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Tuesday, October 13, 2015

Kei + Colin L: Absturz







Kei ging Yukio besuchen.
"Yukio. Erinnerst du dich an den Tag, an dem wir uns begegnet sind?" fragte er ihn bei einer Tasse heißem Tee in dessen Haus. "Ja."
"Dieser Typ von dem Tag, du weißt, welchen ich meine. Er ist wieder da."
Yukio stutzte leicht. "Ich dachte, der wäre verschwunden, untergetaucht oder so."
Kei nickte. "Wo auch immer er die letzten Jahre war, jetzt ist er wieder da - aber was will er?"
Yukio wusste, von wem Kei sprach. "Hm, keine Ahnung. Er ist doch kurz nach deinem Vater verschwunden, vielleicht kennen sie sich und Kira ist nicht tot, wie alle glauben?"

Es begab sich, dass Akira nach relativ zielloser Bahnfahrt in Shinjuku auftauchte und sehr bald wieder Anschluss fand. Er hatte nichts zu tun und wollte nicht denken müssen, also versuchte er, sich in irgendeinen Nachtclub hineinzumogeln. Verflucht sei seine Jugend, es misslang ihm die ersten Male natürlich, bis er von einer Gruppe junger Männer mitgenommen wurde, der er eine plausible Geschichte von seinen Freunden in ebendiesem Laden auftischte - die ihm natürlich niemand glaubte, aber dennoch schleusten sie ihn mit ein. Drinnen zeigten sich die Jungs sogar noch spendabel und gaben ihm Getränke aus.
Nach kurzer Zeit, als sie zu fünft - inklusive Akira - auf einer runden Polsterbank um einen niedrigen Tisch herumsaßen, fragte einer mit einem süffisanten Grinsen, wo denn die Freunde seien, die Akira sich erlogen hatte. Der sah nur alle der Reihe nach an, um beruhigt festzustellen, dass dieser Watanabe, der ihn gefragt hatte, der einzige zu sein schien, den das interessierte, und zuckte gleichgültig mit den Schultern.
"So wie ich das sehe, sitzen die hier um uns herum." Das brachte ihm Gelächter und ein Schulterklopfen ein.

Kei erfuhr währenddessen, dass der Typ, den er damals unter dem Namen Ryuji gekannt hatte, definitiv wieder in der Stadt war. Das konnte nur Stress bedeuten.
"Kira hat man nicht gesehen, vielleicht stimmen die Gerüchte aber und er lebt noch. Was Ryuji betrifft, der lebt auf jeden Fall noch. Er wurde nahe Tokyo gesehen. Kei, wie viele Vampire gibt es ungefähr, weißt du das?"
Kei sah ihn ahnungslos an. "Nein. Ich kenne nur zwei außer mir selbst. Und 'kennen' ist schon eine Übertreibung."

Bald verabschiedete er sich von Yukio und machte sich mit vielen unliebsamen Informationen wieder auf den Heimweg, welchen er zu Fuß zurücklegte. Sehr lange brauchte er dennoch nicht. Am späten Abend war er in seiner Wohnung angekommen. Akira war nicht dort. Nur das Notenblatt, das er am Morgen auf dem Wohnzimmertisch hinterlassen hatte. Kei setzte sich - seine nassen Kleider hatte er bereits in die nächste Ecke geworfen - an den Tisch und nahm das Blatt zur Hand. Sah es an.
Ein Notenblatt? Er mochte Notenblätter seit dem von Colins Geigenlehrer am frühen Morgen nicht mehr so gern.
Kei las es sich durch.
Dein Herz... Und ich gebs auch nicht mehr zurück... dachte er beim Lesen und legte das Blatt auf den Verstärker seiner Gitarre. 'Ich hab auch nicht vor, es zurückzugeben,' schrieb er auf ein kleines Notizblatt, das er an die Stelle legte, an der das Notenblatt gelegen hatte.
Irgendwann ging Kei wieder nach draußen um sich Abendessen zu beschaffen.

Nach einer hastigen aber gründlichen Dusche schlich sich Akira irgendwann in der zweiten Nachthälfte eilig aus dem Stundenhotel und rannte und kletterte durch Seitengassen und möglichst dünn bevölkerte Straßen, bis er es in irgendeiner Wohngegend am Rand irgendeines kleinen Parks mit Spielplatz wagte, anzuhalten. Auf dem Spielplatz befand sich ein kleines Holzhäuschen mit Klettergerüst. Da kroch er hinein, um sich zusammenzurollen.

Kei ließ die blutleere Leiche auf einem Dach liegen und stürzte sich filmreif zurück in die Nacht. Er befand sich in einer ruhigen Wohngegend. Das Dach von dem er sich fallen ließ gehörte zu einem Supermarkt. Als er sich umsah, stand er am Rande eines kleinen Parks. Er schlenderte hindurch. An einer seiner Hände klebte Blut.

Akira schniefte und sang leise, um sich zu beruhigen. Es funktionierte nicht, aber es war zumindest eine kleine Ablenkung. Auch wenn ihn das Lied noch schlechter stimmte, weil es ein Volkslied war, das ihn an Colins Opa erinnerte.

Als Kei sich gerade auf eine Mauer nahe eines kleinen Spielplatzes setzen und rauchen wollte, hörte er eine Stimme. Die Zigarette rauchte er trotzdem. Nur ging er dem leisen Gesang nach, der an sein Ohr drang. Es war ruhig und langsam, in Englisch aber durchsetzt mit Vokabeln, die man nicht in der Schule lernte, und mit einem starken Akzent aus gerollten Rs und breiten Vokalen.
"Sing me a song of a lad that is gone, say, could that lad be I? Merry of soul he sailed on a day, over the sea to Skye."
Akira lag auf dem Rücken, die Füße aufgestellt und trotzdem aus der Tür des Minihäuschens herausragend, und hatte die Arme über die Augen gelegt.
"Many's the lad fought on that day, well the Claymore could wield, when the night came, silently lay dead on Culloden's field."
Kei ging zu dem kleinen Häuschen und sah hinein. Was er da sah, gefiel ihm nicht - ganz und gar nicht.
"Was ist passiert?"
Erschrocken setzte Akira sich auf.
"Ich bin's. Was machst du hier?" sagte Kei halbwegs ruhig. Da lässt man ihn mal allein und er schlittert in die nächste Katastrophe...
"Was machst du hier? Tokyo ist so groß, warum..." Er sah Kei nicht an, sondern blickte nur auf dem Boden herum und sortierte seine Beine, bis er sich an die Wand lehnte und die Kapuze über den Kopf zog. Seine Haare waren von der Dusche noch feucht und er roch nach Seife.
"Selbiges gilt für dich. Was ist passiert?"
"Äh..." Scheiße. "... Ich habe jemanden gegessen." Das stimmte zwar, war aber bei Weitem nicht alles. Er hoffte, dass Kei nicht weiter fragen würde und dass ihm nicht auffiel, wie sauber seine Kleider noch waren und dass er wie immer Fünfe gerade sein lassen würde. Damit das funktionierte, durfte er ihm aber nicht ins Gesicht sehen. Er würde seine Pupillen sehen und wusste es immer, wenn er log. Also kratzte er auf dem sandigen Holz zwischen seinen Beinen herum und sah auch nur dorthin.
"Das erklärt nicht, dass deine Klamotten sauber sind und du frisch geduscht hier herumliegst. Was ist noch passiert?"
"Was verhörst du mich hier, darf man sich nicht zwischendurch mal waschen? ... Könntest du auch mal tun, du bist voller Blut."
"Wenn du von einer Scheiße in die nächste schlitterst, werd ich das wohl dürfen, ja. Also. Klartext." Er sah Akira direkt an. Den Kommentar von wegen Blut überhörte er einfach.
"Ein paar Geheimnisse sollte man für sich behalten. Deine Worte." Seine Stimme kratzte. Immerhin weiß ich jetzt, dass Sex und Essen zusammengehören. Wieder was gelernt, dachte er grimmig bei sich.
"Sollte man, ja. Dazu zählt nicht die Sorte, die begründet, warum man berauscht auf nem Spielplatz herumliegt, also raus damit."
"Nein." Das kam aggressiver heraus, als er wollte. Hör auf. Das willst du nicht hören. Er zog sich die Kapuze noch weiter ins Gesicht und hielt sie dort fest, indem er die Ellenbogen auf die Knie stützte und sich die Hände auf den Kopf legte. Der Vampir verschränkte die Arme vor der Brust. Er wurde ungeduldig.
"Lass mich raten. Es ist etwas so schreckliches, dass es dich umbringt es mir erzählen," sagte er mehr als genervt. Akira musste lachen, aber sein Humor verflog sofort wieder.
"Wäre das witzig!" rief er aggressiv aus, "Wenn mich das umbringen würde! Lass es uns ausprobieren, vielleicht falle ich ja tot um!" Er funkelte Kei an.
"Wenn du eh nicht draufgehst, kannst du auch reden." Er stand vor dem Eingang des kleinen Stelzenhäuschens.
"Und wenn ich nicht davon sterbe, kannst du das erledigen," bot Akira giftig an. Er krabbelte auf allen Vieren zum Eingang, um Kei ganz dicht ins Gesicht zu sehen. Kei blickte ihn sauer und kalt an.
"Mit dem größten Vergnügen," erwiderte er.
"Abgemacht," sagte Akira leise und beugte sich vor, um Kei sanft ins Ohr zu flüstern. "Watanabe Michio war sehr gut im Bett. Er hatte einen sehr-"
Kei schlug ihm direkt in die Magengrube, und zwar hart.
"Gut zu wissen." erwiderte er.
Mit einem Ächzen krümmte Akira sich zusammen und schaffte es gerade noch, sich an dem kleinen Vorsprung festzuhalten, um nicht an Kei vorbei in den Sandkasten zu kippen. Er schluckte und konzentrierte sich darauf, seine Watanabemahlzeit drinzubehalten. Beim Keuchen fiel ihm wieder ein, dass er gar nicht atmen musste und ließ das dann auch bleiben. Es tat natürlich trotzdem weh und als er Kei ansehen wollte, kam ihm der Schmerz in die Quere und ließ ihn stattdessen den Kopf gesenkt und die Augen zugekniffen behalten.
Kei wartete und machte keine Anstalten ihn vom Umkippen oder Taumeln abzuhalten.
Nach viel zu langen Sekunden konnte er seinen Bauch loslassen und sah Kei wieder an. Er lächelte ein bisschen und hoffte, dass das eher gehässig als schmerzerfüllt aussah.
"Wars das schon?" Komm schon, bring mich um.
Kei schlug nochmal zu, härter als beim ersten Mal.
Akira keuchte und fiel diesmal wirklich von diesem Brett herunter in den Sand, wo er gleich auf allen Vieren ein paar kleine Stücke Watanabe ausspuckte. Das Blut, das mit herauskam, wurde im Sand zu kleinen schwarzen Knubbeln, die Akira fasziniert anstarrte.
"Er war aber nicht so gut wie du," keuchte er und erwartete den nächsten Schlag. Oder Tritt? Seine Hände und Füße kribbelten.
Kei trat ihn beinahe in sein Erbrochenes.
Akira rollte sich ächzend zur Seite und widerstand der Versuchung, sich zusammenzurollen. Der Schmerz war total okay. Und alles, was ihm jetzt passierte, würde entweder bald verschwunden sein oder ihn umbringen. Beides war gut. Besonders, weil es Kei war.
Er wischte sich mit dem Ärmel über den Mund und mit der Hand über die Augen. Irgendwie waren sie nass geworden und das behinderte seinen Blick auf Keis schöne Wut.
"Du bist viel... ernster und leidenschaftlicher," murmelte er.
Das ignorierte Kei völlig, er hörte ihn kaum, stattdessen trat er nochmal zu. Zweimal. Wieder schickte er den Kleineren auf den Boden.
Akira stöhnte zwar vor Schmerzen auf, hörte aber trotzdem deutlich das Knacken, dem noch ein weiterer, stechender Schmerz in der Brust folgte. Er lag auf dem Rücken.
"Es gibt noch mehr," röchelte er. Wenn du mich jetzt wirklich umbringst, muss ich das vorher gesagt haben.
Kei stand über ihn gebeugt. "Das da wäre?"
Er holte kratzend Luft und sah Kei schmerzerfüllt an.
"Das Foto, das du mir von dir geschickt hast, als du mir gedroht hast, weißt du? Das habe ich seit dem Abend immer als Wichsvorlage benutzt."
Und ich dachte, du hättest was wichtiges zu sagen. Kei trat nochmal richtig zu, diesmal hörte er das Knacken. Er hatte Akiras Arm voll erwischt.
"Hmf! Das wollte ich dir erzählen, aber dann kam was wichtigeres dazwischen -" Er kniff die Augen zusammen und hielt sich den gebrochenen Arm mit dem anderen. "Montagnacht nämlich, nach dem Hotel, als ich mich in dich verliebt habe. Arrh..." Er rollte sich auf die Seite und schloss nun doch ganz die tränenden Augen.
Kei stand noch immer mit kalten Blick etwas über ihn gebeugt, ließ ihn reden, wartete, dass er den Satz beenden würde.
"... und es tut mir Leid, dass ich dir das Leben schwer mache... hng... anstatt dir nützlich zu sein... obwohl du selbst nichts dafür kannst..." ächzte er in den Sand. "... Wir hätten einfach da an deiner Wand stehenbleiben sollen."
Kei hörte zu. Was er darauf erwidern sollte, wusste er nicht. Immerhin tat es ihm nicht Leid, Akira gerade in diesem Moment zu verprügeln.
"Vielleicht hätten wir das..." sagte er leise und ging.
Er ließ etwas fallen, so dass Akira es finden musste. Es war der Wohnungsschlüssel.
Als er selbst zuhause ankam, nahm er das Fenster, das er aufbrach und von drinnen wieder schloss. Er ging Duschen.

Akira nahm sich den Schlüssel, der neben ihm in den Sand gefallen war und lag noch ein bisschen weinend herum, bis seine Verletzungen wieder verschwunden waren. Das dauerte etwas länger als beim ersten Mal. Vielleicht lag das an ihrer Schwere oder an seinem Gemüt. Als er sie nicht mehr spürte und nur noch sein Arm so etwas ähnliches wie leichten Muskelkater aufwies, stand er langsam auf und schüttelte sich den Sand aus den Kleidern, so gut es ging. Dann machte er sich auch auf den Heimweg.
Mit dem Schlüssel betrat er Keis Wohnung auf konventionellem Weg. Unterwegs hatte er über Möglichkeiten der Entschuldigung oder Wiedergutmachung nachgedacht, aber die üblichen weltlichen Geschenke, die ihm so einfielen, würde Kei nicht zu schätzen wissen. Er selbst würde sie auch nicht schätzen. Vielleicht musste er sich jetzt einfach nur beweisen.
Als er den Flur betrat, die Tür hinter sich schloss und sich die Schuhe auszog, rauschte im Badezimmer Wasser. Kei bekam nicht mit, wie Akira nachhause kam und blieb lange unter dem heißen Wasserstrahl stehen. Er badete selten, ging aber umso häufiger Duschen.
Das Blut, das seine Hände und Arme geziert hatte, war verschwunden. Es lief Musik, die noch mehr dazu beitrug, dass Kei nichts mitbekam. Akira tauschte seine Kleider gegen frische aus, warf dabei einen flüchtigen Blick auf die Waffenkiste auf dem Schrank, und ging dann in Boxershorts und T-shirt ins Wohnzimmer, wo er sich das Booklet der laufenden CD nahm und im Schneidersitz bei der Anlage sitzend die Texte mitlas.
Kei dachte nicht daran, aus der Dusche herauszukommen.
Als die CD zuende war, legte Akira eine neue ein, von der er glaubte, sie habe die gleiche oder eine ähnliche Richtung und setzte sein Mitlesen fort.
Kei wunderte sich kurz, warum da was anderes lief, beließ es aber dabei.
Nach einer Ewigkeit kam er dann mal unter dem heißen Wasserstrahl hervor und ging leise ins Schlafzimmer um sich Klamotten zu suchen und anzuziehen. Eine Trainingshose und ein Tanktop, mehr nicht. Die nassen Haare trocknete er mit einem Handtuch notdürftig und begann sich zu fragen, ob Akira noch immer dort im Sand lag.
Der hatte sich in der Zwischenzeit die wilden roten Locken zusammengebunden und lag nun auf dem Rücken auf dem Boden herum. Diese Booklets waren nett gestaltet und die Texte interessant.
Kei lag auf dem Bett und lauschte der lauten Musik.
Als auch diese CD zuende war, ließ Akira noch ein Lied wiederholen, das er gut fand und legte sich das kleine Heftchen aufgeschlagen aufs Gesicht.
Als das Lied sich wiederholte stutzte er. Er hatte was anderes an der Anlage eingestellt. Das sollte sich nicht wiederholen. Leise ging er ins Wohnzimmer.
Als er Akira dort liegen sah, lächelte er kurz und kaum merklich und ging wieder ins Schlafzimmer. Selbst wenn er sich irgendwo freute, dass er da war - sehen wollte er ihn jetzt nicht wirklich.
Nachdem die CD wieder zuende gelaufen war, fiel Akira erst auf, dass das Wasserrauschen aus dem Badezimmer aufgehört hatte. Während er die CD aus der Maschine nahm und wegpackte, horchte er vergeblich auf Lebenszeichen. Wahrscheinlich war Kei eingeschlafen. Oder wieder gegangen.
Auf dem Weg aus dem Wohnzimmer fiel ihm der Zettel auf dem Sofatisch auf. Lächelnd kniete er sich davor.
Was für eine Sauklaue... Nach ein paar Minuten des Ansehens faltete er das Papier zusammen und steckte es in das Futter seines Geigenkastens. Dann schlich er ins Schlafzimmer. Dort lag Kei mit einem Kissen auf dem Gesicht auf dem Bett, auf der Decke - und schien zu schlafen.
Leise und vorsichtig - für menschliche Verhältnisse nahezu lautlos - hob Akira den vergilbten Zettel von Reuel Tyler auf, der noch neben dem Bett auf dem Boden lag. Kei tat, als bemerke er ihn nicht.
Er schlich sich wieder hinaus und ins Wohnzimmer, wo er vorsichtig das Fenster öffnete. Auf die Fensterbank stellte er Keis Aschenbecher. Dann zündete er das alte Papier an.
Nachdem Akira wieder weg war, schlief Kei tatsächlich ein, während er sich wunderte, was aus den Verletzungen des Anderen geworden war... Irgendetwas in ihm hoffte, dass es wenigstens richtig wehtat, wenn es schon nicht blieb.
Als Reuels Brief verbrannt und nur noch ein kleines Fitzelchen übrig war, das zwischen Akiras Fingern geklemmt hatte und kein Feuer fangen wollte, schloss er das Fenster wieder leise, stellte den Aschenbecher dahin zurück, wo er ihn hergeholt hatte, und legte sich auf das Sofa. Bis er einschlief, sah er aus dem Fenster.
Kei schlief lange und tief.



Thursday, October 8, 2015

Kei + Colin XLVI: Pläne



"Warum?" Er sah Kei an, als müsste er das wissen. Kei zuckte mit den Schultern.
"Ich weiß nicht."
Colin ließ die Hände sinken und hielt sich dabei ein Handgelenk.
"Du warst vorhin eifersüchtig."
"Nur ein bisschen."
"... Das ist gut." Er küsste Kei wieder. Der erwiderte den Kuss und lächelte. Colin stützte sich auf dem Boden ab und küsste wieder abwärts, über Keis Kinn und Hals hinunter. Kei spielte weiter mit Colins Haaren herum und mit der anderen Hand spielte er an Colins Hosenbund. Colin rutschte kniend weiter an Kei hinunter, um ihn unten weiterzuküssen. Auf dem Weg schob er die Ketten und Anhänger beiseite. Kei nahm die Hand aus Colins Hose, da sein Arm nicht unendlich lang war, behielt aber die andere in seinen Haaren. Über dem Hosenbund änderte Colin die Richtung und biss ihn ganz sachte in die Hüfte.
"Lecker," sagte er leise mit einem Grinsen.
Kei hatte die Augen wieder geschlossen, grinste bei Colins Kommentar.
"Wehe dir du beißt mir da'n Stück raus," sagte er scherzend.
"Was machst du dann?" fragte Colin herausfordernd.
"Ich fürchte, dann musst auf dein Blut verzichten. Gleiches Recht für alle."
"Das heißt Fleischschuld. Ein überholtes Prinzip." Er setzte sich auf, auf Keis Beine, und sah stirnrunzelnd zur Seite. "Nein, warte. Das war andersrum."
"Überholt oder nicht, es ist fair," sagte Kei grinsend und schaute Colin fragend an. "Was wird das?"
"Das stimmt nicht ganz. Fleischschuld bedeutet-" Er tippte überlegend mit einem Finger auf seiner anderen Hand herum. "- für seine Schuld oder seine Schulden mit seinem eigenen Fleisch zu bezahlen. Dafür-"
"Hieße dann, du schuldest mir'n Stück Hüfte und zahlst mit Blut." Kei grinste.
"Nein, das hieße, ich müsste mit einem Stück aus meiner eigenen Hüfte dafür bezahlen. Wahrscheinlich sogar mehr, weil es kein fairer Handel wäre, sondern ich dich sozusagen beraubt hätte. Diese Schuld muss auch noch-"
Kei nickte. "Ahh. Schade. Blut gefiele mir besser." Er grinste.
"Wenn du mir unerlaubt Blut abnimmst, musst du in Fleisch bezahlen, wenn wir dieses abartige Recht anwenden."
"Wann gab es dieses Recht? Klingt nach ziemlich alt."
"Keine Ahnung. Vielleicht gab es das nie. Es ist nur ein Konzept, soweit ich weiß. Vielleicht gibt es das nur theoretisch." Colin kletterte von Kei herunter, um sich neben ihn zu setzen.
Kei nickte. Etwas umständlich legte er einen Arm um Colin. Der knöpfte sich die Hose wieder zu und legte dann die Hände in den Schoß.
"Es wäre wohl gut, zu verschwinden, was? Ich meine aus Tokyo."
"Vielleicht, ja. Aber ich bin mir noch nicht ganz sicher. Mal davon abgesehen, dass Polizei und Nachbarn mich hassen, würde ich wirklich gern mal hier weg... und irgendwann komme ich wieder."
"Jetzt sagst du wieder, dass du unendlich lang Zeit hast."
"Hab ich auch. Die kann man gut zum Reisen nutzen. Wo willst du hin?"
"Äh."
"Wo liegt denn 'Äh'?"
Colin guckte nur verdutzt. "Du meinst, nachdem du deinen Abschluss gemacht hast und so... oder?"
"Das wäre dann in anderthalb Jahren. Meinetwegen können wir auch jetzt gehen. Ist nur die Frage, wohin. Und wie wir das anstellen wollen."
Darüber hatte Colin nicht nachgedacht. Er war noch nicht dazu bereit, über so etwas nachzudenken. Er war noch nicht dazu bereit, zu akzeptieren, dass - alles. Er sah Kei mit einer Mischung aus Entrüstung und Hilflosigkeit an.
"Ich hab 'ne Idee. Wir hauen einfach ab, wenn der Zeitpunkt gut ist. Das entscheiden wir spontan."
Das überforderte Colin sichtlich. Er glotzte weiter. Kei lachte.
"Ach egal."
"Für dich ist immer alles ganz einfach, was?" Colin klang teils erstaunt, teils vorwurfsvoll.
"Nicht alles. Aber das meiste."
Colin hörte auf, Kei zu mustern und blickte nach vorn. "Ich muss Geld verdienen."
Kei dachte kurz nach, was es da für Möglichkeiten gab. Nicht viele.
"Ich kann nicht viel machen, weil ich keine Identität habe," sprach Colin den Gedanken laut aus, "und in die Öffentlichkeit kann ich mich auch nicht stellen. Ich könnte vielleicht für deinen Boss putzen oder sowas."
"Ich frag ihn mal, ob er Arbeit hat. Da lässt sich sicher was machen."
"Ich kann auch so tun, als könnte ich kein Japanisch," schlug Colin wahnsinnig hilfreich vor.
"Ich glaub kaum, dass das was hilft. Aber wenn du's musst ist das sicher hilfreich um Menschen loszuwerden."
"Oh, ja." Colins Ton deutete an, dass er damit schon Erfahrung gemacht hatte.
"Ich könnte das gut überall machen. Nur hier nicht."
"Nur dass du 'überall' wirklich nicht verstehst," warf Colin mit einem gemeinen Lächeln ein.
Kei lachte. "Ja, umso authentischer, und ich hab ja einen Übersetzer."
"Ich koste fünftausend die Stunde."
"Fünftausend was?"
"Yen, du Vogel. An Feiertagen und wenn ich keine Lust habe, siebentausend."
"Wer is hier der Vogel. Deine Preisvorstellungen von Stundenlohn sind utopisch." Er grinste.
"Falsch. Ich habe das recherchiert." Er verschränkte die Arme. "Noch bessere Dolmetscher können noch teurer sein." Dass diese dann meistens gleich vier oder fünf Sprachen fließend beherrschten, verschwieg er geflissentlich.
"Hey, das wäre auch ne Idee Geld zu verdienen, als Dolmetscher. Die braucht man doch immer... für Geschäftsbeziehungen ins Ausland und so."
"Ja..." Als Toter mit nur zwei Sprachen und ohne professionelle Ausbildung sollte das aber schwierig sein.
"Warum musste erst das alles passieren, damit wir so reden können?" überlegte Colin leise. Er sah auf seine Hände, mit denen er auf seiner Hose herumkratzte.
"Erwartest du darauf wirklich eine Antwort?"
Ja. Colin sagte nichts. Da war ein trockener Blutstreifen auf seinem Oberschenkel. Mein Geburtstag wäre vielleicht nicht so passiert, der Perverse hätte uns nicht gefilmt, du hättest ihn nicht umgebracht, die wären nicht zu mir nach Hause gekommen...
Kei dachte auch nach. Es war sehr viel passiert, das er nicht so gewollt hatte. Ändern konnte man nichts davon mehr. Er überlegte, wie alles angefangen hatte. Colins Geburtstag, auf dem Teich im Park...
Kei setzte sich auf.
Colin lehnte sich zur Seite, von Kei weg, um nach seinem T-shirt zu fischen. Er zog sich das T-shirt wieder an und wischte etwas darauf herum, aber es hatte weder Blut noch irgendetwas anderes abbekommen. Kei hatte sein Shirt in der Hand, zog es aber noch nicht an.
"Wie hast du's geschafft, dass das sauber bleibt?"
"Die Jacke hat wohl alles abgekriegt." Er begutachtete dieselbe und stellte fest, dass er Recht hatte.
Kei schmunzelte. "Nächstes Mal aufpassen, sonst wirst du verhaftet."
Mit den Fingern fuhr er sich durch die blutroten Haare, um sie notdürftig zur Ordnung aufzurufen.
"Ich existiere nicht. Wie soll man mich da verhaften? Irgendjemand wird aber verhaftet, denn Hashibahara liegt immer noch ausgeweidet da rum. Und er hat Pep und Gras dabei. Das wird die Suche noch anheizen."
"Man kann dich festnehmen, nur um festzustellen, dass du nicht existierst, aber wenn man dich erwischt nehmen sie dich mit."
Plötzlich sah Colin erschrocken auf. "Das Messer."
Kei zog es aus seinem Stiefel. "das hier?"
Erleichtert sog Colin Luft ein und griff danach.
"Das zweite steckt im andern, willst du's wiederhaben?"
"Nur meins."
Kei gab es zurück.
"Danke." Colin klappte es auf und rubbelte es an seiner Hose ab. Dadurch riss er sie mit der gezähnten Klinge etwas auf. "Scheiße." Er klappte es zusammen und steckte es in die Hosentasche.
"Was?"
Akira fummelte das Loch in der Hose etwas größer und wischte sich über den blutenden Kratzer darunter.
Kei grinste. "Aufpassen."
"Sagst du, nachdem es passiert ist," knurrte Akira.
"Ja." Kei grinste.
Akira nahm seine verschmierte Jacke noch einmal in Augenschein und stand dann auf, um sie sich um die Hüfte zu knoten. Auf diese Weise konnte man das Blut auf ihr nicht gleich sehen und er musste sie nicht im Arm tragen. Kei blieb sitzen, zog aber sein T-shirt über und wandte den Blick nach oben. Akira folgte seinem Blick, nachdem er sich wieder hingesetzt hatte, in einen Schneidersitz.
"Ich kann... vier Stück sehen. Fünf. Sechs."
"Sieben. Das sind zu wenige. Ein schwarzer Himmel voll mit Sternen - Hab ich noch nie gesehen..."
"Ich schon. In Gairlock. Da wohnt mein Opa. Als wir ihn mal besucht haben und zu mehreren waren, haben wir in einem Cottage an der Küste gewohnt, das war außerhalb der Stadt. Da konnte man sehr viele Sterne sehen. Gairlock selbst ist aber auch ganz klein. Da gibt es keine Lichtverschmutzung."
"Zeig mir das mal."
Akira lächelte. "Stimmt, du wolltest mal nach Schottland."
"Ja. Ich will überall mal hin."
"Warum?"
"Na damit ich sagen kann: Ich war schonmal da. ... Ich will einfach die viele Zeit irgendwie nutzen und mir die Welt ansehen. Die ist immerhin groß."
"Nur damit du angeben kannst?" Akira schmunzelte. Das klang nach einem Kei, den er in der Schule kennengelernt hatte.
"Na klar. Und, weil ich's sehen will. Das ist der einzige Grund."
"Do you know what a Scots' queer is?" fragte Akira mit schwurbeligem Akzent.
"No." Kei musste beinahe losprusten, schaffte es aber gerade so, das bleiben zu lassen.
"It's a man who prefers women to whisky," antwortete Akira mit derselben breiten, R-rollenden Aussprache. "That's something you should know when in Scotland, love."
Jetzt lachte Kei.
"It's true! So you're alright, you're not queer."
"What if I prefer blood to whisky?"
"Then you're English. That's the worst sin in the world."
"All right. I'll take both."
"On the rocks." Akira grinste. Er lehnte sich zu Kei vor. Kei küsste ihn.
"Träumst du manchmal von dem, was mit deiner Mutter passiert ist?"
"Manchmal, ja."
"Kommst du damit klar?"
"Irgendwie ja."
"Aber es geht nicht weg."
"Nein. Und es wird nie weggehen, das Bild wird mich verfolgen, egal, wie lange ich lebe."
Langsam fuhr sich Akira durch die Haare und sah zu Boden. Kei stand daneben und betrachtete ihn. Er behielt die Hand in seinem Nacken und sah mit ernstem Gesicht auf seine Füße. Der Vampir schaute ihn an.
"Was ist?"
"Ich habe mich letzte Nacht erinnert," sagte Akira leise. "Später dachte ich, das wäre nur ein Alptraum gewesen, aber das wars nicht."
"Nein, war's nicht. Und ich bin indirekt mitveratwortlich dafür... So zumindest stellten sie's dar, bevor sie straben..."
"Wer?" Akira sah verwirrt auf.
"Die, die das Massaker angerichtet haben..."
"Das stimmt ja auch. Sie wollten dich." Das ist nicht richtig. "Aber du hast sie nicht umgebracht."
"Ich bin nicht ganz sicher, ob es wirklich die waren, die ich umgebracht habe. Sicherlich sind nicht alle tot."
"Wenn nicht, dann will ich den Rest haben," kündigte Akira finster an.
"Dann finden wir raus, wo und wer sie sind... Dann kannst du sie haben."



Tuesday, October 6, 2015

Kei + Colin XLIV: Katharsis



Die beiden schienen das zu akzeptieren, wenn vielleicht auch nicht zu glauben.
"Wo wohnst du denn?" fragte Fumie.
"Ich weiß n- wo sind wir hier?" fragte Colin. Nun stand er, ohne gestützt werden zu müssen. Er hätte auch ohne Hilfe aufstehen können, dachte er bei sich.
"In unserer Wohnung," sagte Fumie unnötigerweise.
"Mein Freund sitzt noch draußen auf dem Flur und schläft," informierte ihn die andere. Sie war etwas misstrauischer. Gute Frau. Sehr vernünftig, dachte Colin.
Es stellte sich heraus, dass diese Adresse mit Keis identisch war. Er war also im selben Haus.

Kei warf den Zigarettenstummel nach unten und ging wieder nach drinnen. Nahm seine Gitarre und beschloss nach Colin zu sehen, wenn der bis zum Abend nicht wieder da war, schließlich durfte der auch durch die Gegend laufen, wie er wollte. Nur hätte Kei gern gewusst, wo.

Colin musste etwas darüber nachdenken, wie er ihnen sagen konnte, wo er hingehörte, ohne Details preiszugeben. Er wusste zwar nicht, warum, aber hatte den vagen Eindruck, als würde Kei das so wollen - und es war schließlich seine Wohnung. Oder... wie konnte er sich von diesen beiden hilfsbereiten Frauen verabschieden, ohne ihnen zu sagen, wohin er gehen würde und ohne ihnen Sorgen zu machen?
"Ich... dann weiß ich, wo ich hinmuss..." Er wankte zur Zimmertür.
"Warte-" Fumie ging ihm hinterher. "Geht es dir wirklich gut?"
Er öffnete die Tür und stolperte beinahe über den davor schlafenden Mann in seiner Wolldecke.
"Danke, dass ihr mich aufgelesen habt..." flüsterte Colin, während er den Mann anstarrte. "Das war sehr gut von euch-" Shit. Er spürte neue Tränen sich anbahnen.
"Du musst jetzt Vitamine nehmen und viel Gemüse essen," flüsterte Fumie eindringlich. "Du warst sehr unterkühlt, Akira."

Kei schloss seine Gitarre an den Verstärker an und ging seinen Nachbarn mit lauter, guter und etwas trauriger Musik auf die Nerven.

Endlich in den anonymen Hausflur entlassen, mit Fumies Apartmenttür sicher hinter ihm geschlossen, orientierte Colin sich mit einem Blick den Treppenschacht hinunter und einem weiteren nach oben. Er ging langsam hinunter. Als er den ersten kalten Treppenabsatz hinter sich hatte, hörte er die Gitarre und hielt inne.

Kei spielte eine ganze Weile. Ohne, dass er das eigentlich wollte, produzierte seine Gitarre das, was er dachte und die Gefühle, die er nicht fähig war auszusprechen oder zuzugeben. Er saß mittlerweile im Wohnzimmer neben dem Verstärker und hatte das Denken für eine Weile mal sein lassen.
Leise und langsam, damit er ihr zuhören konnte, war Colin der Musik bis zu Keis geschlossener Tür gefolgt, vor der er stehengeblieben war. Nach ein paar Minuten setzte er sich vorsichtig hin und lehnte sich mit geschlossenen Augen an die Tür. Das wollte er nicht unterbrechen. Und er war froh darüber, dass er hier draußen war und sie ganz allein und geheim hören konnte. Abgesehen vom gelegentlichen Tränenabwischen bewegte Colin sich nicht und hatte die Arme schlapp zwischen seinen Beinen liegen.
In seinem Kopf herrschte dafür reges Treiben. Er stellte sich eine Schlacht vor, in der die bunten Lichter, die durch die Tür in seinen Schädel drangen, gegen faulig stinkende Blutseen kämpften, die langsam wütend gurgelnd zurückgeschlagen wurden. Sie wollten sich nicht auflösen und existierten einfach weiter, aber nach und nach wurden die herumschießenden Lichter immer zahlreicher und aggressiver, sodass es schwer war, außer ihnen überhaupt noch etwas wahrzunehmen. Dankbar gab Colin ihnen nach.
Kei vergaß die Zeit und spielte einfach weiter. Es konnten Stunden gewesen sein. Ab und an veränderte er mal die Einstellungen seines Verstärkers, aber ansonsten unterbrach er sein Spiel nicht. Er hatte keine Ahnung, dass Colin es hören konnte und genau das tat. Irgendwas in ihm wollte das sogar. Sein Spiel wurde bunter. Mal melancholisch, mal euphorisch. Mal alles dazwischen.
Colin nahm nicht war, wie ein-, zweimal jemand an ihm vorbeiging, anhielt, vielleicht etwas sagte, ihn dann ihn Ruhe ließ - vielleicht reagierte er sogar mit Abwinken oder einem abwesenden Nicken mit geschlossenen Augen, aber wenn er das tat, war er sich dessen nicht bewusst. Nur einmal schauderte er und öffnete die Augen, um sie sofort wieder zuzukneifen, als ihm einfiel, dass sie ohne dies und das und vor allem ohne ihn bald geheiratet hätten. Seine Mutter und Hiroki. Seine Mutter. Seine Mutter. Blutsee. Seine Mutter. Blutsee. Seine Mutter...
Er gab ein frustriertes, knurrendes Schluchzen von sich, das er sofort wieder wegzwang, weil er die Musik nicht stören wollte.
Kei hatte den Verstärker noch mehr aufgedreht, weil er nichts mitbekommen wollte. Dass seine Nachbarn das eventuell als störend empfanden war ihm herzlich egal. Er spielte einfach weiter.
Vielleicht war er zwischendurch wieder eingeschlafen oder sowas ähnliches. Die Gitarre war sehr gute Medizin, fand Colin. Er legte die Arme um seine Knie und legte den Kopf darauf. Die Musik besänftigte oder befriedigte auch irgendwie seinen Hunger nach diesen Sachen, die ihn an den beschissensten Alptraum seines Lebens erinnerten und diese Lichterarmee, die er sich zu den Klängen vorstellte, schien sogar zu verhindern, dass ihm davon übel wurde. Er war selbst von diesem Blut und dem Gestank und dem Terror verseucht und bestand aus ihnen, oder so kam er sich vor, und die Armee musste ihn entweder heilen oder vernichten. Sie fühlte sich gut an.
Da er nicht gestört wurde und die Nachbarn auch die Fresse hielten, spielte Kei weiter. Einfach weiter. Sein Kopf klärte sich ein wenig. Noch immer weiter spielend stand Kei auf und setzte sich auf den Verstärker.
Draußen vor der Tür schlief Colin wieder richtig ein.

Sein Frieden währte jedoch nicht lang, denn er wurde unsanft wachgerüttelt.
"Sach ma, was is hier eigentlich los? Solln wir den da drin wegen Ruhestörung anzeigen?" raunzte ihn irgendein Fremder im Morgenmantel an.
Was?
Der Mann begann zu klingeln und wild zu klopfen.
Kei wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als es sturmklingelte, was er nicht hörte. Es hämmerte an der Tür. Der Vampir überhörte das gekonnt...
Er spielte weiter.
Benebelt – Hunger - sah Colin dem Mann beim Zornigsein zu.
"Das können Sie - hören Sie auf," protestierte er schwach. Die Musik war noch nicht zuende. Der Mann sah ihn irritiert an und schlug dann weiter auf die Tür.
"Hör mal, du wohnst hier nicht alleine, es gibt Leute, die frühmorgens in ihrem Urlaub ihre Ruhe haben wollen!" rief der Kerl.
"Psst," sagte Colin hilflos da unten auf dem Boden mit dem Zeigefinger auf den Lippen.
"Außerdem will ich in meinem Haus keine Junkies im Hausflur sitzen haben - vertick deinen Müll gefälligst am Bahnhof und zieh am besten gleich selbst dahin um!"
"Seien Sie ruhig!" brachte Colin mühsam in leicht gehobener Lautstärke heraus.
Irgendwann ging Kei mit Gitarrengurt um die Schulter und Instrument in einer Hand - langem Kabel sei Dank - zur Tür. Genervt.
"Was hast du fürn Problem?"
Er erblickte Colin, sah ihn an.
"Du sitzt hier schon länger, stimmt's?" fragte er ruhig. Er begann zu lächeln. "That was yours."
Den Mann bedachte er mit einem Todesblick, er hatte nicht das Spiel unterbrechen wollen, aber der Typ brachte ihn aus dem Konzept mit seinem Gezeter.
Colin sah Kei halb überrascht von unten an. Er saß halb zur Tür gewandt auf dem Boden und hatte noch den Finger auf den Lippen, als der zornige Mann einen angewiderten Blick auf seinen mit blauen Flecken übersähten Rücken warf.
"Der Lärm und solche Geschichten hier sind mein Problem. Mach deine widerlichen Geschäfte woanders!" Er holte halbherzig zum Tritt auf Colin aus.
Kei fing den Tritt in Richtung Colin ab. Er schaute den Mann mit Blicken an, die er nicht überlebt hätte, könnte er Menschen zu Tode starren.
"Mein Freund schläft vor der Tür ein, weil er keinen Schlüssel hat und ich's nicht bemerke. Super Drogengeschäft." Kei verspottete den Mann. "Versuch das nochmal und du bist tot." Sein Ton war dunkel und er sah dem Nachbarn, der ihn nie hatte leiden können (Das beruhte aber auf Gegenseitigkeit) tief und tödlich in die Augen.
Er stand nun zwischen Colin und dem Typen. Der sah seinerseits so aus, als könne er Gift spucken und war zurückgewichen, als Kei sich so dicht herangedrängt hatte. Er schien noch etwas erwidern zu wollen, entschied sich aber dagegen und schloss stattdessen seinen Morgenmantel, dessen Gurt sich in der Zwischenzeit gelöst hatte. Darunter trug er ein T-shirt und eine Art Bermudahose, die ihm offenbar als Schlafanzug dienten.
Colins beinahe abwesender Blick war zwischen Kei und den Beinen des Nachbarn hin- und hergeflackert. Als sich der dicke, dunkelblaue Stoff des Mantels darüberlegte, runzelte er die Stirn und griff nach einem Schienbein. Hart biss er dem Mann in die Wade und ließ nicht wieder los.
Kei schaute nach unten, als der Mann zu schreien begann und sah, dass Akira der Grund dafür war.
"Nur anfallen und bluten lassen is nich," sagte er ihm. Meinend, dass er ihn, wenn er ihn schon angriff, auch ganz umbringen sollte. Er zupfte auf seiner Gitarre, als er einen Schritt rückwärts machte. Das klang jetzt mehr nach fröhlichem Rock als dem, was er zuvor gespielt hatte. Der neue Klang zog Akiras Aufmerksamkeit auf sich, der aufhörte, auf das Bein einzubeißen und sich nun bewusst wurde, was Kei gesagt hatte. Das gab dem Mann die Gelegenheit, seinen Knöchel aus Akiras Griff zu ziehen und ihm brutal ins Gesicht zu treten. Immerhin trug er nur Gummischlappen. Trotzdem musste der Junge vor Überraschung und Schmerz ächzen und hielt sich Wange und Nase.
"Bist du denn wahnsinnig!" brüllte der Mann im nun wieder offenen Morgenmantel. Kei betrachtete die Szene und versetzte dem Mann einen Tritt.
"Schreien Sie nicht so laut, da kriegt man ja Kopfschmerzen."
Irgendwo im Hausflur gingen ein paar Türen auf.
"Das reicht, ich rufe die Polizei!" kündigte der Nachbar lautstark an. Colin, der noch immer vor ihm saß beziehungsweise hockte, und dem nun Blut unter den Fingern hervortropfte, sah ihn erschrocken an.
Kei amüsierte sich ein bisschen. "Tun Sie das. Was wolln Sie denen erzählen?"
"Alles was hier gerade passiert ist, alles!" keifte der Nachbar, indem er mit dem Finger auf Kei zeigte. "Dann wirst du mindestens rausgeschmissen, ich zeige euch beide wegen Körperverletzung an und du und der Junkie hier kommt beide hinter Gitter, wo ihr hingehört!"
"Was ist denn da los?" tönte es von unten.
"Was soll das Geschrei?"
Kei lachte nur. "Alles klar. Sie wollen denen erzählen, dass sie zu dumm sind auf ihr Bein aufzupassen, und meinen Freund dafür verantwortlich machen? Viel Spaß."
Nach unten rief Kei, dass sein Nachbar gerade mal wieder am Durchdrehen sei, weil ihm die Musik nicht gefiel.
"Ist mir egal!" kam von unten zurück, "ihr seid alle beide zu laut!"
"Fresse halten!" kam aus irgendeinem anderen Stockwerk hilfsbereit dazu.
Colin hatte sich weit genug gefangen, um hastig in Keis Flur zu krabbeln und da hinter Kei aufzustehen. Er hielt sich noch die blutende Nase und beobachtete das Geschehen mit vor Schreck geweiteten Augen.
"Ihr habt mich beide tätlich angegriffen und dafür werdet ihr zahlen!" drohte der Mann, doch er hatte schon etwas Abstand gewonnen und war ein paar Schritte zu seiner eigenen Wohnungstür hinter sich zurückgewichen. "Und wenn ich jetzt AIDS kriege, zahlst du für den Rest deines wertlosen Daseins!" spuckte er mit einem giftigen Blick auf Colin.
Kei lachte ein wenig mehr. "Viel Spaß dabei," sagte er etwas leiser und ging selbst nach drinnen, wo er die Wohnungstür schloss.
Kurz darauf krachte die Tür gegenüber auch in ihr Schloss und Colin zuckte zusammen.
"Da wird nichts nachkommen und wenn doch, nichts gegen uns," sagte Kei.
Colin glaubte ihm sofort, aber trotzdem schossen ihm Tränen in die Augen.
"Irgendwann hat dein Boss keine Geduld mehr für diese Sachen," sagte er mit zitternder Stimme hinter seiner blutnassen Hand.
"Ich kann nichts für durchdrehende Nachbarn." Kei dachte kurz nach. "Es kann passieren, das wir umziehen müssen. Aber eigentlich sind wir vor dem Typen und den Bullen sicher. Was können wir dafür, wenn er nicht mit seinem Fleischermesser aufpassen kann.. Das einzige was er mir kann ist Ruhestörung und das gibt nicht viel."
Colin gab ein kurzes, hohes, nervöses Lachen von sich und wischte sich mit der freien Hand über die Augen.
"Es tut mir leid!"
Kei nahm ihn einfach in den Arm. Er war nicht gut darin, ihm zu sagen, dass nichts hiervon seine Schuld war. Er war sich nicht sicher, dass es allein sein und nicht auch noch Colins Mist war und es war ihm ziemlich egal.
Jetzt musste Colin richtig weinen. Er ließ seine Nase nicht los und erwiderte die Umarmung nicht, lehnte sich aber hinein und war dafür besonders dankbar, weil er glaubte, dass der Vampir mit dieser Geste etwas über seinen Schatten sprang. Er konnte ja noch nicht einmal wissen, was es mit Colins Verhalten auf sich hatte, wenn noch nicht mal er selbst es wusste. Kei hielt ihn einfach fest. In seinem Kopf waren noch dieselben Fragen wie schon seit einiger Zeit - unbeantwortet. Aber, wenn Kei eins hatte, dann war es Zeit.
"Das war alles keine Absicht," sagte Colin gedämpft und verschluckt.
"Du wärst schon tot, wenn's Absicht gewesen wäre," erwiderte Kei leise.
"Es tut - wie meinst du das?"
Kei drückte ihn ein bisschen fester. "Ich hätte dich nie mein Leben so durcheinander bringen lassen, wenn alles deine Absicht gewesen wäre, was passiert ist."
"Es tut mir leid! Ich wollte nichts durcheinander bringen!" schluchzte Colin. "Wenn ich den Perversen ignoriert hätte, wären jetzt noch alle am Leben!"
"Sei dir da mal nicht so sicher."
Colin ließ sein blutiges Gesicht los und umarmte Kei.
Kei hielt ihn fest. "Ich bin froh, dich getroffen zu haben."
"Warum?! Ich mache nur Probleme! Seit du mich getroffen hast bist du durchlöchert worden-" Mehr fiel Colin spontan nicht ein, denn mit '... hast du gemordet' konnte man den Vampir kaum beeindrucken. Oder mit den Dingen, die Colin selbst seitdem passiert waren.
"Ich wurd schon öfter durchlöchert, aber mir hat noch keiner die Kugeln in einem Teehaus rausgezogen."
Colin schauderte noch einmal mit einem Schluchzen und hielt seine Stirn weiterhin auf Keis Brust gedrückt.
"Aber es ist so viel Scheiße passiert. Ständig rettest du mir den Arsch. Und weil du darin so gut bist... " den Rest wollte er nicht zuende denken, geschweige denn aussprechen. Das Bild vom Wohnzimmer, an das er sich in der Nacht erinnert hatte und das ihn über die Feuerleiter hinausgetrieben hatte, konnte man nicht in Worte fassen.
Er wusste nicht, ob das Nasse in Keis Hemd Tränen, Rotz oder Blut war und es war ihm auch egal.
"Ja, ich bin gut darin. Die Scheiße passiert nicht, weil ich dir den Arsch rette, sondern weil sie meinen nicht kriegen. Werden sie auch nicht. Deinen auch nicht."
Colin sah blut- und tränenverschmiert zu ihm auf.
"Hast du darum mit Absicht keine Freunde?"
"Kann man so sagen. Es ist ziemlich ungesund, sich länger in meiner Nähe aufzuhalten."
Colin musste kurz lachen und weinte dann wieder. Kei umarmte ihn immer noch.
"... Darf ich mitkommen, wenn du das nächste Mal... rausgehst?"
"Klar."
"Gehst du heute nacht?"
"Ja, aber erst muss ich noch mal in die Werkstatt. Ich brauch neue Kennzeichen."
Colin ließ los und wischte sich schniefend über das Gesicht.
"Warum?"
"Weil ich nicht bei der nächsten Polizeikontrolle den Führerschein, der illegal ist, und das Motorrad abgeben möchte."
"Wechselst du dein Nummernschild immer wieder aus?"
"Nein, das ist das erste Mal, aber nach den Verfolgungsjagden der letzten Tage ist es nötig."
"Verf-" Colin runzelte skeptisch die Stirn. "Was für Ver- Wieso-" Vielleicht war es besser, diese Frage nicht zuende zu formulieren. Sie hatte schon nicht besonders intelligent angefangen.
"Ich war ein bisschen zu schnell, sie haben mich gesehen... Ich war zu schnell. Sie haben mich nicht erwischt."
Damit war Colin zufrieden. Nun, er war alles andere als zufrieden, aber ein leichtsinniger Fahrstil war nicht gerade das größte ihrer Probleme. Colin sah auf den Fleck auf Keis T-shirt und dann nach unten.
"Es tut mir Leid, dass ich so... dass ich so Umstände mache," brummte er. Dann beschloss er, dass es ganz klug wäre, ins Badezimmer zu flüchten, um sein Gesicht aufzuräumen. Er hatte auch Grasflecken auf den Ellenbogen.
"Noch nicht dramatisch," meinte Kei lächelnd.
Colin hielt inne.
"Wenn das hier nicht dramatisch ist, dann will ich 'dramatisch' nie erleben."
"Wirst du noch. Irgendwann mal." Kei lächelte.
"Ich hoffe nicht." Gebannt sah er Keis Gesicht an.
"Ich versuch's zu vermeiden."
Colin lächelte sanft und drehte sich schnell zum Badezimmer um, ehe er zu verlegen werden konnte. Kei ließ ihn auch los, damit er gehen konnte und legte seine Gitarre weg. Er machte es sich auf dem Sofa gemütlich und wartete noch auf die klingelnden Polizisten. 


Friday, October 2, 2015

Kei + Colin XXXIX: Tabula Rasa



Am späten Abend stand Colin auf einem gut mit Menschen gefüllten Platz, die alle auf ihre eigene japanische Art "Weihnachten" feierten. Er war barfuß und in ein Laken gewickelt, das fast so weiß war wie er selbst, und spielte Geige.
Ein paar Paare blieben stehen und hörten gaffend zu, einige legten Geld vor ihn.

Kei lieferte sich eine Schlägerei mit einem Polizisten, der sein Motorrad konfiszieren wollte und brach dem jungen Mann einige Knochen bevor er ihn als Abendessen missbrauchte und davonfuhr. Die Leiche ließ er liegen, wo sie war. Außer heruntergekommenenen zwielichtigen Gestalten kam sowieso niemand mehr in diese Gegend.
Er raste mit gut hundert Sachen quer durch die Fußgängerzone und ruinierte einigen Leuten ihr Weihnachten.

Colin spielte Corellis La Folia.
Kei raste an ihm vorbei ohne ihn wirklich zu bemerken. Sein Gedanke war, dass das nur ein Traum seines nicht mehr funktionsfähigen Verstandes sein konnte, der eigentlich nichts mehr wollte, als Colin wieder am Leben zu haben, aber selbst Kei wusste, was tot war, war nun mal tot.
Die Leute stoben auseinander, um Kei Platz zu machen, nur Colin blieb ungerührt stehen und spielte weiter, obwohl das Krankenhauslaken herunterflatterte. Er trug noch seine Jeans.
Kei raste nur knapp an ihm vorbei. Mit weniger als einem Meter Abstand.
Plötzlich waren mehr Smartphones im Einsatz als zuvor. Die Leute nahmen wie wild Kei auf dem Motorrad auf, den kleinen weißen Ausländer, dessen Verletzungen man nun deutlich sehen konnte und der mitten im Winter halbnackt und ohne Schuhe seelenruhig daneben Musik machte.
Kei war genausoschnell verschwunden, wie er an den Leuten vorbeigefahren war.
Es dauerte noch Stunden, bis Kei sich dazu bequemte nachhause zu fahren. Als er endlich ankam sah er kaum nach vorn, als er auf den Hof fuhr und sein Motorrad abstellte und sah erst auf, als er abstieg um das Garagentor zu öffnen.
Colin saß vor seiner Garage. Die Geige hielt er auf seinen Knien.
Wortlos sah er den Jungen an, als er ihn erkannte. Mit halbwegs versteckter Verwirrung und Fassungslosigkeit starrte er ihn an.
Colin sah zu ihm auf. Er hatte keinen bestimmten Gesichtsausdruck.
Dann stand er auf und lächelte leise.
Kei nahm seinen Helm ab.
"Sie sagten, du bist tot. Ich hab dich gesehen..." sagte er leise.
Colin nickte.
Kei hängte seinen Helm an den Lenker.
"Du bist zu jung zum Sterben, lass das in Zukunft, okay?" sagte er leise und ging ein Stück weiter auf Colin zu. Der schmunzelte und legte die Hände mit der Geige und dem Bogen hinter sich zusammen. Er nickte. Das sah wie artiges Einverständnis aus.
Kei öffnete die Garage und blieb direkt neben Colin stehen. Er nahm den Kleineren einfach in den Arm. Colin war kühl. Er umarmte Kei.
"Du bist kalt," sagte Kei leise und dann: "Du bist immer noch tot, oder?"
Colin ließ ihn los um sich an den Hals zu fassen. Er positionierte seine Finger ein paarmal neu, fand aber nicht, was er suchte und zuckte dann mit den Schultern. Er öffnete und schloss den Mund.
Kei hielt ihn einfach weiter fest. Colin lächelte ihn wieder an, streichelte seine Wange und umarmte ihn wieder. Ohne Puls.
Kei dachte Er ist wirklich tot, und beließ es dabei, froh, dass Colin wieder da war.
"Du riechst nach Alkohol und Blut," flüsterte Colin.
"Ich weiß," sagte Kei leise.
"Hast du keine Schmerzen?" flüsterte Colin. Er erinnerte sich an die vielen Schüsse.
"Das geht wieder weg," sagte er. "In drei Tagen sieht man's kaum noch."
Colin ließ ihn los.
Kei ließ den Kleineren deutlich widerwilliger los, blieb aber dicht bei ihm stehen.
Colin sah zum Motorrad.
Kei folgte seinem Blick. Colin sah ihn an und schmunzelte.
"Was ist?" fragte Kei leise. Er wurde von Colin sachte geküsst.
Den Kuss erwidernd fing Kei an zu lächeln. Kurz darauf wich Colin zurück.
"Sie wird geklaut, wenn sie hier draußen stehenbleibt," sagte er leise und ging zur Seite.
"Oder beschlagnahmt," schmunzelte Kei und stellte das Motorrad in die Garage, deren Tor er daraufhin schloss und verriegelte.
Colin hatte brav gewartet und ging nun vor zur Haustür.
Kei ging ihm nach, sortierte ein paar seiner Gedanken, immerhin warf die Anwesenheit eines offensichtlich Toten in der Welt der Lebenden einige Fragen auf. Obwohl er sich wunderte, war er froh über Colins Rückkehr. An der Tür angekommen öffnete er diese und stieg die Treppen zu seiner Wohnung hinauf. Stumm und sehr leise, weil barfuß, folgte Colin ihm. Er wirkte sehr gelassen.
Kei schloss die Tür auf.
"Mach's dir gemütlich." Dass ein Chaos seine Wohnung beherrschte war kaum zu übersehen. "Wo willst du jetzt eigentlich hin?" fragte er nach einer kurzen Weile in der er seine Schuhe ausgezogen hatte.
Das Gemütlichmachen schien für den weißen Colin darin zu bestehen, sich die Fußsohlen an seinen Hosenbeinen abzuwischen und weiter in den Flur hineinzugehen, um wieder auf Kei zu warten. Er dachte kurz über die Frage nach.
"Ich will nirgendwohin," sagte er schließlich. "Wo kann ich hin?" fiel ihm noch ein.
Kei folgte ihm und ging ins Wohnzimmer, wo er sich auf das Sofa fallen ließ. "Du kannst hier bleiben, wenn du willst," bot er an und dachte kurz nach. "Wenn du tot bist, was machst du dann unter den Lebenden?" wollte er wissen. Es war keine angreifende Frage, sondern eine, deren Antwort ihn wirklich interessierte. Colin lächelte auf das Angebot hin und blieb auf der anderen Seite des Kaffeetisches vor dem Sofa stehen. Die Hände mit dem Instrument hatte er wieder hinter dem Rücken verschränkt.
"Weiß ich nicht," sagte er. "Nun, ich weiß, was ich mache... aber ich weiß nicht, warum oder wie ich wieder da bin."
Kei nickte. "Vielleicht finden wir das in einigen Jahren heraus. Wir haben ja jetzt viele davon."
Er hatte die Füße auf den Tisch gelegt und lag mehr auf dem Sofa als dass er saß.
"Meinst du? Warum?"
"Ich glaub nicht, dass du eine menschliche Lebenserwartung hast," sagte Kei und lächelte. "Ich bin froh, dass du wieder da bist," fügte er hinzu.
Colin lächelte warm und sein Herz begann zu schlagen. "Oh."
"Hm?"
Langsam atmete Colin aus und fasste sich kurz an die Brust. "Warum? Vielleicht bin ich ja gar nicht richtig tot."
Sachte zitternd legte er die Geige und den Bogen auf den Tisch.
"Das glaub ich auch nicht, wenn du richtig wirklich tot wärst, würdest du da nicht stehen."
Kei lächelte, als er einen zweiten Herzschlag in seiner Nähe vernahm.
Vorsichtig ging Colin um den Tisch herum, um sich auch hinzusetzen. Auf das nächstgelegene Ende des Sofas ließ er sich langsam nieder, wobei er hörbar und sichtbar konzentriert atmete und sich auf die Rückenlehne stützte. Er fasste sich testend an den Hals und kniff etwas die Augen zusammen, als er dabei die beiden Brandwunden berührte.
Kei nahm seine andere Hand. "Du bist wärmer als vorhin," sagte er leise.
"Das hier auch," sagte Colin, immer noch seinen Hals rundherum betastend. "Es tut weh. Mein Rücken auch. Ich hatte wohl einen Unfall, was?" Er lächelte entschuldigend.
"Unfall, ja. Das trifft es nicht ganz, aber gut," sagte Kei und drückte nur kurz Colins Hand. Er wollte nicht, dass der anfing zu schreien, wenn er ihn in den Arm nahm. Colin sah auf die Hand und nahm sie überrascht hoch.
"Hm?"
Er inspizierte stirnrunzelnd seine vernarbten Handgelenke. Ohne Ergebnis ließ er die Hände sinken und schaute nur irritiert.
"Was ist?" fragte Kei etwas verwundert.
"Uhm..." Colin sah ihn vorsichtig an und dann lieber nach vorn. "Es ist wahrscheinlich besser, wenn ich nichts weiß, oder?"
"Das kommt drauf an, was du noch weißt. Welcher ist der letzte Tag an den du dich erinnerst?"
"Heute. Jetzt."
"Und davor?"
"Ich war bei dir. Da hatte ich noch mehr an." Er sah an sich herunter. "Danach hast du mich irgendwohin getragen."
"Du warst schon öfter hier. Erinnerst du dich an das Konzert auf dem wir waren?"
"Ja. Beide."
"Das kurz vor Weihnachten?"
"Ja." Er lächelte ein bisschen. "Das war erst gestern."
"Ja." Weiß er nur den einen Tag nicht mehr? ...Vielleicht ist das besser so... "Es ist wohl wirklich besser, wenn du dich an den Unfall nicht erinnerst..."
Colin rutschte etwas näher und hob eine Hand, zeigte auf die Narbe. Er sah Kei fest an. "Das ist aber nicht von gestern."
"Ich weiß, das ist etwas länger her, aber auch nicht besonders lange."
"Weißt du, dass ich dich liebe?" sagte er im Verhörton. Kurz darauf errötete er etwas, aber er sah Kei weiter fest an.
Kei lächelte. "Du hast mal sowas erwähnt," sagte er leise, erwiderte den Blick und sah dem Kleineren dabei tief in die Augen. "Anatamo."
Langsam atmete Colin aus, scheinbar erleichtert. Er legte seine Hand wieder zu Keis.
Kei nahm sie und hielt sie locker fest.
"Jetzt bist du nekrophil," sagte Colin ruhig.
"Wir waren uns nicht sicher, ob du wirklich richtig tot bist," sagte Kei leicht scherzhaft, meinte es aber durchaus ernst. Colin war warm. Warm und tot, passt nicht zusammen.
"Es ist bestimmt die praktischere Lösung," entschied Colin. Er beugte sich zu Kei.
"Wenn du unerkannt durch die Gegend ziehen willst, ja," sagte Kei und küsste den Kleineren. Colins Herz machte noch einen Sprung und schlug schneller weiter. Kei mochte das Geräusch. Leben hieß Wärme und Wärme war etwas, dass er sehr gern mochte. Das würde er niemals zugeben, außer vor Colin vielleicht. Immerhin war es dessen Wärme auf die er es abgesehen hatte.
"Du hast viel geraucht und getrunken," murmelte Colin an Keis Mund und leckte sich über die Lippen. Dabei befühlte er den Riss darin. "Prügel ich mich oft?"
"Hab ich, ja. Und nein, eigentlich nicht." Er schmunzelte leicht bei der Vorstellung, dass Colin sich oft prügeln würde. "Hast du nur die Details deiner Verletzungen vergessen?"
Colin zuckte mit den Schultern und küsste ihn wieder, sachte.
"Ich weiß, dass ein paar von dir sein müssen," sagte er leise.
Kei erwiderte den Kuss und befand Colins Verletzungen spontan für scheiße.
"Die miesen sind nicht meine," sagte er. "Obwohl du auch schon wegen mir im Krankenhaus lagst."
Colin wich etwas zurück und sah ihn an. "Was, wieso?"
Kei war verwundert, dass er das nicht mehr wusste.
"Man könnte es Unfall nennen," sagte er.
"Oh." Er schien sich zu erinnern. "Das. Du warst ein richtiges Arschloch."
"Ja. Das bin ich auch immer noch, obwohl ich das nicht nochmal machen würde."
Colin lächelte ein bisschen, dann riss er plötzlich die Augen auf. "Shingo!"
Kei war nun komplett verwirrt. "Was ist mit dem?"
Er suchte seine Hosentaschen ab, aber natürlich waren sie leer. "Ich muss ihm bescheid sagen!"
Er hatte den Mitschüler gar nicht mehr auf dem Schirm, der ihm gesagt hatte, dass Colin entführt worden war.
"Weshalb?"
"Und meinen Eltern! Dass äh -" Er lehnte sich stirnrunzelnd zurück. "Scheiße."
Kei schaute ihn fragend an. Colin sprang auf.
"Was ist? Wo willst du hin?" fragte Kei.
"Ich muss nach Hause. Es ist schon mitten in der Nacht!"
"Ehm. Das wird nicht nötig sein," begann Kei. Colin eilte um den Tisch und griff sich die Geige.
"Warum, wissen sie, dass ich hier bin?" Sein Puls war ziemlich unnormal hoch.
"Nein, aber..."
Kei begann, ihm die gesamte Geschichte der letzeten Tage zu erzählen, ruhig.
Die blutigsten Details ließ er dabei aus, doch Colin erfuhr nun, dass es keine Eltern mehr gab, denen er irgendetwas sagen musste, und dass er seinen Tod selbst herbeigeführt hatte.
Entgeistert starrte er Kei an.
Kei sah ihn ruhig an, stand auf und nahm ihn in den Arm, aber vorsichtig.
Allmählich kühlte er wieder ab.
"Das verstehe ich nicht ganz," sagte er dumpf und leise in Keis Hemd.
"Was passiert ist, oder dass du abkühlst?" fragte Kei und drückte den Kleineren etwas fester.
"Ich kühle ab?"
"Ja, du bist wieder fast so kalt wie tot."
"Dann bin ich wohl tot," schloss Colin. Er legte die Arme um Kei.
"Vielleicht bist du beides," schloss Kei aus der wechselnden Körperwärme und dachte gar nicht daran, ihn wieder loszulassen.
"Jetzt kann ich - kannst du mich bei Shingo entschuldigen? Bitte."
"Kann ich, ja, weshalb?"
"Es tut mir Leid, dass ich ihn im Stich lasse."
"Okay... Ich sag's ihm. Soll ich ihn anrufen?"
"Ja - Oder nein, sags ihm in der Schule. Dann musst du ihn nicht wecken."
Kei nahm sein Handy zur Hand, das in der Hosentasche steckte und steckte es gleich darauf wieder weg. "Mach ich."
Colin legte die Geige wieder hin und drehte sich dazu in Keis Arm etwas. Er versuchte aber nicht, sich ihm zu entwinden. Er sah ihn an.
"Was mache ich jetzt?"
Kei dachte kurz nach. "Ich weiß es nicht. Wenn du willst, bleib hier. Platz hab ich."