jetzt und er musste nichts weiter tun, als dieses augenblickliche Empfinden zu beschreiben.
„Because half of what he does is amazing. And the other...“ Die fröhliche Musik schob sich durch seinen Körper wie ein scharfer Hobel, der tonnenschwer Teile seiner Seele abraspelte, mit jedem Akkord und jedem Takt. „It's a punch in my guts!“ rief er, damit Kei ihn auch hören konnte.

Tat er. Aber weil er den Rest des Satzes nicht kannte, nahm er sich vor, später danach zu fragen.

Colin sah den immer besorgteren Rupert mit verzweifeltem Trotz an und sprach beinahe so laut weiter: „Do you know how often I've been kidnapped and raped? Neither do I! I've been drugged and unconscious and I JUST LOST COUNT!“ Er sah Rupert nicht einmal mehr direkt an, sondern irgendwie durch ihn hindurch oder knapp an ihm vorbei, sodass dem Mann trotz seines Schreckens über das, was Colin da von sich gab, sofort klar war, dass der Junge nicht ihn anschrie.

Kei hörte das und sollte er mit dem Anschreien gemeint gewesen sein, hätte er ‚Neither do I know‘ zurückgeschrien. Das wollte er allerdings nicht. Zum Einen, weil er wusste, dass Colin das klar war und zum Anderen, weil es nicht seine Schuld war.

Colin stützte sich auf den Badewannenrand und beugte sich darüber vor. „ASK him how defective I am. I can tell you right now what he'll say.“ Das Folgende schleuderte Colin auf Japanisch in den Raum, sodass Rupert nur verständnislos zurückstarren konnte. „Du bist viermal entführt worden, einmal gestorben, hast diverse Male versucht, dich umzubringen, du warst 'ne Untergrundkäfigkampfattraktion, sie wollten dich zu 'ner Crackhure machen, du hast deine abgeschlachtete Familie an Heiligabend gefunden... Du bist also ziemlich kaputt!“ Er hatte sich große Mühe gegeben, nicht zwischendurch zu schluchzen, aber es passierte trotzdem. „He actually said that! Word for word! I'll never forget it! He said that to me!“

Kei wusste, dass Colin deshalb sauer war, aber, dass er sich alles, was er unglücklich formulierte, so sehr zu Herzen nahm, war ihm nie richtig bewusst gewesen.

„He always helps me out when it counts. He's always there when I need him. And then he takes over. He always pulls me out of the deepest shit. He's saving me all the time, from everything. Just so that he can finish me off himself.“ Colin setzte sich wieder hin. „I can't stop letting him. I'll let him treat me any way he wants, literally. But it's... I wish I had an empty chest. I could bear it then.“ Nun sprach er tatsächlich wieder mit Rupert, aber wieder ohne ihn anzusehen. „You know how everything clenches in your ribs? Like something's tugging on it and twisting everything in there... that's when I've wished too much. And he's strangling it all, my lungs and heart and everything, and he doesn't even know.“

Kei wurde mit der Gitarre etwas leiser, als er anfing, wieder ruhigere Lieder zu spielen.

Zeitgleich wurde Colin auch wieder leise und verstummte schließlich ganz. Rupert wartete noch lange stumm und beinahe reglos, bis Colin ganz aufgehört hatte zu weinen, der Schaum komplett verschwunden war und sich sämtliches Blut von Colins Haut im Wasser aufgelöst hatte. Wortlos einigten sie sich darauf, dass er nun hinauskonnte, und Rupert holte ihm ein Handtuch aus dem Schrank und den großen, weichen Bademantel aus dem Schlafzimmer, während Colin das dunkle Wasser ablaufen ließ und sich selbst und die Badewanne noch mit klarem Wasser abspülte.
Zurück in Colins Zimmer sagte Rupert noch etwas, gedämpft von dem flauschigen Stoff des Bademantels auf Colins Schulter, während er ihn umarmte. Als er ihn losließ, schloss er mit: „Your mother was my Kei,“ und lächelte dabei leise.

Kei hatte keine Ahnung wie spät es war und hatte das Bedürfnis sehr laut zu spielen, also ging er, nachdem er sein Plektrum gesucht und gefunden hatte, nach draußen. Er ging irgendwo in den Garten, wo er meinte, dass man ihn zwar hören aber nicht wegen der Lautstärke umbringen würde.
Dort wurde er auch in Ruhe gelassen.

Überhaupt schien auf dieser Seite des Schlosses sehr wenig los zu sein. Vorn war dafür die Hölle los. Kleintransporter und Lieferwagen unterschiedlicher Unternehmen aus der Gegend parkten vor dem Flügel mit dem Seiteneingang, den alle benutzten, wenn sie mit den Motorräden unterwegs waren. Seit dem frühen Vormittag, während Rupert sich noch um Colin gekümmert hatte, herrschte dort und im gesamten Erdgeschoss große Geschäftigkeit, als Leihservice, Catering Service, Floristen und Handwerker Dinge durch die Gegend trugen, Möbel verrückten und ihrer respektiven Arbeit nachgingen.
Rupert ließ sich notgedrungen überall ein paarmal blicken, mischte sich in die Vorbereitung der Gala aber nicht ein. Auch die Planung hatte er anderen überlassen und nur insofern beeinflusst, als dass er die angekündigten Gäste genau überprüft und zu den Vorschlägen seiner Köchin und des Haushälters entweder Ja oder Nein gesagt hatte.

Kei veranstaltete derweil ein leises privates Rockkonzert und zeigte sich nicht unter den Leuten. Da man ihn dort, wo sie unterwegs waren, durch den Trubel überhaupt nur hören konnte, wenn man auf der Rückseite des Schlosses ein Fenster öffnete und genau horchte, oder gar das Gebäude ganz verließ und über die Terrasse in den Garten hinunterging, störte er niemanden. Nur wenn es drinnen zwischendurch ruhiger wurde, fiel den Vorbereitern, die sich für eine Raucherpause auf die Terrasse begeben hatten, die Musik deutlich genug auf, um ihr zuzuhören, wenn sie dazu die Muße hatten.
Irgendwann am Nachmittag trat jemand schwarzgekleidetes zwischen zwei übermannshohen Hecken hervor und schlenderte gelassen auf Kei zu. Es war Delilah. Scheinbar besaß sie keine Kleidung, die nicht aus hautengem schwarzem Leder oder Kunstleder bestand. Sie hielt die Hände locker hinter dem Rücken und wurde langsamer. Kei bemerkte zwar, dass sich ihm jemand näherte, aber es kümmerte ihn nicht weiter. Er achtete auch nicht darauf, wer das sein konnte. Delilah kam bis auf wenige Meter an ihn heran, bevor sie stehenblieb und ihm einfach zusah.
Die Saiten seiner Gitarre waren am Hals mittlerweile vollständig nass und rot von seinen zerschundenen Fingern, was Kei aber nicht zu stören schien. Dank des Plektrums hatte wenigstens seine rechte Hand zu bluten aufgehört.
Delilah hörte zu und beobachtete ihn dabei. Nachdem Kei sie einige Minuten lang gitarrespielenderweise völlig ignoriert hatte, erklang ihre monotone Gedankenstimme in seinem Kopf: ‚Die Karte.‘
„Was für ne Karte?“ fragte Kei und blickte auf. Delilah wischte ein paar Finger gegeneinander um ‚Geld‘ anzudeuten. Dazu sendete sie ihm den Gedanken ‚Rupert‘.
„Ach die.“ Mit der nicht blutigen Hand zog Kei Ruperts Kreditkarte aus seiner Hosentasche und gab sie Delilah. Den Preis seiner E-Gitarre verschwieg er dabei lieber. Sie steckte die Karte in eine Jackentasche und nickte auf Keis linke Hand. Er winkte ab. „Wächst wieder zu.“
Sie nickte. Dann deutete sie zwischen Kei und sich selbst hin und her und mimte ein paar Handkantenschläge. Kei nickte leicht. „Ich bring erst die Gitarre weg.“
Sie winkte ab. ‚Morgen.‘
„Okay.“ Kei machte sich dennoch auf den Rückweg zum Schloss und in sein Zimmer. Delilah sah ihm etwas nach, ehe sie ihre Wachrunde fortsetzte.

Im Schloss wurde Kei von jedem, dem er begegnete, etweder ignoriert oder mit kaum mehr als einem kurzen Blick und einem schnellen Kopfnicken begrüßt. Die zwei bis drei dutzend Menschen, die im Erdgeschoss unterwegs waren, waren allesamt schwer beschäftigt. In der fertig geschmückten Eingangshalle war wenig los, die Menschen eilten nur vereinzelt durch sie hindurch um zwischen Küche und Lagerräumen und dem Saal, der Bibliothek und dem Salon hin und her zu gelangen. Die große Treppe zur Galerie war auf der vierten Stufe mit einer Kordel abgesperrt.
Kei beachtete das Treiben kaum. Er ging in sein Zimmer hinauf, während seine Hand langsam zu bluten aufhörte und die Wunden sich zu schließen begannen.

Als er aus dem Badezimmer Wasserrauschen vernahm, horchte Colin auf. Er hatte den ganzen Mittag und Nachmittag hier drinnen verbracht. Er hatte versucht, seine neuen Kleider auszuspülen und es nicht geschafft, das Blut ganz aus ihnen herauszubekommen, aber da sie dunkel waren, konnte man die ausgewaschenen rostbraunen Flecken sowieso kaum sehen. Jacke, Longsleeves und Hose hingen nun nass auf dem Handtuchtrockner im Badezimmer und tropften auf die Fliesen.
Zwischendurch hatte es kurz an der Tür geklopft. Davor hatte nur eine abgedeckte Suppenschüssel mit rohem Fleisch gestanden. Randvoll. Diese war mittlerweile leer und wieder von seiner Türschwelle abgeholt worden. Die restlichen Stunden hatte er mit Nachdenken, Dösen und auf dem Fensterbrett sitzen verbracht.
Nun hörte er zu, wie Kei duschte. Und wartete. Bereitete sich innerlich auf den Moment vor, in dem das Rauschen aufhören würde.

Kei duschte gewohnheitsmäßig ewig und daher dauerte es ganze zwanzig Minuten, bis Colin vernehmen konnte, wie das Wasser wieder ausging. Beim Verlassen der Dusche fielen Kei die nassen Kleider auf, aber er beachtete sie nicht groß und nahm sich ein großes Handtuch.

Bis dahin hatte Colin es bis zu seiner Badezimmertür geschafft, an der er nun lehnte und horchte.

Halb abgetrocknet verließ Kei das Badezimmer wieder in Richtung seines Zimmers - wohl wissend, das Colin an der anderen Tür stand - und suchte sich ein paar Kleidungsstücke heraus.

Jetzt, dachte Colin, Jetzt, jetzt... Was wollte ich nochmal machen?

Kei zog sich Jogginghose und Tanktop an und legte sich auf sein Bett.

Colin schlug einmal die Stirn gegen die Tür und rubbelte sich über die noch raspelkurzen Haare, bevor er die Tür öffnete und langsam durch das Badezimmer ging.
Kei lag mit Blick in Richtung Decke auf dem Bett.
Colin blieb im Türrahmen stehen und sah Kei an. Er gab sich Mühe, keinen bestimmten Gesichtsausdruck zu haben, was natürlich nur dazu führte, dass man ihm jedes kleine Bisschen seines breit aufgefächerten Unwohlseins ansehen konnte. Kei drehte sich leicht in Colins Richtung und musterte ihn eine Weile, bevor sich sein Blick in ein Fragezeichen verwandelte.
Irgendetwas beschleunigte Colins Herz und Atem, während er sich nicht entscheiden konnte, ob ihn Keis Blick gerade erleichterte, besorgte oder enttäuschte. Seine Finger zuckten und er schob sie sich eilig in die Hosentaschen. Außerdem musste er dringend seine Socken betrachten. Er hatte jedes Wort, das er sich stundenlang zurechtgelegt hatte, vergessen.
Kei verkniff sich ein Schmunzeln. So wie Colin dastand, wirkte er, als müsse er irgendeinen Vortrag halten. „Warum so nervös?“ fragte er schließlich. Colin schluckte und kaute sich auf der Zunge herum.
Don'tcrydon'tcrydon'tcry.
Kei betrachtete ihn geduldig und blieb auf seinem Bett liegen. Er sah, dass irgendetwas mit Colin nicht stimmte, aber was das war, wusste er nicht. „Was ist los?“
Lange stand Colin da und blickte vor sich auf dem Boden herum, unschlüssig und zunehmend verzweifelter, weil ihm nicht einfallen wollte, was er sagen oder tun sollte, musste, wollte... Immerhin schaffte er es tatsächlich, nicht zu weinen.
Kei hatte keine Ahnung, was Colin gerade eigentlich wollte. „Du musst nicht im Türrahmen stehen bleiben...“
Daraufhin hob Colin endlich den ratlosen, verzweifelten Blick, und sah Kei hilfesuchend an. Aber bewegen konnte er sich nicht. Er hätte nicht gewusst, wohin er sich bewegen sollte.
Hätte Kei jetzt sowas gesagt wie ‚Ich beiße nicht,‘ wäre das gelogen gewesen, also tat er das nicht und deutete stattdessen durch den Raum. „Du kannst ruhig herkommen...“ Ich kann dir aber nicht sagen, was du mir sagen wolltest, das muss dir allein wieder einfallen.
Ein wenig verfluchte Colin sich selbst, als er zögerlich auf das Bett zuging und dabei sein Puls schon wieder wilder wurde. Auf dem Weg blinzelte er die Tränen weg, doch seine Augen blieben feucht. Kurz vor der Bettkante blieb er stehen, die Schultern immer noch hochgezogen und die Hände verkrampft in den engen Hosentaschen. Kei sah, dass Colin beinahe weinte, kommentierte das aber nicht. „Ich köpf' dich nicht. Du kannst mir ruhig sagen, was so wichtig ist...“ versuchte er ruhig. Colins Mund bewegte sich etwas. Dann fiel ihm auf, dass gar keine Laute herausgekommen waren, und er begann von Neuem:
„Hast du das ernst gemeint?“
„Heute morgen? ... Ja.“ Sonst hätte ich es dir kaum gesagt...
„... Meinst dus immer noch?“
„Ganz so schnell ändere ich meine Meinung nicht,“ sagte Kei leise.
Ganz plötzlich beruhigte Colin sich zusehends. Seine Schultern senkten sich und er kletterte zu Kei aufs Bett, wo er sich neben ihn kniete, ohne die Hände aus den Taschen zu nehmen. Kei drehte sich ein Stück zu ihm, sodass er auf der Seite lag.
„Es ist vielleicht,“ begann Colin, dann kniff er die Lippen zusammen.
„Es ist vielleicht was?“ fragte Kei leise. Er hörte Colin aufmerksam zu und beobachtete ihn gleichzeitig.
Das konnte Colin nicht sagen, während Kei in ansah. Er vergaß schon wieder, was er im Begriff war zu sagen. Er legte sich zu Kei, dicht, um sein Gesicht irgendwo an ihm zu vergraben. Kei ließ ihn machen und wandte das Gesicht zur Decke, darauf wartend, wie Colins Satz weitergehen würde.
„Es ist vielleicht dumm, aber ich vermisse dich immer,“ sagte er gedämpft an Keis Schulter. Kei war ein wenig erstaunt darüber, dass das Colins große Schwierigkeit sein sollte, die er nicht sagen konnte. Er legte einen Arm locker auf Colin und drehte den Kopf so, dass er dessen kurze Haare sah. „Weißt du, was du tust?“
„Jetzt gerade?“
„Nein... wenn du... Crackhure und abgeschlachtete Familie sagst.“ Colin klang ruhig, fast matt.
Kei wusste, dass Tatsachen formulieren schon mal nicht die richtige Antwort war. Keine Antwort war auch eine Antwort und in Keis Fall hieß sie eigentlich immer Nein.
Als keine verbale Antwort kam, hob Colin etwas den Kopf, um Kei anzusehen und sein Gesicht zu studieren. „Nicht?“
Er wusste es wirklich nicht. Das sah man seinem Gesicht auch an. Kei hatte keine Ahnung, wie Menschen und ihre Emotionen funktionierten und Colin erschien ihm zudem nicht als normal. Das war zwar gut, aber im Hinblick auf Keis nicht vorhandene Sozialisation nicht gerade vorteilhaft.
Colin schnaubte etwas und nickte, aber musste auch wieder schlucken. Natürlich. Er wusste doch, von Anfang an, dass Kei ein triebgesteuertes Raubtier war. Er wusste auch, dass er selbst, Colin, jeden anderen, jeden normalen und noch so verständnisvollen richtigen Menschen, wahrscheinlich genauso überfordern würde wie diesen soziopathischen Vampir.
Er überlegte kurz, wie er Kei dabei helfen könnte, sein Versprechen, sich zu bessern, einzulösen.
„Ich erklärs dir metaphorisch... Wenn ich so aussehe wie jetzt und du sowas sagst, dann... stell dir vor, ich säße mit gebrochenen Beinen herum, und du... du schießt mir dann noch in die Kniescheiben. Wenn ich so bin wie gestern - und ich erinnere mich sehr gut-“ Er legte den Kopf wieder auf Keis Brust. „Und dich und alles für Phantasmen halte, während ich in Wirklichkeit blind in einem Loch angekettet bin, und du mich dann... bei den Mülleimern...“ Seine Stimme wurde leiser. „Dann liege ich mit offenem Brustkorb auf der Straße herum und du... greifst rein. Und reißt alles raus. ... Verstehst du?“
Kei hörte zu, mit Bildern im Kopf. Er nickte leicht. Colin nahm das Nicken wahr, wenn er auch nicht genau hinsah. „... Ist das bei dir nicht so?“
Da es Kei ziemlich selten so ging, als reiße man ihm sein Herz heraus, war das bei ihm tatsächlich nicht so. „Bisher hat mir noch keiner das Herz herausgerissen... oder es versucht.“
Colin schluckte wieder und musste ein bisschen lächeln, passte aber auf, dass Kei das nicht sah. „Vielleicht war das zu bildhaft.“ Er strich mit einer Hand über Keis Brust und Bauch.
Kei lachte ein bisschen. Auch im metaphorischen Sinne war das noch niemandem wirklich gelungen. Jedenfalls nicht in der Form, die Colin beschrieben hatte.
„Lass es mich so sagen...“ Nun wurde er wieder leiser. Verlegenheit machte das mit seiner Stimme. Er sah auch an Kei hinunter, damit dieser sein Gesicht nicht direkt sehen konnte. „Du hast die Macht, mich glücklich oder unglücklich zu machen. Dafür brauchst du nur den Mund aufzumachen. Oder dich wegzudrehen. Oder mich anzufassen. Irgendwas.“
„Hm.“ Kei nickte. Er wusste nichts darauf zu antworten.
„... Verstehst du?“ fragte Colin zögerlich, ohne den Blick vom Bund von Keis Jogginghose abzuwenden.
Er nickte. „Ja.“
Colins Hand hielt still und blieb irgendwo neben Keis Bauchnabel halb unter seinem Tanktop liegen. „Das war schon immer so.“
Kei machte die Augen zu. Irgendwo war ihm das klar. Er antwortete nicht, weil das so ein Satz war, auf den man schlecht antworten konnte. Colin sagte auch eine Weile nichts mehr, und atmete nur ruhig und warm auf Keis Haut. „Entschuldige,“ flüsterte er schließlich kleinlaut.
„Wofür?“
„... Dass ich so schwierig bin... Aber ich brauche dich, um nicht wahnsinnig zu werden.“ Während er das sagte, spürte er sein Gesicht und seine Hände heiß werden. Etwas drohte, in ihm hochzusteigen und ihn wieder zum Weinen zu bringen, aber er hatte partout keine Lust darauf, also schluckte er das Gefühl der Verlassenheit und Betrogenheit hinunter.
Kei schwieg lächelnd. Zumindest eine Weile. Weil er nicht glauben konnte, dass Colin sich entschuldigte obwohl er nichts getan hatte... Kei verstand Menschen einfach nicht. Sie funktionierten komisch. Colin streichelte seinen Bauch noch ein bisschen. Dann sah er auf.
„Vorschlag.“
„Ich höre.“
„Ich helfe dir dabei, dein Versprechen einzulösen und du hilfst mir dabei, nicht wahnsinnig zu werden.“
„Deal. Ich bin schon wahnsinnig.“
Colin schmunzelte. „Bist du nicht.“
„Meinst du?“
„Nein, ich weiß es.“
„Naja. Eigentlich kann mir das egal sein.“
„Ob du wahnsinnig bist?“ Colin rutschte etwas auf Kei, um sich auf ihn zu stützen und ihn mit dem Kinn auf den Fäusten anzusehen. Um ihm das zu erleichtern, drehte Kei sich ganz auf den Rücken.
„Ja.“
„Wahnsinnig sein ist scheiße,“ entschied Colin gelassen. Mittlerweile hatte er genug damit geflirtet um zu wissen, wovon er sprach. Und er bereute nun, Kei so lange als wahnsinnig bezeichnet zu haben. Ein klareres Bewusstsein als er hatte Colins Erfahrung nach so gut wie niemand.
„Da sind wir uns einig,“ stimmte Kei ruhig zu.
„Warum glaubst du, dass du irre bist?“
„Weil man irre sein muss, um nach unserer Reise nicht durchzudrehen.“
„Bolivien und Brasilien waren schön,“ meldete Colin leise. „Und die Fahrt nach Kuba. So hätte alles bleiben können. Für immer.“
„Ja. Wir reisen einfach bald weiter. Ich kann eh nicht lange an einem Ort bleiben.“
Colin blickte zur Seite. „Was ist mit der Instanz? Die schnappen uns doch sofort.“
„Wir bleiben mit den Leuten hier in Kontakt. Die können uns helfen.“
„...“ Colin schien den Gedanken nicht so super zu finden.
„Hast du ne bessere Idee?“
„Hierbleiben und helfen...“
„Das ist eh der Plan für jetzt. Aber es ist nicht gesagt, wie viele Leute die haben,“ sagte Kei.
„Wer? Dennis oder die Instanz?“
„Beide.“
„Wenn wir die Instanz nicht besiegen können, sind Dennis und seine Leute trotzdem die bessere Wahl,“ sagte Colin. „Sie haben die Ressourcen und die Erfahrung, um uns alle versteckt zu halten. Außerdem mag ich sie.“
„Ich weiß. Ich finde es hier auch nicht schlecht. Aber ich will nicht immer versteckt sein.“
„Solange es die Instanz gibt, müssen wir das aber. Ob mit oder ohne Dennis. Sie kontrollieren ganz Westeuropa,“ gab Colin zu bedenken.
„Vergiss Japan nicht. Und was sie sonst noch kontrollieren, weiß ich nicht.“
Colin nickte. „Darum müssen wir hierbleiben. Allein schaffen wir's nicht, unterzutauchen. Außerdem...“
„Hm?“
„Rupert hat uns angeboten, dass wir hier leben.“
„Ich weiß,“ sagte Kei.
„Ich meine, so richtig, für immer.“
„Ich will trotzdem reisen.“ Keis Heimat würde Japan bleiben. Tokyo. Kein bestimmter Ort. Der Untergrund der ganzen Stadt. Colin sah ihn besorgt an. „Ich kann nicht ewig an einem Ort bleiben,“ wiederholte Kei. Mit etwas traurigem Blick breitete Colin die Arme aus und legte den Kopf auf Keis Brust. „Ich hab nichts dagegen, hier zu bleiben. Ich kann nur nicht ständig an diesem Ort sein.“ Kei war zu rastlos dafür. Er wollte viel unterwegs sein und nicht das Gefühl haben, irgendwo festzusitzen.
„Dennis will dich sowieso einspannen. Dann kommst du rum,“ sagte Colin.
„Ich will auch mit dir rumkommen.“
Darauf konnte Colin nichts entgegnen. Er wollte mit Kei überallhin. Aber mit der Instanz im Nacken...
Die konnte man ja nebenbei vernichten.
Nebenbei.
Kei legte einen Arm wieder locker um Colin. Colin zog sich etwas hoch und stützte sich neben Keis Schultern auf, um ihn sanft zu küssen. Kei erwiderte den Kuss.
„Ich will auch mit dir rumkommen,“ sagte Colin schließlich leise, indem er Kei ernst in die leuchtend blauen Augen sah. „Wenn... später.“
Später. Das war so ein Wort, dessen Bedeutung Kei nicht so ganz geläufig war. Aber er hatte Zeit. Viel davon.
Um seine Arme etwas zu entlasten, legte Colin ein Bein um Kei und kniete rittlings auf ihm. Er sah ihn weiter an. Kei erwiderte den Blick mit einem zufriedenen Lächeln.
„Wollen wir mit dem Unterricht anfangen?“ fragte Colin leise mit etwas verschmitztem Lächeln.
„Unterricht?“ Kei schaute so, als hätte Colin ihm gerade gedroht. Colin musste schmunzeln.
„Du hast versprochen, dich zu bessern. Und ich habe versprochen, dir dabei zu helfen.“
„Achso.“ Kei lächelte. Colin setzte sich auf.
„Also, wir können mit den binomischen Formeln anfangen...“
Kei seufzte. „Dein Ernst?“ Mit sardonischem Schmunzeln und hochgezogenen Brauen neigte Colin leicht den Kopf. „Folter mich doch nicht mit Mathe.“ Kei lächelte. Er ging davon aus, dass Colin das nicht ernst meinen konnte. Nach einem graziösen Schulterzucken beugte Colin sich wieder etwas vor.
„Dann eben Ernst. Die erste Lektion. Sag mir, was du gerade denkst.“
Kei gefiel die Tatsache dass Colin auf ihm saß besser als die, dass er wissen wollte, was er dachte. Zumal das nichts neues war. Doch Colin studierte sein Gesicht und schien auf eine Antwort zu warten.
„Der Tag kann gerne eine Weile so bleiben,“ sagte er schließlich. Er würde Colin seine ganzen Gedanken nie mitteilen, das wollte er auch gar nicht, aber einiges konnte Colin ruhig wissen. Colin schnaubte etwas.
„Komm schon, ganz ernsthaft. Wenn du immer so ein Roboter bleibst, treibst du mich in den Wahnsinn. Bitte.“
Kei wusste nicht so ganz, auf welche Gedanken Colin hinauswollte. „Kannst du nicht gedankenlesen - Nein, das wäre uncool,“ dachte er laut. Colin grinste und winkte ab.
„Egal. Darum geht es jedenfalls. Egal was du jetzt denkst. Du musst - ich kann nicht gedankenlesen, darum musst du mir zwischendurch davon erzählen. Dein Gesicht ist diese perfekte No-Maske...“
„Aber nur manchmal,“ entgegnete Kei mit leichtem Lächeln. Colin nickte. Er sprach leise weiter.
„Manchmal. Wenn dir etwas durch den Kopf geht, das ich wissen soll. Oder wenn es einfach wichtig ist. Oder lustig. Verstehst du? Sonst weiß ich vielleicht nicht, was los ist.“
„Ja, wenn es wichtig ist.“ Keis Verständnis von mitteilungswürdig wich wahrscheinlich sehr von Colins ab.
„Und? Jetzt ist es wichtig. Was fühlst du gerade?“
„Ich bin ein bisschen besorgt und ein bisschen gelangweilt.“
Mit einem frustrierten Stöhnen richtete Colin sich wieder auf und hielt sich die Hände vor das Gesicht. Das würde ein langes, hartes Stück Arbeit werden.
Kei musste lachen.
„Lach nicht, du Idiot. Ist für dich alles nur ein Witz?“ Colin wirkte genervt, aber nicht so richtig wütend.
„Dann hätte ich immer gute Laune.“
Colin schnaubte etwas. „Und warum hast du die nicht? Idioten sind doch eigentlich immer glücklich.“
„Weil ich kein Idiot bin... also nicht immer.“
„Oh, verzeih,“ sagte Colin mit leichtem Augenrollen, „sah von hier aus so aus.“ Er wusste, dass er unfair war, aber seine Ungeduld ließ ihn Dinge tun, die sein nackter Verstand nicht guthieß.
„Pff.“ Kei drehte sich einfach unter Colin um, sodass er auf dem Bauch lag und Colin von ihm herunterklettern musste, um nicht mit umzukippen.
„Es tut mir Leid, entschuldige,“ versuchte Colin beschwichtigend.
Es klopfte an der Tür.
„Is offen,“ brummte Kei.


Monday, June 27, 2016

Kei + Colin LXXVII: A small indentation


In ihrem Zimmer angekommen kramte Kei nach frischen Kleidungs-stücken. Er fand eine nicht gelöcherte, leicht enge schwarze Jeans und ein dunkelgraues T-shirt. Zusammen mit frischen Boxershorts zog er beides an. Um den Hals trug er seine Plektrumkette und die alte Yenmünze. Beides nahm er nur sehr selten ab.
Colin fand im Schrank auch Socken, eine schwarze Jeans, ein schwarz-weißes Sex Pistols-T-shirt und Boxershorts für sich. Als er seine Haare aus dem Kragen des T-shirts zog, fühlte er darüber und wollte gleich in einen Spiegel sehen.
"Ich brauche einen Kamm. Oder stehen mir Dreadlocks?" Er schmunzelte dünn.
"Nimm den Kamm." Kei schmunzelte und suchte sich noch ein Paar Socken. Seine Haare ließ er nass und wirr von seinem Kopf hängen. Erst nach dem Anziehen fiel ihm auf, dass das T-shirt, das er trug, mit dem Logo der japanischen Band 'X' bedruckt war.
"Schau mal, Heimat zum Anziehen."
Colin lächelte matt. "Wem gehören die Kleider?"
"Keine Ahnung. Jetzt uns schätze ich." Kei zuckte mit den Schultern.
Nach einem zufriedenen Blick auf die beiden Anhänger, die vor Kei baumelten, öffnete Colin die Tür.

"Na endlich," rief Dennis vom Küchentisch aus. Vor ihm lag eine ausgebreitete Zeitung. Frau Quan saß auch am Tisch und hielt eine dampfende Tasse fest, während sie auf eine Zeitungsseite guckte. An der Küchenzeile neben dem Herd lehnte Delilah.
"Man wird ja wohl noch duschen dürfen," kommentierte Kei Dennis' Ausruf und setzte sich an den Tisch. Colin musterte alle Anwesenden vorsichtig und setzte sich zögerlich dazu, neben Kei. Dennis musterte ihn mit seinem gütigen, offenen Blick, Frau Quan lächelte fürsorglich und stand auf, und Delilah starrte Colin unverhohlen an. Sie hörte auch nicht damit auf, als sie ihren Kaffeebecher hob und daraus trank. Kei wendete sich dem Frühstück zu und ließ seine Verwandten unbeachtet. Er verhalf sich zu einer Tasse Kaffee. Irgendwann ging ein fragender Blick von ihm zu Delilah.
Frau Quan quakte ein bisschen in ihrer fremden Sprache, aber viel sanfter und netter als Kei sie bisher gehört hatte, und schien Colin damit sein Frühstück anzubieten. Der riss seinen Blick von Delilah los, um zu nicken und den Kopf zu schütteln, sodass nach dieser ziemlich einseitig scheinenden Verständigung schließlich eine Tasse Tee, Milch, Toast, Butter und Orangenmarmelade vor Colin standen.
"Thanks," murmelte er leise, fast unhörbar, aber Frau Quan schien das wahrgenommen zu haben, als sie sich lieb lächelnd wieder setzte.
Delilah traf Keis Blick mit ihrem ausdruckslosen, dann sagte sie etwas mit einer Hand. Kei schaute zu Dennis.
"Übersetzung bitte." Der Vampir war leicht genervt davon, dass Delilah nicht sprechen konnte, aber das konnte er nicht ändern. Dennis sah zu Delilah, mit skeptisch hochgezogener Augenbraue, und sie hob ihre eigenen und nickte streng.
"... War es das wert..." grummelte Dennis verlegen und kratzte sich am Kopf. Es war ihm offenbar unwohl bei der Äußerung.
Colin sah vom Milch- und Zuckereinrühren in seinen Tee zu Dennis auf, dann zu Delilah, die Kei weiter ungerührt ansah.
"War was was wert?" Kei mochte keine Rätsel. Er wollte ganze Aussagen, keine nicht mal halben.
Dennis atmete angespannt ein und kniff die Lippen zusammen, als er zu Delilah blickte, die ihre Tasse hinter sich gestellt hatte, um mit beiden Händen zu sprechen. Nun war ihr Gesicht nicht mehr so ausdruckslos, sondern sah beinahe vorwurfsvoll aus.
"Er dort, ihn im Badezim- nein, das übersetze ich nicht."
Delilah sah Dennis streng an und schlug neben sich auf die Arbeitsfläche.
"... dafür haben wir unser Leben aufs Spiel gesetzt und unsere Anonymität aufgegeben - Ist der da ein so guter - Das übersetze ich nicht!" Dennis wandte sich wieder seiner Zeitung zu, während Delilah ihn wütend anstarrte.
"Red weiter. Ich will's wissen," sagte Kei völlig unaufgeregt. Delilah nahm einen scheinbar wütenden Schluck Kaffee. Dennis sah vorsichtig zu Frau Quan, als ob er damit sichergehen wollte, dass sie wirklich kein Japanisch konnte, ehe er antwortete.
"... Ist er ein so guter Fick..." Er räusperte sich verlegen und guckte dann furchtbar beschäftigt in seine Zeitung. Delilah blickte herausfordernd zu Kei.
Colin spuckte seinen Tee zurück in die Tasse.
Kei fing an zu lachen. Er guckte Delilah mit hochgezogenen Augenbrauen an.
"Das müsstest du wissen, wenn du zugehört hast," entgegnete er. Dennis musste auch lachen. Colin sah amüsiert lächelnd zu Kei und dann zu Delilah. Die schaute verdutzt und musste dann ebenfalls schmunzeln.
Sie sagte etwas.
"Das war abgrundtief dämlich," übersetzte Dennis lachend.
"Was war abgrundtief dämlich?" fragte Kei, seinen Kaffee trinkend.
"Die Rettungsaktion. Zu gefährlich. Zu riskant," sagte Dennis.
"Ist dabei jemand..." meldete Colin sich leise zu Wort, und Dennis verstummte, um ihn anzusehen. "... ist dabei jemand gestorben? Oder verletzt worden?" Colin saß verkrampft da und sah Delilah vorsichtig an. Sie verneinte mit einem langsamen Kopfschütteln.
"Also... ich bin froh, dass ihr's gemacht habt," sagte Colin seinem Marmeladentoast.
Betretene Stille.
"Danke."
"Wäre sie ungefährlich gewesen, wäre ich nicht daran beteiligt gewesen," meldete Kei gelassen. Ich auch. Allein hätte ich das niemals geschafft.
Colin sah ihn an. Ernsthaft? Musst du jetzt einen auf Macho machen?
Dennis schmunzelte belustigt.
"Gern geschehen," sagte er.
Delilah stellte ihre Tasse wieder ab und ging forsch auf Colin zu. Kei schmunzelte leicht und widmete sich seinem Essen. Colin sah zu Delilah auf, vorsichtig überrascht. Sie streckte eine Hand aus. Zögerlich ergriff Colin sie. Sie nickte.
In ihrem Gesicht war noch der Ansatz eines freundlichen Lächelns zu erkennen. Colin konnte sich nicht des Eindrucks erwehren, genau so etwas schon einmal gesehen zu haben.
Kei leerte seine Tasse.
Als sie seine Hand losließ, blickte Colin von Delilah zu Dennis, und dann zu Kei. Die drei weiter reihum musternd, begann er damit, sein Marmeladenbrot zu essen. Kei betrachtete die Szene essend. Er hatte ganz vergessen, dass Blut, Zigaretten, Colin und Alkohol nicht das einzige auf der Welt waren, das schmeckte. Auf Colins Blick hin zuckte er mit den Schultern. Delilah war ihm ein Rätsel.
"Ihr seht alle gleich aus," sagte Colin plötzlich.
Dennis blickte auf. Colin erschrak.
"Äh. Ich meine-"
"Wir sind alle verwandt," merkte Kei an.
Colin nickte.
"Die zwei haben den gleichen Vater wie ich," erläuterte Kei, um letzte Verwirrung aus dem Weg zu räumen.
Colin nickte wieder. Und musste grinsen.
"Was?" Kei blickte ihn fragend an.
Dennis sah ihn an und grinste auch, sah dann aber schnell wieder auf die Zeitung. Delilah stellte ihre Tasse in die Spüle und ging einfach aus der Küche. Frau Quan blätterte gemütlich um und schien sich um nichts um sie herum zu scheren. Colin schüttelte den Kopf, musste sich aber zurückhalten, um nicht noch ein Geräusch zu machen und womöglich gar zu kichern.
Kei beschloss, dass es sinnlos war, weiter zu fragen und aß seinen Teller leer. Colins Gedanken waren sicher interessant.
Sie waren ein paar Jahre zurückgeschweift, als Kei ihm erzählt hatte, dass er keine Familie hatte, oder jedenfalls keine von der er wusste. Seitdem waren sie seinem Vater, seiner Tante und ihren zwei Kindern, und jetzt noch zwei Geschwistern begegnet.
Für Kei war diese ganze familiäre Situation, wenn man es denn so nennen konnte, sehr ungewohnt. Er hatte wirklich geglaubt, keine Geschwister oder Verwandten mehr zu haben - die Tatsache, dass er allein lebte, obwohl er minderjährig war, hatte seine Theorie unterstützt. Sein Leben kannte keine Ordnung, also blieb einfach fast nichts, wie es mal war.
"Wem gehören die Kleider?" fragte Colin schließlich, als die vorzügliche Toastscheibe verschmaust war.
"Wie viele Geschwister habe ich eigentlich? Ich bezweifle, dass es nur euch und die Plagen von meinem lieblichen Tantchen gibt."
Dennis rieb sich nachdenklich das Kinn.
"Hm. Weiß ich auch nicht. Deine Mutter hatte keine anderen Kinder, das weiß ich. Aber was Kira so getrieben hat... ich kenne auch nur dich, Delilah und Misato. Das heißt aber nicht viel."
Kei vermutete, dass nicht alle seine vielleicht existierenden Verwandten ihm so freundlich gesonnen waren, wie diese beiden. Er war so frei, sich weiterhin als Einzelkind zu betrachten.
"Er wird jedenfalls nicht noch mehr zeugen."
"Danke nochmal dafür. Applaus," sagte Dennis leichtherzig. "Das sind übrigens meine Kleider. Gewesen." Er nickte zu Colin, der daraufhin an sich hinuntersah. Kei musterte seinen Freund, dann Dennis.
"Du hattest einen guten Musikgeschmack."
"Hatte?" Dennis hob die Augenbrauen. Kei lachte darauf einfach nur. Colin grinste.
"Später kommt noch die richtige Nahrung," sagte Dennis ruhig. Kei nickte knapp.
"Wie geht's jetzt eigentlich weiter?" wollte er wissen. Ewig konnten sie schließlich nicht hierbleiben.
"Wir müssen hier noch ein bisschen ausharren, bis wir sicher sein können, dass wir unentdeckt geblieben sind. Dann können wir ins Schloss zurück."
Frau Quan faltete ihre Zeitung zusammen und stand auf. Nach einer weiteren stummen Konversation mit Colin gab sie ihm mütterlich lächelnd noch zwei Scheiben Toast, die er gleich großzügig einzubuttern begann.
"Gut, soweit war ich auch, aber was machen wir dann?"
"Dann geht der Kampf weiter. Hoffentlich mit dir."
"Hm." Kei fragte sich, wie lange das wohl so gehen würde, aber gegen Straßenschlachten mit Vampiren hatte er nichts einzuwenden. Der Körper des Vampirs wollte Blut statt Toast. Den Hunger befriedigte Kei sonst mit Zigaretten, das half ein wenig.
Dennis musterte ihn gespannt. Keis Reaktion schien ihn zu freuen. Dann wandte er sich Colin zu.
"Gleich kommt ein Arzt für dich," sagte er mit einer Hand am Kinn, Colin vorsichtig musternd. Colin hielt mit dem Marmeladentoast im Gesicht inne, biss dann ab und nickte.
Frau Quan räumte klappernd um den Herd herum auf.
Kei drückte den Stummel seiner Kippe aus und wandte sich Colin zu. Musterte ihn und dann Dennis. Ich find nicht, dass er einen Arzt braucht, aber gut... Er nahm sich noch ein Brot und beschmierte es mit Mett. Essen brachte nichts, schmeckte aber.
Dennis las gemächlich weiter seine Zeitung, während Frau Quan aufräumte und saubermachte und Colin und Kei aßen.

Nach etwas über zehn Minuten klingelte es an der Tür. Dennis stand auf und ging aus der Küche. Colin hatte den Rest seines Tees ausgetrunken und sah angespannt zur Küchentür. Frau Quan schien sich nicht darum zu kümmern.
Aus dem Flur kamen Männerstimmen. Kei drehte sich in Richtung der Stimmen. Eine Gefahr konnten die Männer nicht sein, da keiner sich groß zu kümmern schien.
"Kei, Frühstück," meldete Dennis von nebenan, aus dem Wohnzimmer, wo allgemeines Rascheln andeutete, dass sich mehrere Personen versammelten und niederließen. Der Japaner stand auf und ging nach kurzer nonverbaler Verabschiedung von Colin in den Raum, aus dem Dennis' Stimme kam. Das wurde auch langsam Zeit, seine letzte richtige Mahlzeit lag bestimmt drei Tage zurück.
Im gutbürgerlich eingerichteten Wohnzimmer saßen zwei Männer in grauen Overalls auf den Sesseln und ein dritter, ebenfalls in Handwerkermontur, stand vor dem Kamin. Sie sahen zu Kei und grüßten ihn.
"These are Jimmy, Tom and Dave," stellte Dennis vor, indem er nacheinander auf jeden zeigte. Jimmy, der Stehende, schien der älteste von ihnen zu sein, um die vierzig vielleicht, und die anderen beiden schienen etwa zehn Jahre jünger zu sein. "This is Kei, my brother."
Die Männer nickten, aber nur Dave sagte knapp: "Hello."
Er und Tom krempelten ihre Ärmel hoch und legten ihre Arme auf die Armlehnen ihrer Sessel.
"They're allies, and they've agreed to this," erklärte Dennis.
"It seems that we have a lot of allies," kommentierte Kei, der sich ein umbringbares Frühstück erhofft hatte. Das behielt er jedoch lieber für sich. Hauptsache Blut. Töten war zweitrangig, zumindest heute. Dafür schrien seine Eingeweide einfach zu laut nach Nahrung.
Während Dennis sich vor den rothaarigen Tom kniete und dessen Unterarm nahm, erschien Colin in der Tür. Stumm ging er langsam zum Klavier in der Ecke, setzte sich dort auf den Hocker und sah zu. Kei bediente sich an Daves Unterarm. Er bekam Colins Eintreten zwar mit, war aber völlig mit seinem Tun beschäftigt. Frisches Blut. Er musste nur darauf achten, den Mann nicht umzubringen. Sich zu benehmen war so anstrengend!
Dennis trank von Tom, gemächlich und genüsslich, während der seinen Kopf auf die Lehne zurücklegte und die Augen schloss. Dave tat das gleiche. Kei trank etwa einen halben Liter Blut von ihm bevor er mit zufriedenem Blick von dem Mann abließ. Colins Blut war besser, aber dem konnte er nicht ständig welches abnehmen.
Als Dennis fertig war, leckte er sorgfältig über die Wunde in Toms Arm und sah zu, wie sie sofort zu bluten aufhörte. Tom und Dave atmeten beide auf. Kei war so freundlich, Daves Wunde ebenfalls zu schließen. Erst dann sah er in Richtung Colin. Mit leichtem Lächeln auf dem Gesicht. Colin lächelte ein bisschen zurück.
Dennis erhob sich und bedankte sich. Jimmy brummte und ging in die Küche, aus der er beinahe sofort wieder heraustrat, mit einem Tablett voller Essen und Getränke für Tom und Dave.
Kei stand auf und schlenderte zu Colin, küsste ihn. Etwas schüchtern erwiderte Colin den Kuss.
Die anderen, außer Dennis, sahen ihnen kurz zu, bis das Essen zwischen ihnen auf dem kleinen Beistelltisch stand. Kei ließ sich von ihnen nicht stören, doch Colin zog bald den Kopf zurück und drückte gegen Keis Schulter. Es schien ihm nicht richtig, diesen fremden Männern hier jetzt diese Vorstellung zu geben. Grinsend ließ Kei von ihm ab.
Verlegen schob Colin sich die verfilzten Strähnen hinter die Ohren und stand auf.
"Nice to meet you," sagte er leise zu den Männern und schob sich peinlich berührt an Kei vorbei. Die Männer sahen ihn nur an und nickten, teils lächelnd. Dennis schmunzelte etwas.
Kei lehnte sich an das Klavier. "Habt ihr noch mehr Instrumente?" Er richtete das Wort an Dennis.
"Nicht hier," antwortete der.
Colin schlich in die Küche zurück, wo er Frau Quan beim Aufräumen half.
Schade... "Hm..." Kei brauchte Ablenkung. "Kann man hier rausgehen?" Er wollte das wissen, bevor es wieder eine Prügelei gab. Er wollte sich bewegen und irgendetwas zu tun haben. Abwarten bekam ihm nicht.
Dennis legte wieder einmal seine Hand aufs Kinn und betrachtete Kei zum gefühlten hundertsten Mal nachdenklich, bevor er den Mund aufmachte.
"Verkleidet... ja. Aber nicht mit Colin," sagte er schließlich.
Kei fragte sich, was verkleidet heißen sollte. Nur ohne Colin nach draußen zu dürfen war auch beschissen. Es war fast egal, was er anzog. Die Leute, die sie suchten würden doch bei jedem männlichen, schlanken Japaner misstrauisch werden und ihn verfolgen. Vermeiden unter Leute zu gehen war die einzige Option, die er hatte.
Als Dave und Tom mit dem Essen fertig waren und auch ihre Gläser geleert hatten, standen sie allmählich auf.
Dennis bedankte sich noch einmal und verabschiedete die drei mit einem Händedruck, während sie sich ihre Jacken anzogen und wieder gingen. Sie nahmen dabei zwei Werkzeugkoffer mit, die sie anscheinend mitgebracht und in die Tür gestellt hatten.
Kei verließ ebenfalls den Raum und ging in das Zimmer, das er sich mit Colin teilte, setzte sich auf das Fensterbrett und schaute nach draußen.
Die Straße unter dem Fenster blieb relativ unbelebt. Ab und zu fuhr ein Auto vorbei und einzelne Personen gingen mit angeleinten Hunden oder allein, meist auf ihre Smartphones glotzend, auf dem Bürgersteig entlang.
Colin kam nicht herauf.
Kei fragte sich, ob es auffiele, wenn er aus dem Fenster springen und sich eine Weile die Beine vertreten würde. Vermutlich nicht. Ob diese Typen die Gegend absuchten?
Irgendwann drang von unten Musik gedämpft in das Zimmer herauf.
Kei lauschte der Musik.
Es klang nach wirklich altem Rock'n'Roll.
Der Vampir öffnete das Fenster und schloß die Augen. Eine Gitarre wäre auch gut, aber die gab es hier auch nicht.
Nach einer ganzen Weile klingelte es wieder an der Tür.
Kei schaute auf, bewegte sich aber nicht. Zum Türöffnen waren noch genug andere Leute da.
Kurz darauf näherten sich Schritte der Tür, und Colin öffnete sie. Hinter ihm stand Rupert mit zwei Taschen in den Händen.
"Hello there," sagte er zu Kei.
"Ohayo," erwiderte Kei und musterte die beiden.
"I'm glad this worked out well," sagte Rupert und stellte seine Taschen auf dem Bett ab, während Colin die Tür schloss. Er wirkte so ruhig und verschlossen wie den ganzen Morgen schon, als er sich stumm auf die Bettkante setzte.
"Was is los?" Kei schaute Colin fragend an.
"Das ist der Arzt," sagte Colin. "Er heißt Rupert Ingram." Er sah zurück zu Rupert, der sich den einen Stuhl im Raum heranzog und milde lächelte.
"Ah. Heilen deine Verletzungen nicht eh schnell von allein?"
"Ja. Er will sehen, ob sie etwas hinterlassen haben."
Rupert öffnete seine Taschen und zog ein Stethoskop aus einer, das er sich gleich um den Hals hängte.
"Please take your shirt off."
Kei gab ein 'Aha'-Geräusch von sich und sah dem Prozedere gelassen zu.
Schließlich saß Colin nur noch in Boxershorts da und wurde minutenlang am ganzen Körper von Rupert abgehört und befühlt, zum Schluss auch im Stehen, während Rupert die ganze Zeit sehr ernst und konzentriert dreinblickte.
Kei betrachtete seinen Freund.
Colin sah blass und unverletzt aus wie immer. Er wirkte sehr gelassen und ruhig, hob bereitwillig Arme und Beine, sah dabei zu, wie Rupert nach irgendetwas zu tasten schien, und senkte auch brav den Kopf, als er seinen Nacken befühlen wollte. An seinem Hinterkopf brauchte Rupert etwas länger und tastete sorgfältig und langsam zwischen Colins verknoteten Haaren herum.
Kei sah ihm dabei zu.
"I have to look in here," sagte Rupert, "Turn around." Er kramte einen Rasierer aus seiner Tasche und suchte nach einer Steckdose.
Colin sah ihm zu, mit etwas geweiteterem Blick, und setzte sich im Schneidersitz mit dem Rücken zu ihm hin.
Kei sah weiterhin skeptisch zu.
Ohne sich um eine Unterlage für die Haare zu kümmern, setzte Rupert ein paar große Klingen auf den Apparat, den er dann neben dem Bett statt der Nachttischlampe in die Wand einstöpstelte, und legte eine Hand auf Colins Hinterkopf.
"Down. And don't move."
Colin warf Kei noch einen unsicheren Blick zu, ehe er den Kopf senkte und Rupert ihm den Kopf zu scheren begann.
Kei sah verwirrt drein. "Why do you cut his hair off?"
"There's something in the back of his head," sagte Rupert laut, um die Maschine zu übertönen.
Als die verfilzten Locken alle heruntergefallen waren, pustete er über die Klingen und wechselte den Aufsatz.
"What? You mean under the skin?" Kei musterte das Geschehen.
"Yes." Rupert fuhr damit fort, Colin eine waschechte Glatze zu verpassen. Der hatte die Schultern hochgezogen und die Hände auf seine Füße gestützt, die er die ganze Zeit stumm anstarrte.
Die nächste böse Überraschung... Kei seufzte.
Mit Colins T-shirt wischte Rupert ihm schließlich all die kleinen Haare vom Kopf und den Schultern. Nachdem er den Rasierer zur Seite gelegt hatte, nahm er eine Mappe aus einer der Taschen und entfaltete sie auf dem Nachttisch.
"Do I need to anesthetize you?" fragte er.
"No," sagte Colin leise, aber selbstsicher, nach dem Blick auf Ruperts geöffnete Instrumententasche mit glänzenden Skalpellen, Haken, Scheren, Fläschchen und Nadeln.
Rupert nahm sich ein paar weiße Nitrilhandschuhe aus einer Plastiktüte in der Tasche und zog sie sich über. Colin sah ihm dabei zu, wie er daraufhin ein Skalpell herauszog und mit einer langen Pinzette aus einer weiteren Tüte einen dichten weißen Stoffknubbel nahm.
Kei sah weiterhin zu und fragte sich, was wohl nächstes passieren würde, nicht an Colins Kopf, das wusste er, aber mit Colin. Was Gutes konnte das einfach nicht sein.
Auf Ruperts Signal hin sah Colin wieder nach vorn und senkte den Kopf. Rupert rutschte noch etwas näher heran auf seinem Stuhl und fand die verdächtige Stelle wieder, die ihm beim ersten Betasten aufgefallen war.
"I'm cutting now," sagte er ruhig und schnitt ein paar Zentimeter über der Wirbelsäule die Haut über Colins Schädel auf.
Kei sah zu.
Colin blickte wieder stumm auf seine Hände und Füße, während Rupert ihn weiter untersuchte. Der zog mit den Fingern die Haut auseinander und hebelte mit dem Skalpell ein bisschen unter die Haut, um darunterzusehen, und tupfte dabei mit dem Bausch an der Pinzette das herauslaufende Blut ab.
"It's gone," sagte er nach einer Weile irritiert.
"What was there?" fragte Kei.
"I don't know," sagte Rupert ein wenig abwesend. Und verärgert. "An emitter, a transmitter, receiver, a capsule, a blood clot, a tick... But it's gone now."
Kei schaute skeptisch. "I guess it had a certain purpose..."
"If it wasn't just a giant tick or a blood clot, then yes. But it's gone." Rupert wirkte ein wenig genervt. Er legte die kleinen Hautlappen wieder zusammen, wischte noch einmal mit dem Stoffballen darum herum und legte seine Utensilien dann weg.
Kei beruhigte das nicht. Er sagte aber nichts mehr dazu. Was auch immer das gewesen war, er hoffte, es würde sich bald herausstellen.
Colin befühlte den Einschnitt, der schon wieder zuwuchs, und sah Rupert dabei zu, wie er seine Sachen wieder aufräumte und wegpackte.
"You're clean, as far as I can tell," sagte er freundlich.
Kei schaute Colin an. "Alles okay?"
Colin erwiderte den Blick. Natürlich nicht. Aber das weißt du.
"Ja, klar."
Kei musterte ihn kurz, nickte leicht und sah dann wieder aus dem Fenster. Was für einen Scheiß habt ihr euch noch ausgedacht, he?Das einzige, was den Japaner erleichterte, war die Tatsache, dass das kleine Ding bei Entfernung nicht den sofortigen Tod herbeiführte – wer wusste schon, wie unsterblich Colin und er wirklich waren? Kei jedenfalls wusste es nicht. Und er wusste auch nicht, wie viele Veränderungen diese Typen an seinem und an Colins Körper vorgenommen hatten, während sie beide tot gewesen waren.
"If it's gone now, how come the wound was still there? I heal really fast," fragte Colin Rupert und sah ihn an. Rupert packte seine Taschen wieder zusammen.
"It was healed. There was no wound, just a little indentation in your skull. It wasn't injured."
"An indent- But how come that didn't heal?"
Rupert atmete aus und sah Colin an. "It wasn't injured. Your skull molded – it grew around it. So it's been there for a long time," erklärte er ruhig.
Kei hörte dem Gespräch zu, sagte aber nichts dazu. Er sah aus dem Fenster. Viel war da nicht zu sehen.
Als Rupert seine beiden Taschen geschlossen und auf dem Boden abgestellt hatte, setzte er sich wieder hin. Colin hatte sich zu ihm umgedreht.
"Do you have any idea when it might have come out? Did you have a head injury at some point?" fragte Rupert ernst. Colin zuckte mit den Schultern. Er dachte nach. Er hatte viele Verletzungen gehabt. Auch am Kopf. Aber dahinten...
"I only recall one in Havana. When we were still in Cuba, just before we came here." Er sah zu Kei. Er hatte keine Ahnung wie lang das her war. Denn er wusste nicht, wie lange er in der Grube festgehalten worden war. Rupert folgte seinem Blick zu Kei. Er schien auf eine Antwort zu warten.
"There were a few guys who wanted a beating – and Colin got smashed in a wall," erklärte Kei, ohne sich umzudrehen.
"Did you notice any changes after that?" fragte Rupert. Er sah zwischen Kei und Colin hin und her. Colin schien von seinen Haaren abgelenkt zu sein, die auf seinen nackten Beinen herumlagen und spielte an seinen verfilzten Locken herum.
"He turned into himself again." Kei war das nicht sofort aufgefallen, aber lange hatte es nicht gedauert bis er gemerkt hatte, dass Colin wieder Colin, und menschlich - obwohl anscheinend immer noch untot - war. Colin sah zu ihm auf. Rupert legte ebenfalls interessiert den Kopf schief.
"What do you mean?" fragte er.
Kei drehte sich zu ihnen um. "Well... After he died – back in Japan – he was not the Colin I knew. He was eating human flesh and enjoyed it. After that day in Havana he was behaving like a human again. He was disgusted by the dead man's arm he ate. Oh, but he is still trying to kill himself every now and then."
Mit fragend hochgezogener Augenbraue und gerunzelter Stirn sah Rupert Colin an, der ebenfalls ernst und ratlos dreinblickte.
"Sometimes, when I sleep... I wake up... and can't control my body. It just goes and tries to die. I dunno why. At first I could hold it back a little. But not anymore." Colin kaute sich auf der Unterlippe herum und verzog den Mund und blinzelte etwas, so als ob er sich unter Kontrolle zu bringen versuchte. Tatsächlich war ihm gerade sehr nach Heulen zumute.
Rupert sah ihn etwas schockiert an. Langsam stand er auf.
"You should talk to Dennis. He knows a lot about these experiments, maybe he can explain this, too." Mit einem etwas mitfühlenden Blick auf den nun glatzköpfigen blassen Jungen, der da fast nackt mit den Resten seiner strähnigen Kopfbehaarung auf dem Bett saß, nahm er seine Taschen und wandte sich zur Tür.
Kei stand auf, ging zu Colin und ließ sich neben ihm auf den Boden fallen.
"Falls es dich beruhigt, ich pass auf, dass du dich nicht ein zweites Mal selbst ganz umbringst," sagte er ruhig.
Colins Blick wandte sich von der geschlossenen Tür, hinter der sich Ruperts Schritte entfernten, zu Kei. Er stieß einen Laut aus, der wie ein halbes Lachen klang aber keines war, und wischte sich sofort über die nassen Augen.
"Wie kaputt bin ich eigentlich?!" Er stützte die Ellenbogen auf seine Beine und drückte die Handballen auf seine Augen. Dabei griffen seine Fingerspitzen über der Stirn ins Leere, nur auf nackte - vielleicht etwas stoppelige – Haut, wo gerade noch seine Haare gewesen waren.
"Du bist viermal entführt worden, einmal gestorben, hast diverse Male versucht, dich umzubringen, du warst 'ne Untergrundkäfig-kampfattraktion, sie wollten dich zu 'ner Crackhure machen, du hast deine abgeschlachtete Familie an Heiligabend gefunden, du bist seit zwei Jahren mit mir unterwegs, die Erpressung in Japan – Du bist also ziem-" Colins Faust landete zielgenau und hart in ungewöhnlich hoher Geschwindigkeit in Keis Gesicht, so ungefähr auf seiner Nase, Wange und dem linken Auge. Und Colin selbst hockte nun vor ihm und drückte ihn bei der Kehle nach hinten.
Kei machte keine Anstalten, sich irgendwie zu wehren, mit dem rechten Auge musterte er Colin. Ein leichter Schmerz durchzog sein Gesicht, aber der störte ihn nicht weiter.
"Weiter mittig, wenn du mir die Nase brechen willst," sagte er ruhig. Nach hinten drücken ließ er sich nur leicht. Colin kniete auf seinen Schenkeln und krallte sich nun in seine Kehle, während seine rechte Faust wieder weit ausholte und nochmal zuschlug, wieder halb auf die Nase. Sein Gesicht war nass und sah wütend und gequält aus.
"Das findest du witzig, ja?! Zum TOTlachen, was?! So! Witzig!" Er schlug noch ein paarmal hart zu. Seine Kraft hatte während seiner Gefangenschaft scheinbar etwas zugenommen, doch Kei fing den letzten Schlag mühelos mit einer Hand ab.
"Du musst schneller sein, wenn du mir wirklich wehtun willst."
Colin ließ die Arme fallen und schluchzte. Das war ihm sofort peinlich, und er wischte sich mit dem Unterarm über die Augen. Er wollte Kei wirklich wehtun. Kei hatte ihm wirklich wehgetan. Irgendwie. Colin verstand nicht, wie genau. Aber das war egal. Er konnte Kei nie heimzahlen, was er ihm antat, wenn er nur so unbedacht den Mund aufmachte wie Kei das nunmal tat. Lustlos gab er ihm noch eine Ohrfeige, dann ließ er den Kopf sinken.
Kei setzte sich wieder aufrecht hin und verknotete die Beine zu einem Schneidersitz. Er nahm den Kleineren einfach in den Arm.
Im ersten Moment legte Colin die Stirn auf Keis Schulter, doch nach nur ein paar Sekunden stemmte er sich gegen ihn und machte Anstalten, aufzustehen. Das Gesicht wandte er zur Seite ab. Kei ließ ihn los und Colin stand auf und zog eilig die von Dennis geliehenen Kleider, Jeans, T-shirt und Socken, wieder an, ohne Kei anzusehen.
Kei stand auch auf. Wenn Colin beleidigt sein wollte, dann würde er dem kein Hindernis sein.
Colins Blick wanderte von selbst zu seiner Eisenklaue, die auf dem Holzschreibtisch lag, der unweit des Bettes an der Wand stand. Er hatte ein unbestimmtes Bedürfnis, sie wieder anzuziehen. Doch dann wurde ihm bei dem Gedanken etwas übel und er öffnete forsch die Tür. Kei wartete, bis Colin gegangen war. Er würde sich draußen etwas umsehen.