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Saturday, September 19, 2015

Kei + Colin XIV: Tiefpunkt



DIENSTAG
Am nächsten Morgen wurde Colin wieder von Hiroki abgesetzt. Es war kälter als gestern und regnete wieder.
Kei hatte die Kapuze ins Gesicht gezogen und kam gerade über den Schulhof gelaufen.
Colin nahm sich etwas mehr Zeit und beeilte sich nicht so sehr wie die meisten anderen schirmlosen Schüler, ins Gebäude zu kommen, und brauchte auch ziemlich lang dabei, seine Schuhe zu wechseln und langsam zum Klassenraum zu gehen. Er sah weniger gut gelaunt aus als gestern, nur genauso nachdenklich und entrückt, dafür so kühl wie am ersten Tag oder so niedergeschlagen wie vor ein paar Tagen. Er achtete auf nichts um ihn herum.
Kei machte, dass er ins Gebäude kam und zog sich dort die nasse Jacke aus unter der er nur ein Tanktop trug. Die Jacke hielt er am Kragen fest und hängte sie, kaum in der Klasse angekommen, über seinen Stuhl. Als er Colin auf dem Gang sah, nahm er zwar dessen offensichtlich miese Laune wahr, machte sich aber nichts daraus und setzte sich auf die Fensterbank.

Colins gedrückte Stimmung hielt mehr oder weniger bis zum Wochenende an. Er starrte in die Luft und sprach wenig, obwohl er die Pausen weiter mit Shingo und den anderen verbrachte.

SAMSTAG
Am Samstagnachmittag schließlich fuhr er mit derselben ernsten Stimmung mit seinem Geigenkasten durch die halbe Stadt zu einem größeren Park als dem in seiner Nachbarschaft. Es war sehr bedeckt und es war starker Regen angesagt worden, weswegen nun nicht viele Menschen hier unterwegs waren. Der Himmel war grau und es war etwas windig und kalt, aber bis jetzt hatte es noch nicht geregnet.
Colin ging gemächlich durch den fast menschenleeren Park, bis er einen Pavillion inmitten eines Teiches fand. Er überquerte die hölzerne Hängebrücke, während der Wind stärker wurde und es zu nieseln begann.
Unter dem Dach packte er langsam seine Violine aus. Er hielt zwischendurch inne, um die grauen Wolkenberge anzusehen und begutachtete sie weiter, während er in aller Ruhe die Geige stimmte und dann zu spielen begann.

Kei vertrieb sich die Woche mit Gitarre spielen und Freizeit in Nachtclubs zu verschwenden, wo er ein paar langeweilebedingte Trinkeskapaden feierte, die ihn nicht wirklich betrunken machten. Menschen abzuschleppen war aber viel einfacher, wenn die dachten, er wäre besoffen – schließlich war er erst siebzehn Jahre alt und viele Menschen wohl der Meinung, man müsse Minderjährige erst abfüllen, bevor man versucht, sie abzuschleppen. Dass sie den Versuch bei Kei nicht überleben würden, konnten sie ja nicht wissen.
Der Vampir spielte sehr viel auf seiner Gitarre, wenn er zuhause war. Am Samstagmittag ging er nach draußen um sich mit ein paar Freunden zu treffen. In irgendeinem Park am anderen Ende der Stadt.

Es wurde schnell zwielichtig und die dichten grauen Wolken schoben sich brummend ineinander, ohne sich ganz auszuschütten.
Colin beobachtete das von seinem kleinen überdachten Aussichtspunkt auf dem Teich aus mit melancholischer Genugtuung und fand, dass dieses Wetter sein Gemüt angemessen widerspiegelte. Möglicherweise. So genau wollte er darüber gar nicht nachdenken, und er versuchte, sich ganz aufs Spielen zu konzentrieren. Er improvisierte etwas und ließ seine Geige in schrägen Melodien langgezogen kreischen und weinen.
Den Kasten hatte er zugeklappt auf der Holzbank liegen, die auf der Innenseite des Geländers die Holzplattform säumte und seinen Schal hatte er um eine der Säulen geknotet, damit er nicht wegfliegen konnte.

Kei, inzwischen an dem Treffpunkt angekommen und nicht mehr allein, ging mit seinen Leuten ein Weilchen durch den Park, an dem sich auch ein Skateplatz befand und ließ sich auf eben jenem nieder.
Irgendwann hörte einer aus der kleinen Gruppe ein schräges Kreischgeräusch und entschloss sich nachsehen zu gehen.
Der Vampir hatte es schon längst gehört, aber nichts gesagt, stumm zugehört. Mehr nicht.

Da Colin auf dem Weg hierhin niemandem begegnet war, nahm er an, der Park sei so gut wie verlassen und fühlte sich völlig unbeobachtet.
Er spielte, als wollte er sein Instrument zersägen, und zwischendurch streute er bekannte Melodien aus klassischen Stücken ein, durch die er hetzte als habe er nur fünf Minuten Zeit um durch eine ganze Symphonie zu jagen. Er spielte auf mehreren Saiten gleichzeitig, damit es dreckiger und wütender klang und war beinahe so laut wie in einem Amphitheater.
Zwischendurch trat er einmal heftig gegen die Säule in der Mitte des Pavillions.
Kei und die anderen - sein Kollege war inzwischen zurückgekehrt - hörten dem noch nicht erratenen eine ganze Weile zu. Das klingt mir nach Colin... dachte er und befand, dass es ziemlich gut zu der Stimmung passte, die der Schotte in den letzten Tagen gezeigt hatte. Durchgehend. Er hatte keine Ahnung, was mit ihm los sein mochte, es ging ihn auch nichts an. In der Schule waren mehrere Ideen zu den Ursprüngen seiner Laune in Umlauf - eindeutig von den ganzen Weibern, die den Kleinen irgendwie toll zu finden schienen.

Er wurde allmählich langsamer und die Noten sauberer, dann leiser, bis er sich hinsetzte und aufhörte. Er legte sich auf den Boden und die Geige und den Bogen neben sich.

Kei fand es fast schon schade, dass das Spiel aufgehört hatte, mochte er es doch sehr gern anhören. Er lief mit den anderen auf dem Skateplatz herum. Sprang von Rampe zu Rampe und lauschte gelegentlich, ob die Musik nicht doch wieder anfangen würde.
Das tat sie nach ein paar Minuten.

Diesmal spielte Colin erst zart und traurig aber laut, und wurde allmählich wieder schnell und hart. Das brach dann aber abrupt ab, als eine Saite mit einem blechernen Zupfen auseinanderriss.
Colin fluchte leise und wischte sich über die Stelle auf seinem linken Wangenknochen, wo der Draht einen kleinen Kratzer hinterlassen hatte.

Wieder der Musik lauschend und irgendwo hoch oben an einem Flutlicht sitzend schaute Kei sich um und fand schließlich, wo die Musik in etwa herkommen musste. Hingehen tat er nicht. Nur zuhören. Zwischendurch mischte er sich in das am Boden zuhörende Gespräch seiner Freunde ein, die rätselten, wie Kei da oben hoch gekommen war. Immerhin war die Stange ziemlich nass.
Als die Musik endete sprang Kei wieder nach unten.

Colin wischte sich mit dem Ärmel über die Augen - vorsorglich - und drehte sich zur Bank um, wo sein Geigenkasten lag. Den öffnete er. Er legte die Geige und den Bogen steif hinein und starrte in den Deckel. Aus der kleinen Tasche im Futter fummelte er einen vergilbten Zettel, den er erstmal mit einer Mischung aus Hass und Enttäuschung anstarrte.

Während Kei sich den neugierigen Fragen seiner Begleiter stellen musste, wo er bitte gelernt hatte, aus vier Metern Höhe unversehrt auf dem Boden zu landen, war er gedanklich woanders.
Warum er mit seinen Gedanken zu Colin abschweifte, konnte er sich nicht erklären. Jemand anderes konnte auch nicht für die Musik verantwortlich sein. Schließlich hatte der Schotte wohl ein Faible für Regenwetter.
"Jungs, ich bin kurz weg. Ich komme gleich wieder, ich will wissen, wer da gerade Geige gespielt hat." Er schlenderte durch den Park in die Richtung, aus der die Musik gekommen war.
Sehr bald fand er Colin in beinahe völliger Dunkelheit.
An dem Dach, unter dem Colin stand, hing eine hübsche Laterne, die warmes gelbes Licht auf den Holzpavillon warf. Das war ein starker Kontrast zu den Flutlichtern auf dem Skatepark.
Er beobachete den Kleineren eine kurze Weile aus der Dunkelheit heraus.

Colin wandte sich dem Licht der Laterne mehr zu und faltete das vergilbte Papier auf. Als er es gerade mit nur einer Hand festhielt um seine Haare zurückzustreichen, die ihm über das Gesicht geweht wurden, wurde es ebenfalls vom Wind erfasst und flatterte über seine Schulter auf das Wasser.
Er drehte sich abrupt um und suchte hastig danach, sich die Haare für bessere Sicht aus dem Gesicht haltend, sah das Papier einige Meter entfernt auf dem Wasser landen und kletterte sofort über das Geländer. Er sprang ohne Zögern ins Wasser, das ihm bis zu den Oberschenkeln reichte, und watete eilig darauf zu.
Kei beobachtete ihn eine Weile und beäugte den unmöglichen Versuch an das Blatt zu kommen. Als er sah, wie der Kleinere ins Wasser sprang verkniff er sich das Lachen um den anderen nicht auf sich aufmerksam zu machen. Er wüsste gern, was auf dem Blatt stand, dass es ihm so wichtig war, es vor dem kompletten Durchweichen zu bewahren.
Kei spielte mit seiner Münze herum und sah ein bisschen gedankenversunken in Richtung Colin.
Endlich erreichte Colin das nasse Blatt, nahm es schnell aber vorsichtig hoch und starrte es prüfend an, bevor er zurückwatete, langsam. Dabei hielt er den Zettel mit einem Arm an seine Brust wie ein Buch oder ein Kuscheltier oder sowas.
Als er wieder am Pavillion ankam, steckte er es sich zum Festhalten in den Mund und kletterte erst auf die hölzerne Plattform und dann wieder über das Geländer. Darauf blieb er sitzen, nachdem er die Füße auf der Sitzfläche auf der Innenseite abgestellt hatte und nahm das Blatt wieder in die Hand um es weiter zu betrachten. Er wischte sich wieder mit dem Ärmel über die Augen.
Kei beobachtete ihn wie er dasaß und machte sich irgendwann wieder auf den Rückweg zu seinen Freunden. Denen berichtete er, dass er wisse, wer der Geiger war und dass es vor allem wirklich eine Geige gewesen war, woran die anderen noch gezweifelt hatten. Mehr behielt er allerdings für sich und schlug vor, irgendwo etwas zu essen zu besorgen und dann wieder zurückzukommen.

Kei und die anderen waren ein Weilchen unterwegs, ehe sie wieder in den Park kamen und sich unweit des Pavillions niederließen um die mitgebrachte Mahlzeit zu verzehren. Keis Blick wanderte ab und zu in Richtung des äußerst ansehnlichen Gebäudes.

Colin war noch da, aber zwischen den Stäben des Holzgeländers hindurch nur als Bündel zu erkennen, das mit dem Rücken zum Geländer auf der Bank lag. Ein Stück weiter weg lag der Geigenkasten auf der Sitzfläche.
Kei, an ein paar Hähnchennuggets knabbernd, beobachtete den Schotten, während er sich nicht allzu laut mit seinen Freunden unterhielt.
Mit einer Hand suchte er nach seiner Zigarettenschachtel. Obwohl er aß, hatte er Hunger. Er mochte den Geschmack von menschlichem Essen, auch wenn es ihm eigentlich nichts brachte.
"Was findest du an dem Typen da?" drang von links an sein Ohr.
Darufhin drehte er sich leicht um und antwortete: "Er ist einfach interessant," als ob er von einem Buch spräche.
"Wer ist das?" fragte Kyo, den er von seinen Touren durch die Vergnügungsviertel kannte.
"'n Schulkollege von mir." Kei kümmerte sich nicht groß darum, was die anderen sich nun dachten. Höchstwahrscheinlich sogar das richtige, daran wollte er aber jetzt nicht denken.
Nach einer Weile regte sich das Bündel und setzte sich auf.
Colin wischte sich über das weiße Gesicht, als habe er geschlafen und holte sein Instrument wieder heraus. Er fummelte etwas daran herum und entfernte den gerissenen Draht so gut es ging, bevor er sich die Geige im Sitzen auf die Schulter klemmte und den Bogen neu spannte.
Er probierte die drei übrigen Saiten aus.
Da er der Stelle, an der die Jungs saßen, nicht direkt zugewandt war, nahm er sie nicht wahr und wähnte sich immer noch allein. Also spielte er auf drei Saiten, wieder improvisiert aber nicht so hart und verwegen wie zuvor.
Kei musste schmunzeln. Das hatte er nicht erwartet. Es klang anders, aber nicht so schlecht.
Kyo hingegegen verurteilte es als Verkehrsunfall und widmete sich weiter dem Essen, das Kei gegen eine Kippe eingetauscht hatte, als das Spiel begann.
Es war langsam und erinnerte vielleicht an die Begleitung zu uralten Gespensterfilmen oder die musikalische Untermalung einer Dokumentation über das alte Europa. Es klang in seiner Langsamkeit jedenfalls geisterhaft und antik, und Colin schaffte es nach einer Weile tatsächlich, auf die eine kaputte Saite zu verzichten. Er stand irgendwann auf aber bemerkte die Jungen am Ufer weiterhin nicht, weil sie erstens im Dunkeln saßen und er zweitens die Augen geschlossen hatte.
Kei hörte der Musik zu und unterhielt sich nebenbei mit seinen beiden Begleitern, die nicht ganz nachvollziehen konnten, was er an der Musik oder dem jungen Musiker selbst fand.
Der Vampir ging nicht darauf ein. Stattdessen spielte er mit der blutverkrusteten Münze herum, die ihm um den Hals hing.
Colin produzierte weiter seine akustische Melancholie, während er mit halb geschlossenen Augen langsam auf der kleinen Plattform umherging.
Kei driftete ein wenig weg, als er Colin zuhörte.
"Verlieb dich nicht," stichelte Kyo, der den in Gedanken versunkenen Vampir betrachete, wie der den Geiger betrachtete, der den anderen beiden Jungen vollkommen unbekannt war.
Kei betrachtete den Kleineren aus der Ferne und der tiefen Dunkelheit in der er saß. Die Melodie klang traurig, melancholisch. Irgendwie schien sie die Stimmung des Schotten in den letzen Tagen widerzuspiegeln.
Kyo und Yuu, so der Name des zweiten Kollegen, planten, einfach zu dem Unbekannten zu gehen und ihm zu sagen, dass Kei damit beschäftigt war, ihn die ganze Zeit anzustarren. Jedoch ließen sie es bleiben, da sie Keis manchmal unkontrollierten Aggressionen kannten.
Plötzlich kletterte Colin auf die Bank und ging auf ihr rundherum entlang, während er ein widerlich heiteres Kinderlied spielte.
Als Colin auf die Bank kletterte, fiel Kei auf, dass dessen Wangen feucht waren und Tränen an ihnen herunterliefen. Er sah ihm einfach nur beim Spielen zu und lauschte. Das Kinderlied, dass er von sich gab, klang angesichts der Situation einfach nur falsch und irgendwie eklig. Kei sah ihn aus strahlend blauen Augen an. Irgendwas in ihm wollte sich in die Richtung begeben aus der die Musik kam, etwas anderes hielt ihn an seinem Platz.
Als Colin einmal die Runde gemacht hatte, hörte er auf - einerseits, weil das Lied zuende war, andererseits, weil die Bank zuende war, und wie der Zufall es wollte, blickte er genau in die Richtung, in der die drei saßen. Ausdruckslos.
Die Laterne schien ihm fast direkt ins Gesicht. Kei blickte ihm direkt in die Augen, ohne von ihm gesehen zu werden. Das Licht schien ihn zu blenden.
Er stieg von der Bank und legte die Geige hin, zog seine Jacke aus und legte sie dazu, und zog sich dann noch das Sweatshirt über den Kopf. Als Colin sich seiner Kleidung entledigte, wunderte Kei sich, warum, immerhin schien es nicht gerade besonders warm zu sein und die Hose des Jungen war nass. Dem musste doch kalt sein.
Colin war kalt. Er war leichenblass und zitterte ein bisschen. Aber pellte sich noch die klebende Jeans von den Beinen, nachdem er sich die Turnschuhe ähnlich mühsam aber eilig abgezogen hatte, und ließ nur seine Boxershorts an. Er stopfte seine Kleider mit der Geige unter die Bank, für den Fall dass der aufgeregte Wind von vorhin wieder aufkommen sollte, und kletterte dort wo er stand auf das Geländer.
Kei beobachtete ihn wie gebannt. Er betrachtete und musterte ihn ausgiebig, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Er malträtierte sein Piercing, während er dasaß und seine Gedanken drohten in nicht mehr so ganz passende Gefilde abzudriften.
Etwas zögerlich kletterte der Junge auf der Wasserseite herunter und stand erstmal vor dem Geländer und sah auf die jetzt fast stille Wasseroberfläche. Er ließ das Geländer los und breitete die Arme aus. Er holte tief und langsam Luft und ließ sich langsam wie ein Brett nach vorn ins Wasser fallen.
Etwas verwirrt beobachete der Vampir das sich ihm bietende Schauspiel. Was sollte das? Hatte ihm nicht gereicht, dass er eine halbe Woche lang in der Schule gefehlt hatte?
Kei verstand das nicht und sah einfach nur zu.
Nachdem er gelandet war und sich das Wasser wieder beruhigt hatte, trieb Colin in der gleichen Pose auf dem Rücken. Er sah nach oben.
Und dann hielt er es für eine brilliante Idee, "HAPPY BIRTHDAY, MOTHERFUCKER!" nach oben zu brüllen.
"OOOMEEEDEETOO," sang er.
Kei sah ihm einfach nur stumm zu. Er erschrak beinahe als er den Kleineren rufen hörte. Was zum?! war alles, was er sich dazu denken konnte. Zumal sein Kopf eher damit beschäftigt war, sich den Jungen anzusehen und zu betrachten, wie das Wasser dessen Körper umspielte.
Colin schien weiter zu singen oder Selbstgespräche zu führen, aber zu leise, selbst für Kei, um Worte ausmachen zu können und stand dabei auf. Er stand fast bis zum Schritt im Wasser und wusch sich langsam das Gesicht, zitternd.
Die dunkle Hose klebte fest und seine Haare lockten sich in Strähnen.
Kei war mit nichts anderem beschäftigt als Colin zu betrachten und nicht jugendfreie Dinge zu denken, für die er sich auch hätte ohrfeigen können, da der Kleinere nicht wirklich danach aussah... Seinem Verstand war das aber gekonnt egal. Seinen offensichtlich in zu großer Menge vorhandenen Hormonen noch egaler.
Kyo und Yuu schauten zu ihrem Kollegen und stellten fest, dass der total abwesend war.
Sie flüsterten leise.
Kei selbst konnte ein undefinierbares Flüstern von Colin vernehmen, dem er keinen Inhalt entlocken konnte.
Nachdem er sich gerade mit dem Teichwasser über das Gesicht gewischt hatte, zog sich sein Gesicht wie vor Schmerz zusammen und er beugte sich mit einem Schluchzen wieder vor. Er schlug ein paarmal mit der Faust auf das Wasser ein.
Noch immer betrachtete Kei das Schauspiel im Wasser. Die beiden anderen folgtem dem Blick des Vampirs und fingen an zu grinsen. Sie sahen nicht so viel, nur, dass eine kleine Gestalt, die wohl nicht allzuviel anhatte, im Wasser stand.
Kei zündete sich eine Zigarette an und zog abwesend daran.
Irgendetwas in ihm wollte herausfinden, was mit Colin los war, ein anderer - größerer - Teil allerdings, war mit Ausmalereien beschäftigt. Yuu war kurz davor, Kei mit einem Schlag auf den Rücken wieder in die reale Welt zurückzuholen.
Colin schluchzte und wischte sich wieder über das Gesicht, und machte sich dann auf den Rückweg zum Pavillion. Er zog sich am Geländer hoch und kletterte darüber, nicht besonders geschmeidig allerdings, da er offenbar fror.
Triefend und weiß stand er halb im Schein der Laterne, als er sich zitternd wieder anzog. Nachdem er auch seine Geige wieder verstaut hatte, setzte er sich unter der Laterne auf die Bank und blickte auf etwas in seiner Hand.
Kurz darauf bekam Kei eine SMS.
'Du bist gut.
Auch mit der Gitarre.'
Wenige Sekunden später noch eine.
'Willst du mich immer noch flachlegen?'
Colin legte das Telefon zwischen seinen Beinen ab, als er im Schneidersitz auf der Bank saß und blickte mit gegen die Kälte verschränkten Armen über den schwarzen Teich auf den nun nächtlichen Park.
Kei sah immer noch gebannt in die Richtung, in der Colin das vermutlich eiskalte Wasser verlassen hatte, als etwas in seiner Hosentasche einen leisen Ton von sich gab. Sein Handy. Der Kleine saß anscheinend in Gedanken auf einer Bank und hatte sein Zeug verstaut. Immer noch den Blick an ihn geheftet, nahm Kei das Gerät zur Hand und blickte aus dem Augenwinkel drauf.
Ein undefinierbares Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er die erste SMS las und gleichzeitig den Absender eben jener beobachtete. Gerade, als er daran dachte, ihm zu antworten, klingelte das Handy ein zweites Mal.
Er setzte zu einer Antwort an, dachte kurz nach.

'Dreh dich um.' schrieb er und war mit dem Abschicken der Nachricht direkt hinter Colin auf dem Geländer gelandet, geräuschlos saß er da und wartete.
Colin nahm das brummende Telefon, las die Nachricht, sah dabei länger auf das Display als nötig, bevor er es sinken ließ. Er hatte seine Kapuze gegen die Kälte über seine nassen, lockigen Haare gezogen. Er zog die Schultern etwas hoch, als er sagte:
"Irgendwie bin ich nicht überrascht." Er flüsterte eigentlich bloß. Dann drehte er seinen Oberkörper um über die Schulter zu sehen.
Seine Augen waren gerötet, aber sein Gesicht und Hals waren leuchtend weiß.
"Du hast merkwürdige Augen," merkte er an, mit einem Ton in der Stimme, der abschätzig wirken sollte aber eigentlich nur nervös klang.
Kei sah Colin direkt in die Augen. Er wirkte als ob er auf irgendetwas wartete. "Warum so nervös?" war seine einzige Reaktion auf Colins Feststellung. Die Worte waren leise, aber deutlich mit einem beinahe freundlich anmutenden Unterton. Wenn man denn darauf erpicht war, Freundlichkeit in seine Stimme zu interpretieren. Kei musterte den Kleineren, wie er so weiß und durchgefroren vor ihm saß. Stellte aber immer wieder den direkten Blickkontakt her.
Colin stand langsam auf, wandte sich Kei dabei zu und steckte die Hände in die Bauchtasche seines Sweatshirts. Er stand knapp außerhalb Keis direkter Reichweite. Sein Sweatshirt und die ohnehin nicht besonders weiten Jeans klebten ihm ein bisschen am Körper. Er trug weder Schuhe noch Socken.
"Es wäre eher seltsam, nicht nervös zu sein," sagte er leise. Er war offensichtlich sehr verlegen aber schaffte es, Kei hin und wieder direkt anzusehen. Wie kann so ein Arschloch so... gut aussehen? dachte Colin grimmig bei sich, während er sich mit einem leichten Stirnrunzeln auf der Zunge herumkaute.
Kei sah ihn an. "Findest du? Ich dachte wir kennen uns mittlerweile," er klang beinahe beleidigt, wie er dasaß und Colin halbwegs vorwurfsvoll aus den tiefblauen Augen ansah. Die Hände hatte der Vampir in die Taschen seiner engen, schwarzen Jeans geschoben, von wo er die Zigarettenschachtel hervorzog, sich eine Kippe anzündete und das Sturmfeuerzeug dann in seine Jackentasche gleiten ließ.
"Eben," sagte Colin leise. "Weil ich dich nun etwas kenne..."
Er konnte nicht anders, als Kei vorsichtig anzustarren. Er machte einen Schritt auf ihn zu, in seinen Augen sammelte sich etwas Wasser und er drehte sich schnell um, um sich mit dem Ärmel darüberzuwischen, ehe er sich wieder Kei zuwandte. Dabei rutschte die Kapuze etwas herunter.
"Warum hast du mich eigentlich nicht umgebracht?"
Keis Antwort war ein Grinsen, gefolgt von dem Satz: "Wäre schade drum."
Er musterte den Kleinen, sah dessen Tränen, auch wenn er sich Mühe zu geben versuchte, diese zu verbergen. Eher noch fand er es unsinning sich dafür wegzudrehen, wenn es doch sowieso schon offensichtlich war. Er musste das nicht verstehen. Versuchte es nicht einmal. Lieber beschäftigte er sich damit, Colins Anblick zu genießen. Der hatte was. Innerlich amüsierte Kei sich etwas über Colins vorsichtige Blicke, und erwiderte sie. Colin fistete wieder seine Bauchtasche und sah Kei direkt an.
"Warum?"
"Willst du unbedingt sterben?" fragte Kei ihn und besah sich sein Gesicht, das von nassen dunkelblonden Haaren umspielt wurde. Colins Augen weiteten sich ein wenig, ehe sein Blick wieder trauriger wurde und er die Schultern zuckte. Er sprach leise weiter, beinahe flüsternd.
"Nein. Die Alternative ist aber auch nicht besonders schön." Er setzte sich unterhalb von Kei neben ihn auf die Bank. "Die Menschen fallen überall tot um als wärs ne Mode. Wie gut kann das Leben sein?" Er schob die Kapuze zurück und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Er sammelte sie zu einem Zopf und drückte ihn aus. Das Wasser tropfte auf sein Sweatshirt und seine Hose. "Und wie kann man leben, wenn man der einzige ist?"
"Es gibt Milliarden Menschen auf der Welt, allein ist man nie," meinte Kei dazu und sah Colin an. Dass es auch viele Vampire gab, musste der Kleine nicht wissen. Es wäre vielleicht nicht so gut, wenn das überhaupt jemand wüsste. Dass Colin von Kei wusste, war eigentlich schon gefährlich genug. Auch wenn das kleine Geheimnis bei ihm sicher schien. Nun, Kei hatte kein Interesse an einem tiefgründigen Gespräch, er wollte etwas bestimmtes wissen.
"Was meintest du mit der Frage, ob ich dich noch immer vögeln wollte?" In Gedanken fügte er Glaubst du ich änder meine Meinung? an.
Colin sah aus dem Augenwinkel zu Kei hoch. Beschämt senkte er den Blick und stand auf. "Nichts," brummte er. Er würde sich nicht die Blöße geben, nicht vor dem da und bestimmt nicht in diesem Zustand. Er ging dahin, wo seine Socken und Turnschuhe unter der Bank verstaut waren und hockte sich davor hin, um sie sich anzuziehen. Sein Telefon hatte er allerdings auf der Bank liegenlassen. Mittlerweile war die Anzeige der SMS ausgegangen.
Ein leichtes Grinsen begann Keis Lippen zu zieren. Nichts... Jaja... dachte er bei sich. Er beobachtete Colin beim Anziehen. Als der mit einem Schuh zugange war stand er auf und hockte sich hinter ihn.
"Das glaub ich dir aber nicht," hauchte er Colin ins Ohr und legte die Arme um seinen Oberkörper. Colin hielt inne und atmete schaudernd aus. Sein Herz schlug ziemlich schnell. Er meinte fast, es hören zu können.
"Hm," sagte er. Wieder sollte es gleichgültig klingen, kam aber nur als kleines Geräusch der ultimativen, aufgeregten Schüchternheit heraus.
Kei grinste, hob den Kleineren hoch, nur um ihn umzudrehen und rücklings gegen das Geländer zu drücken. Mit einem durchdringenden Blick sah er ihm tief in die Augen und machte sich daran, das nicht wirklich trockene Sweatshirt von Colins Körper zu pellen.
Colin starrte zurück und hob bereitwillig die Arme. Der Pullover war weit und darum nicht schwer zu entfernen. Darunter war seine weiße Haut noch sehr klamm. Er sah unsicher aus.
"Du bist sehr schnell hier gewesen," sagte er. Ablenkung, dachte er. Ablenkung.
Kei legte Colins Shirt beiseite, er legte es auf die Bank. "Ich war nicht weit weg," entgegnete er wahrheitsgemäß. Die durchaus interessante Mischung aus Unsicherheit und dem mehr als deutlichen Einverständnis mit dem, was Kei vorhatte, machte den Kleineren für den Vampir nur noch faszinierender.
Grinsend begann er damit, sich an Colins Hals zu schaffen zu machen und ziemlich schnell blau-lilawerdende Spuren daran zu hinterlassen.
Ohne darüber nachzudenken, öffnete Colin die Knie, um Kei Platz zu machen. Er schaffte es, über sein tiefes Atmen hinaus keine peinlichen Geräusche von sich zu geben, indem er konzentriert auf seiner Unterlippe kaute, während der Vampir auf seinem Hals herumbiss und saugte.
Es erschien ihm richtig und nur gerecht, Kei auch halb auszuziehen, also schob er Kei seine Jacke über die Schultern und versuchte sie ihm auszuziehen.
Kei grinste leicht. Ließ sich tatsächlich von Colin der Jacke entledigen, die ihn auf kurz oder lang ohnehin nur gestört hätte und wanderte an Colin halbwegs vorsichtig aber etwas schmerzhaft beißend ein Stück nach unten um sich dessen Brustwarzen zuzuwenden.
Mit einer Hand begann er, Colins Hose zu öffnen, ließ sich dabei mehr Zeit als nötig - er hatte immerhin genug davon.
Colin konnte nun ein, zwei kleine Seufzer nicht mehr unterdrücken und hob unwillkürlich die Hüften ein wenig, als er Keis Hand an seiner Hose dort spürte, wo sie sich gerade deutlich zu wölben begann. Er hatte eine Hand in den Haaren an Keis Hinterkopf und zog mit der anderen dessen T-Shirt hoch.
"Stalker," murmelte Colin.
Nachdem Kei an Colins Körpermitte mehr Platz geschaffen hatte, sorgte er dafür, dass die sich dort befindliche Wölbung ein wenig größer wurde, während er Colins Hand an seinem Shirt einfach mal ignorierte. Er antwortete nicht auf Colins Kommentar, immerhin war er anderweitig beschäftigt.
Colin schaffte es nicht, Kei das T-Shirt auszuziehen, also schob er nur die Hand vorn darunter und erkundete seinen Oberkörper. Das ließ ihn nun erröten. Colin wurde merklich wärmer. Er schaffte es auch nicht mehr, seine peinlichen Laute herunterzuschlucken oder stillzuhalten. Er stieß unwillkürlich gegen Keis Hand und versuchte, ihn dichter zu sich heranzuziehen.
Die Bewegung von Keis Hand wurde schneller und er verringerte den Abstand zwischen sich und Colin ein wenig. Mit den Händen zog er die Hosen des Kleineren ein Stück nach unten. Immer noch leicht grinsend wendete er sich der anderen Brustwarze Colins zu, wobei er ziemlich sicher einen blauen Fleck hinterlassen würde.
Jeder festere und etwas schmerzhafte Biss erzeugte noch ein neues verhasstes, stöhnendes Seufzen und ließ Colin noch eifriger Keis Handbewegungen begegnen. Indem er nicht einfach stillsaß, machte er es Kei automatisch leichter, ihm die Hosen herunterzuziehen. Kei machte noch eine Weile weiter und genoss Colins Geräusche, bevor er noch ein gutes Stück weiter nach unten wanderte, nun vor Colin kniete. Er ließ die Zungenspitze über Colins bestes Stück wandern. Absichtlich langsam.
Colin starrte ihn erst etwas ungläubig mit leicht geöffnetem Mund an, und legte dann mit geschlossenen Augen und einem zitternden Seufzen den Kopf zurück auf das Geländer.
"Oh fu- ... get on with it..." flüsterte er zu sich selbst.
Kei setzte sein Tun fort, nicht gerade eilig, ehe er anfing an Colins Penispitze zu knabbern - etwas vorsichtig. Nebenbei versuchte er vorerst zu ignorieren, dass ihm seine eigene Hose gerade etwas zu eng wurde. Colin hob mit einem frustrierten Stöhnen die Arme und hielt sich die Hände vors Gesicht.
"Mach hin... Komm schon." Kei grinste, wurde etwas schneller - nur um kurz darauf die Geschwindigkeit auf quälend langsam zu reduzieren. Dieses Spielchen trieb er eine ganze Weile. Schließlich war das sein Spiel. Auch wenn Colin es bereitwillig mitspielte. Dieser packte Kei nun beim T-Shirt an den Schultern und machte noch ein frustriertes Geräusch, als der wieder langsamer wurde. Er packte Kei beim Hinterkopf und versuchte, ihn auf sich herunterzudrücken. Unsicherheit war nun keine mehr in seinem Gesicht, nur aggressive Lust. Er war offenbar sehr, sehr, sehr kurz davor.
Kei ließ bald darauf von ihm ab. Nicht aber um unverrichteter Dinge zu verschwinden. Er erhob sich, woran Colins Griff ihn nicht im Geringsten hinderte, während er an seiner eigenen Hose herumnestelte um diese zu öffnen. Mit einer schnellen Bewegung hatte er Colin herumgedreht, sodass der nun mit dem Rücken zu ihm vor der Bank stand und biss ihm in den Hals um von seinem eigentlichen Vorhaben ein wenig abzulenken. Dieses begann er damit, vorsichtig zwei Finger der rechten Hand in Colins Körper zu versenken, seine Reaktion genau beobachtend.
Fasziniert sah Colin Kei erst dabei zu, wie er seine eigene Hose öffnete und war zu überrascht um sich zu wehren oder sonstwie zu reagieren, als Kei ihn mit Leichtigkeit herumdrehte, als wiege er nichts. Er brachte es gerade noch fertig, sich auf die Bank und das Geländer zu stützen, bevor Kei ihn zu befingern begann.
"Was sol-" begann er, als ihm plötzlich selbst klar wurde, was das sollte und er sich schrecklich blöd vorkam, dass er nicht daran gedacht hatte. Auf einmal kam ihm das alles hier wie eine richtig schlechte Idee vor.
"Warte-" Colin biss sich auf die Lippe - Das fühlt sich komisch an/ PEINLICH/ Warum macht er das/ OH MEIN GOTT - schossen durch seinen Kopf, aber er legte nur die Stirn auf den Holzbalken des Geländers hinter der Bank und kniff die Augen zusammen. Er atmete so wenig wie möglich und schluckte jeden peinlichen Laut hinunter.
Warten kam dem Vampir nicht in den Sinn. Stattdessen führte er fort, was er begonnen hatte und tauschte nicht allzu bald seine Finger gegen seine Erregung aus. Er war vorsichtig, schließlich wollte er Colin nicht unnötig wehtun. Langsam begann er mit nicht ganz so vorsichtigen Stoßbewegungen. Hielt den Kleineren dabei eng an sich gedrückt.
"Ah fu- no, warte, nicht-" Colin zog an Keis Armen um sie loszuwerden, und wankte als seine Knie weich wurden - diese Position war so - er konnte sich nicht aufrecht halten. Die Luft anhalten ging nicht mehr, und es tat weh. Er wollte weiter protestieren aber schaffte es nur, zwischen zusammengebissenen Zähnen unterdrückt zu stöhnen, als Kei sich zu bewegen begann. "Hng - lass los..."
Kei dachte gar nicht daran, zu tun, was Colin von ihm wollte. Jedenfalls nicht das, was dieser verbal forderte. Er bewegte sich ein wenig schneller und lauschte dabei den Geräuschen, die der Kleinere von sich gab. Hielt ihn weiterhin fest, stützte ihn so ein wenig und hinderte ihn daran, zu Boden zu sinken oder sich anderweitig großartig zu bewegen. Die Atmung des Vampirs ging mit den Bewegungen einher.
Als Keis Arme nicht nachgaben sondern ihn an jeder eigenen Bewegung hinderten, griff Colin nach dem Geländer und versuchte, sich daran nach vorn zu ziehen. Das Gefühl wurde nicht angenehmer, er wurde nur heißer und wunder. Er stöhnte nun mehr aus Bedrängnis als allem anderen, und der Gedanke, dass es der wahnsinnige Vampir war, der ihn da so eiskalt von hinten nahm, half nur wenig. Derselbe Gedanke, und dass der wahnsinnige Vampir ihn so festhielt und scheinbar trotz seines Schmerzes kaum an sich halten konnte - oder das bildete Colin sich ein - hatte aber auch noch einen ganz anderen Effekt.
Colin stützte ein Knie auf die Bank vor sich und versuchte immer noch, sich weiter vorzubeugen. "Lass los, verdammt nochmal!"
Kei dachte gar nicht daran dem Wunsch des Kleineren nachzukommen. Er würde nur seinem eigenen nachkommen. Was er auch tat. Er setzte sein Tun fort, ließ Colin tatsächlich minimal mehr Bewegungsfreiheit, als er bis zu diesem Moment gehabt hatte, aber nur, weil das auch ihm mehr Bewegungsfreiheit verschaffte.
Colin stützte sich vorn mit den Armen ab und schnappte nach Luft. Das war nicht das, was er sich vorgestellt hatte. Es tat weh und weh und war erniedrigend, aber seinem Körper schien das mehr zu gefallen, als er je zugeben würde. Dass seine Knie auf der Holzbank durch die harten Bewegungen aufgeschürft wurden und dass Kei ihn wie etwas anderes als einen Menschen behandelte, machte ihm nicht nichts aus, es fühlte sich gut an. Aber Kei durfte das nicht merken. Ums Verrecken nicht. Also schluckte Colin weiter sein Stöhnen hinunter, soweit es ging, und biss sich dann in den Unterarm, wenn er es nicht zurückhalten konnte und es wie Schluchzen unkontrollierbar herausdrang.
Er vergaß fast, aber nur fast, sich selbst einen runterzuholen.
Colin konnte so tun, als gefiele ihm nicht, was Kei mit ihm anstellte, so viel er wollte. Es funktionierte nicht - und selbst wenn... es würde nichts ändern.
Kei beendete sein Attentat auf Colins Körper, nachdem er diesen noch eine Weile penetriert hatte, mit einigen harten Stößen, die rücksichtsloser nicht hätten sein können. Als er kam, stöhnte er beinahe direkt in Colins Ohr, bevor er schließlich von ihm abließ und sich keuchend an das Geländer zu seiner Rechten lehnte.
Colin hielt zitternd und schwer atmend still, als Kei fertig war, und wartete mit geschlossenen Augen auf seinem Arm kurz ab. Er selbst war längst gekommen, oder vermutete es, immerhin war seine Hand seit einer kleinen Weile glitschig, aber eigentlich war das egal. Der Wahnsinnige war so nah und es war so warm...
Er atmete schaudernd ein und hob den Kopf, um Kei benebelt anzusehen.
Kei hatte sich schnell wieder gefasst und gesäubert, während er Colins Blick erwiderte, weniger benebelt - aber auch eindeutig ein bisschen mehr hormondurchflutet.
Er richtete seine Hose und beförderte das Taschentuch aus seiner Hand in den Teich, ehe er seine Jacke aufhob und wieder anzog.
"Danke für den schönen Abend, Colin," raunte er ihm ins Ohr, noch immer ziemlich dicht hinter ihm stehend.
Colin schauderte wieder. Er setzte sich vorsichtig auf, weiter auf der Bank kniend, so zögerlich wie jemand, der in zu heißes Badewasser steigen wollte. Er zog die Schultern etwas zusammen und sah Kei direkt an.
"Danke für das aufmerksame Geschenk," gab er flüsternd zurück. Nicht ganz gewollt.
"Gern geschehen," erwiderte Kei und schloss seine Jacke. Er schenkte dem Kleineren den Hauch eines Lächelns und machte Anstalten sich umzudrehen um zu gehen. "Bye bye," sagte er als er sich auf den Weg machte.
Colin begann wieder zu frieren, während er Kei nachsah. Er suchte seine Kleider zusammen und wurde sich währenddessen vage bewusst, dass er weinte. Irgendwann muss ich doch leer sein.
Er zog sich an, suchte seinen Krempel zusammen und verließ gemächlich den Pavillon und den Park.



Wednesday, September 16, 2015

Kei + Colin IV: Vorspiel


Hier geht es zum ersten Teil.


Am späten Nachmittag begann es zu regnen, und es hörte bis zum nächsten Vormittag nicht auf.
Kei, diesmal ganz ohne Uniform in Tanktop und langer zerrissener Hose, schlenderte in die Schule. An seinen Armen baumelten Bänder und von seinem Hals die Münze. Kei war froh, dass es Freitag war. Die Nacht hatte er draußen verbracht. In den morgendlichen Nachrichten waren Berichte von etwa fünf Toten in einem Stadtviertel, an denen keinerlei Spuren gefunden worden waren. Entweder waren einfach keine hinterlassen worden, oder der Regen hatte sie weggespült.
Als er die Bilder sah, schaute er sie erstaunt an. In einem der Schulflure hingen große Bleistift- und Kohleporträtzeichnungen von Schülern. Auf einer davon war Colin abgebildet. Vor diesem Portrait blieb er stehen. Er hatte keine Ahnung wer dafür verantwortlich war. An ein größeres Kunstprojekt konnte er sich nicht erinnern. Ein kleines Schild neben dem ersten Bild in der Reihe deklarierte die Zeichnungen als Werke des Kunstclubs. Unter jeder Zeichnung hing ein weiteres Schild mit den Namen des Zeichners und des Modells.
Ein paar Schüler gingen durch den Flur, und Colin betrat ihn nun auch und begann, sich die Bilder anzusehen. Anstelle des großen Rucksacks trug er seinen Geigenkasten auf dem Rücken.
Kei fand, dass die Bilder wirklich gut waren. Nicht alle, aber einige. Er ging an Colin vorbei.
"Du wurdest gut getroffen," sagte er, als er an ihm vorbeikam. "Wo hast du dein Zeug gelassen?" fragte er beiläufig.
Colin sah sich um und lächelte Kei zum Gruß an. "Hier in der Schule. Wo hast du deins gelassen?" Er sah gründlich an Kei herunter.
"Welches?" Kei trug obenrum nicht viel, aber seine Hose war dekoriert. Er hob seine Umhängetasche hoch. Bedeutete mit dieser Geste, dass er sehr wohl etwas dabei hatte. Er war kaum nassgeregnet, weil er einen Schirm besaß, mit dem er seine Haare trocken hielt. Ansonsten störte ihn der Regen nicht. Colin war ebenfalls trocken.
Er blinzelte verständnislos. "Deine Uniform."
"Waschmaschine," antwortete Kei, dessen Uniformjacke beim gestrigen Blutbad etwas abbekommen hatte. Kei schaute weiter auf die Bilder.
Colin nahm das so hin, guckte Kei aber weiter an, dann auch zurück auf die Bilder, als der seinen Blick abwandte.
Er sah sich um, entdeckte seins und sah es sich an.
Kei bleib noch eine Weile bei den Bildern und betrachtete Colin auch noch ein wenig.
Eilig hatte er es immerhin nicht. Er grinste ein wenig als er an dem Kleineren vorbeischlenderte. Ein Grinsen, das nicht freundlich war, aber auch nicht abgrundtief böse. Ein wenig fasziniert. Er wusste nicht, was er von Colin halten sollte. Interessant war das richtige Wort. Colin sah sein Bleistiftabbild ein wenig nachdenklich an, bis Kei an ihm vorbeiging. Er wandte sich stracks zum Gehen, mit verlegen gesenktem Blick. Diese Reaktion amüsierte den jungen Vampir. Weitergrinsend machte er sich nun auf den Weg zum Klassenzimmer.
"Colin!" rief er ihm nach und warf ihm eine Packung Kippen zu. "Du bist ja noch zu klein um dir welche zu kaufen," grinste er und ging in die Klasse.
Colin drehte sich automatisch um und fing die Schachtel aus Reflex auf. Er sah sie verwirrt an und steckte sie hastig in die Jacketttasche, bevor jemand sie sah, und ging auch in den Klassenraum. Er vermied es wieder, jemandem lang ins Gesicht zu sehen, besonders Kei, aber linste immer wieder kurz zu ihm hin, vor dem Unterricht und währenddessen.
An dem ging das nicht unbemerkt vorbei. Es amüsierte ihn. "Bin ich so interessant?" flüsterte er, über seine Aufgaben gebeugt.
Colin machte ein leises Schnaubgeräusch und lächelte ein bisschen wenig überzeugend, neigte dann den Kopf etwas nach vorn, stierte demonstrativ in sein Buch und ließ seine Haare auf der Kei zugewandten Seite von hinter seinem Ohr als Vorhang herunterfallen.
Kei musste lachen. Amüsiert wendete er sich wieder seinen Aufgaben zu.
Dann halt nicht.

Kurz vor der Mittagspause fragte Tomoko, die vor Colin saß, ob er nach der Schule zum Geigenunterricht müsse. Sie nickte auf den Kasten, der hinten auf einem der Reservetische lag.
"Nein, ich spiele heute vor."
"Oh! Wo denn?"
"Hier. Bei Frau Hasegawa."
Kei hörte das auf einem Ohr mit, als er aufstand. Da er sowieso nichts anderes vorhatte, nahm er sich vor, sich das anzuhören. Frau Hasegawa hatte einen ziemlich strengen Ruf.
"Dürfen wir mitkommen? Oder sind keine Zuschauer erlaubt?" fragte Tomoko gespannt. Colin zuckte mit den Schultern.
"Ich glaube schon. Es ist in der Aula, also wird es bestimmt in Ordnung sein."
"Wenn sie dich nimmt, dauert es aber noch ewig, bis du auftreten darfst. Sie lässt alle erst ein Jahr lang proben, bevor sie öffentlich spielen dürfen."
Colin zuckte nur wieder mit den Schultern.
"Kann mir recht sein."
"Wann musst du denn hin?"
"Um viertel nach zwölf."
Tomoko machte riesige Augen.
"Das ist gleich!"
"Oh damn," Colin sprang auf, grabschte sich den Geigenkasten und stürzte aus dem Raum.
Kei lachte. Er schlenderte aus dem Raum und machte sich auf zur Aula. Gemütlich. Wenn er wollte, konnte er verdammt schnell da sein. Er nutzte das Gedränge auf dem Flur aus, um sich unbemerkt in die Aula zu setzen. Er saß irgendwo auf dem Boden herum, außerhalb der Sichtweite der Mädels. Colin konnte ihn sehen, wenn er wollte. Es waren nur eine handvoll Leute da. Tomoko und Ayane natürlich, sie hatten noch einen Jungen mitgebracht, Frau Hasegawa, die sich mit einem dicken Hefter in die erste Reihe gesetzt hatte und zwei weitere Lehrer, die scheinbar nur aus Interesse da waren.
Colin selbst ging auf einer Seite der Bühne hin und her und stimmte dabei die Geige. Er schien etwas atemlos, aber mit jedem Strich über die Saiten etwas gelassener. Sein Kasten lag offen auf der Bühnenkante. Nun schob er ihn mit der Fußspitze etwas zur Seite.
Frau Hasegawa sagte etwas - unverständlich, weil leise und zur Bühne hin, Colin sah sie an und sagte: "Corelli. La folia." Frau Hasegawa sagte noch etwas und Colin schmunzelte etwas, sah zu den Mädchen und entdeckte dabei Kei im Gang sitzen. Er grinste ihn an und sagte: "Irrsinn," setzte sich dann die Geige auf die Schulter.
Keis Gesichtsausdruck ließ den Hauch eines Lächelns vermuten. Irrsinn, ja das passt gut, dachte er und lauschte nachdenklich. Er machte die Augen zu und hörte dem Kleineren zu. Er lehnte sich an die Wand und sah fast schon friedlich aus, wie er dasaß.
Colin begann langsam und sauber zu spielen, sehr kontrolliert und etwas steif, bis er nach ein paar Sekunden außer der Geige alle Geräusche ausgeblendet hatte und nun nur ernst, aber scheinbar sehr gelassen spielte. Nach einer Weile begann er damit, auf der Bühne etwas umherzugehen, einen Schritt nach vorn, nach hinten, beugte sich ab und zu ein bisschen vor, als ob er nicht allein mit den Armen spielen könnte.
Anfangs sah er dabei ernst in seinen geöffneten Geigenkasten hinein und später zu Kei.
Der begann irgendwann, ihn zu beobachten - fasziniert zu beobachten. Musterte jede Bewegung genau, malträtierte sein Piercing beinahe unbemerkt. Nicht einmal, als Colin ihn direkt ansah, genierte er sich. Sah ihm einfach weiter zu. Blickte ihm kurz direkt in die Augen, mit einer Mischung aus Faszination und noch etwas anderem. Grinste leicht. Trotzdem hatte sein Blick etwas Freundliches. Colin sah schrecklich ernst aus, und als es am Schluss daran ging, auf mehreren Saiten gleichzeitig zu spielen, geradezu wütend.
Das legte sich in den letzten Takten und sein Gesichtsausdruck beruhigte sich.
Er richtete sich wieder auf und ließ Bogen und Geige sinken.
Ayane und Tomoko sprangen auf und fingen an zu klatschen.
Kei blieb sitzen und blickte noch weiter kurz und sehr fasziniert in Colins Richtung. Erst als die Weiber ihrem Lob freien Lauf ließen, stand er auf und lehnte sich an die Wand. Er wartete noch eine Weile, ehe er zu Colin hinüberging, ihm einen undefinierbaren Blick zuwarf.
Colin war von der Bühne gesprungen, stand steif davor, hörte brav nickend Frau Hasegawas Kommentaren zu und bemerkte gar nicht, wie Kei näherkam, bis Frau Hasegawa ihre Ausführungen abbrach und Kei pointiert anblickte. Colin sah ihn mit einer Mischung aus Misstrauen und Verwunderung an und zuckte überrascht zusammen, als er ihm ins Ohr flüsterte.
"Du bist gut, Kleiner," hauchte er ihm grinsend ins Ohr und ging an den Weibern vorbei, in Richtung Tür. Colin sah Kei nach und musste sein Ohr anfassen. Hoffte, dass er nicht gerade rot wurde.
Frau Hasegawa war ganz sicher total pikiert und Colin mindestens verblüfft. Mission erfüllt. Kei war sich ziemlich sicher, bei Colin keinen schlechten Eindruck hinterlassen zu haben. Grinsend schlenderte er nach draußen und zündete sich eine Zigarette an.



Kei + Colin II: Der zweite Eindruck

Hier geht es zum ersten Teil.


Am nächsten Morgen fing er den Jüngeren vor dem Eingang zum Gebäude ab.
"Colin!" Mit Höflichkeiten hielt er sich nicht auf.
Colin stutzte. "Äh... Kerl."
"Kei, aber das tut nichts zur Sache. Du hast was gefunden, das mir gehört, ich hätte es gern zurück." Von Freundlichkeit war in seiner Stimme kein Hauch zu vernehmen.
Colin sah kurz überlegend zur Seite.
"Äh. Deine Höflichkeit? Die könntest du fallengelassen haben, als du mich gestern angerempelt hast."
"Nein, etwas größeres."
Colin musste plötzlich lachen.
"Okay, dein Ego?"
"Kleiner. Etwas greifbares. Es ist dir vor die Füße gefallen."
Colin lächelte freundlich. "Du irrst dich. Das Schulbuch gehört mir." Er schob die Hände zurück in die Hosentaschen und machte Anstalten, an Kei vorbeizugehen. Dessen Geduldsspanne war nicht gerade die längste, also hielt er den kleineren mühelos an der Schulter fest und somit auf.
"Die Münze, du Blitzbirne. Die blutige, wenn dir das denken hilft."
Colin blickte finster auf. "Fass mich nicht an."
"Heul nicht rum und gib mir die Münze zurück, dann kannst du da gern hineingehen." Keis gelangweilter Blick hatte sich zu Aggression gewandelt. Colin versuchte, sich mit einem Ruck aus seinem Griff zu befreien und weiterzugehen, doch Kei drückte nur fester zu.
"Hörst du schwer?"
Colin kniff aus Unwohlsein die Augen etwas zusammen, aber blieb bloß stehen und ballte die Hände in den Hosentaschen zu Fäusten.
"Ja. Ich bin furchtbar schwerhörig. Könntest du das bitte wiederholen? Laut, bitte."
Anstatt die Stimme zu erheben, hob Kei den Kleineren einfach in die Luft und drückte ihn an die Wand. "Du hast mich genau verstanden, Zwerg."
Der Zwerg vergaß vor lauter Verblüffung, sich zu wehren und guckte den Verrückten nur entgeistert an.
"Hast du sie noch alle?"
"Nein. Damit das geklärt ist. Und jetzt rück meine Münze raus." Kei machte gar nicht erst den Versuch, zu erklären, dass ihm etwas viel an dem kleinen Stück Metall lag. Er trug es seit jenem Tag mit sich herum. Immer. Was war er auch so dumm gewesen, ausgerechnet diese Münze fallen zu lassen...
"Es sind lächerliche hundert Yen, du Wahnsinniger!"
"Hör das Diskutieren auf und gib sie mir zurück." Keis Blick wandelte sich von Aggression zu etwas anderem. Wut vielleicht. Etwas derartiges, nur tödlicher. Colin konnte gerade noch schlucken.
"Okay, lass mich los," flüsterte er.
Kei ließ ihn los - ohne ihn abzusetzen. Machte aber keine Anstalten ihm Raum zur Flucht zu geben und wartete. Beim Herunterkommen rempelte Colin ihn etwas an und richtete sich eilig wieder auf. Er griff in seine Hosentasche, zog die Hand wieder heraus, blickte auf die kleine Münze und
- steckte sie sich in den Mund. Er sah Kei ins Gesicht und schluckte demonstrativ.
Keis Geduld war endgültig am Ende.
"Spuck die verdammte Münze aus, oder es klebt DEIN Blut daran."
Das brachte Colin wieder zum Lachen und er lehnte sich zurück an die Wand. Er bewegte den Mund etwas, grinsend, öffnete ihn dann und streckte kurz die Zungenspitze heraus, auf der die Münze lag. Nachdem er den Mund wieder geschlossen hatte, schmunzelte er immer noch.
Am liebsten hätte Kei ihm das Gesicht zerschnitten. Das käme in der Schule allerdings schlecht. Ein bisschen jedenfalls. Mit einem Messer, welches er aus seiner Hosentasche zog, strich er Colin über die Wange.
"Gib mir die Münze wieder, du bereust das noch," sagte er fast schon zu freundlich.
Als er das Messer bemerkte, hörte Colin auf zu lächeln und versuchte, kontrolliert zu atmen und Kei weiter fest anzusehen. Er sah aber eher fasziniert als ängstlich aus.
Nachdem er Keis Gesicht etwas gemustert hatte, öffnete er langsam wieder den Mund und schob sich die Münze zwischen die Lippen.
Keis Gesicht verzog sich zu einem mörderischen Grinsen.
"Danke, Verehrtester," sagte er leise, kam dem Jüngeren sehr nahe. Die Münze holte er sich mit den Zähnen zurück.
Mit dem Stückchen nicht mehr wirklich blutigen Metalls zwischen den Lippen ließ er schließlich von Colin ab, drehte sich um und ging, als wenn nie etwas gewesen wäre. Vorher jedoch schnitt er nicht tief und nicht lang in Colins Arm. Ließ ein, zwei Tropfen Blut auf die Münze tropfen. "Mach das nicht nochmal," sagte er, während er durch die Tür ging.
Colin sah ihm nach und schauderte. Als Kei außer Sicht war, zog er sich den Ärmel wieder herunter und ging zögernd hinterher zum Klassenraum.

Beim Eintreten vermied er es, jemanden direkt anzusehen und steckte sich nervös viel häufiger als nötig die Haare hinter die Ohren.
Kei schaute gelangweilt drein, wie den gestrigen Tag auch. Er grinste kaum merklich als er sah, dass Colin etwas unsicher in den Klassenraum kam. Er war selbst Schuld. Der Siebzehnjährige genoss das ein bisschen, ehe er dazu überging, wieder teilnahmslos aus dem Fenster zu starren.
Colin derweil baute seinen Krempel auf und linste dabei zu Keis Tisch um zu sehen, was darauf herumlag.
Kei hatte die Münze in der Hand herumgetragen, da das Blut darauf erstmal trocknen musste. Um sie nicht wieder zu verlieren nahm er eine kleine Silberkette aus seiner Tasche und legte sie auf den Tisch zusammen mit Block und Federtasche. Die Kette fädelte er durch die Münze, die ein kleines Loch zu diesem Zwecke aufwies. Irgendwer hatte vor etlichen Jahren mal ein Loch hineingebohrt. Kei hatte das nie interessiert, bisher war ihm die Münze auch noch nie abhanden gekommen. Er befestigte das nun Schmuckstück an seinem Hals, Noch rot von Colins Blut.
Colin beobachtete das und wartete, bis Kei mit dem Schließen der Kette fertig war, bevor er sich zu ihm beugte und flüsterte: "Warum hast du mich damit beworfen, wenn du sie behalten wolltest?"
"Das war ein Versehen. Ich wollte sie nicht fallen lassen," erklärte Kei kurz.
Colin runzelte die Stirn. "Fallen lassen," wiederholte er trocken.
"Ja. Problem damit? Wenn ich dich damit beworfen hätte, würde ich sie sicher nicht wiederhaben wollen. Das wäre ein Geschenk gewesen." Kei verstand nicht ganz, was Colin daran so ungewöhnlich fand. Bis ihm einfiel, dass er unbemerkt geblieben war und man denken musste, dass er die Münze geworfen hatte. "Ich saß auf dem Dach."
Colin gab ihm einen unüberzeugten Blick. "You're shitting me."
"Was kann ich dafür, wenn du nicht schaust, wo die Dinge herkommen, die ausversehen vor deinen Füßen landen?" Verstanden hatte er ihn kaum, der Blick war aber eindeutig.
"Das kitschige Glasdach. Ich lag neben dem Fenster, das war offen. Erklärung genug?"
Kei war angepisst, aber die Aggression von vorhin ließ sich in seinem Blick nicht vermuten, er schaute einfach genervt.
Colin gab sich Mühe, nicht zu grinsen, war aber offensichtlich amüsiert. "Warst du da, weil du dir keine Karte leisten konntest? Oder ist das ein guter Platz für ein Nickerchen?"
"Es ist ein guter Platz für ein Nickerchen," erwiderte Kei trocken. Dass er wegen Colin dagewesen war, musste der ja nicht wissen.
Colin lächelte breit. "In dem Fall ... Muss ich dich ja gut in den Schlaf gewiegt haben. Du warst nicht mal mehr dazu in der Lage, dein Schmusegeld festzuhalten." Er machte ein fast mitleidiges, aber eher amüsiertes Gesicht und eine vage, schwächlich winkende Geste mit der Hand.
"Ja, Einschläfern kannst du auf hohem Niveau. Das muss man dir lassen." Kei veränderte seine Miene kein bisschen. "Du hast 'ne große Fresse für deine vierzehn Jahre, Kleiner. Pass gut drauf auf, wir wollen doch nicht, dass dein hübsches Gesicht kaputt geht, oder?" Kei war verdammt leicht zu provozieren und sehr ungeduldig. Er hatte nicht wirklich Lust das Gespräch mit dem Kleinen fortzuführen, schließlich hatte der ja seine Antwort bekommen.
Colin hatte seinen Kopf auf die Faust gestützt und Kei dreist weiter angelächelt, und nickte nun verständnisvoll. "Es rührt mich, dass du mein Handwerk anerkennst und sogar mein Gesicht hübsch findest. Ich werde gut darauf aufpassen. Aber wenn nochmal Geld vom Himmel fällt, kann ich nicht dafür garantieren." Er zuckte mit den Schultern und machte ein gekonnt unschuldiges Gesicht.
Die Lehrerin rauschte endlich herein, knallte einen dicken Hefter aufs Pult und verkündete den Beginn des Unterrichts.
"Los, Allemann, Japanisch, Seite 35!" rief sie feldwebelhaft in den Raum hinein.
Kei hasste diese Frau, aber das tat er mit allen Menschen. Bei Colin war er sich noch nicht sicher.
"Keine Sorge, die Versuchung wird dir erspart bleiben." Kei blätterte in seinem Japanischbuch herum und landete irgendwann tatsächlich auf der gefragten Seite. Beim Lesen fing er wieder damit an, auf einer seinen grünen Haarsträhnen herumzukauen.
Colin öffnete das Buch auf Seite 35 und wurde als Neuling gleich zum Vorlesen der halben Seite aufgefordert. Es war ein alter Zeitungsartikel voller antiquierter Ausdrücke und heute fast ungebräuchlicher Kanji. Er stand auf und las ihn flüssig vor.
Kei staunte nicht schlecht. Ein weiteres Mal hatte der Kleine ihn verwirrt und verblüfft. Während er sich fragte, wo Colin diese Kanji gelernt hatte, las er beiläufig mit und driftete mit seinen Gedanken ab.
Er sah wieder aus dem Fenster.
Colin beantwortete noch ein paar Fragen zu der Bedeutung einiger der Wörter und setzte sich wieder. Er folgte einigermaßen interessiert dem Unterricht und machte sich unaufgefordert ein paar Notizen, während Kei sein Heft vollmalte, solange er nichts schreiben musste.

Kei + Colin I: Der Kleine

TEIL I
BELIEBIGE SCHULE IN TOKYO
Colin Hammerer wurde auf dem Flur angerempelt und ließ sein Buch fallen, ignorierte geübt den dämlichen Spruch des dämlichen Idioten, der keine Manieren kannte und hob sein Buch wieder auf. Dabei wischte er sich demonstrativ den Ärmel der nagelneuen Schuluniform ab. Ein nasses Blatt von seinem Mathebuch abpopelnd ging er weiter und studierte dabei die Nummern an den Klassentüren.

Nachdem Keisuke es mit lediglich der Jacke der Schuluniform und ansonsten Freizeitkleidung in das Gebäude geschafft hatte – er war sowieso schon spät dran gewesen – rannte er auf der Suche nach dem richtigen Raum den erstbesten Mitschüler über den Haufen. Da er es ziemlich eilig hatte, sah er sich nicht einmal mehr um. Irgendetwas war auf den Boden gefallen, aber das war nicht wirklich sein Problem.

Nach gelassenem Abgehen des Flures fand Colin endlich den richtigen Raum. Mittlerweile war er der einzige auf dem Schulflur, aber er rechnete sich aus, dass er es sich als neuer Schüler leisten konnte, zur allerersten Stunde zu spät zu kommen. Das war um Längen besser, als abgehetzt seinen ersten Eindruck zu hinterlassen.
Er schob sich die Haare hinter die Ohren und nickte sich selbst grimmig zu, bevor er die Tür öffnete.

Gerade noch eine Minute vor dem Unterrichtsbeginn rechtzeitig in die Klasse gekommen – oder besser gestürzt – hatte Keisuke es sich auf einem der hinteren Plätze bequem gemacht und wartete ab, was passieren würde. Er spielte an dem Ring herum, der sich mittig in seiner Unterlippe befand und besah sich gelangweilt den Raum, als sich die Tür öffnete.
Ein neuer Schüler? Warum hat niemand etwas erwähnt? Der Lehrer machte Anstalten, den Neuankömmling zu begrüßen. Der Ausländer mit den blonden Locken verbeugte sich brav vor dem Lehrer und blickte beinahe gelangweilt drein, als er als Colin Hammerer aus Schottland vorgestellt wurde.
Colin verbeugte sich auch vor der Klasse, das Mathebuch vor sich haltend, mit seinem grünen Armeerucksack auf dem Rücken.
"Hallo, ich bin Colin. Ich freue mich ... " Er guckte kurz ratlos zur Seite. "... auf das Schuljahr."
Er ließ seinen Blick kurz über die Gesichter schweifen.
Auch das noch, dachte Kei, dessen gesprochenes Englisch nun wirklich nicht gerade sehr gut war. Schließlich hatte er keine Ahnung, wie das Japanisch des Neuen war. Auf den ersten Ton gar nicht so schlecht, aber man konnte ja nie wissen.
Er würdigte den jungen Schotten kurz eines Blickes. Habe ich den nicht vorhin umgerannt?
Dieser Tatsache maß er keine weitere Bedeutung bei, jedoch wollte er nicht unbedingt, dass der Neue ihm hinterlief, nur weil er ihn schon einmal gesehen hatte. Daran glaubte er nicht.
Er wandte seinen Blick aus dem Fenster. Es war noch früh. Das Gelände sah noch friedlich aus.
Colin wurde vom Lehrer angewiesen, sich einen der Reservetische von der Rückwand zu nehmen und sich damit in eine Lücke in der hintersten Reihe zu setzen. Er nickte und folgte, selbst verfolgt von Blicken und dem obligatorischen Gemurmel, das er geflissentlich ignorierte.
Als er sein ausgesuchtes kleines Pult hingestellt hatte und seinen Rucksack daneben absetzte, erkannte er den Jungen wieder, der da neben ihm aus dem Fenster guckte. Er ließ sich auf den Stuhl fallen und murmelte dabei hörbar genervt: "Bloody brilliant."
Keisuke nahm zur Kenntnis, dass er nun einen unfreiwilligen Sitznachbarn hatte, ohne den Blick vom Fenster abzuwenden. Die morgendliche Ruhe auf der anderen Seite der Scheibe war irgendwie interessanter anzusehen. Sie lenkte ihn etwas vom Geschehen um ihn herum ab, allerdings ohne das Gemurmel seiner Mitschüler verstummen zu lassen. Der Neue, Colin oder so, schien seinen neuen Platz nicht optimal zu finden.
Ich sollte den Teufel vielleicht nicht gleich an die Wand malen... Kei war kein besonders kontaktfreudiges Geschöpf und hoffte, dass das auch für Colin galt. Das würde ihm lästige soziale Interaktion ersparen.
Nach einer Weile drehte er sich um und musterte den Neuen von oben bis unten.
Colin hatte sein Papier, Stifte, Taschenrechner und das Mathebuch – auf der richtigen Seite aufgeschlagen – zurechtgelegt und schien dem Geschehen an der Tafel ohne Schwierigkeiten zu folgen. Seine Kleidung war neu und vorschriftsmäßig, nur die Haare grenzwertig lang und nicht zusammengebunden, sonst ließ nichts auf etwaige Unangepasstheit schließen. Er wirkte nur etwas schmächtig und jung für diese Klasse. Und, natürlich, europäisch.
Er würdigte Keisuke keines weiteren Blickes und als es daran ging, die Aufgaben zu bearbeiten, machte er sich konzentriert, aber scheinbar nicht allzu angestrengt, an die Arbeit.
Dabei lugte ein rotes Band unter seinem rechten Jackettärmel hervor.
Es passte nicht so ganz zu Colins Vorzeigeoutfit. Es machte das Bild, das Kei sich von dem Neuen aufzubauen begann, kaputt.
Kei hatte weit mehr Probleme mit dem Stoff, auch wenn er ihn einigermaßen konnte und nicht den Anschluss verlor, aber sein Fall war er nicht. Eine dunkelgrüne Haarsträhne in seinem Mund bearbeitend kritzelte er seinen Block voll mit Aufgaben und Auswürfen seiner Gedanken. Er hatte eine Mischung aus blauen, schwarzen und grünen Strähnen in den Haaren. Die Lehrer hatten es aufgegeben, ihm dieses Auftreten auszureden zu versuchen.
Nach viel zu kurzer Zeit legte Colin seinen Druckbleistift hin, zog ein kleines Büchlein aus seinem Rucksack und lehnte sich damit zurück. Er machte keine Anstalten, das kleine gelbe Buch mit lateinischer Schrift zu verbergen und las seelenruhig darin, während Kei weiter über seinen Aufgaben grübelte. Zwischendurch seufzte er und malte auf seinem Block herum. Ihm war nicht nach Konzentrieren. Als er sich im Raum umsah, fiel ihm Colins Buch auf.
Na toll, der ist schon fertig. Kei versuchte zu lesen, was da in dem Buch des anderen stand. Vergeblich.
Als er sich wieder die grüne Strähne in den Mund steckte und sich zurück über seine Aufgaben hängte, sah Colin zu ihm herüber. Er schien seinen Blick bemerkt zu haben und linste seinerseits auf das Chaos auf Keisukes Schreibblock. Mit einem dreckigen Schmunzeln, das er ebensowenig zu verstecken versuchte wie sein Buch, las er gelassen weiter. Dabei rutschte ihm beim Hochhalten des Buches sein Ärmel etwas weiter herunter, sodass das rote Armband mit seiner schwarzen Aufschrift "--Freakfest 2014--" ganz sichtbar wurde.
Huh? Kei las die Aufschrift auf dem roten Festivalarmband an Colins Handgelenk. Was macht der bitte auf so einem Festival? Das kam unerwartet und riss das Nerdbild noch weiter kaputt.
"Grins nicht so dreckig," kommentierte der Japaner das Schmunzeln, das eindeutig ihm galt und widmete sich wieder seinem Mathebuch.
Colin grinste daraufhin noch breiter, nun aber mehr amüsiert als schadenfroh.
"Achte lieber mehr auf deine Arbeit als auf mein Gesicht." Er hob den Blick nicht aus seinem Buch und blätterte dabei sogar gelassen um.
"Wow, sind wir witzig," murmelte Kei und beendete das Gespräch, das eine solche Bezeichnung nicht verdiente. Irgendwie mochte er den Neuen nicht besonders.
So viel stand schon mal fest.
Der größte Teil der Mathestunde, bis zu ihrem viel zu weit entfernten Ende, war mit Papierrascheln, Schreiberkratzen und Gemurmel angefüllt, bis der Lehrer in die Hände klatschte und alle unterbrach, um der Klasse den Rest der unerledigten Aufgaben als Hausaufgabe aufzutragen.
Eine Stunde weniger. Kei notierte sich, was er nicht erledigt hatte und stopfte das Notizheft in seine Umhängetasche. Ordnung war darin nicht zu finden. Mit der gepackten Tasche, wenn man das so nennen wollte, marschierte er nach draußen. Sie hatten jetzt Pause, wenn auch keine allzu lange.
Colin blieb die paar Minuten im Klassenraum und saß bei Keisukes Rückkehr auf seinem Tisch, von Mitschülern umringt, mit denen er sich jovial unterhielt.
...
"Vielleicht könntest du Tomoko Nachhilfe geben," Ayane knuffte besagte Tomoko in die Seite und grinste.
"Sei ruhig, du kannst das genauso wenig."
"Ich kann euch allen beiden Nachhilfe geben," leistete sich Colin und erntete dafür Gelächter und irgendwoher ein Schulterklopfen.
Kei, der seine Raucherpause beendet hatte, sah seine geliebte Ruhe gestört, die er bis dahin genossen hatte, da sich nie beonders viele Menschen in die Nähe seines Sitzplatzes begeben hatten.
Ein stummes Seufzen und ein genervter Blick in Richtung der Störenfriede reichte ihm aus.
Er setzte sich. "Wie wär's wenn ihr euch verpisst? Danke."
Sein Blick ging wieder aus dem Fenster.
Ein paar ließen sich davon tatsächlich einschüchtern und gingen zu ihren Plätzen zurück, oder es lag nur daran, dass Englisch nun beginnen würde.
Colin sah zu Keisuke und dann zurück zu Ayane und Tomoko. "Er verwechselt 'hospitality' und 'hostility', scheint mir." Die beiden lachten ein bisschen und machten sich auch zu ihren Tischen zurück. Colin kletterte vom Tisch auf seinen Stuhl und tauschte Mathe- gegen Englischbuch aus.
Keisuke nahm sein Zeug hervor und tat so, als würde er dem Unterricht folgen, er schrieb lediglich das nötigste und sah lustlos auf die Tafel und immer mal im Raum umher. Colin ignorierte er einfach. Nahm nebenbei zur Kenntnis, dass dieser tatsächlich Japanisch konnte und kaute auf seinem Lippenpiercing herum, während er sich wünschte, dass der Schultag entweder enden oder spannender werden würde.
Während Englisch durfte Colin ein bisschen öffentlich von sich erzählen und tat dies roboterhaft, mit geübter Begeisterungslosigkeit, bearbeitete die Aufgaben genauso schnell wie in Mathematik und vertrieb sich so gut wie die ganze Zeit weiter mit seinem Buch, bis es endlich zur Mittagspause läutete.
Am Ende der Stunde, Kei hatte seine Aufgaben gerade mal angefangen, meldete er sich ab. Schenkte dem Lehrer einen mehr als tödlichen Blick und musste daraufhin keine Proteste befürchten. Dass die Pause sowieso gleich anfangen würde, war ihm gleich. Er hatte nicht vor, an diesem Tag wieder zurückzukehren.

Am Abend desselben Tages stieg Colin um kurz vor sieben Uhr vor der Konzerthalle in der Innenstadt aus einer schwarzen Limousine, begleitet von einer mit engem, langem Kleid, Seidenschal und langen Handschuhen bekleideten Dame, die ihm nach dem Aussteigen gleich das schicke Jackett zurechtklopfte. Er nahm den Geigenkasten entgegen, den der Fahrer ihm reichte, und entwand sich sichtlich genervt seiner Mutter.
Kei, der sich gerade sein Abendessen besorgt hatte, stand über dem Blutbad in einer dunklen Gasse nahe eines Straßenstrichs, der sich unweit eines Konzertsaales befand. Er nahm dem Toten neben dessen Blut auch sein Geld ab. Verbrannte die Papiere, die er bei sich getragen hatte. In einem dunklen Club ging er sich die Hände waschen und bestellte einen Drink.
Ihm war ein Werbeflugblatt für ein klassisches Konzert über den Weg geflattert.
-- Tschaikowskys Traumtänzer--
  • Adrian Mills-Cohen -
  • Kaori Yamagata -
  • Colin Hammerer -
  • Sarah Wu -

Kei dachte nach, über den Flyer den er gesehen hatte. Da stand tatsächlich der Name des Neuen drauf. Zufall? Wohl kaum. Und klassische Musik war nicht gerade eine seiner Begeisterungen. Davon gab es sowieso wenige. Aber es wäre etwas, das er tun könnte um die ewige Zeit totzuschlagen.
Er zahlte seinen Drink mit dem geraubten Geld und warf das Glas einfach an die Wand hinter dem Tresen.
Draußen ging er umher, sich darüber wundernd, dass ihm niemand hinterherlief.

Auf dem Dach der Konzerthalle gab es ein Glasdach, auf dem der junge Mann sich niederließ. Neben einem offenen Fenster. Colin würde nie erfahren, dass er tatsächlich dorthin gekommen war um sich den anderen beim Spielen anzuhören.

Colin hörte dem Pianisten und der Cellistin bei ihrem angeregten Privatgespräch zu, weil er nunmal danebensaß, und starrte dabei auf das Schaltpult, das da an der Wand hing und von dem aus man die Kulissen und Lichter bedienen konnte.
Noch fast zehn Minuten bis sie rausdurften. Und dann erstmal stimmen. Und dann endlich für eine gute Stunde kein Zombie sein. Er umarmte gelangweilt seine Geige.

Nach dem Stimmen auf der riesigen Bühne kam der Dirigent unter Applaus ebenfalls heraus und begann damit, das Orchester und die vier Solisten vorzustellen. Sarah Wu habe bereits dies und das gemacht, Adrian Mills-Cohen gerade geheiratet - Extra-Applaus! - und würde bald eine Professur in New York antreten, blah blah, Colin Hammerer habe mit seinen 14 Jahren schon mit He Wang Bao und Gerhard Oppitz gespielt und man solle sich nicht durch sein zartes Alter und die unschuldige Erscheinung hinters Licht führen lassen sondern ihm erst einmal zuhören.
Dann begann endlich die Musik. Erst hob das Orchester an, und nach und nach setzten dann die Soli ein und wechselten sich ab.
Colin lächelte die ganze Zeit. Das machte er nicht mit Absicht. Er schloss zwischendurch die Augen und wand sich mit der Geige durch die Musik der anderen Solisten, als ob sie greifbar wäre und sich wie lange Schleifen über die Bühne schlängelte.

Kei war geplättet. So jung hätte er Colin nicht geschätzt. Er hatte dessen Vorstellungsmonolog vor der Klasse einfach ignoriert.
Trotzdem hörte er dem Gespielten zu und legte sich auf dem Dach hin. Das war sogar gar nicht mal unbequem. Beobachten tat er ihn nicht. Stattdessen sah er sich um. Natürlich konnte er seinem Mitschüler auch den Tag verderben. Er fand eine Münze in seiner Tasche. Blutverschmiert. Die konnte er ihm nicht einfach in die Geige fallen lassen. Dann eben nicht heute.
Er hörte dem Kleinen lieber weiter zu. Geige spielen konnte er. Das klang schön. Warum war er nie zuvor auf ein klassisches Konzert gegangen?
Keisuke begann, mit der blutigen Münze zu spielen und warf sie hoch, fing sie wieder auf und so weiter.
Von der Musik abgelenkt vergaß er die kleine Münze irgendwann. Sie musste herunterfallen - direkt vor Colins Füße.

Colin runzelte die Stirn und hielt kurz inne, als die Münze vor ihm vom Parkett abprallte und machte instinktiv einen Schritt zurück. Der Bogen kratzte mit einem unschönen Kreischen über die Saiten, als ihm die Münze ins Gesicht sprang.
Das Orchester spielte professionell weiter, doch aus dem Publikum waren ein paar überraschte Geräusche zu hören, und Sarah Wu, die gerade kein Solo hatte, ging besorgt zu Colin, der sich verwirrt über das Gesicht wischte und nachsah, ob eine Saite gerissen war. Die Cellistin sprang derweil spontan für ihn ein und nahm seine fallengelassene Melodie mit ihrem viel tieferen Instrument gekonnt auf.

Kei machte kurz ein Uppsgesicht trauerte seiner blutigen Münze hinterher.
Hörte den unter ihm Spielenden aber weiterhin zu.

Colin bemerkte die Münze, hob sie auf und steckte sie schnell ein, als Sarah Wu sein Gesicht nach Kratzern untersuchte. Sie nickte ihm zu, er nickte zurück und spielte bei seinem nächsten Einsatz weiter. Bei den ersten Takten klatschten einige Zuhörer kurz.

Kei, der seinen blutigen Talisman sehr mochte, wollte diesen natürlich wiederhaben und sah so gar nicht ungern, dass Colin die Münze einsteckte. 



Hier geht es zum zweiten Teil.