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Thursday, August 10, 2017

Kei + Colin XCIII: Unsichtbarer Wachhund


Drei Wochen später.

Kei hatte eine kleine Wohnung bezogen. Sie hatte nur ein Zimmer und lag am Rand des Stadtkerns von Inverness. Von dort aus brauchte er nicht sehr lange zu Colins Internat. Er hatte einen Job in einem Plattenladen gefunden, bei dem er unter der Woche vormittags arbeiten konnte, wenn Colin in der Schule war und es äußerst unwahrscheinlich war, dass jemand ihn umzubringen versuchte. Den Großteil seiner Zeit verbrachte er damit, aus der Ferne auf Colin aufzupassen. Sobald dieser einen Fuß vor die Tür setzte, wusste Kei, wo er war.
An einem Samstag gegen fünf Uhr morgens machte Kei einen Spaziergang um das Internatsgelände. Wie er festgestellt hatte, waren um diese Uhrzeit dort so gut wie nie Menschen unterwegs. Die frühesten Aufsteher waren an schulfreien Tagen die Sportler, und auch die zeigten sich samstags nie vor sieben Uhr.
Colin war die einzige Ausnahme. Er schlief nicht jede Nacht, und wenn, dann nur wenige Stunden lang. Diesen Umstand versteckte er relativ erfolgreich, indem er wartete, bis sein Zimmergenosse Brian eingeschlafen war, bevor er mit einer kleinen Taschenlampe unter seiner Decke las oder schrieb. Frühmorgens, wenn es nicht mehr verboten war, das Haus zu verlassen aber die meisten noch in ihren Betten lagen, machte er Spaziergänge. Dabei verließ er aber nie das Gelände. Er war schließlich von Dennis und Rupert gebrieft worden und wusste, dass er vorsichtig sein musste. Er durfte zwar mit anderen Schülern nach Inverness fahren, aber das war bisher noch nicht vorgekommen. Er hatte noch keinen Anschluss gefunden.
An diesem Samstagmorgen, eine gute Woche vor Beginn der Weihnachtsferien, hatte er sich dick angezogen und einen zusammengerollten Notenhefter eingesteckt, um im Freien im frostigen Gras hinter dem Raucherfelsen ein paar Lieder zu üben und vielleicht, wenn er geduldig genug war, den Sonnenaufgang anzuschauen. Im Moment war es noch stockfinster.
Der Raucherfelsen war eigentlich eine handvoll großer, kantiger Findlinge, die in einer Mischung aus Gestrüpp und Birkenschonung zwischen den Sportplätzen und einem großen Teich lagen. Zwischen ihnen und dem Pfad entlang des nächsten Platzes lag eine Wiese, und auf der anderen Seite gab es einen seichten Abhang mit trockenem Gesträuch und hohen Gräsern bis zum Teichufer. Auf dieser Seite kletterte er auf den niedrigsten Felsen, sodass er einen größeren im Rücken hatte, und setzte sich dort im Schneidersitz hin.

Kei schlenderte halbwegs warm angezogen, um nicht zu sehr aufzufallen, um das Gelände herum. Das Internatsgelände war um diese Uhrzeit immer angenehm ruhig. Er war froh darüber, dass hier so früh niemand war, denn irgendwer würde es merkwürdig finden, dass er dort war. Ein fremder Typ aus Asien, der rauchend im Dunkeln um das Gebäude schlenderte, ohne wirklich irgendetwas zu tun, musste zumindest einigen komisch vorkommen.
Er kannte das Internatsgelände zwar, das er sich nachts mal angesehen hatte, betrat es aber nicht, um nicht entdeckt zu werden. In seinem rechten Ohr steckte ein Stöpsel der Kopfhörer seines mp3-Players.

Colin sah auf seine Uhr und begutachtete den Himmel um abzuschätzen, wie lange es noch dunkel bleiben würde. Eigentlich war es egal. Er konnte jederzeit im Kalender nachsehen, wenn er die Sonnenaufgangszeit genau wissen wollte. Augenblicklich ging es ihm nur um die Stille, die hier gerade so schön vollständig und geisterhaft war. Er zog seinen Hefter heraus und las das gälische Lied, das er üben wollte, um sich zu vergewissern, dass er wenigstens die ersten beiden Strophen drauf hatte. Es war Irisch und nicht Schottisch, also fiel ihm der Text nicht so leicht in den Schoß. Er legte den Hefter offen vor sich auf den Felsen, um die Noten zu verfolgen, und begann zu singen.

Auf dem nicht mit Musik belasteten Ohr hörte Kei eine leise Stimme. Colin. Der schien öfter sehr früh aufzustehen. Er verstand nichts davon, was Colin von sich gab. Zum Einen, weil es so leise war und zum Anderen, weil es eine Sprache war, die er nicht kannte. Kei ging in die Richtung, die ihn näher an Colin heranbringen würde. Um das Internatsgelände herum gab es nicht viele Hindernisse. Nur viel Natur, die Straße nach Inverness und ein paar Spazierwege.
Zwischendurch stockte Colin etwas und wiederholte einige Worte, weil er sich der Aussprache nicht sicher war und sie ihm selbst wie Kauderwelsch vorkamen. Aber er machte keine Pause und sang das Lied so lange und so oft durch, bis er es zweimal nacheinander fehlerfrei und mit jedem Melodieschnörkel, den er drin haben wollte, durchgesungen hatte. Wie alles Gälische klang es ziemlich pathetisch und geisterhaft, aber dabei auch ein bisschen wie ein Kinderlied.
“... Sa bhfómhar seo chugainn 'sea dhófam púirt le glór an Údar Naofa, Beidh Seoirse dubhach gan choróin, gan chlú gan sólas boird, gan féasta. Ólfam lionn is beoir le fonn, 's comhsheinnfeam tiúin don Ghaeilge...“ Er blickte nicht von seinen Noten auf, bis er bei seinem zweiten Durchgang war und meinte, es auswendig zu können.
Kei saß mittlerweile auf einer Bank und hörte Colin zu. Da er am Samstag nicht arbeiten musste, würde er den ganzen Tag in dieser Gegend herumstreifen und Colin aus der Ferne beobachten. Er suchte zeitgleich nach einer Möglichkeit, ihm zu sagen, dass er nicht weit weg war, ohne dabei gesehen zu werden, oder irgendwie aufzufallen.
Als Colin das unaussprechliche Lied endlich so durchgesungen hatte, wie er es haben wollte, war er beinahe heiser und gönnte sich erstmal einen langen Atemzug, ehe er sich gegen den Fels hinter sich lehnte. Er hatte sich wirklich auf die Schule gefreut. Auf alles, was damit zu tun hatte. Aber irgendetwas stimmte nicht. Er stopfte seine Zeit so gut es ging mit Schularbeiten und Musik voll, aber die Nächte waren so verdammt lang und leer. Und er schien bei den anderen irgendwie anzuecken, aber er verstand nicht genau, was er falsch machte. Oder ob es überhaupt an ihm lag. Er verstand auch nicht, warum ihm das etwas ausmachte. Er war die meiste Zeit seines Lebens allein gewesen und hatte sich auch einsam gefühlt, aber nie, wenn er wirklich ständig von Menschen umgeben gewesen war. Er zog die Beine an und legte die Arme auf die Knie, dann seinen Kopf darauf.
Kei begann, durch die Ereignislosigkeit, sich zu langweilen. In den gesamten drei Wochen, in denen er sich einigermaßen eingelebt und orientiert hatte, war nichts, aber auch gar nichts spannendes passiert. Kei begab sich leise auf das Gelände und näherte sich dem Steinhaufen bei dem Colin herumsaß, blieb jedoch zwischen den Sträuchern und Bäumen stehen, die ihn so verdeckten, dass man ihn vom Gebäude aus auch mit einem Fernglas mit Nachtsichtfunktion nicht sehen konnte. Es war noch immer dunkel.
“Du siehst nach Ablenkung aus.“ sagte er gerade laut genug, dass Colin ihn hören konnte.
Colin schauderte.
Ich hör schon Stimmen, haha. Er schmunzelte in seinen Unterarm und fragte sich, ob er kurz eingenickt war und die Stimme geträumt hatte, oder ob er gerade wahnsinnig wurde und es vielleicht in den verlorenen Jahren genauso angefangen hatte. Bis Dennis dann seine Festplatte formatieren musste. Aber so war es doch ganz nett. Wenn Kei schon nicht wirklich da war... Dann kann ich ihn mir wenigstens einbilden.
“Ignorierst du mich?“ Kei schmunzelte ein bisschen. Er konnte schlecht ganz aus seiner Deckung herauskommen, aber Colin müsste ihn sehen können, wenn er den Kopf mal heben würde. Aber vielleicht auch nicht. Es war dunkel und Kei trug, welch Überraschung, schwarze Kleidung. Colin hob den Kopf und guckte in die Richtung, aus der die Stimme kam. Vielleicht war es doch nicht Kei. Er klang nur nach ihm. Er konnte eine schwarze Gestalt mit einem weißen Schemen auf der Höhe des Kopfes sehen. An ein paar Stellen blinkte sie leicht. Und das weiße Gesicht hatte glühende Augen. Colin musste ungläubig lächeln.
“Wenn mich jemand sieht, reißt Dennis mir den Kopf ab. Kriegst du Stress, wenn du um das Gelände herumspazierst?“ Kei blieb, wo er war. Man konnte nie wissen, ob nicht vielleicht doch Leute wach waren. Colin schüttelte den Kopf. Niemand erwartete, dass die Schüler um diese Zeit wach, geschweige denn draußen waren. Er öffnete den Mund und klappte ihn gleich wieder zu. Er stand auf, ging zur Kante des Felsens und sprang raschelnd in den vertrockneten Busch darunter. Kei lachte ein bisschen und ging zurück zum Zaun, der das Internatsgelände vom Spazierweg und der Natur dahinter trennte. Er ging einfach davon aus, dass Colin ihm folgen würde. Schließlich ging er langsam.
Das tat er auch, unter Knistern und Rascheln. Während Kei ihm vorausging, beinahe aus seiner eingeschränkten Sicht in das tintenfarbene Geäst schmolz und dabei seiner Meinung nach kaum Geräusche machte, fragte Colin sich wieder, ob er sich Kei nicht doch einfach nur einbildete. Er folgte ihm dennoch auf den Trampelpfad.
Der Zaun war relativ hoch, damit die Schüler ihn nicht als Ausgang verwendeten, oder Besuch als Eingang. Kei blieb vor dem Zaun stehen und wartete auf Colin. “Wie ist das Internatsleben bisher?“ fragte er neugierig. Schließlich kannte er nur die eine Schule in Tokyo. Colin nahm sich noch ein paar Sekunden, um Kei unverhohlen anzustaunen, als er nun erst akzeptierte, dass er echt zu sein schien, und sich alle damit zusammenhängenden Fragen auf einmal stellte.
“Wieso bist du hier?“ fragte er verwundert, während er sich etwas hinunterbeugte, um sich die Hosenbeine abzuklopfen.
“Mein Job hat mir ein bisschen freie Zeit gegönnt und da dachte ich, dich zu besuchen, wäre eine gute Idee.“ Kei nahm Colin ungefragt halb in den Arm und machte einen Satz über den Zaun. Auf der anderen Seite ließ er ihn wieder los.
“Holy-“ Entsetzt klammerte Colin sich an Keis Jacke fest.
Kei schmunzelte. “Ich sollte das öfter machen.“
Colin sah zu ihm auf und dann sofort verlegen auf seinen Kragen. Er lockerte seinen Griff, ließ ihn aber nicht los. Hey, Kei hatte angefangen, es bestand also keine Gefahr dass er sich damit die Blöße gab, dass er den Vampir weiter festhielt.
Kei lächelte. “Hast du schon Internatsdramen hinter dir? Die James-Bondhaftigkeit blieb meinem Job bisher fern.“ Er ließ seinen Arm, wo er war. Um Colin gelegt.
“Nicht so richtig. Ich kriege nicht viel von den anderen mit. Aber... anscheinend bin ich einer unangenehmen Begrüßungszeremonie entgangen.“
“Wie hätte die ausgesehen?“
“Weiß ich nicht. Sie hat ja nicht stattgefunden.“ Colin verzog nachdenklich das Gesicht. “Mir wurde vor ein paar Tagen erzählt, dass Brian die Jungs an der Zimmertür abgewimmelt hat, als sie dachten, dass ich schlafe - das habe ich auch mitgekriegt - aber jetzt weiß ich erst, warum. Und was er ihnen gesagt hat.“ Er schmunzelte etwas. “Er hatte wohl ein schlechtes Gewissen, weil ich kleiner bin als... eigentlich fast alle.“ Er grinste.
“Komischer Grund für ein schlechtes Gewissen.“ Kei schmunzelte. “Du solltest Dennis nicht erzählen, dass ich hier war, wenn er fragen sollte. ... Hat er dir nicht gesagt was das für ein Ritual gewesen wäre?“ Kei wollte das wirklich wissen.
Colin schüttelte langsam den Kopf. “Ich habe nicht gefragt. Er schien anzunehmen, dass ich das schon wüsste. Oder es mir vorstellen kann. Ich wollte nicht ignorant aussehen.“ Er studierte Keis Gesicht, oder vielmehr hauptsächlich seine Augen, die in diesem fahlen Licht sehr interessant aussahen. “Du solltest dir mehr Sorgen um meinen Wachhund machen. Der wird schon petzen, wenn er dich nicht gleich selbst an den Ohren nach Lancaster zurückzieht.“
“Ach was. Vielleicht besteche ich ihn, wenn er Dennis petzen will, dass ich hier war. Der soll lieber aufpassen, dass dir nichts passiert.“ Kei schmunzelte amüsiert. Er hatte keine Ahnung, was Dennis Colin erzählt hatte.
“Wenn er seinen Job richtig macht, sollte er ungefähr jetzt angebraust kommen und mich von dir wegzerren,“ sagte Colin mit einem gemeinen Grinsen. Kei schmunzelte weiter.
Dennis hat dir da was verschwiegen. “Du kannst mich auch mal,“ sagte er scherzend.
“Ich kann dich was?“ stichelte Colin.
“Gern haben kannst du mich.“
“Okay.“ Colin grinste immer noch. Und guckte dann zur Seite, während ihm das Grinsen halb herunterfiel. “Gott, ich bin so blöd.“
“Was hast du angestellt?“
Man konnte den Groschen fallen sehen. Und hören. Colin benutzte Keis Schulter, um sich daran strafend die Stirn zu hauen. “... Du bist der Wachhund,“ stöhnte er. Kei grinste leicht.
“Wieviel hat Dennis dir erzählt?“
“Nur, dass er jemanden hergeschickt hat, der mich unsichtbar bewachen soll.“
“Unsichtbar ist auf Dauer langweilig,“ sagte Kei.
“... Stimmt.“ Kei roch gut.
“Ich hab hier beim Langweilen und Aufpassen einen netten Ort gefunden, wo man die Sonne beim Aufgehen sieht.“ Kei hatte schließlich Zeit, die er in der Gegend morgens und nachmittags verbrachte. Colin lächelte Keis Kragen an.
“Lass mich raten. Osten.“
“Aber nur ein bisschen. Es gibt hier eine Lichtung mit Bänken. Morgens ist da niemand.“ Er schlug den Weg zu der kleinen Lichtung ein. Colin ließ ihn los, um mitzugehen.
Er versucht, romantisch zu sein! Und er ist hier! Irgendwas in ihm hüpfte jubelnd auf und ab.
Tatsächlich waren da nur ein paar Bänke mit einer schwachen Laterne in der Mitte und keinerlei Menschen. Colin schlenderte an den Rand des Lichtkegels vor eine Bank und wandte sich dem Horizont zu. Von hier aus konnte man auch den Teich sehen, an dem er eben noch gesessen hatte. Kei setzte sich auf die Bank, sodass er schräg hinter Colin saß und der Lichtkegel ausreichte um ihn ein bisschen zu beleuchten. Er folgte Colins Blick. Es war gut, den Kleineren nach der langen Weile wieder um sich zu haben, auch, wenn das nicht sehr lang sein würde.
“Ich habe dich vermisst.“ “Schön, dass du hier bist.“ “Warum hat das so lang gedauert?“ Hm. Colin drehte sich um und trat dicht vor Kei, dann zögerte er und entschied sich dafür, sich doch lieber einfach hinzusetzen. Kei kommentierte das nicht. Er drehte sich zu Colin und küsste ihn. Er hatte ihn wirklich vermisst.
Sein Herz hüpfte, als er den Kuss überrascht erwiderte. Kei lächelte. Er war zwar daran gewöhnt, den Herzschlag von Menschen zu hören, aber Colins veränderte sich dauernd. Das war etwas anderes. Aber es war gut. Colin war wirklich lebendig, zumindest, wenn Kei anwesend war. Kei selbst konnte das nur zeitweise von sich behaupten. Colin müsste aber noch untot sein, wenn der Vampir nicht anwesend war.
“Du bist warm,“ murmelte Colin und zog seinen Schal auf.
“Deine Schuld.“ Keis Jacke war offen. Darunter trug er eine zweite um den Eindruck zu vermitteln, dass er wusste, dass es draußen kalt war.
“Was habe ich damit zu tun?“ Colin musste fast lachen. Er behielt sein Gesicht dicht bei Keis. Diese Augen.
“Ich bin klinisch tot, wenn du nicht da bist. Also fast. Nicht ganz.“ Kei lächelte ein wenig. Im Schein der Laterne konnte Colin das gut sehen.
“Jetzt trägst du aber richtig dick auf,“ sagte Colin leise. Aber sein Lächeln sah richtig verträumt und glücklich aus.
“Pfff,“ entgegnete Kei schmunzelnd und nahm Colin halb in den Arm.
Jetzt könnt ichs sagen... dachte Colin bei sich.
Was? dachte Kei neugierig.
Colins Augen weiteten sich etwas und er schmunzelte verlegen. Kei hatte den Mund nicht bewegt und seine Stimme hatte wie ein Flüstern in einer großen Kirche in seinem Hinterkopf geklungen.
“Nichts.“ Eilig küsste er Kei. Das dann aber langsam und sanft.
Bevor Kei sich wirklich darüber wundern konnte, warum Colin wusste, was er gedacht hatte - was so nicht geplant gewesen war - erwiderte er den lächelnd.
“Warum bist du erst jetzt aufgetaucht?“
“Ich musste eine passende Gelegenheit abwarten, in der ich nicht von jemandem außer dir gesehen werde - was nicht einfach ist, bei dem Haufen von Menschen, die hier täglich ein- und ausgehen.“
“Morgens um vier, immer hier,“ reimte Colin mit einem bestimmenden Nicken.
“Finden die das unter der Woche heraus, wenn abhaust? Es sind ja nicht gar keine Aufsichtspersonen hier.“ Kei wusste mittlerweile fast auswendig, wer wann im Internat war und wer am frühesten aufstand und als letztes wieder ging. Manchmal saß er die ganze Nacht in der Nähe herum. Zeit in seiner Wohnung verbrachte er meistens nur zwischen dem sehr späten Abend, wenn die Schüler nicht mehr heraus durften und dem Morgen bevor er nachsehen ging, ob sich etwas getan hatte. Danach ging er arbeiten und den Rest des Tages verbrachte er in Internatsnähe mit Auge auf Colin, sobald der das Gebäude verließ.
Colin zuckte mit den Schultern. “Wenn es jemandem auffallen sollte, mache ich nur einen extrem frühen Spaziergang. Soll vorkommen. Man wird mir schon nicht hinterherlaufen. Was soll ich denn nach vier noch anstellen? Es fährt kein Bus mehr, keine Kneipe ist mehr auf...“ Er gestikulierte.
“Da dürftest du Recht haben.“ Man kann einiges nach vier Uhr morgens anstellen...
“Und da ich sowieso kaum Schlafbedarf habe, werde ich deswegen nicht im Unterricht einschlafen.“
“Dass du im Unterricht schlafen könntest, wäre nicht meine Schuld.“
“Neeein, nichts ist deine Schuld. Du bist an allem unschuldig, wie ein kleines Lämmchen...“ Tatsächlich hatte Colin in seinen langen Nächten oft Kei die Schuld für seine Schlaflosigkeit in die Schuhe geschoben, obwohl er genau wusste, dass er mit oder ohne ihn in seinem Kopf nicht müde genug wäre.
Kei lachte. “Natürlich. Ich bin die Unschuld in Person.“
“Ein harmloses Häschen!“
Kei prustete beinahe los.
“Ein argloses Hundebaby!“ Colin schaute mit einer graziösen Handbewegung, die einer zierlichen Debütantin würdig gewesen wäre, verzückt in die Luft.
“Du siehst grad aus wie ein Prinzesschen,“ informierte Kei ihn grinsend.
“Ein was bitte?!“
“Ne Disneyprinzessin. “
Colin stirnrunzelte ihn amüsiert an. “... Gibts da noch einen merkwürdigen Fetisch, von dem ich wissen sollte?“
“Keinen, der etwas mit Disneyprinzessinnen zu tun hat.“
Colin lachte. “Okay, ich höre...“
“Das verrate ich dir wann anders, okay?“
“Na gut, jetzt weiß ich ja schon einen,“ sagte Colin mit einem gemeinen Schmunzeln und rieb sich augenbrauenwackelnd das Kinn.
“Sicher, dass du das weißt?“ Kei grinste ein bisschen. Nein, es sind keine Prinzessinnen... Aber nicht sehr weit weg davon.
Colin winkte eingebildet ab und lehnte sich auf der Bank zurück. “Du stehst auf mich, ich sehe aus wie ein Prinzesschen... also stehst du auf Prinzessinnen. Simpel.“ Er zuckte mit den Schultern. “Das Kleid, in dem ich aufgewacht bin, ist ein sehr guter Anhaltspunkt.“
Kei lachte. “An dem war ich unschuldig. Ich schwöre.“
“Dass du unschuldig bist, hatten wir schon geklärt, entspann dich,“ sagte Colin beschwichtigend.
“Das glaubst du mir doch eh nicht.“ Er schmunzelte und bekam von Colin einen süffisanten Seitenblick, der im Ansatz ein wenig mitleidig aussah. Außerdem schüttelte er fast unmerklich langsam den Kopf. “Ich weiß nicht, wer genau auf die Idee kam, dich als Mädchen zu verkleiden... das war übrigens an dem Tag an dem Dennis dein Gedächtnis gekillt hat, aber Dennis kam bei uns an und sagte, wir würden unten erwartet und dann kam das dabei heraus.“ Er machte eine Pause. “Ich musste im Anzug aufkreuzen.“
“... Also ist das nicht dein Fetisch... dann bist du mir jetzt noch einen schuldig.“
“Einen Fetisch?“
Colin nickte. “Irgendwas, das dich anmacht. Bei dem du sagst: Oh yeah... essbar,“ sagte Colin mit einem anzüglichen Augenbrauenwackeln.
“Essbar ist vieles.“ Das bedurfte weiterer Eingrenzung.
“Du weißt, was ich meine,“ sagte Colin augenrollend.
“Ja, weiß ich.“ Kei überlegte kurz. “Etwas weniger Disneyprinzessin, also ohne Rosa und Glitzerzeug.“
Colin lächelte ihn strahlend aber auch irgendwie gemein an. Er öffnete und schloss den Mund. “... Ah.“
“Du planst bestimmt irgendetwas.“ Kei schmunzelte.
“You know it.“
Er wusste nicht, was Colin vorhatte, aber das Gefühl, dass da etwas auf ihn zukam, wollte nicht verschwinden. “Ich lass mich überraschen.“
“Gut.“ Colin stützte sich auf die Knie und schmunzelte Kei schelmisch an. “Willst du auch einen von mir wissen oder wähnst du dich voll informiert?“
“Schieß los.“
“Well... considering I didn't even know I was gay until a few weeks ago... I think I like bad boys.“
“Well, I did know that.“ Kei grinste.
“Pff...“ Colin schmunzelte noch, sah nun aber auch ziemlich verlegen aus.
Keis Grinsen blieb, wo es war. “Das wäre sonst damals anders verlaufen. Wahrscheinlich hättest du mich für so manches geschlagen.“
“Was, wofür?“
“Für Zeug, das ich gemacht habe. Die Dinge auf dem ersten Konzert auf dem wir waren zum Beispiel.“
“Okay...“ Colin rutschte herum und schlug ein Bein unter, um Kei erwartungsvoll direkt anzusehen. “Was hast du gemacht?“
“Es gab ein halbes Techtelmechtel auf dem Klo, nachdem ich dir dahin hinterhergegangen war.“
Colin runzelte die Stirn, als er versuchte, sich das auszumalen. “Du bist mir aufs Klo nachgelaufen?“
“Mir war danach. Ist eh niemandem aufgefallen. Nüchterne Menschen gab es da nicht mehr viele.“
“Da waren wir schon zusammen? Klingt aufregend, aber nicht wahnsinnig unanständig.“
“Ehm, nein. Waren wir nicht. Wir sind uns aber ab und zu begegnet... und dann ist sowas passiert.“
Colin machte ein fröhliches 'Ooh'-Gesicht und grinste. “Ich bin ja richtig abenteuerlich gewesen.“
“Es ist jede Menge Zeit für andere Abenteuer mit denen du dein Gedächtnis füllen kannst.“
“... Wie zum Beispiel jetzt?“ Colin hätte sich selbst ohrfeigen können. So wie sein Lächeln sich anfühlte, musste er doch grenzdebil aussehen. Jedenfalls konnte es nicht mal im Ansatz attraktiv wirken, wie er augenblicklich ranging. Er war zwar nicht der einzige, der hier mächtig flirtete, Kei trug einen wesentlichen Teil dazu bei, aber... der war dabei auch so wahnsinnig geschmeidig.
“Es fehlt noch das Abenteuer, das der Bezeichnung gerecht wird,“ sagte Kei mit Blick auf den Himmel gerichtet, der noch immer dunkel war. Bald würde die Sonne damit anfangen aufzugehen.
Darauf wusste Colin nichts zu entgegnen. Er lehnte sich nur zurück und stellte die Füße vor sich auf die Bank, klemmte seine Hände zwischen seine Beine und guckte ebenfalls über das Wasser und die Bäume. Lächelnd lehnte Kei sich leicht gegen Colin und betrachtete weiter den Himmel, über dem, anders als Kei es aus Tokyo kannte, man tatsächlich Sterne sehen konnte.
“In Tokyo wurde es nie ganz dunkel.“
Colin schüttelte sachte den Kopf. “Nachts war der Himmel da oft rot und lila. Hier ist er meistens blau und schwarz.“
“Hier kannst du die Sterne sehen. Sogar von meiner Wohnung aus. Das ging da nicht.“
“... Mein Opa kennt alle Konstellationen,“ sagte Colin leise. “... Oder er tut nur so. Jedenfalls kann er dir zu jedem Stern was sagen.“ Er kratzte auf seinem Knie herum, während er sich fragte, ob der alte Mann überhaupt noch lebte.
“Ich habe mal versucht, sie zu zählen. Hat nicht geklappt,“ sagte Kei. Es gab tatsächlich Momente, in denen Kei so etwas tat wie Sterne zählen, wenn ihm entweder langweilig oder - nein, das passierte nur, wenn er Langweile hatte. Oder warten musste.
Colin lachte leise. “Natürlich nicht. Es gibt mehr als zehn.“
“Pfff...“ Kei schmunzelte. Colin sah ihn an und lächelte dann wieder glücklich in den Himmel.
Inverness war die erste Stadt, die Kei untergekommen war, in der selten etwas passierte. Brutale Mörder schienen dort nicht zu wohnen. Die Nachrichten, die Kei manchmal über das Radio mitbekam, erzählten äußerst selten von Kriminellen in der Gegend.
Der Vampir fragte sich, ob die Instanz schon Wind davon bekommen hatte, wo Colin und er sich herumtrieben und vor allem, wann sie irgendetwas versuchen würden um einen von ihnen wieder in ihre Gewalt bekommen - zu welchem Zweck auch immer.
Kei war nichts ungewöhnliches aufgefallen, seit er dort war. Weder in Colins Nähe, noch in seiner eigenen.
“Was machst du eigentlich die ganze Zeit? Sitzt du hier jeden Tag mit einem Fernglas im Busch?“
“Ne. Also doch, ich bin jeden Tag hier, aber nicht ständig. Wenn du im Unterricht bist und nicht die Möglichkeit besteht, dass du draußen herumläufst, arbeite ich.“
“Ah?“
“Ich hab nen Job in einem Plattenladen. Irgendwoher muss ich ja Geld zum Wohnen haben.“ Er veschwieg Colin die einigen Tausend Pfund in bar, die Dennis ihm mitgegeben hatte. Die hatte er für Notfälle an einem sicheren Ort versteckt.
“Wo wohnst du denn?“
“Am Rand vom Stadtzentrum.“
“Gehts noch vager?“ Augenrollen. “Brücke, Parkbank, Fünfsternehotel?“
Kei lachte. “Wohnung. Fünfsternehotel wäre ja nett, aber das Essen da bringt mir nicht viel.“
Blut. Colin biss sich auf die Lippe und schaute wieder auf den Teich.
“Du gehst außerdem nicht nur drei Wochen hier zur Schule. Da wäre ein Hotel auf Dauer eventuell unangebracht.“
“... Du willst das hier noch zwei, drei Jahre lang machen?“
“Ich verhindere lieber, bevor du entführt wirst, dass es so weit kommt.“
“Hä?“
“Ich will dich nicht nochmal aus komischen Untergrundarenen retten müssen. Die Instanz hat dich schon mal entführt.“
Colin schaute ihn groß an.
“Nein, ich weiß nicht genau, was sie mit dir gemacht haben, aber gut war es nicht.“ Im Gegenteil.
“Bin ich darum verrückt geworden?“ fragte Colin ernst.
“Wenn nicht allein deswegen, dann hat es einen enormen Teil dazu beigetragen.“
“Scheiße,“ sagte Colin.
“Genau. Das sollte nicht noch mal passieren.“
“Ich habe meine Noten liegenlassen,“ sagte Colin.
“Meinst du, die klaut jemand?“
“Nö... aber sie werden vielleicht nass. Und ich brauche sie.“ Colin stand auf. Kei ebenfalls. Er ging zum Pfad zurück, der zum Internat führte. Colin ging mit ihm und zog seinen Schal wieder fester zu. Bevor sie in die Nähe des Zauns kamen, drehte er auf einen Trampelpfad ab, der durch das Unterholz zum Teich zurückführte. Kei folgte ihm dorthin, wobei er am Rande des Schulgeländes stehen blieb und wartete.
Wenig später kam Colin mit dem zusammengerollten Hefter in der Hand zurückgeraschelt.
“Es tut mir Leid, dass du diesen öden Job bekommen hast,“ sagte er schulterzuckend, als er bei Kei ankam.
“Ich bin lieber halbwegs unsichtbar in deiner Nähe als mir den Arsch im Schloss plattzusitzen.“
“Trotzdem...“ Colin sah beschämt zu Boden. “Es ist bestimmt nicht lustig. Wenn es nach mir ginge, müsstest du das nicht machen.“ Denn er fürchtete, dass Kei ihn früher oder später dafür hassen würde, dass er ihn aus der Ferne bewachen musste.
“Ich hab nicht erwartet, dass es lustig wird.“ Was Kei daran doof fand, war, dass er Colin nicht um sich haben durfte, laut offizieller Version zumindest. Aber, wenn man sich nicht um Regeln scherte, konnte auch so ein Job Spaß machen. Es war immerhin Colin, auf den er aufpassen sollte.
“Naja... kannst du zweieinhalb Jahre durchhalten?“ sagte Colin zweifelnd, während er losschlenderte, gemächlich am Zaun entlang.
“Ohne was?“ Kei ging neben ihm her.
“Ohne ein Leben.“
Kein Leben zu haben sieht anders aus. “Mach dir darum keine Sorgen, ich kann mich frei bewegen und die Abstände zwischen den Ferien sind nicht ewig.“
“Kannst du nicht einfach meine Entschuldigung annehmen, anstatt alles runterzuspielen?“ sagte Colin etwas genervt.
“Na gut.“ Kei lächelte leicht.
“Danke,“ sagte Colin grimmig. Er wollte nur nicht, dass Kei ihm in ein paar Monaten oder einem Jahr die Schuld für seine Langeweile geben konnte.
“Gern geschehen,“ schmunzelte Kei.
Sie kamen bei einem mit Vorhängeschloss verketteten Tor an. Dieses öffnete Colin ohne Umschweife einfach, indem er den Riegel aus dem Schloss zog. Es schien entweder eine Attrappe oder kaputt zu sein.
“Wo gehen wir hin?“ Kei sah auf das Schloss und schmunzelte. Wenn das tatsächlich Leute draußen halten sollte, musste es dringend repariert werden.
“Wirst du sehen. Du hast Zeit, oder?“ fragte Colin, während ihm schon wieder einfiel, dass das bestenfalls eine Höflichkeitsfrage sein konnte. Kei sollte ihn ja sowieso bewachen. Nachdem er Kei durchgelassen hatte, kettete er die Tür wieder zu und schob den defekten Riegel zu.
“Nichts habe ich so viel wie Zeit.“ Er trat durch das Tor und sah sich um. Sie befanden sich auf einer breiten Wiese abseits eines Sportplatzes, und Colin ging nun durch das feuchte Gras auf einige Seitengebäude zu, zu denen eine Turnhalle und kleinere Funktionsgebäude gehörten. Auf der anderen Seite tat sich noch ein Gewässer auf - ein See, der eigentlich ein ruhigerer, breiter Teil eines kleinen Flusses war, in dem in jeder anderen Jahreszeit gerudert und geschwommen wurde. Kei ging ihm nach und bestaunte das weitläufige Gelände. Diesen Teil des Schulgeländes hatte er schon gesehen, war aber noch nicht durchgelaufen. Vom Schuldach aus sah das nicht so groß aus. Colin ging zügig, ließ Kei aber immer wieder aufholen, bis sie zum Seeufer kamen. Er ging abseits des Weges in einem weiten Bogen auf ein hölzernes Bootshaus zu. “Hier musst du aufpassen, dass die Lichter nicht angehen.“ Er zeigte auf die Laternen über der Tür und entlang des Weges. Der ausgetretenen Linie auf dem Gras neben der Hütte nach zu urteilen, war Colin nicht der erste, der diesen Umweg nahm. Kei folgte Colin auf dem Fuße, um den Bewegungsmelder zu meiden.
Ein Häuschen am See. Fast wie in Brasilien.
Das Tor auf der Wasserseite war zwar verschlossen, doch der niedrige Wasserspiegel erlaubte es bequem, vom Steg unter dem Tor hindurch in die Hütte zu klettern, wenn man keine Angst vor etwas grünem Schleim auf der Hose hatte. Ohne zu Kei zurückzublicken machte Colin den Anfang, indem er erst seinen Hefter durch einen Spalt hineinschob und dann am rutschigen Holzgerüst entlangkletterte. Kei kletterte ihm hinterher. Seine Knie mit Schleim dekoriert richtete er sich im Bootshaus wieder auf. Colin war gerade dabei, Kerzen in richtigen kleinen Glaslaternen anzuzünden. Dabei kamen in einer Ecke auf dem Boden Decken und Kissen zum Vorschein, sowie Getränkekisten mit leeren Bierflaschen, ein paar verstreute Spielkarten, eine einzelne Bierflasche, die bis zum Hals mit Zigarettenstummeln vollgestopft war... Die alten Kajaks und zwei halbverrotteten Ruderboote, die hier noch mit Tauen, Körben, Rettungsringen und Rudern an den Wänden hingen, schienen bloß atmosphärische Hintergrundmusik darzustellen.
“Bootshaus, ja? Ihr habt wohl keinen Partykeller, was?“ Kei grinste leicht. Ihm gefiel es hier.
“Ich bin sicher, dass es einen Partykeller gibt... aber da ist es immer so bierlos. Rauchen und vögeln darf man da auch nicht.“ Colin zuckte mit den Schultern.
“Das nennst du Partykeller? Klingt langweilig.“ Kei grinste. “Ich will nicht wissen, wie viele Gummis man hier findet.“
“Ich schon. Ich will immerhin wissen, wo die Gummis alle stecken. Ich habe keine Lust, versehentlich -“ Er hob vorsichtig den Zipfel einer Decke hoch, aber darunter war nichts als mehr Decke.
Kei lachte. “Vielleicht wurden sie in den See entsorgt,“ vermutete er.
“Irgs.“ Colin stellte die Laterne, die er gerade hielt, auf dem Bierkasten ab und prüfte mit einem Blick nach oben, ob das Strandtuch noch das eine Oberlicht verdunkelte. Tat es. Er ließ sich in die Kissenecke fallen und zog sich den Schal ab. “Hier trifft man sich zum - du weißt schon. Stelldichein. Auf der anderen Seite gibt es Ferienvillen und eine Kunstschule.“ Er nickte zum verschlossenen Tor in Richtung See.
“Veranstalten die hier Ferienvilla-, Internats- und Kunstschüler-Blinddates?“ Kei fand diesen Gedanken amüsant. Ein Schulaushang zum Vögeln. Wer wollte konnte hingehen - oder so ähnlich. Colin lachte und zog sich noch die Jacke aus, während Kei sich neben ihn setzte.
“Na, blind ist das nicht. Die verabreden sich schon vorher.“
“Bist du dir da sicher?“ Kei grinste.
“Relativ.“ Colin nickte altklug, während er Jacke und Schal weglegte. “Weißt du, um hier reinzudürfen, muss man erst eine Aufgabe erfüllen.“
“Die da lautet?“ Kei sah Colin fragend an. Irgendwie hatte diese Situation etwas filmartiges.
“Man muss allein einen vollen Bierkasten hier reinbringen.“
“Das ist einfach.“
“Klar. Aber die meisten Jungs in unserem Alter sind Idioten,“ gab Colin zu Bedenken, indem er sich auf die Stirn tippte. “Wie würdest du es machen?“
Kei sah sich nach Fenstern um. Es gab nur ein kleines Oberlicht zur Vorderseite hin, wo es bewegungsmeldergesteuertes Licht gab das umgangen werden musste, und das mit einem Badetuch abgedunkelt war. Es war ohnehin zu schmal für eine Getränkekiste.
“Bierkasten aufs Dach stellen und die Flaschen in einen Beutel stecken. Damit hier rein klettern, wenn Tür aufbrechen keine Option ist," schlug er schließlich vor. Colin lachte leise.
“Was soll der Kasten auf dem Dach?“
“Die Lehrer finden ihn nicht sofort. Wenn die Flaschen drin sind, kommt der Kasten nach.“
Grinsend hob Colin eine Augenbraue und stützte sich auf die Knie. “So umständlich machen das die meisten. Sie nehmen die Flaschen raus und tragen sie rein, und den Kasten lassen sie unter der Tür reinschwimmen.“
“Ich kann sie nicht durch die Wände werfen... Nicht ohne die Wände kaputt zu machen. Hast du einen besseren Weg gefunden?“
“Ich habe die Bierlieferungen revolutioniert,“ nickte Colin überheblich grinsend. “Ich habe mir ein Seil geben lassen, den Kasten drangebunden und dann unter Wasser reingezogen. Und drinnen habe ich ihn so festgebunden, dass er noch im Wasser hing. Perfekt gekühlt.“
“Das ist eine geniale Idee,“ sagte Kei anerkennend. Colin winkte affektiert ab. Das brachte Kei fast zum Lachen. Colin musterte ihn belustigt.
“Küss mich,“ forderte er schmunzelnd.
Kei kam dieser Aufforderung grinsend nach. Bald musste irgendetwas passieren. Bisher war es so verdächtig ruhig gewesen.
Zuerst etwas schüchtern, dann immer selbstsicherer und schließlich mit einem betrunkenen Lächeln ging Colin seinem Hobby nach, das er jetzt drei lange Wochen hatte entbehren müssen. Über Keis Schultern streckte er die Arme aus. Kei verringerte den Abstand zwischen sich und Colin indem er den Kleineren zu sich zog. Mit einem Grinsen gegen Keis Lippen legte Colin ein Bein über Keis, damit er sich nicht auf ihn lehnen musste und weiter selbst sitzen konnte. Keis Lippenring war ein fantastisches Spielzeug. Kei steckte eine an der Luft kalt gewordene Hand unter Colins Hemd. Noch immer grinsend vertiefte er den Kuss. Colins Schultern zuckten etwas als ihm ein sanfter Laut der Überraschung entfuhr, und er biss Kei etwas fester als sonst in die Unterlippe.
Kei ließ von Colin ab und setzte sich etwas auf. Draußen war etwas zu hören. Es klang wie Schritte in einiger Entfernung. Ansonsten war es sehr ruhig. Er sah auf seine Uhr. Für Spaziergänger war es noch etwas zu früh. Für Schüler auch.
“Jemand ist auf dem Schulgelände. Kommt nicht von hier,“ informierte er Colin. “Ich geh mal nachsehen.“
Colin packte ihn an der Jacke, um ihn am Aufstehen zu hindern.
“Es darf dich niemand hier rauskommen sehen. Das ist bestimmt ein Parkpfleger oder sowas. Hier rein kommt er jedenfalls nicht.“
“Um diese Uhrzeit war hier nie jemand - außer dir.“ Kei hatte keine Lust darauf, dass das jemand war, der sie auskundschaftete oder irgendetwas in der Richtung - und damit auch noch durchkam. “Wer auch immer das ist schleicht beim Zaun herum.“
“Dann ist es jemand, der einen Hund hat oder unbedingt im Winter joggen muss oder was weiß ich,“ sagte Colin genervt.
“Ich will doch nur nachsehen.“ Wenn der 'ne Knarre hat, haben wir ein Problem. Nicht, dass Kei keine Knarre in der Jackentasche hätte, aber, wer auch immer das war, sollte nicht wissen, dass Colin dort war. Dass Kei dort war, sollte die Person mit ins Grab nehmen, wenn sie eine Bedrohung war, und wenn nicht, würde sie Kei nicht einmal bemerken. “Ich komme auch wieder.“ Kein Jogger. Kein Hund. Kein Schüler.
“... Mach das unsichtbar,“ sagte Colin stirnrunzelnd. Als wäre das nötig. Er wusste, das er Kei nicht seinen Job erklären musste, er war nur ein bisschen genervt.
“Natürlich.“ Kei stand langsam und geräuschlos auf. Er schloss seine Jacke halb, sodass sie kein Geräusch machte und er an die Knarre herankam. Vorsichtig und extrem leise verließ er das Bootshäuschen und machte sich mit kleinem Umweg auf zu der Stelle, von wo er die Schritte gehört hatte. Er kam von hinten auf die Gestalt zu, die da stand und das Gelände beobachtete. Die Gestalt blickte in die Richtung, in der das Bootshaus in einiger Entfernung lag. Kein Schüler. Kein Jogger. Kein Hund.
“This direction,“ sagte Kei leise hinter dem Rücken der Gestalt, etwa anderthalb Meter entfernt. “Who are you?“
~~

Das Lied, das Colin singt, ist Dónal Binn Ó Conaill Caoin/Dónall Ó Conaill.

Saturday, November 14, 2015

Kei + Colin LIII: Das Neujahrskonzert


MITTWOCH, 4. JANUAR
Sobald es die Tageszeit zuließ, begann Akira mit Putzen. Er hatte den Bogen zwar immer noch nicht ganz raus, aber fand diese Arbeit irgendwie meditativ und empfand sie diesmal sogar als kathartisch. Er konnte sich einreden, sie als eine Art milde Buße zu verstehen, und darüber hinaus war sie ein Dienst an - egal, er kam sich beim Wasserhahnschrubben jedenfalls nützlich vor.
Während es noch sehr früh war, behielt er die Türen zu den Räumen geschlossen und arbeitete leise, um Kei nicht zu stören.
Kei wurde wach als sein Wecker anfing Geschrei von sich zu geben. Langsam schälte er sich aus seinem Bett, schaltete den Wecker aus und schlurfte ins Bad.
„Morgen,“ grüßte er Colin, als er seine Sachen auf den Boden fallen ließ und duschen ging. Der heutige Tag war unterrichtsfrei, da die ganze Schule an den Vorbereitungen für das Konzert beteiligt war. Kei und seine Band hatten sich erst um neun Uhr für die letzte Probe verabredet - genug Zeit also. Immerhin zeigte die Uhr gerade mal sechs.
Akira grüßte zurück und sah Kei beim Entkleiden zu. Erst nachdem er sich längst unter das rauschende Wasser gestellt hatte, fiel Akira auf, dass er gaffte, und riss sich von dem Anblick los. Dafür starrte er entschlossen auf den Putzschwamm, den er nun rabiat ausspülte.
Kei duschte eine halbe Ewigkeit, ehe er das Wasser wieder abstellte und sich abtrocknete. Mit dem Handtuch locker um die Hüfte gewickelt trottete er, mit den Schlafkleidern unter dem Arm, ins Schlafzimmer und suchte sich ein Outfit zusammen. Es bestand aus einer schwarzen Hose und einem dunkelgrauen T-shirt mit schwarzem 'Fuck you'-Aufdruck. Akiras Kette mit dem signierten Plektron, die blutige Münze, Armbänder, und schwarze Stiefel mit Schnallen komplettierten das. Angezogen ging er zu Akira.
„Warum machst du so früh sauber? Konntest du nicht schlafen?“
„Nein. Ich war nicht mehr müde.“ Er brachte seine Utensilien gerade in die Küche, um dort weiterzumachen. Er musterte Kei. „No rest for the wicked,“ erklärte er schulterzuckend.
Kei gab ein zustimmendes „Hmm“ von sich, als er seine Haare trocknete. Danach rückte er ihnen mit dem Glätteisen zu Leibe. Immerhin wollte er was hermachen, wenn er sich schon vor der gesamten Schule auf eine Bühne stellte.
Akira sortierte währenddessen den Inhalt des Kühlschranks. Da das nicht viel war, war er damit schnell fertig und ging selbst ins Badezimmer. Seine eigene Dusche fiel kurz und effizient aus und das Trocknen seiner Haare bestand aus einem gleichgültigen Handtuchrubbeln. Er sah Kei ein bisschen zu. Faszinierend, wie eitel der Wahnsinnige war.
Als er fertig und zufrieden war, drehte er sich in Richtung Akira. Seine Haare waren ein bisschen toupiert.
„Fertig,“ verkündete er.
Mit einem leichten Schmunzeln betrachtete Akira ihn von dem Badewannenrand aus, auf dem er saß. Dasselbe Handtuch, das Kei benutzt hatte, hatte er selbst zum Abtrocknen benutzt und sich um die Hüfte gewickelt.
„Tadellos,“ kommentierte er.
Kei betrachtete Akira ungeniert. „Ich weiß,“ sagte er grinsend.
„Wie bescheiden.“ Akira grinste. Er stand auf und streckte eine Hand nach Keis Haaren aus...
Kei schaute ihn skeptisch an. Als wollte er sagen: ‚Anfassen okay, zerstören nicht so.‘
Akira biss sich auf die Lippe, aber konnte sein dreckiges Grinsen nicht zurückhalten, als er auf Keis Kunstwerk herumpatschte.
„Arschloch,“ gab Kei trocken von sich und zupfte einfach ein paar mal an seinen Haaren und sie saßen wieder. Akira markierte ein mitleidiges Gesicht und streichelte Kei über die Wange. Seine eigenen Haare hingen ihm in wilden feuchten Locken auf den Schultern.
Kei machte ein „Pfff“-Geräusch und küsste den Kleineren. Grinsend erwiderte der den Kuss, wobei er Kei zärtlich und leicht auf die Unterlippe biss. Der Vampir hatten ebenso ein Grinsen auf den Lippen, ein leichtes, als er einen Arm um Akira legte.
„Warum machst du dir die Mühe? Du wärst auch mit Fettsträhnen sexy.“ Das letzte Wort zog er lang, indem er die Brauen hochzog und mit einer Handgeste der ultimativen Geschmeidigkeit abwinkte.
Kei lachte ein bisschen. „Ne,“ erwiderte er knapp.
Akira blinzelte. „Wetten?“ Er tippte Kei auf die Brust. „Ich werde das beurteilen, und mein Urteil daran messen, wie scharf ich auf dich bin. Einverstanden?“
„Okay, aber dafür musst du mich erst mit fettigen Haaren erwischen, ein äußerst schweres Unterfangen.“
„Ach, kein Problem, ich hole eben das Öl aus der Küche-“ Er ging los.
„Nein, heb dir das für nen anderen Tag auf.“
„Na gut, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.“
„Einverstanden.“
Akira verließ trotzdem das Badezimmer. Kei ging ihm nach, da er da drin fertig war. Er zog sich selbst an, in simplen schwarzen Jeans und Sweatshirt, und fuhr sich mit den Fingern durch die feuchten Haare.
„Musst du jetzt gehen?“
„Noch nicht, in ner Stunde.“
„Ich kann mich heute abend vor dem Konzert beim Fahrradschuppen verstecken,“ schlug Akira vor. Von dort könnte Kei ihn abholen, falls er einen Weg gefunden haben sollte, ihn ins Gebäude zu schmuggeln. Oder ihn nur treffen um ihm zu sagen, dass es nicht ging.
„Das ist ne gute Idee. Ich hol dich dann da ab.“
Er nickte. Dann fiel ihm etwas ein.
„Kommt der Rest von Rood damit klar, dass du so lange weg warst?“
„Ja, ich hab ihnen was von privaten Problemen erzählt und dann waren sie alle einverstanden mich nur selten oder gar nicht zu sehen.“
„Wie war das eigentlich...“ begann Akira, „in der Schule, als ich ... tot war?“
„Ich war nicht oft da, aber deine Freunde waren sehr traurig und einige haben spekuliert wie du wohl zu Tode kamst. In einer Theorie hatte ich dich auf dem Gewissen.“
Das brachte Akira zum Schmunzeln. Das Gegenteil war der Fall. Womöglich bin ich nur deinetwegen zurückgekommen.
„Was diesen Ryuji und seine Leute angeht. Warten wir jetzt einfach nur?“
„Erstmal ja. Das wird aber nicht lange dauern, bis er Chaos stiftet und dann lern besser auch schießen. Es wird nützlich.“
Ich will nicht. „Und Yukio. Soll ich wieder hin?“
„Jetzt könnte das interessant sein, meinst du nicht? Eine Herausforderung, für ihn. Er kann dir vieles an Technik beibringen, wissen musst du das letztendlich selbst.“
„Ist er damit einverstanden?“ Akira wollte den Meister nicht uneingeladen in Anspruch nehmen, und bezahlen konnte er ihn nicht.
„Ja. er findet immer Zeit. Für ihn ist das Trainieren von anderen mehr ein Hobby. Er trainiert die meiste Zeit allein.“ Yukio hatte Kei mal gesteckt, dass er oder Bekannte immer mal bei ihm anklopfen konnten. Ausrauben lassen würde er sich immerhin nicht.
„Dann wäre es in Ordnung, wenn ich heute unangemeldet zu ihm ginge?“
„Ja, das kannst du machen. Es kann aber sein, dass du ihn suchen musst. Irgendwo auf dem verwinkelten Grundstück wirst du ihn aber finden.“
Akira lächelte. Kei erwiderte das Lächeln leicht.
„So, ich muss bald los. Es ist gleich halb acht.“
„Das war noch keine Stunde,“ meldete Akira stirnrunzelnd an. Er ging auf Kei zu und zog sich dabei einen Ärmel hoch.
„Ich sagte ja auch nicht ‚jetzt‘,“ kommentierte der gut gelaunt. Akira nickte entschlossen.
„Genau, denn jetzt gibt es erstmal Frühstück.“ Er zeigte Kei seinen Unterarm. Kei grinste und griff nach Akiras Handgelenk. Mit Leichtigkeit biss er ihm in die Venen unter der Haut. Akira ballte die Faust und zeigte außer einer leichten Veränderung seines Gesichtsausdrucks keine Reaktion auf den Schmerz. Der wich ohnehin nach wenigen Sekunden allmählich einem wohligen, weichen Kribbeln. Er seufzte leise.
Kei hatte ein leichtes, für Akira nicht zu sehendes Lächeln im Gesicht und erleichterte seinen Freund gemächlich um ein großes Glas Blut. Akiras Hand entspannte sich, wie der Rest seines Körpers, und ein glückseliges Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Als Kei wieder von ihm abließ hatte er einen ähnlichen Gesichtsausdruck wie Akira. Zufrieden lächelnd sah er ihn an, als er sich mit einem Finger das Blut aus dem Gesicht zu wischen gedachte. Benebelt sah Akira dabei zu und leckte sich die Lippen, ohne es zu merken. Kei küsste den Kleineren, noch immer klebte ihm ein bisschen Blut am Mund. Akira leckte es ihm sachte ab und legte ihm den blutenden Arm auf die Schulter.
„Wenn du eins deiner Opfer am Leben ließest, würde es sich bei dir bedanken. Nicht für das Leben, sondern für das hier,“ flüsterte er.
„Es liegt mir leider fern, so vielen einen Gefallen zu tun,“ erwiderte Kei lächelnd. Colins Blut versaute sein Shirt aber er befand das für in Ordnung. Verspätet hob Akira seinen Arm und hielt ihn auf dessen Schulter etwas hinter Kei hoch, als Vorwand dafür, noch dichter an ihn heranzutreten.
„Die Menschen würden danach süchtig werden,“ murmelte er.
Kei grinste. „Das würden sie aber auch nicht überleben.“
„Warum nicht? Soweit ich das beurteilen kann, könnte es unsterblich machen.“ Er schmunzelte verträumt.
„Ich würd sie vorher umbringen.“

Nachdem Kei in der Schule und dem kleinen Musikraum im Keller des Gebäudes angekommen war - seine Gitarre hatte er mitgenommen - fingen sie zügig mit den Proben an. Es gab doch mehr durchzugehen als gedacht. Die Setlist für den Abend entstand sehr spontan. Jeder warf zwei Songs in den Raum und die kamen darauf, fertig. Gegen ein Uhr am Nachmittag machten sie Mittagspause. Kei ging nach draußen und sah sich die Aula an, die schon für alles vorbereitet war. Ein paar Schüler hielten dort ihre Generalprobe ab, Keis Lieblingslehrerin beaufsichtigte die Meute. Frau Hasegawa.
Shingo entdeckte Kei und wandte sich etwas nachdenklicher wieder seiner Arbeit zu - dem Bekleben von Stoffbahnen mit Klettstreifen am Bühnenrand - ehe er wieder zu ihm hinsah, als er zufällig näher gekommen war, und ihm grüßend zunickte. Kei grüßte nonverbal zurück. Frau Hasegawa warf ihm einen missbilligenden Blick zu, da er dort gerade nichts zu suchen hatte, und sie wusste, dass er nicht im Sinn hatte ihr zur Hand zu gehen (oder einem der anderen). Der Vampir ignorierte die Lehrkraft gekonnt. Sie wurde bald von ihm abgelenkt, indem eine junge Lehrerin und zwei Schüler sie auf irgendetwas organisatorisches ansprachen. Genervt ließ sie sich darauf ein. Shingo fuhr damit fort, die kurzen Vorhänge zu bekleben und den ersten an dem Ende der Bühnenkante zu befestigen, vor dem er stand.
„Sakai,“ sagte er.
Kei wollte gerade wieder verschwinden. „Ja?“
„Hast du ein Foto von Colin?“
Kei dachte kurz an die ihm zugeschickten vom misshandelten, halbtoten Colin. „Nein.“
„Er war noch nicht lange bei uns, darum gibt es keine Schulfotos mit ihm. Und wir wollen heute eins hier aufstellen,“ erklärte Shingo, während er den Vorhang der Länge nach mit dem Klettverschluss festdrückte. „Kannst du an eins kommen?“
„Ich kann mal schauen, ja.“ sagte er und dachte nach. Akira anrufen...
Shingo nickte trübsinnig.
Kei ging mal eben nach draußen und machte einen Satz aufs Dach, wo er sich setzte und Akira anrief, wozu er, hoffend dass der zuhause war, einfach seine eigene, selten genutzte Festnetznummer wählte.
Als das Telefon klingelte, sah Akira erschrocken vom Wäschekorb auf. Es war ihm völlig entgangen, dass es existierte. Er horchte erst auf das Klingeln und ging ihm nach, bis er unschlüssig vor dem Apparat stand und ihn ansah. Es war am klügsten, nicht dranzugehen. Also ließ er es bleiben. Er faltete weiter Wäsche zusammen.
Kei legte auf und versuchte es noch einmal.
Was, wenn es Kei war? Das Telefon hatte bisher nicht geklingelt, und Kei wurde immer auf seiner Mobilnummer angerufen. Unsicher ging Akira zum Telefon zurück und nahm den Hörer ab.
„...“
„Ich bin's,“ sagte Kei und fügte hinzu: „Wir haben, also eher ich, habe ein kleines Problem.“
Akira räusperte sich. „... Ein kleines Problem,“ wiederholte er intelligent.
„Ja, Shingo hätte gern ein Bild von Colin. Zum Aufstellen in der Schule für's Konzert.“
„... Und was ist das Problem?“ Akira sah keines.
„Ich hab keins. Das ist das Problem, hast du eins?“
„Hat denn keiner von euch Zugang zum Internet?“ Akira konnte nicht umhin, genervt die Augen zu rollen. „Da sucht ihr einfach nach ‚Colin Hammerer‘ und sucht euch was aus.“ Wenn ich bedenke, dass ich Angst davor hatte, ans Telefon zu gehen...
Kei musste lachen. „Ich werd's Shingo ausrichten.“
Akira grinste selbst. „Zwischen euch Intelligenzbestien kann es einem schwerfallen, die Nerven zu behalten.“
„Ich dich auch. Idiot,“ sagte Kei dazu und legte auf, hüpfte vom Dach und ging wieder durch die Aula. Als er an Shingo vorbeikam, sagte er: „Murata, versuchs mit googlen,“ und ging weiter. Shingo blickte ertappt drein und fuhr mit seiner Arbeit fort. Kei ging zu seinen Jungs zurück, wo weiter geprobt wurde.

Am Nachmittag machte Akira sich auf Umwegen auf den Weg zur Schule und schlich sich hinter den Fahrradschuppen, wo er sich mit einem Buch hinsetzte und wartete.
Gegen fünf Uhr kam Kei nach draußen und hatte Akira schnell gefunden.
„Hey. Also, die Aula hat einen Nebeneingang mit guter Sicht zur Bühne, der wird aber nur genutzt um dort Technik hinzustellen. Da die gesamte Aufmerksamkeit nach vorn gerichtet ist, ist man da quasi unsichtbar,“ erklärte Kei. Akira steckte sich das dünne Buch in eine hintere Hosentasche und nahm seine Kapuze ab.
„Wenn da Technikkrempel herumsteht, kommen dann nicht immer wieder Leute dahin um nach dem Rechten zu sehen?“ gab er zu Bedenken.
„Nein, da stehen Kabelrollen und ein großer Ersatzverstärker, nichts, was überprüft werden müsste.“
„Gut.“ Akira nickte. Dann lächelte er selbstgefällig. „Habt ihr das mit dem Foto hingekriegt?“
„Ich hab nicht nachgeschaut, ich trau‘s Shingo aber zu.“ Solange er nicht auch noch ne Rede hält...
„Da lehnst du dich aber weit aus dem Fenster,“ mahnte Akira, „In punkto Hirnschmalz macht er dir nämlich ernsthafte Konkurrenz.“
„Und ich dachte, das wäre unmöglich, so'n Mist.“
Akira stützte sein Kinn nachdenklich auf eine Hand und betrachtete Kei. „Dass man auf Blödheit stolz sein kann...“
„Pff.“
Akira schmunzelte.
„Lass uns reingehen. Drinnen herscht das totale Chaos bis dann mal alle ihren Platz gefunden haben.“
„Gut.“ Akira stand auf und küsste Kei sanft. Kei erwiderte den Kuss kurz und grinste leicht. Aus seiner Tasche zog er eine Flasche Whiskey.
„Auf einen gelungenen Abend.“
„Der hat doch noch nicht mal angefangen.“
„Nein, aber wenn er es tut haben wir keine Gelegenheit mehr drauf anzustoßen.“
Akira grinste. Kei kramte aus seiner Tasche noch zwei Gläser, und es waren tatsächlich Gläser, hervor, die er von den Vorbereitungen hatte mitgehen lassen und hielt Akira eines davon hin. Der nahm es beeindruckt entgegen.
„Hast du da drin noch eine Eismaschine versteckt?“
„Nein. So groß ist meine Tasche nicht.“ Er grinste bei der Vorstellung mit einer Eismaschine in der Tasche herumzulaufen.
„Macht nichts. Es ist kalt genug.“
Daraufhin grinste Kei ein wenig. „Vielleicht wäre ein vermeintlich wärmendes Getränk jetzt das Richtige.“
„‚Vermeintlich‘ wärmend trifft auf harten Alkohol zu, also her damit.“
Kei füllte behutsam Akiras Glas und danach sein eigenes.
„Wirst du eigentlich noch betrunken?“
Akira zog sein Glas leicht zitternd zu sich, als er unwillkürlich an die Neujahrsnacht mit seiner zweiten Menschenmahlzeit dachte.
„... Ja.“ Es war nicht nur Alkohol gewesen, aber der hatte auch eine Rolle gespielt.
Kei fand das interesant, untot konnte er also nicht sein. Schließlich brauchte er Nahrung und Alkohol machte ihn betrunken. Er nickte. „Damit scheidet untot aus,“ sagte er beiläufug.
„Das wäre außerdem, wissenschaftlich gesehen, ein Ding der Unmöglichkeit.“ Er hob das Glas. „Auf dass der Abend und so weiter. May you rock all their bloomers off.“
„Auf dass der Abend und so weiter,“ wiederholte Kei und prostete dem Kleineren zu, ehe er sein Glas halb leerte. Akira trank nur ein paar kleine Schlucke, nach denen er jedesmal ein bisschen das Gesicht verzog. Hauptsächlich sah er Kei an. Es würde ihn nicht wundern, wenn er in ein paar Jahren als Rockstar durch die Welt tourte - die Haltung und Ausstrahlung dafür hatte er schon drauf. Kei musterte ihn schmunzelnd, als er sein Glas ganz leer trank.
„So, lass uns reingehen. Sonst verpassen wir den besten Teil.“
Akira machte ein erschrockenes Gesicht. „Du hast nicht vor dich auszuziehen, oder?!“
Jetzt lachte Kei. „Eh nein. Tut mir Leid wenn ich deine Hoffnungen entäuschen muss.“
Akira gab Kei das endlich leere Glas zurück. „Hoffnungen? Nein, ich bin erleichtert. Die Erwähnung eines ‚besten Teils‘ hat mich nur auf eine falsche Fährte gelockt.“
Kei lachte ein bisschen als er das Gebäude ansteuerte. Akira ging mit ihm und setzte sich dabei wieder die Kapuze auf, die er sich tief ins Gesicht zog. Bei dem Seiteneingang spinxte er vorsichtig durch den Türspalt. Kei folgte ihm unauffällig und navigierte ihn zum sicheren Platz am Nebeneigang (einem von vielen). Akira fand eine Plastikkiste hinter einer praktischen Wand von größeren schwarzen Kisten, nahm eine Kabelrolle von ihr herunter und setzte sich drauf. Kei küsste ihn kurz ehe er hinter die Bühne verschwand. RooD waren nicht als erste dran, weshalb Kei noch ein bisschen Zeit hatte. Die Schulleitung hatte darauf bestanden mit etwas besinnlicherer Musik anzufangen.
Tatsächlich begann der Schulchor, von Frau Hasegawa dirigiert, mit zwei klassischen japanischen Liedern. Als er ein paar Zuschauer im Publikum gähnen sah, schmunzelte Akira. Ich habs doch gesagt.
Kei stimmte hinter der Bühne seine schwarze Gitarre, die keinerlei Musterung aufwies und hörte dem Chor zu. Soll das ne Trauerveranstaltung werden?
Als der Chor fertig war, wurde brav geklatscht, die Sänger verbeugten sich und Frau Hasegawa scheuchte sie von der Bühne, die nun der Schulleiter betrat, um eine kurze Willkommensansprache zu halten. Dabei erwähnte er Colin und deutete auf das gerahmte Foto, das besagten Jungen salutierend, mit Geige in der Hand und im traditionellen Kilt zeigte, welches Shingo zuverlässig ausgedruckt und mit einer Blumenschale auf den Konzertflügel auf einer Seite der Bühne gestellt hatte.
Danach sagte er ‚Raised out of dirt‘ an, was er so miserabel undeutlich aussprach, dass ein Junge im Publikum „Rood!“ rief.
Der Ruf wurde von den um ihn herum sitzenden Schülern aufgenommen und wiederholt.
„Rood!“
„Sag einfach Rood!“
Verlegen nickte der Schulleiter und sagte lächelnd ins Mikrofon:
„Rood,“ und ging von der Bühne.
Kei grinste, er und Saki stürmten die nicht allzu große Bühne als erste. Kei spielte ein kleines improvisiertes Intro während die anderen ihre Plätz einnahmen.
Sie begannen mit einem schnellen spaßigen Song und Saki animierte die Schüler zum Mitspringen. Von Ordnung war in der Aula nach zwei Minuten keine Spur mehr. Akira hielt sich vom Aufspringen und Pfeifen zurück und legte nur die Arme und das Kinn grinsend auf die große Kiste vor ihm und sah begeistert zu.
Um den nächsten Song anzuspielen, hatten sich alle um Tamas Drumset versammelt. Die Lichter gingen aus bis Aoi und Kei anfingen abwechselnd ein paar Akkorde zu spielen. Saki wurde beleuchtet, der so langsam, dass er fast nur sprach, die Zeilen von sich gab. Im nächsten Moment gaben Tama und Kenji noch was dazu und das Ganze wurde wieder schnell.
Haa... die können was! dachte Akira glücklich. Schade, dass ich nicht unterwegs noch bei einem Unterwäscheautomaten war.
Er entdeckte zwischen den Schülern, die sich zwischen den Stühlen und vor der Bühne drängten, auch ein paar Lehrer und Eltern und grinste.
Saki liebte Abwechslung und so kam es, dass der dritte Song ein sehr ruhiger war, angestrahlt wurden nur er und die beiden Gitarristen abwechselnd. Sie hatten geschlossen abgelehnt, etwas trauerfeieriges zu spielen, aber etwas ruhiges war drin. Während dieses Liedes setzten sich einige Zuschauer wieder hin, wenn auch nicht alle auf ihre angestammten Plätze, und die junge Lehrerin, die am Nachmittag mit ihrem Klemmbrett unterwegs gewesen war, hatte die Arme um einen Schüler und eine Schülerin gelegt. Sie wankten lächelnd hin und her und Akira musste fast laut lachen, als er das sah. Frau Hasegawa entdeckte er nicht. Die stand wahrscheinlich irgendwo hinter der Bühne.
Gegen Ende des Liedes nahm Kei seinem Sänger das Mikro weg und ließ ein tiefes Growlen hören, als Aoi und Tama den nächsten Song anstimmten. Saki schrie in das ihm zurückgegebene Mikro und die beiden Gitarristen quälten ihre Instrumente.
Die Schüler vor der Bühne sprangen wieder los und einige schlugen mit den flachen Händen vorn auf die Bühne, was dazu führte, dass sich Shingos sorgfältig angeklebter Vorhang löste und teilweise herunterrutschte. Einige Zuschauer guckten erschrocken, hielten sich die Ohren zu und ein paar der Eltern verließen unauffällig die Aula. Akira kam aus dem Grinsen nicht heraus.
Saki, Kei und co. gaben ihr dunkles Werk zum besten, das da hieß ‚The End Of Everything‘. Der semiverständliche Text handelte von einem psychisch getörten Kind, das mit Freude seine Familie massakriert. Diesen Song zu spielen war Keis Idee gewesen. Während Akira zuhörte, gefror sein Grinsen allmählich.
Was als nächstes kam, war etwas positiv gespieltes, auch wenn der Text, der keinen Titel hatte, ein Rückblick auf Keis Vergangenheit war. Der Song bestand aus viel Herumspringerei, was den Text abmilderte, der in erster Linie eine Botschaft war, eine Rachebotschaft, die aber so geschrieben war, dass sie auch als Aufruf zur Anarchie verstanden werden konnte. Akira fühlte sich nun alles andere als glücklich, hörte dafür aber weiter aufmerksam auf den Text.
Irgendwann waren sie beim letzen Song für diesen einen Abend angekommen. „Als Letztes möchten wir einen Song spielen, den wir dem traurigen Ereignis gewidmet haben, das dieser Feier vorangegangen ist,“ begann Saki und gab Kei das Mikro.
„Es ist nichts Trauriges...“ führte er fort, „Es hat nicht mal einen Titel, aber ich hoffe du magst es trotzdem.“
Er gab Saki das Mikro zurück und sie spielten einen lauten spaßigen Song voller Leben. Die Lichter waren bunt und genauso wild wie die Gitarren, denen sie folgen sollten. Akira wurde ein bisschen rot, als er wieder die Arme und den Kopf auf die Kiste legte, um richtig zuzusehen. Es war sowas ähnliches wie ein Liebeslied, Saki und Kei teilten sich die Vocals. Währenddessen vergewaltigte Kei artig seine Gitarre weiter und alberte ein bisschen mit Aoi und Kenji herum.
Sein Grinsen kehrte nicht zurück, dafür biss Akira sich großzügig auf die Zunge, während er zusah. Was musste der da oben so auf Tuchfühlung gehen?
Kei beließ es beim spielerischen Anfassen seiner Kollegen, immerhin hattte er noch eine Gitarre zu spielen. Die anderen ließen ihn auch bald wieder in Ruhe und zusammen ließen sie den Song ruhig ausklingen.
Am Ende wurde geklatscht und ein bisschen gepfiffen und gejubelt. Einige Gesichter drückten Verständnislosigkeit darüber aus, was dieses Stück mit dem Tod eines Mitschülers zu tun haben sollte, aber sie lächelten trotzdem.
Akira selbst klatschte zwar nicht laut, um nicht auf sich aufmerksam zu machen, deutete aber Applaus in Gebärdensprache an und hoffte, dass höchstens Kei ihn dabei sehen konnte, wenn er in seine Richtung sah.
Schüchtern kam der Schulleiter auf die Bühne zurück.
Kei schaute tatsächlich kurz in Akiras Richtung und lächelte leicht, was da hieß ‚Ich seh dich.‘
Saki grinste den Schulleiter an.
In sein Mikrofon sagte der Direktor seinen Dank an „... Rood,“ ehe er auf seinen kleinen Zettel blickte und den nächsten Auftritt ansagte: Eine Musicalnummer.
Kei verschwand mit seinen Kollegen, nachdem sie sich alle brav bedankt hatten, hinter der Bühne und kam kurz darauf ohne Gitarre zu Akira, unauffällig versteht sich.
Akira drehte sich zu ihm um, während sie da auf der Bühne in Glitzerkostümen herumhüpften.
„Ja,“ sagte er und lächelte.
„Ja, was?“ fragte Kei grinsend.
„Ja, ich mags.“
Kei grinste noch immer. „Willst du dir die Glitzershow noch ansehen oder wollen wir den Abend ausnutzen?“
„Ausnutzen,“ bestimmte Akira und stand auf.
„Hinterausgang. Es ist grad kein Lehrer hinter der Bühne.“
„Ich folge dir.“ Ich kleb mich einfach an deinen Hintern.
Kei ging vor und führte Akira durch die Gänge hinter der Bühne zu einem anderen Hintereingang als den, den sie hereingekommen waren. Seine Gitarre sammelte er dabei noch ein.