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Monday, June 27, 2016

Kei + Colin LXXVII: A small indentation


In ihrem Zimmer angekommen kramte Kei nach frischen Kleidungs-stücken. Er fand eine nicht gelöcherte, leicht enge schwarze Jeans und ein dunkelgraues T-shirt. Zusammen mit frischen Boxershorts zog er beides an. Um den Hals trug er seine Plektrumkette und die alte Yenmünze. Beides nahm er nur sehr selten ab.
Colin fand im Schrank auch Socken, eine schwarze Jeans, ein schwarz-weißes Sex Pistols-T-shirt und Boxershorts für sich. Als er seine Haare aus dem Kragen des T-shirts zog, fühlte er darüber und wollte gleich in einen Spiegel sehen.
"Ich brauche einen Kamm. Oder stehen mir Dreadlocks?" Er schmunzelte dünn.
"Nimm den Kamm." Kei schmunzelte und suchte sich noch ein Paar Socken. Seine Haare ließ er nass und wirr von seinem Kopf hängen. Erst nach dem Anziehen fiel ihm auf, dass das T-shirt, das er trug, mit dem Logo der japanischen Band 'X' bedruckt war.
"Schau mal, Heimat zum Anziehen."
Colin lächelte matt. "Wem gehören die Kleider?"
"Keine Ahnung. Jetzt uns schätze ich." Kei zuckte mit den Schultern.
Nach einem zufriedenen Blick auf die beiden Anhänger, die vor Kei baumelten, öffnete Colin die Tür.

"Na endlich," rief Dennis vom Küchentisch aus. Vor ihm lag eine ausgebreitete Zeitung. Frau Quan saß auch am Tisch und hielt eine dampfende Tasse fest, während sie auf eine Zeitungsseite guckte. An der Küchenzeile neben dem Herd lehnte Delilah.
"Man wird ja wohl noch duschen dürfen," kommentierte Kei Dennis' Ausruf und setzte sich an den Tisch. Colin musterte alle Anwesenden vorsichtig und setzte sich zögerlich dazu, neben Kei. Dennis musterte ihn mit seinem gütigen, offenen Blick, Frau Quan lächelte fürsorglich und stand auf, und Delilah starrte Colin unverhohlen an. Sie hörte auch nicht damit auf, als sie ihren Kaffeebecher hob und daraus trank. Kei wendete sich dem Frühstück zu und ließ seine Verwandten unbeachtet. Er verhalf sich zu einer Tasse Kaffee. Irgendwann ging ein fragender Blick von ihm zu Delilah.
Frau Quan quakte ein bisschen in ihrer fremden Sprache, aber viel sanfter und netter als Kei sie bisher gehört hatte, und schien Colin damit sein Frühstück anzubieten. Der riss seinen Blick von Delilah los, um zu nicken und den Kopf zu schütteln, sodass nach dieser ziemlich einseitig scheinenden Verständigung schließlich eine Tasse Tee, Milch, Toast, Butter und Orangenmarmelade vor Colin standen.
"Thanks," murmelte er leise, fast unhörbar, aber Frau Quan schien das wahrgenommen zu haben, als sie sich lieb lächelnd wieder setzte.
Delilah traf Keis Blick mit ihrem ausdruckslosen, dann sagte sie etwas mit einer Hand. Kei schaute zu Dennis.
"Übersetzung bitte." Der Vampir war leicht genervt davon, dass Delilah nicht sprechen konnte, aber das konnte er nicht ändern. Dennis sah zu Delilah, mit skeptisch hochgezogener Augenbraue, und sie hob ihre eigenen und nickte streng.
"... War es das wert..." grummelte Dennis verlegen und kratzte sich am Kopf. Es war ihm offenbar unwohl bei der Äußerung.
Colin sah vom Milch- und Zuckereinrühren in seinen Tee zu Dennis auf, dann zu Delilah, die Kei weiter ungerührt ansah.
"War was was wert?" Kei mochte keine Rätsel. Er wollte ganze Aussagen, keine nicht mal halben.
Dennis atmete angespannt ein und kniff die Lippen zusammen, als er zu Delilah blickte, die ihre Tasse hinter sich gestellt hatte, um mit beiden Händen zu sprechen. Nun war ihr Gesicht nicht mehr so ausdruckslos, sondern sah beinahe vorwurfsvoll aus.
"Er dort, ihn im Badezim- nein, das übersetze ich nicht."
Delilah sah Dennis streng an und schlug neben sich auf die Arbeitsfläche.
"... dafür haben wir unser Leben aufs Spiel gesetzt und unsere Anonymität aufgegeben - Ist der da ein so guter - Das übersetze ich nicht!" Dennis wandte sich wieder seiner Zeitung zu, während Delilah ihn wütend anstarrte.
"Red weiter. Ich will's wissen," sagte Kei völlig unaufgeregt. Delilah nahm einen scheinbar wütenden Schluck Kaffee. Dennis sah vorsichtig zu Frau Quan, als ob er damit sichergehen wollte, dass sie wirklich kein Japanisch konnte, ehe er antwortete.
"... Ist er ein so guter Fick..." Er räusperte sich verlegen und guckte dann furchtbar beschäftigt in seine Zeitung. Delilah blickte herausfordernd zu Kei.
Colin spuckte seinen Tee zurück in die Tasse.
Kei fing an zu lachen. Er guckte Delilah mit hochgezogenen Augenbrauen an.
"Das müsstest du wissen, wenn du zugehört hast," entgegnete er. Dennis musste auch lachen. Colin sah amüsiert lächelnd zu Kei und dann zu Delilah. Die schaute verdutzt und musste dann ebenfalls schmunzeln.
Sie sagte etwas.
"Das war abgrundtief dämlich," übersetzte Dennis lachend.
"Was war abgrundtief dämlich?" fragte Kei, seinen Kaffee trinkend.
"Die Rettungsaktion. Zu gefährlich. Zu riskant," sagte Dennis.
"Ist dabei jemand..." meldete Colin sich leise zu Wort, und Dennis verstummte, um ihn anzusehen. "... ist dabei jemand gestorben? Oder verletzt worden?" Colin saß verkrampft da und sah Delilah vorsichtig an. Sie verneinte mit einem langsamen Kopfschütteln.
"Also... ich bin froh, dass ihr's gemacht habt," sagte Colin seinem Marmeladentoast.
Betretene Stille.
"Danke."
"Wäre sie ungefährlich gewesen, wäre ich nicht daran beteiligt gewesen," meldete Kei gelassen. Ich auch. Allein hätte ich das niemals geschafft.
Colin sah ihn an. Ernsthaft? Musst du jetzt einen auf Macho machen?
Dennis schmunzelte belustigt.
"Gern geschehen," sagte er.
Delilah stellte ihre Tasse wieder ab und ging forsch auf Colin zu. Kei schmunzelte leicht und widmete sich seinem Essen. Colin sah zu Delilah auf, vorsichtig überrascht. Sie streckte eine Hand aus. Zögerlich ergriff Colin sie. Sie nickte.
In ihrem Gesicht war noch der Ansatz eines freundlichen Lächelns zu erkennen. Colin konnte sich nicht des Eindrucks erwehren, genau so etwas schon einmal gesehen zu haben.
Kei leerte seine Tasse.
Als sie seine Hand losließ, blickte Colin von Delilah zu Dennis, und dann zu Kei. Die drei weiter reihum musternd, begann er damit, sein Marmeladenbrot zu essen. Kei betrachtete die Szene essend. Er hatte ganz vergessen, dass Blut, Zigaretten, Colin und Alkohol nicht das einzige auf der Welt waren, das schmeckte. Auf Colins Blick hin zuckte er mit den Schultern. Delilah war ihm ein Rätsel.
"Ihr seht alle gleich aus," sagte Colin plötzlich.
Dennis blickte auf. Colin erschrak.
"Äh. Ich meine-"
"Wir sind alle verwandt," merkte Kei an.
Colin nickte.
"Die zwei haben den gleichen Vater wie ich," erläuterte Kei, um letzte Verwirrung aus dem Weg zu räumen.
Colin nickte wieder. Und musste grinsen.
"Was?" Kei blickte ihn fragend an.
Dennis sah ihn an und grinste auch, sah dann aber schnell wieder auf die Zeitung. Delilah stellte ihre Tasse in die Spüle und ging einfach aus der Küche. Frau Quan blätterte gemütlich um und schien sich um nichts um sie herum zu scheren. Colin schüttelte den Kopf, musste sich aber zurückhalten, um nicht noch ein Geräusch zu machen und womöglich gar zu kichern.
Kei beschloss, dass es sinnlos war, weiter zu fragen und aß seinen Teller leer. Colins Gedanken waren sicher interessant.
Sie waren ein paar Jahre zurückgeschweift, als Kei ihm erzählt hatte, dass er keine Familie hatte, oder jedenfalls keine von der er wusste. Seitdem waren sie seinem Vater, seiner Tante und ihren zwei Kindern, und jetzt noch zwei Geschwistern begegnet.
Für Kei war diese ganze familiäre Situation, wenn man es denn so nennen konnte, sehr ungewohnt. Er hatte wirklich geglaubt, keine Geschwister oder Verwandten mehr zu haben - die Tatsache, dass er allein lebte, obwohl er minderjährig war, hatte seine Theorie unterstützt. Sein Leben kannte keine Ordnung, also blieb einfach fast nichts, wie es mal war.
"Wem gehören die Kleider?" fragte Colin schließlich, als die vorzügliche Toastscheibe verschmaust war.
"Wie viele Geschwister habe ich eigentlich? Ich bezweifle, dass es nur euch und die Plagen von meinem lieblichen Tantchen gibt."
Dennis rieb sich nachdenklich das Kinn.
"Hm. Weiß ich auch nicht. Deine Mutter hatte keine anderen Kinder, das weiß ich. Aber was Kira so getrieben hat... ich kenne auch nur dich, Delilah und Misato. Das heißt aber nicht viel."
Kei vermutete, dass nicht alle seine vielleicht existierenden Verwandten ihm so freundlich gesonnen waren, wie diese beiden. Er war so frei, sich weiterhin als Einzelkind zu betrachten.
"Er wird jedenfalls nicht noch mehr zeugen."
"Danke nochmal dafür. Applaus," sagte Dennis leichtherzig. "Das sind übrigens meine Kleider. Gewesen." Er nickte zu Colin, der daraufhin an sich hinuntersah. Kei musterte seinen Freund, dann Dennis.
"Du hattest einen guten Musikgeschmack."
"Hatte?" Dennis hob die Augenbrauen. Kei lachte darauf einfach nur. Colin grinste.
"Später kommt noch die richtige Nahrung," sagte Dennis ruhig. Kei nickte knapp.
"Wie geht's jetzt eigentlich weiter?" wollte er wissen. Ewig konnten sie schließlich nicht hierbleiben.
"Wir müssen hier noch ein bisschen ausharren, bis wir sicher sein können, dass wir unentdeckt geblieben sind. Dann können wir ins Schloss zurück."
Frau Quan faltete ihre Zeitung zusammen und stand auf. Nach einer weiteren stummen Konversation mit Colin gab sie ihm mütterlich lächelnd noch zwei Scheiben Toast, die er gleich großzügig einzubuttern begann.
"Gut, soweit war ich auch, aber was machen wir dann?"
"Dann geht der Kampf weiter. Hoffentlich mit dir."
"Hm." Kei fragte sich, wie lange das wohl so gehen würde, aber gegen Straßenschlachten mit Vampiren hatte er nichts einzuwenden. Der Körper des Vampirs wollte Blut statt Toast. Den Hunger befriedigte Kei sonst mit Zigaretten, das half ein wenig.
Dennis musterte ihn gespannt. Keis Reaktion schien ihn zu freuen. Dann wandte er sich Colin zu.
"Gleich kommt ein Arzt für dich," sagte er mit einer Hand am Kinn, Colin vorsichtig musternd. Colin hielt mit dem Marmeladentoast im Gesicht inne, biss dann ab und nickte.
Frau Quan räumte klappernd um den Herd herum auf.
Kei drückte den Stummel seiner Kippe aus und wandte sich Colin zu. Musterte ihn und dann Dennis. Ich find nicht, dass er einen Arzt braucht, aber gut... Er nahm sich noch ein Brot und beschmierte es mit Mett. Essen brachte nichts, schmeckte aber.
Dennis las gemächlich weiter seine Zeitung, während Frau Quan aufräumte und saubermachte und Colin und Kei aßen.

Nach etwas über zehn Minuten klingelte es an der Tür. Dennis stand auf und ging aus der Küche. Colin hatte den Rest seines Tees ausgetrunken und sah angespannt zur Küchentür. Frau Quan schien sich nicht darum zu kümmern.
Aus dem Flur kamen Männerstimmen. Kei drehte sich in Richtung der Stimmen. Eine Gefahr konnten die Männer nicht sein, da keiner sich groß zu kümmern schien.
"Kei, Frühstück," meldete Dennis von nebenan, aus dem Wohnzimmer, wo allgemeines Rascheln andeutete, dass sich mehrere Personen versammelten und niederließen. Der Japaner stand auf und ging nach kurzer nonverbaler Verabschiedung von Colin in den Raum, aus dem Dennis' Stimme kam. Das wurde auch langsam Zeit, seine letzte richtige Mahlzeit lag bestimmt drei Tage zurück.
Im gutbürgerlich eingerichteten Wohnzimmer saßen zwei Männer in grauen Overalls auf den Sesseln und ein dritter, ebenfalls in Handwerkermontur, stand vor dem Kamin. Sie sahen zu Kei und grüßten ihn.
"These are Jimmy, Tom and Dave," stellte Dennis vor, indem er nacheinander auf jeden zeigte. Jimmy, der Stehende, schien der älteste von ihnen zu sein, um die vierzig vielleicht, und die anderen beiden schienen etwa zehn Jahre jünger zu sein. "This is Kei, my brother."
Die Männer nickten, aber nur Dave sagte knapp: "Hello."
Er und Tom krempelten ihre Ärmel hoch und legten ihre Arme auf die Armlehnen ihrer Sessel.
"They're allies, and they've agreed to this," erklärte Dennis.
"It seems that we have a lot of allies," kommentierte Kei, der sich ein umbringbares Frühstück erhofft hatte. Das behielt er jedoch lieber für sich. Hauptsache Blut. Töten war zweitrangig, zumindest heute. Dafür schrien seine Eingeweide einfach zu laut nach Nahrung.
Während Dennis sich vor den rothaarigen Tom kniete und dessen Unterarm nahm, erschien Colin in der Tür. Stumm ging er langsam zum Klavier in der Ecke, setzte sich dort auf den Hocker und sah zu. Kei bediente sich an Daves Unterarm. Er bekam Colins Eintreten zwar mit, war aber völlig mit seinem Tun beschäftigt. Frisches Blut. Er musste nur darauf achten, den Mann nicht umzubringen. Sich zu benehmen war so anstrengend!
Dennis trank von Tom, gemächlich und genüsslich, während der seinen Kopf auf die Lehne zurücklegte und die Augen schloss. Dave tat das gleiche. Kei trank etwa einen halben Liter Blut von ihm bevor er mit zufriedenem Blick von dem Mann abließ. Colins Blut war besser, aber dem konnte er nicht ständig welches abnehmen.
Als Dennis fertig war, leckte er sorgfältig über die Wunde in Toms Arm und sah zu, wie sie sofort zu bluten aufhörte. Tom und Dave atmeten beide auf. Kei war so freundlich, Daves Wunde ebenfalls zu schließen. Erst dann sah er in Richtung Colin. Mit leichtem Lächeln auf dem Gesicht. Colin lächelte ein bisschen zurück.
Dennis erhob sich und bedankte sich. Jimmy brummte und ging in die Küche, aus der er beinahe sofort wieder heraustrat, mit einem Tablett voller Essen und Getränke für Tom und Dave.
Kei stand auf und schlenderte zu Colin, küsste ihn. Etwas schüchtern erwiderte Colin den Kuss.
Die anderen, außer Dennis, sahen ihnen kurz zu, bis das Essen zwischen ihnen auf dem kleinen Beistelltisch stand. Kei ließ sich von ihnen nicht stören, doch Colin zog bald den Kopf zurück und drückte gegen Keis Schulter. Es schien ihm nicht richtig, diesen fremden Männern hier jetzt diese Vorstellung zu geben. Grinsend ließ Kei von ihm ab.
Verlegen schob Colin sich die verfilzten Strähnen hinter die Ohren und stand auf.
"Nice to meet you," sagte er leise zu den Männern und schob sich peinlich berührt an Kei vorbei. Die Männer sahen ihn nur an und nickten, teils lächelnd. Dennis schmunzelte etwas.
Kei lehnte sich an das Klavier. "Habt ihr noch mehr Instrumente?" Er richtete das Wort an Dennis.
"Nicht hier," antwortete der.
Colin schlich in die Küche zurück, wo er Frau Quan beim Aufräumen half.
Schade... "Hm..." Kei brauchte Ablenkung. "Kann man hier rausgehen?" Er wollte das wissen, bevor es wieder eine Prügelei gab. Er wollte sich bewegen und irgendetwas zu tun haben. Abwarten bekam ihm nicht.
Dennis legte wieder einmal seine Hand aufs Kinn und betrachtete Kei zum gefühlten hundertsten Mal nachdenklich, bevor er den Mund aufmachte.
"Verkleidet... ja. Aber nicht mit Colin," sagte er schließlich.
Kei fragte sich, was verkleidet heißen sollte. Nur ohne Colin nach draußen zu dürfen war auch beschissen. Es war fast egal, was er anzog. Die Leute, die sie suchten würden doch bei jedem männlichen, schlanken Japaner misstrauisch werden und ihn verfolgen. Vermeiden unter Leute zu gehen war die einzige Option, die er hatte.
Als Dave und Tom mit dem Essen fertig waren und auch ihre Gläser geleert hatten, standen sie allmählich auf.
Dennis bedankte sich noch einmal und verabschiedete die drei mit einem Händedruck, während sie sich ihre Jacken anzogen und wieder gingen. Sie nahmen dabei zwei Werkzeugkoffer mit, die sie anscheinend mitgebracht und in die Tür gestellt hatten.
Kei verließ ebenfalls den Raum und ging in das Zimmer, das er sich mit Colin teilte, setzte sich auf das Fensterbrett und schaute nach draußen.
Die Straße unter dem Fenster blieb relativ unbelebt. Ab und zu fuhr ein Auto vorbei und einzelne Personen gingen mit angeleinten Hunden oder allein, meist auf ihre Smartphones glotzend, auf dem Bürgersteig entlang.
Colin kam nicht herauf.
Kei fragte sich, ob es auffiele, wenn er aus dem Fenster springen und sich eine Weile die Beine vertreten würde. Vermutlich nicht. Ob diese Typen die Gegend absuchten?
Irgendwann drang von unten Musik gedämpft in das Zimmer herauf.
Kei lauschte der Musik.
Es klang nach wirklich altem Rock'n'Roll.
Der Vampir öffnete das Fenster und schloß die Augen. Eine Gitarre wäre auch gut, aber die gab es hier auch nicht.
Nach einer ganzen Weile klingelte es wieder an der Tür.
Kei schaute auf, bewegte sich aber nicht. Zum Türöffnen waren noch genug andere Leute da.
Kurz darauf näherten sich Schritte der Tür, und Colin öffnete sie. Hinter ihm stand Rupert mit zwei Taschen in den Händen.
"Hello there," sagte er zu Kei.
"Ohayo," erwiderte Kei und musterte die beiden.
"I'm glad this worked out well," sagte Rupert und stellte seine Taschen auf dem Bett ab, während Colin die Tür schloss. Er wirkte so ruhig und verschlossen wie den ganzen Morgen schon, als er sich stumm auf die Bettkante setzte.
"Was is los?" Kei schaute Colin fragend an.
"Das ist der Arzt," sagte Colin. "Er heißt Rupert Ingram." Er sah zurück zu Rupert, der sich den einen Stuhl im Raum heranzog und milde lächelte.
"Ah. Heilen deine Verletzungen nicht eh schnell von allein?"
"Ja. Er will sehen, ob sie etwas hinterlassen haben."
Rupert öffnete seine Taschen und zog ein Stethoskop aus einer, das er sich gleich um den Hals hängte.
"Please take your shirt off."
Kei gab ein 'Aha'-Geräusch von sich und sah dem Prozedere gelassen zu.
Schließlich saß Colin nur noch in Boxershorts da und wurde minutenlang am ganzen Körper von Rupert abgehört und befühlt, zum Schluss auch im Stehen, während Rupert die ganze Zeit sehr ernst und konzentriert dreinblickte.
Kei betrachtete seinen Freund.
Colin sah blass und unverletzt aus wie immer. Er wirkte sehr gelassen und ruhig, hob bereitwillig Arme und Beine, sah dabei zu, wie Rupert nach irgendetwas zu tasten schien, und senkte auch brav den Kopf, als er seinen Nacken befühlen wollte. An seinem Hinterkopf brauchte Rupert etwas länger und tastete sorgfältig und langsam zwischen Colins verknoteten Haaren herum.
Kei sah ihm dabei zu.
"I have to look in here," sagte Rupert, "Turn around." Er kramte einen Rasierer aus seiner Tasche und suchte nach einer Steckdose.
Colin sah ihm zu, mit etwas geweiteterem Blick, und setzte sich im Schneidersitz mit dem Rücken zu ihm hin.
Kei sah weiterhin skeptisch zu.
Ohne sich um eine Unterlage für die Haare zu kümmern, setzte Rupert ein paar große Klingen auf den Apparat, den er dann neben dem Bett statt der Nachttischlampe in die Wand einstöpstelte, und legte eine Hand auf Colins Hinterkopf.
"Down. And don't move."
Colin warf Kei noch einen unsicheren Blick zu, ehe er den Kopf senkte und Rupert ihm den Kopf zu scheren begann.
Kei sah verwirrt drein. "Why do you cut his hair off?"
"There's something in the back of his head," sagte Rupert laut, um die Maschine zu übertönen.
Als die verfilzten Locken alle heruntergefallen waren, pustete er über die Klingen und wechselte den Aufsatz.
"What? You mean under the skin?" Kei musterte das Geschehen.
"Yes." Rupert fuhr damit fort, Colin eine waschechte Glatze zu verpassen. Der hatte die Schultern hochgezogen und die Hände auf seine Füße gestützt, die er die ganze Zeit stumm anstarrte.
Die nächste böse Überraschung... Kei seufzte.
Mit Colins T-shirt wischte Rupert ihm schließlich all die kleinen Haare vom Kopf und den Schultern. Nachdem er den Rasierer zur Seite gelegt hatte, nahm er eine Mappe aus einer der Taschen und entfaltete sie auf dem Nachttisch.
"Do I need to anesthetize you?" fragte er.
"No," sagte Colin leise, aber selbstsicher, nach dem Blick auf Ruperts geöffnete Instrumententasche mit glänzenden Skalpellen, Haken, Scheren, Fläschchen und Nadeln.
Rupert nahm sich ein paar weiße Nitrilhandschuhe aus einer Plastiktüte in der Tasche und zog sie sich über. Colin sah ihm dabei zu, wie er daraufhin ein Skalpell herauszog und mit einer langen Pinzette aus einer weiteren Tüte einen dichten weißen Stoffknubbel nahm.
Kei sah weiterhin zu und fragte sich, was wohl nächstes passieren würde, nicht an Colins Kopf, das wusste er, aber mit Colin. Was Gutes konnte das einfach nicht sein.
Auf Ruperts Signal hin sah Colin wieder nach vorn und senkte den Kopf. Rupert rutschte noch etwas näher heran auf seinem Stuhl und fand die verdächtige Stelle wieder, die ihm beim ersten Betasten aufgefallen war.
"I'm cutting now," sagte er ruhig und schnitt ein paar Zentimeter über der Wirbelsäule die Haut über Colins Schädel auf.
Kei sah zu.
Colin blickte wieder stumm auf seine Hände und Füße, während Rupert ihn weiter untersuchte. Der zog mit den Fingern die Haut auseinander und hebelte mit dem Skalpell ein bisschen unter die Haut, um darunterzusehen, und tupfte dabei mit dem Bausch an der Pinzette das herauslaufende Blut ab.
"It's gone," sagte er nach einer Weile irritiert.
"What was there?" fragte Kei.
"I don't know," sagte Rupert ein wenig abwesend. Und verärgert. "An emitter, a transmitter, receiver, a capsule, a blood clot, a tick... But it's gone now."
Kei schaute skeptisch. "I guess it had a certain purpose..."
"If it wasn't just a giant tick or a blood clot, then yes. But it's gone." Rupert wirkte ein wenig genervt. Er legte die kleinen Hautlappen wieder zusammen, wischte noch einmal mit dem Stoffballen darum herum und legte seine Utensilien dann weg.
Kei beruhigte das nicht. Er sagte aber nichts mehr dazu. Was auch immer das gewesen war, er hoffte, es würde sich bald herausstellen.
Colin befühlte den Einschnitt, der schon wieder zuwuchs, und sah Rupert dabei zu, wie er seine Sachen wieder aufräumte und wegpackte.
"You're clean, as far as I can tell," sagte er freundlich.
Kei schaute Colin an. "Alles okay?"
Colin erwiderte den Blick. Natürlich nicht. Aber das weißt du.
"Ja, klar."
Kei musterte ihn kurz, nickte leicht und sah dann wieder aus dem Fenster. Was für einen Scheiß habt ihr euch noch ausgedacht, he?Das einzige, was den Japaner erleichterte, war die Tatsache, dass das kleine Ding bei Entfernung nicht den sofortigen Tod herbeiführte – wer wusste schon, wie unsterblich Colin und er wirklich waren? Kei jedenfalls wusste es nicht. Und er wusste auch nicht, wie viele Veränderungen diese Typen an seinem und an Colins Körper vorgenommen hatten, während sie beide tot gewesen waren.
"If it's gone now, how come the wound was still there? I heal really fast," fragte Colin Rupert und sah ihn an. Rupert packte seine Taschen wieder zusammen.
"It was healed. There was no wound, just a little indentation in your skull. It wasn't injured."
"An indent- But how come that didn't heal?"
Rupert atmete aus und sah Colin an. "It wasn't injured. Your skull molded – it grew around it. So it's been there for a long time," erklärte er ruhig.
Kei hörte dem Gespräch zu, sagte aber nichts dazu. Er sah aus dem Fenster. Viel war da nicht zu sehen.
Als Rupert seine beiden Taschen geschlossen und auf dem Boden abgestellt hatte, setzte er sich wieder hin. Colin hatte sich zu ihm umgedreht.
"Do you have any idea when it might have come out? Did you have a head injury at some point?" fragte Rupert ernst. Colin zuckte mit den Schultern. Er dachte nach. Er hatte viele Verletzungen gehabt. Auch am Kopf. Aber dahinten...
"I only recall one in Havana. When we were still in Cuba, just before we came here." Er sah zu Kei. Er hatte keine Ahnung wie lang das her war. Denn er wusste nicht, wie lange er in der Grube festgehalten worden war. Rupert folgte seinem Blick zu Kei. Er schien auf eine Antwort zu warten.
"There were a few guys who wanted a beating – and Colin got smashed in a wall," erklärte Kei, ohne sich umzudrehen.
"Did you notice any changes after that?" fragte Rupert. Er sah zwischen Kei und Colin hin und her. Colin schien von seinen Haaren abgelenkt zu sein, die auf seinen nackten Beinen herumlagen und spielte an seinen verfilzten Locken herum.
"He turned into himself again." Kei war das nicht sofort aufgefallen, aber lange hatte es nicht gedauert bis er gemerkt hatte, dass Colin wieder Colin, und menschlich - obwohl anscheinend immer noch untot - war. Colin sah zu ihm auf. Rupert legte ebenfalls interessiert den Kopf schief.
"What do you mean?" fragte er.
Kei drehte sich zu ihnen um. "Well... After he died – back in Japan – he was not the Colin I knew. He was eating human flesh and enjoyed it. After that day in Havana he was behaving like a human again. He was disgusted by the dead man's arm he ate. Oh, but he is still trying to kill himself every now and then."
Mit fragend hochgezogener Augenbraue und gerunzelter Stirn sah Rupert Colin an, der ebenfalls ernst und ratlos dreinblickte.
"Sometimes, when I sleep... I wake up... and can't control my body. It just goes and tries to die. I dunno why. At first I could hold it back a little. But not anymore." Colin kaute sich auf der Unterlippe herum und verzog den Mund und blinzelte etwas, so als ob er sich unter Kontrolle zu bringen versuchte. Tatsächlich war ihm gerade sehr nach Heulen zumute.
Rupert sah ihn etwas schockiert an. Langsam stand er auf.
"You should talk to Dennis. He knows a lot about these experiments, maybe he can explain this, too." Mit einem etwas mitfühlenden Blick auf den nun glatzköpfigen blassen Jungen, der da fast nackt mit den Resten seiner strähnigen Kopfbehaarung auf dem Bett saß, nahm er seine Taschen und wandte sich zur Tür.
Kei stand auf, ging zu Colin und ließ sich neben ihm auf den Boden fallen.
"Falls es dich beruhigt, ich pass auf, dass du dich nicht ein zweites Mal selbst ganz umbringst," sagte er ruhig.
Colins Blick wandte sich von der geschlossenen Tür, hinter der sich Ruperts Schritte entfernten, zu Kei. Er stieß einen Laut aus, der wie ein halbes Lachen klang aber keines war, und wischte sich sofort über die nassen Augen.
"Wie kaputt bin ich eigentlich?!" Er stützte die Ellenbogen auf seine Beine und drückte die Handballen auf seine Augen. Dabei griffen seine Fingerspitzen über der Stirn ins Leere, nur auf nackte - vielleicht etwas stoppelige – Haut, wo gerade noch seine Haare gewesen waren.
"Du bist viermal entführt worden, einmal gestorben, hast diverse Male versucht, dich umzubringen, du warst 'ne Untergrundkäfig-kampfattraktion, sie wollten dich zu 'ner Crackhure machen, du hast deine abgeschlachtete Familie an Heiligabend gefunden, du bist seit zwei Jahren mit mir unterwegs, die Erpressung in Japan – Du bist also ziem-" Colins Faust landete zielgenau und hart in ungewöhnlich hoher Geschwindigkeit in Keis Gesicht, so ungefähr auf seiner Nase, Wange und dem linken Auge. Und Colin selbst hockte nun vor ihm und drückte ihn bei der Kehle nach hinten.
Kei machte keine Anstalten, sich irgendwie zu wehren, mit dem rechten Auge musterte er Colin. Ein leichter Schmerz durchzog sein Gesicht, aber der störte ihn nicht weiter.
"Weiter mittig, wenn du mir die Nase brechen willst," sagte er ruhig. Nach hinten drücken ließ er sich nur leicht. Colin kniete auf seinen Schenkeln und krallte sich nun in seine Kehle, während seine rechte Faust wieder weit ausholte und nochmal zuschlug, wieder halb auf die Nase. Sein Gesicht war nass und sah wütend und gequält aus.
"Das findest du witzig, ja?! Zum TOTlachen, was?! So! Witzig!" Er schlug noch ein paarmal hart zu. Seine Kraft hatte während seiner Gefangenschaft scheinbar etwas zugenommen, doch Kei fing den letzten Schlag mühelos mit einer Hand ab.
"Du musst schneller sein, wenn du mir wirklich wehtun willst."
Colin ließ die Arme fallen und schluchzte. Das war ihm sofort peinlich, und er wischte sich mit dem Unterarm über die Augen. Er wollte Kei wirklich wehtun. Kei hatte ihm wirklich wehgetan. Irgendwie. Colin verstand nicht, wie genau. Aber das war egal. Er konnte Kei nie heimzahlen, was er ihm antat, wenn er nur so unbedacht den Mund aufmachte wie Kei das nunmal tat. Lustlos gab er ihm noch eine Ohrfeige, dann ließ er den Kopf sinken.
Kei setzte sich wieder aufrecht hin und verknotete die Beine zu einem Schneidersitz. Er nahm den Kleineren einfach in den Arm.
Im ersten Moment legte Colin die Stirn auf Keis Schulter, doch nach nur ein paar Sekunden stemmte er sich gegen ihn und machte Anstalten, aufzustehen. Das Gesicht wandte er zur Seite ab. Kei ließ ihn los und Colin stand auf und zog eilig die von Dennis geliehenen Kleider, Jeans, T-shirt und Socken, wieder an, ohne Kei anzusehen.
Kei stand auch auf. Wenn Colin beleidigt sein wollte, dann würde er dem kein Hindernis sein.
Colins Blick wanderte von selbst zu seiner Eisenklaue, die auf dem Holzschreibtisch lag, der unweit des Bettes an der Wand stand. Er hatte ein unbestimmtes Bedürfnis, sie wieder anzuziehen. Doch dann wurde ihm bei dem Gedanken etwas übel und er öffnete forsch die Tür. Kei wartete, bis Colin gegangen war. Er würde sich draußen etwas umsehen.

Tuesday, March 22, 2016

Kei + Colin LXXII: Der Empfang

TEIL IV
ENGLAND

Drei Tage später waren Kei und Colin in London Heathrow angekommen, wo der Vampir seinem Freund seine Hypnosefähigkeiten an den Flughafenbeamten demonstrierte und sie so ohne gültiges Visum problemlos einreisen konnten. Kei fragte sich, ob das bei allen Menschen funktionierte oder ob es bestimmte Bedingungen gab, die dazu führten, dass Menschen sich manipulieren ließen.
Vor dem Flughafen sah er sich prüfend um. „Was machen wir jetzt?“
Colin gähnte. Er war müde und hatte dunkle Augenringe in seinem blassen Gesicht. In Havanna war er zuletzt mit dem Gesicht über der eingeschalteten Grillplatte in der Küche ihrer Unterkunft aufgewacht. Seine schlafwandlerischen Selbstmordversuche waren manchmal richtig kreativ.
Kei hatte davon scheinbar nichts mitbekommen, aber Colin hatte seitdem auf Schlaf verzichtet. Seit dem Yakuza, den er gehäutet hatte – daran zu denken, jagte ihm nun einen übelkeiterregenden Schauer über den Rücken – hatte er kein frisches Fleisch mehr gegessen. Er wusste, dass er es brauchte, sein Körper gierte danach und keine andere Nahrung brachte ihm eine ähnliche Befriedigung, aber irgendwie wollte er nicht mehr. Er hatte Hunger. Jedes sichtbare Stück Haut hypnotisierte ihn geradezu und ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen, aber gleichzeitig bescherte ihm der bloße Gedanke daran, sich an dem weichen Fleisch darunter gütlich zu tun, deutliches Unbehagen. Als hätte er noch moralisches Empfinden übrig, oder es wiederentdeckt.
„Ist mir egal,“ murmelte er. „Schlafen wär gut.“ Mittlerweile war ihm auch fast egal, ob er sich währenddessen umbrachte. Vielleicht wäre das einfach eine Erlösung. Er zog den Riemen der Umhängetasche auf seiner Schulter hoch.
Schlafen hielt Kei in der Tat für eine sehr gute Idee. Kei brauchte fast keinen Schlaf, aber es war gut, einfach mal abzuschalten und einfach nichts zu tun.
„Das hast du dringend nötig. Und du solltest essen,“ sagte der Vampir ruhig und steckte seine Hände in die Jackentaschen. Erst einmal mussten sie einen Schlafplatz finden, aber das sollte sich in einer Stadt wie London als sehr einfach erweisen und nicht allzu lange dauern.
„Lass uns da lang gehen,“ schlug Kei vor, indem er in irgendeine Richtung zeigte und marschierte los. Hier am Flughafen herumzustehen war sicherlich die schlechteste Idee.
Colin ging ihm wie ein Gespenst hinterher. Ihm war zwar vage bewusst, dass er sich hier um Längen besser auskannte als der Japaner, aber darum konnte er sich in diesem Moment überhaupt nicht scheren. Er hatte genug damit zu tun, nicht im Gehen einzuschlafen und dann besinnungslos eine irreparable Dummheit anzustellen.
Als sie zu den Shuttlebussen kamen, traf ihn ein rauschender Windzug ins Gesicht. Er wankte etwas und blieb blinzelnd stehen. Nur für eine Sekunde. Jemand, der hinter ihm gegangen war, streifte seinen Oberarm und zog seinen kleinen Rollkoffer ratternd an ihm vorbei. Es war der braungebrannte Arm eines Urlaubsheimkehrers, der nackt und nur spärlich behaart aus einem weißen T-shirtärmel schaute. Mehr brauchte es nicht.
Mit einem leisen Ausruf, der fast wie ein verzweifeltes Ächzen klang, packte er den jungen Mann beim Arm und zog ihn mit einem Ruck zu sich. Vor Überraschung wehrte der sich auch gar nicht.
„Wha- oi!“
Kei drehte sich zu der sich ihm auf offener Straße darbietenden Szene um. „Mach das da wo dich keiner sieht, oder willst du gleich am ersten Tag gesucht werden?!“ sagte er und versetzte Colins zukünftiger Mahlzeit einen Schlag, der ihr das Bewusstsein nahm, damit sie nicht herumschrie. Colin beachtete ihn kaum und kniete sich nur eilig hin während der junge Mann zu Boden sank, um seine Zähne gierig in dessen Arm zu versenken, den er immer noch festhielt.
Irgendjemand rief etwas auf Arabisch, jemand anders auf Englisch, ein Funkgerät knackte und ein paar Autotüren knallten und Menschen kamen teils neugierig, teils alarmiert, herangelaufen.
Colin bemerkte sie nicht. Mit geschlossenen Augen grub er angestrengt seufzend sein dafür recht ungeeignetes Gebiss tief und hart in die warme Armbeuge. Allmählich fühlte er die Haut und das Fleisch darunter etwas nachgeben. Es machte ein liebliches, weiches Geräusch. Er spürte auch den Puls darin und roch ein kleines bisschen sauberen Schweiß.
„Shit! Nimm den mit, wir sollten sehr schnell verschwinden!“ Kei packte Colin und dessen Mahlzeit und warf sich beide über die Schulter. War er schon immer so leicht? Er machte einen Satz über die Menschen, die allmählich zu einer Traube wurden und lief mit seinem Rucksack, Colin, dessen Gepäck und dessen Mahlzeit über den Schultern zum nächsten Zaun.
Vor lauter Ungläubigkeit und schierer Verblüffung darüber, wie schnell und mit welcher Leichtigkeit dieser scheinbar schmächtige junge Mann sich zwei Menschen packte und mit ihnen auf dem Rücken über ihre Köpfe sprang, glotzten die Umstehenden nur und machten ihm teilweise sogar Platz. Der einzige, der unbeeindruckt blieb, war Colin selbst, der halbherzig strampelte, als Kei an seinem Oberarm zerrte, und in seinem Griff, selbst als er längst rannte, eine Hand und Schulter des Bewusstlosen griff und irgendwo dazwischen wild in ihn hineinnagte.
Kei ließ auch den Zaun hinter sich und rannte noch ein gutes Stück weiter. Als er sich in sicherer Entfernung zum Flughafen wähnte, ließ er Colin und dessen Mahlzeit unter einer Brücke wieder hinunter. Colin, der dem jungen Mann jetzt bereits mehrere tiefe, dunkle Bissspuren vom Bizeps bis zum Handgelenk zugefügt hatte, kroch eilig über ihn, bis er rittlings auf ihm hockte, und schaffte es nun, dessen Haut mit den Zähnen zu durchtrennen. Ein dickes Stück Haut mit etwas Muskel löste sich unter einem schmalen Blutschwall und einem nassen Reißgeräusch langsam aus dem Unterarm.
Kei ließ sich neben Colin auf den Boden fallen und nahm sich den anderen Arm des Mannes. Ein bisschen Blut konnte nicht schaden. Er trank eine große Portion davon und wischte sich danach den Mund an der Jacke des mittlerweile Toten ab. Colin kaute derweil mit leerem Blick auf einem weiteren Fetzen aus dem Arm herum. Weniger gierig, aber scheinbar mit großem Genuss. Seine Kapuzenjacke, das T-shirt und seine Hose waren genau wie seine Hände und Unterarme, und besonders sein Gesicht, blutgetränkt.
Kei betrachtete ihn äußerst fasziniert und dachte nicht daran, dass das ganze Blut auf Colin nur Aufmerksamkeit auf sie ziehen würde, wenn man sie entdeckte. Nach kurzer Zeit schluckte Colin geräuschvoll. Als der unzerkaubare Batzen weg war, hob er den aufgerissenen Arm etwas und vergrub sein Gesicht von der Nase bis zum Kinn in der tiefen Wunde. Es gurgelte gedämpft, während er nagte und saugte, aber es war nicht festzustellen, ob das Geräusch von dem glitschenden Blut in der Wunde herrührte oder aus Colins Kehle kam.
Nachdem Kei sich nach einigen Minuten vom Anblick seines Freundes gelöst hatte, begann er damit, sich umzusehen. Keine Menschenseele war zu sehen, aber das konnte sich bald ändern. Immerhin befanden sie sich in einer Millionenstadt. Unter der Brücke und aus nächster Entfernung schienen sie jedoch unbeobachtet. Nach seinem Sprung über den Zaun war ihnen niemand nachgelaufen. Wer wusste, wie lange die Leute brauchten, um Sicherheitskräfte auf zwei junge Männer und einen Toten aufmerksam zu machen. „Wir sollten bald verschwinden.“
Colin ignorierte ihn und aß unter leisem Grollen gemächlich weiter. Zwischendurch schloss er wie in höchster Konzentration die Augen und atmete tief durch.
„Beeil dich einfach,“ fügte Kei hinzu und sah sich weiter um. Er wollte Colin nicht sein Essen wegnehmen müssen. Wahrscheinlich würde das aber notwendig werden, denn der Junge zeigte kein Anzeichen dafür, dass er Kei überhaupt gehört hatte, geschweige denn seinen Rat befolgen würde, sondern blieb genüsslich darin vertieft, den Arm des Mannes, auf dem er saß, stückchenweise zu verzehren.
Der Vampir hörte entfernte Schritte auf sie zukommen, was ihn noch ein wenig ungeduldiger werden ließ. Er nahm den anderen Arm des Mannes und riss ihn aus der Leiche.
„Beweg dich! Bullen!“ rief er dem Kleineren zu und deutete in Richtung des Flughafengeländes. Beide Taschen schulternd nahm er Colins Handgelenk und zog ihn von der Leiche weg, deren noch fleischigen Arm er in der anderen Hand hielt. „Iss unterwegs weiter.“
Mit einem erbosten Knurren riss Colin seine Hand zurück, wurde aber dennoch auf die Beine gezogen und musste den Arm gehen lassen. Als er nicht von Keis Hand loskam, fixierte sein hohler Blick den noch intakten Arm in dessen anderer Hand und er griff danach. Er machte keine Anstalten, mit Kei mitzugehen.
„Reiß dich zusammen!“ Der Vampir trat Colin die Füße wieder weg und hob ihn hoch.
„Hrrmf!“ ließ Colin grimmig verlauten, während er fiel und wieder gepackt wurde.
Wenn er nicht laufen wollte, wurde er halt getragen. Kei hatte keine Lust auf Polizei oder andere unerwünschte Aufmerksamkeit, davon hatten sie dank Colins Fressattacke schon genug gehabt.
Halbherzig wehrte Colin sich, doch als er den Arm wieder zu fassen bekam, war es ihm egal, dass er halb in der Luft baumelte und vergrub nur die Zähne in der zerrissenen Bruchstelle der Schulter. Als Kei zu Laufen begann und er dabei ein bisschen wippte, musste er kurz lachen, wie ein Kind, das herumgeworfen wird.
Kei rannte durch kleine Seitenstraßen um nicht gesehen zu werden und ließ Colin nach einer guten Stunde wieder herunter. In einer offensichtlich nicht mehr genutzen Lagerhalle. Er war in ein Industriegebiet gelaufen, welches sich unweit des Flughafengeländes vor ihm aufgetan hatte. Der ideale Ort, um mit Leichenteilen und einem menschenfressenden Halbtoten für kurze Zeit unentdeckt zu bleiben.
Der Menschenfresser saß auf dem staubigen Betonboden. Er ließ nun seinen halb abgegessenen Arm fallen und leckte dafür das trocknende Blut von seinen Händen. Er sah zufrieden aus, wenn auch weiterhin in das vertieft, was er da gerade tat. Während er sich mit den Unterarmen das Blut von Wangen und Kinn wischte und dann wieder ableckte, legte er sich langsam auf die Seite.
Kei blieb wach und aufmerksam neben ihm sitzen und lauschte auf eventuelle Verfolger, die ihnen bis hierhin hinterhergelaufen sein mochten. Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Sich seine Jacke ausziehend und selbige in den Rucksack stopfend sah Kei zu Colin.
Wenigstens ist er satt...
Das war er tatsächlich, und innerhalb von Sekunden, nachdem er sich hingelegt hatte, war Colin auch schon fest eingeschlafen. Das ging so schnell, dass ihm noch ein blutiger Zeigefingerknöchel zwischen den Lippen hing.
Dieses Bild war seltsam – skurril und idyllisch zugleich. Kei schaute kurz leicht verwirrt und wendete sich dann wieder dem Wachesitzen zu. Er zündete sich eine Zigarette an und wartete rauchend darauf, dass sein Freund wieder aufwachen würde.
Die folgenden Stunden waren ruhig. Die Menschen schienen sie mit ihrer Gesellschaft zu verschonen. Draußen fuhr zwischendurch brummend ein Lastwagen vorbei und aus der Ferne konnte man ab und zu das Rauschen der Eisenbahn vernehmen. In der unbeleuchteten Halle blieb es still. Während der Nachmittag fortschritt, wurde das Licht, das durch die dreckigen Scheiben hoch in den Wänden drang, zwielichtig. Colin atmete ruhig und langsam, wenn er atmete.
Nach über zwei Stunden regte er sich. Schwerfällig zuckend setzte er sich etwas auf.
Kei saß gegen eine Wand gelehnt auf dem Boden und sah zu Colin. „Ausgeschlafen?“ fragte er ruhig.
Colin entgegnete nichts, doch seine Augen öffneten sich. Ohne Kei zu beachten, wandte er sich steif einer Wand zu, an der hoch oben ein Catwalk entlangführte. Ungelenkig stand er auf und stolperte langsam in diese Richtung. Kei sah ihm nach.
Wie ein rostiger Roboterzombie näherte Colin sich wankend der Aluminiumtreppe. Als er sie erreichte, konnte er nicht mehr sehen, was vor ihm lag. Seine Augen tränten zu stark. Aber das war auch egal, denn sein Körper machte sowieso wieder alles allein.
Kei ging ihm nach, als er sah, dass Colin den ganzen Weg wie ein betrunkener Untoter zurückgelegt hatte und stellte sich ihm in den Weg.
„Nicht schon wieder... Du sollst dich doch nicht umbringen.“
Will ich auch gar nicht.
Colins Körper hielt nicht an. Er hatte überhaupt keine Kontrolle mehr über ihn. In Südamerika hatte er ihn wenigstens mit großer Anstrengung ein bisschen bremsen können, aber das funktionierte nun nicht mehr. Er konnte nur weinen, aber dazu entschied er sich ja auch nicht mit Absicht. Ohne sein Zutun griffen seine Hände nach dem Geländer und zogen ihn daran hoch. Seine Füße stellten sich von selbst darauf. Was, gerade vorwärts gehen ist nicht, aber Balancieren soll okay sein?!
Kei zog ihn von dort wieder herunter, zerrte ihn von der Treppe und drückte ihn auf den Boden, wo er ihn festhielt. Schnaufend versuchte Colins Körper, wieder aufzustehen, aber der Vampir war viel zu stark für ihn. Doch Colin war verblüfft darüber, wie hartnäckig er war. Minutenlang stemmten sich seine Arme und Knie gegen den Betonboden, selbst als alles schmerzte und sich wie formloser Pudding anfühlte. Der hellgraue Boden unter seinem Gesicht wurde allmählich feucht. Keis Knie und Arme blieben einfach wie tonnenschwere Ambosse unbeweglich auf ihm liegen.
Schließlich ließ seine Kraft doch nach und Colins sich windende Muskeln beruhigten sich nach und nach.
Endlich. Au. Jetzt muss ich nur noch aufwachen.
Kaum ließ die unerwartet heftige Gegenwehr nach, ließ Kei den Kleineren los und erhob sich. „Dein komischer Suizidinstinkt ist echt hartnäckig.“
Das sagst du mir? Scherzkeks. Er blinzelte und kam sich nach einem blinden Gefühl des Fallens vage so vor, als hätte er die Macht über seinen Körper zurück. Er konnte sich trotzdem nicht bewegen. Keis Gewicht war weg, dafür fühlte er sich zu schwer und verbogen an, um aufzustehen.
„Au...“ brachte er nur leise heraus.
Kei hob Colin hoch und stellte ihn auf die Beine, hielt ihn aber fest, sodass er nicht umfiel.
„Dass dein Körper sich wehrt, ist neu.“
„Gegen dich... Er lernt dazu,“ ächzte Colin leise. Er schaffte es, die Arme zu heben und sich ein bisschen an Keis Jacke festzuhalten. Dabei fiel ihm auf, wie blutverkrustet seine Hände und Unterarme waren, und als er an sich hinuntersah, wie dunkel durchtränkt sein ehemals graues T-shirt war.
„... Was ist los?“
„Erzähl mir nicht, dass du nicht mehr weißt, weshalb du so aussiehst." Der Vampir sah ihn an. Colin sah zurück. Er versuchte, sich zu erinnern. Bevor er hier aufgewacht war...
„... Der Mann von Heathrow?“ Nachdem er ihn gerochen hatte... gab es nichts mehr.
Er schnaubte verächtlich und ließ Keis Jacke los.
„Genau der. Die Reste seines Arms liegen dahinten noch. Du wolltest dich nicht ohne Mittagessen bewegen lassen,“ erklärte Kei gelassen. Colins Blick folgte seinem Kopfnicken dorthin, wo das abgenagte Glied in einem Matschfleck auf dem Boden an der Stelle lag, wo er aufgewacht war.
Er musste blinzeln, denn plötzlich schoss ihm wieder heißes Wasser in die Augen.
Er hatte am Flughafen in aller Öffentlichkeit einen Passanten angegriffen. Kei hatte ihn in besinnungslosem Zustand mit einem Arm des Mannes in diese unbenutzte Halle gebracht. Er fragte sich, wo der Rest sein mochte. Und er versuchte, ihn sich bildlich vorzustellen, mit starrem, fasziniertem und angeekeltem Blick auf den zerfetzten Arm geheftet.
„Seine Leiche müsste heute Abend in allen Nachrichten zu sehen sein. Die Sicherheitskräfte waren sicher kurz nach uns da.“ Kei dachte laut. Er ließ sich nichts davon anmerken, dass er es nicht gut fand, dass er Colins Babysitter spielen musste, während der besinnungslos gefressen hatte. Ein solcher Zustand war ihm nicht ganz fremd – nur konnte er sich an seine eigenen Ausfälle erinnern und er vermied es, sie herbeizuführen.
„Ist-“ Colin wurde etwas übel. Er wollte gar nicht wissen, wo der Mann lag und wie seine Leiche aussah. Trotzdem schlichen sich Bilder vor sein inneres Auge, aber sie hatten nichts mit Flugplätzen zu tun, sondern spielten sich in einem Wohnzimmer in Tokyo ab, und es gab da nicht nur eine Leiche... Hastig wischte Colin sich über die Augen und wandte sich ab.
Kei musterte ihn kurz und sagte dann anstatt ‚Ja, ist er, und ihm fehlen beide Arme, weil du verfressen warst‘ lieber gar nichts. Das Verhalten seines Freundes überforderte ihn ein wenig. Dass Colin wirklich menschliche Gefühlsregungen gezeigt hatte, war so lange her, dass es ihm fast fremd vorkam. Er musste sich daran erinnern, dass Colin ein Mensch war – untoter Menschenfresser hin oder her – ursprünglich war er ein Mensch gewesen. Vielleicht kam Menschlichkeit nach einigen Jahren des Totseins zurück. Er konnte sich keinen Reim darauf machen.
Etwas hilflos enthedderte der Junge gerade seine Arme und die blutigen Kleidungsstücke, was sich am Ende auf alles bis auf Boxershorts, Socken und Schuhe belief. Letztere zog er dennoch eilig auf dem Boden sitzend aus, um mit spitzen, zitternden Fingern die Jeans loszuwerden. Dann wischte er sich wieder mit dem Unterarm über das Gesicht, um etwas besser sehen zu können, bevor er mit einem sauberen Teil eines Hosenbeins über seine Hände rubbelte. Kei betrachtete die Szene schweigend und leise schmunzelnd bis er sich irgendwann zu den Taschen bewegte.
„Hast du saubere Kleidung dabei?“
Du musst duschen, um das Blut loszuwerden. Kei hatte in den Stunden, in denen er sich in der Halle umgesehen hatte, keine Wasserquelle oder irgendetwas anderes nützliches gesehen. Sie mussten hier weg.
In Colins Seesack befanden sich an Kleidungsstücken ein paar Teile Unterwäsche, vier T-shirts und die Cargoshorts, die er schon seit Brasilien besaß. Seine Bastsandalen und die Strickmütze waren ihm irgendwo abhanden gekommen.
Er antwortete jedoch nicht, obwohl er die Frage verstanden hatte. Er konnte bloß nicht den Mund bewegen, um Laute herauskommen zu lassen. Er erinnerte sich an das Gefühl von warmer Haut auf den Lippen und weichem Fleisch, das unter seinen Fingern und Zähnen nachgab. Und das Bild dazu war seine Mutter, wie sie mit Schnitten und Blutergüssen auf dem weißen Rücken unter ihrem zerrissenen Abendkleid mit aufgerissenen Augen und Mund vor ihm lag.
Er schniefte und blinzelte noch einen Schwall Tränen weg. Das Reiben brachte nicht viel, nur gerötete Haut. Er hörte auf.
Kei steckte die Zigarettenschachtel, die neben seinem Rucksack auf dem Boden gelegen hatte, wieder in seine Hosentasche und setzte sich. Schweigend sah er zu Colin und fragte sich, was gerade in dessen Kopf vor sich ging.
Er sah zu Kei auf, aber nur aus Reflex. Dass ihm plötzlich Skrupel gewachsen waren, würde der Vampir nicht verstehen. Also wandte Colin seinen Blick wieder hinunter auf seine Hände. Anstatt sie abzureiben, zog er das Hosenbein nun zu seinem Gesicht, um den Mund abzuwischen. Er wusste nicht, wie es aussah, aber wenn er diesen ganzen Arm gegessen hatte und seine Unterarme schon so blutverschmiert waren, konnte sein Gesicht nicht sauber sein. Es schien ein bisschen besser zu funktionieren, denn seine Wangen waren deutlich nasser als seine Hände, und der Jeansstoff bekam ein paar dunkle Flecken.
„Ich gehe dir Wasser zum Waschen organisieren,“ kommentierte Kei Colins Reinigungsversuch schließlich.
Danke, dachte Colin, ohne Kei anzusehen, und hielt wieder inne. Und es tut mir Leid, dass du dich immer um mich kümmern musst.

Kei ging nach draußen, ohne seine Jacke anzuziehen. Wasser. Wo kriege ich hier welches her? Er ging einfach los. Lief bald darauf durch unbekannte Straßen, bis er einen Supermarkt gefunden hatte. Dort kaufte er einige Flaschen Wasser und in einem angrenzenden Geschäft saubere Kleidung für Colin. In seinen blutigen Sachen konnte er nicht raus.
Nach etwas über einer Stunde kam Kei wieder zurück in die Lagerhalle geschlendert. „Wasser und saubere Kleider!“ verkündete er, als er die Tüten neben seinem Rucksack abstellte. Der Arm in seinem Matschfleck und ihre Taschen lagen alle noch da, wo sie vor einer Stunde gelegen hatten. Colins Kleider auch. Nur Colin nicht mehr. Der saß nun an eine Wand gelehnt und hob den Kopf von seinen Knien, als Kei hereinkam. Sein Gesicht war fast sauber, aber seine Augen und der Mund gerötet, und er blickte noch äußerst verloren drein. Kei stellte die Wasserflaschen vor ihn und ließ ein leichtes Lächeln vermuten.
„Hier.“ Er gab ihm noch ein Tuch - ein Handtuch hatte er nicht bekommen - das als Waschlappen dienen konnte.
„... Danke,“ sagte Colin leise und rührte sich nicht weiter, nachdem er das neue Halstuch auf seinem Knie abgelegt hatte.
„Was is?“ Kei sah ihn fragend an.
„Keine Ahnung.“ Ich fühl mich beschissen. I want to go home. I want my mum.
Er wischte sich kurz über das Gesicht und sah hilflos zu Kei auf. Kei setzte sich neben Colin und lehnte sich einfach gegen ihn. Er war mit Hilflosigkeit und Gefühlen überfordert. Vor allem, wenn er nicht wusste, was los war. Colin drehte sich etwas, legte die Arme um Kei und vergrub sein Gesicht in dessen T-shirt. Umständlich legte Kei einen Arm um ihn und drehte sich ein kleines bisschen. Leise weinte Colin in sein Hemd, knapp unterhalb der Schulter.
I've eaten PEOPLE. I killed them and ATE them. Not even eighteen and I've had at least seven cocks up my arse. Sein Griff in Keis Shirt zog sich auf seinem Rücken etwas fester zusammen. And why the fuck does it bother me NOW?
Kei hielt ihn fest und atmete ruhig. Er verstand nicht, weshalb Colin jetzt plötzlich davon entsetzt war, was er getan hatte. Immerhin war es nicht das erste Mal gewesen, dass er einen Menschen zerfetzt hatte.
Nach ein paar Minuten atmete Colin auf und ließ Kei los. Seinen Kopf behielt er aber, wo er war, an Kei gelehnt.
„Ich liebe dich,“ murmelte er.
Kei murmelte eine Erwiderung und steckte seine Hand locker in Colins Hosenbund.
„Es tut mir Leid,“ flüsterte Colin.
„Was meinst du?“ fragte der Vampir leise.
„Mich. Dass ich so bin.“ Colin hob den Kopf und sah Kei besorgt an.
Warum jetzt? „Ich kann damit leben.“ Dem Menschenfressen. Nicht den Nervenzusammenbrüchen... Mach das nicht.
„Gut, dass du auch wahnsinnig bist.“ Colin setzte sich etwas auf, aber blieb dicht bei Kei, damit dessen Hand nicht aus seinen Boxershorts rutschen musste, und legte einen Arm wieder um ihn.
Draußen fuhren weiter Lastwagen und Vans vorbei. Ein paar Fahrzeuge schienen in der Nähe anzuhalten.
„Wir könnten Gesellschaft bekommen,“ informierte Kei seinen Freund, bewegte sich aber nicht. „Hier sind Menschen in der Nähe.“
Colin ließ ihn los und horchte. Es waren keine Schritte oder Stimmen zu hören, auch keine zuklappenden Autotüren.
„Autos haben in der Nähe gehalten. Ich weiß nicht, ob die herwollen. Sie sind noch weit weg.“
„Nicht weit genug. Steht auf, wir müssen hier weg,“ sagte ein junger Asiate auf Japanisch von über ihren Köpfen. Er hockte auf dem Catwalkgitter entlang der hohen Wand unter einer rechteckigen Öffnung im Dach. Er trug enge, gepolsterte Lederkleidung und eine schwarze Kapuze.
Kei sah ihn an. „Wer bist du?“ Er mochte diesen Typen auf Anhieb nicht. Colin stand auf.
„Jemand, der euch nicht ans Leder will. Könnte mir vorstellen, dass ihr sowas nicht häufig trefft. Ihr habt jetzt die Wahl zwischen mir und den dutzend Vampiren, die euch einfangen und umbringen wollen. Eure Entscheidung, aber wenn die Tür da aufgeht, bin ich hier weg, mit oder ohne euch.“


Tuesday, February 23, 2016

Kei + Colin LXIX: Genug erzählt


„Nein? Wie nennt man das dann?“
„Was?“ Darin, sich ahnungslos zu geben, war Akira immer noch Meister. Er sah Kei offen an.
„Mich solange anzuschauen, dass man nicht bemerkt, dass die Kippe runterbrennt,“ entgegnete der ruhig grinsend.
„Pff...“ Mit einem beinahe verlegenen Schmunzeln wandte Akira seinen Blick auf den Fußboden. Dann zuckte er mit den Schultern. „Du hast da was kleben.“
Kei schaute hin. „Wo?“
Akira beugte sich zu ihm und biss ihm kurz sachte in den Unterarm.
„Spucke. Da.“ Er zeigte drauf. Kei grinste wieder.
„Wie konnte ich das nur übersehen.“
Mit einem grinsenden ‚Wenn ich das nur wüsste‘-Ausdruck hob Akira die Hände. Kei schaute ihn mit einem ‚Ja ne, is klar‘-Ausdruck an.
„Soll ich‘s wegmachen?“ bot Akira hilfsbereit an.
„Ja.“
Akira beugte sich nochmal hinüber und leckte die Stelle ab.
„So.“
„Danke.“ Kei zog ihn ein Stück hoch und küsste ihn. Selbstgefällig lächelnd erwiderte Akira den Kuss. Kei vertiefte ihn und drückte Akira ein Stück Richtung Matratze. Der lehnte sich bereitwillig zurück, aber nur weit genug, um sich bequem auf die Hände zu stützen. Weiter wollte Kei ihn auch gar nicht haben, das reichte völlig.
Akira zog den Kopf leicht zurück. Kei ließ ihn und schaute ihn daraufhin einfach nur abwartend an.
„Du hast da noch was,“ sagte Akira leise und küsste seinen Hals.
„Dann machs weg,“ kommentierte Kei grinsend und stützte sich mit einer Hand auf den Boden.
„Geht nicht,“ murmelte Akira auf Keis Haut und küsste sie weiter. Sie war noch voller Meersalz. Keis Grinsen wollte nicht mehr wirklich verschwinden.
„Da bin ich mir noch nicht sicher.“
„Ich aber. Das geht nicht weg,“ erklärte Akira Keis Kehle.
„So'n Mist.“
„Och, ich glaub nicht, dass dir das was ausmacht.“ Die weiche Stelle unter Keis Ohr schien richtig lecker zu sein. „Das hast du da schon eine ganze Weile hängen.“
„Du hast mich ertappt. Was?“
„Mich,“ antwortete Akira, während er zärtlich zubiss.
Daraufhin grinste Kei genüsslich. „Das stört mich wirklich nicht.“
„Gut. Es geht nämlich wirklich nicht ab.“ Akira zog den Kopf zurück und sah Kei bierernst an. „Ich habe alles versucht,“ sagte er mit einem hilflosen Schulterzucken.
„Jetzt ist es weg,“ sagte Kei und klang dabei absichtlich beinahe schon traurig.
Akira lachte. Mit der Zungenspitze zwischen den Zähnen ließ er eine Hand unter Keis T-shirt kriechen.
„Oh guck, es ist nur verrutscht.“
Kei lachte daraufhin etwas. „Du hast Recht, wie geht das?“
„Ich habe keine Ahnung,“ flüsterte Akira mit geweiteten Augen. Seine Hand kratzte leicht und langsam über Keis Bauch.
„Du musst es aber wissen,“ entgegnete der mit zufrieden-genüsslichem Gesichtsausdruck.
„Warum?“ lachte Akira. „Also ich weiß ja, dass ich hier das Superbrain bin, aber alles weiß ich auch nicht.“ Das süffisante Grinsen war keine Absicht, es kam von ganz allein. Kei grinste noch immer leicht.
„Du bist Schuld daran, also musst du wissen, warum.“
Akira lachte leise. Seine Hand wanderte gemächlich auf Keis Rücken.
„So ein Quatsch. Du bist Schuld.“
„Ich? Wieso ich jetzt auf einmal?“ Kei lachte immer noch ein bisschen.
„Wer hat sich wem an den Hals geworfen?“ entgegnete Akira mit hochgezogener Augenbraue. Keis T-shirt wanderte etwas weiter nach oben.
„Geworfen würde ich das jetzt nicht nennen.“
Akira lachte. Puh, gut dass er nicht ‚Na du dich mir‘ gesagt hat.
Kei lachte ebenfalls.
„Du hast dir das hier trotzdem selbst zuzuschreiben,“ sagte Akira herablassend nickend. Er kratzte langsam über Keis Brust.
„Schuldig im Sinne der Anklage.“ Kei küsste ihn auf die Stirn.
„Na toll, jetzt hab ichs im Gesicht kleben.“ Er zog seine Hand zurück, um sich damit demonstrativ über die Stirn zu wischen. Kei gab ein leises Lachen von sich.
„Gern geschehen.“
Akira wechselte seine Stützhand und fuhr damit fort, Kei zu befummeln. Der tat mit seiner freien Hand ähnliches und machte sich an Akiras Kleidern zu schaffen. Akiras Hand kroch unterdessen zu Keis Hosenbund und öffnete den Knopf. Kei saß so, dass es gar nicht schwer war, ihn seiner Sachen zu entledigen. Geschickt öffnete er mit links Akiras Hose, ihm einhändig das Hemd über den Kopf zu ziehen, war zu umständlich. Dafür setzte Akira sich wieder auf, was ihn unweigerlich Kei verdammt nahe brachte. Er zog sich das T-shirt aus, ließ es einfach fallen und schob dann Keis Hemd hoch. Keis Mund war ihm zu nah. Den küsste er, zärtlich aber weniger geduldig als zuvor. Kei erwiderte den Kuss und hockte da ziemlich unbequem, aber das störte ihn momentan nicht sehr. Nachdem er Akiras Hosen beiseite gelegt/geworfen hatte, beugte Kei sich ein Stück runter und widmete sich wieder den Lippen seines Freundes.
Zuerst hielt Akira ihn beim Nacken, dann strich seine Hand über seinen Hals und er schien sich nicht entscheiden zu können, was und wie lange und wie er ihn wo anfassen wollte, bis er schließlich wieder bei Keis Hosenbund angelangt war, unter den er seine Hand schob. Kei positionierte sich bequemer, sodass zum einen Akiras Hand mehr Platz in seiner Hose hatte, und er zum anderen nicht mehr zusammengeknüllt dasaß. Das sorgte auch dafür, dass er mit der freien Hand, die er nicht zum Abstützen gebrauchte, besser an Akiras Oberkörper herankam, über den er seine Hand wandern ließ. Akira brach den Kuss ab um sich hinzulegen und öffnete eilig Keis Hose. Mit Händen und Knien schob er sie herunter. Der Vampir war so freundlich ihm dabei zu helfen und schob seine Hose nach dem Ausziehen woanders hin. Danach küsste er ihn wieder.
Akira versuchte, sich wieder etwas aufzusetzen und schob an Keis Schulter. Kei schaute ihn beim langsamen Zurückfallen fragend an.
That I could be on top doesn't even cross his mind, dachte Akira amüsiert, während er sich mit einem ebensolchen Lächeln aufsetzte und nun mit beiden flachen Händen nachdrücklicher wurde.
Kei grinste leicht und gab dem Kleineren nach einem Weilchen nach, zog ihn aber mit sich nach unten und küsste ihn. Akira kroch rittlings auf ihn und sorgte für möglichst viel Körperkontakt, während er weiter genüsslich an Keis Lippen nagte und saugte.
I wanted to stay here much longer...
Kei vertiefte den Kuss weiter, während er Akira im Nacken festhielt. Sein Kopf lag auf seinem T-shirt, aber das bemerkte er gar nicht. Mit der freien Hand hinterließ er Kratzspuren auf Akiras Rücken. Leise stöhnte Akira in den Kuss, biss Kei etwas auf die Lippe und begann unwillkürlich damit, sich an ihm zu reiben. Kei war selber nicht besonders geduldig, wo doch sein Gehirn nicht mehr gut genug durchblutet war, um ihn darauf zu bringen, Akira noch länger warten zu lassen. Grinsend biss Kei dem Kleineren auf die Lippe, während er in ihn eindrang. Zwischen ein paar der Bretter des Schuppens fiel ein bisschen Mondlicht, was den Raum aber nicht wirklich erhellte.
Langsam und vorsichtig setzte Akira sich auf, nachdem er Kei noch einmal unsauber geküsst hatte. Auf Keis Gesicht war ein leicht versautes Grinsen und nur leicht geöffnete blaue Augen zu sehen, eigentlich sah man fast nur das Blau, da das Mondlicht nicht besonders stark war.
Dem Vampir schien seine Lage zu gefallen. Er begann damit, sich leicht gegen den Kleineren zu bewegen und beobachtete ihn mehr oder weniger unauffällig. Akira hatte die Augen geschlossen und nahm außer Kei in ihm, Keis Händen auf ihm und der kratzenden Musik aus dem Radio nichts wahr.
Keis Bewegungen wurden allmählich schneller, drängender. Die Musik hörte er kaum, er beachtete sie auch nicht. Mittlerweile schämte Akira sich nicht mehr für sein Stöhnen in solchen Momenten. Er war sich sicher, dass es seinem Wahnsinnigen mindestens egal war, wenn nicht sogar gefiel. Mit beiden Händen stützte er sich auf ihn, und er hob sich auf den Knien ein bisschen, um Kei unten zu halten und seine Stöße abzumildern. Das funktionierte sogar, wenn auch nur ein bisschen.
Kei war nicht egal, was sein Freund von sich gab, er nahm es eher mit Freuden wahr. Er selbst war nicht besonders laut, trotzdem würde man sie beide hören, wenn man sich denn in ihre Nähe verlaufen würde.
Als Kei etwas ruhiger zu werden schien, ließ Akira ihn wieder los.
„Heh...“ Er musste benebelt lächeln, als er im Zwielicht den blauen Schimmer aus Keis Augen sah.
Kei hatte mehr ein Grinsen im Gesicht als ein Lächeln und blickte in etwa so drein wie ein Heroinjunkie nach einem Schuss. Etwas langsamer und sanfter bewegte er sich weiter gegen Akira und ließ es nicht bleiben, ihn anzusehen. Akira kämpfte gegen den Drang an, die Augen wieder zu schließen, und sah Kei weiter berauscht an. Schwer atmend begegnete er seinen Bewegungen. Er war angespannt, aber schien es nicht eilig zu haben, fertig zu werden.
Kei auch nicht. Immerhin war dies wahrscheinlich ihre letzte Nacht in Brasilien und die musste ausgenutzt werden.
Mal erwiderte der Vampir Akiras Blick, mal hatte er die Augen zu, was blieb war der Rauschausdruck in seinem Gesicht. Allmählich wurden seine Stöße wieder schneller und härter, wenn auch nur ein bisschen.
Nun wurde Akira sich selbst doch etwas zu laut - er begann auf seiner Unterlippe zu kauen, um dem entgegenzuwirken, während er sich nun selbst anfasste. Der Vampir wurde noch etwas schneller, seine rechte Hand krallte sich dabei in Akiras Hüfte.
„Hng - wait, no - slow down...“
Einen Moment später kam Kei seines Freundes Begehren nach und wurde wieder etwas langsamer, er sah ihn aus halb geöffneten Augen an.
„Hah... hast du dein Messer?“ Was Akira meinte, war, ob das Messer in Reichweite war.
„Hosentasche...“ mit der nicht Akira festhaltenden Hand griff er nach seiner Hose. „Wofür?“ fragte er leise, als er das Messer aus der Tasche zog um es dem Kleineren zu geben. Der nahm es, ließ es aufschnappen und hielt es wieder Kei hin, mit dem Griff voran. Dabei deutete er mit dem Zeigefinger auf seine Brust.
Das brachte ihm ein versaut-tödliches Grinsen seitens Kei ein, der das Messer wieder an sich nahm. Er hielt es fast wie einen Stift und begann damit, im Rythmus seiner Stöße, seinem Freund Schnittwundenmuster zuzufügen.
Bei den ersten Malen zuckte Akira noch zusammen und stöhnte leise auf, aber bald wandelten sich sein Gesichtsausdruck und seine Stimme wieder in Rausch und Erregung und er vergaß schnell, bei seinen Bewegungen gegen Kei darauf zu achten, dass ihm vielleicht die Klinge ausrutschen könnte. Er fasste sich wieder an, diesmal sehr ungeduldig, und stützte sich mit der freien Hand wieder auf Keis Brust, wo er sich mit den Fingernägeln festkrallte.
Kei wurde ebenfalls langsam ungeduldig und seine messerführende Hand achtete auch nicht mehr darauf was sie tat, und so wurden die Schnitte tiefer und das Muster unordentlich. Seine Stöße wurden noch etwas härter und seine andere Hand krallte sich tiefer in das Fleisch an Akiras Hüfte.
„Hah...“ Akiras Stöhnen klang nun etwas verzweifelter. Plötzlich beugte er sich ohne Vorwarnung hinunter.
Keis Messer stach in Akiras Oberkörper, was Blut fließen ließ. Der Vampir merkte das kaum. Nur seine Hand wurde warm. Doch stören tat ihn das nicht, er wurde noch ein wenig schneller und vergaß fast, dass er gerade seinen Freund eigentlich abgestochen haben müsste. Akira zuckte zusammen und machte ein ersticktes, schmerzerfülltes Geräusch, packte dann Keis Messerhand und drückte sie weg, um sich tiefer zu ihm hinunterzubeugen. Kei ließ das Messer los, sodass es herunterfiel und küsste den Kleineren grinsend. Der erwiderte den Kuss nur kurz, bevor er sich Keis Ohr zuwandte.
„Come,“ flüsterte er schwer atmend und biss zu.
Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Nach nicht allzu vielen Sekunden kam er mit völlig benebeltem Gesicht und lautem Stöhnen, das bald darauf zu schwerem Atmen wurde. Akira küsste seinen Hals und leckte etwas von seinem eigenen Blut auf, das dort entlangrann. Er behielt sein Gesicht dort vergraben und hielt Kei bei den Haaren, an denen er unwillkürlich etwas zog, als ihm seine letzten harten Stöße den Rest gaben. Was auch immer er dabei unartikuliertes von sich gab, dämpfte er ab indem er in Keis Hals biss.
Kei legte einen Arm um ihn und hielt ihn im Nacken fest, damit er blieb, wo er war. Sein Gesicht zuckte etwas zusammen, als Akira ihn biss.
Schmerzen. Da war ja was. Die spürte er zwar nicht besonders stark, aber er nahm sie wahr. Akira ließ seinen Hals kurz darauf wieder gehen. Heiß und feucht atmete er schwer auf Keis nassen Hals und blieb auf ihm liegen.
Kei blieb, nachdem er sich beruhigt hatte, liegen wie er war und hielt seinen Freund weiterhin fest. Dessen Herz schlug schnell und pumpte hastig weiter kleine Schlucke Blut zwischen sie.
„Wehe dir du gehst jetzt drauf,“ gab Kei leise von sich und machte keine Anstalten, Akira loszulassen.
„Warum sollte ich jetzt draufgehen?“ flüsterte Akira unter seinem Ohr.
„Weil du verdammt viel Blut verlierst.“
Akira lachte leise und biss ihm sachte ins Ohr.
„Wenn du von mir trinkst, ist das gefährlicher.“
„Nur bedingt.“ Kei lachte ebenfalls, während er ihn weiter festhielt. Er hatte nicht wirklich vor, ihn loszulassen. Abhauen, was sie ja eigentlich vorhatten, konnten sie ein bisschen später auch noch.
„Ach was... wir können nicht mehr sterben. Hey-“ Akira hob ein bisschen den Kopf. Keis Griff ließ nicht viel mehr zu, als ihn ein bisschen zu drehen.
„Ach ja. Naja, das wissen wir nicht, ich hab's noch nicht wieder versucht.“ Der Vampir küsste Akira kurz.
„Hm-“ Akira zog den Kopf weg und sah Kei ernst an. „Was, wenn wir doch noch sterben können, aber nur wenn wir‘s selber machen? Oder gegenseitig?“
Kei lachte. „Dann bringen wir uns halt nicht um.“
„Aye, sir. Ich versuch‘s. Seit Chile ist es jedenfalls nicht mehr vorgekommen.“
„Ich hinder dich eh daran.“
Akira nickte. „Dann fessel mich zum Schlafen am besten. Dann musst du mich nicht die ganze Zeit bewachen.“ Er schmunzelte dreckig.
„Das lässt sich einrichten, aber ich bin mir nicht sicher, ob du dann wirklich viel Schlaf bekommst.“ Auch der Vampir grinste.
„Warum? Bin ich ein Schlafarmwedler?“
„Nein.“ Kei grinste dreckig. „Das erfährst du dann.“
Akira hob die Augenbrauen. „Ach, du willst es machen?“
„Mach mir doch die Überraschung nicht kaputt.“ Jetzt schmollte Kei ein wenig. Akira lachte leise.
„Es gibt nicht mehr viel, das mich überraschen könnte.“
So behauptete Akira, und so dachte er auch, bis ihm plötzlich der Gedanke kam, wie Kei mit Blumenstrauß und Ringschachtel in den Händen vor ihm kniete. Er vergrub das Gesicht wieder an Keis blutbeschmiertem Hals und lachte.
In diesem Moment wünschte Kei einmal mehr, dass er Gedanken lesen könnte.
„Woran denkst du?“ wollte er wissen.
Bald würden sie hier los müssen, sehr bald sogar.
„Haha, etwas, das mich überraschen könnte,“ erwiderte Akira belustigt und gab Keis Hals noch einen Kuss. Er hatte nicht die geringste Absicht, sich zu bewegen. Noch nicht.
„Das muss ja was Irrsinniges sein.“ Kei schmunzelte amüsiert und nahm Akira in den Arm. „Wir sollten bald aufbrechen.“
„Ja...“
Gemächlich leckte Akira Keis Hals sauber. Mittlerweile blutete er nicht mehr. Der Stich war nun vermutlich längst verheilt, ohne eine Narbe zu hinterlassen. Diese Regenerationsfähigkeit war zwar ungemein praktisch, doch Akira fand es dennoch manchmal schade, dass es nie bleibende Spuren gab.
Kei ging es da ähnlich, wollte er doch, dass er sehen konnte, was er angestellt hatte. So blieb ihm nichts anderes übrig als seine Spuren häufiger mal zu erneuern. Nur hielten die auch nicht lange. Das war das einzige, was ihm am Untotsein nicht gefiel... Und Akiras Selbstmordanfälle, die aber seit einer ganzen Weile nicht mehr auftraten. Kei machte keine Anstalten, sich zu bewegen, aber das musste er bald, denn es wäre besser, vor dem Sonnenaufgang verschwunden zu sein.

Als Akira nach geraumer Zeit endlich meinte, sich genug an seinem eigenen trocknenden Blut auf Kei gütlich getan zu haben, stützte er sich auf die Hände und kletterte von dem Vampir herunter, bis er neben ihm auf der Seite lag. Er selbst war noch vom Nabel bis zum Hals verschmiert und verkrustet.
Was Kei änderte. Er half dem Kleineren zu gern dabei, das Blut vom Körper zu kriegen, indem er es ableckte, wo es noch nicht getrocknet war.
Wir haben noch ein bisschen Zeit... Es ist noch nicht morgens...
Jetzt müsste man schnurren können, dümpelte es in Akiras Kopf, während er auf einen Ellenbogen gestützt seinem Wahnsinnigen dabei zusah, wie er sich sein Blut schmecken ließ. Zwischendurch konnte er das geisterhafte Leuchten der blauen Augen sehen. Mit der freien Hand strich er ihm langsam durch die Haare. Kei ließ sich Zeit dabei, Akira von dessen Blut zu befreien, während in seinen Gedanken alles mögliche und wieder nichts vor sich ging.
„Hm,“ gab Akira schmunzelnd von sich. Wenn der so weitermacht... „Gut, dass wir‘s überhaupt nicht eilig haben...“ murmelte er und küsste Kei mitten auf den Scheitel.
„Bis zum Morgengrauen kann‘s noch eine Weile dauern,“ entgegnete Kei grinsend, wohl wissend, dass dem nicht so war.
„That's our deadline? I didn't know.“ Akira lächelte warm und rutschte etwas hinunter, um Kei richtig zu küssen.
„Yeah.“ Kei hatte diese Deadline sehr kurzfristig festgelegt, weil er es für sinnvoll hielt, morgens früh aufzubrechen, wenn die Welt noch am Schlafen war. Das war ein Vorteil eines verschlafenen Ferienörtchens gegenüber der Großstadt. Er erwiderte den Kuss lächelnd.
Trotz seiner um Kei geschlungenen Arme und Beine versuchte Akira zu ignorieren, wie sein Körper nach einer zweiten Runde schrie. Er küsste Kei nur wahnsinnig langsam und hielt dafür sein glückliches Grinsen in Schach, das der Anblick von Keis Gesicht und besonders seiner Augen verursachte. Das leichte Zwielicht in den Zwischenräumen der Bretter ihres Verschlags bemerkte er nicht.
Kei ignorierte das leichte kaum wahrnehmbare Dämmern nicht. Einen Moment erhielt der Vampir den Moment noch aufrecht, ehe er sich aufsetzte.
„Wir müssen gleich los.“
Genervt stöhnend ließ Akira sich zurückfallen. Das brachte Kei fast zum Lachen. Betont langsam und schwerfällig erhob Akira sich ebenfalls und stand gleich ganz auf. Dabei streckte er sich ausgiebig. Der Vampir tat es ihm gleich, wobei er dabei etwas verdreht aussah, da er beim Aufstehen nach seinen Kleidungsstücken angelte. Akira pickte sich seine Cargoshorts und das T-shirt aus dem Betthaufen, zog sie an und stopfte dann das meiste Übrige in seinen Rucksack, auf dem er zu guter Letzt noch den Geigenkasten festschnallte. Danach zog er sich Socken und Schuhe an.
Kei zog sich ebenfalls wieder an und hängte sich das Schwert um. Er hatte es lieber bei sich als am Rucksack. Nachdem er seine Stiefel geschnürt und die Kapuze ins Gesicht gezogen hatte, ging er zur Tür.
„Ich mochte es hier.“
„Ich auch. Es war friedlich,“ stimmte Akira zu, während er das Taschenradio ausschaltete und in eine Seitentasche seines Rucksacks schob. Seine buntgestrickte Mütze aufsetzend, ging er hinter Kei hinaus.
Friedlich war eine ganz neue Erfahrung für den jungen Vampir gewesen. Aber auch eine, von der er nicht wollte, dass sie ewig andauerte. Er mochte Aufregung lieber.
Ruhe mit Akira war gut.
Aufregung mit Akira war allerdings entschieden besser, so war er auch froh, bald wieder unterwegs zu sein.

Die Reise dauerte Wochen.
Wie lang genau, war beiden egal, und sie nahmen die Zeit auch nicht wahr. Nachdem sie lange zu Fuß durch Surinam gewandert waren – wahrscheinlich kreuz und quer – hatten sie irgendwann das Glück, auf einen Aussteiger zu treffen, der scheinbar als eine Art Tagelöhner und Wilderer durch den Dschungel reiste. In Begleitung eines jungen Japaners, bemerkenswerterweise. Dieser überredete seinen Muskelberg von Kumpan, der nach eigenen Angaben fahnenflüchtiger US-Soldat war, die beiden Jungs mitzunehmen. So durften sie die Landschaft von Guyana und Venezuela von einem Jeep aus betrachten, mussten ihr Gepäck nicht weiter selbst schleppen und mussten dafür nichts weiter tun, als ihre beiden Gönner Tashio und Ryan mit ihren jeweiligen Muttersprachen und etwas Musik zu unterhalten.

Vor zwei Tagen waren sie auf Kuba angekommen. Die Insel war voll mit Menschen, Touristen und Einheimischen, die den bald enden Sommer genossen und häufig bis in die Morgenstunden feierten. Für Kei war das ein schöner Ort. Der Vampir mochte ein pulsierendes Nachtleben. Aber es war nicht Tokyo. Sein Spanisch war kaum besser geworden, aber auf Kuba kam er mit Englisch weiter als in Südamerika, wie er an der Grenze feststellen konnte.
Akira und er waren vorerst in einer kleinen Herberge abgestiegen, die etwas außerhalb des Stadtzentrums lag. So würden sie nicht so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die ungebetene Besucher anlockt – Polizisten zum Beispiel.
Am Abend saß Kei auf dem großen Bett in dem ansonsten nicht sehr großen Raum und sah aus dem Fenster. Er wartete auf Akiras Rückkehr, der mit seinem kaukasischen Erscheinungsbild und US-Pass deutlich weniger auffiel als er selbst und damit auch besser dazu geeignet war, ihre Tabak- und Spirituoseneinkäufe zu erledigen. Außerdem konnte er besser Spanisch, was auch nicht schadete.

Die eben erstandene eiskalte Tequilaflasche wanderte zu den frischen Zitronen in Akiras bunten Strickbeutel, der ihm quer über die Schultern hing, und die Zigarillopackung wurde an Ort und Stelle aufgerissen, während der Händler ihn noch grinsend verabschiedete. Akira erwiderte den Gruß freundlich und rückte seine Strickmütze zurecht, ehe er sich abwandte und sich einen Zigarillo zwischen die Lippen klemmte. Gerade pulte er ein Streichholzbriefchen aus seiner Hosentasche, als er von einem asiatisch aussehenden Mann Mitte vierzig angesprochen wurde.
„Du bist nicht zufällig mit einem jungen Japaner unterwegs?“ fragte der Fremde direkt, blickte dabei freundlich-neutral drein. Er sprach Japanisch. Auf der Straße waren auch zu später Stunde noch viele Menschen unterwegs. Aus Reflex sah Akira sich um, ehe er den Mann genauer musterte und sich betont desinteressiert den Zigarillo anzündete. Oder er versuchte es zumindest, doch die lappenartigen dünnen Streichhölzer wollten nicht so recht mitmachen. Das ruinierte seinen Auftritt ein wenig.
„I'm sorry, I don't understand what you're saying,“ probierte er. Das Lügen hatte er immer noch nicht gelernt, aber immerhin war Englisch seine Muttersprache und wirkte so vielleicht überzeugend genug. Er zuckte mit einem gekonnt unschuldigen Lächeln mit den Schultern. Der Mann reichte ihm ein Feuerzeug und antwortete:
„Ich weiß, dass du Japanisch kannst, ich habe euch gesehen. Ich wollte dich lediglich warnen. Du weißt nicht, mit wem du deine Zeit verbringst.“ Er sprach ruhig und es klang so, als hätte er Akira gerade das Wetter der kommenden Tage mitgeteilt. Auf Akiras Gesicht wurden nun zartes Misstrauen und ein bisschen Neugier sichtbar, als er den Mann weiter musterte.
Einer von Ryujis Leuten?
„Was meinst du damit?“ Trotz des Alters des Mannes hielt er sich nicht mit Höflichkeit auf.
„Ich nehme an, du weißt nicht, was er gemacht hat, bevor ihr euch begegnet seid?“
„Du weißt doch gar nicht, wann wir uns begegnet sind,“ entgegnete der Junge mit einem amüsierten Stirnrunzeln. Er zündete sich den Zigarillo an und reichte dem Mann sein Feuerzeug zurück.
„Ich weiß, wann ich ihn das letzte Mal gesehen habe und das ist schon sehr lange her. Dich kann er erst später getroffen haben, nachdem er ein halbes Yakuzasyndikat zerfetzt hat – mit vierzehn Jahren,“ erklärte der Fremde, nachdem er sein Feuerzeug wieder an sich genommen hatte und musterte den Jungen daraufhin.
Akira blinzelte erstaunt und musste dann grinsen. Er wandte sich zum Gehen, aber so, dass es offensichtlich war, dass er das Gespräch noch nicht als beendet betrachtete.
„Und wer bist du?“ fragte er den Mann.
„Ein alter Bekannter von Sakai. Kein besonders guter. Ein damaliger Mitarbeiter von mir ist für dieses Bild verantwortlich.“ Er zeigte dem Jungen neben ihm hergehend ein Foto, auf dem ein Junge mit blauen Augen zu sehen war – nicht älter als zwölf Jahre. Er hatte Blut am ganzen Körper kleben und trug keine Kleidung. „Vielleicht erkennst du ihn wieder. Er sieht weniger gefährlich aus.“
Akira nahm das Bild. Seine Schritte verlangsamten sich, als er es genau betrachtete.
Wo sieht er weniger gefährlich aus – Jetzt oder auf dem Foto? Aber noch viel wichtiger -
„Warum ist er nackt?“ fragte er ernst.
„Dieses Bild ist unter unschönen Umständen enstanden. Einige Jahre zuvor hatte ihn jemand aufgesammelt und befand es als eine gute Idee, ihn als Spielzeug zu benutzen.“
Der Blick des Jungen auf dem Bild war absolut leer und ließ keine Spur von irgendeinem Gefühl vermuten, nicht einmal von körperlichen Schmerzen, die er gehabt haben musste. Akira sah das Bild genauer an. War das Blut auf ihm Keis eigenes?
Stirnrunzelnd sah er zu dem Mann auf.
Ein Mitarbeiter von ihm, ‚jemand‘ hielt es für eine gute Idee ihn als ‚Spielzeug‘ zu benutzen... Dieser Mann musste etwas damit zu tun gehabt haben.
„Was hast du damals davon gewusst?“ Akira schob sich das Foto in die Hosentasche.
„Teilweise... Ich wusste, dass er den Jungen bei sich hatte und ich wusste, dass er merkwürdige Neigungen hatte. Was er mit Sakai angestellt hat, war ein offenes Geheimnis,“ teilte der Mann Akira mit. Er würde ihm nicht alles erzählen, das er wusste.
Und was er erzählt hatte, reichte Akira schon beinahe. Er bog in einen schwach beleuchteten Pfad zwischen hoch umzäunten Hinterhöfen und Gärten ein, durch den man zu einer Parallelstraße kam.
„Und wovor genau willst du mich jetzt warnen? Vor dem kleinen missbrauchten Jungen, der es geschafft hat, sich zu wehren?“
„Ich wollte nur sichergehen, dass du weißt mit wem du deine Zeit verbringst, der Junge ist mit Vorsicht zu genießen. Richte ihm Grüße aus. Es gibt viele, die seinen Kopf rollen sehen wollen. Oh, und sag ihm, dass er besser seine Schulden zahlen sollte, wenn er an seinem verdammten Leben hängt... oder an deinem.“
Mit diesen Worten ging der Mann wieder seiner Wege und ließ Akira allein.

Kei vertrieb sich die Zeit des Wartens mit einer ausgiebigen Dusche. An deren Ende gesellte Akira sich zu ihm. Das tat er, indem er stumm eintrat, leise die Tür schloss, den Beutel auf den Tisch legte und auf dem Weg zur Dusche, die sich im selben Zimmer wie alles andere befand, nacheinander seine Sandalen, Mütze, T-shirt und Hose auf den Boden fallenließ. Er tastete nach der Öffnung im Duschvorhang und trat mit blutverschmiertem Gesicht und Armen hindurch.
„Du hast ‘ne interessante Definition von Alkohol kaufen,“ kommentierte Kei das blutige Eintreten seines Freundes. Akira trat dicht genug an ihn heran, um unter den Wasserstrahl zu gelangen.
„Ich habe Alkohol gekauft.“ Er wischte sich über das Gesicht und sah Kei an. Dann dachte er an das Foto in seiner Hosentasche. Und dann musste er unwillkürlich daran denken, wie sonderbar es war, dass selbstgerechte, sadistische Schwerkriminelle im mittleren Alter haargenauso schmeckten wie brave Bürger.
„Und auf dem Rückweg hast du dir ‘nen Imbiss genehmigt.“ Kei erwiderte Akiras Blick gelassen und betrachtete das an ihm herunterlaufende Blut. Akira zuckte mit den Schultern.
„Was soll ich sagen, er hat sich mir praktisch angeboten... Sag mal, erinnerst du dich an meine Entführung? Die in La Paz meine ich.“ Er musterte Kei weiter, dicht genug vor ihm stehend, dass er ihn bequem hätte umarmen können. Er selbst sah etwas nachdenklich und sehr ernst aus.
Bilder von den verschiedenen Männern, die er einfach wie am Fließband getötet hatte, gingen ihm durch den Kopf, und die Bilder, die Kei eigentlich vergessen wollte. Die meisten davon.
„Ja, warum?“
„Wie habe ich da ausgesehen?“ Akira drehte sich um und tapste nass zu seiner Hose.
„Blutverschmiert und unter Drogen.“
Mit spitzen Fingern zog Akira das Foto des kleinen Kei aus der Hosentasche, ließ die Hose wieder fallen und hielt es Kei entgegen.
„Ich war nicht ganz beisammen, also bin ich mir nicht sicher wie viele es waren, aber die ersten sechs habe ich mitgezählt.“
Wie viele was? Er weiß doch gar nicht, wovon du redest!
Doch. Der letzte steckte noch fast in mir drin als die Schießerei losging. Er wird ihn gesehen haben.
Akira klang wirklich gelassen. Ruhig und gefasst. Er musterte Kei weiter.
Das wollte Kei nicht wissen, er konnte es sich denken und das reichte ihm. Überrascht strarrte er auf das Foto. Nach einer Pause fragte er leise:
„Wo hast du das her?“
Niemals hätte er damit gerechnet, noch einmal mit diesem Bild konfrontiert zu werden. Nicht, nachdem er mit zwei Schusswaffen und einem Messer jeden lebenden Menschen, den er in diesem Haus gefunden hatte, umgebracht hatte.
„Von einem Japaner, der mich gerade draußen angesprochen hat. Er sagte, er wolle mich vor dir warnen. Du seist mit Vorsicht zu genießen, sagte er. Ich soll dir auch Grüße ausrichten und dir sagen, dass du irgendwas bezahlen sollst, wenn du deinen Kopf behalten willst. Und meinen,“ fügte Akira mit einem kleinen Seitwärtsnicken hinzu. „Das war mein Imbiss.“
Als Kei das Bild nicht anfasste, legte Akira es hinter sich auf den Tisch. „Du musst nicht alles für dich behalten,“ sagte er leise.
„Ich war eigentlich der Meinung, dass von denen keiner mehr übrig ist,“ sagte Kei leise.
Er wollte einiges für sich behalten, aber das schien nicht immer eine gute Idee.
Die können ja versuchen, sich ihr Geld zu holen... Oder mich... Dann ergeht es ihnen wie ihren Freunden damals.
Der Vampir ging nicht weiter auf das Bild ein.
Sie haben eine Drogenparty gefeiert... Viele bewaffnete Männer in einer dunklen Wohnung... Kei wusste nicht mehr, ob es Tag oder Nacht gewesen war oder wie viele Menschen damals wirklich auf dieser Feier waren. Relativ bald nach dieser Aufnahme waren alle von ihnen tot gewesen. Kei hatte an Bargeld alles mitgenommen, was er hatte finden können und einige teure Gegenstände zu Geld gemacht. Die Leichen hatte er einfach liegen lassen.
„Kei.“ Akira sah ihn an. Er drückte seine triefenden Haare aus, ohne seinen Blick abzuwenden.
Der Angesprochene sah Akira direkt an und wartete. Akira wartete auch. Mittlerweile fiel es ihm nicht mehr schwer, diesem außerirdisch blauen Blick standzuhalten, aber verlegen machte er ihn immer. Und sie waren beide nackt und nass.
Egal.
Nicht daran denken.
Irgendwann musste er doch den Mund aufmachen.
Der Vampir stand noch unter dem warmen fließenden Wasser und sah seinen Freund an, nicht musternd sondern eher leicht überfordert. Auch wenn er nicht wollte, dass Akira das mitbekam.
„Verbrenn das Bild,“ sagte er ruhig.
Ohne zu zögern, drehte Akira sich um und zog den Aschenbecher heran, zerriss das Foto und legte die Schnipsel hinein. Dann holte er das unzuverlässige Streichholzbriefchen aus seiner Hosentasche, zündete es an und legte es dazu.
„Du willst mir nichts erzählen?“ fragte er ruhig, während er beobachtete, wie der kleine Papierhaufen Feuer fing.
„Wenn er tot ist, wird er dir genug erzählt haben.“ Auch Kei sprach ruhig.
Und du hast das Bild gesehen... das erzählt genug...
Nachdenklich sah Akira dem Feuer zu und tropfte dabei noch ein bisschen.
Er ist nicht wahnsinnig, weil er ein Vampir ist.
Kei machte nach einer Weile das Wasser aus und nahm sich ein Handtuch um nicht Akiras Beispiel zu folgen und den ganzen Boden vollzutropfen. Aus der Dusche getreten nahm er sich eine Zigarette und zündete sie an.
„Das ist lange her,“ fügte er ruhig hinzu und setzte sich aufs Bett.
So acht, neun Jahre.
Akira setzte sich daneben und nahm sich auch eine Zigarette.
Rauchend sah Kei aus dem Fenster, während er sich fragte, warum der Typ noch bis vorhin am Leben gewesen war und ob noch mehr Yakuza von damals immer noch hinter ihm her waren.
„Was meinte er damit? Damit, dass du deine Schulden begleichen sollst?“ versuchte Akira, als Kei nicht weitersprach. Er setzte den Aschenbecher, in dem die letzten Reste des Fotos glommen, zwischen sie auf die Bettdecke.
„Ich hab‘ diese Penner um einiges Geld erleichtert... was anderes kann ich mir nicht vorstellen...“
„Du hast sie bestohlen? Wie? Warst du nicht gerade mal zehn oder so?“
„Ich war zwölf, aber Tote zu bestehlen ist einfach.“
„Ich kam mir gerade so einfühlsam vor...“ Akira rollte die Augen. Plötzlich kam ihm ein Gedanke. „Glaubst du, dass du -“ Nein, das sollte ich nicht – scheiß drauf. „Glaubst du, dass du darum so brutal bist? Weil sie‘s dir so beigebracht haben?“
Beibringen war eine gute Formulierung, denn erzogen worden war Kei niemals wirklich.
„Möglich.“
Kurz entschlossen nahm Akira Kei die halbe Zigarette aus der Hand und drückte sie zusammen mit seiner aus.
„Hey!“ Kei sah Akira fragend an. Der setzte den Aschenbecher auf den Tisch zurück und rutschte näher.
Kei betrachtete das Gespräch einfach als beendet als von Akira nichts mehr kam und war diesem Umstand tatsächlich dankbar. Er legte einen Arm um Akira und zog ihn an sich. Akira küsste ihn, sanft und langsam.
Der Vampir erwiderte den Kuss wie der andere ihn begonnen hatte. Akiras Hand wanderte langsam und leicht Keis Arm und Schulter hinauf. Er fragte sich, ob Kei auch Blümchensex konnte.
Wahrscheinlich nicht. Mal sehen.
Er streichelte Keis Wange und durch seine nassen Haare. Sie waren mittlerweile schwarz-blond. Das Blau war komplett ausgewaschen. Der Japaner lächelte ein bisschen und zog den Kleineren leicht noch ein Stückchen zu sich. Mit einem warmen Lächeln legte Akira locker die Beine um Kei und zog ihm das Handtuch ab, ehe er ihn wieder küsste, kurz und keusch.
Zwei Jahre. Nach zwei Jahren muss mich ein Fremder auf der Straße anquatschen, damit ich davon erfahre.
Kei vergrub sein Gesicht in Akiras Halsbeuge und rutschte so aufs Bett, dass er ganz darauf saß. Seinen Freund zog er dabei ein bisschen mit.