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Saturday, February 6, 2016

Kei + Colin LXIV: Getrennte Wege



„Wir haben Blättchen, große sogar. Aber keine Filter. Und Tabak nur, wenn du eine Zigarette opferst.“ Akira begann, gelassen rückwärts zum Haus zurückzuschlendern. „Und wenn du das tätest, hätten wir auch einen Filter.“ Er zwinkerte.
„Das dürfte nicht allzu schwer sein.“ Kei schlenderte ihm nach. In seinem Kopf meldete sich das Bedürfnis nach Tod und Blut.
War das alles, was nötig war, ein ‚Gespräch‘? überlegte Akira auf dem Weg durch den Garten, den finsteren Flur und das ebenso finstere Sofazimmer, wo er die Utensilien auf dem Boden liegengelassen hatte. Wenn ich die nächste Panikattacke oder so kriege, weiß ich also bescheid. Einfach den Wahnsinnigen belästigen.
Kei baute zwei Joints nachdem er sich auf das Sofa gesetzt hatte und reichte einen seinem Freund. Akira hatte, so gut es ihm in der Schwärze des Raumes möglich war, augenzusammenkneifend, beim Bauen zugeschaut und nahm nun den Joint vorsichtig entgegen. Er tastete auf dem Boden herum und fand das Feuerzeug, das er dem Peruaner abgenommen hatte.
„Es war wirklich ein Glück, dass wir an der Grenze nicht kontrolliert wurden. Ich hatte da ganz vergessen, dass ich das Zeug in der Tasche hatte.“
„Der hätte uns nicht kontrolliert.“ Kei war fest davon überzeugt, auch wenn er noch nicht wusste, weshalb. Er fingerte sein Zippo aus der Tasche und zündete den Joint an.
Drogen. Das war sehr lange her. Zumindest die menschliche Art von Drogenkonsum. Sie hatte ihm nicht viel an, die Effekte waren immer schwach gewesen.
Akira röstete seinen erst ein bisschen in der Flamme des Feuerzeugs, wie er es Leute auf dem Freakfest hatte tun sehen, bevor er ihn anzündete und zog. Das Kitzeln in seinen Bronchien war gerade noch erträglich, oder eher nicht, aber er schaffte es trotzdem, den drohenden Hustenanfall zu unterdrücken und atmete den Rauch durch die Nase wieder aus.
„Vermisst du etwas?“ Seine Stimme klang unterdrückt, weil er noch gegen das Kratzen ankämpfte.
„Aus dem Leben?“
Ja... Das Leben selbst. Er wollte seinen Herzschlag zurück und spüren was um ihn herum los war. Er hatte keinerlei Empfindungen, wenn er tot war. Nur das dumpfe Verlangen nach Blut.
Akira winkte ein bisschen ab. „Aus Japan. Von zuhause.“ Er selbst vermisste da so gut wie alles. Er vermisste sogar Dinge, die überhaupt nicht passiert waren, wie die Hochzeit seiner Eltern, das Wiedersehen mit seinem Vater und ganz viele Dinge, die er mit Kei hatte machen wollen. Normale Dinge.
„Meine Gitarre.“ Mein ganzes Leben. „Leute, die meine Sprache sprechen...“
Akira faltete seine Beine in den Schneidersitz und streckte seinen Rücken. Der Rauch nagte nun nicht mehr so in ihm, sondern bedeckte die Kapillaren eher mit einer angenehm weichen Schicht, die ihm auch gleich zu Kopf stieg. Es war sehr angenehm.
„Wir sind in Chile. Hier gibt es Gitarren. Wir sind in Chile, Mann. In Chile. Wir werden Straßenmusiker in Santiago.“
Er hatte keine Ahnung, warum er jedes dritte Wort gesondert betonte, aber nun, da er darüber nachdachte, wurde ihm bewusst, dass sie es hiermit doch ganz gut getroffen hatten. Chile... echt gut eigentlich.
„Wir sollten uns einen Platz zum Bleiben suchen. Dieser hier ist nicht so besonders,“ erwähnte Kei beiläufig und zog an dem Joint, der seine Wirkung bei ihm ziemlich verfehlte. Jetzt wusste er wieder, aus welchem Grund er so selten Drogen nahm.
Kippen zählten nicht.
„Und eine Nagelschere...“ murmelte Akira, der ohne besonderen Grund seine Hände inspiziert hatte. Nun zog er wieder beherzt an seiner Tüte und wankte im Sitzen. „Es muss ein schönes Haus sein, mit Säulen vorne dran und einem Pool!“
Kei gefiel der Gedanke eines Hauses mit Pool. Das wäre ein großes Haus und am besten wohnten sie dort allein. Dann konnten sie unbehelligt leben wie sie wollten. Kei lag relativ viel daran vor niemandem Rechenschaft ablegen zu müssen. Akira verlangte das nicht von ihm und das war sehr gut. Der Vampir schätzte das sehr. Das Unterwegssein gefiel ihm auch. Aber das Schlafen auf Feldern und in Bruchbuden lag ihm nicht besonders.
„Ein Pool wäre gut, ja,“ stimmte er seinem Freund zu. Da gab es nur ein Problem. Hier würden sie für alles selbst aufkommen müssen...
Wobei... Das war nicht wirklich ein Problem.
„Wo gehen wir dafür hin... Brasilien? ... Jamaicaaaa...“ Akira legte sich auf den Boden, die Beine immer noch gekreuzt.
„Ist mir egal...“ Er amüsierte sich stumm über Akiras berauschten Zustand. Jamaica... Vielleicht. Ihm war es egal, wohin es ihn verschlug. Zeit hatte er genug. Das war eines der wenigen Dinge, von denen er sich sicher war. „Wir können überall hingehen,“ fügte er noch hinzu und zog an seinem Joint.
„Aber zuerst...“ In Zeitlupe wedelte Akira mit seiner freien Hand vor seinem Gesicht herum. „... nach Santiago... ich will nach Santiago... Wusstest du, dass es in Argentinien eine Stadt namens El Turbio gibt? Das ist so cool.“ Akiras Stimme und Aussprache klangen so dunstig, wie er sich fühlte.
„Was ist da so besonders dran?“ Fragte Kei leise und lehnte sich an das Sofa, vor dem er sich niedergelassen hatte. Er war nicht besonders lang darauf sitzen geblieben. Der Vampir bevorzugte den Boden als Sitzgelegenheit.
„Santiago ist die Hauptstadt.“
„Dann los. Fahren wir nach Santiago,“ schlug Kei vor und blies Rauch nach oben. Hier wollte er nicht bleiben, es war als wären sie auf der Flucht. Und der Vampir wollte nicht weglaufen, sondern einfach hin, wo er wollte, nicht weil er musste.
„Jaa...“ Akira zog wieder und ließ dann den Arm wieder auf die staubigen Dielen fallen. Der Joint fiel ihm aus den Fingern und verbrannte etwas Staub, glomm aber nur ein paar Sekunden lang, ehe irgendetwas die Glut erstickte.
„Wie fühlst du dich, wenn du tot bist?“ fragte Akira lächelnd an die finstere Zimmerdecke.
„Tot.“ Keis Erklärung war keine, aber das traf es am besten. Tot. Das war alles. Er rauchte den Joint auf und stand langsam auf. Ihm machte das nichts aus, aber er wusste nicht, ob Akira überhaupt fahren konnte. Schließlich kannte er sowas kaum. Der Vampir war fast immer klar im Kopf. Es gab nicht viel, das seine Sinne benebeln konnte. Blut und Akira. Das war alles.
„So leicht – wie ein Gespenst? Wie ein Fetzen Seide oder so...“ Akira wedelte wieder langsam mit einer Hand in der Luft, hin und her, wie ein Stück Seegras unter Wasser, zum Illustrieren seiner Beschreibung. „Ganz ruhig und gelassen, unberührbar. Und friedlich.“ So hatte er sich gefühlt, am Anfang, wenn er tot war. Er tat es immer noch. Tot sein bedeutete für ihn ein Zustand sehr angenehmer Gleichgültigkeit.
„Gleichgültig, aber nicht wie auf Drogen oder so, sondern einfach so, als ob alles egal ist.“ Alles außer Blut. Tot war für Kei fast egal. Es war so, als lebte er noch, nur ohne jegliche Gefühlsregung. Tot eben.
„Alles egal?“
„Ja.“ Kei schlenderte zum Fenster.
Akira reckte seinen Kopf ein bisschen und sah Kei zu. Nun sah er ihn auf dem Kopf. „Bist du jetzt tot?“
Der Vampir ging im Raum umher. Am Fenster gab es nichts zu sehen, da es verrammelt war. Das einzige, was es hereinließ waren kleine Lichtstrahlen durch Spalten und Löcher in den Brettern. „Ja.“ Er ging zu Akira und blieb neben ihm stehen. „Jetzt nicht mehr.“
Akira schmunzelte und lachte ein wenig. „Ich auch nicht. Wenn du weit genug entfernt bist, fühlst du dann nichts mehr?“
„Fast nichts,“ erklärte Kei. Mordlust und Blutdurst waren da. Aber die waren immer da.
Akira lächelte sanft zu ihm hinauf. „Fast nichts. Was fühlst du dann?“
Konnte man das Gefühl nennen? „Da ist immer ein Durst nach Blut.“ Und Töten bereitete ihm auch tot Spaß.
„Ehrlich, das ist alles?“ Akira klang friedlich und amüsiert.
„Ja. Mehr ist da nicht mehr.“
Kei war ruhig und stand neben seinem Freund. Der studierte ihn genau, und richtete sich ein wenig auf, um rückwärts über den Boden zu krabbeln.
„Das heißt, wenn ich weit genug weg bin... so,“ sagte er, als er mit der Schulter in ein paar Metern Entfernung am anderen Ende des Raumes die Wand berührte. Er setzte sich auf und lehnte sich mit dem nackten Rücken an die staubige, zerrissene Tapete. „Jetzt liebst du mich nicht mehr,“ sagte er schlicht. Leise und friedlich.
Kei schaute leicht amüsiert und musterte seinen Freund gelassen. Da war tatsächlich gar nichts mehr. Nur sein Körper, der langsam abkühlte.
„Da ist gar nichts,“ sagte er ruhig.
Akiras Herz hatte die ganze Zeit in Zeitlupe weitergeschlagen, und nun stolperte es ein paarmal über sich selbst. Sein Gesicht wurde warm.
„Nichts? Nur Blut,“ flüsterte Akira. Diesmal klang er irgendwie ergriffen. Seine Augen waren nun geweitet, wie vor Schreck.
Kei musterte ihn genau. Nickte einmal kurz, während er sein Zeug in den Rucksack steckte, neben dem er sich niederließ.
Mit aufgestellten Beinen beobachtete Akira ihn und konnte in der Dunkelheit natürlich nicht besonders viel erkennen. Auch, dass nun Wasser aus seinen Augen lief, half dabei nicht. Er atmete, aber so als ob er es möglichst leise zu tun versuchte.
Er hat schon Recht. Ich würde mich jetzt auch nicht mehr lieben.
Kei beschloss, Akira keine Drogen mehr zu geben und schaute ihn an.
„Du solltest kein Gras rauchen.“ Was geht in deinem Kopf vor?
„Warum nicht? Es ist schön.“ Bin ich so nicht erträglicher? Was würde ich jetzt machen, wenn ich nicht high wäre? Ich würde wahrscheinlich weglaufen und mich mit Absicht umbringen. Er blinzelte ein paar Tränen weg, die sich angesammelt hatten und daraufhin herausliefen um sein Kinn hinunterzutropfen.
Kei hatte keine Lust, jetzt mit Akira zu diskutieren. Er blickte mittlerweile leer durch den Raum. Er begann mit dem Messer zu spielen, das er in einer seiner Hosentaschen trug.
Als er es nicht mehr ertrug, Kei anzusehen, blickte Akira sich um und fand einen großen, verbogenen Nagel und einen dicken Flaschenboden aus Glas in Reichweite. Beides nahm er in die Hand. Auf dem Glas war eine schmierige Staubschicht, und mit dem Nagel kratzte er ein Muster hinein.
Der Vampir musterte mal Akira mit leeren Augen und mal sein Messer. Er wollte hier weg. Dies war kein guter Ort.
„Kommst du mit? Ich will hier nicht bleiben,“ sagte er irgendwann und stand wieder auf.
Akira war es egal, wo er sich befand. Er wollte bei Kei sein, aber das schien nun kein guter Grund mehr zu sein. Er schüttelte den Kopf.
Mach das nicht... Kei kommentierte das nur mit einem „Wenn du meinst... Ich fahr jetzt.“
Fünf Minuten später war er unterwegs. Richtung Santiago.

Akira fragte sich stumpf, ob Kei nur einen Ausflug machte, um dem Lagerkoller zu entkommen, oder ob er tatsächlich allein weitergefahren war. Dass er seinen Rucksack mitgenommen hatte, ließ das vermuten, und da Akira ihm offenbar egal war, schien der Gedanke überhaupt nicht mehr abwegig zu sein.
Als Akira sich selbst satt hatte, vielleicht eine halbe Stunde oder so später, und auch seine Beine wieder bewegen konnte, legte er sich auf das Sofa und schlief ein.


GETRENNTE WEGE

Kei fuhr eine ganze Weile die Straße entlang und fragte sich, was er eigentlich gerade getan hatte und vor allem warum. Er fuhr stundenlang, bis er zum Tanken anhielt. Super Idee ohne Geld. Der Tankwart endete tot in der Ecke und Kei leerte die Kasse. Dann ging es weiter. Aber nicht lange, denn bei Taltal hielt ihn eine Straßensperre auf.

Akira war durch den Rest der Nacht und den größeren Teil des Morgens gekommen, ohne sich umzubringen. Er war zwar wieder ohne Kontrolle über seinen Körper aufgewacht, aber es fiel ihm überraschend leicht, ihn wieder in Besitz zu nehmen. Später beschloss er, dass das an dem Gras liegen musste, denn sein Kopf fühlte sich auch nach dem richtigen Aufwachen noch weich und pelzig an.
Dass Kei nicht zurückgekommen war, ließ seinen Brustkorb etwas zusammenschrumpeln und trieb ihm noch einmal Tränen in die Augen, aber er war fest entschlossen, nicht zimperlich zu sein und nahm diese Gelegenheit als Herausforderung wahr, selbstständiger zu werden.

Im Morgengrauen hielt Kei an der Straßensperre.
Fuck... Einer der Beamten erzählte von einem Überfall auf eine Tankstelle, soweit Kei ihn verstand, und dass sie einen Motorradfahrer suchten, der kurz vor dem Überfall an der Tankstelle gesichtet worden war. Kaito verneinte ihn zu kennen oder dort in der Gegend gewesen zu sein. Einer der Beamten musterte den jungen Japaner eindringlich.
„Es gibt nur eine Straße von hier bis zum Tatort,“ rief er ihm ins Gedächtnis, woraufhin der Vampir ihn einfach nur ansah.
„Ich war nicht dort, Sir, und ich würde jetzt gern weiter...“ Drei... zwei... eins...
Kaito griff hinter sich. „Lass mich durch, Arschloch!“ Der Polizist griff seine Waffe, doch bevor er diese berührte, hatte er drei Kugeln in der Brust und der Vampir mindestens fünf bis aufgehört wurde auf ihn zu schießen.
Die Polizisten lagen alle am Boden und er war wieder auf dem Weg. Und jetzt suchen sie mich... Versucht's doch...

Während Akira am frühen Nachmittag vor einem Elektrogeschäft stand und einen Burger aß, den er sich von gestohlenem Geld gekauft hatte, vergaß er für eine Weile das Beißen und Kauen, während er auf einen der Fernsehschirme starrte, der Nachrichten zeigte.
Er war wirklich weg. Er war schon auf halbem Weg nach Santiago. Und Leichen pflastern seinen Weg, natürlich. Nach dem stummen Wetterbericht drehte Akira sich weg und aß langsam zuende. Als er wieder bei dem abbruchreifen Haus angekommen war, wusste er, was er als nächstes zu tun hatte.

Kei nahm Nebenstraßen für seinen weiteren Weg, was sein Fortkommen erheblich erschwerte, er begegnete mehr Menschen und ließ weitere Leichen zurück, bis er irgendwann in Santiago ankam. Sein erster Kontakt in der Stadt war ein Polizist. Was denn auch sonst. Wo kommen die alle her? Kaito fragte ihn nach dem Weg zum nächsten Motel und gab ihm einen Tipp, wo er nach dem Mörder suchen sollte. Drogengang. Er hatte sie mit Pistolen und einem Motorrad ein Stück die Straße rauf gesehen, die er gekommen war.

Ungefähr um die gleiche Zeit stand Akira von seinem Sitz auf, um sich aus dem Fenster zu hängen und La Paz in der untergehenden Sonne zu sehen, während der Zug darauf zufuhr. Die Grenzkontrolle hatte kein Visum sehen wollen. Sein US-Pass hatte gereicht, und die Tatsache, dass er eine Fahrkarte für die erste Klasse besaß. Oder es war den Männern mit den Hunden einfach nur egal gewesen. Sie hatten niemanden sehr genau kontrolliert, allerdings hatten in Akiras Abteil zu dem Zeitpunkt auch nur noch drei andere Menschen gesessen.
Er hielt die Nase in den staubigen Wind, bis seine Locken zu einer wilden Sturmfrisur geworden waren, und schloss dann das Fenster wieder. Der dicke Mann im Anzug zwei Bänke weiter hatte sich außerdem über den Lärm und den Luftzug beschwert.

Kaito hatte sich in einem kleinen Motel niedergelassen und verfolgte die Nachrichten, die er nicht verstand. Da es Abend wurde, beschloss er, sich die Stadt einmal anzusehen, in die er gefahren war. Er ging einfach los und lief ziellos durch die Straßen.

Akira tat das gleiche in La Paz, nachdem er sich von seinem geborgten Batzen ein Zimmer in einem mittelmäßigen Hotel besorgt hatte.
Auf einer Grünfläche, die vielleicht ein Park sein sollte, wagte er es, im Licht einer hübschen Straßenlaterne, seine Geige auszupacken und etwas zu spielen. Bereits vor der Abfahrt in einem Badehaus in Arica hatte er sich die Fingernägel gestutzt, aber zum Spielen hatte er noch keine Gelegenheit gehabt.
Während er so in allem versank, woran sich seine Finger von Albinoni und Vivaldi erinnerten, warfen ihm ein paar Menschen Geld in den offenstehenden Kasten.

Kei ging auf ein Rockkonzert, das er durch Zufall gefunden hatte und schaffte es, den Gitarristen für einige Minuten um sein Instrument zu erleichtern und spielte den Menschen ein bisschen Musik aus seiner Heimat vor.

Akira spielte auch das Stück für Kei und kam irgendwann bei Volksmusik aus seiner Kindheit an.
Als die zweite Nachthälfte längst angebrochen war und er aufhörte, nahm er verwundert die Münzen und Scheine aus seinem Kasten. Er hatte gehört, wie Münzen hineingeworfen worden waren, aber so viele? Er wusste nicht, wieviel oder wie wenig diese Geldmenge wert war. Es kam ihm nur viel vor. Auf einer Bank, die im Halblicht unter einer weiteren Laterne stand, saß ein bärtiger Mann und rauchte Zigarre. Er schien herüberzusehen und hob eine grüßende Hand. Akira grüßte zurück, während er seinen Kasten schulterte. Ein paar Bänke weiter lag jemand zwischen Zeitungspapier herum. Diesen Mann steuerte Akira an.
Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, nahm Akira ein Blatt Zeitung von ihm herunter, legte es auf den Boden, und schüttete langsam die Münzen und Scheine der Passanten darauf. Dann wickelte er das Papier zusammen und legte es neben den Kopf des Mannes auf die Sitzfläche.

Kei spielte in der Konzertpause einfach drauf los, während seine Gedanken zu Akira schweiften.
Raus aus meinem Kopf... Los, verschwinde wieder...
Irgendwann spürte er sein Herz zu schlagen beginnen. Fuck... Kaito ging irgendwann nach draußen und brachte ein Drogengeschäft zum Platzen. Die Beteiligten schossen ihn zusammen. Der Vampir war nur mit einem Messer bewaffnet und richtete ein Massaker an. Ein großes. Blutiges. Er wollte gerade nicht leben.

Nach einem interessanten Gespräch mit dem Zigarrenmann begab Akira sich in sein Hotel und legte sich dort mit hellem Zitronenbier, das er in der Minibar gefunden hatte, erst in die Badewanne und dann auf das Bett, und dachte nach.
In den Nachrichten – er verließ sich nicht nur auf den Fernseher sondern fragte auch Leute, wie den bärtigen Zigarrenmann – hatte er keine Hinweise auf Kei mehr gefunden.
Er kommt schon klar. Er kommt immer klar. Ich bin der, der nicht allein zurechtkommt. Und das hat ihn vergrault. Also...
Als er doch irgendwann, als die Sonne längst wieder aufgegangen war, eindöste, tat er das mit schmerzenden Gedanken an Kei.

Kei hatte sich die ganze Nacht um die Ohren geschlagen, bevor er sich in das Motel zurückbegab und seine Zeit damit verbrachte, an die Decke zu starren.
Wo bist du gerade?

Tatsächlich schlief Akira ein wenig, bis zum Mittag, um dann am Nachmittag das zu tun, worüber der Zigarrenmann mit ihm gesprochen hatte.
Nach einem langen Spaziergang durch Stadt – mit einigem Verlaufen und kurzen Gesprächen mit Einheimischen, die sich auskannten – fand Akira die Adresse. Es war ein großes, gläsernes Bürohochhaus, wie es sie überall zu geben schien. Trotzdem war es voller Spuren von Südamerika. Die Einrichtung, wie der Teppich auf den Fluren, war bunt gemustert, es standen überall Planzen mit dicken, großen, glänzenden Blättern und leuchtenden Blüten in Tontöpfen und Körben, die mit sehr detaillierten Mustern bemalt waren, und die Menschen, die hier unterwegs waren, waren alle irgendwie braun. Und auf der Etage, in die er sich begab, sehr bunt und modisch und laut.

Kaito vertrieb sich die Zeit mit sinnlosem Zeug. Er hatte einfach nichts zu tun. Am Nachmittag klopfte jemand. Die Polizei. Einer von ihnen hielt ihm eine Waffe an den Kopf.
„Was wollt ihr?“ fragte er gelassen, woraufhin ihm erklärt wurde, dass er festgenommen sei. Wegen Mordes. „Ihr könnt mich mal -“ Kei wurde durchsiebt, als er den Beamten den Rücken zuwandte. Er brach zusammen, nachdem ihn eine Kugel ihn in den Brustkorb getroffen hatte.

Gleichzeitig stand Akira neben einem Klavier. Seine Violine hatte er schon benutzt und auf einem Tisch abgelegt. Nun wollten sie noch wissen, was er sonst noch konnte.
„... If you want to, I can save you,
I can take you away from here –
So lonely inside, so busy out there,
And all you wanted was somebody who cares...“
Es schien ganz gut zu laufen, aber er war trotzdem verdammt nervös.

Kei lieferte sich eine Schlägerei mit den Pseudobullen in der Tür, bis er nicht mehr kämpfen konnte.
„Was... zum...?“ Seit wann bitte ballerte die Polizei ohne Provokation so großzügig um sich?
... Als er wieder zu sich kam, lag er gefesselt auf dem Boden eines großen, leeren Raumes.
Das waren nie im Leben Bullen gewesen...
aber wer dann?
Der Vampir befreite sich von den Fesseln und stellte dabei fest, dass diese Leute ziemlich dumm waren. Das Klebeband war sehr einfach zu lösen und sein Rucksack lag in der anderen Ecke des Raumes.
„Tzz, Idioten...“
Verdammt... Wo bist du?
Der Japaner sah sich um. Bald darauf fand er die Tür und verschwand wieder. Eine einfache Verriegelung hatte ihm nichts entgegenzusetzen.

Die Frau mit den großen Ohrringen, die sehr gut Englisch sprach, versicherte ihm, dass sie das mit den fehlenden Papieren schon regeln würden. Das seien alles nur Formalitäten und der Manager würde sich schon um all diese Dinge kümmern.
Angel E. Wallace unterschrieb an diesem Morgen also drei Verträge, direkt nacheinander. Der eine war für einen Agenten. Der zweite für die Anstellung und das Coaching. Der dritte sollte das Album, Werbung und öffentliche Auftritte regeln.
Colin. Akira. Angel.
Diese Leute waren schon gestern beim Vorspielen und -singen von seinem Namen begeistert gewesen und wussten schon genau, wie sie ihn vermarkten würden.

Als Kaito nach draußen ging, stellte er fest, dass es Morgen war und erstaunlicherweise keine Leute zum Bewachen da waren. Er ging mit seinen Sachen auf dem Gelände herum.
Was waren das gestern für Typen...? Der Vampir wusste nicht, wo er war. Den nächsten Passanten fand er erst nach einer guten Stunde und was der ihm sagte, gefiel ihm gar nicht. Er befand sich nicht mehr in Santiago.

„Angel Wallace. Yes.“ Akira nickte und ließ sich von der Frau skeptisch begutachten, die ihn irgendwo abhakte oder notierte und lauter Mist an einem Computer machte, bevor sie ihn durch das Haus führte, einige Räume zeigte, und schließlich im Flur der ersten Etage eine Tür öffnete.
„This is your room. We don't have many candidates now, so you don't have to share. The second bed is only ever in use when we accommodate groups, you know?“ Sie lächelte freundlich. „You have another appointment at two, don't you?“ Akira nickte. Er sollte mit seinem Agenten Mittag essen und dann Kleider kaufen und zu einem Frisör.

Kei erfuhr, dass er sich nahe der Grenze zu Bolivien befand. Er schaffte es einige Zeit später, einen Wagen anzuhalten und ließ sich mitnehmen. Egal wohin. Der Mann wollte wissen, warum Kaito ein Schwert mit sich herumtrug und bekam die Antwort, dass es ein Erbstück sei.

Akira bekam eine komplette Garderobe und eine Auffrischung seiner tiefroten Haarfarbe geschenkt – oder vielmehr vorgeschossen, denn letztendlich musste er ja mit seiner Arbeit dafür aufkommen – und am Abend lernte er im Haus noch mehr Leute in ähnlicher Situation wie seiner kennen.

Kei machte den Tag über eine kleine Reise, weil er nicht wusste, wo er hinsollte. In die nächsten größere Stadt - er wusste nicht mehr, wo er eigentlich war und es interessierte ihn auch nicht. Zu Fuß erkundete er die Innenstadt. Am nächsten Musikladen hielt er an, sah sich das Schaufenster an und dachte nach.

Akiras Nacht in seinem schicken Plattenfirmenzimmer war unruhig. Sie begann schlaflos, und als irgendwann zwei Mädchen hereinkamen, wurde sie zu einer Pyjamaparty. Glücklicherweise waren diese beiden jungen Frauen als angehende Popstars genug von sich selbst eingenommen, dass Akira nicht viel von sich preisgeben musste, da sie genug über sich selbst redeten. Er hätte nicht gewusst, was er hätte sagen sollen. Und nachdenken wollte er darüber auch nicht. Nachdenken führte in Keis Richtung. Das führte zu Gefühlen, die er ignorieren musste. Nur wenn er Geige spielte oder sang, konnte er sie für sich nutzen, zu jeder anderen Zeit waren sie gefährlich.
Er ließ die Mädchen also reden, steuerte ab und zu einen Kommentar bei und starrte ansonsten den fast vollen Mond vor seinem Fenster an.

Die Nacht verbrachte Kaito auf der Straße mit ein paar Jungs, die in einer durchlöcherten Tonne ein Feuer gemacht hatten und spielte Lieder auf der Gitarre von einem von ihnen. Er gab eine traurige Ballade zum besten. Die Verständigung untereinander war schwierig, denn keiner von ihnen sprach wirklich gutes Englisch.

Der nächste Tag sah für Akira Coaching von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends vor, sowie Spanischunterricht um halb acht abends. Letzterer fand als einziges nicht auf diesem eingezäunten Grundstück in diesem idyllisschen Stadtteil von La Paz statt, sondern in der Innenstadt. Er fuhr selbstständig mit dem Bus dorthin.

Kaito blieb eine Weile bei den Straßenjungs und ging dann weiter. In einer Bar erfuhr er, wo er gelandet war - in Bolivien, nahe der Grenze zu Chile. Auch dort waren seine Polizeimorde in den Medien. Man suchte nach ihm. Nur wusste keiner, wer er war und das war gut so.
„Weißt du, wo man hier schlafen kann?“ erkundigte er sich beim Barmenschen. Er sollte einen Typen namens Jack fragen, der hätte sicher was und das tat Kaito auch, nachdem er den Mann in derselben Kneipe gefunden hatte.
„Klar... hab ich einen Schlafplatz für dich. Wenn du mir wenigstens deinen Namen verrätst?“ fragte Jack, nachdem er mit Kaito vor die Tür gegangen war.
„Kageyama, Kaito.“
Die beiden unterhielten sich auf dem Heimweg eine Weile, über Geld und Konditionen, und das eine oder andere an persönlicher Information. Kei gab nicht viel von sich preis, fast nichts. Aber er hatte einen Platz wo er vorerst bleiben konnte.


Kei + Colin LXIII: Ein dunkles Labyrinth


Sich die Lippen leckend, schulterte Akira seinen dicken Rucksack und ging zum Ausgang. Kei ging ihm nach, nach draußen an die frische Luft. Dort zündete er sich eine Zigarette an und behielt das Zippo gleich in der Hand. Akira ging weiter, über die Straße zu einer Grünfläche, die fast im Dunkeln lag. Auf einer niedrigen, lehnenlosen Bank lagen zwei Gestalten zum Schlafen oder Ausnüchtern oder beides.
Kei zündete den Geldbeutel an, nachdem er die Geldscheine herausgenommen hatte, und warf ihn brennend in den nächstbesten Mülleimer. Akira beobachtete das Ding eine kurze Weile beim Schwelen und Lodern, bis er sich sicher war, dass es noch lang weiterbrennen würde. Erst dann nahm er Kei beim Arm – oder machte Anstalten, das zu tun, ehe er verlegen wurde und seine Hand wieder zurückzog. Der Vampir bekam das nicht wirklich mit, er sah dem Ding beim Verbrennen zu und schlenderte dann weiter bevor ihn irgendwer bei dem Feuer sah.
Nach ein paar Schritten drehte er sich zu Akira um. Die Sonnenbrille hatte er abgenommen und in den Kragen seines Shirts gehängt. Akira war still hinter ihm hergestiefelt. Mit den Händen in der Bauchtasche. Neben Kei ging er aus zwei Gründen nicht. Erstens, weil er gerade gegenüber dem Adonisvampir vor sich etwas schüchtern war, und zweitens, und das sagte er sich war natürlich der einzig wahre Grund, weil er hier im Dunkeln den Untergrund und was auf ihm herumlag nicht gut genug sehen konnte um sicher herumzuspazieren. Als Kei sich plötzlich zu ihm umwandte, stutzte er also und sah ertappt auf.
„Lass uns die Räder holen. Hier zu bleiben gefällt mir nicht.“ Es ist zu laut und hier sind zu viele Menschen...
Akira nickte seine Zustimmung und sie gingen gemeinsam zu den Rädern zurück.
Wir sollten uns ein ruhiges Plätzchen am Stadtrand suchen, dachte er, aber fand seine Stimme nicht, um den Vorschlag laut auszusprechen. Sie waren sowieso immer noch ‚am Stadtrand‘, und dass sie sich an einem unbeobachteten Ort niederlassen würden, sah Akira als garantiert an. Also sprach er weiterhin kein Wort.
Kei hatte dieselbe Idee und fuhr mit Akira an einen ruhigeren Ort einige Straßen weiter. Dort war ein leerstehendes Gebäude, an dem er hielt.
„Ich glaube, hier kommt keiner vorbei,“ sagte er ruhig, als er auf das Gelände fuhr. Hier stört keiner...
Na hoffentlich, dachte der paranoide- nein, der vernünftige Teil von Akiras Gehirn. Der größte Teil allerdings war kurzgeschlossen und konnte nicht mehr denken.
Sie stellten ihre Räder in eine etwas sichtgeschützte Nische hinter dem Haus und fanden die Hintertür verschlossen, jedoch schön morsch vor, sodass sie schon verheißungsvoll wackelte und knirschte, als Akira sie vorsichtig zu öffnen probierte.
„Ich mach auf,“ sagte Kei und trat die Tür ein.
Drinnen war es natürlich staubig und voller Trümmer, aber glücklicherweise roch es nicht nach Pisse oder Verwesung. Die Vordertür war verrammelt, ebenso sämtliche Fenster auf der Vorderseite, also würde selbst bei Tag nicht viel Licht in die Räume fallen. Nun, in der Nacht, war es hier beinahe stockdunkel. Akira konnte schemenhaft ein paar Möbel ausmachen.
„Alter geht vor Schönheit,“ bot Akira an. Allerdings ohne besonders frech zu klingen.
„Wer von uns ist laut Pass älter?“ fragte Kei und trat trotzdem ein.
Drinnen standen einige alte Möbel. Sogar ein Sofa. Das war nicht einmal wirklich klein – im Gegenteil. Die Fenster waren dicht und es schien seit Langem niemand hier gewesen zu sein. Nicht einmal Flaschen lagen herum. Akira folgte ihm und ging an ihm vorbei, als sich seine Augen etwas an diese staubverschleierte Dunkelheit gewöhnt hatten.
„Ach, werden wir jetzt offiziell, ja?“ Er sah sich um und fand, dass das Haus einmal ziemlich hübsch gewesen sein musste. Es war überhaupt nicht ärmlich eingerichtet gewesen, als die Einrichtung noch vollständig und intakt gewesen war. Es gab sogar einen großen Kamin im geräumigen Wohnzimmer, das dieser Raum mit dem Sofa einmal gewesen sein musste. Ein paar Schritte vor dem schwarzen Kamin stellte Akira unter kleinen Staubwolken seinen Rucksack auf den nackten Bodendielen ab. Kei stellte seinen daneben und setzte sich dann auf das alte Sofa. Seine Augen hatten kein Problem mit den Lichtverhältnissen in dem alten Haus.
„Ich wollte nur wissen, ob du jetzt älter bist als ich.“ Akiras US-Amerikanischer Pass wies ‚Angel Everett Wallace‘ als neunzehn aus. Immerhin war der Pass echt, wenn auch gestohlen. Keis vollständig gefälschter Pass für ‚Kaito Kageyama‘ log ihn nur ein paar Monate älter und ließ ihn seine wahren achtzehn Jahre alt sein. Bei dem Gedanken schmunzelte der Vampir ein wenig.
Akira zog sich den Pullover aus und ließ ihn auf den Boden fallen. Das hatte für ihn keinen sexuellen Hintergrund. Er war einfach froh, dieses Ding, dass er jetzt tagelang am Stück auf der Straße, im Gras und beim Schlachten getragen hatte, endlich loszuwerden. Er streckte sich und kratzte sich irgendwo am Rücken.
„Bin ich. Um ungefähr ein Jahr. Wird kein Schwanz glauben, dass ich neunzehn sein soll, aber was solls.“ Er zuckte mit den Schultern. Das Foto auf dem Pass dieses unbekannten Amerikaners, den Akayas Yakuzakollegen ihm ausgehändigt hatten, zeigte das Gesicht eines Jungen mit verblüffender Ähnlichkeit mit Akira. Mit Colin. Colin Hammerer digitiert zu Akira digitiert zu Angel Everett Wallace. Was für ein Witz.
„Ich glaub's auch nicht,“ sagte Kei dazu und zog seine Jacke aus, um sie als Kissen zu nutzen. In der Dunkelheit beobachtete er Akira. Der ging gemächlich zum Sofa und wischte mit einer Hand über das Sitzpolster. Seine Handfläche war nun etwas grauer. Hoffentlich ohne eine Miene zu verziehen, hockte er sich vor seinen Rucksack und knotete seine Konstruktion aus Riemen und Schlaufen auseinander, um die dünne, weite Flugzeugdecke herauszuziehen, die er speziell für ihren Roadtrip besorgt hatte. Dass Keis Blick ihm aufmerksam folgte, versuchte er zu ignorieren. Gleichzeitig hoffte er aber auch, dass sein nackter Oberkörper den Vampir auf nette Ideen bringen würde.
Kei befand die Flugzeugdecke als erste nette Idee.
„Du kannst die Decke aufs Sofa legen, dann sterben wir nicht an Staubvergiftung,“ schlug er vor, während er seinen Freund aufmerksam beobachtete. Es war praktisch, auch im Dunkeln jede noch so kleine Bewegung sehen zu können. Und eine kleine Bewegung war nun zu sehen, nämlich im Zucken von Akiras Mundwinkeln.
„Das müsste schon extrem mörderischer Staub sein, der uns noch umbringen kann.“ Er stand auf und breitete die Decke dort auf dem Sofa aus, wo Kei sich nicht schon ausgebreitet hatte. „Gibt es Staubvergiftung überhaupt?“ Ihm kam noch ein dringlicherer Gedanke. „Wie ist es seitdem für dich? Fühlst du dich anders?“ fragte er ernst. Er blieb stehen, direkt neben Kei, sodass ihre Knie sich beinahe berührten. Kei stand kurz auf um die Decke unter sich und seiner Jacke auszubreiten.
„Es ist anders, ja. Ich fühle mich meistens tot. Keine Schmerzen, keine Kälte, Hitze... Alles weg,“ erklärte der Vampir leise. Nur, wenn Akira in seiner Nähe war und er am Leben spürte er all das. Das einzige, was er immer wahrnahm, war das dumpfe Verlangen nach Blut, egal ob tot oder lebendig.
Nun war Akiras Atem hörbar. Er sah Kei sehr ernst an und verschränkte langsam die Arme.
Das ist es, dachte er, genauso. Er selbst hätte mehr schicke Worte benutzt um dasselbe auszudrücken, aber wenn man zwischen Keisuke Sakais inhaltsangabenartig servierten Stichworten lesen konnte, verstand man, was alles für Bedeutungen hinter ihnen stecken konnten.
„Es ist vielleicht falsch, aber genau jetzt bin ich froh, dass du auch fast-gestorben bist,“ flüsterte er. Er klang ein bisschen überwältigt. „Warum?“ fragte Kei beinahe genauso leise. Das war sicher unnötig, weil niemand da war, der sie hören konnte, aber es war mitten in der Nacht und da flüsterte man nunmal.
Weil wir jetzt etwas gemeinsam haben. Jetzt gibt es eine Verbundenheit zwischen uns. Jetzt haben wir etwas, das – Sowas konnte er doch nicht aussprechen. Ach scheiß drauf. Das Bisschen Sentimentalität würde den Wahnsinnigen schon nicht umbringen. Pun intended.
„Weil ich mich dir damit verbunden fühle. Wir sind immer so fremdartig gewesen... Ich verstehe dich und du verstehst mich jetzt auch... besser,“ murmelte Akira. Dass er dabei rot wurde, spürte er zwar, doch er hoffte, dass Kei das in dieser Finsternis nicht sehen konnte.
Unangemessenerweise, aber merkwürdig passend begann nun die Kelly Family in seinem Kopf Musik zu machen. Fell in love with an alien, fell in love with her eyes, I'm in love with an alien, I'm tellin' you no disguise.
Umbringen tat sie Kei nicht, nein, aber er wusste deshalb noch lange nicht, wie man damit umgehen sollte. Was erwiderte man darauf? Er vermutete, dass sie einander nie ganz verstehen würden. Das würde wahrscheinlich nie der Fall sein. Dafür müsste man reden und das war etwas, das Kei nur sehr, sehr ungern tat. Der Vampir murmelte eine leise, unverständliche Zustimmung und zog sich das dreckige Tanktop über den Kopf.
Träumst du anders seit du tot bist? Haben sich deine Gefühle verändert? Erinnerst du dich an alles? Akira brachte es nun nicht mehr fertig, diese ihm wirklich unter den Nägeln brennenden Fragen zu stellen, denn er hatte keine besondere Lust, halbherzige Antworten darauf zu hören, von einem Kei, der sich nun halb auszog. Es gab drängendere Sachen zu erledigen, erinnerte ihn sein sehr zielstrebiger Blutfluss. Er kaute auf seiner Lippe herum. Kei saß gemütlich auf dem Sofa herum – er lag halbwegs auf seiner Jacke und hatte das dreckige Shirt zu den Taschen geworfen. Er nahm Akira bei einer Hand und zog ihn zu sich aufs Sofa. Mit seinen Knien aus Pudding und Limonade blieb Akira auch nichts anderes übrig, als sich zu ihm auf das Polster zu knien. Wenigstens schaffte er es, den Atem, den er vor lauter Kribbeligkeit ausstieß, nicht zu einem ausgewachsenen Seufzer werden zu lassen.
I'm acting like such a fanboy.
„I'm your number one fan,“ raunte er plötzlich, obwohl er das nur hatte denken wollen. Ganz selbstironisch. Gut gemacht. Gar nicht merkwürdig oder peinlich.
Kei grinste süffisant und ein bisschen versaut, was Akira aber kaum sehen konnte. „I know.“ Bevor sein Freund noch irgendetwas erwidern konnte, küsste er ihn.
Etwas beschämt erwiderte Akira den Kuss, der von Kei nicht allzu lange aufrecht erhalten aber dazu ausgenutzt wurde, ihm die Hose auszuziehen. Akira stockte der Atem und er begann plötzlich, sich für alle möglichen Dinge zu schämen, die er sich bisher und mittlerweile ganz verwegen einfach geleistet hatte. Dass er vor Kei gekniet und seine Beine umschlungen hatte, nachdem der ihn niedergeschlagen hatte, dass er freiwillig ohne jede Bedenken einem alten Mann den Schwanz gelutscht hatte, um dafür ein altes Motorrad zu bekommen, dass er überhaupt mit den Männern in die Schwulenbar in Shinjuku mitgegangen war und was er danach dort mitgemacht hatte, die Umstände und Zustände, in denen Kei ihn immer wieder erlebte... trotzdem war er längst hart und reagierte auf jede Berührung wie auf eine statische Entladung. Er selbst hielt gerade nur die Sofalehne fest, auf die er sich stützte. Mit einer winzigen Bewegung hätte er sein Gesicht in Keis Schopf vergraben können, aber das traute er sich nicht.
Dem Vampir blieb nicht ganz verborgen, dass sein Freund alles war, aber nicht ganz bei dem, wo er ihn gern hätte.
„Was ist los?“ erkundigte er sich ruhig, hielt ihn aber da fest, wo er war.
„Was?“ Akira klang, als würde er gerade vom Träumen im Klassenzimmer aufschrecken. Nur ein bisschen atemloser.
„Du bist irgendwo anders mit den Gedanken... wo?“ Draußen war eine Verfolgung zu hören. Schüsse, Blaulichtsirenen.
Aus dem Augenwinkel sah Akira die starke Wölbung seiner Unterhose über den geöffneten Reißverschluss seiner Jeans schauen. Das machte es ihm nicht leicht, überhaupt etwas zu sagen, geschweige denn zu gestehen, für was er sich in diesem Moment gesammelt schämte. Er sah Kei an und schien wieder gedanklich abzuschweifen, denn sein Blick wurde glasig. In der langen Parade all der Momente, die er bedauerte, die ihm immer noch ohne sein Zutun durch den Kopf zog, war er nun endlich an dem Abend angekommen, an dem er, meinte er, bestimmt wahnsinnig geworden war. Heiligabend.
Er kniff die Lippen zusammen und bewegte den Kiefer, während seine Augen rot und nass wurden. Während es draußen weiter ballerte und sich auch noch Rufe und Schreie unter die Geräusche mischten, nahm Kei Akira in den Arm – hauptsächlich, weil er nicht damit umzugehen wusste. Er selbst schaute an die Decke und wartete einfach.
Schaudernd atmete Akira durch, dann wischte er sich die ersten Tränen ab. Die Umarmung war schön, aber kaum tröstend. Er wartete ein paar Sekunden, bevor er das Kinn von Keis Schulter hob und sich aufrichtete. Er machte Anstalten, aufzustehen.
Der Vampir ließ ihn nicht wirklich los, aber er lockerte seine Umarmung und sah ihn ruhig an. Akira wich seinem Blick aus und versuchte, seine Arme hinunterzuschieben, damit er aufstehen konnte. Kei ließ ihn aufstehen.
Kaum auf den Beinen, schloss Akira seine Hose wieder, wischte sich im Umdrehen noch einmal über eine Wange und ging zu dem verrottenden Türrahmen zum Flur, durch den sie gekommen waren. Kei ging ihm langsam nach, blieb aber einen guten Meter hinter ihm stehen und beobachtete ihn indirekt. Er wartete noch immer.
Akira versuchte zu ignorieren, dass Kei ihm nachging. Er wollte ihn zurückschicken, traute aber seiner Stimme nicht, diesen Wunsch deutlich genug zu äußern, ohne noch mehr preiszugeben, das Kei nur auf die Nerven gehen würde. Er hatte sich schon lange gefragt, warum er so wenig zu trauern schien. Seit er sich im Schlaf erinnert hatte, hatte er nicht mehr um seine Familie geweint. Jetzt kamen ihm die Tränen und die Schuldgefühle und er wollte sie nicht unterdrücken, nur um Kei nicht lästig zu werden. Er weinte geräuschlos weiter und ging finster dreinblickend zur Hintertür zurück.
Kei ging ihm in einigem Abstand nach, hatte aber den Blick auf den Boden gerichtet. Seine Gedanken waren an vielen Orten zur selben Zeit. Bei allem, was bisher passiert war und bei vielem von dem Akira nichts wusste und am besten auch nichts wissen sollte.
Irgendwann muss ich ihm alles erzählen... Das verwarf der junge Vampir allerdings gleich wieder. Trotz der Tatsache, dass er seine eigenen Leichen im Keller behalten wollte, wollte er die von Akira ausgraben.
Dem wurde dabei noch etwas unwohler, dass Kei ihm weiter folgte. Er konnte sich auch nicht vorstellen, warum. Der Vampir ging gewöhnlich den einfachsten und direktesten Weg zu allem, das er erreichen wollte und interessierte sich nur sehr bedingt für die Befürfnisse anderer, selbst wenn ein solcher Anderer Akira war.
Keis Nähe heizte wie ein gegensätzlicher Pol seinen Körper an und das konnte er nun nicht gebrauchen. Er hatte den starken Eindruck gewonnen, dass er ohne sie nicht nur nicht lebte, sondern quasi nicht einmal richtig existierte. Dann war er nicht nur kühl und still sondern dachte auch kaum noch. Wenn sie sich körperlich näherkamen, kamen Akiras Stimmungen und impulsiven Emotionen zurück, und zwar mit wehenden Fahnen und einem erdrückenden Bewusstsein für seine Versäumnisse.
Wie er sich am Ausweiden des freundlichen Peruaners geweidet hatte. Wie er die meiste Zeit an seine Eltern dachte, nämlich ohne besonders erschüttert zu sein.
Er trat auf die Terrasse hinter dem Haus, vor der sie die Räder abgestellt hatten, und ließ die klapprige Tür hinter sich zufallen. Beim Hinuntergehen in das trockene, hohe Gras horchte er darauf, ob sie sich wieder öffnen würde.

Kei blieb hinter der Tür stehen und spürte langsam seinen Körper abkühlen, während er lauschte. Ohne sich zu bewegen oder sonst etwas zu machen stand er einfach nur so da. Er hob den Blick auf die Tür.
Glaub ja nicht, dass ich dir nachlaufe, wenn du gehst...
Kei konnte sich nicht erklären, wo dieser Gedanke herkam, aber er war da.

Ein wenig erleichterter stellte Akira fest, dass Kei die stumme, langsame Vefolgung anscheinend aufgegeben hatte und erlaubte es sich endlich, noch einmal durchzuatmen, diesmal ohne sein Schluchzen zu unterdrücken, das endlich richtig herauswollte. Er ging noch ein paar Schritte weiter, bis er durch die Dunkelheit dieser kaum beleuchteten Nachbarschaft und seine Tränen so gut wie nichts mehr sehen konnte, und sich an Ort und Stelle hinkniete. Die Gräser ragten ihm nun zum Teil über den Kopf. Nicht, dass er das bewusst wahrnahm. Er sah nur wieder seine Mutter und die Hunde und Hiroki an Heiligabend im Wohnzimmer liegen. Er nahm auch die Polizeigeräusche, die Rufe und all das, was da aus einer Nachbarstraße herüberschwoll, nicht wahr. Vielleicht auch deswegen, weil er sich die Hände über die Ohren legte und einen kurzen, frustrierten Vezweiflungsschrei ausstieß, bevor er sich vorbeugte und die Stirn auf den staubigen, harten Untergrund legte. Dort schrie er noch einmal.

Kei hörte ihm zu.
Von dort, wo er stand, und lehnte sich nach ein paar Minuten an die dreckige Wand neben sich, wobei er sich den Arm an einem Stück rostigem Stahlträger aufriss. Er spürte es nicht, hörte aber das Geräusch, das verriet, dass seine Haut gerissen war und spürte Blut an seinem Arm herunterlaufen. Ganz langsam. Draußen war noch immer die Polizeischlacht im Gange.

Und es wurde ein wenig windiger. Das Rascheln um ihn herum ließ Akira verstummen, soweit sein zuckendes Zwerchfell das zuließ, und er wippte nur ein kleines bisschen vor und zurück. Seine Augen brannten und sein Puls pochte langsam und unregelmäßig, aber stark durch seinen Körper. Es war beides unangenehm, wie das verkrampfte Übelkeitsgefühl, das nicht in Akiras Magengegend, sondern in seiner Brust saß. Daran hielt er sich fest, weil es seine Erinnerung und das, was er für seine Menschlichkeit hielt, in seinem Bewusstsein verankerte, ohne dass er sich berauscht und verzweifelt vor Geilheit an Kei klammern musste.

Kei ging zum Sofa zurück und legte sich darauf. Er rollte sich zusammen und benutzte seine Jacke als Decke. Er fror nicht, aber das fühlte sich trotzdem gut an. Ich bin tot... Was soll der Scheiß mit den Erinnerungen?

Ungefähr analog zu der sich allmählich beruhigenden Situation auf der Straße ließ auch Akiras Aufgewühltheit nach. Dumpf kam ihm der Gedanke, dass er nichts beschlossen, geklärt oder verarbeitet hatte, und einfach nur gleichgültiger wurde, während seine Körperfunktionen wieder nach und nach einschliefen. Sein Herz machte am längsten weiter und ließ ihn noch still weiter weinen.
Schließlich wischte er sich die Nässe aus dem Gesicht, so wie es mit den nackten Handrücken und Unterarmen möglich war, und ging langsam in das Haus zurück.
Dort lag Kei geistesabwesend unter seiner Jacke und hing toten Erinnerungen nach, die irgendwann mal schlimm gewesen waren.
Akira blieb kurz in der Tür stehen und betrachtete die schwarze Form im dunkelgrauen Raum für ganze fünf Sekunden. Seine Augen waren vor Anstrengung etwas zusammengekniffen, aber davon abgesehen war sein Gesicht nicht besonders emotionsgeladen. Er ging leise zu den Rucksäcken und zog das Gras aus der Bauchtasche seines Pullovers.
Kei beachtete den Kleineren kaum. Er nahm lediglich wahr, dass er wieder da war. Seine Augen waren geschlossen und in seinem Kopf lief ein alter Film...
Mit seinem aus Blättchen, Marijuanatüte und Feuerzeug bestehenden Bausatz setzte Akira sich vor das Sofa und lehnte sich mit dem Rücken daran. Er hatte im Drehen keine Erfahrung und wusste auch nicht, dass ein Filter eine kluge Idee wäre. Er kam noch nicht einmal dazu, es überhaupt richtig zu versuchen, denn er konnte kaum etwas sehen. Also stellte er sein Rascheln und Knistern ein, um zu Kei zu schauen und sein Gesicht zu mustern. Er schien zu schlafen.
Das versetzte Akira einen dumpfen Schlag irgendwo in der Brust. Es überraschte ihn nicht, dass Kei sich gelassen schlafen legen konnte, nachdem er Akiras Zustand miterlebt hatte. Aber scheinbar hatte er noch irgendeine alberne, romantische Hoffnung gehegt.
Er warf seine nutzlosen Drogenspielsachen neben seine Füße und betrachte weiter Keis Gesicht. Oder zumindest das, was er davon erkennen konnte. Das war nicht viel. Der Vampir sah etwas mehr gestorben aus als schlafend, aber immerhin war er tot. Sein Gesicht war absolut frei von jeglichem Ausdruck. Mit einer kleinen Bewegung zog er seine Jacke ein Stückchen höher, sodass sein Gesicht kaum noch zu sehen war.
Wieder schossen Akira Tränen in die Augen, vor Beleidigung brennende diesmal. Fine. Be like that! Fucker.
Er stand auf, mit voller Absicht schön geräuschvoll, versetzte dem Sofa dabei noch einen dezenten Tritt mit der Sohle, und kramte Keis Zigaretten aus dessen Rucksack.
Kei ignorierte das einfach. Auch dass Akira seine Zigaretten nahm, war ihm egal. Zum ersten Mal fühlte er sich richtig tot.
Noch auf dem Weg aus dem Raum zündete Akira sich die erste Zigarette an. Die Packung steckte er daraufhin in eine Hosentasche, ehe er sich daran machte, das Haus zu erkunden.
Kei drehte sich irgendwann um und starrte an die Decke.

Die Fenster, die nach vorn zur Straße hinausblickten, waren allesamt mit Brettern vernagelt. Nur nach hinten hinaus fand Akira in der zweiten, der obersten Etage unter dem Dachboden, freie Fenster. Die waren allerdings auch schon vor Ewigkeiten eingeschmissen worden. Die Treppe zum Dachboden war schmal, steil und ziemlich morsch, hielt sein Gewicht aber aus. Beim Austreten der Zigarettenstummel achtete er darauf, dass er nichts in Brand steckte, obwohl er die platten Stummel ohne weitere Bedenken liegenließ. Bei der dritten Zigarette hatte er die Dienstbotenkammern unter dem Dach grob durchstöbert und dabei Überreste von Tieren gefunden. Und lebende Tiere. Er fand eine Dachluke, die sich noch öffnen ließ und kletterte mit Hilfe einer halben Holzkiste hindurch auf das Dach. Es war kein Spitzdach, sondern nur zu einer Seite hin abschüssig. Er kletterte um die Löcher und offensichtlich losen Ziegel herum zur höchsten Kante des Daches. Dort krabbelte er zum Kamin und setzte sich.

Kei machte weiter damit, an die Decke zu starren und spielte mit seiner Münze herum.

Oben auf dem Dach rauchte Akira mit den Ellenbogen auf die Knie gestützt noch ein bisschen weiter und betrachtete den Himmel. Hier konnte man trotz all der Schwerindustrie mehr Sterne sehen als jemals in Tokyo.
Akiras Stimmung besserte sich nur marginal, beruhigte sich aber deutlich, während er friedlich nach oben blinzelte. Nach einer Weile schloss er die Augen.
Kei ging nach draußen und setzte sich vor die Tür, welche er offen ließ, und zündete sich eine Zigarette an. Er hatte noch ein volles Päckchen in der Hosentasche gehabt.
Nach wenigen Minuten löste sich ein zerbrochener Dachziegel und rutschte mit einem schabenden Geräusch auf der Straßenseite hinunter, bis er mit einem dumpfen Klirren auf dem festgetreten Staubboden vor dem Haus zerbrach.
Akira stand unsicher auf dem First, knappe zwei Meter vom Ende entfernt, und zog langsam und ruckelig seine viel zu glatten Gummisohlen über die runden Ziegel. Sein Blick war starr geradeaus gerichtet.
Der Vampir horchte auf und sah nach oben, nachdem er das Klirren des Ziegel gehört hatte. Er blieb jedoch wo er war.
Da bist du...
Langsam aber sicher pirschte sich Akira, der vor Anspannung zu zittern schien und dessen Augen ernst starrten, zur Kante des Daches vor. Dort blieb er mit einem kleinen Ruck stehen. Einer seiner Füße rutschte weiter vor und zuckte dann wieder zurück, er wankte, zuckte wieder vorwärts, rückwärts... das ging noch ein paarmal so.
Kei schaute nach oben, während er an seiner Zigarette zog und wartete, was passieren würde. Beinahe rutschte Akira aus, während er scheinbar versuchte, die Balance zu halten - oder vielmehr, er rutschte aus, fing sich wieder, wonach sich seine Muskeln sichtbar entspannten. Aber nur für zwei oder drei Sekunden, denn dann sprang er plötzlich vom Dach und fiel mit angespannten, ausgebreiteten Armen die vier Stockwerke hinunter auf einen in Beton gegossenen Stahlzaun zu.
Kei sah aus dem Augenwinkel seinen Freund vom Dach fallen, oder springen? Blitzschnell stand er unter dem Zaun und fing ihn kurz vor dem Zaun auf.
„Was machst du?!“ rief er und schaute Akira verständnislos an.
Akira starrte ihn erschrocken an und schlang zitternd die Arme um Keis Nacken. Sein Herz raste.
„Das war ich nicht!“ flüsterte er.
„Wer war's denn dann? Du warst alleine da oben,“ erwiderte der Vampir.
Akira sah ihn ungläubig an. Glaubst du, ich verarsche dich?!
„Ich war das nicht!“ Er flüsterte immer noch, mit einer Ahnung von einem furchterfüllten Quietschen dahinter. Wenn Kei obenrum irgendetwas angehabt hätte, hätte Akira ihn dafür am Kragen gepackt. Und wenn er sich nicht gerade mit den Armen an ihm festhielte.
„Dein Körper springt von allein vom Dach?! Unwahrscheinlich.“
Kei fiel ein, dass Akira sich am See bei der Plantage ähnlich benommen hatte und es auch dafür keine Erklärung gab. Irgendetwas war da.
Akira wollte Kei nicht loslassen, er traute sich nicht. Aber er konnte es auch nicht ertragen, ihn weiter festzuhalten. Wieso fing er ihn auf und beschuldigte ihn daraufhin sofort? Arschloch.
Akira weinte wieder, aber diesmal aus Wut und Enttäuschung darüber, dass Kei ihm nicht glaubte. Er ignorierte die Tränen aber und er hielt Kei auch weiterhin fest.
„ICH WOLLTE NICHT SPRINGEN!“
Das glaubte Kei ihm sogar, sonst würde der Junge sich nicht so anstellen. Er schaute ihn ruhig aber ernst an. „Irgendwas stimmt mit dir nicht. Das ist das zweite Mal, dass du sowas machst.“
„Ich mache das nicht, ich versuche, es zu verhindern!“
„Sehr erfolgreich bist du dabei nicht,“ merkte Kei an.
Akira biss die Zähne zusammen und ließ Kei los, um ihm eine Ohrfeige zu geben. Glaub mir, du Wichser!
Kei hielt seine Hand fest und schaute ihn an, direkt in die Augen. „Was ist das mit dem Zombieding, das dich suizidal werden lässt?“
Akira sah ihn wieder wild und ungläubig an. Werden? Das war ich doch schon immer!
„Hast du vergessen, wie ich gestorben bin?“
„Nein, aber das war Absicht. Das hier nicht. Deine Worte.“
Akira musste Luft holen.
„Ich will jetzt nicht mehr sterben,“ gab er in vernünftiger Lautstärke zu. „Jetzt habe ich keinen Grund mehr dazu. Ich habe nur noch Gründe, um weiterzu- ... leben.“ Er erwiderte Keis Blick standhaft. Seine Hand, die von Keis festgehalten wurde, entspannte sich.
„Das ist gut.“ Sagte Kei leise. Das bestätigte seine Vermutung, dass da irgendwas nicht stimmen konnte.
„Ja,“ stimmte Akira zu. „Und leben kann ich nur mit dir.“ Das hätte er nicht sagen müssen, aber irgendwie war ihm das überhaupt nicht peinlich, obwohl er Kei immer noch direkt ansah. Wenigstens weinte er nicht mehr.
Kei erwiderte den Blick. Er wusste nichts zu sagen, aber das war egal bis gut so, denn sonst hätte er irgendwas dummes gesagt oder etwas, das er nicht sagen wollte.
„Ich kann nicht mehr denken. Wenn du weg bist, schaltet sich mein Gehirn einfach ab, und wenn du da bist... kann ich auch nicht denken,“ schloss Akira lahm.
„Dafür denkst du ganz schön viel.“
„Und du zu wenig!“ warf Akira automatisch zurück.
„Fresse!“
Akira sah ihn an, als habe er ihn gerade geohrfeigt. Irgendwie finde ich, du solltest in so einem Moment netter zu mir sein.
„Arschloch!“
„Erzähl mir was neues,“ sagte Kei schmunzelnd.
„Was neues...“ Akira hatte den trotzigen Einfall, Kei beim Wort zu nehmen und ihn mit irgendeiner Aussage zu verblüffen. Nach wenigen Sekunden scharfen Nachdenkens beschloss er, nicht etwas zu sagen, das Kei noch nicht wusste - da gab es nicht viel, das ihn überraschen würde - sondern einfach etwas deutlich auszusprechen, das er nie gesagt hatte und unter normaleren Umständen auch nie sagen würde.
„Es - Dass du so ein sadistisches Arschloch bist, macht mi-“ Nein, vergiss es. Sowas konnte man nicht aussprechen. Und das nur für ein patziges Comeback. Akira schüttelte den Kopf und zog seine Hand zurück, die Kei noch immer am Handgelenk hielt. Kei ließ ihn aber nicht los, sondern hielt Akiras Handgelenk noch etwas stärker fest.
„Ich weiß.“ Das war nichts neues. Das wusste er schon seit dem Konzert auf dem sie sich zufällig begegnet waren. Er hatte den Kleineren noch nicht auf dem Boden abgesetzt. Mit einem Arm hielt er seinen Freund so, wie er ihn aufgefangen hatte.
Akira wurde rot. Fick dich, fuhr ihm durch den Kopf. Er musste die Lippen zusammenkneifen, um das nicht laut auszusprechen. Kei würde daraus machen, was er wollte, und er würde es genauso verstehen, wie Akira es eigentlich meinte. Er kniff die Augen zusammen. Manchmal taten ihm seine eigenen verqueren Gedanken vor Lächerlichkeit fast weh. Und Kei starrte ihn an.
Ich werfe mich dir jetzt nicht an den Hals.
Dass er ihm zufällig schon am Hals hing, fiel ihm dabei nicht auf.
Keis Grinsen wurde angesichts der Tatsache, dass Akira rot wurde etwas sichtbarer. Sein Blick lag auch noch immer auf seinem Freund.
Der provoziert mich nur. So leicht kann ich nicht zu durchschauen sein. Mutig entschlossen traf er Keis Blick wieder.
„Gut, du bist dran. ‚Erzähl mir was neues.‘“
Kei dachte nach. All das, was Akira von ihm nicht wusste, sollte ungewusst bleiben. Das wäre besser so. „Etwas neues, ja?“
Akira nickte langsam. „And it better be something relevant,“ warnte er finster, wobei er das Wort ‚relevant‘ so langsam und deutlich aussprach, dass Kei es verstehen musste.
Kei dachte nach. Was kann ich ihm erzählen? Es kam wirklich nicht viel infrage, das tatsächlich relevant und gleichzeitig erzählbar war. Er wollte nicht. Da gab es zu viel. Vergangenheit sollte besser tot bleiben... „...What do you want to know?“ fragte er stattdessen ruhig.
Als er sah, dass Kei offenbar tatsächlich ernsthaft darüber nachgedacht hatte und nun scheinbar bereit war, offen! mit ihm zu reden! lächelte Akira ein bisschen.
„Lass mich runter,“ bat er ruhig.
Kei setzte Akira ab und sah ihn an.
„Danke fürs Auffangen.“ Akira blieb so dicht bei Kei an diesem alten Eisenzaun stehen, wie er ihn hingestellt hatte. Er wischte sich kurz mit den Händen über das Gesicht und sah seinen Vampir dann wieder an, nicht mehr verzweifelt aber etwas erschöpft, und lächelte leise.
„Ich kann dich nicht einfach so sterben lassen. Wenn dann richtig,“ erwiderte der Vampir und lächelte fast unmerklich. Er stand an den Zaun gelehnt und zündete sich eine Zigarette an. Den Rauch blies er nach oben.
„Wenn, dann durch deine Hand, meinst du.“ Akira winkelte ein Bein an und legte das Knie auf die niedrige Betonmauer am Fuß des Zauns.
„Ja.“ Niemand außer ihm selbst durfte ihm Akira wegnehmen.
Akira gab dem plötzlichen Drang nach, seinen Kopf an Kei zu lehnen. Seine Schultern waren dafür ein bisschen zu hoch, aber er war über der Gürtellinie nackt, also war es Akira gleich, ob sein Gesicht für ein paar Sekunden auf dessen Arm oder Brust lag - das genehmigte er sich auch wirklich nur ein paar Sekunden lang.
Kei schaute zwischen Akira und seiner Umwelt hin und her, bis er mit dem Blick an der Kante des Daches von dem sein Freund sich hinuntergestürzt hatte - wenn auch unabsichtlich, hängenblieb. Fast unmerklich strich Keis Hand, die einfach seitlich herunterhing, über Akiras Arm, bevor er sie in die Hosentasche steckte.
„Es gibt nichts neues, das ich dir gern erzählen würde,“ beantwortete er die Frage, die Akira ihm zuvor gestellt hatte.
„Warum nicht,“ fragte Akira leise. Er drehte sich etwas, sodass er dicht neben Kei stand, und setzte sich auf die Mauer.
„Aus Gründen, aus denen man nicht gern über Vergangenes spricht...“ begann Kei leise, führte das aber nicht weiter aus.
Akira musterte ihn von unten.
„Musst du auch nicht. Aber wenn du mal das unerwartete Bedürfnis haben solltest...“ Er kratzte sich verlegen am Hinterkopf. „Manche Leute haben nicht gern Geheimnisse vor denen, die sie...“ Er räusperte sich und schob sich die Hände in die Hosentaschen.
Das war wohl ein Bedürfnis, das Kei niemals verspüren würde, aber man wusste bekanntlich nie. Der Vampir am wenigsten. Trotzdem blieben manche Geheimnisse und manche Ereignisse besser unerwähnt. Auch wenn sie wichtig zu wissen wären, um ihn zu verstehen.
Er nickte leicht. Er mochte seine Geheimnisse nicht.
„Stört es dich übrigens, dass ich mitteilungsfreudiger bin als du?“ Akira brachte es fertig, dieses ehrliche Anliegen in einen leichtherzigen Ton zu verpacken.
„Nein. Das heißt immerhin nicht, dass ich's auch sein muss,“ entgegnete Kei ruhig. Den Blick vom Dach auf Akira gerichtet.
„Richtig...“ Akira hatte zu ihm hinaufgesehen und fand sich nun nicht mutig genug, diesem ernsten, leuchtend blauen Blick zu begegnen, und sah unwillkürlich auf die fleckigen und mittlerweile fransigen Knie seiner Jeans. „Diese Blödheiten... ich mache diese merkwürdigen Sachen nicht mit Absicht. Ich will sie nicht machen. Weißt du das?“
Vielleicht konnte Kei ja ein bisschen hellsehen und damit erraten, dass Akira damit alles von seinen unfreiwilligen Selbstmordversuchen über das Schwanzlutschen bis hin zu seinen Gefühlsausbrüchen meinte.
„Ich gehe einfach mal davon aus, dass du das sonst nicht als Dummheiten betiteln würdest,“ mutmaßte Kei. Er wusste, dass Akira diese Dinge nicht absichtlich tat. Jedenfalls nicht böswillig. Das glaubte er ihm auch.
Er nickte. Beging er seine eigenen Dummheiten doch auch nicht alle absichtlich.
Akira blickte auf die Zigarette. „Kannst du Tüten drehen?“
„Ja, wieso?“
Akira musste ein bisschen lachen. „Wieso? Weil wir Gras haben.“ Er stand auf.
Das hatte Kei beinahe verdrängt. Kaum zu glauben, aber wahr. „Haben wir Tabak und Blättchen?“